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Full text of "Allgemeine deutsche naturhistorische Zeitung"

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OF 


COMPARATIVE ZOÖLOGY, 


AT HARVARD COLLEGE, CAMBRIDGE, MASS. 


Dounded by private subscription, In 1861. 


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Allgemeine deutsche 


Naturhistorische Zeitung, 


Im Auftrage 


der 


Gesellschaft ISIS in Dresden 


und 


unter Mitwirkung der Herren 


A.E. Brehm, : E.Kluge, : L. Rabenhorst, 
R. Brehm, : F. Küchenmeister, : L. Reichenbach, 
G. Carus, : B. Matthes, : "Th. Reibisch, 
A. Dehne, : €. Müller, : H. Reinhard, 
B. Dehne, Ä M. Müller, | Tr. Sachse, 
C.F.Hennig, _ E. v. Otto, : 0. Schlömilch, 
0. Klocke, :  H. Petersen, : I. Sussdorf, 
O0. v. Welck, E. Zschau u. A. 
herausgegeben 
von 


Dr. Adolph Drechsler. 


Neue Folge: Erster Band. 


Nebst drei Kupfertafeln. 


HAMBURG: Rudolf Kuntze. 
1855. 


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Vorwort. 


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Von der „allgemeinen deutschen naturhistorischen Zeitung“ sind 
bereits die Jahrgänge 1846 und 1847 bei Arnold (Dresden und 
Leipzig) erschienen. Die ungünstigen Zeitverhältnisse verur- 
sachten bei dem Tode des Verlegers eine Unterbrechung in 
dem Erscheinen der Zeitung. Im Verlage von Herrn Audolf 
Kuntze (Hamburg) hat mit dem Januarheft 1855 eine neue Folge 
dieser Zeitung begonnen. 

Die in den einzelnen Heften enthaltenen Original-Artikel, deren 
Verfasser grösstentheils in der Gelehrtenwelt bereits rühmlichst 
bekannt sind, in einem Bande zu erhalten, wird sowohl Fach- 
gelehrten, als auch allgemein wissenschaftlich Gebildeten will- 
kommen sein. Die von mir abgefassten kürzeren Mittheilungen 
aus wissenschaftlichen Berichten, namentlich der Akademien zu 
Paris, Wien und Berlin, welchen ich, wenn es mir erforderlich 
schien, einleitende oder ergänzende Bemerkungen beigegeben 
habe, enthalten vorzugsweise die allgemeines Interesse erregen- 
den Resultate der neuesten Forschungen im Gebiete der Natur- 
wissenschaften. Die im angefügten Literaturblatte der Isis ver- 
öffentlichten Besprechungen der neueren naturwissenschaftlichen 
Bücher sind zwar allerdings im Sinne der Zeitung, welcher gegen 
die materialistische Auffassung und Erklärung der Natur gerichtet 
ist, klar und bestimmt, aber ohne  leidenschaftliche Bitterkeit 
und mit voller Anerkennung der einzelnen Vorzüge in auch mit 
unseren Grundansichten nicht übereinstimmenden Werken geformt. 


IV 


Die Bücherschau beabsichtigt die Leser auf die bemerkens- 
werthen neuen Erscheinungen im literarischen Gebiete der Na- 
turwissenschaften aufmerksam zu machen. 

Für die Hefte des nun folgenden Jahrganges sind Artikel 
von Fachgelehrten theils bereits eingesendet, theils zugesagt 
worden. Die Mittheilungen aus den wissenschaftlichen Berichten 
der genannten Akademien werde ich in der bisherigen Weise 
fortsetzen. Die zahlreich für die Besprechung in unserem Blatte 
uns zugesendeten Bücher, die Vervollständigung unserer Bücher- 
schau durch Anführung von neu erschienenen Werken des Aus- 
landes, und die Beifügung von Mittheilungen über naturwissen- 
schaftliche Vereine werden wiederholt Veranlassung geben, das 
für jedes Heft bestimmte Maass von drei Bogen zu überschreiten. 
Die veranschaulichenden Zeichnungen sollen, wie es zweck- 
mässig und thunlich ist, entweder in den Text gedruckt oder 
auf Tafeln beigegeben werden. 

Die wohlwollende Anerkennung, welche unserem Streben 
bereits vielseitig zu Theil geworden ist, werden wir uns zu 
erhalten bemüht sein. 


Dresden, den 2. Januar 1856. 


Dr. Adolph Drechsler. 


Inhalt. 


4A. E. Brehm: 
Die tropischen Wälder und,ahzetRFaunal. ‚.schirkt ki san Round an 
Ueber egyptische Brütofen und österreichische Brütmaschinen . . 2.....2.%. 


R. Brehm: 


Eımees uber das Pflegeelternwesen der Vagsd. =... zu len ee mre 
A. Dehne: 

Psammomys obesus küppel . . ... DEI AERO HR, AISAERE 

Mus decumanus Pallas.. Mus Musculus r Hypudaeus: Arvicola subterraneus 

de Selys. Myoxus speciosus Deine. Mus sylvatieus L. . ae 

Zu Micromys agilis. Talpa europaea L. Vespertilio Noctula Schrb, Sorex 

chıysothorax}. 0 0 una ne ne ee  REHRATÄHEHERDIE - 


Zu Psammomys obesus Rüppel, feiste Rennmaus. Vespertilio discolor Natierer. 
Vesperugo Alcytho& Donaparte. Vesperugo Savii Bonaparte. Loxia 
leucoptera @melin und Loxia bifaseiata Brehm. Halieus Carbo Dliger 


Museulusympllissimus: Deßneysa salsidiseilan sr Basel ebene 
arydura.araneds W.. Crossopus fodiens,W.} u, ‚sis-rıaa zecmestil, EX Se 
B. Dehne: 


Natutkistarisches; aus.Mexico ı . era sende ee ara 
Hennig: 
Oestrus Equi Zinne. Die Magenbremse. Oestrus Ovis Zinne. Cephalemyia ovis 
Baus @estrus Vernt Capteoli ty 
Klocke: 
Exceursion nach der kleinen Insel Jordsand an der dänischen Westküste . . . 


Kluge: 
Ueber Erhebungskratere und die Bedeutung des Wortes „Erhebung“ im All- 
DENE NTTOTE N U a ee As Pa 5 Tiouahee 


Das Erdbeben vom 25. bis 26. Juli 1855 in der Schweiz a den angrenzenden 
Ikandern‘ re een 2 1% 


Küchenmeister : 
Freie Uebersetzung und Bearbeitung des Aufsatzes von Jules Haime „la pisci- 
eulture“ in der Revue des deux mondes vom Juni 1854 nehst Zusätzen 
Experimenteller Nachweis, dass Cysticereus cellulosae innerhalb des menschlichen 
Darmkanals sich in Taenia Solium umwandelt 2 Are 
Ueber eine Abart der Taenia Coenurus, d. h. des Bandwurmes, von der die Ati 
j. 4es,Schaafes und des Rindes herstammen .. .. 0... om 


Seite 


209 
473 


404 


163 


156 


191 


VI 


— 


Matlhes : 
Exeursion von New-Orleans nach dem Urwald am Rio Colorado in Texas . . . 
Die Hemibatrachier im Allgemeinen und die Hemibatrachier von Nord- Amerika 
ammspBerellen MUT m I RT 
C. Müller: 
Beobachtungen über Schildkröten im Nordosten der vereinigten Staaten . 
M. Müller: 
Ueber die Porphyre der Umgegend von Leisnig . “1... er. wie 
v. Otto: 
Cyeadeen -Blatt im Rothliegenden . . 2... Se EN 3 
Hypothetische Ansicht über Erhebung des Snileenhärts bei Possendorf ua über 
die Folgen derselben . 
ossile Würmer ım Quadersandstem "2 nm er 
Geologische Controversen . 


. 


habenhorst: 
Mikroskopische Analyse der Moorbäder zu Bad Elster im sächsischen Voigtlande 
Beitrag zur Kryptogamen-Flora Süd-Afrikas. Pilze und Algen . : 
Die tödtliche Krankheit der Stubenfliege und einiger anderer Dipteren . 
Bemerkungen zu: Observation des &tres mieroscopiques de l’atmosphere terrestre 


Reibisch: 
Ueber die Varietäten der Helix nemoralis L. und Helix hortensis Müller 
Die Mollusken, welche bis jetzt im Königreiche Sachsen aufgefunden wurden, 
nebst Angabe ihres Vorkommens und ihrer Fundorte 2... 2... 


Reichenbach: 
Eirnnerung an die Stunden der Muse Sr. Maj. des höchstseeligen Königs 
Friedrich August SR: SER, 

Rückblicke auf die Grundsätze der N Narkose im Laufe der Zeit 
Nachschrift zu „Beobaehtungen über Schildkröten im Nordosten der vereinigten 
Staaten von (€, Müller“ . Dean) AERO, un re 
Das Schwärmen der Bienen vom polizeilichen St: adbiihlte Betrhehet 5 

Nachschrift zu „Micromys agilis ete. von A. Dehne“ 
Nachschrift zu „Loxia leucoptera etc. von A. Dehne“ 


Sussdorf: 
Ueber die Wirkung gewisser technischer Etablissements auf die Atmosphäre, wie 
auf das Leben des Pflanzen- und Thierreichs . v2. vn 2. 
v. Welck: 
Ausflug in den Norden Scandinaviens . Sa 
Ausflug in den Norden Scandinaviens (Schluss) . » 3 en een“ 


Kleinere Mittheilungen von 4A. Drechsler: 
AnatomaseB- photographischer Bilder! =. "2 ne. vo ee ne a 
Barometrische Maxima und Minima . 
Beche, de la, Sir Henry Thomas . 
Bernerde FD EA u A BERN RE Te Eee FO 
Bernerde, Nachtrag . 
Blitze ohne Donner i 2 
Breutel's Rückkehr aus Afrika 
Chemische Harmonika Inden, erin BR ND REEITT 
Chlorammonium 
Chloris Andina rg ERBE RI TR BI e 
Chytridsum or onior or or er. ur HOT Bob ad Auf ABIRBUDE, BONE 


Dana’s Mineralogie . 4 

Diamant-Krystall: etoile du Sud . 

Eichenstamm als Hammerstock 

Eier vom Riesenvogel von Madagaskar £ 
Fortleben in sehr lebensfeindlichen Verhältnissen 
Foucaultsches Pendel 

Fucoidee des süssen Wassers 

Gasbeleuchtung : 

Gasflammenregulirung . Ban. 
Geologische Aufnahme des ubteeroiekiäehen Kascroiche 
Geologische Reichsanstalt zu Wien . 

Getreide - Aufbewahren N 

Grünsand im Zeuglodon-Kalke ia: 

Haarrauch oa Ir 

Hausmaus von den Kine. Wckirae \ 

Käfer aus der Familie Curculiones . 

Käfer aus den Familien der Longicornia . 

Klimatische Verschiedenheit 

Kurzsichtigkeit und Weitsichtigkeit heslbar 
Kıystallmodelle aus Glas 

Meeresgrund, Proben 

Meermilch ; 

Meerwasser, Dichtigkeit ie Tenperkiue 

Meteor-Eisen . - rs 

Mineral - Heilquelle von Szliacs 

Naturdruck . 

Orkane 

Phosphorescenz Anzeh ns haitieche Mittel 
Photographische Bilder 

Plitvica - Seen 

Ponor . h 

Preiszuertheilung 

Preisfrage der K. L.-C. Akademie der Naturforsehön : 
Protuberanzen & 

Quecksilber, gediegenes 

Reflexionstöne I ee een 
Regen - Vertheilung in den gemässigten Zonen 
Schlammvulkan von Poorwadadi . 

Schlangen Nordamerikas . \ 

Skelett des Irischen Besenkirsches - 

Thierkreislicht . . 

Traubenkrankheit 

Trevelyan - Instrument 

Unterirdischer Verlauf von Bächen od Flkeen 
Versammlung deutscher Naturforscher und Aerzte in Wien 
Verwilderung der Hausthiere a N ri 
Vibrirende Bewegungen der Körper Senfhär zu machen 
Vierhundertgradige Thermometerscala . 


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No.1l_ | Januar. 


Allgemeine deutsche 


Naturhistorische Zeitung. 


Im Auftrage 


der 


Gesellschaft ISIS in Dresden 


in Verbindung 
mit den auf dem Haupttitel des Jahrgangs genannten Herren 
herausgegeben 


Dr. Adolph Drechsler. 


Neue Folge: erster Jahrgang. 


Mit eingedruckten Holzschnitten und Abbildungen. 


HAMBURG & LEIPZIG, 
Verlag von Rudolf Kuntze. 


855; 


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Erinnerung an die Stunden der Muse 


Sr. MAIESTÄT DES HÖCHSTSELIGEN Könics 


FRIEDRICH AUGUST 


bei Auslegung von Reliquien 


im Namen der Gesellschaft Isis gesprochen 


von 


Dr. Ludwig Reichenbach. 


SS) 


Die hier folgenden Erinnerungsworte wurden am 4. November 
in Gegenwart Sr. Kasıcı. Honeırm nes KronprinzEn ALBERT und 


Inro Kanıcı. Honeır Der Frau Kronprinzessin CAROLA und vor 
einem durch die naturwissenschaftliche Gesellschaft Isıs einge- 
ladenem zahlreichen Zuhörerkreise im Saale der Herren Stadt- 
verordneten gesprochen und nach öffentlich wie privatim aus- 
sesprochenem Wunsche am 18. November in demselben Saale 
vor einem zweiten Zuhörerkreise noch einmal wiederholt. 
DieRednerbühne war von einer durch den botanischen Gärtner, 
Garteninspector Ärause ausgeführten Pflanzendecoration umgeben, 
über derselben befand sich zwischen Palmen die umflorte Büste 
des höchstseligen Kaxıcs und vor der Rednerbühne waren die 
erwähnten Reliquien ausgelegt worden, Handschriften der drei 
verewigten Könige FRIEDRICH AUGUST I., ANTON THEODOR 
und FRIEDRICH AUGUST I., dann der erste und letzte Band 
des grossen aus Handgemälden der Hofmaler Ariedrich, Moritz 
Tettelbach und Andern bestehenden Prachtwerkes Plantae selec- 
tae horti Pilnitziensis, getrocknete Pflanzenexemplare aus den Her- 


barien von FRIEDRICH AUGUST 1. und FRIEDRICH AUGUST IL, 


Allg. deutsche naturhist. Zeitung. 1 


2 
sowie die Handzeichnungen, welche FRIEDRICH AUGUST N. 


auf der Reise in Dalmatien eigenhändig gefertigt, endlich das 
Seite 7 erwähnte aus Gemälden von Pflanzen und Inseeten be- 
stehende Werk von Joseph Lebitsch und das Exemplar der 
Flora germanica excursoria, welches seit deren Erscheinen auf 


allen Reisen bis in die letzten Stunden seines Lebens König 
FRIEDRICH AUGUST IH. bei sich geführt hat. 


Wenn auch das Lesen einer dergleichen Rede niemals den 
Eindruck hervorzurufen vermag, welchen der Einzelne in einem 
in feierlicher Stunde versammelten Zuhörerkreise und in einem \ 
entsprechend decorirten Saale empfindet, so wird es doch mög- 
lich, hier noch eine Nachricht hinzufügen zu können, welche 
ein seitdem stattgefundenes Ereigniss, die Begründung eines 
für die Wissenschaft der Botanik lebendig fortwirkenden Denk- 
males dankbar verkündet. 

Inro MasEstÄT Die Karnıcın MARIA als Universalerbin haben 
&eruhet, die von Sr. MasestÄr Dem Karnıs FRIEDRICH AUGUSTI. 
hinterlassenen und von Sr. Masestär nem Kanıc FRIEDRICH 
AUGUST 1. bereits begonnenen botanischen und überhaupt 
naturhistorischen Sammlungen nebst Bibliothek an die zum 
Königl. Hausfideicommiss gehörige öffentliche Naturaliensamm- 
lung, in Allerhöchster Erwägung, dass nur auf diesem Wege 
der mögliche und wünschenswerthe Nutzen für die Wissen- 
schaft daraus hervorgehen könne, als ein von derselben unzer- 
trennbares Ganze zu überlassen. Nach der durch Inro MasestÄr 
Bevollmächtigten, Sr. Excell. Herrn Staatsminister von Könneritz, 
an das Ministerium des Königl. Hauses stattgefundenen Er- 
öffnung hierüber, hat die Residenzstadt Dresden an die Stelle 


der vormals im Königl. Naturalien-Cabinet aufgestellten und in 


den Maitagen 1849 verbrannten Sammlungen weit vollständigere 
und in sofern doppelt werthvolle und im ihrer Art einzige Samm- 
lungen erhalten, als an jeden einzelnen Theil derselben die 
Erinnerung an zwei von der reinsten und edelsten Begeisterung 
für die Wissenschaft durchdrungene K(ENIGE Sachsens, eben 
so an die so innig mitempfundene Theilnahme der Kanıcın 
MARIA für diese Wissenschaft und für die Förderung dersel- 
ben, in unvergesslicher Weise geknüpft ist. 

Nothwendig sind noch einige erläuternde Notizen, vorzüg- 
lich in Beziehung auf Schriften, welche die Erinnerung an den 


verewigten König aus andern Gesichtspunkten erfassen. 


Die Seite 5 genannte Schrift führt den Titel: 
Friedrich August IL, König von Sachsen. Biographische 
Skizze vonDr. Wilhelm Schäfer. Dresden und Leip- 
zig. 1854. 
Von den erwähnten beiden Biographieen wird die von 
Herrn Regierungsrath Zäpe noch erwartet, die andere ist aber 


erschienen unter dem Titel: 


Friedrich August IL, König von Sachsen. Ein Denkmal 
für alle seine Verehrer, herausgegeben von Dr. J. 
Schladebach. Dresden 1855. 


Seite 16 wird hingewiesen auf: 


Viaggio di S. M. Federico Auguste, Re di Sassonia per 
l’Istria, Dalmazia e Montenegro descritto dal Dr. Bar- 
tolomeo Biasoletto con alcune tavole lithografia. 
Trieste 1841. 

Reise Sr. Majestät des Königs Friedrich August von Sach- 


sen durch Istrien, Dalmatien und Montenegro im 
4* 


4 


Frühjahr 1838. Aus dem Italienischen des Dr. 2. 
Biasoletto im Auszug übersetzt und mit Anmerk- 
ungen versehen von Zugen Freiherr von Gutschmid. 
Dresden 1842. 
Seite 21 ist angezeigt: 
König Friedrich August als Kunstfreund und Kunstkenner, 
dargestellt von J @. A. Frenzel, Director des K. 
Cabinets der Kupferstiche und Handzeichnungen. 
Dresden 1854. 
Ferner erschien früher: 
Ueber königlichen Sinn. Rede zur Feier des Geburts- 
festes Sr. Maj. des Königs Friedrich August, gehal- 
ten von Dr. Philipp Wagner. Dresden 1853. 
und später: 
Gedächtnissrede auf Seine Majestät Friedrich August, 
König von Sachsen, in der öffentlichen Sitzung der 
Königl. Sächs. Gesellschaft der Wissenschaften, am 
27. October 1854, gehalten von #£. v. Wietersheim. 
Leipzig 1854. | 
Bei dem Abdruck der hier folgenden Rede ist alles, was 
sich auf die Erläuterung der ausgelegten Gegenstände bezog, 
weggelassen worden, sowie einige Theile derselben überhaupt 
nur im Auszuge gegeben. Auch die Angabe der beiden 
Hauptmomente für die Begründung der Naturkunde in Sachsen 
durch Agricola und Heucher, soll keine historische Darstellung 
sein, da zu derselben auch die Erläuterung der Leistungen jener 
Männer gehört haben würde, welche auf dem Diplome der Ge- 


sellschaft /s2s noch mit genannt sind. 


Verehrungswürdige Anwesende, 
Allerseits hochzuverehrende Versammlung! 


Wenn ich heute die hohe Aufgabe zu lösen versuche, über den ver- 
ewigten König vor Ihnen zu sprechen, so fürchte ich nicht den Vorwurf, 
es sei dies zu spät, nachdem schon alle jene dankbaren Nachrufe von 
öffentlicher Stätte erklungen, denn der Schmerz über sein Scheiden aus 
dem Reiche derer, die ihn liebten, wird Generationen überdauern und 
in banger Wehmuth werden noch die Enkel der spätesten Zeit einander 
erzählen, wie Friedrich August die Seinen und die ganze Menschheit, und 
wie diese ihn wieder geliebt hat. Die Nothwendigkeit der Verzögerung 
meiner Worte zu Ihnen, wurde theils dadurch bedungen, dass ich wünschte, 
aus dem jetzt erst vollständig entsiegeltem Nachlasse des Verewigten, 
. Vorlagen bieten zu können, welche als heilige Reliquien aus seinem 
Leben den Eindruck zu machen vermöchten, den meine schwachen 
Worte nicht hoffen durften, machen zu können, und theils eben darin, 
dass ich selbst nur zu sehr fühle, wie wenig mir selbst die Kraft ge- 
geben ist, nach so ausgezeichneten Vorgängern ein des erhabenen 
Königs würdiges Bild entwerfen zu können. Nehmen Sie darum, hoch- 
zuverehrende Anwesende, die aus dankbar treuer Seele fliessenden Worte, 
nehmen Sie den aufrichtigen Willen für das, was des Gegenstandes, wie 
Ihrer Anwesenheit würdiger ausgesprochen werden sollte, mit Nachsicht 
entgegen. 

Aber nur in sehr engen Grenzen kann ich das Thema erfassen, 
welches nach vielen Richtungen hin eine reiche und ergiebige Quelle 
darbieten würde. Sollte ich den Verklärten schildern als König, so 
würde ich unpassendes wagen, denn der Segen seines Königthums liegt 
in unserer frischen Erinnerung, wie in den überall hin verbreiteten 
Archiven des Landes, die biographische Skizze von Dr. W. Schäfer hat 
fleissig die Facta zusammengestellt, zwei ausführlichere Biographien zu- 
nächst, von sachkundigen Männern, erwarten wir bald zu erhalten und 
ein end- und vollgültiges Urtheil über Fürsten kann doch nur den 
Fürsten gebühren, welche wissen, was es heisst, Fürsten zu sein, wäh- 
rend die Völker von ihrem subjectiven Standpunkte aus ihr Urtheil 
gestalten. 


6 


Aber auch die Könige haben eine menschliche Seite und diese ist 
es, in welcher sie jedem Einzelnen ihrer Völker so nahe stehen, dass 
jeder Einzelne diese Seite als die ihm bekannte begrüsst und sich be- 
rechtigt glaubt, diese menschliche Seite seines Königs näher betrachten 
zu dürfen. Und Heil allen Königen, welche den Einzelnen ihrer Völker 
so nahe stehen, als unser Friedrich August seinen Sachsen wirklich ge- 
standen. 

Wenn aber in ihm seine angeborne Neigung für alles Gute, Schöne 
und Edle, wenn seine theilnehmende Liebe für alle Riehtungen mensch- 
licher Thätigkeit, wenn insbesondere dann auch sein reiner Sinn und 
seine Hingebung für und an die Natur, so oft zum Mittel geworden, 
ihn denen, die ihn lieben lernten, zu nähern, so wird es nicht unpas- 
send sein, insbesondere diese zuletzt angedeutete Bestrebung seines 
Lebens näher ins Auge zu fassen. 

Fassen wir aber diese seine eigne Bestrebung für die Erforschung 
der lebendigen Natur auf, in der Harmonie seiner Ehrerbietung für das 
Wort und für die Werke Gottes, so haben wir wahrscheinlich ein Thema, 
welches dieses feierlichen Tages nicht unwürdig erscheint. 

Wollen wir aber irgend ein Factum in der Geschichte, wollen wir 
irgend einen Vorgang im Leben des Individuum klar und deutlich er- 
fassen, so müssen wir, wie bei der Erforschung der organischen Wesen, 
auf den Ursprung zurückgehen und so dürfen wir auch hier fragen: 
1) wie und unter melchen Bedingungen entstand jene Harmonie? 2) wie 
und in welcher Weise wurde dieselbe geübt und 3) welchen Erfolg von ihr 
für die Zukunft dürfen wir hoffen? 

Wir wenden uns zuerst einem flüchtigen Rückblicke zu, um die 
Bedingungen kennen zu lernen, welche im vormaligen Sachsen das 
Studium der Naturkunde erweckten. 

Georg Bauer, im Jahre 1491 in Glauchau geboren, bildete sich in 
Italien, lebte dann als Arzt in Joachimsthal und Chemnitz und wurde 
der erste wissenschaftliche Kenner des Bergbaues. In seinen lateini- 
schen Werken musste er, der Sitte der damaligen Zeit gemäss, seinen 
Namen latinisiren, und als Georg Agricola erlangte er seinen Ruhm als 
Mineralog. Johann Heinrich Heucher in Wien, geboren am 1. Januar 
1677, Prof. Med. in Wittenberg, wurde unter August III, König von 
Polen, Leibarzt und starb am 22. Februar 1746. Derselbe gab die Ver- 
anlassung zur Schöpfung aller hiesigen Museen und ein schönes gros- 
ses Oelgemälde, sein Portrait, hing im Königl. Naturaliencabinet, wo 
der ruchlose Brand am 6. Mai 1849 auch diese kostbare Reliquie der 
Vorzeit mit so vielen anderen verzehrte. Die Gelehrsamkeit seiner Zeit 
war jene unerquiekliche Wohlredenheit über sogenannte Raritäten, Dinge, 
die man ihrem wahren Wesen nach nicht kannte, in möglichst weit- 
läufiger Exposition äller Ideen, welche über dieselben irgend Jemand 
_ jemals gehabt hatte, in schönem Latein, wodurch auch Heucher zu hohem 


7 


Ruhme gelangte. Aber sein Eifer, für die Sammlungen zu wirken, ist 
mit der dankbarsten Anerkennung zu rühmen. Sachsens Regenten för- 
derten dieselben in theilnehmender Liebe und schon damals sprach der 
König von Preussen bei der Beschauung derselben: Er finde alle 
Schätze der Natur und der Kunst hier vereinigt und alles was das Meer 
‚und die Erde und der Geist der Menschen zu schaffen -vermöge, sei hier 
in solcher Weise zusammengestellt, dass es unnöthig sei, Reisen ins ferne 
Ausland zu machen. 

Während unter dem Churfürst Friedrich Christian die Museen sich 
einer Erweiterung und treuen Pflege erfreuten, war für das Königliche 
Naturalien-Cabinet Prof. Titius aus Wittenberg an Heuchers Stelle beru- 
fen und zum churfürstlichen Leibarzt ernannt worden. Aber eine grosse 
Zeit für eine neue Begründung und Förderung der Naturkunde in 
Sachsen erblühte durch Churfürst Friedrich August. Am 23. December 
1750 geboren, regierte derselbe vom 15. September 1768 bis 5. Mai 1827 
und zwar vom 11. December 1806 als erster König von Sachsen. 

Friedrich August der Gerechte lebte fast alle Hauptabschnitte der 
wissenschaftlichen Entwickelung der Naturkunde hindurch. Zinnee 
selbst lebte noch zehn Jahre, nachdem Friedrich August zur Regierung 
gelangt war, und starb am $. Januar im Jahre 1778. Die Begeisterung 
für Zinnee, welcher sich der ganze Erdkreis erfreute, hatte ausser dem 
König von Schweden vielleicht keinen zweiten Monarchen so leben- 
dig als den Churfürsten Friedrich August in Sachsen ergriffen. Derselbe 
scheint wie so viele Naturforscher von der Entomologie ausgehend, spä- 
ter zur Botanik übergegangen zu sein. Der Maler August Johann Rösel 
in Augsburg erweckte damals durch seine von 1746 bis 1761 heraus- 
gegebenen höchst sorgfältigen Beobachtungen und durch die trefflichen 
Abbildungen seiner monatlich erscheinenden „Insecetenbelustigungen“ die 
Bewunderung der gesitteten Welt in ganz Deutschland und in dieser An- 
erkennung wurde er als Rösel von Rosenhof in den Adel erhoben. In 
derselben Richtung spannten von Regensburg aus Jacob Christian Schaef- 
fers Schriften über Insecten die Aufmerksamkeit tiefer Gemüther und 
alle derartigen Erscheinungen aus dem Leben der organisirten Natur 
wurden in jener frommen Zeit von ihrer religiös belehrenden Seite als 
Erläuterung der Allmacht Gottes betrachtet und in wahrer Weihe em- 
pfangen. Churfürst Friedrich August hielt einen Hofmaler Namens Mil- 
ler, welcher während des Sommers die Beobachtung der Inseeten mit 
ihm betrieb und wie man sagt, die Verwandlungen derselben gemalt 
hat.. Eine ähnliche Sammlung von Handgemälden, welche Pflanzen und 
Schmetterlinge darstellen, vom Prof. Joseph Lebitsch im Baumgarten- 
bergschen Cisterzienserkloster zu Wien bis zum Jahre 1791 gemalt, befin- 
det sich noch in der hinterlassenen Bibliothek und während die Pflan- 
zennamen durch den Maler beigeschrieben sind, so hat der Churfürst 
"Friedrich August mit eigner Hand die Namen der Schmetterlinge, in so- 


8 


weit sie ihm bekannt waren, bezeichnet. Neben der Entomologie war 
es die Botanik, für welche im Churfürst Friedrich August ein lebhaftes 
Interesse erwachte. Durch ein emsiges Selbststudium vorzüglich der 
Linneeschen Werke, aber auch der damaligen Schriften über Pflanzen- 
Anatomie und ganz besonders der Floren, wurde diese Kenntniss bald und 
gründlich erlangt. Alle die zahlreichen Prachtwerke der Vorzeit wur- 
den angeschafft und studirt und insbesondere bei der Benutzung des 
Gartens gebraucht. 

Die Anlage des Schlossgarten in Pillnitz hinter dem Bergpalais 
wurde im Jahre 1769 sogleich nach dem Regierungsantritte begründet, 
der Garten im Jahre 1776 mit seiner hohen Mauer umgeben, im Jahre 
1782, nach dem vom Churfürsten selbst entworfenem Plane, durch den 
englischen Garten vermehrt und im Jahre 1804 sehr bedeutend erwei- 
tert. Jene edle und hohe Menschenwürde des verewigten Königs 
war fern von aller Prunksucht und ging auch in der Anlage dieses 
Garten nur von dem Gesichtspunkte aus, eine unmittelbar veredelte 
Natur hier wiederzugeben. Daher fehlen ihm alle jene pomphaften Zier- 
rathen, wir vermissen jene Eremitagen und Mausoleen, jene Moscheen 
und Thürme, jene Grotten und Obelisken und Säulen mit phantastischen 
Inschriften, wie solche so häufig andere dergleichen Anlagen zieren 
oder verunzieren mögen. Nicht mehr als zwei Werke der plastischen 
Kunst zieren bis jetzt in ernster Weise den Park. Nicht weit von dem 
Schwanenteiche, im düstern Haine, unter dem Schatten majestätischer 
Bäume, trägt ein einsamer Rasenplatz im Mittelpunkte seines Ovals 
die edle Statue der Vesta, von Trippel in Rom aus kararischem Marmor 
gefertigt. Sie hütet das heilige Feuer und hebt den reinen Blick empor 
zum östlichen Himmel. Friedrich August der Erste hat diesen Platz ihr 
geweiht. Im Rasen an der grossen Lindenallee, da, wo eine der Kasta- 
nienalleen gegen sie mündet, steht nahe am Eingange zu dem botani- 
schen Garten auf hohem Obelisk eine colossale eherne Büste der Alles 
durchdringenden Gaea von Rietschel. Ihr Ehrfurcht gebietender Blick 
richtet sich, wie einst der der /sis im Tempel zu Sais, zurück in die Zeit 
die da war, hinein in die Zeit, die da ist und hinaus in die Zeit, welche 
noch kommen wird. Friedrich August der Zweite hat sie in tiefem Sinne 
hierher gesetzt. Eine anmuthige Natur gestaltete sich hier überall, als 
ein treues Abbild jenes reinen und festen, über alle Spielerei mit den 
Genüssen des Lebens und mit der Phantasie erhabenen Characters 
Friedrich August des Gerechten. In jener Zeit der stillen Beschauung 
der Werke der Gottheit und seiner selbst, war es, wo bei dem ange- 
borenen häuslichen Sinne für eine ermste Bethätigung in Wissenschaf- 
ten und Künsten die hingebende Liebe für diese in dem Hohen Hause 
der Sachsen eine bleibende Stätte gefunden. Für die damalige Zeit sehr 
geräumige Gewächshäuser wurden der Cultur der Gewächse der wär- 
meren Zonen, ein entsprechendes Terrain der Pflege anderer im freien 


9 


Lande geweiht und von besonderem Interesse ist ein Winterhaus, wel- 
ches grosse Exemplare von Salisburia, Edwardsia, von Lorbeerbäumen, 
Magnolien, Campferbäumen und Myrten, eine prächtige Korkeiche und 
eine mehr als achtzigjährige ursprüngliche japanische Camellie, von 17 
Fuss Höhe und 48 Fuss im Umfange mit 9 Zoll dieken Stamme enthält. 
Die Erscheinung aller dieser schönen Bäume ist während des Sommers, 
wo sie von ihrer schützenden Decke enthüllt sind, wahrhaft über- 
raschend. Am 20. Mai 1820 wurde der Vortragende selbst von der 
Universität Leipzig, wo er als ausserordentlicher Professor der Mediein 
und Naturwissenschaften gelehrt hatte, berufen und hier angestellt, hatte 
das Glück, durch den damaligen Oberkammerherrn von Friesen Sr. 
Majestät dem König vorgestellt zu werden, und erhielt dann bald Be- 
fehl nach Pillnitz zu kommen, um an den botanischen Arbeiten des 
Königs theilnehmen zu sollen. Sehr bald überzeugte derselbe sich hier, 
dass der König die Botanik nicht, wie so manche derselben zugeneigte, 
hochgestellte Personen, als Liebhaberei betrieben, sondern vom Linnee- 
ischen Standpunkte ausgehend, mit derjenigen Gründlichkeit, welche dem 
hohen Königshause so eigenthümlich geblieben und welche freilich einen 
so grossartigen Apparat literarischer Hilfsmittel, als er hier vorfand, er- 
heischte. Der König war unermüdet in seinem Bestreben, die richtige 
Bestimmung seiner Pflanzen zu finden und unbestimmbare Gewächse er- 
regten eine gewisse Unruhe in ihm, die ihn antrieb, immer weiter nach- 
zusuchen und noch andere Werke zu vergleichen, bis er so glücklich 
war, die Auflösung der vorliegenden Räthsel zu finden. Mehrere der- 
gleichen, durch lange Zeit aufgesammelt, legte derselbe mir vor und 
nachdem es möglich geworden, fast alle zu lösen, war ich so glücklich, 
der Gnade seines Vertrauens bis an sein Ende mich erfreuen zu dürfen. 
Die Untersuchungen der in jeder Woche aufgeblühten Pflanzen in Pill- 
nitz, wurden jeden Sonntag nach Rückkehr des Königs aus Dresden 
sorgfältig betrieben. Der König nahm seinen Sitz in dem ersten klei- 
nen warmen Gewächshause, wo der Hofgärtner die zu untersuchenden 
Topfpflanzen in lange Reihen gestellt und die aus dem freien Lande 
in abgeschnittenen Exemplaren dazugelegt hatte. Die zur Untersuch- 
ung nothwendigen Bücher brachten Lakaien in Körben herbei und der 
dienstthuende Geheime Kämmerier blieb in der Nähe, zum Dienste des 
Königs. Der König war in diesen Stunden überaus heiter und freute 
sich innig über alles Neue, was irgend ihm vorkam. Er hielt sein in 
jedem Jahre durch seinen Kalligraphen Schreiner neu geschriebenes und 
um die neuen Ankömmlinge vermehrtes Gartenbuch in der Hand und 
zeichnete mit einem Bleistift alle Bestimmungen und Berichtigungen 
darin auf. Da so Wenige seiner Zeitgenossen Gelegenheit gehabt haben, 
die gemüthliche Seite dieses grossen Königs kennen zu lernen, so kann 
ich dem Drange meines Gefühls nicht wiederstehen, einen Zug davon 
zu berichten. 


10 


Im Jahre 1824 waren aus dem von dem Reisenden Sieber aus Neu- 
holland mitgebrachten Saamen schon viele Gewächse zur Blüthe gelangt, 
unter andern eine überaus zierliche Veilchenart mit epheugestaltigen 
Blättern und reinweissen Blüthen, welche nur in der Mitte das gewöhn- 
liche schöne Violet der Veilchen trugen. Ich äusserte meine Freude 
über diese hübsche neue Form, die auch dem König ausnehmend ge- 
fiel. Sogleich fragte er den dabeistehenden Hofgärtner John, wie viele 
Töpfe von dieser Art er erzogen, und dieser antwortete: „zwei, Ihro 
Majestät!“ Augenblicklich gab ihm der König den Befehl, das zweite 
Exemplar mir mit nach Dresden zu geben, wo ich die Pflanze in einem 
meiner damaligen Werke abbildete und die Freude genoss, dass der 
König diese Abbildung eine gelungene nannte. Von einer guten bota- 
nischen Abbildung verlangte er strenge Naturtreue und vollständige 
Analyse bei künstlerischer Vollendung. Seinen Hofmaler Ariedrieh und 
später dessen Sohn hatte der König auf die nothwendige Analyse der 
Blüthen aufmerksam gemacht, und die kostbarste Zierde der Bibliothek 
ist bis auf den heutigen Tag eine Sammlung jener Gemälde in neun 
grossen Foliobänden, den der König den Titel ‚Plantae selectae vivis 
coloribus depictae horti Pillnitziensis“ gegeben. Im Jahre 1788 begonnen, 
war die erste Centurie im Jahre 1795 vollendet und bei dem Hinscheiden 
des Königs war bereits die neunte Centurie begonnen. — Bei dem an- 
gelegentlichen Wunsche des Königs, dass die Kenntniss der Natur in 
den Gemüthern der Jugend Platz greifen möchte, fragte er öfters nach 
den dahin einschlagenden Anstalten und die Emancipation des Natura- 
lien-Cabinets aus dem Zustande einer verschlossenen Raritätenkammer 
in den eines Instituts zur Belehrung des Volkes, war ganz in seinem 
Sinne. Der König besass eine sehr kostbare Sammlung von Wachs- 
präparaten durch einen Florentiner Künstler in Wien, unter Aufsicht. 
des berühmten Trattinick mit höchster Treue nach der Natur gefertigter 
Pilze, 200 Arten zum Theil Gruppen mehrer Exemplare, welche in 4 
Lieferungen jede ä 95 Thaler angekauft wurden. Zu dieser schönen 
Sammlung führte er mich im Jahre 1824 als er die grosse Frequenz 
der botanischen Vorlesungen erfahren hatte und sagte in höchstem 
Wohlwollen: „Stellen Sie diese Sammlung zur Aufmunterung der 
jungen Leute in Ihrem Hörsaale auf, die Kenntniss der Pilze ist 
schwer.“ Bis 1849 wurde sie nun treulich in den Vorlesungen der Bo- 
tanik benutzt, bis am 6. Mai dieses Jahres die republikanischen Flam- 
men auch dieses Kleinod mit so vielen anderen in den von allem 
Schutz gänzlich entblössten Galerien des Zwingers verzehrten. Zu wei- 
terer Aufmunterung der Zuhörer sah es der König sehr gern, wenn ich 
mit meinen Zuhörern alljährlich einmal den herrlichen Schlossgarten 
in Pillnitz besuchte und Ihm dann berichtete, wie die jungen Mäiiner 
von der Grossartigkeit der dortigen Tropenflora ergriffen, Seiner Gnade 
sich auf das dankbarste verbunden gefühlt. 


11 


Eine Sorge in der letzten Lebenszeit des edlen Königs war noch 
die, Seine Sammlungen in eine Hand übergehen zu lassen, welche sie 
‚in ihrem vollen Werthe zu schätzen verstände und dieselben in einem 
vollkommenen geordneten Zustande hinterlassen zu können. So geschah 
es, dass ich im letzten Winter seines Lebens öfter befehligt wurde, die- 
ses Ordnen mit ihm zu vollenden. Drei Schränke, inwendig wie Acten- 
'repositorien gebaut, enthalten die prunklose aber höchst schätzbare 
Sammlung. Sein letzter Wunsch im Leben, den der Hohe Verewigte 
gegen mich aussprach, war der: es möge mir gelingen, wie Er hoffe, 
in dem Prinzen Frisdrich die Liebe für die Natur lebendig zu machen. 

Die tiefe Trauer um diesen grossen Monarchen, in welchem alle da- 
mals lebende Generationen aufgewachsen waren und die Ueberzeugung 
in sich hineingelebt hatten, ein anderes Verhältniss könne gar nicht 
gedacht werden, musste sich erst durch die Zeit mildern, um irgend 
einen Entschluss fassen, irgend ein neues Unternehmen begründen 
können. 

Möge aber das bisher gesagte als Einleitung dienen für den zweiten 
und Haupttheil einer Betrachtung: wie und in welcher Weise von König 
Friedrich August II. die Zarmonie Seiner Naturstudien geübt worden ist. 

Mag es mir hierbei erlaubt sein, zuerst den Eindruck zu schildern, 
den das erste Beisammensein mit dem Prinzen Friedrich im Monat Mai 
1827 im botanischen Garten und im botanischen Cabinet in Pillnitz auf 
mich gemacht hat. Ich darf diesen Eindruck zusammenfassen in den 
einzigen Satz: ich sahe in ihm den verewigten Friedrich August wieder 
verjüngt! — Dieselbe Humanität war hier wieder erblüht, dieselbe reine 
Hingabe an die Erforschung der Werke der Allmacht sprach sich aus, 
aber Beides im Jugendeifer erglühend. Auch der Prinz hatte bereits 
in frühester Jugend Insecten und Mineralien gesammelt und das In- 
teresse für dieselben belebte ihn noch. Für das Sammeln hat indessen 
von dieser Zeit an das Studium der Botanik allein das Vorrecht be- 
halten. Auch hier bewährte sich sogleich, dass nicht ein oberflächlicher 
Dilletantismus, sondern das gründlichste Studium erstrebt werden sollte, 
der Prinz begann mit dem Ernste, mit der Festigkeit und seltenen Be- 
harrlichkeit seines grossen Oheims die Emübung der Terminologie, ging 
zur Physiologie über und zur Classification und für specielle Kenntniss 
wurde mit dem Vaterlande der Anfang gemacht. Nach der ersten Ex- 
cursion in den Plauenschen Grund schlossen die in die übrigen Theile 
der nahen Umgegend sich an und später wurden fast alle Richtungen 
des Landes betreten, vorzüglich sorgfältig die sächsische Schweiz und 
das Erzgebirge durchwandert. 

Auf diesen Excursionen war es, wo seine reine Humanität sich in 
so vielseitiger Richtung entfaltete. Er, war von vorzüglich heitrem Ge- 
müth, alles was die Natur bot, ergriff ihn innig und tief, und mit ge- 
spanntester Aufmerksamkeit nahm er alles auf, was ihm neu war, oft 


12 

schon durch Vorstudien im Stande, sich zu erklären, was er nicht frither 
gesehen. Sein Gang war überaus leicht. In kleinen aber in schnellem 
und gleichem Tempo wohlabgemessenen Schritten durchwanderte er 
weite Strecken in kurzer Zeit. Im Ersteigen der Berge hatte er ebenso 
wie in dem schwierigeren Absteigen ohne Pfad, bald eine grosse Uebung 
erlangt. Fast immer hielt er-sich dabei aufrecht und nur in den äusser- 
sten Fällen bog er den Körper und wusste durch abwechselndes Er- 
fassen der Zweige oder der festen Grasbüschel an steilen Felsen sich 
zu erhalten. Die Schärfe seiner Sinne befand sich in vollständiger 
Harmonie mit der Klarheit seines Geistes und mit der Tiefe seines 
Gemüthes. Schwächen und Launen kannte er nicht, er ermüdete nie- 
mals, dieExcursionen in das Gebirge begannen wir zu Wagen, gewöhnlich 
um oder bald nach Mitternacht und waren oft noch vor Tages Anbruch 
am Ziele von wo wir ausgehen wollten, so dass wir dann bis Abends, im 
verschiedenartigsten Terrain botanisirend, uns heiter bewegten. Ueberall 
fand der Prinz auf den unwegsamen Pfaden das richtige Ziel. Als wir 
einmal Mittags in der Gegend von Altenberg oben zur Försterei vom 
Zaunhaus gelangt waren, zeigte der Förster einige Verlegenheit, als er 
hörte, dass der Prinz da Mittag machen wollte, aber dieser tröstete ihn 
mit den Worten: „lassen Sie uns einen Tisch hier auf den grünen Ab- 
hang heraus saen und eine Schüssel Milch bringen, mit etwas Brod, 
das wird uns vortrefflich schmecken.” Dies hewune Ach wirklich und 
nachdem wir gegessen, erbot sich der Förster zur Begleitung durch die 
Buchen, um uns den richtigen Weg von dort aus zu zeigen. Der Prinz 
lehnte dies ab, mit den Worten: „Ich danke lieber Förster, wir suchen 
uns unsern Weg immer gern selbst.” Hitze und Kälte nahm er eben 
so gern hin, er klagte nie über das Wetter, auch nicht über Regen und 
Schlossen, nichts der Art konnte seine Heiterkeit trüben. 

Nebenbei interessirte er sich lebhaft für Zoologie und die Spuren 
des oft so verborgenen Lebens der Thierwelt machten einen tiefen 
Eindruck auf ihn. Als er die ersten Infusionsthierchen in ihrem freu- 
digen Gewimmel selbst im Mikroskope gesehen, erklärte er seine Er- 
wartung für übertroffen und wiederholte sich öfter den Anblick. Die 
schönen Beobachtungen des Geh. Med.-Rath Carus in Pillnitz, sahe er 
oft mit höchstem Interesse. Es bleibt ewig wahr: „ein sinniges Ge- 
müth steht bei dem Wurme still, ein gewöhnliches geht bei einer Welt 
von Wundern gleichgiltig vorüber.” Seine letzten Freuden für Zoologie 
in Dresden waren der zweimalige Besuch der Kreuzbergschen Menagerie, 
wo die vier Giraffen ihm die schönen Thiergärten in und.bei London 
wieder zur lebendigen Erinnerung brachten und dann der Besuch des 
Solibri-Cabinets im botanischen Garten. Er kam unverhofft am Sonn- 
tag den 9. Juli gegen Abend, als er die Königin in das Theater geführt, 
und war von der Schönheit und Mannigfaltigkeit der Colibris wie von 
ihren treu der Natur nachgeahmten Lieblings-Blüthen, zwischen den sie 


13 


sich scheinbar, wie unter dem Himmel der Tropen bewegten, so entzückt, 
dass er an einem andern Tage mit der Königin zurückkehrte und auch 
andere Glieder des hohen Hauses veranlasste, diese schöne und merk- 
würdige aus mehr als tausend Exemplaren bestehende Sammlung zu sehen. 

.In den ersten Jahren seiner botanischen Studien ging seine Ab- 
sicht dahin die Gewächse der Flora von Dresden möglichst vollständig 
zu sammeln. Seine grosse Thätigkeit erfasste von allen Seiten diesen 
Vorsatz. Im ersten Anfange machte er sich von den Arten, die er ge- 
funden, Conture mit der Feder und schrieb die Namen dazu. Er fer- 
tigte dann Verzeichnisse nach den Lokalitäten, Verzeichnisse nach den 
Verschiedenheiten des Boden, Verzeichnisse nach der Zeit der Blüthe, 
Verzeichnisse der Arten, die er gefunden, und Verzeichnisse derjenigen, 
welche ihm noch fehlten, endlich ein reiches Verzeichniss derjenigen, 
welche in der Flora von Zicinus und Schubert sich noch nicht aufgeführt 
fanden, dennoch von ihm selbst bereits aufgefunden waren. Nach und 
nach bildete sich aus allen diesen Arbeiten ein Manuscript über die 
Flora von Dresden, dessen Einleitung eine Schilderung der Gegend 
unter dem Titel: „Gemälde der Gegend um Dresden” enthält. Auch 
eine Aufzählung der „Plantae Florae Dresdensis rariores” mit ihren Stand- 
orten liegt diesem Manuscripte bei. 

Mit der Erscheinung meiner Flora germanica excursoria im Jahre 
1830 und 1831 erweiterte sich sein Plan und er bestrebte sich von 
den aus dem mittleren Europa darin beschriebenen gegen 5800 Ge- 
wächsen, mit eigner Hand möglichst viele zu finden. Sein Verzeichniss 
der Gewächse von Marienbad hat Dr. Heidler in seiner Schrift über 
Marienbad zur Veröffentlichung vom Prinzen erhalten und weil daselbst 
ein nachgelassenes Verzeichniss der dortigen Gebirgsarten von Göthe dar- 
auf folgt, so ist in mehreren Anzeigen später Göthe als Mitverfasser 
des Verzeichnisses der erst nach seinem Tode gesammelten Pflanzen 
irrig aufgeführt worden. Von der Erscheinung meiner Flora an, bis zu 
seinem Hinscheiden wurde diese Flora sein steter Begleiter auf allen 
seinen zahlreichen Reisen. Aus dieser Flora besonders bereitete er sich 
vor auf jede einzelne Reise und verglich vorher die darin eitirten Ab- 
bildungen, deren Eindruck er so treulich bewahrte, dass er dann die 
gefundenen Gewächse gewöhnlich sogleich in der freien Natur richtig 
erkannte. Sein ausgezeichneter Scharfblick und sein seltener Takt im 
Labyrinth der Lokalitäten sicher zu gehen, setzte ihn in den Stand im 
Auffinden schwer zu entdeckter Gewächse Vorzügliches zu leisten und 
keine Hindernisse dabei konnten ihn hemmen. Höchst auffallend war 
dies auf seiner Reise in Ungarn, wo er in den sehr eigenthümlichen 
Karpathen unter stetem Regen und täglich leidend von Nässe, dennoch 
die dort vorkommenden, zum Theil sehr beschränkten und schwer zu- 
gänglichen Standorten gehörigen Pflanzen glücklich gefunden. Einen 
anderen interessanten Beleg hierzu verdanke ich Herrn Geh. Med.-Rath 


14 


Carus in folgenden Worten: „Wer das Glück gehabt hat König Friedrich 
August auf grösseren Reisen zu begleiten wird hundertfältig Gelegenheit 
gefunden haben, nicht nur seine tiefbegründete Liebe für die Natur, son. 
dern auch die Leichtigkeit zu bewundern, in ihr sich zu orientiren und 
ihre Schätze sich zugänglich zu machen. Ich erinnere mich, dass als 
wir im Juli 1844 in England kaum die schönen Gegenden der Cumber- 
landLakes betreten hatten, so waren dem Geiste des Königlichen Herren 
sogleich die botanischen Seltenheiten gegenwärtig, welche diese Seen 
und Gebirge einschliessen. Kaum sahen wir bei einer reizenden Abend- 
Kahnfahrt auf dem Windermere-See von Weitem die Wasserfläche wie 
mit zarten weissen Blüthen bestreut, so liess der König darauf zu rudern 
im Voraus gewiss, dass wir hier die niedliche, maiblumenähnlich aus 
der spiegelnden Fläche herausragende Lobelia Dortmanna sammeln 
würden, und kaum traten wir ebendaselbst am andern Morgen einen 
Fussweg an, so fehlte es nicht, dass der erhabene Forscher bald einen 
grünen Hügel erstieg, ihn als geeignet erkennend, dass wohl an seinen 
Rändern der schöne seltene, bisher nur in Cumberland und Wales ge- 
fundene gelbe Mohn, die Meconopsis cambrica oder Papaver cambricum 
Lin., da wachsen möchte, und richtig trafen wir in Kurzem schön blü- 
hende Exemplare des hübschen Gewächses von dem ich noch selbst 
eins zur Erinnerung bewahre. Gelang es doch dem kenntnissvollen 
Naturfreunde, als ich denselben zwei Jahre nach einander zur Herstell- 
ung seiner Gesundheit zum Besuche von Marienbad begleitete, während 
der dort verlebten Wochen, sogar in so bekannter Gegend manche sel- 
tene Pflanze aufzufinden, die von früheren Sammlern dort nicht aufge- 
funden worden war. Mit eben der Liebe und mit demselben Streben 
nach weiterer Kenntniss sah ich übrigens denselben früher schon in 
Italien und in der Schweiz sammeln. Nie verfehlte er, wenn auf den 
Stationen umgespannt wurde, wenn irgend Wetter und Oertlichkeit es 
erlaubten, sogleich abzusteigen und vorauszugehen, wobei dann neben 
der Umsicht in der Gegend, mit scharfem Auge an Wegen und Zäunen 
die irgend blühenden Pflanzen beobachtet wurden und mancher gute 
Fund wanderte dann in die Mappen. Kurz! ist je einem edeln Geiste 
das zeitweise sich Versenken in den Reichthum der ewig forttreibenden 
und blühenden Natur ein unerlässliches reines und schönes Bedürfniss 
gewesen und hat irgend Einer die aus diesem Versenken hervorgehende 
Freudigkeit auf eine würdige Weise empfunden, so darf man vor Allen 
König Friedrich August als einen solchen bezeichnen.” So weit Carus. 

Vom Jahr 1833 wuchs sein Glück und sein Eifer für Exeursionen 
in der Nähe, dadurch dass seine zweite hohe Gemahlin Maria, die gleiche 
Neigung für die Natur mit ihm theilte und ihn ebenso auf diesen 
Excursionen begleitete, wie sie mit hohem Interesse, ja mit eigner 
Sachkenntniss, seinen Beschäftigungen zu Hause, mit der Pflanzenwelt 


folgte. 


15 


Vorzüglich glücklich machte ihn das Reisen und mit der ganzen 
Macht seines Zaubers wirkte der Aufenthalt auf den Alpen auf ihn ein. 
Von ihm galt recht eigentlich was Reineck sagte: „sei Mann im Leben, 
Kind in der Natur!“ — 

Die ersten Reisen seines Lebens in dem Jahre 1809 nach Leipzig, 
im Jahre 1813 nach Regensburg und zweimal nach Prag, im Jahre 1815 
nach Pressburg und Wien, endlich nach Paris, waren nicht der Erhei- 
terung, sondern theils unwillkührlich während der Kriegszeiten, theils 
und zuletzt der militärischen. Ausbildung gewidmet. 
£ Die erste wissenschaftliche Reise des Prinzen Friedrich nebst sei- 

nen hohen Brüdern nach Italien gegen Ende des Jahres 1821 wurde 
auf den Wunsch des Königs gemacht, aber leider ergriff dieselben in 
Pisa ein hitziges Fieber, welches für den Prinzen Clemens am 12. Januar 
1822 einen tödtlichen Ausgang genommen. 


Im Jahre 1824 wurde Belgien und Holland bereist. Anfangs 1825 
traf der Prinz in Paris ein und überall fand er reiche Gelegenheit seine 
Kenntnisse daselbst zu erweitern. 


Im Jahre 1828 am 1. April begann die Reise mit dem Leibarzt des 
Königs, Geh. Med.-Rath Carus, nach Italien. Ein junger Mann, der 
gegenwärtig als praktischer Arzt mn New-York berühmte Dr. Gescheid, 
nahm als Botaniker und Sammler der naturhistorischen Gegenstände 
Theil an der Reise und hier begannen die ersten Studien des Prinzen 
in der aussergermanischen Flora. Die heise ging über Wien, über 
Bruk an der Murr, Judenburg, Leoben, wo die erste Zusammenkunft 
mit dem hocherfahrenen Alpenbotaniker, dem Erzherzog Johann statt 
fand, über Villach, Udine, Treviso, Venedig, Vicenza, Verona und Parma 
zur Kaiserin Maria Louise, dann über Modena, Bologna nach Florenz, 
von da nach Rom und Neapel, auf der Rückkehr durch die Schweiz 
und im August wieder nach Dresden zurück. 

Am 13. September 1830 Mitregent geworden, war der Prinz durch 
mannigfaltige Arbeiten der neuen Organisation des Landes so dringend 
beschäftigt, dass ihm nur die Erholung durch Excursionen im Lande 
möglich geblieben, aber eine weitere Entfernung durch Reisen nicht zu- 
lässig war. Ein anderes Hinderniss bot hierbei die Kränklichkeit sei- 
ner ersten Gemahlin Caroline, welche am 22. Mai 1832 mit deren Hin- 
scheiden endigte. 


Am 24. April des folgenden Jahres mit Prinzessin Maria Anna 
Leopoldine, Tochter des grossen Königs Maximilian von Bayern vermählt, 
empfand er in der Harmonie mit seiner hohen Gemahlin bald wie- 
der die Neigung, die Alpen zu sehen und nächst Marienbad, wurde dess- 
halb in Salzburg und in Tirol botanisirt. An einem jähen Felsen hatte 


sich der Prinz Mitregent hier verstiegen und ein Jäger hatte das Glück 
ihm zu Hilfe zu kommen. 


16 


Des Königs Anton Hinscheiden erfolgte am 6. Juni 1836 und der 
Prinz Mitregent übernahm von da an die Königlichen Pflichten allein. 

Erst im folgenden Jahre 1837 wurde es wieder möglich an das Rei- 
sen zu denken, und Oestreich, insbesondere das schöne Kärnthen und 
Krain *) wurden das Ziel. Aber die Nachricht von einer ernsten Erkran- 
kung in Laibach, nach einer Erkältung bei dem Besuch der Adelsberger 
Höhle, beflügelte die Reise der Königin in Begleitung des Geh. Med.- 
Rath Carus dahin, doch sahen sich dieselben durch baldige Genesung 
des Königs beglückt, welcher am 23. August wieder in Pirna vom gan- 
zen hohen Hause freudig empfangen wurde. 

Im Jahre 1838 wurde der König durch den am 3. Januar erfolgten 
Tod Seines Herrn Vaters, des Prinzen Maximilian, auf das Tiefste er- . 
schüttert. Am 7. Mai begann die denkwürdige Reise in Begleitung des 
Geh. Med.-Rath von Ammon als Leibarzt über Triest nach Dal- 
matien und Montenegro, welche sein Begleiter von Triest aus Dr. Bia- 
soletto, in italienischer Sprache beschrieben und Zugen Freiherr von 
Gutschmid deutsch übersetzt hat. Sie war die bedeutendeste von allen 
Reisen des Königs in Bezug auf ihre wissenschaftliche Ausbeute. Am 
21. Juni nach Pillnitz zurückgekehrt, begab er sich mit der Königin 
vom 7. bis 28. September an über Leipzig in das Erzgebirge, haupt- 
sächlich um daselbst den Nothstand zu mildern und durch Abhilfe man- 
cher Mängel die Bewohner zu trösten. 

Im Jahre 1840 begann er am 22. Juli eine Reise in das Riesenge- 
birge, wo er in Gesellschaft einiger jungen Botaniker in der Wiesen- 
baute einen fröhlichen Abend verlebte, und als ihn dieselben nach sei- 
nem Namen fragten, sich Friedrich nannte und eine gute Nacht wünschte, 
da er noch einen Brief an seine Frau schreiben müsse. Die Herren 
begnügten sich damit nicht, sondern suchten den Boten auf, welcher 
den Brief vom Gebirge hinabtragen sollte. Sie lasen hier zu ihrem 
Erstaunen: „an die Königin von Sachsen.” **) Er kam am 12. August 
wieder mit einer schönen Sammlung von Pflanzen zurück. Am 9. Sep- 
tember reiste er nach München und kehrte am 8. October zurück. 

Im Jahr 1841 folgte mit der Königin eine Reise nach Baiern und 
in die Alpen, von wo er am 22. August wieder zurückkehrte. 

Im Jahr 1842 reiste er am 4. August wieder nach Böhmen. 

Im Jahr 1843 besuchte er über Leipzig Thüringen und war abwe- 
send vom 23. bis 27. Juli. Am 3. September begann er einen Ausflug in 
den Harz und langte am 16. December wieder an. 


*) Die Reise in Krain ist beschrieben in der Allg. deutsch. naturhist. Zeitung 1847, 
Ss. 431 — 440. 

##) Dieser durchaus so und nicht anders statt gefundene Vorgang, wird in einigen säch- 
sischen Wochenblättern durch eine Aeusserung verunstaltet, deren Unmöglichkeit Jeder- 
mann einsieht, wer jemals das Glück gehabt hat, den König in seinen heitersten Momenten 
zu schen, Niemals entschlüpfte ihm eine Aeusserung gegen die Würde seiner Stellung, 
und jeder Zoll seiner Erscheinung war und blieb immer unverkennbar der König. 


17 


Im Jahr 1544 trat er die grössre Reise nach England an und reiste 
am 22.Mai ab, von wo er erst am 9. August unter feierlichstem Em- 
pfang wieder eintraf. Vom 14. bis 22. September machte er einen Aus- 
flug nach Leipzig. 

Im Jahre 1845, dem Jahre des Regens und der grossen Ueber- 
 schwemmung in Dresden, unternahm der König die schwierige Reise 
nach Ungarn, um die Karpathen aus eigner Ansicht kennen zu lernen. 
Auf keiner Reise hat derselbe so viel von nachtheiliger Witterung als 
auf dieser gelitten, dennoch übertraf seine Ausbeute alle Erwartung. 

Im Jahr 1846 wurde in Gesellschaft der Königin am 24. Juni ein 
Ausflug nach Potsdam gemacht, dann eine längere Reise nach Tiro], 
von welcher er heiter und gesund am 2. September wieder anlangte. 

Die Jahre 1847, 1848 und der Anfang von 1849 waren nicht ge- 
eignet an eine heitere Reise denken zu lassen, und erst am 14. October 
1849 wurde in Gesellschaft der Prinzen Johann und Albert eine Reise 
in das Voigtland gemacht. 

Im Jahr 1851 folgte am 1. Juli über Wien und Triest eine Reise 
nach Oberitalien, von welcher die Rückkehr am 11. August in Pillnitz 
statt fand. 

Im Jahre 1852 besuchte er über München abermals sein geliebtes 
Tirol, Kärnthen, Steiermark und Oberitalien, und ging am 15. Juli wie- 
der über Tirol nach der Lombardei und über Modena und Toscana nach 
Sardinien. Auf jeder dieser beiden Reisen wendete die Vorsehung die 
Folgen von wirklich eingetretenen Unfällen glücklich wieder ab. 

Das laufende Jahr 1854 führte dagegen jenes furchtbare Ereigniss 
herbei, welches vielseitig berichtet und näher beschrieben, in die tiefste 
Trauer Alle, die den erhabenen Verklärten kannten und liebten, so 
schmerzlich versetzt hat. 

Die schriftlichen. Aufzeichnungen, auf allen diesen Reisen gesam- 
melt, die er die Gnade hatte, mich bisweilen lesen zu lassen, sind von 
höchstem Interesse. 

Möge noch auf andere Zeugen der Thätigkeit in den Stunden 
der Muse des Königs geübt, ein Blick zu werfen erlaubt sein: auf sein 
Herbarium und seine Bibliothek und dann auf die unter Seinen Befehlen 
gediehene Fortbildung des Weinbergs in Wachwitz und des Schlossgartens' 
in Pillnitz. 

Denkt man sich alle die schönen Ergebnisse seiner eigenen Reisen 
und Excursionen, mit den zahlreichen Zusendungen, die er immer aus 
den Händen der Botaniker, die ihn verehrten, oder Reisender, die er 
unterstützte, erhalten, denkt man an die Production des Gartens in Pill- 
nitz und an die Sammlungen getrockneter Pflanzen, die er von Zeit zu 
Zeit kaufte, so ist sein Zerbarium gewiss ein bedeutendes zu nennen 
und für das Studium durch Sachkenner von hoher Bedeutung. Dasselbe 


ist ebenso prunklos und einfach als das von Friedrich August I. einge- 
Allg. deutsche naturhist. Zeitung. 2 


18 


riehtet und es gehört noch das von dem in Pesth verstorbenen bekann- 
ten Botaniker Rochel angekaufte Herbarium dazu. Von seinen Don- 
bletten theilte der König gern mit und fühlte sich beglückt, Andern 
dadurch Freude zu machen. Die letzte mir bekannte Mittheilung in 
dieser Art erhielt nach einer auf dem Weinberge zu Wachwitz stattge- 
fundenen wissenschaftlichen Audienz mit eigenhändiger Handschrift der 
Apotheker Zeöchel in Chemnitz. Anspruchslose Naturfreunde besuchte 
er gern und so ist er bei dem gemüthlichen Dr. Dehne in der Nieder- 
lössnitz zu wiederholten Malen gewesen, und hat sich an dessen schöner 
Sammlung wie an seinen lebendigen Thieren erfreut. 

Die Bibliothek wurde immer zweckmässig vermehrt, indessen stam- 
men die meisten Prachtwerke, wie die von Jacguin, Ventenat, Waldstein 
‘und Aütaibel, Tenore, Pohl, St. Hilaire, Hoffmansegg und Link, Curtis und 
Hookers Flora Londinensis, Flora danica, das grosse Werk von Alexander 
von Humboldt und andere, aus der Hand Seines Oheims; von grossen 
Prachtwerken hat Er selbst etwa vorzüglich die Plantae asiaticae von 
Wallich und Batemans Orchideae gekauft. Die Abbildungen seltner in 
Pillnitz_ blühender Pflanzen wurden durch die geistvollen Darstellungen 
des Hofmalers Moritz Tettelbach vermehrt, aber die immer zahlreicher 
von London aus erscheinenden, guten Abbildungen aller neuen Ent- 
deckungen, liessen immer mehr die Zahl der noch hier abzubildenden 
Arten vermindern, so dass nur die neunte Centurie vollendet worden 
und die zehnte begonnen. > 

Seine Arbeiten im botanischen Cabinet in Pillnitz, wie im Herba- 
rium in Dresden, wurden mit demselben Ernste, wie von seinem ehr- 
würdigen Oheim betrieben. Ich selbst war befehligt, jeden Freitag das 
mit ihm fortzusetzen, was Friedrich August I. eingeführt hatte, nämlich 
die Bestimmung oder Berichtigung der in dem Zeitraum von einer 
Woche zur andern aufgeblühten Gewächse und im Winter das Einord- 
nen in die Herbarien und in die Bibliothek. ‚Jene Berichtigung der 
Pflanzen, die man so häufig unter ganz falscher Benennung erhält, er- 
forderte auch hier die reiche Bibliothek und in neuerer Zeit, wo die 
Masse des Entdeckten immer grösser geworden, hatte sich auch die 
Sehwierigkeit dieser Untersuchungen immer mehr und bedeutend ver- 
mehrt. Der König war ebenso wie in allem, was er einmal begonnen, 
unermüdet beharrlich und diese Stunden waren ihm angenehm, und was 
noch weit mehr sagen will, sie blieben es ihm durch 27 Jahre hindurch 
bis an sein Ende, denn der Prinz wurde Mitregent und der Mitregent 
wurde König, aber seine Liebe zur Natur blieb sich bis in die letzten 
Momente seines schönen Lebens vollkommen gleich und noch am letz- 
ten Freitage vor seiner Abreise hatte er die Freude, unter den im bo- 
tanischen Cabinet aufgestellten Exemplaren, nächst vielen anderen Ge 
wächsen, besonders Orchideen, die Carolinea princeps und Costus specio- 
sus zum erstenmale blühen zu sehen. Die Berichtigungen der hier 


19 


blühenden;&ewächse wurden von jeher das Mittel, diesen Garten bei der 
Sorgfalt seiner Gärtner, welche diese Bestimmungen nicht wieder ver- 
‚wechselten , in dem guten Rufe zu halten, dass andre Gärten mit ihm 
in Tauschverbindung traten und die baaren Ausgaben für anzukaufende 
Pflanzen sehr mässig sein konnten. — Auch sein Studium der Pflan- 
. zenwelt war nicht einseitig für Species berechnet, ihn interessirte auch 
der Bau und das Leben der Pflanzen und die Fortschritte der Physiolo- 
gie, welche wir in seiner Zeit Mohl"und Schleiden, Göppert und Unger, 
Jrmisch und Cohn, Schacht und Hofmeister und Anderen verdanken, waren 
ihm ebenso geläufig, wie die Systematik, in welcher sein Geist immer 
Klarheit und wahren natürlichen Zusammenhang verlangte und liebte. 

Der Weinberg in Wachwitz giebt ein redendes Zeugniss von der 
tiefen Gemüthlichkeit unseres verklärten Königs. In gewohnter Beschei- 
denheit beginnend, kaufte der Prinz im Jahre 1824 des Grundstückes 
ersten Theil, und legte bald darin den Thiergarten an, welcher ihm bis 
an sein Ende manche Erheiterung gewährt hat. Durch successive Er- 
weiterung ist es zu dem herrlichen und grossartigen Ensemble gewor- 
den, welches für jeden Beschauer so leicht zugänglich ist und dessen 
neueste Acquisition der König noch kurz vor seiner Abreise mit wah- 
rer Freude erzählte. In Hinsicht der Lage und Aussicht ist dieser 
Weinberg fast unübertrefflich zu nennen, in Hinsicht auf Bequemlichkeit 
bei bescheidenen Ansprüchen, wahrer Menschengrösse vollständig ge- 
nügend und rücksichtlich der Erinnerung an daselbst verlebtes häusliches 
Glück und harmonischen Einklang zweier Herzen, fast einzig in seiner 
Art und der hohen Würde des ganzen erhabenen Königshauses gänz- 
lich entsprechend. 

Die Pflanzensammlung im Schlossgarten wurde während der Regier- 
ung Friedrich August II. bedeutend vermehrt. Der Garten hatte das 
Glück, ausgezeichnet sorgfältige Gärtner zu haben, vom Jahre 1798 an 
den Hofgärtner John, nach dessen Tode im Jahre 1832 am 28. April 
diese Stelle durch den vormaligen botanischen Gärtner Zerscheck aus 
Dresden wieder besetzt wurde. Beide haben den höchsten Ruhm eines 
Gärtners durch die ausgezeichnete Erhaltung der alten Pflanzen und 
durch die fleissige Heranziehung, sorgfältigste Etikettirung und Erhalt- 
ung der Etiketten, bei einem geringen Personale von Gehülfen, erlangt, 
alles Eigenschaften, welche eben so selten sich vorfinden, als sie für 
das Gedeihen eines botanischen Gartens unerlässlich genannt werden 
müssen. Beide Könige haben diese Eigenschaften immer erkannt. Unter 
dem Hofgärtner Terscheck wurden alle jene ehrwürdigen Zierden des 
Gartens in wahrer Pietät für den verewigten hohen Begründer dessel- 
ben erhalten und die Vermehrung der Arten von 4000 auf 16000 er- 
hoben. Davon sind 2500 Staudengewächse im freien Lande systema- 
tisch geordnet. In einem Wasserbassin im Freien sind über 20 Arten 

Nymphaea, Nuphar, Nelumbium, Dichorisandra, Limnocharis , Villarsia, Sa- 


20 


gittaria und dergleichen zur Blüthe gebracht. Das Palmenhaus bietet 
den Eindruck der Tropenwelt und ist dicht mit Gewächsen erfüllt. 
Pandanus odoratissimus 24' hoch, Phoenix dactylifera, farinifera, reclinata, 
und guianensis bis 16‘, Latania chinensis 18', Cycas revoluta von 5' Stamm- 
höhe, Dracaena longifolia 14’, arborea 11’, Aletris fragrans 24°, Cinna- 
momum verum, nitidum, Cassia 18 bis 22‘, Carica Papaya 14. Ein zwei- 
tes warmes Haus enthält eine grosse Anzahl gut gepflegter, zum Theil 
seltner Pflanzen, Dillenia speciosa von 9, Ficus nymphaeifolia und imperialis 
bis 13‘, Calyptranthes caryophyllata 10', Uvaria adoratissima 22', Adan- 
sonia digitata 20‘. Unter den Pflanzen des kalten Hauses befinden sich 
noch diejenigen Neuholländer, welche durch die Expedition von Joseph 
Banks mit zuerst nach Europa gelangt sind, grosse dickstämmige Bank- 
sien bis zu 14° Höhe, Arten von Hakea, Callistemon, Acacia meist 20 bis 
22’ hoch. Die ganze Sammlung dieser Gewächse steht im Sommer nach 
ihren natürlichen Verwandtschaften zusammengestellt, zwischen Hecken 
im Freien. Der Sachkenner findet sich in diesem botanischen Garten 
dadurch am meisten befriedigt, dass eben nicht, wie so häufig geschieht, 
die Sucht nach Neuem das Alte verdrängt hat. Der richtige Unter- 
schied eines botanischen Gartens von einem Luxusgarten bewährt sich 
hier durch die möglichst vollständige Aufstellung von Gewächsen aller 
Familien, so auch reicher Sammlungen von (isteen, Compositae, Labiatae 
und dergleichen mehr, in ihren alten typischen Formen. Das neue 
Orchideenhaus enthält neben einer Anzahl anderer Gewächse 275 Arten 
Orchideen in kräftigen Exemplaren, daher dergleichen in jedem Monate 
blühen. Auch der grosse Raum zwischen den verschiedenen Palais, 
welche zum Schlosse gehören, ist im Jahre 1837 durch den Hofgärtner 
Terschek geschmackvoll angelegt worden und die neuen Anlagen ziehen 
sich noch ausserhalb der zum Schlosse unmittelbar gehörigen Räume 
an der Elbe herab bis über die fliegende Fähre hinaus. In allen jenen 
Gewächshäusern, insbesondere im Orchideenhause und am Bassin der 
Nymphäen weilte der verewigte König mit innigster Freude und Liebe 
bis in die letzten Tage seines Lebens in Pillnitz. Der Schlossgarten da- 
selbst ist niemals öffentlich und niemals gesitteten Personen verschlossen 
gewesen. Jedermann fand daselbst Eintritt und bereits Friedrich August 
der Gerechte freute sich, wenn irgend Jemand für den Garten Theil- 
nahme zeigte. Von Botanikern hat derselbe früher Willdenow, Schwäg- 
richen und Schkuhr bei sich gesehen. Friedrich August II. nahm alle Män- 
ner der Wissenschaft gern auf, und erlaubte mir unter andern Sprengel 
aus Halle, 7reviranus aus Bonn, den Grafen Hoffmannsegg, Prof. Parla- 
tore aus Florenz, Prof. Dr. de Visiani aus Padua, Moretti aus Pavia, Dr. 
Bigelow aus Boston, Baron von Müller aus Stuttgart und Andere zu ihm 
zu führen. 

Dieser Garten erscheint jetzt zum ersten Male verwaist. Da wo 
noch vor Kurzem der Allgeliebte Friedrich August im Verein mit der in 


21 


immer -heitrer Harmonie seine Freuden theilenden Königin Maria sich 
liebend bewegte, da tönt jetzt dem einsamen Spaziergänger in abend- 
licher Weile ein Säuseln aus den hocherhabenen Wipfeln der ehrwür- 
digen Liriodendren, Platanen, Magnolien und canadischen Pappeln und 
Tannen entgegen und seine Wehmuth übersetzt es in die wenigen Worte: 


„hier haben zwei der besten Könige, welche jemals die Welt sahe, mit 


den Ihrigen 84 Jahre hindurch in reinster Liebe gewaltet!” 

Wenn uns seine innige und tief empfundene Liebe für die Natur 
characteristisch für sein Leben erscheint, so war doch sein allseitig ge- 
bildeter Geist empfänglich für alle Richtung. des menschlichen Wirkens, 
er umfasste mit Liebe das ganze weite Reich der Wissenschaften und 
Künste und belehrte sich durch eigene Anschauung in den Fabriken 
und Werkstätten des Inlands, wie in der weitesten Ferne. In seinen 
Sammlungen finden sich von seiner Reise mit seiner Gemahlin im Erz- 
gebirge sogar die aus Holz gedrechselten Ringe aus den Spielwaaren- 
fabriken in Sayda, welche sich durch spätere Mänipulationen in Thiere 
verwandeln. Dabei besass er das seltene Talent aus freier Hand in 
richtigsten Proportionen, die aus dem mannigfaltigsten Detail bestehen- 
den Ansichten von Gegenden, vorzüglich Gebirgszügen zu zeichnen. 
Von allen seinen Reisen brachte er zahlreiche Blätter solcher Hand- 
zeichnungen mit, sie mögen sich hoch über die Zahl von tausend belau- 
fen, und es gehörte unter seine angenehmsten Vergnügungen nach der 
Rückkehr diese mit‘ Vorlegung von Specialcharten zu erläutern, wo- 
bei seine unübertreffliche Erinnerung für alle die kleinsten Details, 
räumlich und zeitlich treu wiedergegeben, Bewunderung erregte. Er 
war so gnädig mir diese Relationen immer um so ausführlicher zu 
geben, als er beklagte, dass in der Jahreszeit seiner botanischen Reisen, 
in welcher gewöhnlich mehrere Fremde zum Anhören der in Dresden 
immer zahlreich besuchten Vorlesungen der Botanik hierher kamen, 
meine Amtspflicht mich hier fest hielt. Besondere Freude erregte ihm 
bei diesen Relationen die Erinnerung an jene Blicke von den Höhen 
der Berge oder zwischen Bergen und Schluchten hindurch, oder aus 
den Fenstern der Zimmer, die er bewohnte. Alle diese Blicke wurden 
in der Regel mit geübter Hand dem Papiere vertraut und seine Augen 
strahlten in reinster Freude, wenn er bei Mittheilung seiner Berichte 
darüber Theilnahme fand. In der höchst dankenswerthen Schrift des 
Director Frenzel, ist diese seine ernste und weitumfassende Kunstbestreb- 
ung noch weiter erläutert. 

Wollten aber alle diejenigen, welche das Glück hatten, durch ver- 
schiedene Fächer ihrer eigenen Thätigkeit mit ihm in Berührung zu 
treten, darüber berichten, welche Thätigkeit er in eines jeden Fache ge- 
übt hat, so würde sich nur der Beweis davon herausstellen, dass er es 
verstand, das vielgestaltige Leben der ganzen gebildeten Menschheit in 
seiner hohen Individualität selbst in klarster Harmonie zu beherrschen. 


22 


Wenn aber die zweckmässige Thätigkeit bis über die Stunden und 
kleinsten Momente der Muse verbreitet, immer die Mutter der Heiter- 
keit ist, so wusste er diese Heiterkeit auch noch durch eine seltene 
Menschenliebe zu nähren. Die feste und treue Anerkennung der Wahr- 
heit, des Rechts und der menschlichen Würde und Sitte lag allen seinen 
Handlungen und Aeusserungen zu Grunde, die wahre reine Humanität 
lebte immer in ihm. 

Ich kann nicht unterlassen, auf die Aeusserung dieser Humanität 
noch einen Rückblick zu werfen. Seine innige Liebe zu Kindern war 
so rein und edel, dass sie in der That mehr als einmal, wenn er sich 
überall freute, wo wir gesunde, muntere, freundliche Kinder der Land- 
leute trafen, an jene erhabenen Worte von Christus mich lebhaft erin- 
nerte, welche die reinste Reinheit einer Seele verkünden. Seine grosse, 
wahrhaft christliche Nachsicht gegen Alle, nur nicht gegen sich selbst, 
ist zu bekannt, denn sie hat selbst in den entscheidensten Momenten 
treu sich bewährt. Ebenso lebendig steht die Erinnerung vor uns, wie 
das hohe Brüderpaar bei Unglück und Gefahr selbstthätig einschritt, 
bei jener furchtbaren Ueberschwemmung im Jahr 1845, bei mehreren 
Feuersbrünsten thatkräftig mitwirkte, zu löschen, zu retten, zu helfen, 
zu trösten. 

Ja, wahrhaft tröstend und erhebend war sein liebevoller Blick, wenn 
er in tiefster Rührung einen seiner treuen Diener nach Genesung von 
schwerer Krankheit mit beiden Händen erfasste, als wollte er sich ge- 
wiss machen, glauben zu dürfen, er sei ihm wiedergegeben. Bei allen 
Leiden, welche ihm bekannte Personen getroffen, litt er tief mit und 
schon das Bewusstsein seiner Theilnahme wurde Vielen das Mittel zur 
heiteren Genesung. Sein im Anschauen der Entwickelung der organi- 
sirten Natur so tief begründetes conservatives Prinzip, welches z. B. 
jede Zerstörung vegetabilischer Bekleidung von Mauern oder jede Ver- 
nichtung alter Bäume missbilligte, fand den höchsten Reflex in seiner 
Achtung des Lebens der Menschen. 

Einen Fall seiner Achtung für das Alter, bitte ich noch erzählen 
zu dürfen. Es war an einem schönen Tage des Monat August im 
Jahr 1829 als wir bei Tagesanbruch in Frauenstein angelangt, von da 
nachdem der Prinz den Anblick der Stadt für sein Stammbuch gezeich- 
net, über Schönfeld hinaufgingen, um dann durch den Höllengrund em- 
porsteigend an das 2354 Fuss hochliegende Dorf Schellerhau zu gelangen 
und Cineraria rivularis daselbst blühen zu sehen. Am heissen Mittag 
zingen wir dem Ufer der wilden Weisseritz entlang, herrliche Wiesen 
mit hohem Grase lagen zur Seite, die Arnica stand noch leuchtend in 
vollester Blüthe, die feinen federartigen, smaragdgrünen Blätter der 
Bärwurz erschienen truppweise gruppirt auf der Wiese, das überaus 
zierliche Galium sawatile streckte seine Guirlanden am Boden dahin oder 
sie hingen über die Steine am Ufer des rauschenden Flusses und 


23 

Cirsium heterophyllum hob zerstreut über die Wiesen die dunkelrothen 
Köpfe über die Arnica und über die hohen Gräser empor. Ein tiefes 
Schweigen beherrschte die Landschaft, denn die früher über den Wip- 
feln kreisenden Sperber und Habichte beängstigten nicht mehr die jun- 
gen Bruten des Waldes und hatten sich in der Hitze m den dunkeln 
. Zweigen des Dickicht verborgen. Nur die rein kastanienbraune Zigea 
flog geräuschlos noch an den grünen Abhängen und suchte den äroma- 
tischen 7%ymus, zwischen den Blumen auf der Wiese flatterte die düster- 
gefärbte, weissgesäumte Chaerophyllata herum, und hier und da flog vor 
den Fusstritten die schöngezeichnete Zuprepia plantaginis auf, aber Noctua 
graminis sass hier und da mitten in den Blüthenköpfen der Arnica, still 
ausruhend unter den senkrechten Strahlen der Sonne, von der reissend- 
schnellen Bewegung ihres Flugs in der verflossenen Nacht. Der Prinz 
fühlte sich sichtbar glücklich im Verständniss des reichen Detail in die- 
sem grossen, erhaben lebendigen Bilde der friedliehen Natur seines 
Landes. Aber bald wurde dieser so reizende Schmuck den Wiesen ent- 
nommen, denn als wir weiter gelangten, sahen wir Schnitter beschäftigt, 
welche mit Sensen die Wiesen ihres hohen Grases beraubten. Wir 
näherten uns dem Uebergange über den Fluss, wo man den durch die 
fluthenden Wintergewässer weggerissenen Steg durch den einfachen 
Stamm einer mässigen Tanne ersetzt hatte, und sahen, dass eben ein 
hochbejahter Schnitter dem Baumstamme sich näherte, um hinüberzu- 
gehen. Als wir herankamen, trat er freundlich grüssend zurück, aber 
der Prinz fragte ihn: „du willst wohl auch hinübergehen?” worauf er 
antwortete: „meine Sense liegt noch drüben, die will ich mir holen!” — 
Hierauf sagte der Prinz: „dann bleib hier, die will ich dir geben” mit 
einigen Schritten war er hinüber, fasste die Sense, kam eben so schnell 
wieder herüber, reichte sie dem verwundert dankenden Greise, dessen 
Kindeskinder vielleicht noch lange einander diese Auszeichnung er- 
zählen. Noch heute steht der tiefgerührte, silberhaarige Greis, der wahr- 
scheinlich längst ruht, lebendig vor meiner Erinnerung. 

So liebend und mit der ganzen Welt sich versöhnend und diesen 
Grundsätzen gemäss in jeder Richtung hat Friedrich August gewirkt und 
auch der harmonische Einklang seiner Studien der Werke Gottes mit 
den Geboten seines Wortes, der ihn in allen seinen Thaten belebte, hat 
vielfachen Segen gebracht. 

Wenn ich in diesem zweiten Theile unsrer Betrachtung nur einige 
wenige und rein objeetive Aeusserungen des verewigten Königs er- 
wähnte, so bleibt mir noch ein Schatz reicher Erinnerung an Aeusser- 
ungen, welche eben um ihrer tieferen Subjectivität willen, als Zeichen 
jener persönlichen Gnade, welche bis über die Grenzen des Lebens 
hinausging, im dankbaren Gemüthe verschlossen, welche durch eine 
jede Veröffentlichung verlieren würden, an ihrer hohen Bedeutung, an 
jener heiligen Weihe, welche nur in der eignen Erfahrung des Indivi- 


24 
duums lebt. Dies Erlebniss aber, ist ein lindernder Trost für den Rest 
des eigenen Lebens, welcher die bleibende Wehmuth, so viel als noch 
möglich, erheitert. , 

Nur mit wenigen Worten mögen wir noch die dritte Frage zu be- 
antworten suchen: welchen Erfolg für die Zukunft, von des Königs Har- 
monie in seiner Verehrung des Wortes und der Werke Gottes, dürfen wir 
hoffen? 

Ich vermuthe einen dreifachen Erfolg. Zuerst hat der König das 
erhabene Beispiel gegeben und ins wirkliche Leben im Angesichte der 
ganzen Menschheit geführt: dass diese Harmonie, wenn sie sich auf reine 
und wahre Anschauung der Natur treulich begründet, würklich besteht, 
und dadurch bewiesen dass wo diese Harmonie gestört wird, dann der 
Grund in dem Mangel an Wahrheit und Treue der Naturanschauung 
liegt. Jener falsche materialistische Weg, den man gegenwärtig dem 
Volke aufdringen will, und weil man das Bessere nicht lehrt, wirklich 
aufdringen lässt, wo Naturforscher sich auf die Wunder der Natur setzen, 
wie jene Fliege, deren Carus erwähnt, im Phönix, in seinen „gelegent- 
lichen Betrachtungen über den Character des gegenwärtigen Standes der 
Naturwissenschaft“, welche Fliege auf dem Apoll im Belvedere sitzend, 
diesen allerdings nur als kalten Marmor erkennt, jene Construction des 
Geistes aus dem Magen oder aus jeder anderen Retorte, welche conse- 
quent zu der Anschauung führen würde, dass die gegenwärtige, so 
fein: genusssüchtige Zeit nur aus lauter grossen und fast gleichgrossen 
Geistern bestehen müsste, und welche von der Sterblichkeit jenes Magen- 
geistes nach dem Aufhören seiner Genüsse, zum Atheismus dahinführt, 
ist freilich jenes „Wissen“ zu nennen, „welches um Christum herum- 
geht,“ darin stimmen wir vollständig bei, und der verewigte König hatte 
sehr recht, wenn. er im Jahr 1848 unmittelbar nach sener Verwunderung 
darüber, dass ein practischer Naturforscher dahin gelangen könnte, die 
Vermuthung hinzufügte: es möge dabei doch wohl die wahre Grundan- 
schauung gefehlt haben. Darum kehren wir lieber zu dem alten Glau- 
ben zurück: „es ist der Geist, der sich den Körper baut!“ 

Nur auf diesem Wege wird das Selbstbewustsein und die Selbster- 
kenntniss des Menschen gefördert und er hat dann nicht vergeblich die 
vielen Stufenleitern der organisirten Welt in ihrem Parallelismus er- 
stiegen, wenn er auf den Punkt jener Höhe gelangt ist, wo endlich der 
Geist in seiner Vollendung selbstständig wird. Das grosse Reich dieser 
Geister werden wir nimmer mit Destillirkolben und Retorten besiegen 
und bannen. 

In der That, die wahre Anschauung der Natur liegt im christlichen 
Prinzipe und ist tief in der Liebe begründet. Recht verstanden ver- 
kündet auch das Gift der Pflanzen und Thiere die Liebe, und die Zer- 
störungen des Schiffswurmes sind nur Abweichungen von seinem wahren 
Berufe die gefährlichen Wraks zu vernichten, und alle conservative Ver- 


25 


hältnisse im physischen Leben der Menschheit finden wir als Vorbild 
schon in der Natur. Hier galten schon weit früher als in der historischen 
Zeit alle nur denkbare Verhältnisse der Ehe und der Erziehung mit 
ihren Folgen; hier die Kinderbewahranstalten und Waisenhäuser, hier 
die Blinden- und Taubstummeninstitute mit ihrer Tast- und Zeichen- 
‚sprache und die Hospitäler für Kranke und Greise, sie haben ihre Be- 
gründung gefunden in der präadamitischen Zeit. Revolutionen aber 
sehen wir nieht mehr in der Natur, denn sie dienten nur in der Urzeit 
zu der ersten Bildung des Erdkörpers, zu der Vorbereitung des Wohn- 
platzes für den friedlichen Menschen, für welchen Zweck auch ein 
Untergang und ein Wechsel von Thiergenerationen, ein stufenweises 
Steigern und Auftreten derselben bedingt war. Dagegen hat der Krieg, 
die Vernichtung einer und derselben Species unter sich keine Begrün- 
dung, kein Vorbild in der Natur. Was uns Homer und 4elian, was 
Oppian und Plinius von den Kriegen der Thiere erzählen, das sind 
Malereien der dichterischen Phantasie ihrer Zeiten, dennoch sehr natur- 
gemäss nur im Bereiche verschiedener Arten geschildert, denn die Art 
in der Natur kennt für sich nur das conservative Prinzip und die ge- 
_ selligen Thiere einer Art lieben einander unter sich vielmehr als die 
Menschen, daher eine Unnatur, wie der Krieg, unter ihnen nicht und 
niemals Platz greifen kann. Eine Vernichtung in Masse und dann eine 
Vernichtung der vollkommensten, kräftigsten und edelsten Individuen 
untereinander müsste im Plane der Schöpfung, welche auch ihre schwäch- 
sten und ältesten Individuen, so wie einerseits die Menschheit hierin ihr 
nachahmt, noch mit oft wunderbarer Sorgfalt erhält, inconsequent, zweck- 
widrig und selbstvernichtend für die Species erscheinen. Und wirklich 
nehmen wir auch wahr, dass historisch und factisch erwiesen, jedem 
bedeutenden Kriege im Plane der Vorsehung, um der Menschheit jene. 
Inceonsequenz zu beweisen, als ganz unvermeidliche Wirkung einer Ver- 
wundung, Verkrüppelung, Zerstörung und Auflösung so vieler Organis- 
men, Pest und Seuchen aller Art und eine auffällige und factisch nach- 
gewiesene physische und moralische Schwächung und Verderbniss der 
Generationen naturgesetzlich streng und sicher gefolgt sind. Wilde 
Völker haben auf diesem Wege ihre ganzen Stämme vernichtet, nur die 
friedlichen wie die Samojeden, Grönländer und Lappen haben sich ohne 
Krieg kräftig blühend erhalten und folglich auch von ihnen sagte Za- 
martine mit Recht: „gebildete Völker führen keinen Krieg.“ Wohl uns, 
dass dieser Ausspruch jetzt auch Deutschland gebührt. 

Die Wissenschaft von der Vernichtung der Menschheit und ihrer 
Werke ist in der Gegenwart auf ihren Culminationspunkt gelangt, und 
vielleicht auf diesem endlich wird man dennoch die menschliche Ohn- 
macht und den wahren Plan der Schöpfung und das Prinzip der christ- 
lichen Lehre erkennen und jene zu einer conservativen Wissenschaft für 
den Schutz und für die Erhaltung eines allgemeinen Friedens gestalten. 


26 


Nur zum Schutz und zur Vertheidigung von König und Vaterland giebt 
es einen naturgemässen, geheiligten Krieg. Nur wer dieses Moment 
erlebt, wird mit Recht sagen können, dass er den sittlichen Fortschritt, 
dass er die wahre Veredlung der Menschheit, dass er das lebendig ge- 
wordene Christenthum endlich begrüsste. 

In ähnlicher Weise ist auch die ganze Natur, dafern wir sie rich- 
tig verstanden, ein Spiegel der Menschheit und eine grosse und von 
Gott selbst erschaffene und dem Menschen offenbarte und auf allen sei- 
nen Schritten vorgelegte heilige Symbolik, von Christus selbst oft genug 
als solche gedeutet. Wie soll die Anschauung dieser Natur, die in allen 
ihren Theilen selbst nur Symbol ist, wie soll sie die Bedeutung der 
Symbole der Religion schmälern oder gar aufheben können? Der hoch- 
erfahrene und allverehrte Alexander von Humboldt sagt in seinem Kos- 
mos: „Die christliche Richtung des Gemüths ist die: aus der Weltord- 
nung und aus der Schönheit der Natur die Grösse und Güte des in ihr 
wohnenden Geistes zu beweisen.“ — Nur Fanatiker ihres eignen Wor- 
tes, das sie über das Wort Christi egoistisch erheben, können es ver- 
suchen, den von Gott selbst gegebenen Commentar seines Wortes ver- 
achten und vor der Menschheit verbergen zu wollen. | 

Zweitens dürfte im Erfolg des erhabenen Beispiels des verewigten 
Königs und jener Theilnahme, welche schon Friedrich August I. für die 
naturwissenschaftliche Bildung der Jugend gezeigt hat, die Zeit heran- 
nahen, wo endlich einmal, da wo dies noch nicht stattfindet, die wahre 
und eben wahrhaft segensreiche Kenntniss der lebendigen Natur in die 
Bildung der Jugend weiter und allgemein eingeführt werde, sobald da- 
zu die zweckmässige Bildung einer hinreichenden Anzahl sachkundiger 
Lehrer wirklich vorausging. Wir müssen dies wohl auf das dringendste 
wünschen, denn die Naturforschung, insbesondere die Erforschung der 
lebendigen Natur, ist ja der wahre Schutz für die Jugend gegen die 
Fehltritte auf der Bahn ihres Lebens, ja die Naturforschung ist der ver- 
einte Gottesdienst aller Confessionen der Welt. 

Drittens wird diesem Achtung gebietenden Vorgange, der ernsten 
und hingebenden Beschäftigung eines der edelsten Fürsten mit der 
Natur folgend, die Naturkenntniss auch wieder öfters das Eigenthum 
von Privatpersonen werden, sie wird sie vor Müssiggang und nach- 
theiligen Genüssen, vor unsinnigen Spekulationen und Phantasieen be- 
wahren, wird sie über ihr eignes Handeln und Wirken belehren und sie 
aufklären über tausende von Vorgängen im Leben, sie wird ihr Alter er- 
heitern und auf jedem Spaziergange ihnen eine treue und sie unterhaltend 
belohnende Führerin sein, wird ihr Urtheil über die Welt berichtigen 
und mildern und in der Anschauung der Natur sie klarbewusst und 
gläubig aus tiefster Ueberzeugung zu deren Schöpfer erheben. Sie wer- 
den darin dem heiligen Willen Gottes selbst folgen, welcher die Man- 
nigfaltigkeit und Schönheit seiner unnachahmlicher Werke selbst als 


27 


Mittel zu einer menschlichen Erkenntniss seiner Allmacht und Grösse für 
alle Menschen gegeben. 

Zum Schluss kommend, erinnere ich zuerst daran, wie dankbar 
die Beschäftigung der Musestunden des Königs von denjenigen aner- 
kannt worden ist, welche den Gegenstand derselben zu schätzen ver- 
‘standen. Es ist für jeden strebenden Geist wahrhaft erhebend, wenn 
eine hochgestellte Person dieselbe Richtung, welcher er sich selbst ge- 
weiht hat, beachtet und würdigt. Aber der ganze, weit über die Fläche 
der Erde verbreitete Kreis der wahren Naturforscher war mit allem 
Rechte stolz darauf, dass eine so reine und so in ihrer Art einzige Per- 
sönlichkeit, wie die des verewigten Königs, mit ihm dasselbe Bestreben 
getheilt hat. Nicht allein durch viele und grösstentheils ganz anspruchs- 
lose Zusendungen an ihn selbst gab sich dies kund, sondern ausserdem 
nach dem Brande im Zwinger durch zahlreiche und zum Theil höchst 
bedeutende, in mineralogischer Hinsicht an meinen werthen Collegen 
Prof. Geinitz, in zoologischer Hinsicht an mich selbst gerichtete Send- 
ungen aus buchstäblich allen, auch den entferntesten Theilen der Erde 
wurden Zeugen der freudigsten Ehrerbietung für den König und der 
allgemeinsten Theilnahme bei jenem Verluste und es war uns oft rüh- 
rend, Beweise der innigsten und anspruchlosesten Liebe darunter ken- 
nen zu lernen, in einer Zeit, in welcher wir für die Neubegründung 
der Sammlungen alles, auch das Geringste aufrichtig dankbar empfingen. 

So allgemeinen Dank hat der Verewiste sich auch durch seine 
Theilnahme für seine Anstalten für Naturwissenschaften bereitet. Als 
nach lauten und heftigen Gegenbestrebungen jene unzweideutigen Be- 
weise der Anerkennung und Achtung für das Wirken und Fortbestehen 
der Königl. mediemisch-chirurgischen Akademie in den Kammern der 
versammelten Stände des Landes ausgedrückt wurden, da war es wohl 
Niemand mehr, als der König selbst, welcher darüber sich freute, dass 
diese Anstalt durch seinen hohen Ahnherrn Friedrich August den Ge- 
rechten, dessen Schöpfungen er immer in treuester Pietät noch kindlich 
erkannte, in weiser Erwägung ins Leben gerufen, bei der stets beschei- 
denen Stille, in der sie gewirkt hatte, dennoch so wie von ihm selbst, 
auch von den Ständen anerkannt wurde. Und in der That haben wir 
auch in andern Staaten nach Aufhebung ähnlicher Anstalten, die Wie- 
derherstellung derselben mehr als einmal erlebt. 

Auch die Gesellschaft 7sis, in deren Auftrage ich die Ehre hatte, 
vor ihnen zu sprechen, löst dadurch nur ihre Pfiicht des tiefempfunde- 
nen Dankes, denn durch sein Allerhöchstes Wohlwollen ist sie gediehen, 
und auf diejenige Stufe der Entwickelung und Theilnahme gelangt, 
deren sie jezt sich erfreut. Im Jahre 1834 durch den dem verewigten 
Könige durch sein treffliches Pilzwerk bekannten und von ihm geschätz- 
ten Naturalienmaler Harzer, welcher auch für König Friedrich August. 
schon gemalt hatte, zestiftet. hat sie im Laufe der Zeit sich weiter ent- 


28 


faltet und ist die einzige mir bekannte, wissenschaftliche Gesellschaft 
geworden, welche in jedem Monate fünf zahreich besuchte Versamm- 
lungen hält: eine Hauptversammlung für jeden Monat und noch vier 
Versammlungen für die Sectionen Mathemathik nebst Physik und Chemie, 
dann Mineralogie, Botanik und Zoologie, als die Hauptwissenschaften 
gesondert. Es ist die innere Einigkeit und das anspruchlose Walten 
aller Mitglieder, welche diese Entwickelung unter der immer zugeneig- 
ten Theilnahme des Königs an den Mittheilungen über ihr Fortschrei- 
ten und über ihr geräuschloses Wirken, so günstig gefördert. 


Ich freue mich auch und ich danke herzlich dafür, dass es mir ver- 
gönnt worden ist, in diesem Saale sprechen zu dürfen, hier an dieser 
Stelle, von wo ich selbst in den Zeiten der Aufregung mehr als einmal 
jene noch in der Erinnerung bekannte breite Unterlage und jene An- 
sichten unbedingter Freiheit und Gleichheit auf die Gesetze und auf die 
Schranken der von unten bis nach oben sich steigernden, stufenweise orga- 
nisch gegliederten Natur zurückzuführen versuchte, hier wo man das Wohl 
der Bürger der Residenz in ernster Weise verhandelt, hier wo stets nur 
das Gute wollende Männer dasselbe fördern und ausführen helfen und 
dadurch auch hier die Erinnerung an eine grosse Schöpfung des allge- 
liebten Königs dankbar und lebendig erhalten. Gewiss handelten die- 
selben auch ganz im Sinne und im Geiste dieses verewigten Königs, 
durch die neue Organisation der Realschule in Neustadt-Dresden, durch 
welche sie das schönste Denkmal ihrer Achtung für die Naturstudien 
sich selber gesetzt haben. Denn sie haben im reinsten Einverständniss 
mit den verdienstvollen Lehrern der Anstalt diejenige Harmonie zwi- 
schen den Naturwissenschaften und den klassischen Studien ins Leben 
gerufen, welche allein für die praktische Bildung der gesitteten Mensch- 
heit die entsprechende, ja, welche die wahre Aufgabe der Zeit ist, da 
die Extreme sich niemals bewährt haben. Denn das Studium der Natur- 
wissenschaften ohne klassische Bildung führte wohl immer zur anmas- 
senden Halbwisserei, während das ausschliessliche Betreiben klassischer 
Studien in der Vorzeit geübt, ohne alle Rücksicht auf die lebendige 
Natur, gar zu oft nur Pedanten erzeugt hat. Die Erkenntniss des Leben- 
digen ist es vor Allem, welche uns aufklärt über die höchsten Vorgänge 
in der sichtbaren Welt, und welche unsere Ahnung einer Welt der 
Geister in bewusster Weise vermittelt. Genehmigen Sie, hochgeehrteste 
Herren des Rathes der Stadt und Herren Stadtverordnete, gewiss im Namen 
aller Mitglieder der Isis, durch mich den innigsten Dank für Ihr Wir- 
ken durch diesen Zweck, für das Wohl unsrer Bürger. 


So segnend hat nach allen Richtungen hin der Geist Friedrich 
August's für uns gewirkt und er wird fortwirken, aber wir beklagen 
dennoch in tiefster Trauer sein Scheiden von uns, aus seinem liebevol- 
len irdischen Walten und Wirken. 


25 


Aber einen Trost hat uns Gott wiedergegeben, welcher eine in 
gleicher Weisheit regierte Zukunft, eine gleiche Förderung aller Wis- 
senschaften und Künste, eine gleiche Wahrung aller Interessen, eine 
_ gleiche und wahrhaft väterliche Liebe für Alle uns sichert. Ich spreche 

ihn nicht aus, diesen Trost, denn der Dank und die Rührung dafür er- 
-füllt unsere Herzen und jeder Einzelne von’uns begegnet dem Andern 
in dem aus tiefster Seele treu und freudig entquellenden Wunsche: 

„Gott erhalte den König, Gott erhalte und beschützte immerdar das 
ganze hohe Königliche Haus!“ 

Genehmigen Sie allerseits, hochzuverehrende ande, meinen 
tiefempfundenen Dank für die theilnehmende Nachsicht, welche Sie 
meinen schwachen Worten gewährten. 


Rückblicke auf die Grundsätze der Naturforschung im 
Laufe der Zeit. 


„Prüfet Alles und das Gute behaltet!‘“ 


Das Erdleben im Ganzen betrachtet, ebenso wie. das Leben eines jeden 
einzelnen organisirten und zum Subject in diesem Erdleben gewordenen 
Wesen an sich, kann nur durch Gegensätze bestehen und wird nur 
durch deren Gegenwirkung in und ausser sich, selbst als lebendig er- 
kannt. Und wie nur in dieser Weise das Leben im Weltall und das 
Einzelleben der Organismen seine Entwickelungsstufen zu durchlaufen 
vermag, ebenso wurde auch das Wissen der Menschen, so lange wir 
Kunde haben von dem Beginnen irgend eines seiner manigfaltigen 
. Zweige und von dessen lebendigem Fortbilden und Wachsthum, immer 
nur durch dergleichen bestimmte und oft schroffe Gegensätze gefördert. 
Gegenseitig einander anregend, wirkten dieselben im Wechselkampfe 
des Menschengeistes, oft sogar das einzelne Leben bedrohend und ge- 
waltsam ertödtend, dennoch das allgemeine erhaltend und stärkend für 
neues Gedeihen. Und alle Wahrheiten gingen auf diesem Wege aus 
ursprünglichen Irrthümern und Zweifeln hervor, welche abschweifend 
nach den Extremen verschiedener Seiten, zwischen sich nur erst nach 
weiser Erwägung und sorgsamer Prüfung, in ihrer Mitte die Wahrheit: 
bedingten. Es waren dann die Momente der wieder eingetretenen, der 
endlich gewonnenen Ruhe, welche die Wahrheiten als Endresultate der 
Kämpfe hervortreten liessen, ja, unbewusster Kampf gestaltete sich end- 
lich zu klarem Bewusstsein. 


30 


Ein Hineinblick, selbst noch in die Fortbildung der Naturwissen- 
schaften unserer gegenwärtigen Tage, dürfte das Gesagte anschaulich 
machen, und so wie die Materie von Alters her immer wieder sich auf- 
lösst und im Wechsel der Stoffe sich zu neuen lebensfähigen Formen 
organisch verbindet und neu wieder gestaltet, ebenso würde auch wie 
vom Anbeginn alles Wissens das Walten derselben Gegensätze uns klar 
machen können, wie nicht minder in der geistigen Sphäre dieselben 
fortwirken und wie sie weniger an sich neugeboren als neugestaltet, im 
altgewohnten Kampfe noch heute verharren und in ihrer Wechselwirk- 
ung alte Wahrheiten wieder neu beleben und läutern. 

Aber ein flüchtiger Rückblick nach den übriggebliebenen Spuren 
jener Bahnen, in welchen das Ahnen und Zweifeln, das Erwägen und 
Prüfen und das Kämpfen und Wissen der Vorzeit gewandelt, wird allein 
im Stande sein, einen Vergleich zwischen Altem und Neuem vermitteln 
zu können, und es wird voraus nothwendig werden, um, wie wir bei 
der Lebensgeschichte des einzelnen organisirten Wesens immer thun 
müssen, auch diese Betrachtung einer Richtung des geistigen Lebens von 
ihrem Ursprunge zu erfassen, um ihre Entwickelung klar begreifen zu 
können. 

Das alte, kräftig und kolossal selbstschaffende Volk der Aegypter 
sah die ganze Natur durchdrungen von übermenschlich göttlicher Kraft 
und aus Allem was lebte, traten seiner Phantasie göttliche Eigenschai- 
ten und Kräfte selbstständig wirkend, wieder entgegen. Auch ihre 
Thierwelt repräsentirte noch Götter und die Verehrung des J/chneumon 
und /bis war ebenso auf Dankbarkeit begründet, wie die des durch einen 
Lichtstrahl in reinster Empfängniss erzeugten Apis und die des heiligen 
Ateuchus, welcher als Bild der alljährlichen Verjüngung des Lebens und 
als Repräsentant der männlichen Kraft seine Kugeln vom Aufgang bis 
zum Niedergang der Sonne durch die Wüste unablässig dahinrollte, auf 
einer tief im Leben des ganzen Volkes eingewohnten Symbolik beruhte, 
welche überhaupt der ganze Grund ihrer Naturanschauung und ihrer 
Götterlehre geworden. So begegnen wir den Aegyptern, als den älte- 
sten Pantheisten, den ersten uns bekannten Repräsentanten für die An- 
schauungsweise der Natur im Urgesetze der Dynamik. Ihre Isis im 
Tempel zu Sais gab insbesondere den Aufschluss über die Bedeutung 
der subjectiven selbstschaffenden Natur, welche bei ihnen gegolten, denn 
sie führte die Inschrift: „ich bin was da war, was ist und was sein 
wird und meinen Schleier hat noch kein Sterblicher gehoben.“ — 
Auch die Griechen begannen ihre Naturbetrachtung und Philosophie in 
ähnlicher Weise, und der schöne Mythos von der aus den Wellen des 
Oceanes, aus dem Schaume des Meeres entsteigenden Aphrogeneia, aus 
deren Fusstritten Pflanzen entkeimten und Thiere entstanden, entfaltet 
schon den tiefern Einblick in die Bedeutung des Wasserelementes, wel- 
ches alle spätere Zeiten als die Wiege des Lebens erkannten. Die 


si 


poetische Empfindung der Zeit schilderte die göttlichen und mensch- 
lichen Eigenschaften der Thiere und ihren Nutzen, und Homer nennt 
uns etwa 1000 Jahre vor Christo die Pflanzen und Thiere, welche seine _ 
Zeit kennen gelernt hatte. Die Zdda schildert uns die Mythologie des 
Norden, die Genesis von Moses höchst bedeutungsvoll die periodische 
- Schöpfung der Welt in demuthsvoller Anschauung aus dem Gesichts- 
punkte des Monotheismus. Der uralte Buddhaismus zeigt noch das 
Eigenthümliche, dass er neben der Uebereinstimmung in Annahme eines 
unsichtbaren, ewigen, allmächtigen oder allgütigen Schöpfers, den der 
Mensch, dieser Lehre zufolge, schweigend anbeten soll, die Möglichkeit 
einer irdischen Vollkommenheit annimmt, die durch Tugend erreicht 
werden kann, um den Menschen selbst zu einem Buddha oder Weisen 
zu machen, während für ein unwürdiges Leben nach dem Tode die 
Seelenwanderung, die Einkehr der Seele in ein entsprechendes Thier 
anstatt anderer Strafe erfolgte. Die Wissenschaft entwickelte sich vor- 
züglich aus jenen Ansichten über Gott und über die Welt oder die Na- 
tur und über den Menschen, welche die Weltweisen Griechenlands lehr- 
ten. Thales (geb. zu Miletos 684 v. Chr. 7 568) lehrte in Jonien den 
einigen Gott, den er als den Schöpfer der Welten erkannte und als den 
Oberherrn der Dämonen, wie alles Lebendigen. Er stellte nächst der 
Gottesverehrung die Selbsterkenntniss als die zweite Aufgabe an das 
Leben’ der Menschen. 4esopus (in Phrygien geb. um 550) lebte am 
Hofe des Krösus und dichtete Fabeln, in welchen das Leben und Han- 
deln der Thiere menschlich dargestellt war. Pythagoras (geb. zu Samos 
580 vor Chr. 7 500) verband in Folge vielseitiger Bildung die Kennt- 
niss der Natur mit der Mathematik, nannte sich zuerst selbst Philosoph 
und lehrte die Unsterblichkeit, aber zugleich die Wanderung der Seelen 
aus einem Wesen in das andere. In Italien führten Aenophanes, Par- 
menides, Melisses und Zeno die ältere Lehre vom Pantheismus noch ein- 
mal zur weiteren Ausbildung hin. Demoeritus (geb. zu Miletos, wurde 
104 Jahr alt 7 356 vor Chr.) empfand zuerst die Nothwendigkeit das 
Wesen der Dinge an sich zu analysiren und jenen gar zu allgemeinen 
Anschauungen des Pantheismus eine ihren innern Zusammenhang er- 
. läuternde Erklärung entgegen zu setzen. Dieser nothwendige und zu 
weiterer Forschung anregende Gegensatz gestaltete sich in ihm zum 
Atomensysteme. Die Materie galt ihm als das Wesentliche, und die 
Endtheilchen oder Atome als die Bestandtheile und Wiedererzeuger der 
Dinge. Socrates (geb. zu Athen 469, + 399 oder 400 v. Chr.) begrün- 
dete durch seine praktische Lebensphilosophie ein neues Bestreben zu 
reinerer Anschauung einer allmächtigen Gottheit und trank den Gift- 
becher, anstatt seiner Lehre zu entsagen in festem Glauben an die Un- 
sterblichkeit der menschlichen Seele. Platon (geb. zu Athen 429 oder 
430, 7 384 v. Chr.) ging aus seiner Schule hervor als prüfender Ratio- 
nalist. Sein Nachfolger Aristoteles (geb. in Stagira in Macedonien 384 


32 


+ 322*), der Stifter der peripathetischen Schule, wurde von dem bezau- 
bernden Eindruck, den die Natur auf ihn machte, gefesselt und von 
dieser Bewunderung der Schöpfung zur Anschauung und tiefern Erforsch- 
ung derselben geleitet. Sein gewaltiger Geist geht von dieser Wirklich- 
keit und von der eignen Erfahrung und Realkenntniss aus und schrei- 
tet im Gegensatz mit seinem Lehrer Platon vom Besonderen zum All- 
gemeinen seine Anschauung steigernd. Aristoteles wurde dabei‘ wieder 
Analytiker. Auf diesem Wege wurde Aristoteles der erste, welcher mit 
klarer Anschauung die organisirten Körper in ihre Theile zerlegte und 
seine Anatomie ist auch die Grundlage geworden für unsere eigene Kennt- 
niss des Zusammenhanges und Baues der Formen wie der durch das Dasein 
und die Eigenschaften der Materie bedingten Phänomene des Lebens. 
Aristoteles ist darum der erste Begründer einer eigentlich wissenschaft- 
lichen Naturkunde mit allem Rechte zu nennen. Die Zurückführung aller 
Erscheinungen in der Natur auf ihre letzte Ursache führte ihn vom 
Zerlegen des Ganzen in seine Einzelheiten und Theile dann immer wie- 
der zurück auf die Bedeutung des Zusammenhanges derselben und auf 
das ewige Lebendige, auf das an sich Unveränderliche und an sich all- 
ein sich selbst immer Gleiche, auf das immer schaffend bewegende 
Höchste und Allmächtige, auf die Urintelligenz, auf den einigen Gott, 
welcher die reinste, nie für sich selbst, sondern immer nur für die Er- 
haltung und Fortbildung der von ihm ins Leben gerufene Schöpfung, 
nach ausserhalb wirkende Thätigkeit und darum eben das Urbild der 
reinsten und vollkommensten Seligkeit ist. Seine ganze praktisch auf 
gefasste Philosophie ist ihm nichts anderes, als eine ethische Glück- 
seligkeitslehre, denn das höchste Gut, die Glückseligkeit, entspringt 
aus dem reinen Empfinden und Wollen, aus der Wirksamkeit der Seele 
und in der Darlegung eines reinen und den Grundsätzen der Glück- 
seligkeit vollkommen entsprechenden Lebens, welches in dieser seiner 
Vollkommenheit, d. h. eben in seiner Selbstständigkeit und moralischen 
Freiheit und in unabänderlicher, eingelebter und fortdauernder tiefinner- 
ster Neigung und Ausübung des vernünftigsten Begehrens und Handelns 
besteht. Seine Politik beschäftigt sich nur damit, wie der höchste Zweck 
des Menschenlebens, wie die Glückseligkeit in der bürgerlichen Gesell- 
schaft erreicht werden könne. Seine gründliche und ihrer Tendenz 
nach so trefilliche Philosophie wurde schon zu ihrer Zeit als eine so 
grossartige, ausserordentliche Erscheinung begrüsst, dass sie sich lange 


m nn a 


*) Der grosse Hörsaal der Naturkunde im Zwinger in Dresden war mit den eolossalen 
Portraits von Aristoteles, Linnee, Cuvier und Oken geziert, in der Einweihungsrede im Jahre 
1831 wurde durch die Biographieen und durch die Betrachtung der Richtung, in welcher 
diese Männer gewirkt hatten, darüber Erläuterung gegeben. In ähnlicher Weise findet sich 
auch siebenzehn Jahre später dasselbe Thema in unsrer „Allgemeinen deutschen natur- 
historischen Zeitung 1847. S. 441,* von Sachse behandelt. 


33 


erhalten und bei Wiederbelebung der Wissenschaften durch die Araber 
‘vom VIH. Jahrhundert an wieder vorzüglich gepflegt durch das Mittel- 
alter hindurch vorherrschend war, ja, sie hat ihren unverkennbaren 
Einfluss auf praktische Naturforschung bis in unsere Tage behalten. 
Beachten wir aber die Reinheit im Wesen dieser Philosophie, so würden 
' wir befugt sein, Aristoteles — hätte er nach Christus gelebt — einen der 
trefflichsten Christen zu nennen. ZTheophrastos (geb. zu Eresus auf Les- 
bos 370 7 286) einer der ausgezeichnetsten Schüler des Aristoteles, trefi- 
lich als Denker und praktischer Naturforscher, wendete sich vorzüglich 
der Untersuchung des Pflanzenreichs zu und ist der erste Begründer 
der Botanik geworden. Mit Aristoteles ging die Forschung der peri- 
pathetischen Schule wieder unter und für lange Zeit fehlte der Sinn für 
eine Betrachtung und Erforschung der Natur und ihres Lebens. Die 
nach Aristoteles weiterhin ihre Lehren ausbildenden Zpikuräer und Stoi- 
ker hatten nur mittelbar Einfluss auf die Kenntniss der Natur und deren 
Studien, die sie wohl kaum beachteten, sie fanden aber mehr Theil- 
nahme bei den Römern als des Aristoteles tiefer begründetes und klarer 
geordnetes Wissen. Zeno’s Schule, die Stoiker lehrten, dass nur dem Kör- 
perlichen, nur der Materie das Fortbestehen, die Subsistenz zukommen 
könne, nicht aus einer zwecklos erfolgenden Bewegung der Materie, son- 
dern aus dem vernünftigen Wirken einer allumfassenden Macht leiteten sie 
die in der Welt bestehende Ordnung der Dinge und die in Perioden 
erfolgte Schöpfung, sowie den einstigen Untergang ab. Im der Schöpfung 
unterschieden sie ein actives und ein passives Prineip, beide aber im 
Urwesen zur Einheit verbunden. Die passive Materie wurde durch das 
active Princip gebildet und lebendig gemacht und diese letztere selbst 
ist der Wärmestoff, welcher zugleich denkt und will. Aus der ursprüng- 
lichen Einheit des Urwesens entwickelt sich die Verschiedenheit der 
Elemente und die Mannigfaltiekeit der Dinge. Die Verbrennung ist 
der Act, in dem diese Mannigfaltigkeit in die ursprüngliche Einheit 
sich wieder zurückzieht, sie ist der Grund aller Vergänglichkeit des 
Lebens und selbst der aus dem Aether gebildeten Seelen der Menschen. 
Ein unabänderliches Schieksal ist von der Vorsehung zufolge ihrer ewi- 
gen Gesetze allen Begebenheiten ‘in der Natur, so auch allem indivi- 
duellen Leben bestimmt. Alle Schöpfung, alle Anordnung und Leitung, 
alle Erhaltung und Zerstörung geht nur aus von den Vorschriften die- 
ser Gesetze. Das Leben soll darum naturgemäss sein, als Vernunftleben 
die Triebe und Leidenschaften bekämpfend. Ein Gut für das Leben 
kann nur eine Tugend sein oder das, was zu ihr führt oder aus ihr 
hervorgeht. Nur diese Güter sind nothwendig und hinreichend, einen 
Menschen glücklich zu machen. Aristillus und Timarchus bestimmten 
300 Jahre v. Chr. die Stellung der Fixsterne ziemlich genau, Aristarchus 
(250—264 v. Chr.) berechnete das Verhältniss der Entfernung der Sonne 
und des Mondes von der Erde und deutete bereits auf die zwiefache 


Allg, deutsche naturhist, Zeitung. ' B) 


u 

Bewegung derselben um die Sonne und um sich selbst. Zratosthe- 
nes sprach 235 v. Chr. aus dass die Planeten sich in grossem Kreise 
um die Erde bewegten und Piolemaeus stellte 120 Jahre v. Chr. die An- 
sicht auf, dass die Erde feststehe und die übrigen Himmelskörper sich um 
sie bewegten. Aleanthes zu Assos in Aeolis (etwa 250 v. Chr.) und Chry- 
sippos aus Kilikien (f in der 143. Olympiade) bildeten die Lehre des 
Stoicismus weiter aus und Cicero und Gellius gaben darüber Bericht. 
Aber noch zur Zeit kurz vor Christi Geburt sang Ovidius (geb. 43 v. 
Chr., + 17 n. Chr.) seine Verwandlungen von Göttern und Menschen in 
Thiere und Pflanzen, an den urpoetischen Glauben der Vorzeit in hei- 
terer Laune erinnernd. 

Das Auftreten von Christus als Lehrer der Menschheit war von der 
höchsten Bedeutung für die Anerkennung der Natur und für die rei- 
nere Erkenntniss Gottes aus der Natur. Sein unablässliches Hindeuten 
in seiner auf Liebe begründeten Lehre, auf die Erscheinungen in der 
Natur und auf das organische Leben in ihr, auf die einzelnen Pflanzen 
und Thiere, seine Gleichnisse vom Senfbaum des Orients, vom Feigen- 
baum, vom Weinstock genommen und von ihrem Wachsen und ihrem 
Gedeihen, seine Hinweisung auf die Liebe der Henne für ihre Küchlein 
und auf die Sorge Gottes für die Vögel unter dem Himmel und auf sein 
wachendes Auge für den Sperling auf unserem Dache, also im Allge- 
meinen auf die Fürsorge und auf die Liebe Gottes für seine Geschöpfe, 
für Alles was lebt, auf ihre Erhaltung durch ihn selbst und auf seine 
Beachtung des Wohles auch des geringsten derselben, endlich selbst auf 
ihre Bedeutung als Vorbilder des menschlichen Lebens, mit einem Worte, 
auf die Wichtigkeit einer Ueberzeugung von der Existenz Gottes, durch 
die hingebende Anschauung der Natur und durch das Studium der 
Mannigfaltigkeit ihrer Geschöpfe und der Erscheinungen des Lebens 
in ihr, ist endlich das klar positive Heraustreten einer Synthese zwi- 
schen den bis dahin kämpfenden Gegensätzen der dynamistischen und 
atomistischen Systeme geworden. Die Klarheit der Ueberzeugung von 
dem eigentlichen Werthe der Objecte, den die Gottheit in deren Dasein 
und Leben und in ihre Erhaltung selbst legte, war durch Christi Lehre 
gewonnen und der Glaube daran beruhigte, und machte lebendig für 
das Beobachten und Forschen. So schliesst sich mit Christus die erste 
grosse Hauptperiode aller Weltweisheit, aller Naturforschung ab in der 
wichtigen Lehre: Gott, so wie er die ganze Natur und alle Dinge und 
Wesen in ihr erschaffen, kennt auch das einzelne und geringste derselben 
und beachtet es und bleibt für sein Wohl unablässig liebend besorgt. Hier- 
mit giebt Christus selbst die nachhaltigste Empfehlung eines hingeben- 
den und gründlichen Studiums der Natur, nach Massgabe der Fort- 
schritte aller Wissenschaften, welcher durch seine Lehre, dafern wir 
dieselbe richtig auffassen wollen, niemals begrenzt worden sind. 


35 

So wie aber die grössten Freignisse der Zeit so oft ihre mächtig 
hemmenden Gegensätze gefunden, so wurde auch die reine und einfache 
christliche Lehre durch Missverständnisse verunreinigt, der Liebe wurde 
der bitterste Hass entgegengesetzt und so führte die grausame Verfolg- 
ung der Christen zum Märtyrerthume. Jener schöne Frieden, welcher 
durch die Lehre Christ zwischen Geist und Materie durch die Ueber- 
zeugung von der dauernden Fürsorge Gottes hergestellt war und 
welcher vorbereiten sollte für ein künftiges, ewiges Leben, dieser wurde 
gestört und jene reine Harmonie wurde für eine zeitlang gänzlich wie- 
der gehemmt und die Bekenner der christlichen Lehre besiegelten in 
vorzeitiger Lösung der Materie vom Geiste die Treue für ihren Glau- 
ben. Auch diese frommen Selbstopfer stimmten sich in einen Gegen- 
satz um und gegen den klar ausgesprochenen Willen Christi selbst 
wurde auf diesem Wege alles Körperliche, alle Natur verachtet und er- 
_ tödtet, endlich auch ohne Verfolgung der eigne Körper verflucht, ka- 
steiet und zerstört. Nur der Geist allein sollte leben und der himmlischen 
ewigen Seligkeit vor der Zeit theilhaftig werden. Jener Auspruch Moses: 
Gott habe die Natur selbst erschaffen und alle jene Hindeutungen auf 
die Heiligung des Leibes und jene bestimmten Aussprüche von Christus 
über den Werth der Natur und über die Fürsorge und Erhaltung selbst 
der geringsten Geschöpfe durch Gott, waren mit einemmale vergessen 
und alles Körperliche war im Geiste dieser stockfinsteren Zeit dem 
Teufel verfallen, so natürlich auch die Anschauung der Natur, dieses 
nunmehr auf einmal vermeintlichen Werkes vom Teufel. — So haben 
wir hier im Märtyrerthume und in den Casteiungen abermals die äus- 
serste Höhe der schroff getrennten Dynamistik erreicht, sie sondert feind- 
lich und gewaltsam die Materie eigenmächtig vom Geiste, sie will den 
Geist allein leben und glückselig sein lassen, sie vergisst, dass die Gott- 
heit selbst ihm seine Zeit gesetzt hatte, für seine Abhängigkeit von der 
Materie, für seine Läuterung und Prüfung und dass die Aufgabe, für 
die Menscheit, für den Glauben zu sterben, bereits durch Christus ge- 
löst war. Für unsern Zweck erscheint dies Moment als vorzüglich 
wichtig, denn es erklärt den Untergang der Wissenschaft und der Na- 
turwissenschaft insbesondere und eine antichristliche Verdammung_ der- 
selben durch eine gewisse Richtung der Theologie, bis auf den heutigen 
Tag. Parallel mit ihrer unchristlichen Gleichbedeutung der Natur, als 
des ursprünglich Bösen, verläuft auch die Wiederbelebung des Teufels, 
dessen Macht Christus durch seineLiebe gebrochen und gänzlich zerstört 
hatte. Kaballa und Theosophie sind Mutter und Stiefmutter von dieser Lehre. 

Plinius (zu Neocomum geb. 23 n. Chr. + 79) giebt von Rom aus in 
seiner voluminösen Naturgeschichte eine reiche Compilation aller An- 
schauungen, Phantasien und Fabeln über Natur und Menschenleben, 
welche vom Alterthum her bis in seine Zeit hin, bis unter die Regier- 
ung des die Naturkunde begünstigenden Kaisers Augustus entstanden 

3* 


36 


waren, mit vielem Fleisse extrahirte und verarbeitete Berichte, ohne eigne 
Kritik. Pedakios Dioscorides von Arazarbus in Kilikien, lebte gleichfälls 
im ersten Jahrhundert nach Christo, wirkte als Botaniker für Arznei- 
kunde, er studirte die Gewächse und ihre Kräfte und sein Werk wurde 
und blieb das Orakel durch sechszehn Jahrhunderte hindurch, in denen 
es immer neue, endlich illustrirte Ausgaben erlebte. Claudius Ptolomaeus 
aus Pelusium in Aegypten, lebte in. der Mitte des zweiten Jahrhunderts 
in Alexandrien. Als Mathematiker und Astronom schrieb er vorzüglich 
seinen Almagest in XII. Büchern, und hat zuerst geometrische Landchar- 
ten gefertigt. Galenus zu Pergamus in Kleinasien geb. 131, Fin Griechen- 
land 200, schuf ein philosophisches System der Medicin und hinterliess 
seinen Ruhm als Kenner der menschlichen Natur und als Arzt. (lau- 
dius Aelianus (in Praeneste geb. 225) als Römer griechisch erzogen, 
schrieb über die Natur der Thiere in griechischer Sprache und Oppia- 
nus unter dem Kaiser Septimius Severus besang das Leben der Fische 
und schrieb ihnen menschliche Ueberlegung zu und menschliches Handeln. 
Im V. Jahrhundert erregte Merchinemeris Merlin, geb. zu Carmarthen, 
als Zauberer und Weissager und deshalb als Freund und Rathgeber 
der Könige Britanniens gewaltises Aufsehen und stieg auch noch aus 
seinem Grabe um zu Weissagen wieder empor. Im VI. und VII. Jahrhun- 
dert nach Untergang des westlichen Kaiserthums, als neue Staaten, 
neue Sprachen und Sitten in Europa entstanden, hörten die Schu- 
len der heidnischen Philosophen auf. Ebenso hatte der Priester- 
geist in seinem Bestreben in den christlich gewordenen Ländern mit 
exclusivem Fanatismus gepredigt und Partheien erzeugt, und Wissen- 
schaft und Künste waren verfallen. Ueberreste verblieben allein unter 
dem griechischen Kaiserthum sichtbar und das Studium der grossen 
Geister der Vorzeit ging dort nie gänzlich verloren. Das Mittelalter, 
die Zeit von der Regierung (768) Karl des Grossen (geb. in Achen den 
2. April 742, daselbst 7 28. Januar 814) bis zur Reformation bereitete 
ein neues Aufblühen der Wissenschaft vor. Der mächtige Beförderer 
des Christenthums hob auch den Zweck und die Bedeutung der Schu- 
len und berief in sein deutsches Reich gelehrte Männer aus Italien und 
England herbei. Ackerbau und Handel blühten auf und Wissenschaf- 
ten und Künste gingen mit ihnen Hand in Hand. Indessen mögen wir 
als einflussreich auf Naturkunde erst die Araber im VII. Jahrhundert 
nennen, unter diesen vor Allen andern Ebn Sina oder Avicenna (geb. 
zu Bokhara 978, + 1036 zu Hamdan), welcher wie vormals Galen ein 
philosophischer Arzt war und Schriftsteller als Philosoph und als Arzt. 
Ihm folgte Averrhoös (geb. zu Cordova in Spanien 1149, 7 1217 zu Mar- 
rokko), unter den Arabern der berühmteste Philosoph, wurde auch des 
Verdachts der Ketzerei wegen, im Vorausschreiten über die Grenzen 
des Geistes der Zeit, seiner Aemter entsetzt, verbannt und in Fez zur 
Busse verurtheilt, worauf der hochherzige Kalif 41-Mansur (von 753 bis 


775 regierend), der Erbauer von Bagdad, ihn wieder in Schutz nahm. 
Er war ein neuer Aristoteles, welchen er selbst für den grössten Philo- 
sophen aller Zeiten erkannte. Schon seit der Mitte des sechsten 
Jahrhunderts ging alle Weisheit aus den Klosterschulen hervor. Wäh- 
rend des VII. und VII. gelten die in Irland für die besten Pflanz- 


.schulen des Christenthums und in der ersten Hälfte des IX. Jahrhun- 


derts war in Irland Joh. Scotus Erigena geboren‘, welcher wieder als 
Kenner der griechischen Sprache auftretend, die Alten studirte und un- 
ter andern auch eine Eintheilung der Natur schrieb, die (De divisione 
Naturae lib. V. 1681) erst spät erschien. Wahre Religion und wahre 
Philosophie galten ihm als ein und dasselbe und die Körperwelt war 
ihm aus geistigen Principien entstanden. Die Natur ist ihm 1) welche 
schafft und nicht erschaffen wurde, 2) welche erschaffen worden ist und 
erschafft, 3) erschaffen worden ist und nicht erschafft, 4) welehe nicht 
erschaffen worden und nicht erschafft. Albertus Magnus (zu Lauingen 
in Schwaben geboren 1193, nach And. 1205, 7 1280 in Köln) lehrte in 
den Dominikanerschulen zu Hildesheim, Regensburg, Köln und Paris 
und leuchtete durch seine ausserordentlichen Kenntnisse in der Chemie 
und Mechanik seiner Zeit voran, er schuf unter andern einen reden- 
den Kopf und zeigte Wunderwerke, welche Kunde gaben von seiner 
Kenntniss der Natur und von seiner Herrschaft über die Kräfte der- 
selben. Sein „opus de animalibus‘“ erschien in Folio in Rom 1478. Die 
bis in diese Zeit herrschende Scholastik war an bestimmte Lehrformeln 
gebunden, ohne erlaubte Läuterung oder Erklärung durch Geschichte 
und Sprachkunde, am wenigsten durch Naturkunde und Psychologie, 
daher auch gänzlich ohne Kritik, allein auf den Auctoritätsglauben be- 
schränkt und durch ihn beherrscht. Roger Baco (geb. zu Sommerset- 
shire 1214 .+ 1292), ein grosser Gelehrter seiner Zeit, vereinte Natur- 
forschung und Mathematik. — Christoph Columbus bei Genua geb. 1436 
7 20. Mai 1506, entdeckte im Jahre 1493 San Salvator und Cuba und später 
Amerika’s Festland, als eine für die damalige Kenntniss neue Welt. — 
Nicol. Kopernicus (geb. 19. Febr. 1473 in Thorn, 7 29 Mai [11. Juni] 
1543) entdeckte die wahre Bewegung der Erde und des Planetensystems, 
sowie es mit weiterer Ausführung noch jetzt gilt. 

Durch den in seltener Weise kraftvollen und für Wahrheit glühen- 
den Augustinermönch Martin Luther (geboren in Eisleben 10. Nov. 1483 
r 18. Febr. 1546 ebend.) wurden die Geister von der spitzfindigen Scho- 
lastik wieder entfesselt und die Forschung für alle Wissenschaften neu 
wieder belebt. Seine Sprachkenntniss machte es ihm möglich aus den 
(uellen zu schöpfen und die treue Rückkehr zu ihnen gestaltete seine 
Ansichten eben so rein, so dass er die durch die Scholastik eingeführten 
Irrthümer von der Wahrheit zu sondern vermochte. Aristoteles erhabenes 
und auf die Glückseligkeit der Menschheit berechnetes Lehrgebäude er- 
griff ihn so tief, dass er in Erfurt, nachdem er Magister geworden, zu- 


38 


erst über diesen Vorträge hielt. Denken wir an den weiteren Zustand 
der Literatur der Naturkunde seiner Zeit, so finden sich nur die Fabel- 
bücher von 4esop und von Oppian, so wie die fabelreichen Naturge- 
schichten von Aelian und Plinius als solche vor und auch Luther erfreut 
sich dieser Gleichnisse, welche sich in ersterem bestreben das Menschen- 
leben im Thierleben wieder zu finden. *) — Unter dem Titel Ortus Sani- 
tatis erschien im Jahr 1491 in Mainz ein Foliant in Mönchsschrift mit 
zahlreichen Illustrationen in Holzschnitt, die damals bekannten und zum 
Theil fabelhaft angenommenen Pflanzen und Thiere und Mineralien dar- 
stellend und ihre Kräfte erläuternd, zugleich mit Abbildung aller für Heil- 
ung vorzunehmenden Operationen und technischen Prozesse zum Theil 
offenbar abergläubischer und magischer Art, wie z. B. das Herausschneiden 
gewisser Steine aus dem Gehirn der Adler u. a. Thiere. — Lange waren 
die Hindernisse für Zergliederung menschlicher Leichname unübersteig- 
lich gewesen und die Anatomie begann nicht als eigentliches Wissen, 
sondern mehr als Vermuthung von Analogieen mit dem thierischen 
Körper. **) Die Zergliederung von Schweinen und wo es das Glück 
wollte von Affen, bot eine hypothetische Annahme vom wahrscheinlichen 
' Baue des menschlichen Körpers und jene ersten Zeichnungen, jene Holz- 
schnitte und noch die ersten Kupferstiche der Italiener wurden schema- 
tische Darstellungen für ein Verständniss der weitläufig beschriebenen 
Haupttheile des menschlichen Körpers, dennoch zum Theil kaum zu 
entziffern. Aber die Richtung in der Forschung des ärztlichen Standes 
auf Enthüllung der Wahrheit schritt im ihrer angeborenen Liebe zur 
bildenden Kunst immer vorwärts und im Mittelalter gestaltete sich ihre - 
Anschauung grundsätzlich als Verein von Bild und Symbol. Am Ende 
des XV. und zum Anfang des XVI. Jahrhunderts war es, wo die schöne 
Kunst, die grosse Schule der Maler, Bildhauer und Architekten, auch 
mit den Aerzten Hand in Hand ging. So schen wir als Repräsentanten 
jener ersten und ältesten Richtung die noch rohen Schematismen von 
Ketham und Hundt. Aber bald schuf der Bedarf der bildenden Künstler 
an anatomischer Kenntniss die Aunstanatomie, zu schöner und befriedi- 
gender Darstellung vorzugsweise der allgemeinen äussern Formen und 
der Muskeln und die Anerkennung des Skeletes, als des Typus und 
Grundgerüstes, im Baue des Ganzen, wie wir dieselbe Zeonardo da Vinci 
geb. zu Vinei 1452, + 1519 zu St. Cloud, Möchel Angelo Buonarotti geb. 
1569 zu Caraveggio, + 1609 in Rom, ARaffaelo Santi und dem eigent- 
lichen Anatomen Marco Antonio della Torre verdanken. Ihnen folgten 
die Restauratoren in Darstellung eines individuellen Leichenbefundes, 
es erschienen die fliegenden Blätter mit Darstellung des vorliegend ge- 
gebenen, mit wörtlicher Erläuterung versehen und die Kunstkenntniss 


*) Vgl. Zuthers sämmtliche Schriften herausgegeben von Walch. Band XIV, 1744, 
Seite 1365. — *#) Vergl. Chaulant die ältesten anat. Abbild, Leipzig 1853. 


39 
offenbarte sich dabei sichtbar, wie z. B. die Leistungen von Jacob Beranger 
von Carpi dies deutlich bewiesen. Hermolaus Barbarus (zu Venedig geb. 
1454, + 1494), Nicolaus Leonicenus (geb. in Lunigo bei Vicenza 1428, 
+ 1524 zu Ferrara) wurden wieder Commentatoren und Verbesserer des 
Plinius. Georg Agricola (Bauer, geb. in Glauchau 24. März 1490, 7 den 
21. Nov. 1555) Rector in Zwickau, dann Dr. der Medicin und practischer 
Arzt in Joachimsthal und von 1531 Stadtphysikus in Chemnitz, wurde 
der Schöpfer des Bergbaues und der wissenschaftlichen Mineralogie in 
Deutschland. 7ycho de Brahe zu Kundstrop in Schonen geb. 4. Dec. 
1546, + 13. Oct. 1601, wendete sich aus Bewunderung darüber, dass die 
vorher berechnete Sonnenfinsterniss am 21. Aug. 1560 genau zu dem 
angegebenen Zeitpunkte eintrat, zur Astronomie, wo ihm König Fried- 
rich II. die Sternwarte Marienberg bauen und mit allen nöthigen Appa- 
raten versehen liess. Im Jahr 1599 ging er unter Kaiser Rudolph 
nach Prag, wo ihm das Schloss Benach bei Prag als Sternwarte einge- 
richtet wurde. Er beobachtete sehr genau, glaubte aber das Koperni- 
kanische System wieder einführen zu können. Fabius Columna (geb. in 
Neapel 1567, 7 1650) hat in seinem Phytobasanos, Neapel 1592, bereits 
auf von ihm selbst geätzten Metallplatten zu seinen Pflanzenabbildun- 
gen Zergliederungen der Blüthen gegeben. Giordano Bruno, geb. im Nola 
im Neapolitanischen, Domikanermönch, trat in Paris 1583 als Gegner 
der aristotelischen Philosophie auf, lehrte dann in Wittenberg, Helmstädt, 
in England und wieder in Padua. Hervorragender Genius dieses Jahr- 
hunderts wurde Franz Baco, Lord von Verulam (geb. 22. Juni 1560 (1561 ?) 
7 1621, n. A. 1626?) Unter Jacob I. angesehener Staatsmann, endlich 
Grosskanzler des Reiches, auch Viscount von St. Alban, schrieb er ein 
berühmt gewordenes Werk: novum organon scientiarum s. iudieia vera de 
interpretatione naturae, London 1620, welches auf Verbesserung der Na- 
turforschung durch Selbstdenken, Selbstbeobachten und Selbstforschen, 
also durch Befreiung von dem Autoritätsglauben lebendig anregend 
wurde. Als Objeet der Philosophie stellt er auf: Gott, Natur und 
Mensch und bedeutungsvoll nennt er die Naturgeschichte die „prima 
materia philosophiae.““ — Schon vor Baco’s Zeit wurden bessere anschau- 
liche Hilfsmittel für das Studium der Naturkunde geboten. Galilei in 
Pisa 1564 7 1642, führten die Schwingungen einer Lampe im Dom 
zu Pisa auf die Gesetze des Pendels, welche sein Sohn und der Hol- 
länder Huygens zur Construction der Pendeluhren benutzte. Seine Werke 
über zahlreiche Forschungen erschienen erst nach seinem Tode. Johann 
Keppler in Weil geb. den 27. Dec. 1571, + 15. Nov. 1630, gab als Astro- 
nom durch sein Planetensystem die Grundlage für spätere Entdeckungen 
und Combinationen, insbesondere für Newton. — Erst 1620 hatten Con- 
rad Drebbel und Zacharias Jansen die Kunst Vergrösserungsgläser als 
Linsen zu schleifen erfunden und durch diese Kunst war der Natur- 
forschung ein neuer Fortschritt bezeichnet, Für Zoologie bethätigten 


40 


sich eifrig William Rondelet, geb. in Montpellier den 27. September 1507 
7 1566 den 30. Juli; Hippolito Salwiani zu La Citta di Castello an der 
Tiber geb. 1514, 7 1572 in Rom, und Pierre Belon, welcher in Paris eine 
histoire naturelle des poissons etrangers 1551 und ein Buch über Wasser- 
thiere überhaupt 1553 herausgab. Alle drei begründeten die Kenntniss 
der Ichthyologie. Die illustrirten zoologischen Werke hatten vorzüglich 
mit Conrad Gesner (geb. in Zürich 1516, 7 1565), welcher Arzt und 
Naturforscher war, durch seine Historia animalium oder „Thierbuch“ eine 
bedeutende Stufe gewonnen, ebenso wie für Botanik mit 040 Brunfels, 
1530—40 zuerst in Augsburg erschienene ‚Herbarum vivae icones“ und 
dann 1532—37 zu Strassburg deutsch herausgegebenen „,Conterfeyt 
Kräuterbuch “ (er starb vor Herausgabe seiner Werke 1530) eine lange 
fortgesetzte Reise von Kräuterbüchern begonnen, welche theils im Cha- 
racter von Bearbeitungen der Arzneigewächse oder zum Theil als Floren 
wie von Zuricius Cordus (7 1535), Valerius Cordus (j 1544), Hieronymus 
Tragus (Bock 1554), Leonardus Fuchsius (j 1566), Clusius (Charles de 
TEcluse 7 1609) und vielen Anderen, bis dieselben endlich sich wieder als 
allgemeine Sammelwerke für das bis dahin erlangte Wissen durch 
Tabernaemontunus (Theodor von Bergzabern 7 1590) New vollkommen 
Kräuterbuch Franef. 1588—90, Johann Bauhin (1613) und Caspar Bau- 
hin (7 1634) als Historia plantarum universalis, Ebroduni 1650 —51, oder 
als Phytopinax Basel 1596 und Pinax Theatri botanici Basel 1523—1563 
gestalteten, während durch ZAobert Morison (7 1683) als Historia plan- 
tarum universalis Oxon. 1678—80 ein del. reich illustrirtes Werk bereits 
mit in Kupfer gestochenen Tafeln erschien. Georg Maregraf, geb. in 
Liebstadt 1610, 7 1644 in Afrika, reiste aus Eifer für Naturkunde 1636 
nach Brasilien, wo er sechs Jahre lang sammelte und beobachtete und 
der erste Naturforscher war, welcher die Naturprodukte dieses Landes 
kennen lehrte, indem er mit seinem Begleiter W. Piso aus Leyden sie 
bearbeitete, welche doch erst 1648 und 1658 erschienen. Schon gegen Ende 
des XVI. Jahrhunderts wurde ein Umstand wichtig für die Betrachtung des 
Himmels, im Jahr 1590 spielten die Kinder des Optiker Zacharias Jans- 
sen in Middelburg mit vorhandenen, aus Kieselerde und Potasche gefer- 
tigten Glaslinsen und setzten sie in einer Röhre zusammen, was die 
Veranlassung zur Erfindung der Fernröhre wurde, doch erst im Jahr 
1758 wurde das erste achromatische Fernrohr durch DoHond vollendet. 
Ulysses Aldrovand, in Bologna geb. 1527, + 1605, erkannte bereits für 
Zoologie dieselbe Nothwendigkeit durch seine Opera omnia in XI. vol. 
Bononiae 1599 — 1643, das bis dahin bekannt gewordene über einzelne 
Thiere zusammenzufassen und wurde auf diesem Wege nun der zweite 
iconographische Compilator für Zoologie. Joh. Bapt. van Helmont in 
Brüssel geb. 1577, + 1644 den 30. Dee., war Chemiker und Arzt, wel- 
cher mehrere Arzneiformen entdeckte und über geistige wie physische 
Bildung des Menschen seine eigene Ansichten hatte. Neben der Seele 


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Vie allgemeine deutsche 


Naturhistorische Zeitung 


hat bisher durch ihren Inhalt, insbesondere durch ihre unpartheiische 
Anerkennung der Leistungen Anderer, die sie besprach, einen freund- 
lichen Kreis von Mitarbeitern und Lesern im In- und Auslande gewon- 
nen, wodurch ihr die Aussicht gestellt war, den Beifall, dessen sie sich 
erfreute, gesichert zu sehen. Das Hinscheiden ihres Verlegers, des ehr- 
würdigen Chr. Arnold unterbrach ihre Erscheinung und erst jetzt konnte 
der durch neue Kräfte erweiterte Kreis ihrer Mitarbeiter unter einem 
der Wissenschaft geneigten und thätigen Verleger sich wieder vereinen, 
so dass hiermit der erste Jahrgang der neuen Folge erscheint. 

Die früher als bewährt anerkannte Weise wird in dieser Fortsetzung 
unermüdet befolgt. Mittheilungen von Aufsätzen oder Notizen aus allen 
Zweigen der Naturkunde, welche die Sachkenntniss oder die Anschauungs- 
weise derselben befördern, sind uns willkommen und unser durch be- 
sondere Paginirung abgesondertes 


Literaturblatt der ISIS 


wird sich bestreben, wie bisher, in unpartheiischer Weise Kunde zu ge- 
ben von den Leistungen, welche, diese Kenntniss erläuternd, zu uns ge- 
langten, so dass wir, im Mittelpunkte Deutschlands und Europa’s woh- 
nend, und durch eine der ausgezeichnetsten und vollständigsten Biblio- 
theken unterstützt, diese centrale Bedeutung unserer Zeitschrift mit 
Sorgfalt und Liebe wieder herstellen werden. Wir fassen hierbei einzig 
und allein die Verbreitung der Wissenschaft und des Sinnes für dieselbe 
ins Auge und in Erwägung, dass die Wahrheit in jeder Richtung sich 
selbst herausstellen wird, schliessen wir keine Parthei von unsern leiden- 
schaftslosen Besprechungen aus. Alle Mitarbeiter werden auf dem Titel 
des Jahrgangs, in dem sich ihre Beiträge befinden, genannt und mit 
Vergnügen erbieten wir uns, zu Beförderung des Verkehrs zwischen 
Sammlern, auch Addressen und Cataloge von Gegenständen für Tausch 
und Kauf, nach Befinden durch Beilagen oder durch billige Inserate von 
unserm Centrum aus zur gegenseitigen Kenntniss zu bringen. 

Alle Zusendungen an die Redaction erbitten wir ferner durch die Post 
unter der Addresse: 


„Für die allgemeine deutsche Naturhistorische Zeitung“ 


Drespen: oder Haugurg: 
Hofbuchhandlung von Rud. Kuntze Verlagsbuchhandlung von 
(Hermann Burdach). Rudolf Kuntze, 


Als Verleger habe ich dem Vorstehenden hinzuzufügen: dass. der 
Jahrgang der allgemeinen deutschen Naturhistorischen Zeitung aus 


12 Heften bestehen wird, — der Preis des Jahrganges, zu dessen ganzer 
Abnahme man sich verpflichtet, auf 3 Thaler festgestellt ist, — und dass 


ich bereit bin, wie auch die Hofbuchhandlung von Rud. Kuntze (Hermann 
Burdach) in Dresden, Zusendungen für die Zeitschrift mit Vergnügen zu 


empfangen. 
Rudolf Kuntze, 


Verlagsbuchhandlung in Hamburg und Leipzig. 


Dresden, Druck der Königl. Hofbuchdruckerei von C. €, Meinhold & Söhne 


Preis eines Bandes von 12 Heften 3 Thlr. 


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I. Band. | No. 2. 
Allgemeine deutsche 


- Naturhistorische Zeitung. 


Im Auftra ge 


der 


Gesellschaft ISIS in Dresden 


in Verbindung 


mit auswärtigen und einheimischen Gelehrten 
herausgegeben 


von 


Dr. Adolph Drechsler. 


Neue Folge: erster Band. 


2. Heft. 


TEN SELL FARTIN AT: 


Rückblicke auf die Grundsätze der Naturforschung im Laufe der Zeit. Von 
Hofrath Prof. Dr. Reichenbach. 

Ueber die Porphyre der Umgegend von Leisnig. Von Dr. Müller daselbst. 

Literatur-Blatt der Isis 


HAMBURG, 
Yen vomeR udolt Kuntze. 
1855. 


Haupt-Debit für Dresden durch die Hofbuchhandlung von Rud. Kuntze (Herm. Burdach.) 


“Z” Siehe die Seiten des Umschlags. 


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41 


nahm er noch einen ‚„Archeus“ im Magen an, den er als den Grund der 
körperlichen Thätigkeiten erkannte, während der Seele nur die phy- 
sische Thätigkeit zukomme. Die einzelnen Körpertheile hatten ferner 
ihre untergeordneten Archei, welche ihrem oberen Archeus gehorchten, 
Diese Lehre war gleichsam ein Vorläufer für die Erkenntniss der Gang- 


. lien und des sympatischen Nerven. Auch sein Sohn Franc. Mercur 


v. H., geb. 1618, + 1699, trat in die Bahn seines Vaters, studirte noch 
Theosophie und suchte den Stein der Weisen. William Harvey, geb. in 
Falkstone 1578, + 1657 den 3. Juni in London, das. Prof. der Anatomie 
und Chirurgie am Medical College und späterhin Leibarzt Karls I. Er 
erwarb sich um die Begründung einer wahren Erkenntniss des anima- 
lischen Lebens grosse, seiner Zeit weit vorgreifende Verdienste. Wir 
nennen nur 1) die Feststellung des wahren Vorganges im Blutumlaufe: 
„Exercitatio anatomica de motu cordis et sanguinis in animalibus Francof. 
1628. ed. 2. Zugdbat. 1737. dann 2) die Bestätigung seines Grundsatzes. 
„omne vivum ex 0ovo“ also’ die schon damals gegebne Wiederlegung der 
„generatio aequivoca durch seine Schrift: „Zxereit. de generatione anima- 
lium. London 1651. Amstelod. 1652. Otto von Guericke in Magdeburg, 
geb. den 20. November 1602, 7 11. Mai 1686 in Hamburg, wurde der 
Erfinder der Luftpumpe so wie einer Luftwage und der erste, wel- 
cher andeutete, dass der Lauf der Kometen bestimmbar sei. — Als 
Chemiker dieser Zeit zeichneten sich aus: Bohn, Prof. der Med. in Leip- 
zig, geb. 1640, durch seine chemischen Erklärungen der Physiologie; 
Joh. Joach. Becker, geb. in Speier 1625, 7 1652 in Leyden, Leibarzt des 
Churfürsten von Mainz und Baiern. Seine „Physica subterranea“ verband 
Physik und Chemie mit der Mineralogie und er wurde eigentlich der 
erste wissenschaftliche Chemiker. Georg Ernst Stahl, geb. in Anspach 
1660, 7 1734 als Leibarzt in Berlin wurde Schöpfer des phlogistischen 
Systems und Entdecker der Eigenschaften vieler chemischen Körper, er 
hat überhaupt weitere Schritte zur wissenschaftlichen Begründung der 
Chemie vorwärts gethan. Hermann Boerhaave, geb. in Leyden 13. Dec. 
1668, 7 1738 den 23. Dec., Prof. der Mediein, Botanik und Chemie, der 
weltberühmteste Arzt seiner Zeit, war der erste, welcher die chemische 
Analyse der Pflanzen versuchte. Auch Zriedrich Hoffmann, geb. in Halle 
den 19. Febr. 1660, + 1742 den 12. Nov., Professor der Mediein und be- 
rühmter Arzt in Halle, wurde einer der ersten Vereinfacher der Arz- 
neien als besserer Kenner der chemischen Eigenschaften der Stoffe. — 
Eine decorative Richtung bemächtigte sich in dieser Zeit aller Darstell- 
ungen für die Natur. Selbst die Anatomie blieb von derselben nicht 
frei und die Anatomen Rosso und Charles Etienne stellten die aufge- 
schnittenen menschlichen Figuren lebendig dar, in Umgebung kostbarer 
Mobilien und Gewänder, die aufgeschnittenen oder herausgenommenen 
Theile ihres Körpers selbst haltend und der Anschauung bietend. — 
Tüchtige Vertreter zählte bereits die Philosophie. Zud. Hausmann Agricola 
Allg. deutsche naturhist. Zeitung. 4 


42 
lehrte schon von 1482 an als Professor in Heidelberg wieder die reine 
Philosophie des Aristoteles, seine Opera, cura Alardi erschienen aber 
erst 1539 in Köln. Zene Des Cartes (Renatus Cartesius, geb. im Hag 
1596, 7 1650 in Stockholm) wurde nach der scholastischen Zeit und 
nach Vorgang von Petrus Ramus, Bern. Telesius, Franeiscus Patrieius, 
Jordanus Brunus, Thomas Campanella und Baco von Verulam einer der 
ersten, welche durch ihre Vorgänger erleuchtet, ein originelles System 
der Philosophie schufen. In naturhistorischer Hinsicht ist hierbei zu 
bemerken, dass er die Verbreitung und Einwirkung der Seele über alle 
Theile des Körpers erkannte, dessenungeachtet aber glaubte einen Cen- 
tralpankt in demselben annehmen zu müssen, von dem die Thätigkeit 
der Seele ihren Ausgang genommen und dafür galt ihm die Zirbeldrüse, 
als das tiefste, unpaarige Organ im Gehirne. Thomas Hobbes (geb. in 
Malmesbury in der Grafschaft Witton 1588, + 1679) schuf als berühmter 
Jurist eine auf das Wissen von der Natur und dem Staate beschränkte 
Philosophie, indem er die Lehre von Gott von ihr ausschliesst, da nur 
die Untersuchung erzeugter Objecte der Gegenstand philosophischer 
Forschung sein könne. Dessenungeachtet ist seine Naturphilosophie selbst 
nur beschränkt auf Mathematik und Physik. Baruch v. Spinoza (geb. in 
Amsterdam 1632, 7 in Prag, seine nachgelassenen Werke erschienen in 
Amsterdam 1677), unterscheidet einen vollkommenen unsterblichen Theil 
des menschlichen Geistes durch welchen wir handeln, die Intelligenz 
von einem vergänglichen, der Einbildungskraft, durch welche wir leiden 
und nimmt eine absolute Nothwendigkeit an, durch welche also ein 
pantheistisches Prinzip die Freiheit des menschlichen Willens begren- 
zen und aufheben würde. John Locke (geb. zu Wrington bei Bristol 
1632, + 1704) ein edler, frommer, streng wahrheitsliebender, humaner 
Character und sorgsam prüfender Geist, in welchem vorzüglich die An- 
schauung der Entwickelungsstufen von Körper und Geist so klar her- 
vortritt, dass er auch über Erziehung der Menschen erfolgreich gedacht 
und geschrieben. Er setzt die Vernunft als Richterin ein zur Entscheid- 
ung zwischen menschlicher Erkenntniss und göttlicher Offenbarung. — 
Der ausgezeichneteste in der Reihe der Philosophen dieses Abschnittes 
war Gottfried Wilhelm Freiherr von Leibnitz (geb. in Leipzig 3. Juli 1646, 
+,14.Nov. 1716 in Hannover), er wurde der Gründer einer eigenthümlichen 
Schule der Philosophie in Deutschland. Seine Kenntnisse waren wieder 
umfassender als die seiner Vorgänger, namentlich sind seine Ansichten 
über Atomistik nach vielen Seiten durchgeführt und „Kraft“ nennt er 
den wesentlichen innerlichen Grund der Veränderung. Die im XV. Jahr- 
hundert durch den Niederländer Janssen oder den Neapolitaner Fontana 
stattgefundene Erfindung des Mikroskops und die Entdeckung der In- 
fusionsthierchen durch Anton von Leuwenhook, wirkte durch ihre Ermög- 
lichung einer Anschauung dieser bis dahin unsichtbar gebliebenen Welt 
für Jedermann, auf eine so bezaubernde Weise, wie es scheint auch auf 


43 


Leibnitz, dass derselbe sein ganzes System des körperlichen Seins auf 
das Bestehen aus Theilchen der vormaligen Atomen, die er Monaden 
genannt hat, begründete, und die Saamenthierchen in so weit dieselben 
von höheren Thieren bekannt waren, bereits als die präexistirenden Em- 
bryonen der Organismen ansahe, welche durch die Empfängniss eine 
. neue Hülle erhielten. Die vergleichende Anatomie erkannte er bereits 
als die lebendige Seele der ganzen Naturgeschichte der Thiere. . Ge- 
lehrte Zeitgenossen von Leibnitz waren insbesondere Newton und W. 
v. Tschirnhausen. Während für die Physik früher Aopernikus, Tycho 
de Brahe gewirkt und Baco von Verulam die reine Beobachtung der 
Natur nachdrücklich empfohlen, während Galiläi, Keppler und Giardino 
Bruno als Märtyrer der Wissenschaft und der Wahrheiten gefallen, die 
sie entdeckt hatten, bildete Carzesius unter glücklicherem Verhältnisse die 
Wissenschaft weiter und gegen Ende des Jahrhunderts trat Newton auf, 
geb. in Woolstrope in Lincolnshire den 25. Dec. 1642, 7 20. März 1727 
in London. Er erfand im Jahr 1664 die Infinitesimalrechnung, entdeckte 
eine neue Theorie des Lichts und der Farben und die Gesetze der 
Schwere, und erntete vorzüglich durch sein Werk Philosophiae natura- 
lis prineipia mathematica einen unsterblichen Ruhm. Ferner der be- 
rühmte Mathematiker und Naturforscher Walther von Tehirnhausen (geb. 
in Kieslingswalde in der Oberlausitz 1651, 7 1708), suchte die Logik zu 
einer auf Selbsterkenntniss des menschlichen Geistes und auf feste Re- 
geln begründeten Methode der Entdeckung der Wahrheit und Ausbildung 
der Wissenschaft zu erheben und Christian Thomasius (geb. in Leipzig 
1655, 7 1728), Prof. der Jurisprudenz in Halle, erwarb sich das Ver- 
dienst die Philosophie durch verständlichere Darstellung, sogar zum 
Theil durch Benutzung der deutschen Sprache populärer zu machen. 
Christian Wolf (geb. in Breslau 1679, 7 1754) von 1707 an Prof. der 
Mathematik zu Halle, hatte sich durch sorgfältiges Studium seiner Vor- 
gänger gebildet und vereinte deren Ergebnisse vorzüglich auf synthe- 
tischem Wege in ein gründlich und scharfsinnig durchgearbeitestes 
System, welches bis in die Mitte des achtzehnten Jahrhundert sein An- 
sehen behielt. Einer der zahlreichen für die Ausbildung der Natur- 
kunde wichtigen Sätze in diesem Systeme ist auch der: ‚Jedes einfache 
Ding stimmt mit der ganzen Welt zusammen und darauf beruht die 
Vollkommenheit der Welt, und jedes hat in seinem innern Zustande eine 
besondere Beziehung auf die übrigen.“ Georg Friedrich Meier (geb. in 
Ammendorf im Saalkreise 1718, + in Halle 1777), wendete als Professor 
der Philosophie in Halle seine Beachtung in so besonderer Weise der 
Thierwelt zu, dass von ihm ein Werk unter dem Titel „Versuch eines 
neuen Lehrgebäudes von den Seelen der Thiere“ Halle 1756 erschien. 
Er war nach 4lerander Gottlieb Baumgarten (geb. in Berlin 1714, + 1762 
als Prof. der Philosophie in Frankfurt an der Oder) dem Schöpfer der 
Aesthetik, der letzte berühmte Philosoph in der Richtung von Wolf. 
4* 


44 


Auch Etienne Bonnot de Candillac (geb. in Grenoble 1715, + 1780) früher 
in den Ansichten von Zocke sich als scharfsinniger Denker bewährend, 
machte später vorzüglich die Weise wie alle Seelenthätigkeiten aus den 
Sinneswahrnehmungen ursprünglich hervorgehen und sich weiter ent- 
wickeln zum Gegenstande seiner Untersuchungen und gab einen „Traite 
des animaux Amstelod. 1755, 2 Bände in 12., worin er den Umfang und 
die Beschaffenheit der Seelenthätigkeiten der Thiere schildert und ihnen 
eine menschenähnliche Einsicht beilegt, welche nur zufolge des Mangels 
einer ausgebildeten Sprache und der willkührlichen Richtung der Auf- 
merksamkeit mehr beschränkt sei. Der Hauptzweck war die Wider- 
legung von Des Cartes, welcher den Thieren die Seele absprechen wollte. 
Hierbei spricht er sich bereits gegen die Anmassung der Metaphysiker 
aus, welche in alle Geheimnisse der Natur, in die verborgensten Ur- 
sachen für das Wesen der Dinge eindringen wollen. — Johann Jacob 
Scheuchzer in Zürich geb. 1672, 7 1733 als Prof. der Mathematik und 
Stadtphysikus daselbst und dessen Bruder, Joh. Scheuchzer, daselbst geb. 
1684, + 1738, Prof. der Naturgeschichte und Stadtphysikus in Zürich, 
machten sich beide um die naturhistorische Kenntniss der Schweiz ver- 
dient, letzterer bearbeitete zum erstenmale monographisch gründlich die 
Gräser und der ältere Bruder war einer der ersten Naturforscher, welche 
sich mit wahrem Ernst der Untersuchung der Versteinerungen zu- 
gewendet haben. — Bereits hatte Francois Hernandez die Naturalien 
Mexiko’s mit einem Aufwande von mehr als 60,000 Ducaten gesammelt 
und dann in seiner schätzbaren Historia plantarum, animalium et minera- 
lium, Romae 1651 kennen gelehrt und Casimir Gomez Ortega gab in 
Madrid erst 1790 seine Opera wieder heraus. Jacob Bontius schloss ın 
gleicher Weise Östindien auf, aber seine Historia naturalis et medica 
Indiae orientalis stellte erst Piso zu London 1769 ans Licht. Franeis 
Willugby Esq., geboren zu Middletown Warwickshire 1635, 7 1672 den 
3. Juli, bearbeitete als trefflicher Zoolog die Vögel und Fische, aber seine 
Ichthyographia erschien erst in Augsburg 1783 und 86, seine Ornitho- 
logia durch Joh. Raj in London 1676 und 78. Olaus Wormius beschrieb 
sein Naturalien-Cabinet: Museum Wormianum Amstelod. 1659. 

Nachdem Robert Hook auf der Insel Wight geb. 1635, + 1702, als 
Prof. der Mathematik am Gresham-College die Zusammensetzung der 
Vergrösserungslinsen erfunden und bereits 1660 ein Mikroskop so zu- 
sammengesetzt, dass Nath. Henshaw im Jahr 1661 die Spiralgefässe im 
Wallnussholze entdeckte, so folgten die Arbeiten für Pflanzenanatomie 
in erfreulicher Progression z.B. Rob. Hook's micrographia Lond. 1667 u. 
die phytotomischen Arbeiten von Martin Lister, als practischer Arzt in 
Lond. 7 1711. Derselbe gab auch Joh. Goedarts metamorphoses et historia 
insectorum mit vielen deutlichen Abbildungen in Kupferstich im Jahr 
1685 in London heraus. Dann die ausgezeichneten bildlichen Darstell- 
ungen und Erläuterungen zur Pfianzenanatomie von Nehem. @rew 7 1711, 


45 


weleher von 1668 an arbeitete und durch Joh. Wilkins, Bischof von 
Chester bereits als Lehrer der Phytotomie mit Gehalt angestellt worden, 
endlich die treffliche Anatome plantarum London 1675—79 von Marcello 
Malpighi, geb. in Bologna 1628, 7 1694 als Prof. daselbst, und die Ar- 
beiten von Anton Leeuwenhoek in Delft geb. 24. Oct. 1632, + 1723 als 
‘ Bürger daselbst, den wir oben als Entdecker der Infusionsthiere er- 
wähnten, begründeten das tiefere Wissen in der Kenntniss der Pflanzen- 
welt. Die vereinten Werke des Letztern: Opera omnia, welche sich zu- 
gleich mit auf das Thierreich bezogen, erschienen erst im J. 1722, während 
er die „entdeckten Verborgenheiten der Natur“ schon von 1689 an ver- 
öffentlicht hatte. Robert Sibbald, geb. in Edinburg den 15. April 1641, 
+ 1678 den 27. Dec., wurde Prof. der Botanik in Edinburg, und von 
ihm erschien die Scotia ilustrata Edinburg 1684. — Ein Glanzpunkt 
dieses Jahrhunderts wurde John Smwammerdam, geb. in Amsterdam den 
12. Febr. 1637, 7 1680 den 17. Febr. Er wurde der erste, welcher mit 
grösster Sorgfalt seine Beobachtung auf die Verwandlung und auf das 
Leben und den Bau der Insekten wendete. Seine Historia insectorum 
generalis, Utrecht 1669, bleibt ein Schatz für alle Zeiten, ebenso sein 
grosses Werk in dem er seine späteren Beobachtungen niederlegte und 
welches unter dem von seiner Begeisterung für diese Forschungen und 
deren Ergebnisse zeugendem Titel Zybel der Natur etc. in Leyden 1737 
bis 38 der berühmte Zoerhaave heraus gab. George Edwards, geb. zu 
Stratford 1693, 7 1773 den 23. Juli in Plaiston, hat als Bibliothekar der 
medicinischen Gesellschaft in London vorzüglich durch seine getreuen 
Abbildungen und Beschreibungen grösstentheils ausländischer Vögel die 
Ornithologie seiner Zeit auf eine ausgezeichnete Weise gefördert. Sein 
Werk erschien in sieben Quartbänden als Natural history of uncommon 
Birds und als Gleanings of natural history 1743—67, in letzteren befinden 
sich auch Insekten und einige Thiere anderer Classen. Derselbe be- 
sorgte auch zwei neue Ausgaben von Mark Catesby's natural history of 
Carolina, Florida and the Bahama Islands, 2 Bde mit 220 illum. Kupfern 
in gr. Fol. zuerst London 1731, 43, 48, dann von Edwards 1754 u. 1771. 
Ein wahrer Schatz für amerikanische Zoologie. Charles Plumier, geb. 
in Marseille 1666, war Zeichner und Maler, dann Mönch des Orden der 
Minimi und studirte in Rom unter Paul Siwio Boccone, geb. in Sicilien 
1633, 7 1704 einem gelehrten Cisterziensermönch, die Botanik. Zurückge- 
kehrt lernte er auch Joseph Garidel, geb. 1659, + 1737, Prof. in Aix, 
welcher die Pflanzen der Provence 1715 beschrieb und einige abbildete, 
sowie Tournefort kennen, und botanisirte im südlichen Frankr. Zouis XIV. 
war im Begriff Donat Surian in das französische Amerika zu senden 
und dieser erbat sich Plumier zum Gefährten von der Regierung. Sie 
reisten 1690 nach St. Domingo und nach Rückkehr noch einmal nach 
Westindien, von wo er erst 1693 zurückkehrte, auch zum drittenmale 
1695 um Peru zu besuchen, wo er aber in Cadix + 1704. Seine Werke 


46 

sind von höchster Wichtigkeit, obwohl sehr einfach von Ansehen. 
„Deser. des pl. de TAmerique. Paris 1693 mit 107 Kupf. Nova pl. genera 
Paris 1703. Nach seinem Tode erschien das Werk „Traite des Fougeres 
de TAmerique Paris 1705. Von 1400 Abbildungen, die er verloren, rettete 
Boerhaave 508, die Burmann in Ss. pl. amer. abschrieb und 262 abbildete. 
Amstelod. 1755—60. Louis Feuillee in der Provence 1660 geb., studirte 
in Marseille und trat auch in den Orden des Minimi, durch den er 1700 
in den Orient und 1703 nach Westindien gesendet wurde. Im Jahr 
1707 zurückgekehrt, wurde er Plumiers Nachfolger als K. Botaniker 
und Mathematiker. Auf einer zweiten Reise kam er 1709 nach Brasilien 
und schiffte um Cap Horn nach Chile und Lima, wo er zwei Jahre lebte. 
Sein Journal d'observat. faites sur les cötes orientales de lAmerique meri- 
dionale in drei Bänden Paris 1714—25, auch deutsch übersetzt, enthält 
auch die Schilderung der dortigen Natur durch einige Abbildungen (I. 
14. I. 9. II. 100 pl.) erläutert. Amadeus Frezier, geb. 1682, 7 1773, 
bereiste Chile, Lima und Magellanien in den Jahren 1712 und 13 und 
gab seine ‚„Aelation du voyage de la mer du Sud aux cötes du Chile, du 
Perou et du Bresil in zwei Bänden. Amstelod. 1717. 

Der Anfang des XVIH. Jahrhunderts war überhaupt mit trefflichen 
Vorlagen für objeetive Forschung versehen, der Gebrauch der Ver- 
grösserungsgläser und die fleissige Anwendung bis dahin erfüundener 
Instrumente zusammen, liess viele Resultate schaffen, die wir noch heute 
dankbar als Grundlage für unsere Kenntniss benutzen, wesshalb es 
möglich wird, von hieraus schon allgemeine Blicke nach dem Forschen 
für einzelne Wissenschaften richten und die für dieselben thätigen 
Männer selbst gruppiren zu können, so dass wir für jede gesonderte 
Wissenschaft einige nennen. 

Unter den Physikern trat Leonhard Euler auf, geb. in Basel 1707, 
+7. Sept. 1783 als Direktor der mathematischen Classe der Königl. Aka- 
demie der Wissenschaften in Berlin. Seine neue Theorie des Lichts, 
seme Undulationstheorie, seine 45 grösseren Werke und 684 kleinere 
Schriften sichern ihm seinen unsterblichen Ruhm. Die Brüder Johann 
 Musschenbroek, geb. in Leyden 1688, Prof. der Philosophie, noch mehr 
der jüngere Bruder Peter Musschenbroek, geb. in Leyden 1692, 7 1761, 
Prof. der Philosophie und Mathematik in Duisburg, Utrecht u. Leyden, 
war einer der berühmtesten Experimentalphysiker seiner Zeit und Er- 
finder des Pyrometer. Georg Christ. Lichtenberg, geb. zu Ober-Ramstadt 
bei Darmstadt 1742, + den 24. Febr. 1799, Prof. der Mathematik und Ex- 
perimentalphysik in Göttingen, wurde als Astronom, Physiker und geist- 
voller Beurtheiler des Menschenlebens berühmt. Aloys Galbani, geb. in Bo- 
logna den 9. Sept. 1737, + 4. Dec. 1798, Prof. der Anatomie zu Bologna, 
ist der bekannte Entdecker des nach ihm genannten Galvanismus vom 
Jahre 1760—1790 geworden. 


Die Chemie hatte noch keineswegs ihre alchymistischen T'räumereien 
der früheren Zeiten verlassen und Joh. Friedrich Böttger, geb. in Schleiz 
den 5. Februar 1682, + 1719 den 13. März, Apotheker und vorgeblicher 
Goldmacher, von dem echtes, angeblich von ihm fabrieirtes Gold noch 
im Königl. Mineraliencabinet in Dresden aufbewahrt wird, wurde im 
Jahr 1705 Erfinder des rothen, endlich 1709 des weissen meissner Por- 
zellan. — David van der Becke, Arzt, besonders Chemiker und Physiolog 
in Hamburg, spielte schon im 17. Jahrh. eine wichtige Rolle. Sein Ruhm 
war durch Deutschland, Holland und England verbreitet und selbst bis 
nach Indien gedrungen. In seinem Buche „Zuxperientia et meditationes 
eirca naturalium rerum principia, Hamburg 1683, zeigt er sich als scharf- 
sinnig prüfender, höchst belesener, folglich im Geiste jener Zeit hoch- 
gelehrter Mann. Sein Aberglaube ging dabei noch so weit, dass er im 
Ernste davon überzeugt war, dass wenn man Schlangen in kleine Stücke 
zerhaue, diese Stücke durch Fäulniss und Sonnenwärme zu neuen 
lebendigen Schlangen sich umwandeln könnten. Wenn man Frösche im 
Herbste zerstampfte und dem Schlamme beimische, so würden im Früh- 
ling wieder neue Frösche daraus. Die Enten, wenn sie im Herbste ge- 
storben und in Fäulniss übergegangen, verwandelten sich auch oft in 
Schlangen, weil sie dergl. oft im Sommer verspeisten. Reiher, welche 
sich von Hechten genährt hätten, würden zu Hechten oder zu Karpfen, 
‘wenn sie Karpfen genossen. Aus faulenden Aalen würden wieder leben- 
dige Aale. Auf dergl. Beobachtungen fussend begründet er eine Theorie 
der Gespenster. In jedem thierischen Körper sei der bildungsfähige Ur- 
stoff, die idea seminalis vorhanden und durch die Erdwärme könne sich 
derselbe entwickeln, so dass er nun in der Gestalt, die er im Leben 
gehabt, sich aus der Erde erhebe und in der Nacht sichtbar sei, auch 
am Tage sichtbar sein würde, wenn der Sonnenschein nicht zu hell 
wäre, welcher selbst die Gestirne unsichtbar mache. Der ‚„spöritus motor“ 
möge die „ideas formatrices quiescentes“ zu neuem Leben berufen und 
so stehe jede Form wieder da „prout mortis tempore erat.“ Das Buch bleibt 
ein characteristisches Zeichen für seine Zeit und für das „Od.“ — Caspar 
Neumann in Züllichau geb. 1689, + 1734 als Prof. der Chemie in Berlin und 
Apothekenaufseher in Preussen, dann Joh. Heinr. Bott, geb. in Halberstadt 
1692, 7 1777, dieser Theolog, Mediciner und als Professor der Chemie in 
Berlin berühmt, zugleich ein trefflicher Charakter. Andreas Sigismund 
Marggraf, geb. in Berlin 1709, + 1782, zeichnete sich 'als Hofapotheker 
durch seine schöne Kenntniss in der Chemie aus, wurde Mitglied der 
Academie der Wissenschaften und 1760 Director der physikalischen 
Ulasse derselben. Pierre Joseph Macquer, geb. in Paris 1718, Professor 
der Chemie und geachteter Schriftsteller für theoretische und praktische 
Chemie. Christoph Ludwig Hoffmann, geb. in Rheda in Westphalen 
1721, 7 1807 am 28. Juli in Etwille am Rhein, stellte ein eignes Sy- 
stem der Mediein auf, auf die Reizbarkeit sich begründend und un- 


48 


tersuchte vorzüglich die Krankheiten, welche von chemischen Umwand- 
lungen der Säfte abgeleitet wurden. Zornber Olof Bergmann, geb. in 
Katharinenburg in Westgothland 1735, 7 1784 war ein Schüler Zinnees, 
wurde im Jahre 1758 Professor der Physik in Upsal und 1767 auch 
der Chemie, und war ein für seine Zeit trefflicher Schriftsteller. Carl 
Wilhelm Scheele, geb. in Stralsund 1742, 7 1786, dessen vieles Gute 
enthaltende „opuscula chemica et physica“ erschienen erst nach seinem 
Tode 1788 und 1789. Antoine Laurent Lavoisier, geb. in Paris 1743, + 
1794 den 8. Mai unter Robespierres blutiger Regierung, war seit 1768 
Mitglied der Academie, schrieb seinen berühmten „Traite elementaire de 
chimie, 1791, und er das antiphlogistische System. 

Die objective Naturkunde hatte sich, wie wir oben gesagt, durch 
den, für die organisirten Naturkörper fleissig angewendeten Gebrauch 
der vergrössernden Gläser auf eine bedeutendere Höhe geschwungen. 
Für die unorganisirten Körper wurde dies Mittel, zur Kenntniss der- 
selben zu gelangen, gewöhnlich verschmäht. Von den ausgezeichnet- 
sten Forschern im Bereich dieser Richtungen überlebten folgende das 
Ende des siebenzehnten Jahrhunderts. John Ray, geb. zu Black Notley 
in Essex am 29. Nov. 1628, + daselbst am 17. Jan. 1705. Einer der 
geistvollsten und umfassendsten Naturforscher für Botanik und Zoolo- 
gie, deshalb der Aristoteles Englands genannt. Unter andern gab er 
seine Methodus plantarum 1682, seine I/chthyographia 1686 heraus. 
Augustus Ouirinus Rivinus, geb. in Leipzig 1652, + 1725 als Professor der 
Botanik daselbst, bearbeitete mehrere Pflanzenordnungen nach eignem 
System und erläuterte sie durch gute Abbildungen, auf Metallplatten ge- 
stochen. — Hans Sloane, geb. zu Killileish am 16. April 1660, + 1753 
als Präsident der Royal Society in London. Nachdem eigentlich der 
Gärtner Tradescant + 1652, das British museum zuerst begründet hatte, 
so vermachte /7.S. demselben testamentarisch seine reichen und kostbaren 
Sammlungen, welche das Parlament im Jahre 1759 übernahm. Er selbst 
hat seine Reisen nach Madera, Barbadoes, Nieves, St. Christoph und 
Jamaica beschrieben und die von ihm daselbst entdeckten Naturalien 
auf 274 Kupfertafeln abgebildet. Das Werk erschien in London 1707. 
— Joh. Heinrich Heucher, geb. in Wien am 1. Januar 1677, 7 1746 
den 22. Februar in Dresden, als Leibarzt des Königs von Polen 
und Churfürsten von Sachsen. Er war früher Professor der Botanik 
in Wittenberg, wo ihm Abraham Vater, geb. 1684, + 1751, nachfolgte, 

während er selbst nach Dresden berufen, daselbst der Stifter der Natura- 
lien- und Kunstsammlungen wurde. Seine zahlreichen Schriften erschie- 
nen als „Opera 1745“ durch den Leibarzt Dr. Christ. Fr. Haenel. — 
Rene Antoine Ferchault de Reaumur, geb. zu Rochelle 1683, 7 1757 zu 
Bermondiere in Maine, war einer der sorgfältigsten Beobachter. der 
Thierwelt, welche jemals gelebt haben. Seine Memoires des Insectes, 
in VI. Bänden, 1734—42 gelten uns noch heute als Muster von Aus- 


[3 


dauer und Geschicklichkeit im Beobachten und Untersuchen, ebenso 
beurkundet sein Werk über die künstliche Ausbrütung der Vögel seine 
Beharrlichkeit, und seine Eintheilung des Thermometer seinen Scharf- 
sinn. — Auch eine Dame muss hier genannt werden, die berühmte 
Maria Sibylla Merian, später Gattin des Maler Graf. Sie war geb. im 
Basel 1647, + am 13. Jan. 1717 in Amerika, Tochter des Senators Ma- 
thias Merian, in Basel geb. 1593, Verfassers eines Florilegium plantarum 
itinerarium und noch bekannter durch seinen Todtentanz. Die Tochter 
widmete sich vorzugsweise der Beobachtung der Insecten und ihre 
Metamorphosis insectorum surinamensium Amstelod. 1'100 und ihr Zrucarum 
ortus 1717, beide Werke mit Kupfertafeln von ihr selbst, sind schätz- 
bare Erinnerungen an ihre Beobachtungsgabe und ihren Fleiss. Johann 
Jacob Dillenius, geb. zu Darmstadt 1687, + 1747 als Professor in Oxford, 
nachdem er früher als Professor in Giessen durch seine Gelehrsamkeit 
in der Botanik, insbesondere durch seine durch ihn zuerst erlangte sorg- 
fältige Kenntniss der kryptogamischen Gewächse zu hohem Ruhme ge- 
gelangt war. In der Systematik war er Gegner von Zivinus. Johann 
Christian Buxbaum, in Merseburg geboren 1694, 7 1730, ging mit dem 
K. Russ. Gesandten nach Constantinopel und mit dem Grafen Romanzov 
in den Orient, wo er die Küstenländer des schwarzen Meeres, Klein- 
asien und Armenien als Botaniker bereiste, und seine Entdeckungen 
beschrieb und abbildete. Emanuel Graf von Swedenborg, geb. in Stock- 
holm 1689, + 1772 in London, war früher sehr thätiger Physiker und 
specieller Naturforscher, schrieb z. B. eine Oeconomia regni animalis, 
Lond. 1740. und Regnum animale, Haag 1744, wurde aber späterhin 
Geisterseher und Schwärmer*). — Holen wir hier jetzt noch einige 
ältere Reisende und sonstige Beförderer der Naturkenntniss nach: 
Heinrich Adrian van Rheede tot Drakensteen, Statthalter von Malabar 
und Mitglied der Ostindischen Gesellschaft, liess den berühmt geworde- 
nen „Hortus malabaricus“ mit 700 Abbildungen in Amsterdam von 1676 
bis 1703 erscheinen. Die von Bramanen gesammelten Pflanzen sind 
mit malaiischen, bramanischen und arabischen Namen versehen, und 
wurden von dem Carmeliter-Missionär ?. Mattei di S.Giuseppe aus Neapel 
gezeichnet, die malabarische Beschreibung von Zmanuel Carneiroin das Por- 
tugiesische, dann von Hermann von Donep in das Lateinische übersetzt. 
Der Missionär Casearius in Cochin ordnete das Ganze und Arn. Syen, 
Joh. Commelyn, Theod. Janssen van Almeloveen, Joh. Munniks und Abraham 
Poot besorgten die Herausgabe. — Georg Eberhard Rumphius, in Hanau 
1637 geboren, wurde Unterstatthalter zu Amboina und Mitglied der ost- 
indischen Rathsversammlung. Sein berühmtes Werk ‚‚Herbarium amboi- 
nense‘“ war 1690 fertig aber erst 1740 begann Joh. Burmann, die Ab- 


*) Eine treffliche Darstellung seines Wesens vergl. in „Schleidens Studien“, Leip- 
zig. 1855. S. 183— 214. 


50 

bildungen stechen und den Text lateinisch und holländisch mit sei- 
nen Anmerkungen drucken zu lassen. Es erschien in sieben Folio- 
bänden in Amsterdam. 1741 —51. — Auger Clutius aus Leiden und 
Joh. Vesling aus Minden, geb. 1598, 7 1649, besuchten Nordafrika, allein 
_ jener wurde aller Habe beraubt, und schrieb nur seine „Opuscula duo 
de nuce medica“ Amsterdam 1634. über die damals so kostbare maldivi- 
sche Nuss, dieser seine Observationes de plantis Aegypti. Patav. 1638. 
— Stephan Flacourt hat in seiner „Histoire de la grande isle Madagascar“ 
Paris 1661 zuerst die Naturgeschichte von Madagascar erschlossen. — 
Hans Egeede-Saabye, geb. in Dänemark den 31. Jan. 1686, 7 1758 den 
5. Nov. auf der Insel Falster, wurde Pfarrer in Norwegen und Missio- 
när in Grönland. Seine Naturgeschichte von Grönland erschien dänisch 
mit 12 Kupfern in Kopenhagen 1741, französisch in Genf 1763 und 
deutsch in Berlin 1763, worin er auch das fabelhafte Meerungeheuer, 
die Riesenschlange abbildet. — Friedrich Martens aus Hamburg besuchte 
als Wundarzt 1671 Spitzbergen, und seine „spitzbergische oder grönlän- 
dische Reisebeschreibung‘“ Hamburg 1675, giebt die Resultate seiner Be- 
obachtungen auch durch Abbildungen wieder. — Erich Pontoppidan, in 
Aarhuus geb. 1698, + 1765 als Bischoff von Bergen in Norwegen. Er 
hat neben theologischen Schriften auch die Naturgeschichte von Nor- 
wegen, dänisch in Kopenhagen, 1752—53, erscheinen lassen. Sie wurde 
in mehrere Sprachen übersetzt auch deutsch: Versuch einer natürlichen 
‚Geschichte von Normegen ete., übersetzt von Joh. Ad. Scheibe, in 2 Thei- 
len, mit 16 und 14 Kupf. Kopenhagen. 1753—54. — William Dampier 
besuchte 1684—1699 die Küsten der spanischen Besitzungen in Amerika, 
die Philippinen, die Fischerinseln und die Westküste Neuhollands. In 
seinem „Nouveau voyage autour du monde“ in 5Bänden, Amstelod. 1701, 
gab er auch Abbildungen der von ihm entdeckten Naturalien. — Wil. 
Sherard war ein Mäcenas der Botaniker in London, geb. zu Bushby in 
Leicestershire 1659, sammelte selbst Pflanzen auf der Insel Jersey, in 
Cornwallis, in der Schweiz und auf dem Jura. Er wurde 1703 engh- 
scher Consul in Smyrna, wo er einen botanischen Garten anlegte, bis 
er 1721 in sein Vaterland zurückkehrte. Er besass bereits ein Herba- 
rium von 12000 Arten. 

Bevor wir aber zu einer Auswahl aus den Namen der vielen Na- 
turforscher übergehen, welche dieses Jahrhundert selbst sich geboren, 
mag es erlaubt sein, wenigstens auf eine von den Anstalten, welche bis 
dahin für Naturkunde entstanden, einige flüchtige Blicke zu werfen. 

So wie die Naturkunde in jener Zeit grösstentheils um der Medi- 
cin willen betrieben wurde, so waren es besonders Apotheker und 
Aerzte, welche dieselbe studirten, und es waren die Leibärzte, welche 
durch ihren Einfluss auf die Monarchen dieselbe zu fördern vermoch- 
ten. In England gründete bereits die Königin Elisabeth einen Pflan- 
zengarten, an dem der Apotheker John Parkinson, geb. 1567, königlicher 


51 
Botanicus wurde, und seinen „Paradivus terresiris“ 1629 herausgab. Ihm 
folgte Leon Pluknet, geb. 1642, durch sein „Almagestum“, Lond. 1696, 
und „Amaltheum“ 1705 berühmt. Im Apothekergarten zu Chelsea 1686 
eingeweihet, hat Jak. Petivers grosse Thätigkeit bis 7 1718 gewaltet. 
Sein Gazophylacium, sein Museum, sein Hortus siceus pharmaceutieus bil- 
den mit mehreren andern Schriften seine Opera, welche erst 1764. mit 
310 Kupfertafeln erschienen. — Die beiden Leibärzte des Königs von 
Frankreich, Zowis XII, Herouard und Guy de la Brosse bewirkten nach 
langer Vorbereitung die Stiftung des Pflanzengarten in Paris. Letzterer 
hatte bereits im Jahre 1626 den Entwurf des Planes gemacht, und 1633 
war das Grundstsück für 67,000 Fr. angekauft worden, nachdem: Bou- 
vard, Herouards Nachfolger, als Leibarzt auch zum Oberaufseher und 
de la Brosse als Aufseher bestätigt worden, erschien darüber endlich am 
15. Mai 1635 das Dekret für die weitere Entwickelung und Bestimm- 
ung der Anstalt. Nachdem die Eifersucht der medieinischen Facultät 
der Herstellung lange entgegengetreten, wurden jetzt drei Professoren 
aus ihrer Mitte dabei angestellt: Jagues Cousinot für Botanik, Urban 
Baudineau für Pharmakologie und Maria Cureau de la Chambre für 
Chemie. Za Brosse veröffentlichte die Deseription du jardin Royal 1636 
mit einem Verzeichniss von bereits 1800 Pflanzenarten, und 1640 begann 
die Thätigkeit der Professoren und Demonstratoren. Unter Oberauf- 
sicht des ersten Leibarztes Wautier von 1642 ging die Anstalt wieder 
rückwärts, ihm folgte Anton Vallot, Denis Joncquet und Guy Orescent Fa- 
gon. Nach Vallots Tode übernahm der Minister Colbert die Oberauf- 
sicht selbst und stellte den Hofmaler Robert an, um Pflanzen zu malen, 
welche in Kupfer gestochen wurden. Nach dessen Tode folgte 1684 
Joh. Joubert aus Poitou in dieser Stelle als Maler. Zowis XIV. berief 
späterhin, nach endlicher weiterer Herstellung des Etablissements, den 
als kenntnissreichen Botaniker bekannt gewordenen Joseph Pitton de Tourne- 
/ort aus seinem Vaterlande, der Provence, geb. 1656, f 1708, welcher im J. 
1683 als junger, 26jähriger Mann die eigentliche Wissenschaft der Bo- 
tanik für Frankreich begann. Er hielt Vorlesungen, bearbeitete seine be- 
rühmt gewordenen Institutiones rei herbariae und reiste für die Wissenschaft. 
Im Jahre 1700 ging er in Begleitung des Malers Aubriet nach dem Ori- 
ent, durchreiste Griechenland, die Küsten des schwarzen Meeres und die 
archipelagischen Inseln und kehrte 1702 wieder zurück mit botanischen 
Schätzen beladen. Antoine Danty dIsnard und Sebastian Vaillant, geb. 
1669, 7 1721, Musiker, dann Wundarzt, endlich durch Tournefort begei- 
stert und als dessen eifriger Schüler, war zum trefflichen Botaniker ge- 
worden und dann zu dessen Nachfolger am botanischen Garten ernannt. 
Alle Werke Vaillants sind ausgezeichnet und geistvoll, seine Abbildun- 
gen trefflich, vorzüglich widmete er auch der Flora um Paris seinen 
Fleiss und stellte selbst kryptogamische Gewächse naturgetreu dar. 
Nach ihnen trat der so berühmt gewordene Name Jussieu auf. intoine 


92 
Jussieu, geb. 1686, 7 1758, wurde Professor am Garten und sein Bruder, 
Bernard Jussieu, geb. 1699, 7 1777, blieb vierzig Jahre lang sein 
Sousdemonstrateur oder Adjunct. Sie legten den ersten Grund für das 
natürliche Pflanzensystem. Letzterer reiste 1741 an die Küste der Nor- 
mandie, um die Polypen zu untersuchen und erklärte sie nach seiner 
Beobachtung für Thiere. Er war es, welcher im Garten zu Trianon 
durch seine Pflanzungen die erste Andeutung gab, für die natürlichen 
Verwandschaften im Reiche der Pflanzen. Er war es auch, welcher die 
Ceder vom Libanon aus England brachte, welche noch heute den 
Hügel im „Jardin des plantes“ majestätisch beschattet. Während in 
der Direcetion des Gartens wieder die Leibärzte Chirae und Chicoisneau 
nachfolgten, ohne die Sache zu kennen oder ihr nützen zu wollen, ver- 
mehrte Francois du Fay, ein ausgezeichneter Militair, welcher England 
und Holland bereist hatte, die Anstalt durch seine thätige Correspon- 
denz mit kostbaren Naturalien für alle Reiche und bedachte sie gross- 
artig durch sein Testament, wollte aber neben dieses bedeutend mate- 
rielle Legat auch noch ein geistiges setzen. Er erbat sich nämlich von 
dem Minister Zowis XV. den später zum Grafen erhobenen Georg Louis 
Leclerc de Buffon, geb. zu Montbard in Bourgogne, den 7. September 1707, 
+ 1788 den 16. April in Paris, welcher von 1739 an Intendant des 
Pflanzengarten und der mit ihm verbundenen naturhistorischen Museen 
geworden. Er war ganz dazu geschaffen, der Anstalt und der Wissen- 
schaft durch seinen Geist und seine Persönlichkeit unendlich zu nützen, 
und sein Eifer verschaffte von jetzt an dem Garten und den Museen 
den Weltruf, den sie sich späterhin weise bewahrten. Er vergrösserte 
den Garten und vermehrte die Pflanzungen desselben, er richtete für die 
Museen die grossen Galerieen ein und versammelte die kenntnissreichsten 
Männer um sich herum. Er rufte Bernard de Jussieu herbei und zog 
zunächst Zowis Jean Marie Daubenton, Philibert Guenau de Montbeillard 
und Bernard Germain Etienne de Lacepede, geb. zu Agen 1755, T 1826 
bei St. Denis, 1785 als Aufseher und Demonstrator am botanischen Garten, 
1795 als Professor der Zoologie, an sich, die kenntnissreichen Mitarbeiter 
an seinen Werken, zur Histoire naturelle gehörig. Buffon galt als das Cen- 
trum und als die Krone des Ganzen. Sein Geist, sein Anstand und 
seine persönliche Liebenswürdigkeit liessen ihn das erreichen, was seine 
Vorgänger nicht vermocht hatten, erlangen zu können. Er selbst und 
die Anstalt, für welche er lebte und die Wissenschaft, für welche sie 
existirte, erhielten einen europäischen Ruf, und diese Wissenschaft von 
der Natur wurde ein Liebling der Monarchen und zog ein in die Kreise 
der Vornehmen und Reichen. Seine Aneiferung der Männer, die mit 
ihm sich verbunden, seine lichtvolle Auffassung und seine leichte Be- 
wältigung vielfachen Materials, concentrirte deren Kenntnisse in sich 
selbst und seine schöne, wenn auch oft übertrieben gesuchte, doch für 
jene Rokokozeit, in der er lebte, vollkommen geeignete Sprache und 


53 


Schreibart machten die Naturkunde zum erstenmale fähig, am Hofe und 
in der vornehmen Welt durch seinen Mund und aus seiner Feder als 
angenehme und willkommene Unterhaltung zu glänzen. Absehend von 
aller Systematik, betrachtete er immer das Einzelne an sich und 
schmückte dessen Erscheinung in Form und Farbe und Leben durch 
seine reiche Phantasie, und verbreitete so die Liebe für ein Studium in 
der gebildeten Welt, welches bis dahin nur von einzelnen Gelehrten ge- 
pflegt worden war. 

Sind wir durch Zuffon zu den Männern übergegangen, welche das 
achtzehnte Jahrhundert geboren, so finden wir ihn als Zeitgenossen von 
ziemlich vielen ausgezeichneten Geistern, welche ähnliche Zwecke in 
verschiedener Richtung verfolgten. Die ganze Anschauung der Natur 
ging bis dahin vom Gemüth aus, diese Anschauung reflectirte sich im 
Leben der organisirten Natur, es war jene Bewunderung, welche schon 
Aristoteles als die Mutter des Wissens erkannte. Begeisterung für das Er- 
schaffene, Bestreben dasselbe einzeln kennen zu lernen, führte zum Beob- 
achten, zum Sammeln und Forschen und die Forschung brachte mit der 
gewonnenen Kenntniss eine demuthsvolle Ahnung des Schöpfers der 
erschaffenen Wesen und eine Ueberzeugung von dessen Allmacht und 
Güte hervor. 

Carl Linnee, Sohn eines Predigers in Roshult in Smaland, geb. den 
24. Mai 1707, + 1778 den 10. Januar, früh 8 Uhr, hat diesen Weg der 
Bildung genommen *). Der Beruf, Naturforscher zu werden; schien ihm 
angeboren zu sein und offenbarte sich bereits im Leben des Knaben. 
Sein Geist wirkte in seltner Energie mit dem Gemüthe zusammen und 
das Resultat war seine Reformation, ja mehr noch, seine eigentlich wis- 
senschaftliche Schöpfung und feste Begründung der ganzen Naturkunde, 
denn Zinnee wurde der erste, welcher eine nothwendige Methode, eine 
eigenthümliche Bestimmung der Begriffe und Begrenzung der Ausdrücke 
für Bezeichnung der Eigenschaften der Körper erfand und dadurch sich 
in den Stand gesetzt sah, alles aus den zahlreichen schon existirenden 
Werken als zerstreut und ordnungslos ihm bekannt gewordene zu be- 
wältigen, und von da aus diese Mannigfaltigkeit durch Erhebung auf 
allgemeine geistvolle Anschauungen dann wieder sondern und lichtvoll 
elassificiren zu können. Wenn sein Zeitgenosse Bu/fon die Naturkunde 
für die vornehme Welt pikant zu machen verstand, so verstand es 
Linnee, sie für ein gründliches Studium der ganzen gebildeten Welt zu- 
gänglich und fesselnd zu machen. Zinnee war übrigens der erste und 
zugleich für alle Zukunft der einzige Naturforscher der Welt, dem es 
vergönnt war, das Wissen seiner Zeit in seinem Detail zu beherrschen 
und die bis dahin bekannt gewordenen Arten aller drei Naturreiche in 


*) Seine Wirksamkeit kann in diesem Rückblicke nur angedeutet werden, mehr wurde 
darüber in der „Allgem, deutschen nalurhist. Zeitung“ 1847 8. 449—459 gegeben. 


einem Werke selbst zu beschreiben. Dies sind Umstände, welche seiner 
Nachwelt weder für ein Reich, noch für eine grössere Qlasse der orga- 
nischen Reiche in gleicher der Zeit entsprechender Vollständigkeit wie- 
der möglich geworden. Albert von Haller in Bern, bald nach Zinnee 
geboren, am 16. Oct. 1708, 7 1777, den 12. December, wurde Professor 
der Anatomie, Physiologie und Botanik in Göttingen, wo er zu einem 
seltenem Ruhme gelangte. Die seltenste und vielseitigste Begabung des 
Geistes hatte sich auch hier bereits im kleinen Knaben entwickelt, und 
leicht mochten Zaller und Linnee, neben einander rivalisirend, ihrer Zeit 
als die grössten Männer erscheinen. Zallers schönstes Denkmal wurde 
die von ihm gestiftete Gesellschaft der Wissenschaften in Göttingen und 
der von ihm begründete botanische Garten daselbst. Haller ehrte seine 
Zeitgenossen, z. B. Peter Collinson in London, Joh. Gottlieb Gleditsch, 
geb. 1714, 7 1786, Professor in Berlin, Joh. Georg Gmellin, geb. 1709, 
Professor in Tübingen und Christ. Gottlieb Ludwig‘, geb. 1709, 7 1773, 
Prof. der Physiologie in Leipzig, auch als Botaniker rühmlich bekannt, 
Adrian van Royen, Professor in Leiden, Humphred Sibthorp, Professor am 
Sherardischen Garten in London u. A. durch Widmung seiner Schriften, 
andere durch Erneuerung der ihrigen, sowie er die Flora von Jena von 
Heinrich Bernhard Rupp, x 1719, welche 1718 erschienen war, in den 
Jahren 1726 und 1745 wieder herausgab. — Joh. Ernst Hebenstreit, geb. 
in Neustadt an der Orla 1702, 7 1757, Schüler von Zivinus: „De con- 
tin. Rivini iidustria Lips. 1726. Definitiones plantarum 1731, wurde vom 
König von Pohlen, August II, in Jahre 1731 mit Christ. Gott. Ludwig 
nach Afrika gesandt, um seltsame 'Thiere und Pflanzen für Dresden zu 
sammeln, beide reisten über Marseille nach Algier, Tunis, Tripoli und 
anderen Gegenden Nordafrikas und kehrten 1733 zurück, wo sie auch 
die zum Theil noch lebende Zwingerorangerie mitgebracht hatten. Nach 
dieser Rückkehr schrieb Hebenstreit noch eine Diss. de methodo planta- 
rum e fruciu optima. Lips. 1740. Er starb in Folge seiner Sorge für 
die bei Rossbach verwundeten Krieger. — Eine grosse Thätigkeit ent- 
wiekelte sich im Beginn dieses Jahrhunderts für die Beobachtung der 
Insecten. Die Metamorphose, welche die Vorgänger gelehrt hatten, er- 
griff schon durch die ihr untergelegte Bedeutung die Gemüther so tief, dass 
man ihre Erforschung mit einer wahren Pietät und mit wahrhaft aristo- 
telischer Bewunderung pflegte, und dass alle Anschauung der Gottheit 
aus der Natur, alle Beziehung auf die später Teleologie genannte Zweck- 
mässigkeit und Harmonie in der Natur, durch diese Forschung eine neue 
Quelle gefunden. Als den naiven Vorgänger dieser bescheidenen For- 
scher nennen wir zuerst Joh. Leonhard Frisch, dessen Beschreibung 
von allerlei Inseeten in Deutschland, nebst nützlichen Anmerkungen 
und nöthigen Abbildungen von diesen kriechenden und fliegenden Ge- 
würme etc., in 13 Theilen mit 273 schwarzen Kupfertafeln, in Berlin 
schon 1720 bis 1738 erschien. Aug. Joh. Roesel, in Augustenburg bei 


55 


Arnstadt in Schwarzburg-Sondershausen, geb. 1705, 7 1759 in Augsburg, 
als Roesel von Rosenhof, ein durch seine vom Jahre 1746 bis 1761 her- 
ausgegebenen „Monatlichen Inseetenbelustigungen“ unsterblich gewor- 
dener Entomolog, dessen treffliche von ihm selbst gefertigten Abbildun- 
gen und treue Beobachtungen nebst anatomischen Darstellungen kaum 
übertroffen worden sind. Sein Werk erscheint uns als eine sehr hohe 
Potenz dessen von seinem Vorgänger Frisch. Sein Schwiegersohn Alee- 
mann gab unter dem Titel „Beiträge“ die Fortsetzung dazu 1761 — 92 
und 94 und ein anderes vortreffliches und noch wnübertroffenes Werk 
die „„Naturgeschichte der Frösche“ ete. in gross Fol. gab der Maler JoA. 
Dan. Meyer in Nürnberg heraus und für die Vorzüglichkeit dieses gleich- 
falls durch die ausführlichste Darstellung der Verwandelung und der 
Anatomie ausgezeichneten Werkes spricht schon der Umstand, dass der 
grosse Albert von Haller selbst eine Vorrede und lateinischen Text dazu 
schrieb. Derselbe Meyer gab noch zwei hundert Folioplatten mit ver- 
schiedenen Thieren aller Classen der Wirbelthiere mit ihren Skeletten 
(Beinkörpern!) 1748 und 1752 mit Beschreibung heraus, eine schätzbare 
Sammlung, welche alle bis dahin erschienenen weit übertrifft. — Charles 
Bonnet, geb. in Genf 1720, + 1793, begann seine Laufbahn mit so aus- 
. gezeichneten Beobachtungen über das Leben der Blattläuse, dass er 
schon im zwanzigsten Jahre zum correspondirenden Mitgliede der Aka- 
demie in Paris ernannt wurde. Seine philosophischen wie seine natur- 
historischen Werke, z. B. seine „‚Contemplation de la nature“ ed. 2. III. vol. 
Hamb. 1782, seine ‚„Considerations sur les corps organises‘“ Paris 1764, 
vorzüglich sein „Zraite d’Insectologie“‘ (Oewres compl. s) X. vol. Berne 
1779—80, zeigen eine Vereinigung von sorgfältig trefflichen Beobach- 
tungen mit.correctem Styl und derjenigen Begeisterung und Hingabe 
an sein Studium, welche den Leser zur Bewunderung hinreissen muss. 
Diese Werke fanden auch so viel Theilnahme, dass sie in die meisten 
gangbaren Sprachen ‚übersetzt worden sind. Sein Zeitgenosse Charles 
De Geer, Baron of Leutsta, Marschall von Schweden, geb. in Stockholm 
1720, 7 1778, den 20. März, war Schüler Zinnees und wurde gleichsam 
ein neuer Swammerdam, durch Linnees Ansichten für höhere Erkenntniss 
gebildet. Seine grossen Memoires pour servir 4 Thistorie des Insectes er- 
schienen in 7 grossen Quartbänden in Stockholm in den Jahren 1752 
bis 78 und enthalten eine so reiche Masse von anatomischen Details, 
mit Klarheit und Präcision der Anschauung geboten, dass dieses Werk 
eine der vorzüglichsten Quellen für das wissenschaftliche Studium der 
Entomologie genannt werden muss. Jacob Chrisiian Schäffer, geb. in 
Querfurt 1718, + 1790 als Superintendent in Regensburg, wurde einer 
der fleissigsten Schriftsteller für Zoologie, welche jemals gelebt haben. 
Seine überaus zahlreichen Arbeiten, grösstentheils Inseeten betreffend, 
doch auch Crustaceen und Eingeweidewürmer, enthalten so treue und 
so sorgfältig angestellte Beobachtungen aus der Natur und so treffliche 


36 


Abbildungen, dabei bereits eine so gründliche Verfolgung von Methodik, 
dass dieselben unter das ausgezeichnetste gehören, was der angestreng- 
teste Fleiss in Rücksicht auf seine Zeit jemals geschaffen. Seine Zu- 
sammenstellung der Insecten der Gegend von Regensburg Zcones insect. 
circa Ratisbonam indigenorum, natürlich ausgemalte Abbild. Regensburger 
Insecten. 3 Bde mit 280 ill. K. Regensburg 1766—79, ist eigentlich die 
erste iconographische Fauna, denn die spätere Zeit hat Inseetenfaunen 
entweder nur beschreibend gegeben oder einzelne Abtheilungen vorge- 
zogen, andere minder beachtet, während Schäffer alles was ihm vorkam, 
gegeben. Ebenso verdienstvoll arbeitete er für Ornithologie. — Herm. 
Samuel Reimarus, geb. in Hamburg 1694, 7 1786, Rector in Wismar, 
dann seit 1728 Prof. der oriental. Sprachen in Hamburg, schrieb über 
„die vornehmsten Wahrheiten der natürl. Religion“ 1754 und „Allgemeine 
Betrachtungen über die Triebe der Thiere.“ Hamb. 1760 u. 1773, wo- 
durch er so viele Theilnahme fand, dass diese Schrift 3 Ausgaben auch 
eine holländische Uebersetzung erlebte. Ueber seinen Sohn s. später. 

Ein grosser Geist in anderer Richtung war Peter Camper, geb. in 
Leyden am 11. Mai 1722, j 1789 den 7. April. Sein Vater, protestan- 
tischer Geistlicher in Se war erst 1715 nach Leyden zurückge- 
kehrt und lebte in freundschaftlichstem Verhältniss mit Boerhaave, des- 
sen Einfluss auf die erste Bildung des jungen Camper noch möglich 
geworden. Er versuchte sich bald als Schriftsteller in schwierigen 
physiologischen Themen, machte durch seine Reise die Bekanntschaft 
mit den ausgezeichnetesten Männern seiner Zeit und erhob sich durch 
seine vielseitigste Bildung zu einem der ersten Schriftsteller, insbeson- 
dere für Anatomie und Physiologie des Menschen und der höher orga- 
nisirten Thiere und ihrer paläontologischen Reste, auch gab er einen 
auf jene Wissenschaften begründeten „Versuch über die physische Er- 
ziehung der Kinder“, welcher von der wissenschaftlichen Gesellschaft in 
Harlem gekrönt wurde. Auch seine Untersuchungen über die Neger- 
Race und über den Orang-Utang lassen ihn niemals vergessen. Sein 
Sohn Adrien Gilles Camper hat manche seiner Untersuchungen fortgesetzt 
und einige seiner Schriften wieder erneuert. Nächst seinem Sohne hat 
auch Vicyg dAzyr sein Leben beschrieben und Dr. Cogan u. A. einzelne 
seiner Werke übersetzt, während sich Abhandlungen von ihm in den 
Schriften fast aller Akademien befinden. — Axel Friedrich Freiherr von 
Oronstedt, geb. in Südermannland 1722, + 1765, steht hier ziemlich isolirt 
als guter Mineralog. Nachdem Agricola die Mineralogie begründet, dürfen 
wir gewiss Cronstedt als denjenigen ansehen, welcher mit tiefer wis- 
senschaftlicher Anschauung zuerst ein System für dieselbe versuchte, 
welches auch durch die deutsche Bearbeitung von Werner, Leipzig 1780 
erst später bekannter geworden. — Thomas Pennant, geb. zu Downing 
am 14. Juni 1726, + 1798 d. 16. Dec., erinnert sich, dass ihm als Knaben 
von 12 Jahren Willughby, welcher damals seinen Verwandten Salisbury 


97 


besuchte, einige Vögel geschenkt und dadurch den Sinn für die An- 
schauung der Natur in ihm aufgeweckt habe. Seine Werke haben auch 
vorzugsweise die Naturgeschichte der Vögel und Säugethiere, sowohl 
Englands als auch des Auslands durch Abbildung ünd Beschreibung 
erläutert. John Hunter, geb. in Long Calderwood g. 13—14. Febr. 1728, 
7 1793 den 16. Oct., übertraf noch seinen älteren Bruder William Hunter, 
geb. 1718 und zeichnete sich aus als Anatom, Zootom und Zoolog über- 
haupt. Er legte den Grund zum Museum für vergleichende Anatomie 
in London und erfreute sich durch seine Kenntnisse selbst der Aner- 
kennung von Haller. Seine Forschungen bewegten sich in einer ähn- 
lichen Bahn wie die von 2. Camper. 

Lazaro- Spallanzani in Scandiana geb. 1729, + 1799, wurde in Bo- 
logna gebildet und im 29. Jahr seines Alters Prof. der schönen Wissen- 
schaften und der Philosophie in Reggio, im Jahr 1770 Prof. ‚der 
Anatomie und Physiologie und Naturgeschichte zu Pavia, von wo aus 
er 1790 bis Constantinopel reiste. Seine überaus fHleissigen und scharf- 
sinnigen Beobachtungen durch welche er mehrere Erscheinungen im 
Thier- und Pflanzenleben erklärte, sind ausserordentlich zahlreich und 
zum Theil auch auf seinen Reisen, besonders in Sicilien angestellt worden. 
— James Bruce Esq. of Kinnaind zu Kinnainds House in Stirlingshire 
geb. den 14. Dee. 1730, 7 1794 den 27. April, dessen 1762 begonnene 
erst 1774 vollendete afrikanische Reise für Geographie wie für Natur- 
geschichte gleich wichtig geworden, hat besonders Abyssiniens Natur- 
produkte wieder zur Kenntniss gebracht und manche Nachrichten aus 
den Zeiten von Herodot und von Srabo zuerst wieder beleuchtet. — 
Natal. Jos. von Necker, geb. 1730, j 1793, Botaniker in der Kurpfalz, 
wurde durch seinen „Traite sur la mycetologie, Mannh. 1783, seine Physio- 
logia muscorum ib. 17174, seine Deliciae gallo-belg. silvestres Argent. 17168, 
u. seine Zlementa botanica. Neow. 1790 bekannt. — Joh. Hedwig, geb. 1730, 
1799, Prof. der Botanik in Leipzig, wurde durch seine tiefer eingehen- 
den mikroskopischen Untersuchungen und zahlreichen trefflichen und 
in grossem Maasstabe gegebenen Abbildungen der erste bedeutende 
Schriftsteller für kryptogamische Gewächse, deren feinere Organe er 
eigentlich zuerst zur klaren Anschauung brachte. Seine „Theoria genera- 
tionis“, sein Fundamentum hist. nat. muse. frondos. Lips. 1782 nebst einer 
grossen Anzahl andrer Abhandlungen, vorzüglich aber sein grosses spe- 
zielles Werk über die Musci frondosi haben ihm einen unsterblichen 
Namen gesichert. — Zleazar Albinus, ein fleissiger Zoolog, gab eine Na- 
tural history of Birds in 3 Bänden 1731—38 mit illum. Abbild., dann 
die English Song Birds 1778, ausserdem Fische, Insecten und Spinnen. 
Die Abbildungen sind manirirt. — Jon. Leonh. Frisch, oben als einer der 
ersten Entomologen genannt, war auch der erste, welcher ein gutes 
Werk über die „Vögel Deutschlands“ Berlin 1734—63 gegeben, dessen 
Fortsetzung seine Söhne Jost Leopold und J. Christoph besorgten. Die 

Allg. deutsche naturhist. Zeitung. 1. > 


i 98 
Fledermäuse stehen hier zum letztenmale unter den Vögeln! — Von 
Peter Artedi erschien eine Bibliotheca ichthyologiea und eine gute erste 
Philosophia, genera, synonyma et species piscium und andere Werke über 
die Fische, meist von Zinnee u. J. Jul. Walbom 1735—1793 herausgegeben. 
Mathurin Jacques Brisson, geb. zu Fonteney le Peuple 1723, Prof. der 
Physik in Paris, hat sich neben Herausgabe physikalischer Werke in 
der Zoologie durch sein „Regne animal“ 1756, vielmehr noch durch. seine 
„Ornithologia“‘ in sechs Quartbänden mit 261 Kupfertafeln in Querfolio 
Paris 1760 als den ersten und für alle Zeiten als einen der gründlich- 
sten Forscher bewährt. Vieles beschrieb er aus Reaumurs Sammlung, 
das meiste aus dem Pariser Museum. — Joh. Georg Sulzer za Winter- 
thur im Canton Zürich geb. 1720, + 1777, betrachtete neben den schönen 
Wissenschaften auch die Natur von ihrer ästhetischen Seite und schrieb 
das auch ins Französische übersetzte Werk „Von den Schönheiten der 
Natur“ Berlin 1750, trug aber auch zur Kenntniss der Natur in der 
Schweiz bei, durch Beschreibung seiner Reise durch dieselbe, Zürich 
1743. Joh. Heinrich Sulzer war ein gründlicher Entomolog und beför- 
derte die theoretische Kenntniss derselben besonders durch sein Werk: 
„Die Kennzeichen der Insecten“ mit 24 illustr. Karten, Vorrede von 
Joh. Gesner, Zürich 1761 und durch seine „Geschichte der Schweizer 
und ausländischen Inseeten mit 32 illum. K. Winterthur 1776. Suppl. 
1789. — Marcus Eliezer Bloch tvat in Deutschland auf als ein erster 
ausgezeichneter Kenner der Fische. Seine „allgemeine Naturgeschichte 
der Fische“ erschien in 12 Theilen mit 432 illum. Kupf. in Fol. Berlin 
1782—95 und sogar auch in französischer Sprache übersetzt. Die „öko- 
nomische Naturgeschichte der Fische Deutschlands“ enthält 6 Bände 
mit 216 illum. Kupf. Berlin 1783— 87, das „Systema Ichthyologiae“ hat 
110 Tafeln und erschien erst durch J. Gottlob Schneider, Berlin 1801. — 
Seine Abhandlung von der Erzeugung der Eingeweidewürmer und den 
Mitteln wider dieselben mit 10 Kupfertafeln, Berlin 1782, wurde von der 
Societät der Wissenschaften in Kopenhagen mit dem Preise gekrönt. — 
Abbe Bazin gab ohne sich als Autor zu nennen eine Naturgeschiehte 
der Bienen „Hist. naturelle des Abeilles I. II. Paris 1747. — Nathanael 
Gottfried Leske, Prof. in Leipzig, war ein vielseitig gebildeter Naturfor- 
scher, welcher durch seine „Reise durch Sachsen“ mit 40 Kupfertafeln 
Leipz. 1785 seine Anfangsgründe der Naturgeschichte, Leipz. 1779, seine 
Physiologia animalium Lips. 1775, seine Ichthyologia lipsiensis Lips. 1774 
so wie durch Arbeiten über Echinodermen, über den Blasenwurm im 
Hirn der Schafe u. s. w. sich als guten Beobachter bewährte. — William 
Smellie, geb. in Edinburg 1740, 7 1795 den 24. Juni, schrieb eine „Philo- 
sophy of natural history“ in 2 Bänden, Edinburg 1790, welche auch nach 
seinem Tode in neuer Ausgabe London 1838 erschien. Ferner über- 
setzte er Buffons Naturgeschichte der Vögel in 9 Bänden London 1793. 
Jos. Franz Edler v. Jacquin gab „Beiträge zur Geschichte der Vögel mit 
19 illustrirten Kupfern 4. Wien 1784. — Joh. Friedrich Gmelin (s. später), 


59 


hatte alle specielle neue Entdeckungen sorgfältig gesammelt und liess 
Linnees systema naturae in der XI. Ausgabe Leipzig 1788 erscheinen. 
— Drew Drury, geb. Wood Street, Cheapside, London 4. Februar 1725, 
+ 1763 den 18. April, wurde durch seine schönen Illustrations of natural 
history mit 150 Kupfertaf. in 3 Bänden London 1770—82 und Illustrations 
of foreign Entomology in 3 Bänden mit 150 Kupfert. herausgegeben von 
Westwood, London 1837, rühmlich bekannt. — Joh. Casp. Fuessli, geb. 
in Zürich 1706, 7 1782, eigentlich Portraitmaler, ein guter Entomolog 
der Schweiz, gab vortreffliche Abbildungen zu seinen Werken: „Ver- 
zeichniss der Schweizer Insecten, Zürich und Winterthur 1775. Magazin 
für Liebhaber der Entomologie, 2 Bände, eb. 1778. Neues Magazin 
1782—87. Archiv der Insectengeschichte eb. 1781—86. — Kasp. Stoll, 
+ 1795, schuf ein schätzbares Werk zur Kenntniss der Hemipteren: 
„Natürl. u.nach dem Leben gemalte Abbild. u. Beschreibungen der Cicaden 
u. Wanzen u.a. verwandten Inseceten aus Europa, Asia, Africa u. America,“ 
herausgegeben von Winterschmidt, Nürnberg 1781. Ursprünglich hol- 
ländisch Amsterd. 1787—90, von Houttuyn beendigt 1815. — Joh. Friedr. 
Wilhelm Herbst in Petershagen im Fürstenthum Minden geb. den 1. Nov. 
1743, 7 1807 den 5. Nov. als Archidiakonus in Berlin, war ein verdienst- 
voller Entomolog. Seine „Einleitung zur Kenntniss der Insecten für 
Ungeübte und Anfänger in 3 Bänden, Berlin u. Stralsund 1784—-86, hat 
die Liebe für diese Wissenschaft befördert. Sein „Natursystem der un- 
geflügelten Insecten, Berlin 1798— 1800 mit 23 'illum. Kupf., endlich 
sein „Versuch einer Naturgeschichte“ der Krabben und Krebse in drei 
Bänden mit 62 illum. Kupfertaf. Zürich, Berlin u. Stralsund 1782—1804 
sind ausgezeichnet. Carl Gustav Jablonsky gab ein grosses Werk: „Na- 
tursystem aller bekannten in- und ausländ. Insecten “ mit illum. Kupf. 
welches Zerbst fortsetzte. Berlin 1785—1806. Davon sind nur 202 ill. 
Kupfertaf. Käfer und 327 Kupfertaf. Schmetterlinge erschienen. — Joh. 
Rud. Schellenberg beschäftigte sich so wie 8704 vorzugsweise mit Hemip- 
teren und gab die sehr schätzbaren Werke: „Das Geschlecht der Land- 
und Wasserwanzen in der Schweiz nach Familien geordnet mit 14 ill. 
Kupf. Zürich 1800, auch in lateinischer Sprache. Ausserdem auch 
Dipteren: „Genres de Mouches dipteres“ mit 42 ill. Kupf. auch deutsck: 
„Gattungen der Fliegen“ Zürich 1803 und „Entomologische Beiträge“ 
Winterthur 1802. 

Haben wir hiermit eine Anzahl: wichtiger Männer genannt, welche 
diesem Jahrhundert gehörend, endlich schon in das XIX. Seculum ein- 
traten, so versparen wir die Aufzählung derjenigen, welche in dieses län- 
ger hineinlebten, für eine Schilderung dieses Jahrhunderts. 

Wenn bereits mehrere der genannten Männer auch als Reisende | 
aufgeführt worden, so sind noch folgende an ihre Namenreihe anzu- 
schliessen, durch deren Reisen die Wissenschaft Aufklärung fand. Für 
Reisen nach‘ Asien: Peter Kämpfer in Lemgo 1651 geb., + 1716, reiste 

5* 


60 


als Leibarzt mit dem schwedischen Gesandten Zudw. Fabricius 1683 nach 
Persien, wo er länger blieb, dann auch Georgien und Amerika durch- 
suchte, später als Arzt mit nach der Küste von Arabien, nach Ceilon, 
Bengalen und Sumatra gimg und nur 1689 ein Jahr. in Batavia blieb. 
Dann besuchte er Siam und Corea, blieb in Japan zwei Jahre und 
kehrte 1693 nach Europa zurück um Leibarzt des Grafen von der 
Lippe zu bleiben bis er starb. Seine „Amoenitates exoticae“ 1712 Lemgo 
mit 90 Kupfertaf. sind reich an Neuigkeiten für Zoologie und Botanik. 
— Augustio Lippi, geb. in Paris 1678, reiste unter Zowis XIV. mit einer 
Gesandschaft nach Aegypten, Nubien und Habessinien, wurde aber 
daselbst 1704 ermordet und seine gerettete Sammlung von andern be- 
schrieben. 

Richard Pococke, Bischof von Ossory berichtet über die Palme von 
Theben: Hyphaene coriacea und m. a. Gewächse in seinem Werk: 
Description of the East. London 1743—45. Friedrich Hasselquist in Ost- 
gothland geb. 1722, 7 1752, Schüler Zinnees, bereiste Aegypten und 
Palästina, starb aber in Smyrna und Zinne beschrieb seine Reise und 
die von ihm gefundenen Pflanzen im Jahr 1757. — Alexander Russel 
lebte in Aleppo, 7 1768 und hinterliess sein Werk: 7he natural history 
of Aleppo and parts adjacent. London 1756. ed. 2. von seinem Sohne 
Patrick Russel, London 1794, auch deutsch zu Göttingen 1798. — Joh. 
Mariti hatte acht Jahre lang in Asien gelebt und beschrieb auch Pflan- 
zen in seinem Piaggio per Tisola di Cipro e per la Soria e Palestina in 5 
Bänden 1769—70 Florenz. — Carsten Niebuhr, geb. 1733, / 1815, reiste 
mit seinem Begleiter Peter Forskol, geb. in Schweden 1732, 7 1763 nach 
Aegypten und Arabien, wo letztrer starb und die Flora aegyptiaco ara- 
bica Havniae 1774 und die Icones rerum naturalium das. 1776 durch 
Niebuhr erschienen und die Pflanzen dann durch Martin Vahl durch seine 
Symbolae botanicae 11790—94 genauer bestimmt wurden. — Jak. Jul. La 
Billardiere reiste 1787 nach Syrien und auf den Libanon und die Zcones 
plantarum Syriae rariorum Paris 1791, bieten die Resultate der Reise. 
In Folge des Feldzugs den Bonaparte in Aegypten bestanden, wurden 
durch seine Begleiter Delle, Savigny und Nectoux die Naturalien für 
das Denkmal des Feldzugs, die grosse Description de TEgypte, Hist. nat. 
Paris 1813 abgebildet und beschrieben, andere in der Reise von Sonnini 
in Ober- und Nieder- Aegypten und in der von Denon. 

Das asiatische Russland erschloss Daniel Gottl. Messerschmidt aus 
Danzig, welcher aus Liebe für die Naturkunde 1716 nach Petersburg, 
von da 1720 nach Tobolsk ging, von wo er mit Siralenberg den Obi, Jenisei 
und die barabinzische Steppe durchreiste, dann drei Jahre allein in 
. Sibirien blieb, die Tunguska, Angara, Lena, den Irtisch und die davur- 
ischen, werchoturischen und altaischen Gebirge besuchte, worauf er 1730 
in Petersburg starb, so dass erst Amman, J. G. Gmelin und Pallas seine 
Entdeckungen bekannt machen konnten. Ebenso wurden die von Gott. 


61 


‘Schober, einem von Peter I. an die Wolga, das kaspische Meer und das 
nordwestliche Persien gesendeten jungen Arzte gemachten Acquisitionen 
nicht von ihm, sondern von Zerche in den Nov. Act. nat. curios. V. app. 
beschrieben. Joh. Christ. Buxbaum (s. oben), geb. in Merseburg 1694, 
+ 1730, gab seine „Plantarum minus cognit. Cent. I—V. Petersburg 1728, 
heraus, welche dann bis 1740 nach seinem Tode erschienen. — Die Kai- 
serin Anna sendete Traug. Gerber und Heinzelmann 1732 in das östliche 
Russland. Jener ging an die Ufer des Don und der Wolga, sendete 
seine Flora von Moscau an Haller, wurde Feldarzt im finnischen Kriege 
und starb in Viborg 1743. Dieser besuchte den Ural, das Gebiet von’ 
Orenburg und einen Theil der Tartarei, Amman machte bekannt, was er 
gefunden. Ferner wurde der Däne Veit Bering, welcher 1728 nach 
Kamtschatka, den Fuchsinseln, Alaschka und der Nordwestküste Ameri- 
kas bis zur Beringsbai gesendet. Joh. Georg Gmelin in Tübingen geb. 
"1709, welcher seit 1727 in Petersburg lebte, Stephan Krascheninnikon und 
einige Künstler wurden nach Ostasien beordert. Nach fünf Jahren 
folgte ihnen Georg Wilh. Steller aus Weinsheim in Baden an der Berg- 
strasse. Sie segelten vom Peter Pauls Hafen nach den Fuchsinseln zur 
amerikanischen Küste und mussten dann auf der Beringsinsel bleiben, 
wo 1741 Bering starb. Steller erreichte den Peter Pauls Hafen im fol- 
senden Jahre, blieb in Kamtschatka, war der einzige Naturforscher, wel- 
cher die riesenhafte nach ihm benannte Seekuh, die Rhytine und einen 
Mammuthelephanten mit Fleisch und Haut und Haaren gesehen. Er 
starb zu Tjumen am Tura 1746 und Pallas machte das, was er entdeckt 
hatte, bekannt. sSteller selbst gab nur die „Ausführl. Beschreibung von 
sonderbaren Meerthieren: Seekuh, Seebär, Seelömwe, Seeotter mit Anm. und 
1 Kupf. Halle 1753 und seine „Beschreibung von dem Lande Kamschatka“ 
m. K. Frankfurt a. M. und Leipzig 1774. — J._ 6. Gmelin mit Gerhard 
Friedr. Müller und Ludmw. de TIsie de La Croyere hatten unterdessen in 
Sibirien gearbeitet, sie durchreisten 1734 die Gegenden am Ob und 
Tom bis zum Lande der Kalmücken, 1735 die Distriete jenseits des 
Baikal, 1736 und 37 die Ufer der Lena bis zum 62° hinan. Im folgen- 
den Winter verzehrte eine Feuersbrunst alle von @melin gesammelte 
Schätze nebst seinen Büchern, Handschriften und seiner ganzen Habe 
in Irkutzk. Er erhielt endlich die Unterstützung von neuem zu sam- 
meln, besuchte 1730 den Jenisei und die Distriete zwischen dem 51 und 
66° N. B., ging 1740 an den Ob zurück, im folgenden Jahr in die 
ischimskische, barabinzische u. a. Steppen, 1742 nach Isetzkoi und die 
nahen Gebirge und kehrte nach zehnjährigem Aufenthalt wieder zurück. 
Er wurde Prof. der Naturgeschichte in Petersburg, ging aber nach vier 
Jahren in sein Vaterland zurück, wo er 1755 starb. Johann Amman, geb. 
1707, 71741, machte von seinen Entdeckungen vieles bekannt. Gmelins 
Flora sibiria in vier Foliobänden Petrop. 1747—69, enthält 400 Abbild. 


62 


und ist von hoher Wichtigkeit für die Kenntniss des Landes und seiner 
Vegetation. 

Von Catesby's Werk über Nordamerikas Vögel und Pflanzen war 
schon die Rede. Joh. Bapt. Labet, geb. 1667, 7 1738, reiste als Domini- 
caner zur Verbreitung der katholischen Religion, beschrieb aber in sei- 
nem Nowveau voyage aux isles de TAmerique Paris 1722 in sechs Bänden 
die vollständige Geschichte der Culturpflanzen, des Tabak, Indigo, 
Kakao, Orleans, des Zuckerrohrs und der Baumwolle. — Dasselbe that 
Brue für Afrika in seiner „Nouvelle relation de TAfrique occidentale“ 
Paris 1728 in fünf Bänden, worin im zweiten Bande die Amyris Kafal, 
Orescentia Oujete, Acacia vera, Intropha Manihot u.a. beschrieben werden. 
— Thomas Shaw, Theolog und Archäolog, reiste nach Aegypten, Nord- 
afrika und Syrien und seine „TZravels or observations relating to several 
parts of Barbary and Ihe Levant‘‘ Oxford 1738 verzeichnen an 632 von 
Dillenius bestimmte Pflanzen, worunter einige auf 6 Kupfert. abgebildet 
sind. — Diejenige Reise, welche eine Gesellschaft von Spaniern und 
Franzosen unter Anführung des Grafen Maurepas in das tropische 
Amerika im Jahre 1735 anstellte, um einen Grad der Breite unter dem 
Aequator zu messen und so die eigentliche Gestalt der Erdkugel be- 
stimmen zu können, wurde auch von Charles Maria de la Condamine, 
Bouguer und Godin als Astronomen und Feldmesser, dann von Joseph 
Jussieu als Botaniker und Morainville als Maler getheilt. Sie vereinigten 
sich zu Carthagena mit den Spaniern Georg Juan und Anton Ulloa, in 
deren Gesellschaft sie die Andesgebirge erstiegen. Jussieu musste lange 
als Arzt fungiren, 1747 begann er die Paramos allein zu durchwandern 
bis an die Quellen des la Plata, von wo er erst 1750 über Potosi nach 
Lima zurückkehrte, um nach Europa zu reisen, wobei er geisteskrank 
wurde, indessen hat 4. L. Jusvieu die durch ih gesammelten Pflanzen 
erhalten. Condamine bereiste 1743 von Loxa aus die Ufer des Ama- 
zonenflusses und ging durch die ungeheueren Ebenen von Neu-Anda- 
lusien, Cumana und Carracas nach Cayenne: „ZAelation abregee. d’un voyage, 
fait dans tinterieur de TAmerique meridionale. Paris 1745. Die Cinchona 
Condaminea trägt seinen Namen, sowohl diese als die Siphonia Cahuchu 
lehrte er kennen. Ulloa und Juan durchreisten Peru und Chile nebst 
der Insel Juan Fernandez: ‚‚Relacion del viage, que hizieron. Madrid 1748 
in vier Bänden. — Renatus Moreau de Maupertius veiste 1736 nach den 
Polargegenden um Gradmessungen anzustellen in Begleitung des Geist- 
lichen Outhier, das „Journal dun voyage au Nord.“ Amstelod. 1746 ent- 
hält die naturhistorischen Ergebnisse. — Joh. Burmann, geb. in Amster- 
dam 1707, + 1780, bearbeitete das Herbarium, welches Paul Hermann, 
geb. in Halle 1640, + 1695 als Prof. in Leiden, aber acht Jahre lang 
Arzt bei der holländischen Factorei in Ceylon gesammelt hatte, nach 
seinem Tode erschien erst das „Museum ceylanicum“ 1726, dann von 
Hermann der „Thesaurus ceilanicus“ Amstelod. 1737 mit 110 Kupfertaf. 


63 
— Albert Seba in Ostfriesland, geb. 1665, 7 1736 als Apotheker in Am- 
sterdam, brachte ein grosses Naturaliencabinet von Raritäten aller Welt- 
theile zusammen und verkaufte dasselbe an Peter I., sammelte dann 
eingneues und beschrieb dieses in einem grossen Werke in 4 Foliobänden, 
„Locupletissimus rerum naturalium. Thesaurus“ Amstelod. 1734 — 65 mit 
449 Kupfertafeln. 

Afrika wurde in seinem Norden von ZAenatus Desfontaines 1783— 
85 bereist und seine Flora atlantica erschien 1800 in Paris. J. L.M, 
Poiret durchreiste Numidien 1785--86 und sein Voyage en Barbarie er- 
schien Paris 1789. — Dänemarks Consul ?. K. A. Schousboe verdanken 
wir die Beobachtungen über das Gewächsreich in Marocco. Ch. Nicol, 
Sigisb. Sonnini de Manancour voy. dans la haute et basse Egypte erschien 
in 3 Bänden durch Tardieu. Paris 1799, Leipzig 1800. — Nächst dem 
früher erwähnten Zruce sind W. @. Browne's „Travels in Africa“, London 
1799, für das mittlere Afrika zu nennen. Michel Adanson blieb 4 Jahre 
am Senegal und seine Hist. nal. du Senegal, Paris 1757, lehrt zum 
erstenmale die genaue Kenntniss des nach ihm genannten Baobabbau- 
mes und vieler anderer Pflanzen so wie der dortigen Thierwelt. Pierre 
Sonnerat trug auch durch seinen „Voyage aux Indes orientales etc“ s. 
diesen, worin er das Cap de bonne-Esperance, les Isles, de France et de 
Bourbon berührte, zur Kenntniss von Afrika Bedeutendes bei. Isert 
gab seine „Reise nach Guinea, Kopenh. 1790“ und Yahl und Willdenow 
beschrieben die Pflanzen, die er entdeckt hatte. Adam Afzelius gab die 
„Genera plantarum guineensium, Upsal 1809. Palisot- Beawois 'erschloss 
die eigenthümliche Flore dOware et de Benin. Paris 1805—i0. Von 
Bruce war schon 8. 57 oben die Rede. 

Südafrika hatte bei weitem die meisten Besuche erhalten und Zeter 
Jonas Bergius, y 1790, Prof. in Stockholm, bearbeitete zuerst die Flora 
des Landes, nachdem Michael Grubb, Vorsteher der Ostdeutschen Gesell- 
schaft, die Gewächse gesammelt und mitgebracht hatte: Descript. plant. 
e capite bonae spei. Stockholm 1767. — Andreas Sparrmann war 1765 
mit Capitän Gustav Ekeberg in Östindien gewesen und blieb 1771 u. 72, 
dann bis 76 am Cap, wo er für Zoologie und Botanik zugleich thätig 
war: Resa til goda hopps-udden. Stockholm 1783. Karl Peter Thunberg, 
des jüngern Zinnees Nachfolger in der Professur, lebte in Südafrika von 
1772—78 und bearbeitete nach seiner reichen Sammlung die erste aus- 
führlichere „Flora capensis in Upsala nebst prodromus 1794—1800. Seine 
„Reisen in Afrika und Asien“ erschienen auch deutsch Berlin 1792. Thun- 
berg hat zugleich in einer grossen Anzahl von Abhandlungen Insecten 
beschrieben. — Die Gärtner Zoor u. Scholl wurden vom Kaiser Franz 1. 
nach dem Cap und Isle de France gesendet und kehrten 1780 mit rei- 
chen Pflanzenentdeckungen zurück. — Will. Patersons „Reisen in das Land 
der Hottentotten““ gab Joh. Reinh. Forster Berlin 1790. — Peter Maria 
Broussonet, geb. 1761, + 1807, durchforschte die Canarischen Inseln und 


64 


‘ 


theilte seine botanischen Sammlungen an Willdenow mit. — Pierre Poivre 
bis 1775 Statthalter auf den Maskarenen, liess durch Sonnerat aus Neu- 
Guinea den Muskatnuss- und Gewürznelkenbaum dahin verpflanzen und 
legte einen schönen botanischen Garten auf Isle de France an. Seine 
Sammlungen waren bedeutend, die von ihm gesammelten Vögel wurden 
von Brisson beschrieben. Sein Nachfolger in der Aufsicht des botani- 
schen Garten und Nicolaus von Cere + 1810, welcher ebenso die Botanik 
und die Botaniker förderte, wie er nur konnte. — Philibert Commerson 
zu Chatillon les Dombes geb. 1727, 7 1773 auf Isle de France, legte in 
seinem Geburtsorte einen ‘botanischen Garten an und gab auf Zinnees 
Wunsch eine Ichthyologie des mittelländischen Meeres für die Königin 
von Schweden heraus. Er reiste 1767 mit Bougainville nach Südamerika 
und nach den Südseeinseln und Isle de France, wo er fünf Jahre lebte 
und zweimal nach Madagaskar. Seine Entdeckungen und sorgfältigen 
Untersuchungen dessen, was er entdeckt hatte, übertrafen alle Erwar- 
tung, er hatte über 5000 Arten Pflanzen gesammelt. Auch seine zoolo- 
gischen Sammlungen kamen an das Pariser Museum. 

Peter Osbeck, ein schwedischer Schiffsprediger, war einer der ersten, . 
welcher Java und China besuchte: „Dagbok ösfer en ostindisk resa“ 
Stockholm 1757. — Was schon sein Vater, dann Outgaerden, Pryon und 
Lorenz Garcin gesammelt ‚hatten vereinte Nic. Lorenz Burmann, geb. 1734, 
+ 1793, Professor in Amsterdam für seine Flora indica Lugdb. 1768 mit 
67 Kupfertaf. — Christ. Früs Rottböll, geb. 1727, 7 1797, Prof. im Kopen- 
hagen, beschrieb die meist vom Mission Jon. Gerh. König zu 'Tran- 
quebar mitgetheilten Gewächse mit Abbild. Havn. 1773. — Sonnerat ist 
schon oben erwähnt. — Will. Marsden gab-eine „History of Sumatra“ 
Lond. 1784 und Jac. Cornel. Matih. Rademacher, geb. 1741, 7 1783, als 
Rath der Ostind. Gesellschaft die erste Aufzählung der Pflanzen, welche 
sich auf Java gefunden, in holländischer Sprache Batav. 1750 — 82. — 
Wiliam Jones, + 1794, ein Richter in Bengalen, gab seine Bemerkungen 
über indische Pflanzen in den 4siatic researches. — Will. Roxburgk's 
Prachtwerk: ‚„‚Ptants of the coast of Coromandel“ erschien in drei grossen 
Foliobänden in London 1795. Joh. de Loureiro, Missionär aus Lissabon 
lebte lange in Cochinchina und in Mozambique und liess nach seiner 
Rückkehr die „Flora cochinchinensis“ in zwei Bänden Ullyssipona 179%, 
dann wieder in Berlin 1793 erscheinen. — Franz Buchanan, Begleiter 
des Mich. Symes, auf seiner Gesandtschaftsreise nach Ava botanisirte 
Heissig und Joseph Banks gab die Abbild. und Beschreibung der Pflanzen: 
‚iccount of an embassy to Ihe kingdom of Ava. London 1800. 

Carl Peter Thunberg (s. oben $. 63) brachte das Jahr 1776 in Japan 
zu und hat mit grösster Mühe die Naturgeschichte dieses merkwürdigen 
liandes erforscht: „Voyage au Japon ete.* ed. fr. Paris 1796. „Flora ja- 
ponica“ Lips. 1784 mit 40 Kupfertaf. — Graf Alexis Razumofsky unter- 
stüzte naturhistorische Reisen im russischen Reiche. — Pet. Simon Pallas, 


65 


geb. in Berlin den 22. Sept. 1741, + das. 1811 d. 8. Sept., Akademiker 
und Inspector des K. K. Naturaliencabinets in St. Petersburg, bereiste 
die entlegeneren Distriete des russischen Reichs von 1770 bis 1773: 
„Reisen durch verschiedene Provinzen des russischen Reichs“ in 3 Theilen, 
Petersburg 1771—76 mit 104 Kupfert. dann „Bemerk. auf einer Reise 
in die südl. Statthalterschaften des russ. Reichs“ in zwei Bänden Leipzig 
1799—1800; ferner: „Flora rossica“ zwei Bände Petrop. 1784 und 88, 
Fol. mit 100 illustr. K. und ‚„/Uustrationes plantarum minus cognitarum“ 
Lips. 1803 vorzüglich Salzpflanzen der Steppen. Noch thätiger war 
Pallas als Schriftsteller für Zoologie aller Classen. So für die Phytozoen : 
„Characteristik der Thierpflanzen etc.“ herausgegeben mit Anmerk. von 
Chr. Fr. Wilh. Wilkens von J. F. W. Herbst mit 27 Kupfert. in 2 Theilen 
Nürnberg 1787, dann die „J/cones insectorum“ mit 8 illum. K. Erlangen 
1781. Die „Miscellanea zoologica“ mit 14 Kupf. Haag 1766 und Lgdb. 
1778. Die „Spieilegia zoologica“ mit 58 Tafeln in zehn Heften. Berlin 
1767— 74. ,‚.Novae spec. quadruped. e glirium ordine“ mit 39 Kupfertaf. 
Erlangen 1778—79 und 1784. Höchst ausgezeichnet und wegen seines 
reichen Inhaltes wichtig ist die „Zoographia Rosso-Asiatica“ in 3 Bänden, 
welche sich über die Wirbelthiere dieses grossen Reiches erstrecken. 
Petrop. 1811 u. 1831. Von den dazu gehörigen Icones sind nur sechs 
Hefte erschienen. Er begann seine Laufbahn mit einer „Dissertatio de 
infestis viventibus intra viventia“ Lgdb. 1769. Pallas bleibt für alle Zei- 
ten ein erhabenes Muster als naturforschender Reisender, als sammeln- 
der, beobachtender, beschreibender und bildlich darstellender Naturfor- 
scher. — Samuel Gottlieb Gmelin reiste am Don hinauf, nach Astrakan, 
an die südl. Küsten des kaspischen Meeres, ging nach Zarizin und im 
folgenden Jahre in das nördliche Persien, wo er verdächtig wurde und 
sein Leben im Kerker beschloss. ‚Seine Reise durch Russland“ in vier 
Bänden 1770—84 giebt für Naturkunde geringe Resultate. — Joh. Gottl. 
Georgi reiste als Akademiker in Petersburg mit dem Schweden Johann 
Peter Falk, geb. 1730, 7 1774, welcher aber aus Melancholie in Kasan 
sich selbst tödtete, und dann mit Pallas an den Ural und nach Südsibirien: 
„Bemerkungen einer Reise im Russ. Reiche ‚ Petersburg 1775, nebst einer 
Flora des Baikal-See.“ — Johann Anton Güldenstädt in Liefland geb. 1745, 
7 1781, Akademiker in Petersb., bereiste die Krimm: „Reisen durch Russ- 
land und im caucasischen Gebirge, herausgegeben von Pallas in zwei 
Theilen. Petersb. 1787 und 1791. — Karl Ludwig Habliz! aus Preussen, 
später Oekonomie-Aufseher in Taurien, war im Norden Persiens gereist 
und S. @. Gmelin beschrieb seine Pflanzen. — Iwan Lepechin, ebenfalls 
Akademiker in Petersburg, bereiste den Nordwesten von Russland in 
Europa wie in Asien und gab ein „Tagebuch der Reise durch verschie- 
dene Provinzen des russischen Reichs“ in drei Theilen. Altenburg 
1774— 83. — Erich Laxmann, +1796, Prediger in Kolywan, machte neue 
Pflanzen in den Nov. commentat. Petropolit. bekannt. — Joh. Sievers be- 


66 

schreibt in Briefen an Pallas ächte Rhabarber und andere Gewächse 
Mongoliens, wonach sie von letzterem in den Nordischen Beiträgen ver- 
öffentlicht wurden. — Graf Apollo Mussin-Puschkin, + 1805, reiste in der 
Krimm 1800 und 1801 und verbreitete durch Exemplare und Saamen 
die Kenntniss vieler dortigen Pflanzen. — Das Ausgezeichnetste für die 
Krimm lieferte Friedr. Freih. Marschall von Bieberstein nach eigenen For- 
schungen auf Reisen und nach den Mittheilungen insbesondere von 
Hablizl, Helm, Londes, Redowsky, Salesow, Steven, Tauscher u. A. in seiner 
„Beschreibung der Länder am Kaspischen Meere, Frankfurt 1800,“ vor- 
züglich aber nach seinen 1798, 1802 u. 1805 angestellten Reisen in der 
Krimm durch die „Alora taurico-caucasica“ in zwei Bänden 1808, wozu 
noch später als Suppl. ein starker dritter Band erschien. 

Amerika. — Joh. Clayton, Arzt in Virginien, sendete die von ihm 
gesammelten Pflanzen an Joh. Friedrich Gronovius, geb. 1690, + 1762, 
Kurator in Leyden, welcher darnach seine „#lora virginica“ Lgdb. 1743 
in zwei Bänden herausgab. Theodor Lorenz Gronovius, Sohn des vorigen, 
gab dieselbe 1762 wieder heraus. — Mitchell und Colden sammelten um 
Neu-York und Zinnee, welcher die Pflanzen erhielt, machte sie 1743, 44 
bis 50 in den Act. Upsal, bekannt. Auch Coldens Tochter Miss Jenny 
hinterliess, 7 1754, eine Flora von Neu-York mit Abbildungen, welche 
durch Wangenheim Baldinger und von diesem Joseph Banks erhielt. — 
Peter Kalm aus Finnland, geb. 1715, + 1779, später Prof. in Abo, wurde 
nach Nordamerika gesendet um den rothen Maulbeerbaum für Einführ- 
ung des Seidenbaumes zu holen. Er lebte 1747 —49 in Pensylvanien, 
Neu-York und New-Yersey und theilte seine Entdeckungen an Zinnee 
mit. Seine Reise beschrieb er in schwedischer Sprache, Stockholm 1753 


in drei Bänden. — Joh. Bartram reiste an die Canadischen Landseen 
und gab „Observations, made in his travels“ London 1751. — Pet. Franz 


Xaver Charlevoix, geb. 1684, 7 1761, Missionär der Jesuiten zu Quebek 
hat in der „Histoire et descript. gen. de la nowvelle France‘‘ in drei Bän- 
den, erschienen in Paris 1744, auch die dortigen Naturprodukte genannt. 
David Crantz, Missionär der Herrnhuther, gab eine Historie von Grön- 
land, wohin er geschickt worden. — #Hriedr. Ad. Jul. v. Wangenheim, 
preuss. Oberforstmeister, war in Amerika gewesen und machte besonders 
die dortigen Waldbäume durch seine Werke bekannt. — Thomas Walters 
Flora Caroliniana Lond. 1788, Humphry Marshalls Arbustum americanum 
Philad. 1785 und ZLudw. Castiglioni's Viaggio negli stati uniti dell’ Amer. 
settentrionale“ in zwei Bänden, Milano 1760, enthält ebenfalls natur- 
historische, insbesondere botanische Beiträge. — Heinrich Mühlenberg, 
+ 1815, Prediger in Lancaster in Pensylvanien, hat eine Menge von 
Pflanzen in Nordamerika gesammelt und an Botaniker vertheilt, er selbst 
gab ein Verzeichniss seiner Flora heraus, Lancaster 1813. — HWiliam 
Bartram’s (Sohnes von Joh. Bartram): Travels through North- and Sud- 
Carolina. Philad. 1791. — David Schöpf: Reise durch die nordamerika- 


67 


nischen Staaten, Erlg. 1788 und Archibald Menzies als Begleiter des 
Capit. Georg Vancowver in den nördlichen Theil des stillen Meeres, wo 
er Pflanzen sammelte und diese in den Transact. of Linn. Soe. beschrieb, 
vermehrten die Kenntniss der Natur jener Länder. 

. Westindien wurde von Grifüth Hughes, einem Geistlichen auf Barba- 
- does durch seine „Natural history of Barbadoes, London, 1750 fol.“ er- 
schlossen. — Der Irländer Patrick Browne hat nach ihm mit grossem 
Fleisse und tieferer Sachkenntniss beobachtet und unermüdet gesammelt 
und seine „Civil and natural history of Jamaica. London, 1756“ ist ein 
ausgezeichnetes Werk. — Nicolaus Joseph von Jacquin wurde vom 
Kaiser Aranz I. mit dem Gärtner Richard van der Schot im Jahre 1754 
nach Westindien gesendet und sammelte daselbst für den Garten zu 
Schoenbrunn bis 1759. Sieben Schiffsladungen Gewächse kamen aus 
Curassao und den westindischen Inseln und noch überdies Sendungen 
durch Boor, Bredemeyer und Marter aus Florida, Carolina u. a. ameri- 
kanischen Ländern im Jahre 1784. Bredemeyer und Schöcht wiederhol- 
ten die Reise und kehrten 1788 mit neuen Resultaten zurück. Die 
„Enum. syst. plant. quas in insulis caribaeis detexit Lgdb. 1760“, die 
„Selectarum stirpium americanarum historia Vindob. 1763 fol.“ und die „‚Ob- 
servat. botanicae“ in 4 Bänden Vindob. 1764—71 im Fol., endlich der 
„Hortus Schenbrunnensis“ in 4 Fol.-Bänd., Vind. 1797 geben Zeugniss 
von ‘diesem Reichthume. Ebenso schuf Jacguin Denkmäler für den 
Garten in Wien, den „Hortus botanicus Vindobonensis“ in 3 Fol. Bänden. 
Viennae schon 1770—76, die drei grossen Foliobände der Jcones plan- 
farum rariorum Vienn. 1781—95 und Collectanea ad botanicam et zoologiam 
spectantia in 4 Bänden Vienn. 1786—96. Olaus (Olaf) Swartz, geb. in 
Stoekholm 1760, + 1817, Professor in Stockholm, war gleichfalls in 
Westindien von 1783—87 und gab die „Nova genera et spec. plant. Holm 
1788. Die Obdservat. bot. Erlang. 1791. Die Flora Indiae occidentalis in 
3 Bänden. Erlang. 1797—1806, die Orchideae in den Act. Soc. sc. ups. 
Stockh. Abhandl. und Schraders Journal 1199. Die Synopsis filicum er- 
schien erst 1806. 

Südamerika. Pierre Barrere, 1755, gab eine Untersuchung ‚Sur la 
cause physique de la couleur des negres etc.“ Paris 1741, und einen ‚„Kssai 
sur Thist. nat. de la France equinoxiale.“ Paris 1741 zum 'erstenmale die 
Naturalien von Guiana betreffend. — Peter Löfling 1729, + 1756, ein 
Schüler Zinnees, wurde von der spanischen Regierung durch den Mini- 
ster Carvajal nach Uumana und Guiana gesandt, starb aber daselbst und 
Linnee beschrieb seine „Resa tl spanika landerna.“ Stockholm 1758. — 
Berühmter wurde das Werk des Apotheker Fusede Aublet, welcher 1762 
—64 mit grossem Fleisse in Guiana gesammelt und beobachtet hatte. 
Seine „Histoire des plantes de la Guiane Francoise“ besteht aus vier 
Quartbänden und 'enthält 392 Kupfert. mit deutlichen Darstellungen der 
Pflanzen. Paris 1775. — Geringer sind die Beiträge, welche Roztboell 


68 

in seinen „Descript. plant. rar. Havn. 1776.“ gegeben. — Dominico Van- 
delli erneute wieder die Erinnerung an Brasilien durch seinen „Fascieu- 
lus plantarum. ÜUlyssip. 1771. — Giov. Ignaz Molina eröffnete durch sein 
„Compendio della storia geographica naturale e civile del regno del Chile“ 
mit 10 Kupf., Bologna 1776, und seinen „Saygio sulla storia naturale del 
Chile,“ mit 7 Kupf. Bologna 1782, die Kenntniss dieses merkwürdigen 
Landes und erregte dafür so viele Theilnahme, dass diese Berichte in 
mehreren Sprachen bearbeitet wurden, auch deutsch: „Versuch einer. Natur- 
geschichte von Chili“ übersetzt von J. D. Brandis. Leipz. 1786. — Jos. 
Cölestin Mutis, geb. in Cadix 1734, 7 1809 auf Santa Fe de Bogota, hatte 
schon an Zinnee Gewächse gesendet und beobachtete selbst fleissig, vorzüg- 
lich verdanken wir ihm die nähere Kenntniss der Cinchonen. — Jos. Dom- 
bay, geb. 1742, F 1795 reiste mit den Spaniern Zippol. Ruiz und Jos. 
Pavon, von 1779—98 durch Peru, Chile und die benachbarten Distriete. 
Letztere gaben erst den „prodromus Florae peruan. et chil Madrit. 1794. 
Rom 1797, dann die grosse „Flora peruviana et chilensis“ in 3 Foliobänden. 
Madr. 1798. Auch Auiz untersuchte die Chinarindenbäume und gab 
eine „Quinologia“ Madr. 1792. Don Pernetty hat als Geistlicher und 
Bougainvilles Begleiter durch seine „Histoire d’un voyage aux iles Malou- 
ines“ in 2 Bänden, Paris 1770, und durch die „Diss. sur Tdmerique et 
les naturels de cette parlie du monde, Berlin 1770, welche sich als An- 
hang zu Cornel de Pauw rech. philosoph. sur les Americans, Berl. 1770, be- 
findet, manche Aufklärung über die Natur Amerikas gegeben. Des 
grossen Alexander von Humboldt und ebenso Aime Bonplands gedenken 
wir für das neunzehnte Jahrhundert. 

Südsee. James Cook,'geb. zu Marton in der Grafschaft York 1728, 7 1779 
den 14. Februar, reiste mit Joseph Banks, geb. zu Revesby, Abtey in 
Lincolnshire 1743, welcher schon 1765 Neufoundland und Labrador be- 
reist hatte, von 1769 an um die Welt und brachte den Brodbaum mit 
auf die amerikanischen Inseln. Die naturhistorischen Entdeckungen 
wurden durch verschiedene Gelehrte, namentlich J. Zllis, S. M. A. Brous- 
sonet, Jos. Gärtner und vor allen Robert Bromn bekannt gemacht. Cooks 
zweite Reise theilte Joh. Reinh. Forster, zu Dirschau im poln. Preussen 
geb. 1729, + 1798 als Professor im Halle. Er reiste früher nach Sara- 
tow, ging 1766 nach London und wurde Professor in Warringhton, wel- 
ches Amt er verliess und am 26. Juni 1772 mit seinem siebenzehnjähri- 
gen Sohne Georg, geb. 1754, + 1794 absegelte. Am Cap gesellte sich 
noch Sparrman dazu. Das Feuerland, Neuseeland, die freundschaft- 
lichen und Societäts-Inseln, die neuen Hebriden, Neu-Caledonien, 'Tanna 
und die Marquesas wurden besucht oder kennen gelernt. J. R. Forsters 
„Bemerkungen über Gegenstünde der physischen Erdbeschreibung und Na- 
turgeschichte auf einer Reise um die Welt gesammelt, Berl. 1783, ist wich- 
tig. Die fleissigen zoologischen Arbeiten blieben lange liegen, und 
wurden erst durch Heinr. Lichtenstein: „descript. animalium etc., Berlin 


u 


1844, bekannt. Georg Forster gab mit dem Vater die „Characteres plan- 
tarum“ Lond. 1776, dann allein den ‚Prodr. Florulae insul. australium“ 
Göttingen 1786, eine magellanische Flora und Flora von St. Helena und 
Ascension in den Comment. Göttingens. 1787, eine Arbeit „de plantis es- 
culentis ins. australium,“ Berlin 1786. — Pierre Sonnerat, geb. zu Lyon 
. 1745, 7 1814 in Paris. Sein „Voyage ü la Nouvelle Guinee“, Paris 1776, 
auch deutsch: „Reise nach Neu-Guinea, nebst Beschreibung der Philippinen 
und der Mollukken“, übersetzt von J. B. Ebeling, Leipz. 1777, enthält 
wichtige Neuigkeiten für Zoologie und Botanik. Ebenso Thomas For- 
rests: „Voyage to new Guinea“, Lond. 1779. — Die Resultate der Reise 
von Malaspina und L. Nee nach Südamerika, Mejiko, den Philippinen 
und Inseln der Südsee gaben eine reiche, botanische Ausbeute, welche 
Cavanilles für seine „Jcones et descript. plantarum“ Madr. 1798—99 be- 
nutzte. — Ferdin. de Noronha’s botanische Sammlungen sind durch Cos- 
signy an La Billardiere gelangt. — Neuholland war nach Magelhaens 
Entdeckungen erst von dem Holländer Dick Hartigh im Jahre 1616 auft- 
gefunden worden. Erst 1629 erhielt der Welttheil durch Franz Palsaert 
den obigen Namen und (00% führte für die Ostküste den Namen Neu- 
Süd-Wales ein. Die Engländer begründeten 1785 die Colonie zu Bo- 
tany-Bay, die Wunder der Natur aus Neuholland waren in Europa von 
dieser Zeit an der Gegenstand des Verlangens und der Erforschung und 
unter die ersten Arbeiten der Art gehörten die von James Edw. Smith 
in seinem „Specimen of the botany of New-Holland“, Lond. 1793. Die 
in den „Transactiones of the Linnean Society und was in mehren Kupfer- 
werken erschienen, z.B. „Zeones pietae“, Lond. 1770—93, Icones plantarum 
hactenus ineditae, Lond. 1759—91, und Ant. Salisbury, in seinen „Icones 
stirp. rariorum“ Lond. 1792. Henri Andrews „The botanists Repository“ 
begann 1797, sowie William Curtis „Botanical Magazine or Flower Garden 
Displayed“, welches in London 1790 begann und bis -auf den heutigen 
Tag fortgesetzt, von jener Zeit an ein wahres Repertorium für die zur 
Cultur in die Gärten gekommenen Pflanzen, für das Studium dar- 
bietet. 

Eine Fortsetzung dieses Thema wird ebenso flüchtige Blicke über 
die Anstalten und. über die Männer, welche in das XIX. Jahrhundert 
eingingen und über einige, welche dieses Jahrhundert geboren, verbrei- 
ten, um auf diesem Wege die Vorlegung und weitere Erläuterung der 
wichtigsten der genannten und hier vorhandenen Werke für die Ver-. 
sammlungen der Gesellschaft Isis einleiten und dann zu einer Anschau- 
ung der Gegenwart gelangen zu können. Dabei sollen erst diejenigen 
Richtungen der Wissenschaft berührt werden, welche bisher nur unvoll- 
kommen vorbereitet, erst in der späteren Zeit ihre Bedeutung erlangten, 


70 


Ueber die Porphyre der Umgegend von Leisnig.. 
Von Dr. Müller daselbst. 


Das Porphyrgebiet der Umgegend von Leisnig, ein Theil des grossen 
erzgebirgischen Porphyrmassivs, gibt bei einer genaueren Untersuchung 
zu einer Menge interessanter Beobachtungen Gelegenheit, deren Haupt- 
resultat die schon früher von Neumann *) ausgesprochene Vermuthung 
völlig bestätigt, es möge jenes ausgedehnte Porphyrterrain aus einer 
grossen Anzahl verschiedener, sowohl in ihrem petrographischen Cha- 
vakter, als auch in ihrem relativen Alter von einander abweichenden 
Porphyrmassen zusammengesetzt sein. 

Wenn schon durch die neuen Naumann’schen Untersuchungen **) 
in Bezug auf das grosse Porphyrmassiv überhaupt eine mannichfaltige 
Gliederung sich herausgestellt hat, so gilt dies in einer ausgezeichneten 
Weise auch von dem bisher als Einheit angenommenen Leisniger Por- 
phyr insbesondere. 

In dem einer speciellen Betrachtung unterworfenen Distrikte, im 
Umkreise von 1!/2 Stunden von Leisnig einem sanft undulirten Hügel- 
lande, welches nur durch die Mulde und einige bedeutendere Bäche 
theilweise schroffere Einschnitte erhalten hat, ist das Grundgestein Por- 
phyr verschiedener Art, der indessen nur an verhältnissmässig wenigen 
Stellen einer Beobachtung sich darstellt, indem er von aussen an den er- 
wähnten schrofferen Thalabhängen, fast überall mit meist sehr mäch- 
tigen Sedimentärgebilden bedeckt ist, die zum kleinen Theile der secun- 
dären, zum grossen Theile der tertiären und Diluvjal-Periode angehören. 
Namentlich sind es 10 bis 50 Ellen und darüber mächtige Lagen von 
Gerölle, Sand, Thon und Lehm, welche die fach ansteigenden Hügel 
und Kuppen der hiesigen Gegend zusammensetzen und sich bis an. die 
steilern Abhänge der Thäler hinziehen. 

Diese ausgedehnte Ueberlagerung des Grundgebirges, des Porphyus, 
erschwert eine genauere Untersuchung desselben sehr und macht, Fol- 
gerungen in Bezug auf die Erstreckung, den Zusammenhang und die 
Idendität gewisser Gesteinsglieder äusserst unsicher, und sie, ist die Ur- 
sache, dass die nachfolgenden Bemerkungen einen ziemlich fragmen- 
tarischen Character an sich tragen. 

In der vorliegenden Skizze sind nur die Verhältnisse der Porphyre 
hiesiger Gegend unter einander näher behandelt, nicht aber die zu den 
benachbarten Gesteinen der Schiefer-Uebergangs- und Flötzformationen, 
da dieselben schon ausserhalb der Grenzen des untersuchten Bezirkes 
liegen. 

*) Erläuterungen zur geographischen Charte des Königreichs Sachsen Heft I. 8. 106. 

**) Vergl. geographische Charte von Sachsen Sect. XIV. 2te Auflage. 


Der Porphyr des fraglichen Distrietes zeigt sich vornämlich in fünf 

scharf geschiedenen Haupttypen, nämlich als: 

1) Feldsteinporphyr, 

2) Glimmerporphyr, 

3) Thonsteinporphyr, 

4) Thonstein, 

5) Pechsteinporphyr, 
von denen der erstere, der Feldsteinporphyr die grösste Verbreitung 
besitzt, indem er nicht nur in der Umgegend von Leisnig, sondern 
auch bei Colditz, Grimma und Mügeln als das vorherrschende Gestein 
auftritt; in ihm sind die andern Hauptarten als kleinere insularische oder 
stockförmige Massen zerstreut. 


1) Der Feldsteinporphyr. 


Er zeigt eine grosse Mannichfaltigkeit seiner Charaktere, und muss 
wieder in mehrere selbstständige Glieder unterschieden werden. 


a) Der eigentliche Leisniger (rothe) Porphyr 
ist unter diesen wegen seiner grossen Verbreitung der wichtigste. Man 
findet ihn fast an allen Felsen und Entblössungen um Leisnig herum. 

Er ist aus einer braun-rothen ins Lavendelblaue und Röthlichgraue, 
seltner ins Grünliche oder Gelblichweisse übergehenden, dichten felsiti- 
schen Grundmasse (Feldstein) mit vielen eingewachsenen, in der Regel 
zu Kaolin zersetzten Albitkrystallen zusammengesetzter Porphyr, in wel- 
chem zuweilen noch Körner von grauem Quarz oder frische glänzende 
Krystalle von Orthoklas mit deutlich blättrigem Gefüge inneliegen. 
Kleine Blättchen von rabenschwarzem Glimmer sind selten. Die Feld- 
spathkrystalle übersteigen gewöhnlich nicht die Grösse einer Erbse, 
meist sind sie noch kleiner. 

Eine häufige Erscheinung bei diesem Porphyr sind leere Blasen- 
räume, selten die Grösse einer wälschen Nuss übersteigend, meist un- 
regelmässig configurirt und mit unebnen rauhen Wänden, zuweilen aber 
auch in einer gewissen Richtung gestreckt und langgezogen. Bisweilen 
sind diese Höhlungen mit zarten Drüsenhäutehen von Quarz überkrustet, 
oder mit fleischrothem bis lavendelblauen, z. Th. noch breiartigem Stein- 
mark, erdigem Brauneisenerz, Chalcedon und Achat von verschiedenen 
Farben, bisweilen mit krystallisirtem weissen Quarz oder Amethyst in, 
der Mitte, seltner mit Kalkspath, Braunspath und Glanzeisenerz ausge- 
füllt. Gelblichweiser, wachsgelber bis röthlichbrauner gemeiner Opal 
(Halbopal) bildet hier und da 1 Linie bis 1/2 Zoll starke Ueberzüge auf 
den Klüften dieses Gesteins. 

Die Felsen, in welchem der Porphyr an der Oberfläche hervortritt, 
zeigen bald eine unregelmässige polyedrische Absonderung oder Zer- 
klüftung, bald eine mehr oder minder ausgezeichnete Absonderung in 


12 
Säulen, Platten und Bänke, in einigen Fällen auch säulenförmige und 
platten Absonderung mit ee verbunden. 

Eine unregelmässige polyedrische Absonderung kann man z.B. be- 
obachten an den Felsen des Eichberges, Dreihügelberges und Keilberges. 
Säulen, drei-, vier- und mehrseitig, vertikal aufrecht stehend bis ins 
Horizontale übergehend, und von der Stärke weniger Zolle bis zu der 
mehrerer Fusse anwachsend, bieten die Felsen des Leisniger Schloss- 
berges, so wie jene an der Mulde oberhalb Leisnig und bei Kloster 
Buch dar. Oft sind sie sehr deutlich ausgebildet, oft aber.lässt sich 
nur eine Tendenz zur Säulenform erkennen. An dem erstern der ange- 
führten Punkte sind die beinahe vertikalen, 6—12 Fuss starken, auf 
mehr als 100 Fuss in die Höhe steigenden Porphyrsäulen noch durch 
ınehrere horizontale Klüfte gewissermassen gegliedert und plattenförmig 
abgesondert. 

Ausgezeichnete plattenförmige Absonderung bieten mehrere Stein- 
brüche und Felsen bei Brösen, Gorschmitz, Podelwitz und Korpitzsch 
dar. Die Platten sind oft nicht stärker als 3 Zoll, bald horizontal, bald 
schwebend, bald vertikal, nicht selten mannichfaltig gewunden oder ins 
eoncentrisch-schalige übergehend, wie z.B.an der Grimmaischen Chaussde 
unterhalb Leisnig, wo auch die Blasenräume des Gesteins häufig eine 
den Plattenebenen parallele Streckung wahrnehmen lassen. (Fig. 1.) 

Drei bis sechs Fuss mächtige, ziemlich horizontale Bänke, durch 
mehr vertikale Klüfte und Sprünge in grössere kubische Massen zer- 
theilt, findet man in ausgezeichneter Weise in einem Steinbruche bei 
der sogenannten Köpfgrube ohnweit Leisnig, so wie in einem Steinbruche 
bei Tautendorf. (Fig. 4.) 

An den wenigen Punkten, wo der Leisniger Porphyr nicht durch 
Thaleinschnitte zerrissen, oder durch Sedimentärgebilde überdeckt ist, 
tritt er in der Gestalt von Kuppen oder Kegelbergen hervor, wovon 
z. B. der Erlenberg bei Paudritzsch und der Dreihügelberg bei Leisnig 
Beispiele liefern. 

Dieses Gestein verwittert an seiner Oberfläche sehr leicht, und man 
findet daher häufig an dem Fuss der Felsen eine bedeutende Ablagerung 
von Porphyr-Gruss und Gerölle angelehnt, wie z. B. an den Felsen des 
rechten Muldegehänges oberhalb Leisnig, in welcher Schuttmasse bei- 
läufig erwähnt das Anthericum Liliago sehr gut gedeiht. 


b) Der ältere Leisniger Porphyr. 

In dem braunrothen Leisniger Porphyr, welcher die Felsen des 
Dreihügelberges und des Harlings an der Grimmaischen Strasse unter- 
halb Leisnig er findet man häufig verschieden grosse (von Nuss- 
bis Kopfgrösse: Fig. 1 und 2.) eckige Yiless mehr abgerundete Frag- 
mente eines ebenfalls we aber sehr feinkörnigen, fast dichten, 
splittrigen, sehr quarzigen, anscheinend homogenen Felsitporphyrs mit 


13 


zuweilen muschlichem Bruch, in welchem nur selten einzelne kleine, 
rauchgraue Körner von Quarz sich erblicken lassen. Einige dieser 
Fragmente ragen aus der einen Platte des sie umschliessenden Porphyrs 
in die andere hinein, ohne eine Zerberstung erlitten zu haben. 

"Der dichte z. Th. verkieselte Zustand der Fragmente scheint das 
Resultat einer Frittung und Verglasung durch das umschliessende Ge- 
stein zu sein, eine Ansicht, die dadurch besondere Wahrscheinlichkeit 
erhält, dass die grösseren dieser Bruchstücke in ihrer Mitte nicht selten 
eine mehrkörnige Textur wahrnehmen lassen, so wie auch durch eine 
ähnliche Erscheinung an den Felsen, wenige hundert Schritte thalab- 
wärts, wo die, von dem weissen Arraser Thonsteinporphyr eingeschlos- 
senen zahlreichen Bruchstücke des eigentlichen Leisniger Porphyrs an 
ihrer Aussenfläche häufig eine gleiche Verglasung und Verdichtung ihrer 
Masse erlitten haben. 

Darüber, ob und wo jener ältere Leisniger Porphyr an der Tages- 
oberfläche hervortritt, lässt sich bis jetzt wegen Mangel an hinlänglichen 
Gegirgsentblössungen um so weniger etwas Gewisses anführen, als bis- 
her noch keines jener Fragmente in gänzlich unverändertem Zustande 
aufgefunden wurde, welches wenigstens eine petrographische Vergleichung 
-mit benachbarten Porphyren gestattet hätte. 


e) Jüngerer Leisniger Porphyr. 

Den gewöhnlichen körnigen Leisniger Porphyr durchsetzt an eini- 
gen Punkten in meist nicht sehr mächtigen Gängen ein jüngerer Feld- 
steinporphyr. Derselbe stellt sich als ein schmutzig braunrother, fein- 
körniger bis dichter Felsitporphyr dar, der nur selten einige kleine 
eingewachsene Quarzkörner, aber keine, wenigstens keine bemerkbaren 
Krystalle von Feldspath enthält. An dem rechten Gehänge des Mulden- 
thales oberhalb Altleisnig, am sogenannten Kunathsberge, durchsetzt ein 
4 bis 8 Zoll mächtiger Gang dieses Gesteins, (Fig. 3) unter einer Stei- 
gung von ungefähr 700 gegen Ost, den dasigen braunrothen Porphyr. 
Obwohl beide Gesteine fest mit einander verwachsen sind, so sind doch 
die Grenzen scharf und ziemlich gradlinig. 

Einen andern Gang dieses jüngern Porphyrs kann man in dem 
westlichen Theile eines weiterhin noch zu erwähnenden Steinbruchs in 
der Köpfgrube bei Leisnig beobachten. (Fig. 4. B.)  Derselbe steigt 
mit ungefähr.750 bis 800 östlichem Einfallen empor; er ist gegen 1’ 
mächtig, und besteht aus einer rothbraunen bis lavendelblauen feinkör- 
nigen bis dichten felsitischen Porphyrmasse, welche mit dem benach- 
barten 'grobkörnigen Leisniger Hauptporphyr, theils fast verwachsen, 
theils durch Klüfte abgesondert ist, an deren Wänden man nicht selten 
Riefen und Rutschflächen bemerken kann. 

Ob dieser jüngere Porphyr mit dem später zu erwähnenden Thon- 
steinporphyr identisch, d. h. nur eine Modifikation desselben sei, wie 

Allg. deutsche naturhist. Zeitung. I, 6 


74 
N 
aus dem häufigen nahen Nebeneinanderauftreten beider Gesteine ver- 
muthet werden kann, oder ob er von selbigen, wie durch seine petro- 
graphische Beschaffenheit, so auch in Hinsicht auf sein relatives Alter 
verschieden und also selbstständig sei, das muss dahin gestellt bleiben, 
so lange nicht beide im Contakt mit einander beobachtet werden können. 


:d) Muschauer Porphyr. 

Ein seiner petrographischen Beschaffenheit nach dem Leisniger ge- 
wöhnlichen Porphyr sehr ähnlicher, aber seinem Alter nach bei Weitem 
jüngerer Porphyr steht in und bei Muschau zu Tage an. So findet man 
denselben z. B. in einem Steinbruch hinter der Muschauer Schmiede, 
als ein röthlichweisser, röthlichgelber bis licht lavendelblauer, körniger 
Feldsteinporphyr und vielen zu Kaolin verwitterten Feldspathkrystallen 
und wenig Quarzkörnern das vorherrschende Gestein bildend. Nicht 
selten zeigt er unregelmässige oder länglichrunde Nussgrosse Blasen 
und Cavitäten, die zuweilen mit einer schwachen Rinde feiner Quarz- 
kryställchen überkrustet sind. Eine merkwürdige Erscheinung sind 
ferner die häufigen Mandel- oder Warzenförmigen Einschlüsse einer mit 
Brauneisenstein geschwängerten porphyrartigen Masse mit concentrisch- 
schaaliger Absonderung. In der Mitte mehrerer dieser Nuss- bis Faust- 
grossen, mit dem reinen Porphyr fest verwachsenen Körper liegt inwendig 
zuweilen ein Kern von erdigem braunen oder gelben Eisenoxydhydrat; 
bei den grössren Stücken dieser Art ist dagegen der Kern gewöhnlich 
nur eine mit vielem Eisenoxyd vermengte körnige Porphyrmasse. Ob 
diese Körper als Fragmente eines ältern Porphyrs, oder als die Resul- 
tate einer secundäreh Mandelbildung angesehen werden müssen, lässt 
sich schwer entscheiden. 

Dagegen findet man, ausser den genannten Körpern, in der Haupt- 
porphyrmasse des Steinbruchs noch in ziemlicher Menge eckige Bruch- 
stücke eines ältern, weissen bis grünlichweissen Porphyr mit innelie- 
genden kleinen Blättchen von schwarzem Glimmer. Sie haben Faust- 
bis Kopfgrösse und sind in der Regel zu einem thonigen Gruss verwit- 
tert. In petrographischer Hinsicht stimmen diese Fragmente ganz mit 
dem, !/ı Stunde davon hervortretenden, später zu erwähnenden, weissen 
Thonsteinporphyr überein. Da dieser letztere jünger ist, 'als der ge- 
wöhnliche Leisniger Porphyr, so dürfte demnach der Muschauer noch 
viel jünger sein als letztgenannter Leisniger. 

In dem obern Theile desselben Steinbruches, nahe unter der Damm- 
erde, stehen Stücke eines von dem vorwaltenden grobkömigen Porphyr 
ganz verschiedenen feinkörmigen, dunkelrothbraunen, quarzreichen Horn- 
steinporphyrs an dessen Grenze beinahe in horizontaler Richtung in den 
obersten Regionen des Steinbruches sich hinzieht. Trotz der schon vor- 
geschrittenen Verwitterung und Zerstückelung des Hauptgesteins lässt 
sich doch noch ziemlich deutlich wahrnehmen, dass letzteres am der 


75 


Grenze Bruchstücke des Hornsteinporphyrs aufgenommen hat. Dieser 
demnach jüngere Porphyr unterscheidet sich von dem ältern auch noch 
dadurch, dass er an der Grenze sehr verwittert erscheint, während der 
andere, zwar in viele scharfeckige Stücke zerklüftet, nicht die geringste 
Verwitterung wahrnehmen lässt. Zugleich mit den Fragmenten der 
älteren Porphyre sind auch noch kleinere bis Nussgrosse, scharfeckige 
Bruchstücke von ziemlich verwitterten Glimmerschiefer oder Thonschiefer, 
so wie von bandartig gestreiftem Kieselschiefer (Grauwackenschiefer) 
indem vorwaltenden Porphyr des Steinbruches eingeschlossen. 

Wie weit der Muschauer Porphyr verbreitet ist, darüber lässt sich 
nichts Gewisses angeben, da in der Nähe des erwähnten Dorfes wenig 
Gebirgsentblössungen ‚vorhanden, und wegen der grossen petrographi- 
schen Aehnlichkeit, Verwechselungen mit dem gewöhnlichen Leisniger 
Porphyr leicht möglich sind. 


e) Doberschwitzer Porphyr. 

In und bei dem Dorfe Doberschwitz ist in mehreren Steinbrüchen 
ein dem gewöhnlichen Leisniger Porphyr ganz ähnlicher, braunrother, 
frischer körniger Porphyr aufgeschlossen, welcher blos Orthoklaskry- 
stalle enthält, während der anderwärts vorwaltende Albit gänzlich fehlt.;*) 
Bei dem Mangel an hinlänglichen Gebirgsentblössungen muss es noch 
unentschieden bleiben, ob dieses Gestein als selbstständig, oder nur als 
eine Modifikation des gewöhnlichen Leisniger Porphyrs zu betrachten ist. 


f) Der Kieselbacher Porphyr. 


Im Dorfe Kieselbach, am rechten Gehänge des gleichnamigen 
Baches, steht in einzelnen Entblössungen ein Porphyr von bläulich- 
rother, lavendelblau£r, feisitischer Grundmasse an, in welcher viele, meist 
längliche, Tombackbraune, wenig glänzende Glimmerlamellen, und ein- 
zelne, verwitterte, nebelartige, Feldspathkrystalle eingewachsen sind. 
Die länglichen Glimmerlamellen liegen bisweilen einander ziemlich 
parallel. Er begrenzt gegen Süden hin das Thonschiefergebirge. Ob 
dieser Porphyr selbstständig, oder auch nur eine Modifikation des ge- 
wöhnlichen Leisniger Porphyrs sei, kann für jetzt auch hier aus vorhin 
erwähnten Gründen nicht ermittelt werden. 


2) Der Glimmerporphyr. 

An dem linken Gehänge des Merschwitz-Grundes, einige hundert 
Schritte unterhalb der Liebgensmühle treten Partien eines eigenthüm- 
liehen Porphyrs zu Tage aus. Dieser stellt sich an der Oberfläche als 
ein loser oder bröcklicher Gruss dar von Erbsen grossen Körnern einer 
röthlichgrauen bis fleischrothen, sehr quarzigen Porphyrgrundmasse, in 


*) Vergl. Naumann, Erläuterung zur geognost. Charte v. Sachsen Heft 1. 8. 117, 


6* 


76 

welcher kleine, unregelmässige Blättchen, oder sechsseitige Tafeln von 
rabenschwarzen Glimmer in Menge eingewachsen sind. Durch diesen 
Glimmergehalt nimmt der Gruss ganz das Ansehn eines in Verwitterung 
begriffenen Granites an, welcher Umstand auch Veranlassung gegeben 
haben mag, dass diese Gesteinspartie auf der 2ten Auflage von Sec- 
tion XIV. der geonostischen Oharte von Sachsen mit dem Colorit des 
Granites aufgetragen worden ist. Granit ist es indessen nicht; davon 
überzeugt man sich, sobald man einige Fuss tiefer eindringt. Das Ge- 
stein wird dann fester, und stellt sich als ein braunrother, sehr quar- 
ziger Horsteinporphyr dar, in welchem in unregelmässigem Gemenge 
eine Menge kleiner schwarzer Glimmerblättchen eingewachsen sind. Der 
Glimmergehalt scheint für dieses Gestein characteristisch zu sein. Für 
die porphyrische Natur desselben spricht auch noch das in selbem häu- 
fige Vorkommen von Achat, Chalcedon, Amethyst, Halbopal und Hy- 
drophan (Weltauge). 

Die ersten der genannten Mineralien bilden Hand- bis Kopfgrosse 
Knollen oder Mandeln im Porphyr, welcher in der unmittelbaren Nach- 
barschaft derselben ungemein fest und quarzig, gewissermassen verglast 
erscheint, und nach Aussen hin allmählig in jenen verwitterten Gruss 
übergeht. In dieser Weise fand man in einem zu Anfange dieses Jahr- 
hunderts einige Ellen tief angelegten, kleinem Tagebruche eine Menge 
abgerundeter Porphyrblöcke von 1—4 Fuss Durchmesser überemander 
gelagert, die an ihrer Aussenfläche in der Regel zu einer bröcklichen 
Masse verwittert waren, nach innen zu aber in jenen festen, quarzigen 
Hornsteinporphyr übergingen, welcher einen Kern von Bandförmigge- 
streiftem, vielfarbigem Achat oder grauem Chalcedon einschloss. Die 
grösseren dieser Kerne enthielten in ihrer Mitte oft Krystalldrusen 


von weissem Quarz oder noch häufiger von Amethyst, der in der Regel 


mit einer 1 bis 2 Linien starken, traubigen oder tropfsteinartigen Kruste 
von gelblichweissem, honig- oder wachsgelben Halbopal überzogen war. 
In seltnen Fällen sassen über letztrem Mineral noch Partien von edlem 
Opal mit dem reinsten und schönsten Farbenspiel. Von letzterm wer- 
den noch Stücke in der Königlichen Mineraliensammlung zu Dresden 
aufbewahrt. *) 

Die Amethystkrystalle haben bisweilen die Grösse von 3—4 Zollen; 
sewöhnlich ist nur die sechsseitige Pyramide, seltner das Prisma aus- 
gebildet. 

Von dem hiesigen Halbopal beschreibt Gössel **) N 
nach der sechsseitigen Pyramide (?) des Kalkspaths. 

Der Hydrophan findet sich in diesem Glimmerporphyr in der un- 


*) Gössel; in der Auswahl aus den Schriften der unter Werners Mitwirkung gestifteten 
Gesellschaft für en zu Dresden Bd. 3; 1826. S. 172. 
‚**) Ebendaselbst S. 173, 


77 u 


mittelbaren Nähe eines alten Stollen. Der hier an der Oberfläche eben- 
falls zu Gruss zersetzte Porphyr wird einige Fuss tiefer consistenter, 
und ist von vielen, in allen Richtungen sich kreuzenden, schmalen 
Klüften durchzogen, auf deren Wänden hautartige Ueberzüge oder 
schwache Krusten jenes Minerals sich befinden. Dasselbe hat, wenn 
es trocken liegt, eine milchweisse bis gelblichweisse Farbe und klebt 
“an der Zunge, wird aber befeuchtet durchsichtig und zeigt schwaches 
Farbenspiel; stellenweise geht es in schmuzigweissen krystallinischen 
Quarz über. Die stärkeren (selten 1/ı” Dicke erreichende) Krusten des 
Hydrophans haben eine wellenförmige Oberfläche, gerade so, als ob sie 
sich aus einer, an den Wänden der Porphyrklüfte herabrieselnden Flüs- 
sigkeit gebildet hätten. 

Der Glimmerporphyr besitzt eine etwas grössere Verbreitung als 
auf der geognostischen Charte angegeben ist. Von den beschriebenen 
Punkten weiter thalaufwärts, am Ausflusse des Liebgensmühlgraben steht 
an den Ufern und im Bette des Kieselbaches ein gleiches granitartiges 
Gestein an, dessen Feldspathgrundmasse ganz zu thonigen Kaolin zer- 
setzt ist, in welehem in reichlicher Menge schwarze, sechsseitige Glim- 
merblättchen inneliegen. Auch am rechten Gehänge des Grundes, von 
der genannten Mühle aus nach der Leisnig-Colditzer Strasse hin, 
scheint sich dieser Porphyr auszubreiten, da man früher dort auf den 
Feldern viele Achat- und Amethystknollen, umschlossen von einem ähn- 
lichen Porphyr, vorfand. 

Es ist dieses Gestein jedenfalls ein eigenthümlicher, von dem ge- 
wöhnlichen Leisniger verschiedener Porphyr, über dessen Alter und 
sonstige Verhältnisse sich freilich etwas Bestimmtes nicht angeben lässt; 
indessen scheint er nach seiner Verbreitung zu urtheilen eine stockför- 
mige Masse im Leisniger Porphyr zu bilden. 


3) Der Thonsteinporphyr. 


Zwischen den Dörfern Arras, Merschwitz, Böhlen, Polditz und Fal- 
kenberg tritt ein eigenthümlicher Porphyr auf, in dessen vorwaltend 
weisser bis hellgrüner; selten ins rothbraune übergehender thonstein- 
artigen Grundmasse, weisse zu Kaolin verwitterte Krystalle von Albit 
und frische, glasglänzende, blättrige Krystalle von Rhyakolith innelie- 
gen. Kleine schwarze, oft sechsseitig ausgebildete Glimmerblättchen 
bilden einen häufigen, aber, wie es scheint, unwesentlichen Gemeng- 
theil dieses Gesteins. Unregelmässige Drusen oder kleine Mandeln, so 
wie schwache Adern und Trümmer von Quarz oder Achat sind nicht 
selten in diesem Gestein, welches an der Tagesoberfläche meist als ein 
weisser, thoniger Gruss hervortritt, und durch seine helle Farbe vor- 
züglich aus der Ferne sich deutlich von dem benachbarten rothen Leis- 
niger Porphyr unterscheiden lässt. Es ist dies dasselbe Gestein, wel- 
ches Naumann auf der 2ten Auflage von Sect. XTV. der geonog. Charte 


78 

von Sachsen unter dem Namen Arraser Porphyr mit einer besöndern 
Farbe aufgetragen hat. Die Verbreitung dieses Porphyrs ist ungefähr 
dieselbe, wie sie auf besagter Charte angegeben ist, nun erstreckt sich 
die in der Gegend von Merschwitz und Polditz befreiliehe Partie etwas 
weiter nördlich bis einige hundert Schritte vor Böhlen. Denn an dem 
Fahrwege von Pölditz nach Böhlen, ungefähr der Böhlener Windmühle 
gegenüber, befindet sich eine 'Thongrube, in welcher das gewonnene 
Material nichts anderes, als ein grösstentheils zu Kaolin zersetzter, weis- 
ser Porphyrgruss ist. Kurze Entfernung weiter hinauf, nach dem Gast- 
hofe zum heiteren Blick hin und in der Nähe desselben, steht dagegen 
fleischrother bis braunrother, grobkörniger Porphyr an, derselbe, wel- 
cher nicht weit davon bei der Windmühle in einem Steinbruche auf- 
geschlossen ist. { | 

Der Tonsteinporphyr ist ein selbstständiges und seinem-Alter nach 
jüngeres Gestein, als der gewöhnliche Leisniger Porphyr; denn man 
kann nicht nur an einigen Punkten scharfe Grenzen. zwischen beiden 
Gesteinen beobachten, wie z. B. am Ausgange des Kerpitzscher Thales, 
dicht neben der Grimmaischen Chaussee (Fig. 5.), sowie an einem nach 
dem Pechsteinporphyrbruche führendem Fahrwege, zwischen dem weis- 
sen Berge und Kerpitzsch (Fig. 6.), sondern es umschliesst der Thon- 
steinporphyr auch hie und da deutliche Bruchstücke des Leisniger rothen 
Porphyrs. In dieser Hinsicht ist vornehmlich eine Stelle am rechten 
Muldenufer' oberhalb Arras bemerkenswerth, wo die daselbst hervorsteh- 
enden Felsen aus nichts, als einem grossartigen Reibungsconglomeräter 
beider Massen bestehen. Hand- bis Kopf- und darüber grosse eckige 
oder mehr abgerundete Bruchstücke, an ihrer Aussenfläche zuweilen 
verglast, und in einem splittrigen, dichten, braunrothen Hornstein um- 
sewandelt, liegen in dem weissen bis hellgrünen Porphyr zum Theil 
so zahlreich eingewickelt, dass sie als das vorwaltende Material der 
dortigen Felsen erscheinen. An verschiedenen Punkten bemerkt man 
hier in dem umhüllenden Gestein Klüfte mit in einer Richtung erläng- 
ten Reifen und Streifen, als ob noch nicht ganz erstarrte, teigartige 
Massen sich aneinander gerieben hätten. Ausser in der Umgegend von 
Altleisnig findet man den Thonsteinporphyr noch an mehrern Punkten 
bei Leisnig und südlich davon. Eine grössere Partie desselben schemt 
sich zwischen den Dörfern Lauschka, Wendishayn, Queekhayn und 
Minkwitz auszubreiten. Auch hier zeigt es sich überall, wo man ihn 
im Contact mit dem gewöhnlichen rothen Porphyr beobachten kann, ent- 
schieden jüngerer Natur, wie z.B. am Ziegenberge bei Wentishayn und 
in dem Queckhayner T hale. 

Ein merkwürdiges Verhältniss stellt sich in 'emem Steinhiruchlh des 
Queckhayner Thales dar, einige hundert Schritte oberhalb des Punktes, 
wo dasselbe von dem von Minkwitz nach Lauschka führenden Fahr- 
wege durchschnitten wird, 


. | 79 


(Fig. 7 und 8). Hier durchsetzt den braunrothen körnigen Leis- 
niger Porphyr ein grossentheils zu Gruss zersetzter chokoladenbrauner 
Thonsteinporphyr, in einer Menge unregelmässiger, unter einander ver- 
bundener und vielfach ramifieirter gang- oder stockförmiger Massen, 
welche hie und da von länglich runden oder stumpfeckigen Bruchstücken 
des durchsetzten Gesteines strotzen. Dieser jüngere Porphyr ist, wo 
nieht die Zersetzung zu Gruss schon zu weit vorgeschritten ist, in lau- 
ter 3 bis 8 Zoll starke, nur wenig geneigte Säulen abgesondert, die sich 
trotz der bedeutenden Decomposition des Gesteins bisweilen noch mit 
i—2 Fuss Länge ablösen lassen. Merkwürdig ist hierbei der Umstand, 
dass diese Säulen nicht, wie gewöhnlich, rechtwinklich zu den Begrenz- 
ungsflächen der Gänge, sondern diesen parallel angeordnet sind. In 
einigen Höhlenräumen dieses Porphyrs zeigt sich Brauneisenerz in 
Afterkrystallen auch Braunspath oder Spatheisenstein. Etwas weiter 
oberhalb dieses Punktes tritt der Thonsteinporphyr mit seiner gewöhn- 
lichen weissen Farbe hervor. | 

Eine andere interessante derartige Durchsetzung kann man an dem 
Rosinenberge bis Scheergrund, da, wo der nach Westewitz führende 
Fussweg seinen höchsten Punkt auf diesem Berge erreicht hat (Fig. 9.). 
Es steigt hier in dem röthlich- bis gelblichweissem, ziemlich grobkör- 
nigen und blasigen Feldsteinporphyr ein ungefähr 1 Fuss mächtiger 
Gang eines zu Gruss verwitterten Porphyrs von chokoladenfarbiger 
Thonsteingrundmasse, mit häufig eingestreuten zu Kaolin verwandelten 
Feldspathkrystallen auf mehrere Ellen Höhe empor. Das Nebengestein, 
der grobkörnige Leisniger Porphyr, ist auf 3 bis 5 Zoll Entfernung von 
den Salbändern dieses Ganges weg verglast und in einen ganz feinkörnigen 
oder dichten splittrigen Hornsteinporphyr umgeändert. An verschiede- 
nen Stellen ist der jüngere Porphyr zu den Seiten hinausgebrochen und 
hat sich mit dem Hauptporphyr auf manchfaltige Weise vermengt; bald 
ist er auf schwachen Spalten und Klüften oder in röhrenförmigen Oeft- 
nungen in den älteren eingedrungen, bald bildet er grössere unregel- 
ınässige gang- oder stockförmige Massen in diesem, und umschliesst oft 
über kopfgrosse ziemlich abgerundete Bruchstücke desselben; so sieht 
man auf mehr als 60 Schritte Länge diese beiden Porphyre in einer 
stetigen Verbindung und Abwechselung mit einander fortsetzen. 

Etwas höher an demselben Gehänge des Rosinenberges hinauf lie- 
gen viele Stücke von weissem oder hellgrünem Thonsteinporphyr umher. 

Ein wahrschemlich dem Thonsteinporphyr ebenfalls angehöriger Gang 
von jüngerm Porphyr befindet sich in einem schon früher (Pag. 72und 73), 
(Fig: 4, C.) erwähnten Steinbruche, in der Köpfgrube, ungefähr 20 Schritte 
östlich von dem an citirter Stelle beschriebenem Gange. Erist 12 bis 15” 
mächtig, und steigt ziemlich vertikal in die Höhe; seine Ausfüllungsmasse 
ist ein zu Gruss zersetzer und aus der Gangspalte zum Theil heraus- 


80 


gewitterter, röthlich- bis gelblichweisser Porphyr, der weniger durch 
die Färbung als durch die scharfen Saalbänder und den eben erwähn- 
ten zersetzten Zustand sich von dem umschliessenden ältern Porphyr 
unterscheidet. Mitten in dieser bröcklichen Gangausfüllungsmasse liegt 
ein grosses noch unverwittertes Bruchstück des durchsetzten Porphyrs. 
Längs des einen (östlichen) Saalbandes dieses Ganges zieht sich ein 3 
bis 4 Zoll breiter Streifen von drusigem und zerfressenem, rostigem 
Brauneisenstein, welcher mit dem zunächst angränzenden jüngeren Gang- 
porphyr eine innige Vermengung eingegangen ist, von dem älteren Por- 
phyr aber sich schaalenförmig ablöst. Es scheint also die Bildung die- 
ur Art vom Erzgang mit dem jüngern Porphyr in Verbindung zu 
Zehen. 

Aehnliche gangförmige Durchsetzungen des Leisniger Porphyrs von 
einem jüngern, dem Thonsteinporphyr ziemlich ähnlichen Porphyr, kann 
man noch an den Felsen des Leisniger Schlossberges in der Nähe der 
Obermühle beobachten (Fig. 10). 


4) Der Thonstein. 


In einer niedrigen Schlucht zwischen Altenhof und der Leisnig- 
Döbelnschen Strasse, so wie zwischen den Dörfern Beiersdorf und Ni- 
kolschwitz, ferner zwischen Wallbach und Neuenhayn treten Partien 
von lichtrothen, ziegelrothen bis röthlichbraunen, bisweilen weisspunc- 
tirten, weichem Thonstein auf, deren Verbreitung und Begrenzung sich 
wegen der starken Bodenbedeckung in dortiger Gegend nicht genau 
ermitteln lässt, aber der Hauptsache nach mit’ jener,. wie sie auf der 
Naumannschen Charte, Sect. XIV. 2. Auflage., verzeichnet ist, über- 
einstimmen dürfte. Eine unbedeutende Partie ähnlichen Thonsteins 
tritt in dem von Gersdorf- nach Neudörfehen sich hinabziehenden 
Thale auf. 

Obwohl diese Thonsteine, namentlich der von Altenhof, mehr den 
Character einer sedimentären Bildungsweise an sich tragen, so scheint 
ihre Existenz doch mit der des Porphyrs in enger Beziehung zu stehen, 
und vielleicht dürften sie als Porphyre zu betrachten sein, die in ein 
von Wasser bedecktes Bassin sich ergossen. 


5) Der Pechsteinporphyr. 

Zu den merkwürdigsten Gebilden der hiesigen Gegend gehören 
die Pechsteinporphyre. Die am besten aufgeschlossene Partie dieses 
Gesteins befindet sich bei Kerpitzsch, unmittelbar neben dem Gasthause 
zum weissen Berge. Rother, brauner, grüner, meistens aber schwarzer 
Pechstein bildet die Grundmasse, in welcher Körner von glassigem 
Feldspath und Quarz, auch kleine Glimmerblättehen dicht eingestreut 
sind. 


' Verlag von Rudolf Kuntze in Hamburg. 


Arzeneien - Taxe für die Königl. Sächs. Lande. 4. Aufl. 4. (VIu. 518.) 
1847. 15 Sgr. 


Byam, G., Wildes Leben im Innern von Gentral-Amerika. Aus dem 
‘Engl. von M. B. Lindau. Mit einer lithogr. Ansicht. (VI u. 208 5.) 1852. 
geh. 1 Thlr. 


Byam, G., Wanderungen durch Chile und Peru. Aus dem Engl. von 
M. B. Lindau. Mit 3 lithogr. Abbildungen. (VI u.275S.) 1851. geh. 221/2 Sgr. 


Grässe, Dr. Joh. G. Th., Beiträge zur Literatur und Sage des Mittel- 


alters. I. Die Mirabilia Romae nach einer Handschrift des Vatican. 
II. Zur Sage vom Zauberer Virgilius. III. Zur Naturgeschichte d« 
Mittelalters. 4. (X u. 106 8.) 1850. geh. 24 Sgr 


Kingston, W., Peter der Wallfischfänger, sein Jugendleben und 
seine Abenteuer in den Nordpol-Regionen. Ein Buch für Jung 
und Alt. Deutsch bearbeitet von M. B. Lindau. Mit 4 lithogr. Abbildungen. 
8. (X u. 444 S.) 1852. In lithogr. Umschl. cart. 1 Thlr. 221/, Sgr. 


Kohl, J. @., Skizzen aus Natur und Völkerleben. 2 Bde. gr. 8. 
d. Xu.4088. IL Xu. 816 8.) 1851. geh. 3 Thlr. 


Mittheilungen aus dem magnetischen Schlafleben der Somnambule 


Auguste K. ın Dresden. Zweite Ausgabe der 1843 erschienenen ersten 
Auflage. Mit Titelkpfr. und Holzschnitten. gr. 3. (XXII u. 414 8.) 1850. 
geh. 1 Thlr. 15 Sgr. 


Pharmacopoea Saxoniea jussu Regio et auctoritate publica denuo 


edita recogn. et emend. ‚Mit einer Tabelle. 4. (XVI u. 296 8.) 1836. 
2 Thlr. 15 Sgr. 


Durch F. C, Janssen in Dresden sind zu beziehen: 


2 = in allgemein verständlicher Form 

I. Astronomische Vorträge gehalten zu Dresden im Winter 
185+/55 von Dr, Adolph Drechsler. Nebst lithogr. Sterutafeln. Dresden 1855. 

25 Ner. 


In diesen Vorträgen ist das Wesentliche der populären Astronomie in gedrängter Kürze anschaulich und 
leichtfasslich dargestellt. Es können die Vorträge 1) der nördliche Fixsternenhimmel in astrognostischer und 
mythologiseher Beziehung, mit Sterntafel (5 Ngr.); 2) der Thierkreis und’ der südliche Fixsternenhimmel in 
astrognostischer und mythologischer Beziehung, mit Sterntafel (5 Ngr.); 3) die Bewegungen der Erde: Dreh- 
ung, Wendung und Fortschreitung der Erdaxe (4 Ngr.); 4) die Planetensysteme, die Bewegung und physische 
Beschaffenheit der Planeten (4 Ngr.); 5) die Monde, mit besonderer Berücksichtigung des Mondes de: Erde 
(4 Ngr.); 6) die Kometen: — Die Sonne (4 Ngr.) auch einzeln bezogen werden. 


= F zur Einführung in das Ver- 
nl. Astrologische Vorträ 6, ständniss des Systems und der 
Geschichte der Astrologie, gehalten zu Dresden im Winter 185% 


von Dr. Adolph Drechsler. Mit in den Text gedruckten Holzschnitten. 
Dresden 1855. 20: Ngr: 


Diese Vorträge zeigen ausführlich und deutlich das Verfahren, nach welchem von den wissenschaftlichen 
Astrologen die Nativität gestellt und ausgelegt wurde, und geben einen Abriss der in eulturhistorischer Be- 
ziehung bedeutsamen: Gesehichte der Astrologie. In dem Vorworte sagt der Verfasser: „Ueber die Pietät, 
welche wir gegen unsere in den Wissenschaften unermüdlich thätigen Vorfahren zu hegen und kund zu geben 
schuldig sind, habe ich meine Ansichten bereits in dem Vorworte zu „Scholien zu Christoph Rudolphs Coss“ 
[Dresden, Rob. Schäfer, 1851] ausgesprochen, und die Veröffentlichung dieser Vorträge soll ebenfalls einen 
Einblick gewähren in die mühevolle Arbeit und den unermüdlichen Eifer einerseits, andrerseits in die Schärfe 
der Gedanken und Tiefe der Forschungen, welche unsere Vorfahren auch auf den Versuch einer wissenschaft- 
lichen Begründung und auf den Aufbau des Systems der. Astrologie verwendet haben.“ 


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Auch sind Erbsengrosse Körner einer Sphärolithartigen Substanz 
nicht selten, so wie auch kleine bis Zollgrosse eckige Fragmente von 
grünlichgrauem Thonschiefer und einem zersetzten glimmerreichen Schie- 
fergestein (Glimmerschiefer oder Gneis), desgleichen auch von einem 
grünlichweissen feinkörnigen Sandstein (Grauwacken- oder Steinkohlen- 
sandstein) in diesem Gestein zuweilen eingeschlossen. 

Dieser Porphyr, welcher ein ausgezeichnetes Strassenbaumaterial 
abgiebt, ist durch Steinbruchbetrieb auf bald 20 Ellen Tiefe verfolgt 
worden und hat sich in Folge dessen als eine ziemlich abgerundete, 
segen 25 Ellen Durchmesser haltende, vertikal aufsteigende, stockförmige 
Masse im weissen Thonsteinporphyr herausgestellt, welche nur nach 
Norden hin einen einige Ellen mächtigen gangartigen Ausläufer abgehen 
lässt, indem man in neuerer Zeit auf den Feldern nördlich von dem 
genannten Gasthause dasselbe Gestein in mehreren Schürfen als einen 
schmalen Streifen verfolgt hat. Gänge von schön bandförmig gestreiftem, 
rothem und braunem Achat, 4 — 1 Zoll mächtig, ziehen sich in diesem 
Pechsteinporphyr ungefähr parallel seiner Erstreckung hin. Der weisse 
Thonsteinporphyr ist in der Nähe dieses Gesteins meist roth und braun 
gefärbt und enthält viele Rhyakolithkrystalle. 

Dass der Pechsteinporphyr den weissen Thonsteinporphyr durch- 
brochen habe, also jünger sei, erleidet bei der deutlichen stockförmigen 
und gangförmigen Gestaltung desselben wohl keinen Zweifel. Die in 
diesem Gestein enthaltenen Schiefer- und Sandsteinfragmente scheinen 
aber auch anzudeuten, dass sich unter dem durchbrochenen Porphyr 
noch eine unversehrte Kruste von den Urschiefern und den diese be- 
deckenden Gebilden der Grauwacken- oder wohl gar der Steinkohlen- 
formation zur Zeit der Pechsteinporphyreruptionen befunden habe. 

Ein anderes Pechsteinporphyr - Vorkommen befindet sich in dem 
(JQueckhayner Thale, einige hundert Schritte unterhalb des Dorfes glei- 
ches Namens, am rechten Ufer des Baches. Die petrographische Beschat- 
ienheit dieses Porphyrs ist dem vorigen ziemlich analog, nur besitzt die 
Pechsteingrundmasse hier fast ausschliesslich eine lauchgrüne Farbe. 

Das Gestein tritt nur an einer kleinen Gebirgsentblössung an die 
Tagesoberfläche hervor; rings herum ist es mit Alluvium bedeckt. Es 
lässt sich daher über seine Verbreitung und Altersverhältnisse nichts 
gewisses angeben; indessen scheint es wie der Korpitzscher Pechstein- 
porphyr nur eine kleine stockförmige Masse im weissen Thonporphyr, 
der sich in seiner Nähe vorfindet, zu bilden. 

Spuren von Pechsteinporphyr zeigen sich auch am Rosinenberge 
bei Scheergrund, unmittelbar neben der früher (S. 79) beschriebenen 
L.okalität. Es ragen hier eine ziemliche Menge von Hand- bis Kopf- 
grossen Stücken eines dem Queckhayner ganz ähnlichen lauchgrünen 
Pechsteinporphyrs mit vielem Feldspath- (Rhyakolith-) und Quarzkörnern, 
durchzogen von vielen schmalen Adern und Schnüren ziegelrothen bis 

Allg. deutsche naturhist. Zeitung. I. y' 


82 


braunrothen Achat und Jaspis, unter der schwachen Lehmdecke hervor, 
welche sich dort am Gehänge angelagert hat. Nach der Grösse des 
Raumes, auf welchem man jene Bruchstücke findet, kann der Pechstein- 
porphyr nur als eine sehr kleine Partie von höchstens 20 Ellen Durch- 
messer auf der Oberfläche hervortreten. 


Erläuterung der Abbildungen auf Tafel I. 


1. Porphyr mit Tendenz zur plattenförmigen Absonderung am Har - 
inge unterhalb Leisnig. Der Leisniger Porphyr umschliesst hier Frag- 
mente eines ältern. . Erstreckung von 34 Schritten. 

2. Entblösste Gebirgsparthie bei der zweiten Brücke an der Strasse 
zwischen Leisnig und dem weissen Berge. A. dunkelrother Leisniger 
Porphyr. B. Fragmente ältern Porphyrs. 

3. Am Kunathsberge oberhalb Altleisnig. A. Leisniger gewöhn- 
licher Porphyr. B. Jüngerer dichter Felsitporphyr. 

4. Köpfgrube bei Leisnig. A. Leisniger Porphyr. B. Jüngerer 
Porphyr. C. Thonsteinporphyr. D. Brauneisenerze. 

5. Bei der zweiten Brücke am Harling unterhalb Leisnig. Erstreck- 
ung von 21 Schritten. A. Gewöhnlicher Leisniger Porphyr. B. Araser 
Thonsteinporphyr. Chocoladenfarbiger, zersetzter. C. Fragmente des 
ältern Leisniger Porphyrs. : 

6. Contactverhältniss zweier Porphyre bei dem Weissenberge unter- 
halb Leisnig. A. Weisser Porphyr gänzlich zu Gruss zersetzt. B. Ro- 
ther Porphyr. 

7. Verhältniss zweier Porphyre bei Minkwitz. A. Aelterer Porphyr. 
B. Jüngerer Porphyr, zuweilen säulenförmig. 

8. Bei Minkwitz, Porphyrdurchsetzungen. Leisniger Porphyr durch- 
setzt von jüngerem (Thonsteinporphyr’?). 

9. Contactverhältnisse zweier Porphyre vom Rosinenberge bei Scheer- 
grund, ohnweit Leisnig. A. Leisniger gewöhnlicher Porphyr. B. Jüngerer 
chocoladenbrauner zu Gruss zersetzter Porphyr; wahrscheinlich Thon- 
steinporphyr. 

10. Am Leisniger Schlossberge. 


Beobachlungen über Schildkröten ım Nordosten 


der vereinigten Staalen, 
bei Vorlegung der Exemplare mitgetheilt von C. Müller in Dresden. 


Schildkröten sind durch alle heisse und gemässigte Theile der Erde 
verbreitet, doch während ihre Zahl in den heissern Climaten Legion ge- 
nannt werden darf, sind dieselben in den gemässigten Distrikten nur 


83 
en, Be 

sparsam vertreten. Ihr Vorkommen scheint indessen wohl weniger durch 
die mittlere Wärme, als vielmehr durch die Höhe der Sonnenhitze 
bedingt zu sein; denn während wir hier in Deutschland nur eine Art 
und diese nur sparsam vorfinden, haben wir z. B. im Staate Massachusetts, 
welcher doch eben so kalte Winter hat, als Deutschland, zwei Land-, 
vier Süsswasser- und an den Ufern des Meeres noch eine Seeschildkröte, 
und es ist möglich, dass bei gründlicher Durchsuchung noch einige 
Species mehr aufgefunden werden dürften. Es kann aber hier nicht 
meine Absicht sein, mich über die geographische Verbreitung der Schild- 
kröten aussprechen zu wollen, sondern ich muss diess dazu Befähigteren 
überlassen; ich will daher nur einige Worte über die in dem Nord- Osten 
der Vereinigten Staaten vorkommenden Arten mir erlauben zu sprechen, 
da ich häufig Gelegenheit hatte, diese Thiere sowohl in der Freiheit, 
als auch in der Gefangenschaft dort beobachten zu können. 

Die Schildkröten leben auch hier theils auf trocknem Lande, theils 
im süssen Wasser oder Schlamm, und die grösten Arten in der See. 
Bei einem nicht zu spät eintretenden Frühjahr kommen einige schon 
Anfang Mai aus ihren Winterquartieren wieder zum Vorschein; das ist 
nämlich der Fall in den Staaten Pensylvanien, New-Jersey, New-York, 
Connekticut und Massachusets. Die Landschildkröten, Ciszwdo, kommen 
zuletzt, doch die Arten von Emys findet man während der Mittagshitze 
oft schon Ende April. Im Anfang bleiben sie nur kurze Zeit ausserhalb 
des Wassers und kehren bald in ihre Schlupfwinkel zurück. Die Beweg- 
ung der Schidkröten auf dem Lande ist unbeholfen und langsam. Wie 
ein ganz anderes Thier, in dieser Beziehung, erscheint aber z. B. eine 
Emys im Wasser, erst ruhig auf der Oberfläche schwebend oder herum- 
sehwimmend, taucht sie bei dem geringsten verdächtig scheinenden Ge- 
väusch sogleich unter, um in demselben Augenblicke sich im Schlamme 
oder unter Wurzeln zu verbergen. Sie scheinen es eingelernt zu haben, 
sich unsichtbar zu machen; manchmal fand ich das Ufer von Bächen oder 
Teichen sowohl, als auch die geringste Hervorragung in denselben, so 
zu sagen mit Emys picta oder punctata bedeckt, und sie schienen sich 
sorglos zu sonnen, doch sobald man sich ‘so nahe geschlichen hatte, 
um darnach zu greifen, verschwanden sie meistens lautlos, und nur bei 
ganz klarem, heilen Wasser mit nicht schlammigem Grund, kann man 
sie dann leichten erhaschen, da sie sonst, wie gesagt, sich im Augerblick 
eingraben. Auch Landschildkröten, welche ich hinsetzte, fingen, sobald 
sie sich für beobachtet halten mochten, sogleich an, sich einzugraben; 
da sie eine ziemliche Kraft und Gsschiektichkett in Hireh Beinen haben, 
so wird ihnen dieses auch sehr leicht. Die Geschlechtsfunktion der 
Schildkröten wird, nach Art aller beschuppten Reptilien, durch eine 
wirkliche Bekktunz ausgeübt, welche bei ihnen von aussergewöhnlich 
langer Dauer ist und oft Tage lang anhält. Die Geschlechtstheile befinden 
sich in der Kloake. Während der Dauer der Begattung sind sie für alles 


7 


84 } 
Andere wie abgestorben und ihre gewöhnliche Vorsicht und Schüchtern- 
heit verlässt sie dann gänzlich. Ich habe Zmys picta in der Begattung 
auf der Oberfläche des Wassers schimmend gefunden, wo ich sie mittelst 
eines Netzes leicht herausfischen konnte, ohne dass sie sich im gering- 
sten stören liessen; auch Cistudo Carolina habe ich mehrmals gefunden, 
ohne dass sie die geringste Notiz davon zu nehmen schienen. Die Emys 
hängen mit den Bauchschildern gegen einander gekehrt und halten sich, 
noch mit den Vorderbeinen umklammert, so fest zuzammen, dass eine 
ziemliche Kraft angewendet werden muss, um sie auseinander zu reissen. 
Bei Cistudo hingegen sitzt das Männchen auf dem Weibchen, wozu, wie 
ich glaube, auch die Vertiefung auf seinem Bauchschilde dient. Das be- 
fruchtete Weibchen gräbt kurze Zeit darauf Löcher in die Erde oder 
in den Sand, wo hinein es seine Eier legt, und hernach wieder mit einer 
Lage Erde oder Sand sie bedeckt, denn ohne diese Fürsorge würden die 
Eier austrocknen und zusammenschrumpfen, nicht aber ausgebrütet wer- 
den, durch die Erddecke sind sie den intensiven Strahlen der Sonne 
sowohl, als auch dem starken Thau des Morgens nicht ausgesetzt, son- 
dern sie erhalten eine mehr gleichförmige Wärme, auch ihren zahlreichen 
Feinden würden diese Eier, im Fall sie nicht bedeckt würden, zu sehr 
blossgegeben sein. 

Die Eier haben eine kalkig-pergamentartige Schaale, welche sehr 
dünn ist; die Form können Sie aus den hier vorliegenden Eiern von 
Chelydra serpentina besser sehen, als ich dieselbe beschreiben würde, 
sie sind nämlich kurzwalzigoval. Die Zahl der gelegten Eier ist bei 
den Seeschildkröten sehr gross, bei den Arten von Cistudo und Emys 
jedoch habe ich deren nicht mehr als 6 — 8 bemerkt. Obgleich ich von 
mehreren eben erst gefangenen Schildkröten Eier erhielt, so konnte ich 
dieselben doch nie zum Auskriechen bringen, da ich wohl nicht die 
nöthige Sorgfalt darauf verwendet hatte. Jedoch scheint es auch schon 
Andern bedeutende Mühe verursacht zu haben. Denn ich entsinne mich 
erst kurz vor meiner Abreise von New-York eine Bekanntmachung aus 
Paris gelesen zu haben, dass mittelst des künstlichen Ausbrütungs - Ap- 
parates die Eier der mährischen Schildkröte, Zmys paludosa, auszubrüten 
gelungen sei, die Ausbrütezeit hatte aber die der Vogeleier bei weitem 
überstiegen. Länger in der Gefangenschaft lebende Thiere legen unbe- 
fruchtete Eier, wie man ja auch bei den Vögeln dies findet. 

Nach Angabe einiger ältern Naturforscher sollen viele Schildkröten 
ihre Eier selbst ausbrüten. Auch unser Freund Hr. Straube erzählte 
mir, dass er in Griechenland Testudo graeca oft halb in der Erde ver- 
graben, ihre Eier ausbrütend, gefunden habe. Dies ist aber wahrscheinlich 
ein Irrthum und die Thiere sind zufällig während des Legens angetroffen 
worden. Das Ausbrüten durch die Mutter selbst ist nicht möglich, da 
sie bei Weitem nicht die dazu nöthige Wärme besitzt und nur durch 
das Daraufsitzen die erwärmenden Sonnenstrahlen abhalten würde, Das 


85 


Weibchen überlässt vielmehr, nachdem es die Eier bedeckt hat, dieselben 
ihrem Schicksale; denn obgleich erzählt wird, dass zur Zeit des Aus- 
kriechens die Weibchen zurückkehren, die auf den Eiern liegende Erde 
wegkratzen, und so den Jungen das Auskriechen erleichtern, so halte 
ich dieses dennoch für eine Fabel, denn ich habe ganz im Gegentheil 
gefunden, dass sich die Jungen mit Leichtigkeit aus der dünnen Sand- 
oder Erdschicht selbst herausarbeiten. 

Die Zeit, welche zum Ausbrüten erforderlich ist, scheint eine ziem- 
lich lange zu sein, denn während ich im Anfang Juni Eier fand, traf 
ich die Jungen immer erst im August oder September. 

Die Schaalen der eben ausgekrochenen Jungen sind weich, was Sie 
auch bei den vorliegenden Exemplaren noch sehen können, und sie ver- 
härten erst nach längerer Zeit. Die Farbe ist anfänglich schon von 
der der Alten wenig verschieden, dagegen die Gestalt etwas breiter und 
flacher. Sobald sie ausgekrochen, suchen sie auch zugleich die Plätze 
auf wo die Alten leben. Ich fand einmal eine ganz kleine Emys punectata 
auf der Landstrasse einige hundert Schritte vom Wasser entfernt, wie sie 
mit weit vorgestrecktem Halse stolz einherschritt und ganz richtig auch 
den Weg nach dem Wasser einschlug. In der Jugend wachsen sie ziemlich 
rasch, desto langsamer aber nach dem zweiten Jahre. Dass dieselben 
ein hohes Alter erreichen und selbst schon in der Gefangenschaft 150 Jahre 
alt geworden sind, ist bekannt, doch ist anzunehmen, dass sie in der 
Freiheit ein noch weit höheres Alter erreichen. 

Ihre Nahrung ist mannigfaltig und sie scheinen keine Kostverächter 
zu sein. Kleinere Säugethiere, Vögel, Reptilien, Fische, wirbellose Thiere 
und Vegetabilien, alles steht ihnen an; auch scheint es weniger von 
ihrem Geschmack, als mehr davon abhängig zu sein, was ihnen ihre 
Kraft zu erhaschen erlaubt. In der Gefangenschaft nehmen sie mit allem 
vorlieb, Kartoffeln, Brod, Fleisch, kegenwürmer, doch habe ich bemerkt, 
dass die Arten Cistudo, Emys und Chelydra, welche ich längere Zeit 
hatte, wenn sie es erhalten konnten, Fleisch vorzogen, welches sie dann 
am liebsten frassen, wenn ich es in lange schmale Streifen geschnitten hatte. 

Beim herannahenden Winter graben sie sich ziemlich tief in die 
Erde, besonders habe ich bei den Süsswasserschildkröten bemerkt, dass 
sie grosse Gänge graben und oft die ganzen Ufer unterminiren, ich 
habe einst nachgegraben und erst in einer Tiefe von zwei Ellen einige 
Emys pieta gefunden. Darum sind auch diese Winterlager leicht zu 
finden, denn es sieht aus als ob eine Heerde Schweine an solchen Stellen 
gewühlt hätten; denjenigen Arten, welche gegessen werden, wird auch 
zu dieser Zeit sehr nachgestellt, da sie dann am leichtesten in ‚grossen 
Mengen zu bekommen sind. Ich habe einmal im Spätherbst auf dem 
Markte in Philadelphia mehrere Wagenladungen von Cistudo Carolina 
angetroffen. 

Noch muss ich "hier ihrer Vorliebe für Musik Erwähnung thun; 


86 


eben erst gefangene Schildkröten, welche sich ganz in ihr Schild zurück- 
gezogen hatten, wurden munter und steckten den Kopf heraus, sobald 
gepfiffen wurde. In der Kiste, worin ich sie hatte, war ein Bassin mit 
Wasser und darin lagen die Wasserschildkröten gewöhnlich, sobald aber 
gepfiffen oder Flöte geblasen wurde, kamen sie sachte heraus, um mit 
weit vorgestrecktem Kopfe zuzuhorchen. Auch die Landschildkröten 
kamen aus den entlegensten Winkeln herzu. Dem leisen Pfeifen und 
dem Flötenspiele schienen sie vor allen andern Tönen von Instrumenten 
den Vorzug zu geben. Sobald die Musik aufhörte, kehrten sie auch 
nach ihren Lieblingsplätzen wieder zurück. 

Nun will ich mir zu den vorliegenden Species noch einige Bemerk- 
ungen erlauben: 

Emys guttata (Testudo) Schneider, und Emys pieta Schneider. Diese 
zwei Arten Süsswasserschildkröten sind die gemeinsten durch den ganzen 
Nord-Osten der Vereinigten Staaten, man findet dieselben in klaren 
stehenden Gewässern und Bächen, in Sümpfe und Pfützen gehen sie 
aber wohl nur dann, wenn an frischem Wässer gänzlich Mangel ist, 
welcher Fall bei anhaltender Hitze oftmals eintritt. Die Nahrung dieser 
Arten ist die schon oben erwähnte, ob auch sie kleinere Sängethiere 
und Vögel anfallen, kann ich nicht behaupten, da ich es nie gesehen, 
jedoch ist es von den 'grössern Arten wohl zu erwarten. 

Emys insculpta Leconte.e Diese Wasserschildkröte scheint grosse 
Wanderungen vorzunehmen, sie ist nach den Beobchtungen anderer 
Autoren oft weit entfernt vom Wasser in Wald und Wiese aufgefunden 
worden; auch ihr gemeiner Name bezieht sich auf diese Eigenheit, da 
sie Wood-tortoise, Waldschildkröte, genannt wird. Ich habe dieses auch 
am vorliegenden Exemplare, welches ich über ein Jahr lebend hatte, 
bemerkt, denn während pict« und guitata sich die meiste Zeit im Wasser 
befanden, so verbargen diese sich meistens unter Moos. Diese Species 
ist dieselbe, welche vom Prof. Say in seinem Catalog irrthümlich als 
die Testudo scabra Lin aufgezählt wurde, welche in den Vereinigten 
Staaten nicht vorkommt. 

Emys terrapin (Tesiudo) Schöpf = Emys centrata Oken weicht so- 
wohl durch ihre Lebensweise, als auch durch die grossen Schwimm. 
häute an den Füssen von den übrigen Zmys ab und könnte wohl eine 
eigne Gattung bilden, dieselbe kommt nämlich sowohl in, als am Ausfluss 
srösserer Flüsse vor, im Hudson, Delaware sowohl, als auch in den 
halbsüssen Gewässern zwischen New-York und Longisland, New-Jersey 
und Staten Island wird sie gefangen und wird, da sie gern gegessen 
wird, oft auf die Märkte von New-York und Philadelphia gebracht, wo 
sie zu guten Preisen verkauft wird. 

Chelydra serpentina (Testudo) Linn. oder wie sie in Amerika allgemein 
genannt wird: Snapping turtle, schnappende Schildkröte, darum, weil sie 
nach allem, was ihr in den Weg kommt, beisst. Um Missverständnissen 


87 


vorzubeugen, muss ich bemerken, dass sie nur in stark bevölkerten 
Gegenden so schüchtern ist, nicht aber im Süden, wo sie zu tausenden 
vorkommt und leicht zu fangen ist. Sie wird ziemlich gross, ist schon 
doppelt so gross, als vorliegende, gefangen worden und wiegt dann 
15— 20 Pfund. Sie hält sich in Sümpfen und überhaupt im tiefen Schlamm 
auf, verschmäht selbst die stinkendsten Pfützen nicht und scheint über- 
haupt das Licht zu fliehen, denn sie kommt meistens nur des Nachts 
zum Vorschein. Obgleich sie keineswegs selten, so ist sie doch nicht 
leicht zu bekommen, wenn man nicht hin und wieder eine auf ihren zahl- 
reichen Exceursionen zu Lande fängt, wo sie langsam und gelassen ein- 
herschreitet. Sie ist sehr gefrässig, und da sie ziemlich stark ist, so 
kann sie manches andere Thier, was ihre Geschlechtsverwandten in Ruhe 
lassen müssen, angreifen und überwältigen. Man hört sehr häufig Klagen 
der Farmer über den von ihr ausgeübten Raub, den sie an jungen 
Hühnern und Enten begangen, ja selbst alte Enten greift sie an, zieht 
sie bei den Beinen in das Wasser und ertränkt sie, worauf sie dieselbe 
dann nach Bequemlichkeit verzehrt. Das hier vorliegende Exemplar 
ist bei einem solchen Raubanfalle auf eine Ente gefangen worden, nämlich 
ein Freund von mir hörte eine seiner Enten sehr schreien, lief 
hinzu und sah wie eben eine Ente, trotz ihres heftigen Sträubens und 
Schlagens mit den Flügeln, halb unter das Wasser gezogen war. Er 
zog sie heraus und zu seinem Erstaunen war eine dieser Schildkröten 
daran, und so stark verbissen, dass sie sich ruhig mit herausziehen liess. 
Dieser Verbissenheit hat sie es auch zu danken, dass sie heute die Ehre 
hat, vor Ihnen zu erscheinen. Während das Auge der übrigen Schild- 
kröten eine gewisse dumme Gutmüthigkeit ausdrückt, so leuchtet dieser 
die Tücke und Bosheit, so zu sagen, aus den Augen heraus, und es 
sind gewiss Viele, die, wenn sie dieser Art zum erstenmale begegneten, 
vor ihr ausweichen würden. Obgleich nun wohl dies Ansehn an der 
ganzen Gestalt des Thieres liegt, so hat doch der lange Kopf und Schwanz 
etwas widerwärtig Schreckhaftes und ich möchte wissen, was Jene bei 
ihrem Anblick im Leben sagen würden, welche sich schon vor einem 
Salamander oder vor einer Eidechse fürchten. Dort gilt sie auch bei 
den Unwissendern für giftig. Was mich wunderte, war, dass vorliegen- 
des Exemplar während eines vollen Jahres, da ich es lebend hatte. 
nichts frass, ich bot ihm alles Mögliche an, jedoch vergebens, im An- 
fange biss sie hinein, später jedoch biss sie mich in die Hände, da sie 
es zu wissen schien, dass sie dadurch Schmerz verursachen und an mir 
sich rächen könnte. Ich hing ihr oft einen Streifen Fleisch über die 
Nase und sie spazirte damit in der Stube heruwn; sogar das Fleisch 
in den Mund stecken half nichts. Besondere Vorliebe schien sie für den 
Ofen und den Aschenkasten zu haben. Bei Eintritt des Winters ver- 
kroch sie sich in einen dunkeln Winkel, wohin ich ihr ein paar alte 
Hader geworfen hatte, jedoch kam sie während des Winters einige 


88 


Mal hervor, um eine Excursion nach dem Ofen zu machen. Sie ist ge- 
wöhnlich sehr fett, was wohl von ihrer Gefrässigkeit kommt. Ihr Fleisch 
wird gern gegessen und daher auch diese Art auf den Märkten gut 
bezahlt. 

Cinosternum Pensylvanicum Edwards. Diese Art ist mir nur selten 
vorgekommen, jedoch ist es möglich, dass dieselbe in den südlichen 
Staaten häufiger auftritt. Das hier vorliegende Exemplar habe ich 
11 Jahr lebend erhalten; in ihrer Lebensweise kommt sie fast ganz 
mit Emys überein, hält ‚sich jedoch mehr im Sumpfe auf und über- 
haupt seltener im Wasser. Sie war sehr gefrässig und nahm mir das 
Fleisch aus der Hand, da sie sehr zahm und so fett geworden war, dass 
sie die Klappen an dem Sternum nicht mehr schliessen konnte, weil 
das Fleisch überall herausquoll. Bei Eintritt des Winters verkroch sie 
sich unter Moos und kam erst im März wieder zum Vorschein. 

Ein sehr ähnliches Thier ist: 

Sternothaerus odoratus Harlan. 'The stinking tourtle oder stink-pot, 
stinkende Schildkröte, dieselbe sieht von oben Cinosternum pensylva- 
nieum ganz ähnlich, unterscheidet sich jedoch leicht durch das auf der 
hintern Hälfte bedeutend verschmälerte Bauchschild. Sie hält sich 
meistens in tiefen schlammigen Gräben und Teichen auf, und ist gewöhn- 
lich mit einer dicken Kruste Schlamm und Wurzeln bedeckt, so dass ihre 
eigentliche Gestalt nicht zu erkennen ist, und sie wie behaart aussieht, 
wodurch sie einen nicht besonders angenehmen Geruch verbreitet, daher 
der Name. Ein Freund von mir angelte einst zwei Stück bei Patterson 
im Staate New-Jersey, er musste sehr stark ziehen und glaubte schon 
irgend einen grossen Fisch an der Angel zu haben, war aber nicht wenig 
erstaunt, als er Schildkröten gefangen. Zu meinem Bedauern wollte er 
keine abgeben, und ich selbst habe nie eine gefangen, daher es mir 
nicht möglich ist Ihnen einen Vertreter dieser Gattung und Art vorlegen 
zu können. 

Sphargis coriacea (Testudo) Lin. Die lederartige Seeschildkröte. 
Ihr eigentliches Vaterland ist wohl das mittelländische Meer und der 
atlantische Ocean, doch wird sie auch hin und wieder an Küsten von New- 
York und Massachusetts gefangen, sie ist jedoch immer eine ziemliche 
Seltenheit. 

Trionyx ferox  Schöpf. Die beissende oder weichschalige Fluss- 
schildkröte, ist unter den dort vorkommenden Flussschildkröten die grösste, 
da sie oft bis 40 Pfund schwer wird. Sie kommt in ziemlicher Zahl 
in allen grössern oder kleinern Flüssen südlich von New-York vor, soll 
jedoch einzeln auch im Staate New-York gefangen worden sein. Vor- 
liegendes Exemplar ist aus dem Ohio, wo sie ziemlich häufig vorkommt. 
Sie verbirgt sich unter Wurzeln und Wasserpflanzen, und da sie die 
Eigenschaft hat, ihren Hals sehr verlängern zu können, so kömmt sie 
blitzschnell mit ihrem Kopfe hervor, um sorglos herumschwimmende 


89 
Wasservögel oder Fische zu drsehiiapipen Ihr Fleisch ist fett und re 
schmeckend und wird deshalb sehr gern gegessen. 

' Die jungen Fxemplare dieser Schildkröte sind von 7hunberg irr- 
thümlich als eigne Art, unter dem Namen Tesiuda rostrata beschrieben 
worden. 

Das Genus (istudo, die Dosenschildkröten, sind von mehrern Schrift- 
stellern mit Unrecht zu den Süsswasserschildkröten gerechnet worden. 
Sie sind unbedingt ächte Landschildkröten, ich hatte häufig Gelegenheit 
dieselben sowohl in der Freiheit, als auch in der Gefangenschaft zu 
beobachten und habe sie nie im Wasser gefunden, sondern im Gegen- 
theil, ins Wasser hineingesetzt, zeigten sie einen grossen Widerwillen 
dagegen, und verliessen es so schnell als möglich. 

Cistudo Carolina Edwards, früher Testudo clausa, Schöpf, welche in 
den Staaten New-York, Pensylvanien, Massachusetts und üherhaupt wohl 
durch die ganze Union verbreitet ist, wo man sie in den Wäldern und 
Wiesen vorfindet, doch scheint sie wohl Wälder mit Laubholz vorzu- 
ziehen. Oft ist sie halb in die Erde oder Moos vergraben, worin sie 
wahrscheinlich beschäftigt ist Würmer und Insekten zu suchen, da diese 
ihre Lieblingsnahrung zu sein scheinen. Auch in alten faulen Baum- 
stumpfen findet man sie, ich fing einmal eine in einem solchen Baum- 
stumpfe, ich hörte schon von Weitem ein Geräusch in demselben und 
als ich nachsah, fand ich eine Cistudo Carolina, welche ganz von Passalus 
cornutus umgeben war und ihr Frühstück von und unter ihnen hielt. Wenn 
sie entdeckt ist, zieht sie Kopf und Beine ein und schliesst die Klappen 
fest an, wo sie vor gewöhnlichen Raubthieren völlig geschützt ist, nicht 
aber gegen das grösste von allen, dem Menschen, dieser weiss sie schon 
herauszubekommen. In der Gesellschaft von Menschen verliert sie ihre 
ursprüngliche Schüchternheit sehr bald und wird so zahm, dass sie aus 
der Hand frisst. Ich hatte oft einige in der Stube und dieselben liessen 
sich, da sie alles frassen, sehr gut halten. Die 

Cistudo Blandingii Holbrook, welche derselbe in seiner: American 
Ferpetology. vol. III. pag. 35 beschreibt und abbildet, und als deren 
Vaterland er die Prairien von Illmois und den Staat Visconsin nennt, 
kommt nach Angabe des Dr. Storer (siehe dessen Report on the Reptiles 
of Massachusetts pag. 215) auch in Massachusetts vor, wo ein Exemplar 
bei Haverhill gefangen worden, ich glaube jedoch, dass sie auch noch 
in dem Distriete zwischen Illinois und Massachusetts aufgefunden werden 
dürfte. Ich habe dieses seltene Thier in Natura nie gesehen, sondern 
kenne es nur aus Beschreibung und Abbildung Holbrook’s. Sie unter- 
scheidet sich ohngefähr durch folgendes von C. Carolina: Das Rücken- 
schild ist im Verhältniss zur Breite etwas länger, als bei letzterer, die 
Grundfarbe ist schwarz, jede einzelne Platte dicht mit runden und läng- 
lichen hellgelben Flecken bedeckt. Auch unterscheidet sie sich leicht 
durch ‘die Form der einzelnen Platten von Carolina, bei welcher die vier 


90 


Mittelplatten des Rückenschildes sechseckig, die fünfte aber fünfeckig 
ist, während bei Blandingii die vier siebeneckig, die fünfte achteckig ist. 

Diese 11 Arteg sind sonach bis jetzt alles, was von Schildkröten in 
dem oben erwähnten nordöstlichen Theil der Vereinigten Staaten bekannt 
ist, bei einer gründlichen Durchsuchung besonders der Staaten New-York 
und Pensylvanien dürfte wohl noch manche bis jetzt nur in den süd- 
lichen und westlichen Theilen der Vereinigten Staaten aufgefundene Art 
entdeckt werden können. 


Niacesh Sehhtr 17 P4 


von 
Dr. Ludwig Reichenbach, 


Director am K. naturhistorischen Museum in Dresden. 


Nachdem zwei sorgfältige Beobachter unsrer /sös aus Amerika zurück- 
gekehrt und ihre treuen Berichte mitgetheilt haben, beginnen wir auf 
den vorstehenden Seiten die Wiedergabe des ersten derselben und ich 
füge noch einige Worte zuerst über Synonymik hinzu und zeige die 
Abbildungen an, um die Arten nachsehen zu können. 

Emys guttata Schweigg. Fitzinger: Neue Classif. der Reptilien, pag. 45. 
Gray, Dumeril und Bibron ist die Testudo anonyma Schneid., guttata 
Schneid. Shaw. T. punctata Schöpff. Latr. Daudin. Leconte. Harlan. 
Emys punctata Merr. Say. Clemys punctata Wagl. — Abb. Schöpff.t. v. 
Shaw II. pl. X. f. I. Daud. U. pl. XXI. Holbrooke pl. XI. — Schneider 
hatte sein Exemplar vom Baron von Bloch aus Dresden erhalten. 

Sie erreicht 412“ engl. bei 3“ Breite, Sternum 4“, Höhe 1” 8%. 
Holbrooke sagt sie sei furchtsam und sanft und: leicht zähmbar. Sie 
lebt in Sümpfen, Teichen und Flüssen, frisst vorzüglich Kaulpadden 
und junge Frösche. Sie steigt oft an das Land und fängt da Erd- 
würmer, Grillen und Heuschrecken. Leconte sagt sie seien über die 
ganzen vereinigten Staaten verbreitet. Holbrooke beobachtete sie von der 
Atlantischen Küste vom 43° bis Florida, niemals sah er ein Exemplar 
aus den West- oder Südwest-Staaten. Die kleinen rundlichen über den 
Kopf und das ganze Rückenschild sehr vereinzelten orangengelben 
Flecken machen sie leicht kenntlich. 

Emys picta Merr. Schwgg. Say. Fitz. Gray. Harl. Dum. et Bibr. Testudo 
pieta, Schneid. Gen. Schoepf. Latr. Shaw Daud. Lec. Clemys pieta Wagl. 
T. einerea Schoepf. — Abbild. Schoepf. t. IV. Shaw. IU. pl. X: f. 2. 
Holbrooke pl. X. 

Von dieser schönen Art hatten wir hier vor zwei Jahren drei Exem- 
plare lebendig, ihre Schale ist ganzrundig, fast oval, ziemlich niederge- 
driickt und glatt, Rickplatten schwarz , fahl gesäumt, Randplatte schön 


9 

roth und schwarz gezeichnet, der schwarze Kopf gelb gefleckt und 
die Kehle schwarz und gelb liniirt. Länge 6% bis 7“, Breite Ale“, 
Sternum 6, Höhe 21/,“. In Gräben und Teichen, häufig in Flüssen. 
Sie sonnt sich gern den ganzen Tag über am Ufer oder auf gefallenen 
Baumstämmen und Holzscheiten. Sehr furchtsam entflieht sie schnell. 
Nahrung, wie bei voriger Art, unsere lebendigen nahmen auch Salat 
und Semmel imWasser. Ueber die Vereinigten Staaten soweit als irgend eine 
verbreitet, von den Atlantischen Küsten, von Maine bis Georgien, süd- 
licher ist sie nicht nachgewiesen, dagegen in den nordwestlichen Thei- 
len. Dr. Pickering versichert, dass Mr. W. Cooper sie zu Sante de St. Maria 
gefunden, dem Ablauf des Lake Superior. 


Emys insculpta Harlan. Testudo insculpta Lec. Emys scabra Say. Harl. 
E. pulchella Schweigg. Dum. Bibr. E. speciosa Gray. — Abbildung: 
Holbrooke pl. XI. 

Schale oval, etwas gekielt, hinten ausgekerbt, röthlichbraun, Schilder 
mit strahligen gelben etwas gebogenen Punktstreifen, Sternum vorn ganz, 
hinten ausgekerbt, alle Platten vertieft-concentrisch gestreift. Vorderrand 
des Oberkiefers dreizähnig. Unterseite schwefelgelb, jedes Schild an 
der untern Randecke mit grossen schwarzen Flecken. Länge 8“, Breite 
5“, Höhe 23/4, Sternum 7” 5“, Schwanz 2°/4”. Lebt in Sümpfen und 
Flüssen, verlässt aber das Wasser mehr als andere Wasserschildkröten 
bisweilen Monate lang, ohne Nachtheil an trockenen Orten verlebend. 
Denn im Wasser wird sie, nach Haldemans Beobachtung, von einem 
Schmarotzerthiere, der Clepsine scabra, gequält. Die Exemplare, welche 
Holbrooke von New-Jersey erhielt, waren sehr lebhaft und bewegten sich 
so schnell auf dem Lande wie im Wasser. Beständig in Bewegung 
zeigten sie sich auch immer geneigt ihre Mitgenossen Emys serrata 
und Zmys terrapin zu attakiren. Atlantische Küstenländer, von Maine 
bis Pensylvania. Das grösste Exemplar, welches Holbrooke sah, war 
aus erster Gegend und befindet sich im Boston Lyceum. 


/mys terrapin Holebr. Testudo terrapin Schoepff. T. centrata Zatr. Daud. 
Emys centrata Merr. Schweigg. Say. Fitz. Harl. T. concentrica Shaw. 
Emys concentrica Gray. Dum. et Bibron. T. palustris Leconte. Ter- 
rapene lutaria (Schweigg. nec Linn.) Bonap. — Abbild. Schoepjf t. 15. 
Shaw Il. pl. IX. f. I. Holbrooke pl. XL. 


Schaale oval, über dem Genick etwas ausgebuchtet, hinten ein 
wenig ausgekerbt, gedrückt, sehr stumpf gekielt; dunkelolivengrün oder 
dunkelbraun, mit schwarzer concentrischer Zeichnung, Brustschild fahl, 
Schwanz unregelmässig geschmitzt. Kinnladen fast fleischfarbig, Kopf und 
Körper russgrau, unten weisslich überall schwarzspritzfleckig. Länge 71%“, 
Sternum 7“ 2’, Höhe 2” 10. In Salzwasser, wo sie auch überwintert, 
es überhaupt nicht in die Ferne verlässt. Furchtsam, leicht aufzuregen, 


92 
wo sie sich sogleich verkriecht. Schwimmt reissend schnell und bewegt 
sich auch schnell auf dem Lande. Häufig von Rhode Island, wo sie 
von Dr. Mauran beobachtet wurde, bis nach Florida, auch an der Nord: 
küste des Golf von Mejiko. Dr. Zinney sahe sie zu New-Orleans. Sie 
scheint die einzige Emys des Salzwassers zu sein, und so wird sie von 
einer Insel zur andern getrieben, so dass sie Nord- und Südamerika 
gleichmässig zukömmt. Um Charleston ist sie sehr häufig, so dass man 
sie daselbst im Frühling und zeitigen Sommer in Menge zu Markte bringt. 


Chelydra serpentina Schweigger, Fitz. Wagl. Gray. Testudo serpentina 
Linn. Gm. Lacepede. Shaw. Latr. Daud. Leconte. T. serrata Penn. Che- 
lonura serpentina Flemming, Say, Harl. Bonap. Holbrook. Emys ser- 
pentina Merr. Emysaurus serpentinus Dumeril et Bibron. Rapara 
Gray. Saurochelys Zatr. — Abbild. Schoepf t. VI. Shaw IM. pl. XIX. 
Daudin t. XX. f. 2. Schinz t. 2.) Holbrook pl. XXI: 

Kopf gross, beide Kinnladen hakenspitzig, zwei Warzen unter dem 
Kinn, Brustbein klein, kreuzförmig, unbeweglich, aus zwölf Platten; 
drei Supplementplatten ; Schwanz sehr lang, auf seinem Rücken mit hoch- 
gekielten Knochenschildern ; Vorderfüsse mit fünf, Hinterfüsse mit vier 
Klauen. Schale fast vierseitig oval, gedrückt etwas dreikielig, vorn 
ganzrundig, hinten siebenzackig. Dunkelbraun, unten weisslich. Kopf 
31/2“, Hals 31/2“, dessen Umfang 7Y2‘, Schild 9, Breite 8“, Höhe 31/4", 
Sternum 7”, Schwanz 61/2’, Schaale bis zum After 2”, ganze Länge 241r". 
Dr. Pickering traf ein Exemplar bei Salem in Massachusetts, welches 
über vier Fuss lang war. Gefangen verbreitet sie einen Moschusgeruch, 
welcher bei alten Thieren so bedeutend ist, dass er unerträglich wird. 
Ihre Sitten sind ganz die des Alligators und wer bei dem Anblick dieses 
Thieres nicht augenblicklich die Repräsentation der Crocodile unter den 
Schildkröten wieder erkennt, der muss verzweifeln für natürliche Syste- 
matik irgend jemals einigen Takt erlangen zu können. 


Kinosternon pensylvanicum Bell, Gray. Bonop. Testudo lutaria pensylva- 
nica Edwards. T. pensylvanica @m. Schoepff. Latr. Daud. Shaw. Le- 
conte. Terrapene pensylvanica Merr. Emys pensylvanica Schweigg. 
Harl. Cistuda pensylvanica Say. Cinosternon pensylvanicum Wagl, 
Dum. Bibron. — Abbild. Schoepfft. XXIV. A. Shaw IM. pl. XIV. f£. 2. 
Schinz. t. 6. 

Kopf fast dreiseitig, pyramidal, mit einfacher Platte, Kiefern hakig, 
von oben und unten gesehen spitz zulaufend, zwei paar Kehlwarzen: 
Randplatten 23; Sternum eilfplattig, fast dreitheilig, Vorder- Mittel- und 
Hintertheil beweglich, Mittelfeld fest, Supplementplatten sehr gross, Schwanz 


*) Obwohl die Werke von Schinz nur Copien enthalten, eitire ich doch die bei ihm 
vorkömmtenden Abbildungen mit. da sie sich in den meisten Händen befinden. 


93 


lang. — Schild oval, glatt, kiellos, Wirbelplatten gedrückt, fast ziegel- 
ständig, Rückenschild dunkelbraun, Aussenrand und Unterseite fahlgelb, 
Hals und Extremitäten aussenseits weiss, Pfoten schwarzgrau, Schild 312“, 
Breite 2” 10‘, Höhe 13/a”, Sternum 2“ 2“. Frisst kleine Fische und 
andere Wasserthiere, beunruhigt die Angler sehr, den sie den Köder 
- abbeisst. Lebendig hat sie einen leichten und nicht unangenehmen 
Moschusgeruch. In den atlantischen Staaten von Cap Florida bis 40 0 
Breite häufig im Westen. 7roost fand sie in Tennessee und Kentucky 
und Say hoch am Missouri. 


Sternothaerus odoratus Bell. Holbr. Testudo odorata Bosc. Latr. Daud. Le- 
conte. Terrapene odorata et Boscii Merr. Cistuda odorata Say. Emys 
odorata Schweigg. Harl. Kinosternon odoratum Gray. Bonap. Tab. 
aual. Staurotypus odoratus Dum. et Bibron. — Abbild. Daudin IL. t. 
XXIV. f. 4.5. Holbrook pl. XXI. 

Kopf fast vierseitig pyramidal, vorn mit einfacher Platte; ein paar 
Kehlwarzen, Randplatten 23, Sternum kreuzförmig eilfplattig, zweiklappig, 
Vorderklappe allein beweglich, Supplementplatten zusammenhängend mit 
der Brustbeinrippen-Nath, Vorderfüsse mit 5, Hinterfüsse mit 4 Klauen. 
— Schnautze von oben und unten gesehen, zugespitzt, Schild oval, 
sanzrandig, seicht gekielt, Sternum vorn gerundet, hinten ausgekerbt. 
Schwarz oder russfarbig, braun gewölbt, bisweilen lichtbraun strahlstreifig, 
Unterseite gelbgrau, Schilder ockergelb gesäumt, Hals, Leib und Glied- 
nassen unterseits weisslich, Zehen schwarzgrau. Schild 31/2”, Breite 2 
4”, Höhe 1/2”, Sternum 2” 7’. Häufig in den Gräben der Reisfelder 
in Carolina, wo sie kleine Fische oder kleine Reptilien und Kaulpadden 
frisst. Sie ist kühner als Aönosternon und beisst sehr ernstlich, wenn sie 
böss gemacht wird. Auch sie verbreitet einen starken und unangeneh- 
men Moschusgeruch. Sie geht nördlich bis Maine - Staat, ist häufig in 
Mittel-Florida und Alabama und längs des westlichen Saumes der Alle- 
ghanys, sogar bis zum Cumberland River in Tennesee, wahrscheinlich in 
allen westlichen Staaten. 


Trionyx ferox Schweigg. Merr. Say. Gray. Harl. Testudo ferox Schneid. Gm. 
Schoepff. Latr. Shaw. Leconte. Testudo verrucosa Bartrami Schoepf. 
T. Bartrami Daud. Trionyx Georgicus et Tr. Bartrami Geofr. Tr. spi- 
niferus Zesueur. Aspedonectes ferox Wagl. Gymnopus spiniferus 
Dum. et Bibron. Platypeltis ferox Fitz. Amyda (Platypeltis) ferox Bonap. 
Abbild. bereits die Soft-shelled Turtle Penn. Phil. Trans. 1771, pl. 
X. f£. 1-3. Schoepff. f. XIX. Scham. II. pl. XVI.f. 1. Zesueur Mem. 
d. Mus. XV..pl. VL £. a..b. Dum..Bidr. pl. XXI f. 1.,.Schinz % 9. 

Kiefern seitlich mit dicken Lippen, Schnauze rüsselartig verlängert, 

Schild nur im Mittelfelde knochig, von dessen Seiten die Rippenhöcker aus- 

gehen, zwischen den die Ränder biegsam knorpelig, Vorderfüsse mit 5Zehen, 

die 3 vorderen mit Nägeln, Hinterfüsse ebenso. Hals lang streckbar, Schild 


94 


nächst und am Vorderrande spitzzackig, nächst dem Hinterrande höck- 
rigwarzig; oben umbrabraun, unregelmässig dunkel gefleckt. Bauch. 
seite schön weiss mit feinen blutrothen Gefässen. Am Kopfe jederseits 
ein gelber Streif, verläuft von der Nase durch das Auge am Halse her- 
ab, ein zweiter nächst dem Kieferrande. Schild 16”, Breite 12”, Brust- 
bein 1012“, Kopf 212‘, Breite 2”. Höhe des Thieres 3”. Bisweilen weit 
grösser. In den mehr südlich gelegenen Staaten frisst sie die jungen 
Alligators in grosser Menge weg und die Alten fressen, um ihre Brut 
zu rächen, sie wieder. Oft erscheint sie zahlreich an Felsen am Woas- 
ser und scheint da in der Sonne zu schlafen, wo sie, wie Dr. Geddings 
versichert, leicht gefangen wird, wenn man sie mit Netzen umstellt. 
Wenn sie beisst, so schiesst sie den Kopf und den langen Hals schlan 
genartig vorwärts, springt wohl auch empor und zischt dabei. Im Mai 
suchen die Weibchen sandige Plätze längs der Ufer an den Wässern, 
die sie bewohnen und legen an 60 Eier. Obwohl sie sich am Lande 
sonst schwerfällig bewegen, so ersteigen sie doch in dieser Zeit auch 
Hügel von mehren Fuss Höhe. Nach dem Legen begiebt sich das 
Weibchen wieder in das Wasser und überlässt das Ausbrüten der Jungen 
der Sonne. Die Eier beobachtete Zesueur, sie sind kuglich und mehr 
zerbrechlich, als die der Emys Arten, welche dasselbe Wasser bewohnen. 
Unter allen Schildkröten hat diese das delikateste Fleisch, welches noclı 
das der grünen Schildkröte übertrifft. Sie bewohnt die Savannah, so- 
wie alle Flüsse, welche in die Nordküste des Golf von Mejiko aus- 
münden, steigt heran bis zur Breite des Mississippi, findet sich in allen 
Nebenflüssen desselben, selbzi am Fusse der Rocky Mountains. Häufig 
ist sie in der Kette der grossen nördlichen Landseen über und unter 
dem Niagarafall, gemein im Mohawk, einem Nebenflusse des Hudson, 
aber noch nicht bemerkt in irgend einem andern atlantischen Strome 
zwischen diesem und dem Savannahfluss, einer Entfernung von acht- 
hundert Meilen. Ein Blick auf die Charte zeigt, dass sie ohne Zweifel 
ursprünglich eine westliche Art ist und niemals zu Lande wandernd, 
konnte sie zu Wasser vom Great Valley des Mississippi zu den nörd- 
lichen Landseen, zum Mohawk und selbst zum Hudson river gelangen. 
Dr. Garden war der erste Entdecker dieser Art und theilte sie Pennanı 
mit, durch den sie bekannt wurde. 


Sphargis coriacea Dumeril et Bibron. Storer. Testudo coriacea Lin. Gm. 
Latr. Shaw. Daudin. Sphargis mercurialis MWerr. Dermochelys (Blainv.) 
atlantica Zesueur. D. porcata Wagl. Coriudo Flemming. Seytina Wagl. 
— Abbild. Holebrooke. U. pl. VI. 

Schild fast herzförmig, hinterwärts zugespitzt, nur lederartig, mit fünf 
Längsleisten, jung höckerig, im Alter glatt, Gliedmaassen flossenartig, hinten 
gestutzt, ohne Nägel. — Kopf gross, kurz und dick, Kiefern hoch, obere vorn 
tiefgezähnt, untere hackig eingebogen. Oberseite dunkelbraun, Unterseite 


95 

weisslich. Dr. Hallowe! in Philadelphia mass ein in der Cheasapeake 
Bay 1840 gefangenes Exemplar: Kopf 12‘, Höhe am Mundwinkel 712”, 
Stirnbreite zwischen den Augenhöhlen 5, grösste Breite des Hinter- 
hauptes 12”, Schild 4’ 11”, breit 3‘ 8“, Höhe 191/2“, Vorderbein 3° 
51“, Hinterbein 1° 11“, Schwanz 13” Ganze Länge 7° 8“. Die 
: grösste Meerschildkröte, welche bisweilen 1200 Pfund und darüber 
schwer wird. Selbst Zolbrooke hat das seltene Thier nicht lebendig ge- 
sehen. Sie bewohnt den atlantischen Ocean. 


Cistudo clausa Bonaparte. Testudo clausa Z. Gm. Schoepff. Latr. Daud. 
Shaw. Leconte. Terrapene clausa Merr. Emys clausa Schwgg. Wagl. 
Cistuda clausa Say Harlan. Testudo carolina Zinn. Gm. Latr. Daud. 
Terrapene carolina Zell. Cistuda carolina Gray. Dum. Bibron. Testudo vir- 
gulata Zatr. Daud. Emys virgulata Schmeigg. Emys Schneiderii Schweigg. 
Terrapene maculata et nebulosa. Zell. — Abbild. Zawardspl. 105., Bloch.a. 
a. O.t.1., Schoepjf. t. VII. Shaw. ILL. pl. 7. Schinz t. 6. Holbrooke pl. L. 

Schild hochgewölbt, stark, ganzrandig, Randplatten 25, Sternum oval, 
ınit 12 Platten durch Scharnier quer zweiklappig, beide Klappen in der- 
selben Achse beweglich, unter einander so wie mit dem Schilde durch 
ein elastisches Zellgewebe verbunden, Vorderbeine mit 5, Hinterbeine 
mit 4 Nägeln. — Kopf länglich, schmal, Oberkiefer vorn breithakig. 

Schild in der Farbe sehr veränderlich, unter hundert kaum zwei ganz 

gleich. Schwarzbraun oder fast schwarz, Zeichnung hochgelb, mannig- 

faltig gefleckt und geschnörkelt, fast strahlig. Unterseite gelb, die 

Quernäthe schwarz gewölkt, bisweilen nimmt das Schwarz mehr über- 

hand und überwiegt sogar das Gelb. Kopf und Beine aus braun mehr 

oder minder gelb, letztere mit gelben Schuppen. Schild 61“, breit 

41/2", Höhe 23/4”, Sternum 5” 10 — Sie wurde zuerst im Jahre 1751 

von Edwards als „Land tortoise from Carolina“ in seinen „Gleanings 

pl. 205“ abgebildet und beschrieben. Er erhielt sie lebendig und sah 
auch eine Dose in Silber gefasst, wie er vermuthete aus dieser Species 
gefertigt. Baron von Bloch in Dresden beschrieb sie zuerst in Deutsch- 
land in den Schriften der Berl. Naturf. VI. p. 131. mit Abb. Als 

Dosenschildkröte und unter derselben Bedeutung bildeten die Englän- 

der den Namen Box-tortoise und Bonaparte den Gattungsnamen „‚Cis- 

Iudo“ aus cista Dose, und Testudo Schildkröte durch eine Syneope. Die 

Amerikaner und Engländer nehmen es bekanntlich mit der Richtigkeit 

der alten Sprachen nicht so genau und haben sich gewöhnt Cistuda zu 

schreiben, welches Wort es nicht geben kann, da es unsinnig ist. Sie 
ist von einer Grenze der vereinigten Staaten bis zur andern verbreitet. 

Sie frisst Inseeten in den Wäldern, z. B. Heuschrecken und Pilze, Cla- 

varien. In der Gefangenschaft nimmt sie alles an, auch Semmel und 

Brod, Obst und Kartoffeln. Ich hielt sie mehrmals lebendig und habe 

mich gleichfalls überzeugt, dass die Gattung unter die Landschildkröten 


96 


gehört! In ein Bassin gesetzt, bestrebte sie sich, sich sogleich wieder 
vom nassen Elemente zu befreien, stieg heraus und begann auf dem 
Boden schneller zu laufen. Gegen den Winter grub sie sich in die 
Erde. An dem letzten Exemplare, welches ich vor zwei Jahren leben- 
dig besass, habe ich eine mir neue Beobachtung über Seelenleben und 
Affecte dieser Thiere gemacht. Das Exemplar war erwachsen und liet 
während der kühleren Jahreszeit in meiner Stube herum, wo ich noch 
ein ausgewachsenes Exemplar von Zestudo ygraeca herumlaufen liess, 
welches wenigstens noch zweimal so gross war, als jene Cistudo. Sie 
frassen hier gewöhnlich Blätter von Taraxacum, Crepis biennis oder 
Sallat. Während ich ruhig arbeitete hörte ich oftmals ein Klopfen, wie 
die Töne eines kleinen Hammers, ohne sogleich die Ursache entdecken 
zu können. Es wiederholte sich öfterer, und wurde dann auch, beson- 
ders wenn die Sonne in die Stube schien, vor meinen Augen geübt. 
Das Manövcr war höchst interessant, es bestand in einem feindlichen 
Angriffe der kleinen amerikanischen Cistudo auf die grosse Testudo graecu 
aus Algier. Ich bemerkte nämlich öfter, dass jene mit einer gewissen 
Wuth auf das grosse Thier losschritt, in dessen Nähe sich so aufstellte, 
dass sie auf die Mitte ihres Seitenrandes lossteuerte, hier angelangt 
den Kopf einzog, auf den Vorderbeinen sich emporhob und aus der 
Entfernung von etwa einem Zoll nunmehr in der Weise, wie die römi- 
schen Mauerbrecher, mit dem Vordertheile ihres Schildes auf den Mit- 
telpunkt des Seitenrandes jener losstiess und diese Stösse zehn- bis 
zwölfmal wiederholte. Dies interessante Schauspiel wiederholte sich nun 
alltäglich und viele meiner Freunde haben es mit angesehen, bis die 
kleine vielleicht mit vor Aerger über die Ertolglosigkeit ihrer Bemühungen 
starb. Von Testudo graeca kann ich versichern, dass einzelne Exem- 
plare bei mir sich im botanischen Garten eingruben und im Frühling, 
als dieSyngenesisten ausgetrieben hatten, wieder hervorkamen, um sieh 
von deren Blättern zu nähren. Sie wanderten weit im Garten umher. 
aber gewöhnlich immer auf derselben Bahn und fanden sich auch meist 
immer wieder, sobald die Sonne nieht schien oder es kühler wurde, 
unter einer und derselben breitblättrigen Pflanze versteckt. Auch in 
der Stube nahmen sie täglich denselben Weg und eine hielt ihren Posten 
auf einer Thürschwelle, wohin sie gewöhnlich wieder zurückging, wenn 
sie entfernt worden war. 


Cistudo Blandingü Holbrook pl. IL]. 

Kopf mässig, Oberkiefer vorn ausgekerbt, Unterkiefer kurzhakig, 
Schale rundlich-länglich, glatt, ungekielt, ganzrandig; Sternum vorn ganz, 
hinten ausgekerbt, zweiklappig, Hinterklappe ein wenig grösser. Schild 
8“, breit 5” 4“, Sternum 71/2”, Höhe 3, Schwanz 23/2”. Reinschwarz, 
jedes Schild mit einer grossen Menge kleiner gelber Flecken versehen, 
welche fast in concentrische Kreise geordnet erscheinen. Brustschild 


9 


gelb, auf dem Unterrande einer jeden Tafel ein grosser schwarzer, 
zaekig begrenzter Fleck. Kopf und Beine schwarz, gelb punktirt, Un- 
terkinnlade, Kehle und Unterhals gelb. Lebensweise wie bei voriger 
Art auf dem Lande, doch auf Wiesen und Prairieen, und bisher nur 
im Staate Illinois und im Districte von Wisconsin gefunden, wo sie 
häufig ist. Holbrooke erhielt sein Exemplar vom Fuchsflusse, einem 
Nebenflusse des Illinois. Dr. William Blanding in Philadelphia hat sie 
zuerst beobachtet. Sie kann ihr Schild nicht so vollkommen schlies- 
sen, als Cistudo clausa, und gehört zu der andern Gruppe der Gattung, 
welche Dumeril und Bibron „hiantes” klaffende genannt haben. — 
Manche weitere Bemerkung über Schildkröten, von den auch jetzt einige 
afrikanische Zmys im Gewächshause des botanischen Gartens glücklich 
den Winter durchlebt haben, versparen wir für ein anderes Mal. 

Nächstens folgt auch der Bericht eines andern unserer Mitglieder, 
des Herrn Dr. Matthes, welcher ebenfalls nach thätigem Beobachten und 
sorgfältigem Sammeln in anderen Theilen Amerikas kürzlich zu uns 
zurückgekehrt ist. 


m nn nl ah an a a an 


Ueber die Wirkung gewisser technischer Etablissements 
auf die Atmosphäre, wie auf das Leben des Pflanzen- 
und Thierreichs, 
auf zahlreiche Beobachtungen und Untersuchungen begründet 


von Julius Sussdorf, 


Lehrer der Physik und Chemie an der mit der K. chir. medic. Akademie verbundenen K. Thierarzneischule 
in Dresden. 


Die Athmosphäre ist der Sammelplatz aller gasförmigen Eshalatio- 
nen, sie mögen ausgehen von den Vorgängen im Innern der Erde oder 
mögen auf der Oberfläche derselben auf natürlichem oder künstlichem 
Wege erzeugt werden. Es sind hier ganz besonders diejenigen von 
Wichtigkeit, welche sowohl bei Zersetzung organischer, vorzüglich ani- 
malischer Materien, bei Fäulniss, Verwesung u. s. w., entstehen, als auch 
diejenigen, welche von dem Betriebe technischer Etablissements und 
häusslicher Operationen auszugehen pflegen. 

Beide würden sich in vielen Fällen für das Leben als nachtheilig 
bewähren, wenn sie in der Atmosphäre sich anhäufen könnten. Dem 
wird aber gewöhylich vorgebeugt, theils durch die chemische Wirkung 
des Sauerstoffs in der Luft unter dem Einflusse des Lichts und der 
Feuchtigkeit, wodurch vorzüglich diejenigen oxydirt und unschädlich 
gemacht werden, welche von organischen Zersetzungsprozessen herrüh- 
ren, oder welche keine Oxyde oder niedrigere Oxyde sind, theils durch 

Allg. deutsche naturhist. Zeitung. 1. 8 


‘98 


die fortwährenden wässrigen Niederschlagungen in den verschiedensten 
Formen aus der Luft, welche vorzugsweise die fremden Gase absorbiren 
und so auf die Oberfläche der Erde und aller darauf befindlichen Gegen- 
stände sich niederschlagen, welche Reinigung der Atmosphäre schon 
bekannt ist, aus dem erfrischenden und reinem Zustande derselben nach 
kräftigem Regen. Es besitzt dieselbe demnach in sich selbst die Be- 
dingungen zur fortwährenden Entfernung solcher Stoffe, aber aus jenen 
Niederschlagungen erwachsen anderweite Nachtheile, welche unter ge- 
wissen Umständen bedeutungsvoll werden. 

Entstehen nämlich dergleichen fremde Gase ununterbrochen an 
einem bestimmten Orte, so verbreiten sich dieselben zwar bis zu einer 
gewissen Höhe und bis zu einem gewissen Umkreise in der Atmosphäre, 
werden aber deshalb auch fortwährend in einem bestimmten Umkreis 
auf die Oberfläche der Erde niedergeschlagen. 

Solche ununterbrochene Quellen sind gewisse technische Etablisse- 
ments, wie Coaksöfen, Hohöfen, Röst- und Metallschmelzöfen, Arsenik- 
hütten, Sodafabriken u. s. w., indem bei ihrem Betriebe theils grosse 
Mengen saurer Dämpfe, wie schweflige Säure, Chlorwasserstoff, theils 
metallische Dämpfe, wie von Arsen, Antimon, Zink, Blei u. s. w. in die 
Luft treten, deren schädliche Wirkung auf Pllanzen und Thiere wie bei 
Arsenikhütten längst gekannt ist. 

Ganz besonders gehört hierher auch die schweflige Säure, welche 
überall da in Betracht kommt, wo schwefelkieshaltiges Brennmaterial, 
wie die fossilen Kohlen, zu häuslichen und technischen Zwecken ver- 
wendet wird, noch viel mehr aber, wo Schwefelmetalle zum Zwecke der 
Gewinnung der Metalle zur möglichst vollkommenen Entfernung ihres 
Schwefelgehaltes geröstet und die dabei entstehende Säure nicht con- 
densirt wird, sondern ihren Weg frei in die Atmosphäre nimmt. 

Im ersteren Falle, bei der Benutzung von fossilen Kohlen als Brenn- 
material oder zur Coakserzeugung werden gewiss nicht unbedeutende 
Mengen schwefliger Säure erzeugt, allein dieselbe macht wenigstens 
ihre nachtheilige Wirkung nicht so schnell empfindlich, wie im letzte- 
ren Falle. Dies kommt jedenfalls daher, dass sie gleich bei ihrer Ent- 
stehung in einer viel grösseren Masse von Luft vertheilt, also sehr ver- 
dünnt einer viel weiteren Verbreitung in der Atmosphäre fähig sind 
und sich deshalb auch nicht so rasch und auf einem verhältnissmässig 
grösseren Kreis niederschlagen, als in den Fällen, wo dieselbe in so 
grossen Massen und bei ihrer Entstehung nicht so verdünnt auftritt, 
wie bei den Rösthütten. 

Im letzterm Falle macht sich ihre Wirkung natürlich viel schneller 
und spezifischer wahrnehmbar, als im ersteren, allein auch hier wird 
sie, wenn auch erst nach langen Jahren nicht ausbleiben, wie dies auf 
dem Kohlengebiet Lyons ersichtlich, in welchem die Vegetation weit 
und breit auf vorher cultivirten Äckern eingegangen, veranlasst durch 


die gewaltigen Rauchwolken, welche die zahlreichen Coaksöfen ununter- 
brochen ausspeien. 

Treten nun hierzu noch Metalldämpfe, so werden die dadurch ver- 
anlassten Uebelstände doppelt sein und diese Verhältnisse sind recht 
deutlich ersichtlich aus den Umgebungen der Hütten im Muldenthal 
bei Freiberg. 

Die Dämpfe, welche bei den Röst- und Schmelzprozessen in Hals- 
brück, als auch bei Hilbersdorf entströmen, bezeichnet man mit dem 
Namen des Hüttenrauckhs, und sind dieselben gebildet aus schwefliger 
Säure, hin und wieder etwas Chlor und Chlorwasserstoff und von Me- 
tallen aus Arsen-, Blei-, Zink-, Antimon- auch Kupfer-Verbindungen. 

Ehe ich aber die Wirkung derselben auf Pflanzen und Thiere be- 
leuchte, will ich das Wesentliche über die Menge und Entstehung der- 
selben angeben. 


I. Entstehung und Quantität des Hüttenrauchs. 


Den besten Ueberblick und eine wichtige Einsicht über die Quellen 
und die Menge der durch den Hüttenrauch fortgeführten Stoffe wird 
man gewinnen, wenn man einen näheren Blick auf die Grösse und 
technische Anlage dieser Hütten wirft, wovon mir genauere Mittheilun- 
gen über die Hilbersdorfer Hütten zugegangen. 

Im Jahre 1853 sind daselbst nahe an 200,000 Centner Erze zur 
Verarbeitung gekommen, und im Jahre 1854 glaubt man, dass dieses 
(Quantum wenigstens erreicht, wenn nicht überschritten wird, und da 
überhaupt diese Werke in der Production im Zunehmen begriffen, so 
kann man das jährlich zur Verarbeitung kommende Quantum wohl mit 
200,000 Centner annehmen. 

Die zur Verwendung kommenden Erze sind wohl fast ausschliess- 
lich Schwefelverbindungen, und zwar meist Bleiglanz, welcher 13 % 
Schwefel enthält, während alle übrigen Gattungen von Erzen nie dar- 
unter, stets aber höher und dies oft beträchtlich im Schwefelgehalt 
stehen, da gerade der Blei- und Silberglanz die an Schwefel ärmsten 
Erze sind. 

Nimmt man nun die Menge des gesammten Schwefel in den Erzen, 
wie sie zur Verröstung kommen, nur zu 10% an, so ergiebt sich dar- 
aus, dass in obiger Quantität 20,000 Centner Schwefel enthalten sind. 

Dieses Quantum muss aber bis auf kleine Mengen durch den Röst- 
prozess entfernt werden, und zwar unter Vermittelung des Sauerstoffs 
der Luft, welche denselben zu schwefliger Säure verbrennt, welche aus 
obigem Quantum bei vollständiger Verbrennung 40,000 Centner trock- 
nes Gas betragen würde, die der dortigen Atmosphäre in einem Jahre 
sich beimengend auf einen verhältnissmässig kleinen Kreis von zwei 
Stunden im Durchmesser sich niederschlagen würde. Bei einer regel- 
mässigen Entstehung und Ausbreitung würden alsdann täglich fast 

g*# 


100 
genau 110 Ctr. in die Luft treten. Es verwandelt sich aber unter dem 
Einflusse des Sauerstoffs und der Feuchtigkeit die schweflige Säure 
in Schwefelsäurehydrat, wobei sie an Gewicht um 500% zunimmt, so- 
dass täglich alsdann 165 Oentner Schwefelsäurehydrat entstehen könn- 
ten, die nun im dortigen Umkreis auf Erdoberfläche, Pflanzen und 
Thiere wirkten. 

Diese Masse kann in ihrer schädlichen Wirkung bei einer ziemlich 
bedeutenden Ausbreitung so wenig überraschen, dass es fast unnöthig 
erscheint, nach einem weiteren Grund für die vielen Uebelstände zu 
suchen, und wenn in der That nur Yo jener Menge täglich zur Wirk- 
ung käme. 

Von dem Eintritt der Salzsäure in die Atmosphäre will ich gänz- 
lich absehen, da wenigstens auf den Hilbersdorfer Hütten nur sehr ver- 
einzelt Kochsalz beim Rösten der Silbererze zugesetzt wird, während dies 
wohl in Halsbrück mehr betragen möchte, von welchem Hüttenwerk 
mir aber keine Zahlen bekannt sind. Wir werden dieser Salzsäure 
zwar später und in nicht unbedeutender Quantität in den Futteranaly- 
sen wieder begegnen, aber wahrscheinlich als secundäres Erzeugniss. 


Wie viel wohl ohngefähr von Arsenik und anderen flüchtigen Me- 
tallen in die Luft treten, kann wohl auch nicht einmal annähernd an- 
gegeben werden, allein ihre Mengen können nicht so unbedeutend sein, 
wenn man berücksichtigt, dass Arsenik in allen dortigen Erzen auftritt 
und dass nur ein kleiner Theil der an Arsenik reichsten in den Gift- 
hütten verarbeitet wird, während alle anderen Erze ihren Arsenikgehalt 
durch Röstung zum grössten Theil verlieren, und so derselbe in die 
Luft tritt, wie sich auch schon aus dem starken Knoblauchgeruch in 
den dortigen Hütten und deren Gehöften bis über die äussere Verzäum- 
ung ergiebt, der dem Fremden natürlich sehr auffällt, was bei den dort 
beschäftigten Personal nicht scheint. 

Am meisten ist nun das Auftreten solcher Metalle in dem Hütten- 
rauch auffallend, welche sehr schwer flüchtig sind, wie etwas Kupfer, 
vorzüglich aber die grossen Mengen von Blei. 

Dass diese Metalle nicht beim Röstprozess, also nicht gleichzeitig 
mit der schwefligen Säure in die Luft treten, geht schon daraus her- 
vor, dass die Rösttemperatur, welche nicht einmal eine Schmelzung der 
Rösterze herbeiführen darf, viel zu niedrig ist, als dass eine Verflüch- 
tigung solcher Metalle eintreten könnte. 

Die Quelle für diese im Hüttenrauch kann demnach nicht im Röst- 
prozess liegen, wohl aber in dem.Niederschmelz- und Abtreibungsprozess 
des Bleies, wo eine sehr bedeutende Glühhitze (bei einer Beschiekung 
von 600 Centner Glätte auf 24—36 Stunden), andauernd auf das Blei 
einwirken muss, so dass dieses in gar nicht unbedeutender Menge sich 
verflüchtigen wird, wenn man eben bedenkt, wie das Blei z, B, vor 


101 


dem Löthrohre bei einer gewiss nicht höheren Temperatur, als in jenen 
Oefen, sich gar nicht schwer verflüchtigt. 

Die aus den Oefen austretenden Bleidämpfe werden an der Luft 
sich ebenfalls schnell oxydiren und dann, mit der schwefligen und 
Schwefelsäure zusammentreffend, sich sehr bald wegen ihrer Schwere 
mit den übrigen Metalldämpfen niederschlagen. Die Quellen für die am 
schädlichsten wirkenden Säuren und für die Metallverbindungen sind 
demnach geirennt, welches wohl für eine mögliche Abstellung der Uebel- 
stände von Wichtigkeit ist. 

Die Röstung der Erze geschieht aber in zwei verschiedenen Ein- 
richtungen, theils in Flammenröstöfen, theils in offenen Haufen zwischen 
Mauern und über einen Rost mit Brennmaterial ausgebreitet, den so- 
genannten Stadeln. 

Den Aussagen der benachbarten Bewohner jener Hütten beklagen 
sich dieselben vorzugsweise über die Nachtheile des Hüttenrauches, 
welcher aus letzteren aufsteigt, und haben .eine gewisse Furcht vor 
einem neuen Brand, d. h. dem Anstecken neuer solcher Haufen. 

Es scheint mir dies auch einerseits durch die Erscheinung des Hüt- 
tenrauchs, andererseits in Berücksichtigung der verschiedenen Wege 
desselben aus beiden Oefen begründet zu sein. — Die Dämpfe nämlich, 
welche aus den offenen Haufen, die der Erde /ast gleich sind, aufstei- 
gen, kühlen sich beim Austritt sofort durch die umgebende Luft ab, 
werden dadurch dichter, schwerer, weshalb sie als ein viel undurchsich- 
tigerer Qualm erscheinen, und verlieren so die Fähigkeit, höher in die 
Atmosphäre zu steigen und sich so weiter zu begeben: sie ziehen sich 
daher im Thale und an den Abhängen hin, schlagen sich hier in sehr 
concentrirter Form nieder, so dass man in naher Umgebung einen weis- 
sen Anflug an. der Erdoberfläche und den Pflanzen deutlich und oft mit 
der Loupe krystallinisch wahrnimmt, und stheilen sich so sehr schnell 
allen Gegenständen, zumal wenn diese feucht sind, oder die Pflanzen 
mit Thau beschlagen sind, mit, weshalb eine schneller störende Wirk- 
ung dadurch veranlasst werden kann. 
| Die Dämpfe dagegen, welche aus den Flammenöfen durch einen 
mehr oder wenig hohen Schornstein in die Atmosphäre treten, haben 
eine höhere Temperatur und gewisse Geschwindigkeit, in Folge welcher 
sie sich höher in die Luft ausbreiten durch ihr längeres Streben in die 
Höhe zu steigen, sich daher auch nicht so schnell und dicht und auf 
einem weiteren Umkreis niederschlagen. 


II. Wirkung des Hüttenrauchs auf die Pflanzen. 


Es giebt nur zwei Wege, auf denen diese Bestandtheile des Hütten- 
rauchs in die Pflanzen gelangen, einmal durch das Wasser des Bodens, 
welches dieselben ‚aufgelöst den Wurzem zuführt, andererseits durch 


102 
Auflegen derselben auf die Oberfläche der Pflanzen und allmäliges Ein- 
dringen, welche Wirkung des Befallens ganz besonders nachtheilig wird, 
aber die Empfindlichkeit und Empfänglichkeit der Pflanzen ist verschie- 
den, je nach den dabei mitwirkenden Witterungsverhältnissen, dem Alter 
und der 4r/ der Pflanzen. 


A. Wirkung beim Befallen bedingt 
I) durch Witterungsverhältnisse. + 


Streicht der Hüttenrauch bei /rocknem Wetter und über die /rockne 
Oberfläche der Pflanzen, so scheint nur sehr wenig haften zu bleiben, 
indem sich derselbe weiter nach oben und seitwärts ausbreitet und so 
nicht so schnell sich niederschlägt, weshalb alsdann die Pflanzen nicht 
so intensiv getroffen werden; ähnliches wird bei windigem trocknen 
Wetter. stattfinden, wo die Dämpfe einer noch weiteren Ausbreitung 
und nur sehr allmäligen Niederschlagung, vorzüglich die. gasförmige 
schweflige Säure, unterworfen sind. 

Schlägt sich der Hüttenrauch bei Regenweiter nieder, oder folgt auf 
aufgefallenen Rauch Regenwetter, so wird derselbe von der Oberfläche 
der Pflanzen abgewaschen und auf, wie in den Boden geführt, wo der- 
selbe viel weniger Nachtheil bewirkt. 


Schlägt sich aber der Hüttenrauch auf die durch Thau, Nebel oder 
Regen befeuchtete Oberfläche der Pflanzen nieder, so absorbirt die 
Feuchtigkeit sehr begierig die Säuren, um sich damit zu sättigen, was 
man sehr leicht an der sauren Beschaffenheit des Thaus ersehen kann. 
Folgt nun darauf trocknes, warmes zumal sonniges Wetter, so verdun- 
stet das Wasser der Oberfläche bald, die fFüchtige schweflige Säure hat 
sich aber inzwischen in nicht flüchtige Schwefelsäure oxydirt, welche 
nun bei diesem Verdunstungsprozess sich concentrirt, theils durch die 
Zellwände der Pflanzen in das Innere eindringt, und so bei fortschrei- 
tender Verdunstung durch seine ätzendsauren Eigenschaften zerstörend 
auf das Zellgewebe einwirkt, so dass dieses bald nachher abstirbt, seine 
grüne Farbe mit einer oft gelbbraunen, in Form scharf begrenzter 
Flecken erscheinend, vertauscht, welche Stellen nach dem gänzlichen 
Austrocknen zusammen schrumpfen, sich von dem gesunden Zellgewebe 
ablösend, alsdann ausfallend und dabei eine sehr mürbe, zwischen den 
Fingern leicht zerreibliche Beschaffenheit an-nehmend. 

Dass das Phytochlor durch die Einwirkung der Säure sehr bald 
zerstört wird und somit eine gelbbraune oder bleiche Farbe eintritt, ist 
aus den Eigenschaften der Säure sehr erklärlich und gleicht somit die- 
ser Vorgang auf den Pflanzen ganz dem, welcher eintritt, wenn man 
einen Tropfen einer verdünnten nicht flüchtigen Säure auf einen ge- 
webten Stoff fallen lässt, wo dieser sich einsaugt und oft nichts wahr- 
nehmen lässt. Nach einiger Zeit aber, wenn die Verdunstung die Säure 
concentrirt hat, wird diese Stelle geätzt, dadurch mürbe und fällt plötz- 


103 
lich scharf begrenzt heraus; ist der Stoff gefärbt, so geht bekanntlich 
auch die Farbe bald verloren. 

Für diesen Vorgang und die zerstörenden Wirkungen des Hütten- 
rauchs unter diesen Verhältnissen sprechen aber einerseits die scharf 
begrenzten punktirten Flecken und Blattspitzen, welche in die Luft 
herausragend am meisten sich mit Thau beschlagen, und somit Säure 
absorbiren, welche Stellen alsbald jener Wirkung unterliegen. Anderer- 
seits aber sprechen ganz besonders auch die Aussagen der dortigen 
Bewohner dafür. 

Nicht alle Tage, nicht bei trübem, regnerischen Wetter, wie ebenso 
nicht bei sehr warmen Tagen und Nächten, an denen kein Thau fällt, 
zeigt sich, obgleich der Hüttenrauch ununterbrochen, Tag und Nacht, 
bald nach der einen, bald nach der andern Richtung hin die Fluren 
bestreicht, jene verheerende Wirkung, die man in ihren Folgen mit 
„verbrannt“ bezeichnet, sondern eben nur an einzelnen Tagen wird dies 
beobachtet, und zwar bei gutem, warmen Wetter, am Tage und kühle- 
ren Abenden und Nächten oder Morgen, wo diese Fluren mit T'hau be- 
legt sind, daher ganz besonders im Frühjahr und Herbst oder Spätsom- 
mer, dann aber auch nur, wenn der Rauch Abends, Nachts oder am 
frühen Morgen darüber gestrichen ist, wo nun bei darauf folgendem 
guten, warmen Wetter der Verdunstungsprozess rasch erfolgt und die 
concentrirte Säure zur Wirkung bringt. 

Aus diesen Beobachtungen erhellt der Einfluss der Witterungs- 
verhältnisse. 

Da nun aber stets der au/gefallene Hüttenrauch als der gefährlichste 
bekannt ist, und seine Wirkung vermittelt wird durch das Eindringen 
in das Zellgewebe, so steht damit im innigsten Zusammenhang das 
Durchgangsvermögen durch die Zellwand und dieses ist abhängig vom 
Alter der Pflanzen und Pflanzentheile und von der Ari der Pflanze. 

Was 

2) das Alter der Pflanzen betrifft, 

se tritt die Wirkung als am schnellsten verheerend vorzüglich an den 
jüngstentwickelten Pflanzen und deren Theile, den jüngsten Blättern 
und eben aufgebrochenen Knospen, und ebenso besonders an den Blüthen 
des Klees, der Hülsenfrüchte ete. auf, und je schneller eine Pflanze 
sich eniwickelt, um so zarter und leicht durchdringbarer ist ihre Zell- 
substanz, die daher dem Eindringen um so weniger Widerstand darbietet, 
während solche Pflanzen, welche sich langsamer entwickeln und deren 
Zellwände sich mit dem Alter ‘durch Vermehrung des Zellstoffs, Ab- 
lagerung von Holzstoff oder Mineralstoffen, wie Kieselerde u. s. w., mehr 
und mehr verdicken, dem Durchgang mehr Widerstand entgegensetzen 
und so nicht so empfindlich sind. 

Daher sind die Stengel der Pflanzen, wie die Gräser und deren 
Halme viel weniger empfindlich und so scheint aus diesem Grunde der 


104 


Sommerroggen viel mehr empfindlich zu sein, als der Winterroggen, wie 
wenigstens daraus hervorgeht, dass der letztere dicht neben dem erste- 
ren stehend und mithin beide auf gleichem und gleich bearbeiteten 
Boden auch gleichzeitig befallen, doch sehr verschieden entwickelt waren, 
und so der Sommerroggen sehr verkümmert stand, der Winterroggen 
dagegen verhältnissmässig kräftig. 

Dass endlich 
3) die Art der Pflanzen eine verschiedene Empfindlichkeit bedingt, geht 
aus dem eben Besprochenen hervor und liest in der verschieden schnel- 
len Entwickelungsfähigkeit, der mehr oder weniger starken Verdick- 
ung der Zellwände, wie ebenso in der mehr oder weniger der Atmos- 
phäre dargebotenen Oberfläche, welche vom Hüttenrauch befallen werden 
kann. So sind unter den Spitzkeimern die Spelzengewächse, Grami- 
neen und Üyperoideen, daher auch die Gretraidearten weniger em- 
pfindlich als die Blattkeimer, und bei ersteren deren dünne Blätter wie- 
der mehr, als deren diekwandigere Halme, denn in den Zellwänden die- 
ser Pflanzen lagert sich bekanntlich nicht unbedeutend Kieselerde ab, 
und wie diese jene Pflanzen vor einem schnellen Verdorren durch Ver- 
dunstung von Innen nach Aussen, bei anhaltend trocknem Wetter, bei 
der geringen Ausbreitung deren Wurzelfasern in die Tiefe, deshalb 
schützt, weil ihre Oberfläche sich sehr schwer benetzt und die Feuch- 
tigkeit langsamer austreten lässt, so kann natürlich auch der Hütten- 
rauch viel schwieriger von Aussen nach Innen durch den Kieselerde- 
gehalt der Zellwände treten. Daher findet man nicht, dass die vom 
Hüttenrauch befallenen derartigen Pflanzen so braun ausfallende Flecken 
zeigen, sondern an den getroffenen Stellen bleichen, diese nach und 
nach zusammenschrumpfen, die schmalen Blättchen und zarten Grannen 
sich endlich kräuseln und zurücklegen und vorzüglich der Halm sich, 
aber auch langsamer, fortentwickelt, weshalb sich dies wieder in der 
Beschaffenheit des Heues abspiegelt, bei welchem die Halmbildung 
bedeutend vor der Blattbildung vorherrscht, ersterer aber auch durch 
seinen reicheren Kieselerdegehalt eine grössere Festigkeit besitzt und 
so das gewonnene Heu härter macht. 

Deshalb können in der Umgebung solcher Hütten gar keine zarten 
Blätter zeigende Pflanzen cultivirt werden, wie z. B. Erbsen, Bohnen, 
Linsen, und der Klee wird so oft braun und dürr, dass er manchmal 
kaum zu verfüttern ist, wie ebenso die Blätter der Rüben sehr schnell 
unterliegen, und als Futter oft nicht zu verwenden sind. 

So sah ich in einem Garten Georginen, Rosen und Nelken, von 
denen bei ersteren während 24 Stunden die jüngeren Blätter, Knospen 
und Blüthen gänzlich zerstört waren, während die Nelken wegen ihrer 
festen Blattsubstanz fast ganz unversehrt erschienen. 

Je schneller und je mehr nun die sich schnell entwickelnden Blatt- 
keimer durch den Hüttenrauch zerstört werden in ihren einzelnen Orga- 


105 
nen, je mehr kommt ihnen ihre im Verhältniss ihrer Entwickelung 
stehende Reproductionskraft zu Statten, indem sie ihre verloren gegan- 
genen Organe unermüdlich wieder erzeugen, wenn sonst die Witterungs- 
und Bodenverhältnisse es gestatten, aber für ihre Fruchtreife werden 
sie gestört, weshalb die Hülsenfrüchte dort nicht gebaut werden können. 

Bei den Gräsern aber ist die Wirkung nachhaltiger und sie ver- 
kümmern leichter, weil vorzüglich ihre Spitzen getroffen werden, und 
wenn daher der Hüttenrauch in die Blüthe oder kurz nach derselben 
auf diese fällt, so verkümmert die Achre so, dass sie nur wenig Kör- 
ner trägt, und diese oft so klein und leicht sind, dass sie sich kaum 
zum Vermahlen wegen der geringen Ausbeute an Mehl eignen und da- 
her den Namen „Giftkorn‘“ führen. 

So widerstehen den auch Pflanzen, deren Blätter wenig saftreich 
und fest sind und sich durch Harzgehalt auszeichnen, dem Eindringen, 
und somit der Wirkung sehr lange, aber sie erliegen endlich doch der 
unnnterbrochenen Auflagerung des Rauchs, wie dies ganz deutlich an 
einem Kiefernwäldehen in der Nähe der Hütten (20 Minuten davon ent- 
fernt) hervortritt, welches mehrere Jahre lang gar keine Zeichen der 
Wirkung an sich getragen, aber endlich doch zum Theil unterliegen 
musste, indem der zunächst den Hütten gelegene Theil gänzlich einge- 
gangen ist, der entfernter liegende aber, nach derjenigen Richtung hin, 
wo der Wind von den Hütten her weht, abgestorbene Zweige mit den 
daran sitzenden braunen Nadeln zeigt, nach der entgegengesetzten 
Richtung aber schön grünt und in den entferntest liegenden und von 
Anhöhen geschützten Theil ganz gesund sich zeigt. — Dass Kiefern- 
nadeln dem Eindringen sehr lange Widerstand leisten, geht aus der 
sanzen Structur derselben hervor, aber dass bei eintretender Wirkung 
auf dieselben auch der Nachtheil um so grösser ist, und den ganzen 
Baum in seiner Entwiekelung bedroht, liegt in dem sehr geringen Re- 
productionsvermögen. | 

Aus diesen verschiedenen Beispielen ist die verschiedene Empfind- 
lichkeit, bedingt durch verschiedene Umstände beim Befallen der Pflan- 
zen durch Hüttenrauch ersichtlich. 

B. Der zweite Weg auf den die lösslichen Bestandtheile des Hüt- 
tenrauchs in die Pflanzen zu gelangen vermögen, ist der 
durch die Wurzeln. 

Dass auf diesem Wege dies stattfinden wird, scheint mir nach den 
Untersuchungen der verschiedenen Bodenarten nicht zweifelhaft, denn 
diese enthalten alle freie Säuren und reagiren mit kaltem Wasser an- 
gerührt, sehr stark sauer, wie sie auch lössliche Metallsalze enthalten. 

Nun nehmen zwar die Pflanzenwurzeln die in dem Wasser gelösten 
Stoffe nach gewissen Gesetzen, bedingt durch die Verwandtschaft der. 
Pflanzenart zu gewissen Mineralstoffen, auf, allein sie treffen bekannt- 
lich keine Auswahl, sondern nehmen Alles auf, aber nicht in dem Ver- 


hältniss, in welchem diese Stoffe in dem Wasser gelöst enthalten sind, 
sondern nach dem verschiedenen endosmotischen Vermögen der Wur- 
zelfasern für die einzelnen Bestandtheile. 

Deshalb ist wohl nicht zu zweifeln an der Aufnahme der freien 
Säuren und lösslichen Metallsalze, allein die auf diesem Wege einge- 
drungenen Stoffe sind sehr verdünnt in ihren Lösungen, zeigen daher 
auch nicht diese ätzend zerstörenden Wirkungen und scheinen über- 
haupt wenig Nachtheile für die Pflanzen zu haben. 

Dies geht schon daraus hervor, dass die Wurzeln auch unter den 
ungünstigsten Bodenverhältnissen ihre Triebfähigkeit beibehalten, wie 
sofort ersichtlich am Haidekraut, welches auf den nächsten Höhen der 
Hütten aus seinen Wurzeln fort und fort neue Sprösslinge treibt, welche 
aber sehr schnell der Einwirkung des sich von Aussen auflegenden 
Hüttenrauchs unterliegen und daher gar nicht zur Blüthe kommen, und 
so zwischen dem abgedorrten, schwarzbraunen, dürren Reissig stets grü- 
nende, junge Sprösslinge auftreiben. Während also die Wurzel nur aus 
dem Boden dieselben Stoffe aufnehmen kann, die sich von Aussen auf die 
Pflanzen auflagern, behält sie doch ihre Vegetationskraft bei und zeigt 
somit die geringe Empfindlichkeit gegen die auf diesem Wege einge- 
tretenen Säuren, welches Verhalten wiederum für die ätzende Wirkung 
derselben auf der Oberfläche spricht. 

Demnach scheinen die dort so wenig beachteten und im Anbau 
tast vernachlässigten knollentragenden und rübenartigen Wurzelgewächse 
einer grösseren Beachtung zu verdienen, als manche Hülsenfrüchte, um 
die Betheiligten vor den Schäden, welche durch die Auflagerung des 
Hüttenrauchs entstehen, mehr zu schützen. 

Es wurden wenigstens auch keine wesentlichen Verschiedenheiten 
im Verhalten der Rüben aus dertiger und hiesiger Gegend bei der 
Untersuchung beobachtet, zumal nicht im Säuregehalt, und wurde 
auch in dortiger Gegend nicht von einem Missrathen der Hackfrüchte 
gesprochen, während dies bei dem Getraide und dem Heu so oft der 
Fall ist. 

Sowie sich nun diese Wirkung sehr spezifisch auf die Pflanzen 
ausprägt, so wird dieselbe sich auch auf dem Boden bemerkbar machen. 


II. Wirkung des Hüttenrauchs auf den Boden. 


Dass der Boden selbst Veränderungen erleidet, nicht nur durch 
Beimischung von Stoffen, die ihm sonst fremd sind, sondern ganz be- 
sonders auch durch die chemische Thätigkeit der eindringenden Säure, 
ist wohl keinem Zweifel unterworfen. 

Die von demselben aufgenommene Quantität der Säure richtet sich 
gewiss sehr nach der physikalischen Beschaffenheit des Bodens, seinem 
Feuchtigkeitszustande und den mitwirkenden Witterungsverhältnissen, 


107 


so dass bei Regenwetter die Säuren und löslichen Salze mehr oder weni- 
ger tief geführt werden. 

Die in demselben eingedrungene Säure wird ihn zunächst in einen 
sauren Boden umwandeln, und wenn sie sich auch nicht lange im freien 
Zustande erhält und deshalb nicht gut anhäufen kann, so wird sie 
sehr bald eine Zersetzung der in demselben angehäuften Silicate 
veranlassen, welche, wie durch die Kohlensäure und das Wasser einer 
Verwitterung unterworfen, so auch an die Schwefelsäure die Alkalien 
und alkalischen Erden abtreten und eine grössere Menge schwefelsaurer 
Salze bilden, die in der Äsche der Pflanzen wieder zu finden sind. 

Dadurch wird aber auch ein Theil der Kieselerde der Silicate in 
Lösung gebracht und diese den Gräsern zugeführt, welche zur F olge 
hat, dass dieselben Aar/ und weniger leicht verdaulich werden. 

Unter allen Umständen aber wird nach und nach aus dem besten 
Boden ein sogenannter saurer Boden erzeugt werden, indem sich die 
Schwefelsäure aller Basen bemächtigt und die durch die Verwesung 
organischer Ueberreste gebildeten Humussäuren werden frei. Dass aber 
ein solcher Boden nicht die Entwickelung aller Pflanzen und Feldfrüchte 
begünstigt, ist bekannt, und so scheint in der That durch diese Ver- 
änderung des Bodens nach und nach ein Wechsel in der Vegetation 
einzutreten, indem die in saurem Boden wachsenden und wenig ge- 
schätzten Futtergräser mehr und mehr Platz greifen, dagegen aber die 
weichen, sogenannten süssen und geschätzten Futtergräser nach und 
nach verdrängt werden, und wenn die Aussagen der dortigen Bewoh- 
ner wahr sind, so ist dies Verhältniss bereits eingetreten, denn nach 
diesen sollen früher und vor Anlage der Hütten auf den benachbarten 
Abhängen und im Thale die besten Futtergräser und Futterkräuter ge- 
wachsen sein, während jetzt allerdings dort nur noch harte Gräser, wie 
„Aira caespitosa“ und „Hexuosa“ neben Haidekraut und einigen Cype- 
roideen auftreten, Pflanzen die den sauren Boden verrathen und als 
Futter nicht geschützt sind. 

Dasselbe kann aber auch auf den Wiesen, welche jenen Wirkungen 
vorzüglich unterliegen, nach und nach eintreten. 

Ausser der Säure treten nun aber auch die in dem Hüttenrauch 
vorhandenen Metalle im Boden auf und unter diesen ganz besonders 
das Blei. 

Um den Metallgehalt kennen zu lernen, wurden daher vier ver- 
schiedene Bodenarten von verschiedenen Entfernungen und Richtungen 
einer quantitativen Untersuchung auf diese unterworfen und folgende 
Resultate erhalten. 

a) 1 Pfd. Erde von den den Hütten zunächst gelegenen Anhöhen, 

auf denen nur verdorrtes Haidekraut stand, gab 
5,69 Grammen Blei aus 6,57 Grammen Schwefelblei 
und 0,34 - Schwefelkupfer, 


108 


b) ı Pfd. Erde aus dem Muldenthale, dieht hinter den Gifthütten 
nach Abend gelegen, auf welchen ganz verkimmerter Roggen 
stand, gab 

3,38 Grammen Blei aus 4,18 Grammen Schwefelblei 
und 0,21 - . Schwefelkupfer. 

e) 1 Pfd. Erde von einem Wiesengrundstück, auf dem den Hals- 
brücker Hütten gegenüber gelegenen Ufer, gab 

0,17 Grammen Schwefelkupfer 
und 1,97 - Blei aus 2,88 Grammen Schwefelblei, 

d) 1 Pfd. Erde von einem Kleestück bei Hilbersdorf, ca. 1% Stunde 

von den Hütten entfernt und auf der Höhe nach Westen ge- 


legen, gab 
1,16 Grammen Blei aus 1,35 Grammen Schwefelblei 
und 0,10 -  Schwefelkupfer. 
Im Mittel gaben demnach 1 Pfd. Erde 
3,17 Grammen = 521 Gran Blei 
und 0,137 - = 2944 (= Küpfer. 


Ausserdem ergaben sich auf I Pfd. Erde 
0,30 Gran Arsenige Säure, 
0,12 -  Antimon oxyd. 

Aus diesen Resultaten, die natürlich ebenso sehr wechselnd durch 
herrschende Winde und Regen sein werden, geht indess hervor, dass 
die metallischen Bestandtheile des Hüttenrauchs sich in den nächsten 
Nähen am meisten niederschlagen, wie sich auch aus der Schwere der- 
selben schon vermuthen lässt, dass ferner auch hier, wie bei den Fut- 
terkräutern, das Blei bei weitem unter allen Metallen vorherrschend ist. 

Dies ist indess natürlich und dadurch begründet, dass das Blei 
als fast wunlössliches und sehr schweres schwetelsaures Bleioxyd 
weder von dem Wasser durch Lösung, noch durch Fortschwem- 
men weggeführt wird, weshalb es sich schon so angehäuft haben wird 
und noch von allen Bestandtheilen des Rauchs fort anhäuft. 

Der Bleigehalt auf den bebauten Fluren wird wahrscheinlich auch 
noch durch die Düngung mit dem Viehmist vermehrt, denn dieser ent- 
hält stets Blei, und wahrscheinlich so viel, als der Menge des im Fut- 
ter enthaltenen entspricht. Durch die Unlöslichkeit dieser Verbindung 
scheint aber auch auf die Pflanzen kein nachtheiliger Einfluss durch 
dieselbe zu erwachsen. 

Anders ist es dagegen mit dem Kupfer- und Arsenikgehalt, deren 
Verbindungen leichter gelöst und so von dem Wasser theils fortgeführt, 
theils den Pflanzen zugeführt werden, weshalb sie sich nicht ansam- 
meln, und so stets in sehr untergeordneter Menge dem Blei gegenüber 
vorhanden sein werden. 

Dass aber die Futterkräuter diese Verbindungen wahrschemlich 
aufnehmen, geht schon aus der Art der Aufnahme bei den Pflanzen 


109 


hervor, und wenn man dieselbe noch sorgfältiger abwäscht, um sie von 
allen aufsitzenden Bestandtheilen des Hüttenrauchs zu befreien, so sind 
doch stets noch kleine Spuren der Metalle in ihnen aufzufinden, die 
natürlich auch auf den Geschmack einen Einfluss haben müssen. 

Wenn nun auch die Menge der gefundenen Metalle auf 1 Pfd. Erde 
nicht sehr bedeutend erscheint, und man annehmen könnte, dass die- 
selben bis zu einem Fuss Tiefe einen gleichen Gehalt nach obigen Mit- 
tel führte, so würde doch die Menge derselben auf einem so bedeuten- 
den Flächenraum sich ausserordentlich anhäufen, was indess nicht zu 
vermuthen steht. 

Nimmt man den Kubikfuss Erde zu 100 Pfd. an, das ohngefähre 
Mittel aus verschiedenen vorhandenen Dichtigkeiten der Ackerkrume, 
so würde auf einen solchen nach Maasstab des Mittels obiger Mengen 
und vorausgesetzt bei gleichmässigem Gehalt 

10 Unzen 6 Drachmen 562 Gran Blei, 
3 Drachmen 45 Gran Kupfer, 
30 Gran Arsenige Säure, 
12 Gran Antimonoxyd 
kommen. 

Es erscheint mir aber kaum als wahrscheinlich oder möglich, dass 
solche Mengen von Blei sich angehäuft haben könnten, und dass eben- 
so nicht die andern Metalle in dem Maasse im Durchschnitte auf 1 Ku- 
bikfuss Erde darin vorhanden sein möchten. 


IV. Ausbreitung des Hüttenrauchs. 


Dieselbe ist zwar einerseits in der Wirkung auf die Vegetation zu 
verfolgen, und zwar an den gebleichten, oft ganz scharf begrenzten Gran- 
nen der Getreide und Spitzen der Blätter, welche sich kreiselförmig 
winden und nach abwärts legen, wie auch an den charakteristischen 
Flecken auf den Blättern verschiedener Pflanzen, Sträucher und Bäume, 
ganz besonders aber in der sauer reagirenden Beschaffenheit der Abkoch- 
ung der Futterkräuter, welche Reaktion guten Futterkräutern fremd ist, 
und lässt sich dieselbe noch leichter und weiter verfolgen an der sauern 
Reaktion des Thau’s, der bis zu einer radialen Entfernung von 11/2 bis 
2 Stunden bei ziemlichem Winde, von den Hütten, noch deutlich sauer 
auf empfindliches Lackmuspapier reagirt. Der Flächenraum ist also 
ein sehr bedeutender, wie schon aus der noch zu beleuchtenden Be- 
schaffenheit des Heu’s und den Krankheiten der Hausthiere hervorleuch- 
tet, er wird indess vielleicht am deutlichsten erkannt und begrenzt durch 
das Verschwinden gewisser Insekten aus jenen getroffenen Fluren und 
Ortschaften, und zwar solcher, deren Nahrungsweise in dem Aufsaugen 
des zuckerhaltigen Nectariensaftes besteht. 


110 

Dahin gehören die Bienen, die vor der Anlegung und Erweiterung 
der Hütten ebenso in den betroffenen Ortschaften gepflegt worden sind, 
wie überall dies auf dem Lande üblich ist, die sich aber jetzt gänzlich 
aus dieser Gegend fortgezogen und erst in einer Entfernung von ohn- 
gefähr 2 Stunden wieder heimisch niedergelassen haben. 

Diese sind aber vermöge ihrer Saugzunge und ihrer Respirations- 
organe gewiss die empfindlichsten Exploratoren für die Ausbreitung jener 
Stoffe und geben die Spuren noch da zu erkennen, wo es der Chemi« 
mit ihren Hülfsmitteln vielleicht sehr schwer werden würde, dieselben 
nachzuweisen. 


V. Nachtheile des Hüttenrauchs auf das Futter und das Rindvieh. 


Die indirekten Nachtheile, welche durch diese besprochenen Ver- 
hältnisse für die dadurch betroffenen Ortschaften herbeigeführt werden, 
sind indess noch weit bedeutender und bestehen in einer wirklichen 
Vergiftung der frischen wie trocknen Futterkräuter und den dadurehı 
herbeigeführten Krankheiten und Verlusten an Hausthieren, besonders 
an Rindvieh. 

Alle von mir deshalb der Untersuchung unterworfenen trocknen un! 
frischen Futterkräuter zeigten sich mehr oder weniger sauer durclı 
einen Gehalt an freier Schwefelsäure und ebenso metallhaltig., Was 
zunächst das Aeussere vieler Heusorten betrifft, so erscheinen dieselben 
oft auffallend blassgrün, ja oft ganz bleich, strohartig, indem sie ja 
einem wirklichen Bleichungsprozess durch die schwetlige Säure unter- 
worfen werden. 

Dann waren sie stets von einer sehr harten Beschaffenheit, theils 
herrührend von einem reichen Gehalt an sogenannten harten Grasarten, 
theils herrührend von einem grösseren Kieselerdegehalt, der sich in der 
Asche derselben vorfand, und ebenso war oft die Halmbildung vorherr- 
schend vor der zarten Blattbildung, Verhältnisse, die durch die Einflüsse 
des Hüttenrauchs auf Boden und Pflanzen herbeigeführt werden. 
Der Klee und das Kleeheu aber zeigten die eigenthümlichen braun- 
gelben Flecken, welche sehr mürbe sind, wie alle die getroffenen Theile 
uud daher fiel bei allem Trockenfutter immer eine grosse Menge kleiner 
Bruchstückchen ab, sie gaben eine grosse Menge sogen. Heustaub. 

Der Geschmack von allem Futter war weniger lieblich, angenehm, 
gewürzhaft, sondern hintennach so auffallend und lange anhaltend herbe, 
metallisch, so dass man denselben am richtigsten mit stipfösch bezeichnet; 
daduch wird gewiss oft die Fresslust der Thiere beeinträchtigt, so dass es 
natürlich, wenn es widersteht, auch nicht den Einfluss auf die Ernähr- 
ung ausüben kann, als wenn es gesundes Futter ist. Dieser Geschmack 
kann zum Theil von den metallischen Bestandtheilen, ganz besonders 
von Kupfersalzen herrühren, welche sich auch in den kleinsten Spuren 
durch ihren stiptischen, unangenehmen und anhaltenden Geschmack aus- 


e' 
zeichnen, zum Theil aber auch dureh verändernde Einflüsse der Säuren 
auf organische Verbindungen, wie wenigstens daraus hervorzugehen 
scheint, dass durch Aether ein Auszug erhalten wurde, welcher nach 
dem Verdunsten ein so unangenehmes resinöses Extract hinterlies, wel- 
ches jenen Geschmack auch zeigte, ohne metallhaltig zu sein. 

Um nun die Quantitäten der freien Säuren und schädlichen Metalle 
zu erfahren, wurden sehr verschiedene Heusorten von den verschieden- 
sten Grundstücken und Ortschaften einer quantitativen Untersuchung 
auf dieselben unterworfen und dazu folgende Methoden eingeschlagen. 

Es wurden stets grössere Mengen der Futterkräuter fein zerschnitten, 
innig gemengt, und alsdann zur Bestimmung der freien Säuren 10 Gram- 
men verascht, bei einer so gelinden Temperatur, dass dadurch keine 
Reduction der schwefelsauren Salze, wie auch keine Verflüchtigung der 
Chloralkalimetalle, eintreten konnte. 

Die Asche wurde mit Salpetersäure haltigem Wasser 'vollkommen 
erschöpft und aus diesem Auszug mit salpetersaurem Baryt die Schwefel- 
säure ausgefüllt, und mit salpetersaurem Silberoxyd das Chlor. Aus 
den erhaltenen Niederschlägen wurde nach dem Auswaschen und Glühen 
die in der Asche enthaltene Menge der Schwefelsäure und des Chlors be- 
rechnet, welche natürlich als gebunden an Basen darin vorhanden waren, 
da die Asche durch Gehalt von kohlensauren Alkalien alkalisch reagirte. 

Andere 10 Grammen der geschnittenen Futterkräuter wurden mit 
Salpetersäure haltigem Wasser ausgekocht und ebenso vollkommen an 
schwefelsauren Salzen und Chlormetallen erschöptt und aus den erhaltenen 
Auszügen mit genannten Reagentien die gesammte Menge der Sclrwefel- 
säure und des Chlors ausgefüllt, die Niederschläge aber mit Berücksich- 
tigung aller etwa darinnen vorhandenen organischen Verbindungen weiter 
behandelt, und so nach dem Glühen die Menge derselben bestimmt. 

Auf diese Weise ergab sich stets aus der Abkochung eine grössere 
Menge an schwefelsauren Baryt und Chlorsilber, als aus der Asche, und 
diese Differenz betrachtete ich als bedingt durch einen Gehalt an freien 
Säuren, veranlasst durch die saure Reaktion des Futters und die dadurch 
herbeigeführten Krankheitszustände. 

Dass nätürlicher Weise beim Veraschen auch die freien Säuren 
sich verflüchtigen mussten, war meine Absicht bei der Einschlagung 
dieses Verfahrens, allein es wurden doch auch chemische Zersetzungen 
der Salze dabei durch die Wirkung der Schwefelsäure auf die Chlor- 
metalle herbeigeführt, indem die Abkochung stets auffallende Differenzen 
an Chlor ergab, die desshalb auffallend waren, weil, wenn sie als freie 
Salzsäure in dem Futter vorhanden sein sollten, diese ihren Ursprung 
im Salzsäuregehalt des Hüttenrauchs haben müssten, was wenigstens in 
vielen Fällen und von den Hilbersdorfer Hütten ausgehend, nicht der 
Fall ist. Desshalb schreibt sich diese Differenz vorzugsweise van dem 
Freiwerden von Salzsäure bei dem Veraschen durch die freie Schwefel‘ 


112 
säure her, und wird man daher, um der Wahrheit näher zu kommen, 
diese Salzsäure auf ein Aequivalent an Schwefelsäure in Rechnung zu 
bringen haben.*) 

Ebenso wurden aus der Asche der Blei- und Kupfer-Gehalt bestimmt, 
Arsen und Antimon dagegen aus der Abkochung mit Salzsäure haltigem 
Wasser als Schwefelmetalle, stets unter Berücksichtigung der dadurch 
gleichzeitig gefällt werdenden organischen Verbindungen, die vor der 
Wägung erst beseitigt wurden. 

Auf diese Weise und wenn man die Differenz an Chlor auf Schwe- 
felsäure berechnet, fand sich, dass in 20 Pfund Heu, dem täglichen Fut- 
terquantum einer Kuh, die Menge der /reien Schwefelsäure, als Hydrat, 


*) Das Ziel dieses Verfahrens lief also darauf hinaus, durch die Veraschung dis 
freien Säuren zu verflüchtigen und in der Asche die Menge der gebundenen zu finden, 
und diese von der Gesammtmenge der Säuren im Futter abzuziehen, und aus der Dif- 
ferenz die Menge der freien Säure zu erfahren. 

Gegen die Richtigkeit dieses Verfahrens liesse sich einwenden, dass eine sehr kleine 
Differenz bei den zur Analyse verwendeten kleinen Quantitäten Substanz, berechnet auf 
eine grosse Masse, in demselben Verhältniss heranwächst, und desshalb überraschen 
kann, zumal es bekannt, dass 2 Analysen ein und desselben Körpers niemals vollkom- 
men übereinstimmen. — Dieser möglicher Weise sich einschleichende Fehler scheint 
mir aber deshalb hier nicht begründet, weil bei der grossen Zahl der angestellten Ana- 
lysen stets die Quantitäten der Säure in der Abkochung, dieselben in der Asche über- 
trafen, und zwar bei sehr verdächtigen Heusorten um sehr bemerkbare Differenzen, 
niemals aber das umgekehrte stattfand. Dies liesse sich nun zwar wieder dadurch er- 
klären, dass bei der Veraschung eine Verflüchtigung und Reduction eintreten könnte 
und dies stets zu Gunsten der Abkochung ausfallen müsse; dem glaubte ich durch die 
Art der Veraschung zu begegnen, welche bei so niederer Temperatur und auf offnem 
Blech unter Umrühren ausgeführt wurde, dass nicht gut an eine Verflüchtigung solcher 
Verbindungen, die schon eine bedeutende Glühhitze gebrauchen, zu denken war, wes- 
halb auch für diese Zwecke die Veraschung nicht bis zur vollkommenen Verbrennung 
der Kohle ausgedehnt wurde, und fand sich auch stets in der Asche noch Arsen, was 
für die niedrige Temperatur bei Gegenwart von Kohle wegen seiner leichten Reducir- 
barkeit und Flüchtigkeit spricht. 

Die Menge der freien Säure aber könnte dadurch vermindert werden, dass bei der 
Veraschung ein Theil der freien Säuren durch die sich bildenden kohlensauren Alkalien 
gebunden, und so nicht verflüchtigt würden, wenn nicht eine Verflüchtigung der ersteren 
schon bei einer so niedrigen Temperatur vor sich ginge, ehe noch die letzteren sich 
gebildet haben; die dadurch herbeigeführte Ditierenz würde natürlich, wenn man sie 
verfolgen könnte, dann nur die Menge der freien Säuren vermindern, und die der ge- 
bundenen vermehren, wie ebenso auch die etwa aus der Verbrennung des Schwefelge- 
haltes der Proteinverbindungen entstehende Schwefelsäure, welche stets in der Asche 
auftritt, sodass diese Verhältnisse nur zu Gunsten der Anwesenheit freier Säuren spre- 
chen, was wohl auch bei der Masse der verrösteten Schwefelerze als das natürliche er- 
scheint. Die Differenz durch das Verfahren selbst zu ermitteln, bemühte ich mich 
dadurch, dass ich Futter von anderen Gegenden und ohne alle saure Reaktion in seiner 
Abkochung auf diesem Wege untersuchte, und dabei für Schwefelsäure gerade das 
umgekehrte sich ergab, nämlich eine etwas grössere Menge in der Asche, für das Chlor 
aber dasselbe für die Abkochung, was in den entwickelten Gründen liegt. 


113 


zwischen 3 bis 8 Quentchen differirte, welches natürlich in der Entfer- 
nung der Wiesengrundstücke, den herrschenden Winden und stattge- 
fundenen Witterungsverhältnissen seinen natürlichen Grund hat. Die 
Menge des Bleioxyds in diesem Quantum differirte von 1 bis 21/. Quent- 
chen, der Arsenigen Säure von 5 bis 15 Gran. 

Auch finden sich stets geringe Mengen von Kupfer, Spuren von 
Zink und Antimon. 

Wegen der durch die Einwirkung der Säuren begünstigten Ver- 
witterung der Silicate des Bodens und der zunehmenden schwefelsauren 
Salze muss sich dies auch in dem Aschengehalte und der quantitativen 
Beschaffenheit desselben wieder ausdrücken, und wechselte die Menge 
der Asche verschiedener Heusorten zwischen 6 und 90% vom Gewicht 
des lufttrocknen Heu’s, im Mittel stellte sie sich auf 7,6 %% heraus, von 
welcher 3—4 °/) durch Kieselerde gebildet waren. 

Am auffallendsten aber ist die grosse Menge der schwefelsauren 
Salze in der Asche, sodass die darin als gebunden enthaltene Schwefel- 
säure von 0,s2 bis 1,08%’ vom Gewicht des lufttrocknen Heu’s, im Mittel 
aber 0,94 %o betrug, und stellt sich somit eine Vermehrung der Schwefel- 
säure als Salze in der Asche um das 5 bis 6fache heraus, denn dieselbe 
betrug in der Asche hiesiger Heusorten nur 0,16 % vom Gewicht des 
lufttrocknen Heu’s, während dagegen der Chlorgehalt sich nahe diesem 
gleich stellte. 

Es wird nun natürlicher Weise nicht mehr auffallen, dass durch 
den täglichen Genuss solchen Futters, bei den Quantitäten zumal, welche 
die Wiederkäuer davon aufnehmen, diese sehr bald die Wirkung der 
Bestandtheile des Hüttenrauchs erfahren und zeigt sich unter denselben 
sanz besonders und wesentlich die /reie Säure für den nachtheiligsten 
Bestandtheil. 

Wie es eine bekannte Erfahrung bei dem Menschen ist, welcher 
sich durch Aufnahme grösserer Mengen zumal von Mineralsäuren Bleich- 
sucht zuzieht, ebenso wird ein ganz analoger Zustand bei den Thieren, 
und zwar bei den Wiederkäuern herbeigeführt, welcher sich dadurch 
Kund giebt, dass die Haut ihre natürliche Farbe verliert, auffallend 
blass wird und ihre Elasticität einbüsst, das Haar sich struppig zeigt, 
der Ernährungszustand nicht vorschreitet, sondern im Gegentheil zurück- 
geht und mit ihm zugleich bei den Kühen die Ausbeute an Milch, welche 
so herabsinkt, dass die Thiere täglich 1 — 2 Kannen davon geben, 
welches Quantum natürlich so gering ist, dass durch das Halten von 
Milchvieh für die Besitzer nur Nachtheile entstehen müssen. 

Dabei ist eine Aufzucht auf den am schlimmsten getroffenen Ort- 
schaften gar nicht möglich, und der Verlust durch Stürzen beträgt bis 
50 0 vom Viehstand, wobei schlüsslich gewöhnlich Lungenkrankheiten, 
Tuberkeln auftreten. 


Der Einfluss der Säure macht sich noch recht deutlich bemerkbar 
Allg. deutsche naturhist, Zeitung. I, ) 


114 


in dem Verhalten des Harns, der Excremente und der Milch, welche 
meist sauer reagiren, während ihre natürliche Reaktion gerade umgekehrt 
ist. Der Harn ist dabei mehr oder weniger reich an Phosphaten, welche 
ebenfalls dem Harn gesunder Thiere fremd sind, und nur bei Krank- 
heitszuständen in demselben auftreten, ebenso erscheint er sehr blass 
und wässrig. 

Die Zxcremente sind ebenfalls sehr dünnbreiig, sauer und zeigt sich 
überhaupt vermehrte Ausscheidung durch den Darmcanal, öfter Durch- 
fall, sie zeigen gugleich einen sehr unangenehmen säuerlichen Geruch. 

Die Milch ist ebenfalls weniger substanziös, reagirt fast durchgängig 
sauer und ist daher gewiss weniger haltbar, obgleich sie nicht beim 
Aufkochen gerinnt. 

Dass diese Krankheitszustände, die ganz besonders durch den Herrn 
Professor Dr. Haubner speziell studirt worden sind und auf dessen Ver- 
anlassung ich mich obigen Beobachtungen und Untersuchungen der Fut- 
terkräuter unterzog, wesentlich durch die Wirkung der freien Säuren 
und nicht etwa der Metalle, herbeigeführt wurden, wodurch demnach 
eine veränderte Blutbeschaffenheit, die sich schon in der oft ganz ver- 
schwundenen alkalischen, ja selbst in einigen Fällen schwach sauren 
Reaktion desselben zeigte, und somit ein abgeänderter Stoffwechsel ein- 
trat, ging ebenso noch daraus hervor, dass der Inhalt der Obhrspeichel- 
drüsen, des Panzens, der Haube und des Psalters, wie alle Abtheilungen 
des Darmkanals sauer war, während die ersteren stets einen alkalischen 
Inhalt zeigen, wie nun ebenso sich dieser Zustand bald zu Gunsten ver- 
änderte, wenn die Thiere die ihnen zur Sättigung der aufgenommenen 
Mengen freier Säuren nöthigen Alkalien, in Form von Kreide oder 
Pottasche erhielten, oder wenn das Futter ohne Berücksichtigung der 
metallischen Bestandtheile mit Hülfe von Kalkwasser vor der Fütterung 
entsäuert, oder überhaupt mit gesundem Futter vertauscht wurde. 

Letzteres ist nun den betroffenen Ortschaften nicht möglich, weil 
sie die grosse Menge ihres schlechten und in der Umgegend verrufenen 
Futters nicht käuflich absetzen und somit vertauschen können, sie sind 
sogar zum Theil darauf angewiesen, der Anhäufung desselben durch einen 
vermehrten Viehstand zu begegnen, den sie stets nur mit grossen Opfern 
verbinden können, indem selbst die gesundesten und bestgenährten Thiere 
oft nach kaum einem Sommer der Wirkung des Futters unterliegen. 

So auffallend wie nun auch die Quantitäten Bleioxyd sind, welche 
täglich von den Thieren aufgenommen werden, und so leicht, wie man 
dadurch zu der Meinung veranlasst werden könnte, dass diese jeden- 
falls einen noch nachtheiligeren Einfluss auf den Gesundheitszustand 
der Thiere ausüben könnten, so wenig ist dies unter den hier gegebenen 
Umständen der Fall. 

Wie nämlich die Arbeiter in den Bleiweiss-, Bleizucker- und älın- 
lichen Fabriken, sich vor der Wirkung etwa eingeführter Bleisalze 


115 


dAurohR den Genuss von Schwefelsäurelimonade schützen, wie ebenso 
schwefelsaure Salze bekanntlich bei Bleivergiftungen als sicherstes Ge- 
genmittel ‚ wenn die Einwirkung desselben auf das Blut noch nicht zu 
weit vorgeschritten, betrachtet werden, so ist auch hier in dem Schwe- 
felsäuregehalt und deren Salzen schon das natürliche Gegenmittel gege- 
.ben und möchte ebenfalls das Blei des Futters schon als schwefelsaures 
Bleioxyd von den Thieren aufgenommen werden. Da nun dieses aber 
wegen seiner Unlöslichkeit nicht assimilirt wird, so muss es auch durch 
den Darmkanal wieder ausgeschieden werden, und dies bestätigte sich 
in der That bei der Untersuchung des Mistes, welcher bei allen 'Thieren 
reich an Bleiverbindungen, zum Theil als schwetelsaures Bleioxyd, zum 
Theil als Schwefelblei sich ergab und daher die Unschädlichkeit des 
Bleigehaltes im Futter bestätigte. 

Was für einen Antheil an.den Krankheitszuständen der Wieder- 
käuer die übrigen Metallverbindungen, wie des Arsens und des Kupfers 
haben ist mir unbekannt, doch weiss man bekanntlich, dass diese T'hiere 
wenig empfindlich gegen solche Metallgifte sind. 

Dass aber auch gerade die Wiederkäuer mehr unter jenen Verhält- 
nissen leiden, als andere Thiere, liegt in der einfachen Thatsache, weil 
sie von allen am meisten vom Heufutter geniessen, während die Pferde 
z. B. doch viel Körnerfrüchte erhalten, somit viel weniger von jenen 
Stoffen aufnehmen, und in dem anderweiten Futter sie vielleicht einen 
reichern Gehalt an Alkalien als Gegensatz empfangen. 

Es entstehen demnach für die Besitzer der vom Hüttenrauch getrof- 
fenen Fluren dreifache Nachtheile, einmal in der Beeinträchtigung der 
der Cultur unterworfenen Vegetabilien, andererseits in dem Krankheits- 
zustand und Verlust an Vieh und schliesslich in der Anhäufung von 
nicht verwerthbarem Futtermaterial, selbst Stroh. 

Wie wichtig es daher ist, bei der Anlegung technischer Etablisse- 
ments alle Verhältnisse zu berücksichtigen, welche auf das Pflanzen- 
und Thierreich einwirken können, zumal wenn dabei nachhaltig der 
Atmosphäre gewisse Stoffe beigemengt werden, geht aus diesen Betracht- 
ungen und Folgen hervor, und erscheint es daher als unumgänglich 
nothwendig, schädliche Stoffe dieser Art so vollständig wie möglich zu 
condensiren. da 

Eine gründliche Abhülfe solcher Uebelstände durch bereits beste- 
hende Etablissements kann daher auch nur durch die Condensirung der 
Bestandtheile des Hüttenrauchs herbeigeführt werden. 

In dem hier näher beleuchteten Falle gilt es aber ganz besonders 
die Entfernung der Schwefligen Säure zu bewirken, welche nun zugleich 
für die Unternehmer sehr vortheilhaft werden kann ‚ Indem damit die 
Fabrikation der englischen Schwefelsäure verbunden werden könnte, die 
bei der enormen Masse von dem in den Schwefelerzen enthaltenen 
Schwefel gewiss auch für die Kosten der Anlage und Veränderung in 

g* 


116 


der Einrichtung durch die daraus erhaltene Schwefelsäure reiche Zinsen 
tragen würde, zumal man in neuerer Zeit angefangen, aus solchen 
Schwefelerzen, wie aus Schwefelkies, den viel billigeren Schwefel darin 
zu diesem Zwecke zu benutzen, da die Schwefelsäure ein Product, dessen 
Consumtion zu technischen Zwecken immer im Steigen begriffen ist. 


Mikroskopische Analyse der Moorbäder zu Bad Elster 
im sächsischen Voigtlande, 


L. Rabenhorst. 


Die chemische Untersuchung der Trink- und Badewässer, sowie 
der Moorbäder zu Bad Elster im sächsischen Voigtlande hat so gün- 
stige Resultate gegeben, dass das vaterländische Bad in seinen chemi- 
schen Bestandtheilen und somit an Wirkung dem Franzensbade nicht 
nur gleichzustellen, sondern in mannigfacher Beziehung jenem sogar 
vorzuziehen ist. 

Der jetzige Standpunkt der Wissenschaft und resp. der Praxis for- 
dert aber, dass zu einer vollständigen Kenntniss der Bäder und Trink- 
wässer auch die mikroskopische Analyse gehöre, indem viele organi- 
sche Stoffe sich der chemischen Analyse entziehen, manche unorganische 
wohl aufgefunden werden, aber die Chemie kann nicht nachweisen, in 
welchem Zustande, in welcher Verbindung sie ursprünglich darin vor- 
handen waren. Es unterliegt zur Zeit überhaupt keiner Frage mehr, 
dass in vielen Fällen die mikroskopische Analyse viel schärfer, bezeich- 
nender ist und subtiler ausgeführt werden kann, als die chemische. 
Hierbei ist freilich vorausgesetzt, dass das Mikroskop richtig gebraucht 
und verstanden wird. 

Da ich vor einigen Jahren mehrere deutsche Mineralquellen und 
Moorbäder, darunter auch Franzensbad mikroskopisch analysirte, so 
war es mir von um so grösserem Interesse, auch Elster in dieser Be- 
ziehung kennen zu lernen und die Resultate mit Franzensbad verglei- 
chen zu können. 

Herr Dr. Flechsig, Badearzt zu Elster, unterstützte meine Arbeit 
auf das zuvorkommenste, er sandte mir wiederholt frische Moorerde 
von 1/2 — 2/2 Elle unter Tage, wie sie zu den Bädern verwendet wird. 
Die Untersuchung geschah in der Weise, dass zunächst 50 stecknadelkopf- 
grosse Proben von jedem Lager frisch analysirt wurden; darauf wurden 
die Erden geschlemmt, wiederum analysirt, dann geglüht und ge- 
schlemmt und nochmals analysirt. 


117 


Hierbei ergab sich, dass mehrere Organismen noch lebenskräftig 
darin enthalten waren, die keinenfalls dem Moore angehören konnten, 
sondern durch Tagwässer eingeschleppt oder einfiltrirt sein mussten. 
Um daher zu einem ganz ungetrübten Resultate zu gelangen, hielt ich 
die Untersuchung an Ort und Stelle mit Rücksicht auf die Tagwässer 
‘für unerlässlich. Ich ging zu diesem Zwecke im Sommer 1854 auf 
drei Wochen nach Elster und studirte zunächst die Tagwässer, von 
denen die Moorlager direct oder indireet gespeisst werden. Es fanden 
sich darin folgende lebende Organismen: 

a) Algen. 

Conferva rhypophila, C. affınis, Ulothrix variabilis, Draparnaldia 
glomerata, Leptothrix fontana, Oedogonium vesicatum, Spirogyra 
quinina. 

b) Desmidieen. 

Euastrum Rota, E. integerrimum, E. oblongum, Scenodesmus 
acutus, Sc. obtusus, Closterium Lunula, ©. striolatum, Xanthi- 
dium hirsutum, Penium lamellosum, Arthrodesmus convergens, 
Rhaphidium fasciculatum, Spirotaenia condensata. 

c) Diatomaceen (Bacillarien). 

Pinnularia oblonga, P. major, Navieula gracilis, N. sphaerophora, 
N. amphioxys, N. cryptocephala, Eunotia amphioxys, Ceratoneis 
Arcus, Himantidium Tetraodon, Synedra lunaris, S. Ulna, Stau- 
roneis Phoenicenteron, Gomphonema constrietum, Melosira va- 
rians, Achnanthes exilis, Tabellaria fenestrata, T. flocculosa. 

Nach Abzug dieser unter a, b, c, aufgeführten lebenden Organismen, 
die sich wenigstens theilweise in den oberen Schichten der Moorerde 
wieder fanden, ergaben sich folgende Resultate, die wir hier der Kürze 
wegen übersichtlich und vergleichend mit Franzensbad zusammen- 
stellen. 


Moor 1/, Elle unter | Moor 21/, Elle unter | Elster u. Franzens- | Elster eigenthümlich | Franzensbad eigen- 


ı elhafter Arten. | Achnanthes —? 


Fragmente. 


Tage. Tage. bad haben gemein:| angehörend sind: | thüml. angehörend: 
Coseinodiseus punc- | Coseinodiscus punc- | Pinnularia viridis. | Coseinodiseus punc- | Campylodiscus Cly- 
tatus. tatus. - nobilis. tatus. peus. 
Navicula fulva. Pinnularia viridis. - viridula. | Epithemia gibba. Epithemia granulata. 
- latiuscula. - nobilis Navicula fulva. Eunotia Diodon. Navicula eleptica. 
Pinnularia viridis. Eunotia Diodon. Surirella Solea. Navicula latiuscula. | Surirella Patella. 
- gracilis. Epithemia gibba. - striatula. | Stauroneisamphilep- !'Gomphonema_ clava- 
- nobilis. Dentieula thermalis. | Melosiva distans. ta. tum. 
Stauroneis amphi- | Stauroneisamphilep- | Gomphonema _ trun- Gomphonema Tri- 
lepta. ta. catum. dens (nov. sp.) 
Gyrosigma attenua- | Melosira distans. Dentieula thermalis. 
tum. Gomphonema  trun- 
Melosira distans catum. 
Achnanthes —? Surirella Solea. 
Fragmente zwei- - striatula. 


118 


Kleinere Mittheilungen. 


Das Foucaultsche Pendel. In der schweizerischen naturforschenden Ge- 
sellschaft in St. Gallen 1854 hat Prof. Dr. Delabar über die Erscheinung 
der Drehung der Schwingungsebene eines freischwingenden Pendels 
einen Vortrag gehalten und denselben in einem Schriftchen (der Fou- 
caultsche Pendelversuch u. s. w. St. Gallen 1855) veröffentlicht. Die 
Abhandlung zerfällt in drei Theile: 1) Theorie der Ablenkung, 2) Be- 
schreibung der zum Foncaultschen Experimente nöthigen Apparate, 3) 
Referat über die wirkliche Ausführung des Versuchs in der Domkirche 
zu ‚St. Gallen. Nach einigen kurzen Erörterungen über die Trägheit 
der Materie, Wirkung der Schwere und Umdrehung der Erde, folgt: 
„dass die scheinbare Abweichung der Schwingungsrichtung eines Pen- 
dels gegen einen auf dem Theilkreis des Beobachtungsortes beliebig ge- 
zogenen und anfänglich mit ihr zusammenfallenden Durchmesser an 
den Polen am grössten ist, und zwar nach Verfluss von einer vollen 
Umdrehung der Erde gerade: 360° beträgt, dass sie dagegen für Orte 
zwischen den Polen und dem Aequator um so geringer wird, je kleiner 
deren geographische Breite ist, und endlich, dass sie am Aequator selbst 
ganz verschwindet und also gleich Null ist.“ Hieraus wird zunächst 
die Vermuthung abgeleitet, dass „die Winkelbewegung der Schwing- 
ungsebene um die Vertikale des Aufhängepunktes gleich sei der Win- 
kelbewegung der Erde um ihre Achse während derselben Zeit multi- 
plieirt mit dem Sinus der geographischen Breite“ die Begründung die- 
ser Annahme ist, wie auch angedeutet wird, der Crahayschen (Pogg. 
Ann. B. 88) und in der Durchführung zum Theil der von Director 
Eschweiler (Foucaults Vers. Dr. Garthe) in Cöln gegebenen ähnlich. 
Alle diese Beweise jedoch sind nicht erschöpfend; denn nach den Unter- 
suchungen von Clausen, (Ueber den Einfluss der Umdrehung und der 
Gestalt der Erde auf die scheinbaren Bewegungen an der Oberfläche 
derselben. Bull.;: de St. Petersb. X. 17.) und namentlich von Hansen, 
(von der danziger naturforschenden Gesellschaft gekrönte Preisschrift) 
ist erwiesen, dass das Ablenkungsgesetz durch eine unendliche Reihe 
darzustellen ist, wovon jener dem Sinus der Breite proportinale Aus- 
druck nur das erste und allerdings überwiegende Glied ist. Bei nicht 
äusserst feinen Beobachtungen werden die Correctionsglieder sich mei- 
stens in die Beobachtungsfehler verstecken, und daher nicht besonders 
auffallen, wie dies auch bei dem erwähnten Experimente der Fall ge- 
wesen zu sein scheint. Diejenigen, welche sich mit dem Foucaultschen 
Experimente praktisch beschäftigen wollen, finden in dem Schriftchen 
eine ausführliche und deutliche Beschreibung der zur Anfertigung und 
Einstellung des Pendels zweckmässig construirten Apparate. — 

Nachdem Foucault beobachtet, dass ein auf der Drehbank einge- 
spannter dünner Metallstab in Schwingungen versetzt, während der 


119 


Drehung seine Schwingungsebene nicht mit der Drehung zugleich ver- 
ändere, hieraus auf die Unabhängigkeit der Schwingungsebene von der 
drehenden Bewegung des Aufhängepunktes geschlossen, um die Unab- 
hängigkeit derselben auch von der täglichen Umdrehung der Erde zu 
erkennen, Pendelversuche zuerst mit einem zwei Meter langen Pendel 
in einem Kellergewölbe, dann mit Anwendung eines Pendels von elf 
Meter im Meridiansaale der Sternwarte zu Paris gemacht, die Abweich- 
ung annähernd gleich dem Produkte aus der Winkelbewegung der Erde 
in den Sinus der geographischen Breite des Aufhängepunktes gefunden 
und (1851) diese Resultate der Academie zu Paris mitgetheilt hatte 
(©. R. XXXIL. 135.): wurden sowohl über die Begründung einer Theorie 
der scheinbaren Drehung der Pendelebene, als auch über die Construe- 
tion eines für die Beobachtung dieser Erscheinung geeigneten Apparates 
Forschungen und Versuche zahlreich angestellt und veröffentlicht. 


Binet zeigt in einer Abhandlung „Ueber die Bewegung des ein- 
fachen Pendels mit Rücksicht auf den Einfluss der täglichen Umdreh- 
ung der Erde“, (EC. R. XXXII. 157.) die Uebereinstimmung der von 
Foucault gemachten Entdeckung mit den Poissonschen Gleichungen 
und findet dadurch die Nothwendigkeit der scheinbaren Drehung der 
Pendelebene auf analytischem Wege. 

Ebenfalls analytisch wird dieser Gegenstand behandelt von Thäker, 
„Ueber die Bewegung eines freien Pendels“ (Phil. Mag. IH. 275.) und 
von Tebay, „Ueber den Einfluss der Drehung der Erde auf die Beweg- 
ung des Pendels“ (Phil. Mag. I. 376.) 

Bravais „Ueber die Systeme, in welchen rechtsdrehende und links- 
drehende Schwingungen nicht auf gleiche Weise vor sich gehen“ (C. 
R. XXXII. 166) beweist, dass in der geographischen Breite von Paris 
der Secundenpendel bei der kreisförmigen Schwingung von Ost durch 
Süd nach West, dem von West durch Süd nach Ost schwingenden Pen- 
del in einem Tage um ungefähr drei Secunden vorauseilen müsse. Man 
findet den Unterschied welcher nach 24 Stunden bei diesen entgegen- 
gesetzten Bewegungsrichtungen entsteht, indem man mit zwei vollstän- 
digen Schwingungen (4 x) den Sinus der geographischen Breite des Auf- 
hängepunktes multiplicirt. 

Coombe liefert zu dem Satze, dass die Abweichung der Pendelebene 
dem Sinus der geographischen Breite proportional sei, in der Abhand- 
lung „Ueber die Umdrehung der Erde“ (Phil. Mag. I. 554.) durch geo- 
metrische Constructionen leicht verständliche Beweise. 

Auch Marignac „Bemerkungen über die Versuche Foucaults in Be- 
zug auf die durch die Bewegung der Erde hervorgebrachte Ablenkung 
der Schwingungsebene eines Pendels“ (Arch. d. sei. phil. et nat. XVIL 
116.) verbindet den Beweis für das so eben genannte Gesetz mit geo- 
metrischen Anschauungen. 


120 


Man beobachtet am schwingenden Pendel nach einiger Zeit eine 
elliptische Bewegung, statt der ursprünglichen geradlinigen, eine 
Fortschreitung der Apsidenlinie und Verkürzung der Axen. Clausen 
und Hansen führen die. Elemente der Gestalt der Erdoberfläche, der 
Umdrehung der Erde und des Luftwiderstandes in die analytische Unter- 
suchung ein, und finden das Foucaultsche Sinusgesetz in der täglichen 
Umdrehung der Erde. Die Gestalt der Erdoberfläche und der Luft- 
widerstand liefern ihnen die Correctionsglieder der Reihe. 

Die „Pendelversuche“ von Bunt (Phil. Mag. I. 582; II. 37, 81, 158) in 
der St. Niecolaikirche zu Bristol (51° 27° Br.) mit einem Pendel von 
53 Fuss Länge ergeben in annähernder Uebereinstimmung mit den Be- 
rechnungen von Galbraith und Haughton die Bewegung der Pendelebene 
in einer Stunde 113/a Grad. 

Cox zeigt in „Beweis der Umdrehung der Erde mittels zweier 
Pendel“ (Athen 1851. pag. 504), dass die Abweichung der Pendelebene 
durch Anwendung von zwei Pendeln schneller und leichter erkannt 
werde, als dies durch Beobachtung eines Pendels zu ermöglichen sei. 
Die beiden Pendel werden so construirt, dass sie sich gegenseitig in 
ihrem Schwingen nicht stören. Man verbindet die Gewichte durch einen 
Faden, durch dessen Abbrennung die Pendel zu schwingen beginnen. 
Beider Pendel Schwingungsebenen fallen anfänglich in eine Ebene und 
das: Auge, welches sich in dieser Ebene befindet, erblickt zu dieser 
Zeit auch nur einen Faden. Bald aber werden die Ebenen der beiden 
Pendel sich schneiden, die Fäden sich kreuzen, da jede Ebene sich um 
den Aufhängepunkt ihres Pendels dreht. 

Einen Unterschied in der Geschwindigkeit, mit welcher die Ablenk- 
ung erfolgte, je nachdem man die Schwingungen im Meridian oder in 
einer zu der Meridianebene senkrechten Ebene beginnen liess, beobach- 
teten Dufour, Warlmann und Marignac zu Genf. Die Ebene drehte 
sich bei anfänglicher Schwingung im Meridian in 2,351 Stunden, bei 
anfänelicher Schwingung in der zur Meridianebene senkrechten Ebene 
in 2,110 Stunden um 25 Grad. Dufour: „Ueber die scheinbaren Ab- 
lenkungen der Schwingungsebene des Pendels bei dem Fonucaultschen 
Versuche“ (©. R. XXXID. 13). AMarignac: „Ueber die zu Genf ange- 
stellten Pendelversuche“. (Arch. d. sei. phil. et nat. XVII. 196.) 

Die Centrifugalkraft ist bekanntlich am Aequator am grössten, sie 
beträgt hier Yso g. Mit der Entfernung vom Aequator nach den 
Polen nimmt dieselbe ab. Die eine Componente derselben fällt in die 
Richtung der Schwere, die andere südlich in die Horizont-Ebene. Das 
Pendel, welches von Westen nach Osten schwingt, bringt bei seinem 
Gange von Westen nach Osten seine eigne Geschwindigkeit mit der 
Geschwindigkeit der Erddrehung in vergrössernde Verbindung. Hier- 
durch wird die Centrifugalkraft vermehrt und das Pendel schwingt in 
einer Curve, welche von der anfänglich geraden Schwingungslinie aus 


121 

nach Süden hohl ist. Bei der Schwingung von Osten nach Westen 
tritt der entgegengesetzte Fall ein. Hieraus erklärt sich die ellipti- 
sche Schwingung des Pendels. Die grosse Axe der Ellipse, welche da- 
bei in den Enden eine Wendung nach Südost und Nordwest erhält, 
zeigt‘die Richtung der Schwingungsebene. Diese wirkliche Bewegung 
tritt zu der scheinbaren hinzu, und hierdurch wird die Ablenkung ver- 
grössert. 

Lampray und Scham geben in „Bericht über Pendelversuche, ange- 
stellt auf Ceylon“, (6° 56‘ 6“ Br.) (Phil. Mag. IH. 410.) die Resultate 
von elf Versuchen, welche mit der berechneten Grösse von stündlich 
1,3 Grad nahe übereinstimmen. 

Walker bringtin seinen „Bemerkungen über Foucaults Pendelversuch“ 
(Rep. of the brit. assoc. 1851. 2. pag. 19.) ein neues Element in Unter- 
suchung. Wenn die Schwingungsebene sich dem magnetischen Meri- 
dian nähert, so vergrössert sich die scheinbare Bewegung der Schwing- 
ungsebene, und es verkleinert sich diese mit der Entfernung derselben 
von ihm, mit der Annäherung zu der auf der Ebene des magnetischen 
Meridians senkrechten Ebene. 

Die Fallversuche von Benzenberg und Reich und Anderen zeigten 
die Abweichung der gefallenen Kugeln von der Verticalen nach Osten, 
und bestätigten die von Newton und Hook zuerst durch Schlüsse gefun- 
denen Gesetze dieser Fallerscheinung. Guyot giebt in der Abhandlung: 
„Das Pendel ist nicht lothrecht zur Oberfläche ruhender Flüssigkeiten“ 
(©. R. XXXTI. 705.) an, dass nicht nur fallende Körper, sondern auch 
die Pendel von der Verticalen bemerkbar abweichen. Das zu diesem 
Versuche im Pantheon zu Paris aufgehangene Pendel hatte 172 Fuss 
Länge und wich ungefähr um zwei Linien von der Verticalen ab. 
Die Beobachtungen wurden durch Spiegelung des Pendellothes in einer 
horizontalen Ebene angestellt und zwar mittels Kugeln, welche am Pen- 
delfaden dicht unter dem Aufhängepunkt und über dem Gewicht ange» 
bracht, mit ihren Spiegelbildern eine gebrochene Linie bildeten, so dass 
die obere um 41/3 Millimeter nach Norden durch eine Schraube fort- 
geschoben werden musste, damit die beiden Kugeln mit den Spiegel- 
bildern in einer geraden Linie erschienen. 

Um das Pendel längere Zeit in Schwingung zu erhalten, verband 
Franchot die horizontale Schwingung des Pendels mit einer durch eine 
Spiralfeder hervorgebrachten vertikalen Schwingung. Wenn nämlich 
diese beiden Schwingungen in passenden Zeitverhältnissen erfolgen, so 
wird die Dauer der horizontalen Schwingungen dadurch verlängert. In 
der Mittheilung: „Pendel mit fortdauernder Bewegung“ (C. R. XXX. 
768.) wird ein Apparat beschrieben, durch welchen mit Anwendung 
eines galvanischen Stromes verticale Schwingungen erzeugt werden, die 
durch eine Spiralfeder auf das Pendelgewicht übertragen, auf diese 
Weise das Pendel in seiner horizontalen Bewegung erhalten. 


122 


Henderson giebt ein Veranschaulichungsmittel der scheinbaren Dreh- 
ung. der Schwingungsebene bei der Bewegung der Erde in „Beschreib- 
ung des Geotropeskopes, eines Apparates, um das Princip des Fou- 
caultschen Versuches sichtbar zu machen“ (Mech. Mag. LIV. 471.) 
an. Ueber einer runden um ihren Mittelpunkt drehbaren Scheibe wird 
durch einen umgebogenen am Rande derselben befestigten Stabe ein 
Pendel so angebracht, dass die Spitze des Pendelgewichtes genau über 
dem Mittelpunkte der Scheibe steht. Wird nun das Pendel in Beweg- 
ung gesetzt und zugleich die Scheibe gedreht, so zeigt sich, dass die 
Schwingungsebene an dieser Drehung nicht Theil nimmt, mithin die 
Drehung des Aufhängepunktes auf die Richtung der Pendelschwing- 
ungen keinen Einfluss ausübt. 

Kohn beschreibt in der Mittheilung: „Pendel ohne Uhrwerk längere 
Zeit schwingend zu erhalten“ (Dingl. p. J. CXXI. 317.) einen Apparat, 
welcher auf magnetischen Wirkungen basirt. Er sagt, ein Pendel, 
welches an einer offenen Taschenuhrfeder aufgehängt, während 69 Minu- 
ten in Schwingung blieb, verharrte 16 Stunden in schwingender Beweg- 
ung, als die Spirale am oberen Ende in eine feine Spitze auslief, die 
vom Pole eines Magneten angezogen wurde. 

In dem Werke: Die Fortschritte der Physik ete. Dargestellt von 
der physikalischen Gesellschaft zu Berlin. VI. u. VIl. Jahrg. Redigirt 
D. A. König und Prof. Dr. W. Beetz. Berlin 1855. findet man eine 
ausführliche Zusammenstellung der über das Pendel erschienenen Ab- 
handlungen theils mit Inhaltsangabe theils in Auszügen. — 

Verschiedene Vorrichtungen, durch welche man die Unabhängigkeit 
der Schwingungsebene von der drehenden Bewegung des Aufhänge- 
punktes anschaulich darstellen kann, sind angegeben von Sylvester (C. 
R. XXXIH. 40), Baudrimont (C. R. XXXI. 307), Poinsot (©. R. XXX. 
206), De Tessan (C. R. XXXI. 504), Sire (C. R. XXXV. 431), Porro 
(C. R. XXXV. 855), Marx (Pogg. Ann. LXXXIU. 302), Krüger (koge. 
“Ann. LXXXIV. 151), Hamann (Pogg. Ann. LXXXVII. 614). 

Prof. Delabar zeigt in seiner oben angeführten Abhandlung ein aus 
No. 11. des Unterhaltungsblattes zur Zeitung „der Deutsche“ von 1854 
citirtes Verfahren an, durch welches man mit in einem ruhigen, festste- 
henden Gefässe ee Wasser ebenfalls die Rotation der Erde 
sichtbar machen könne. „Man nehme ein grosses offenes Gefäss, z. B. 
eine weite Glasschale, fülle dasselbe beinahe bis oben mit Wasser und 
setze es an einem ganz ruhigen Orte auf den Boden eines Zimmers im 
Erdgeschoss, wo Eike Luftströmungen, noch andere Erschütterungen 
stattfinden. Nachdem daselbst die Oberfläche des Wassers scheinbar 
vollkommen ruhig geworden, pudere man auf dieselbe mittels eines 
Läppchens eine dünne Schicht Bärlappsaamen, jedoch so, dass sie nicht 
ganz den Rand der Schale erreicht. Hierauf streue man, etwa mit einer 
zusammengefalteten Karte, einen Strich von Kohlenpulver über die 


- 


Mitte der Bärlappenschicht, und endlich mache man am Rand des Ge- 
fässes in der Richtung der schwarzen Linie ein Zeichen, oder lege über 
und parallel mit ihr ein Stäbchen diametral auf den obern Rand des- 
selben, um zu sehen, ob und wie dieselbe ihre Lage ändere. Nach 
einiger Zeit wird man alsdann wahrnehmen, dass Aa schwarze Strich 
der Lycopodiumschicht sich scheinbar von Böchtk nach Links herum- 
bewegt, woraus man zu schliessen berechtigt ist, dass die Erde sich 
um ihre Axe und zwar gerade umgekehrt von Links nach Rechts oder 
von Westen nach Osten dreht.“ 


Die Schlangen Nordamerika’s.. Herr Dr. Benno Matthes, welcher 
behufs naturwissenschaftlicher Forschungen sich längere Zeit im Nord- 
amerika aufgehalten hat, macht uns folgende Mittheilung: 


„In der im Januar 1853 von den Professoren 8. F. Baird und C. 
Girard bearbeiteten und durch Smithsonian Ynstitution zu Washington 
herausgegebenen Monographie, die Schlangen Nord-Amerikas betreffend, 
ergiebt sich, dass bis jetzt in jenem Lande nicht weniger als 119 Schlan- 
genarten entdeckt und beschrieben worden sind, und zwar 18 Species 
Giftschlangen und 101 Species giftlose Schlangen. Unter den Gift- 
schlangen befinden sich allein 7 Species eigentliche Klapperschlangen 
(Crotali), 5 Species Schwirrschlangen (Crotalophori), 1 Species Acki- 
strodon, 2 Species Toxicophis und 3 Species Elapiden. Von den gift- 
losen Schlangen gehören zu dem Genus Eutainia allein 16 Species, zu 
Nerodia 10 Species, zu Regina 4 Species, zu Heterodon 6 Species, zu 
Pituophis 6 Species, zu Scotophis 8 Species, zu Ophibolus 9 Species, 
zu Georgia 2 Species, zu Bascanion 5 Species, zu Masticophis 6 Species, 
zu Leptophis 2 Species, zu Diadophis 5 Species, zu Tantilla 2 Species, 
zu Storeria 2 Species, zu Wenona 2 Species und zu Bena 2 Species; 
die Genera: Ninia, Salvadora, Chlorosoma, Contia, Lodia, Sonora, Rhi- 
nostoma, Rhinochelus, Haldea, Faraneia, Abastor, Virginia, Celuta, 
Osceola sind nur durch einzelne Species vertreten. 

Vor 1853 waren nur 65 Species von Schlangen in Nordamerika be- 
kannt, demnach ist durch genauere Untersuchung die Zahl noch um 
54 vermehrt worden, hierzu aber wurde die Aufstellung von 22 neuen 
Genera nothwendig. Sämmtliche 119 Species von Schlangen befinden 
sich im Museum von Smithsonian Ynstitution.“ 


Ueber die Bernerde in der Braunkohle von Ouatitz bei Bautzen ist 
uns von Herım E. v. Otto auf Possendorf folgende Mittheilung gemacht 
worden: 

„In einer Lage erdiger Braunkohle an oben genanntem Orte finden 
sich Einsprengungen einer mehligen, gelblichen Substanz, welche gerie- 
ben nicht nur einen Harzgeruch giebt, sondern sich auch wie pulveri- 
sirtes Colophonium anfühlt. Man hat diese Masse Bernerde genannt. 


Glocker subsummirt in seinem Grundriss der Mineralogie und Geognosie 
Nürnberg 1839, die Bernerde von Zittau, Muskau, Wettin der erdigen 
Braunkohle, und unterscheidet sie von lezterer nur durch ihren ange- 
nehmen Geruch bei dem Erwärmen. 


Durch die Güte des Hrn. v. Gersheim in Bautzen gelangte ich in 
den Besitz mehrere Handstücke erdiger Braunkohle mit zahlreich ein- 
gesprengter Bernerde von Quatitz. Durch Freundes Hand (Hrn. Oeck.- 
Commiss. Lehmann) liess ich nun diese Bernerde chemisch untersuchen 
und erfuhr folgende Resultate. 


I. Zei Erhitzung auf Platin schmolz die Masse und entwickelte gelbe, 
nach Harz stark riechende Dämpfe, welche sich leicht entzündeten, und 
mit leuchtender, stark russender Flamme verbrannten. Die rückstän- 
dige Kohle hinterliess bei fortgesetzter Verbrennung nur wenig Asche. 


ll. Bei der Behandlung mit Weingeist wurde im kalten Zustande ein 
Theil der Masse aufgelöset und färbte die Masse lichtgelb. Noch voll- 
ständiger erfolgte die Auflösung in heissem Weingeiste. Der ausgesüsste 
und getrocknete Rückstand hatte die Farbe der übrigen Braunkohle, 
verbrannte ohne Flamme, und seine Dämpfe rochen wie brennende 
Braunkohle. 

Der Weingeistauszug opalisirte mit Wasser gemengt, und hinterliess 
bei dem Verdampfen eine glänzend braungelbe Masse, welche, im Por- 
zellantiegel verbrannt, dieselben gelben, nach Harz riechenden -Dämpfe, 
wie bei No. I., zeigte. Die sich hierbei bildende Kohle hinterliess bei 
weiterer Verbrennung keine Asche. 


III. Die trockene Destillation liess eine Menge braunen Theers und 
Wassers entstehen; doch bildeten sich hierbei im Retortenhalse keine 
Krystalle von Bernsteinsäure. 


Der Theer roch wie Steinöl und lösete sich leicht im Weingeist. 


IV. Wasser vermochte die Masse weder kalt, noch warm zu lösen. 


Aus Obigem scheint hervorzugehen, dass die sogenannte Bernerde 
aus Quatitz, da sie aller Bernsteinsäure entbehrt, aus andern fossilen 
Harzen, als aus Bernstein, entstanden sein müsse, dass dieselben aber 
sehr reich an ätherischen Oelen waren, da sie trotz ihrer Zersetzung in 
erdige Masse immer noch deren enthalten, was der liebliche Geruch bei 
ihrer Verdampfung beurkundet. 


Dass nicht alle für Bernstein ausgegebenen fossilen Harze eigent- 
[3 * * . . .. fa T + € 1 - 
licher, wirklicher Bernstein sind, führt Prof. Naumann schon an. (Ele 
mente der Mineralogie. Leipzig 1852. Seite 436.) 

Bei wiederholt sorgfältiger Betrachtung vieler vorliegender Hand- 
stücke solcher Braunkohle mit eingesprengter Bernerde aus Quatitz fand ich 


125 


a) dass diese letztere sich fit stets in spitzovaler Form vorfindet, 

b) dass an mehrern gut erhaltenen Exemplaren sich noch eine schalige 
Absonderung mit im Mittel meist orangegefärbtem Kern zeigt, 
Fig. 1. 2. 3. 4. 6.7.12. 

c) dass, wenn sie aus der sie umhüllenden Braunkohle herausgebohrt 
wird, die Hohlung, in welcher sie lag, ebenfalls diese spitzovale, 
bohnenartige Form erblicken lässt, Fig. 5., 

d) dass unregelmässige, eckige Exemplare entweder schon vor ihrer 
Zersetzung destuirt waren, oder durch ungünstigen Bruch der Braun- 
kohle diese regellose Form erhielten, Fig. 8. 9. 10. 11. 


2. 2. 3. 4. 5. 6. 


Oo. 


7. 8. 9. 10. 11. 12. 


Es scheinen demnach Früchte gewesen zu sein, welche ihrer Leich- 
tigkeit wegen schwammen und an einen Ort zusammen geschwemmt 
wurden; ihres Harzreichthums, Form und Grösse wegen aber wohl Coni- 
feren angehört haben dürften, wie uns z. B. die Jetztwelt bei Pinus 
pinea liefert, oder einsamige Nüsse mit fleischiger Hülle irgend einer 
frühern Eiben-Art gewesen sein könnten. 

Betrachtet man die Blüthenkätzchen und jungen Zapfen noch leben- 
der Coniferen-Arten, wird man fast an allen starke Harz-Ausschwitzungen 
bemerken, dadurch liesse sich auf den grossen Harzreichthum dieser 
einstigen Früchte folgern.“ 


Reflexionstöne nennt J. J. Oppel diejenigen, welche durch unter be- 
stimmten Umständen hinreichend schnell auf einander folgende reflec- 
tirte Wellen eines einfachen Schalles erzeugt werden. Wenn in einiger 
Entfernung von einem in gerader Linie stehenden die Schallwellen re- 
Hectirenden Gitter ein Schall erzeugt wird, so werden die um den Ent- 
stehungspunkt des Schalles concentrisch fortschreitenden Schallwellen 
nicht zu gleicher Zeit an die einzelnen Stäbe des Gitters anschlagen, 
sondern zuerst bei demjenigen Stabe anlangen, welcher im Berührungs- 
punkte der Gitterlinie und der Schallwellenkreise sich befindet. Von 
diesem Stabe aus werden zuerst die Schallwellen reflectirt, hierauf von 
dem ihm zunächststehenden u. s. w. Bei geigneter Stellung aber wird 
ein Hörer die reflectirten Schallwellen in unmittelbar auf einander fol- 


126 


genden Zeitmomenten und (bei hinreichender Nähe der Gitterstäbe an 
einander) ohne dieselben zu unterscheiden wahrnehmen. Diese zusam- 
menhängende Reihe von an den einzelnen Stäben immer neu entstehen- 
den Schallwellen bildet den Ton. Es wird also durch einen Schall mit- 
tels Reflexion ein Ton erzeugt. Die Abhandlung, in welcher Oppel 
diese Entdeckung veröffentlicht hat, befindet sich in Poggendorfs Anna- 
len, XCIV. Bd. 3. Hft.: „Beobachtungen über eine neue Entstehungs- 
weise des Tons, und Versuch einer Theorie derselben.“ Es ist diese 
Wahrnehmung vom Verfasser dieser Abhandlung bei einem Schusse in 
der Nähe eines Eisengitters wahrgenommen worden. Er sagt hierüber 
selbst: „die durch den Schuss hervorgebrachte einfache Schallwelle brei- 
tet sich in bekannter Weise um den Punkt ihres Ursprungs mit gleich- 
mässiger Geschwindigkeit kreisförmig aus, und erreicht bei dieser Aus- 
breitung nach einem gewissen Zeitintervall das erwähnte aus gleichweit 
von einander entfernten Stäben bestehende Gitter des Brückengeländers. 
Der Punkt desselben, bei welchem sie zuerst anlangt, wird ohne Zwei- 
fel derjenige sein, der ihrem Ursprunge am nächsten liegt, .... (es 
sei dieser Punkt der Anfang des Gitters) ... ..., dass dieser Stab das 
Centrum einer neuen, freilich viel schwächeren Welle bildet, die sich 
von ihm aus gleichfalls kreisförmig verbreitet und von dem in der 
Nähe befindlichen Hörer — wäre jener, Stab der einzige — als ein 
schwaches Echo des Knalils vernommen werden würde. Nun aber wird 
die ursprüngliche, durch den Schuss hervorgebrachte Schallwelle, einen 
Augenblick später, in gleicher Weise auch bei dem zweiten Stabe des 
Gitters anlangen, und auch an diesem eine ähnliche Reflexion erleiden, 
also ein ähnliches Echo des Schalls hervorbringen, welches aber das 
Ohr des Hörers in einem so kurzen Zeitintervalle nach jenem ersten 
treffen muss, dass es von ihm nicht unterschieden werden kann und 
ohne Zweifel — wären blos diese zwei Stäbe vorhanden, — nur als eine 
mässige Verstärkung des ersten Echo’s erscheinen. würde. Die unab- 
lässig weiter gehende Verbreitung der ursprünglichen Schallwelle aber 
wird, gleich darauf auch bei dem dritten Stabe anlangend, auch diesen 
wiederum zu einem neuen Wellencentrum machen . . . . auch der vierte, 
fünfte, sechste Stab des Gitters ... . . jeder derselben wird durch Re- 
flexion eine einfache Welle liefern und jede dieser Wellen wird das 
Ohr des Hörers etwas später treffen müssen, als die durch den vorher 
gegangenen Stab hervorgerufene; ..... Bei dem geringen Abstande der 
Stäbe aber und der sich daraus ergebenden noch geringeren Differenz 
der Wege .... verglichen mit der normalen Fortpflanzungsgeschwindig- 
keit des Schalles in der Luft, wird es vollkommen .begreiflich werden, 
dass die von den verschiedenen Stäben ausgegangenen Stösse oder 
Wellen nicht unterschieden, nicht einzeln vernommen werden können, 
sondern vielmehr in ihm genau denselben Eindruck hervorbringen 
müssen, wie eine continuirliche Reihe rasch auf einander folgender 


127 


Stösse, d. h. wie die eontinuirliche Wellenreihe eines musikalisch bestimm- 
baren Tones.“ Es sind hierbei zwar die Intervalle nicht gleich, was 
für einen deutlichen bestimmten Ton erforderlich, aber je zwei benach- 
barte Zeitintervalle werden nahezu gleich sein. Der Ton wird als jım 
Sinken begriffen wahrgenommen werden. Die allmählig auftretende 
Ungleichheit der Schwingungen, die allerwärts an Gleichheit streift, ver- 
leiht dem Tone den Charakter des Artikulirten, und dies hat er mit den 
durch thierische Stimmorgane erzeugten Tönen gemein. — Mit Berück- 
sichtigung der Gitterweite, Grösse und Richtung der Entfernung der 
Schallquelle und des Hörers werden allgemeine und durch Zahlenbei- 
spiele erläuterte ausführliche Berechnungen der Tonhöhe und Ton- 
stärke angestellt. Hierbei ergiebt sich z. B. aus den Berechnungen, 
dass „wenn der Hörer stets bei dem Schiessenden bleibt, die Tonhöhe 
direet proportional der Entfernung beider vom Anfange des Gitters ist. 
Entfernen sich beide um das Doppelte vom Gitter, so wird der Ton 
um eine ÖOctave, entfernen sie sich nur um die Hälfte ihres vorigen 
Abstandes, so wird er um eine Quinte höher werden müssen u. s. w. 
Bleibt der Hörer an seinem Ort, während der Schiessende sich entfernt, 
so nimmt die Tonhöhe in einem langsameren Verhältnisse zu als diese 
Entfernung. Dasselbe muss natürlich auch stattfinden, wenn der Schies- 
sende seinen Platz behauptet und blos der Hörende sich allmählig ent- 
fernt oder nähert“; würde Jemand, welcher an einer Stelle bleibt, die 
Töne des Durdreiklanges durch diese Reflexionstöne wahrnehmen wol- 
len, so müsse er bei ungefähr einem Fuss Gitterweite der Stäbe, sich 
und den ersten Schützen 105‘ den zweiten Schützen 175’ und den drit- 
ten 315° vom Gitter entfernt aufstellen. 


„Ueber die Vertheilung der Regen in den gemässigten Zonen“ befin- 
det sich in Poggendorffs Annalen XUIV. Bd. 1. Hit. 42 bis 59 S. eine 
Abhandlung von 4. W. Dove. Es sind derselben Tabellen: „Regen- 
menge in englischen Zollen in Nordamerika“ (68 Beobachtungsorte), 
„Staat New-York“ (62 Beobachtungsorte), „Preussen“ (40 Beobachtungs- 
orte), „Russland“ (21 Beobachtungsorte) beigegeben, worin mit Angabe 
der geographischen Länge und Breite der Beobachtungsorte in Amerika 
und Russland die mittlere Regenmenge für die einzelnen Monate, für 
die Jahreszeiten und für das ganze Jahr (aus der verschiedenen Anzahl 
der Jahre, während welcher die Beobachtungen angestellt wurden) an- 
gezeigt ist. Nach einer genauen Erörterung der klimatischen und an- 
deren Einflüsse auf die an einem Orte fallende Regenmenge und aus- 
führliehen Beurtheilung gegebener Thatsachen folgen allgemeine Be- 
trachtungen, aus denen hier nur einige Sätze mitgetheilt werden können : 
„An keiner Stelle der Erde verändert sich die Physiognomie des Landes 
so schnell, als in der neuen Welt. Reich bebaute Felder umgeben 
bevölkerte Städte, wo vor wenigen Jahrzehnten kaum ein menschlicher 


128 


Laut die Stille des Urwaldes unterbrach. An derselben Stelle, wo heute 
ein einsames Fort die erste Stelle fester Ansiedelung bildet, wird viel- 
leicht in wenigen Jahren schon das lebendige Treiben einer städtischen 
Gemeinschaft sich geltend machen. Auf diese Weise entstehen zunächsi 
Culturoisen in der gleichförmigen Bedeckung des Waldes, die sich so 
vergrössern, dass zuletzt der Wald selbst in vereinzelte Gruppen zer- 
fällt. Wird dies ohne Einfluss auf die Regenverhältnisse sein? Lässt 
sich diese Frage irgendwo für die gemässigte Zone beantworten, so ist 
es in Amerika. Verdichtet der durch den Tabakbau erschöpfte Boden 
von Virginien so viel Wasserdampf zu Regen als damals, wo er noch 
mit Wäldern bedeckt war? Wir wissen es nicht; aber bieten nicht die 
neuen Staaten Gelegenheit, dieselbe Frage zu beantworten? Für die 
tropischen Gegenden wissen wir, welchen Einfluss die Verwüstung äus- 
sert, die man ÜCultur des Landes nennt. Die Inseln des grünen Vor- 
gebirges und die Canaren haben, als der Urwald unter der Axt der 
europäischen Ansiedler fiel, oder wie auf den Azoren niedergebrannt 
wurde, sich immer mehr und mehr in nakte Felsen verwandelt, denn 
mit dem Walde, der sie bekleidete, sind die Regen verschwunden oder 
seltner geworden, welche, als er noch den Boden beschattete, die Erde 
tränkte.“ „Steht die Sonne über der wasserreichen südlichen Erdhältte, 
so wird ein grösserer Antheil der durch sie erregten Wärme gebunden, 
als wenn sie im nördlichen Zeichen verweilend, eine überwiegend feste 
Grundlage bestrahlt. Der Wasserdampf, welcher sich von der Herbst- 
nachtgleiche bis zur Frühlingsnachtgleiche über der südlichen Erdhältte 
in überwiegendem Maase entwickelt, kehrt in der anderen Hälfte des 
Jahres zur Erde als Regen und Schnee zurück und zwar überwiegend 
auf der nördlichen Erdhälfte. Wenn aber unter der Hand des Men- 
schen locale Unterschiede des Bodens immer mehr verschwinden, so 
wird zwar dieselbe Wassermenge herabtallen, aber vorzugsweise geregelt 
durch allgemeine Verhältnisse aus einer mehr gleichförmigen, ich möchte 
lieber sagen unregelmässigen Vertheilung der Menge des herabfallen- 
den Wassers wird der Gegensatz einer trockenen und einer Regenzeit 
sich entschiedener herausstellen.“ „Wenn die Ausrottung der Wälder 
und die Cultur des Landes die Ursachen vermindert, welche den Was- 
serdampf. bestimmen, aus der luftförmigen Form in die tropf bare über- 
zugehen, so ist es klar, dass, wenn wir in Beziehung auf die Bebauung 
des Landes sehr verschiedene Gegenden, an welchen aber die Regen- 
menge gleich ist, mit einander vergleichen, der Ort, welcher seinem 
Naturzustand mehr erhalten, wenigstens in den unteren Schichten der 
Atmosphäre relativ trockener sein wird, da an ihm die Temperatur 
der Luft häufiger dem Condensationspunkte der Dämpfe näher sein 
muss, als dort.“ Freunden der Meteorologie, welche auf Fakta gestützte 
Betrachtungen und in bestimmten Zahlen angegebene Verhältnisse zu 
lesen wünschen, mag diese Abhandlung empfohlen sein. 

Dr. A. Drechsler. 


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Im Verlage von Rudolf Kuntze in Hamburg ist erschienen: 


JENSEITS DES OCEANS. 


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Beiträge zur Kunde amerikanischen Lebens. 


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ROMANTIK 
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Sr. Majestät des höchstseligen Konigs 


FRIEDRICH AUGUST 


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im Namen der Gesellschaft Isis gesprochen 


Dr. Ludwig Reichenbach. 


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Dresden, Druck der Königl. Hofbuchdruckerei von €. €. Meinhold & Söhne. 


Preis eines Bandes von 12 Heften 3 Thlr. 


I. Band. 


Allgemeine deutsche 


Naturhistorische Z eitung. 


Im Auftrage 


der 


Gesellschaft ISIS in Dresden 


in Verbindung 
mit auswärtigen und einheimischen Gelehrten 


herausgegeben 


von 


Dr. Adolph Drechsler. 


Neue Folge: erster Band. 


4 Heft. 


IENZHSAZTLIT. 


Freie Uebersetzung und Bearbeitung des Aufsatzes von Jules Haime „la piseieulture“ 


in der Revue des deux mondes vom Juni 1854 nebst Zusätzen von Dr. Küchenmeister, 
prakt. Arzt in Zittau. 


Exeursion von New-Orleans nach dem Urwald am Rio Colorado in Texas. Von 
Dr. Benno Matthes. 


Cycadeen-Blatt im Rothliegenden. Von 2. v. Otto auf Possendorf. 


Psammomys obesus Rüppel. (Die dicke Sandwüstenmaus.) Von Dr. A. Dehne, Hoflösnitz 
bei Dresden. 


‚Kleinere Mittheilungen. —  Literatur-Blatt der Isis. 


Verlag von Rudolf Kuntze. 
1855. 


Haupt-Debit für Dresden durch die Hofbuchhandlung von Rud. Kuntze (Herm. Burdach.) 


WS> Siehe die Seiten des Umschlags, 


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bi 129. 


Freie Uebersetzung und Bearbeitung des Aufsatzes 
von Jules Haime „la pisciculture“ in der Revue 


des deux mondes vom Juni 1854 
nebst Zusätzen von Dr. Küchenmeister, pract. Arzt in Zittau. 


Nach einleitenden Bemerkungen, dass die Fischerei nicht sowohl 
die Agricultur der Gewässer, sondern die Ernte aus ihnen sei, die man 
leider meist ohne Saat einsammeln zu können sich einbilde; nach einer 
Aufzählung der grossen Fruchtbarkeit verschiedener Fische (ein Barsch 
hat 28,220 Eier, ein Häring 36,960; Hechte 80,388 bis 271,160; eine 
Scholle 100,360; Rothfedern 71,820 bis 113,840; eine Brasse 137,800; 
eine Schleihe 383,250; eine Makrele 546,140; ein Plattfisch [camlet| 
1,357,400; ein Stöhr 7,635,200 nach Zeit; ein Kabeljau 9,344,000 nach 
Leumwenhoek,; eine 50 Centimeter lange Steinbutte 9,000,000; eine Meer- 
äsche |muge a grosses levres] bis 13,000,000 nach Valenciennes’s Be- 
richt in der Sitzung der Academie vom 20. März 1854); nach der Be- 
merkung, dass trotz dieser Fruchtbarkeit die Flüsse in Folge zahlreicher, 
natürlicher und in der Cultur gelegener feindlicher Einwirkungen jähr- 
lich fischärmer wiirden und dass nach Milne - Edwards die Fischarten 
nicht allein in dem Verhältniss abnähmen, als ihre Jungen verhindert 
werden bis zur geschlechtlichen Reife zu gelangen, sondern auch in dem 
Verhältniss, als die gelegten Eier dem Nichtbefruchtetwerden durch 
‘den männlichen Saamen ausgesetzt sind; dass ausserdem die glücklich 
befruchteten Eier vor dem Ausschlüpfen der jungen Brut allerhand 
Schädlichkeiten, z. B. dem Auftrocknen, wenn das Wasser von der Lege- 
stelle zurückgeht, dem Ersticken durch schlammige Massen, den ver- 
schiedenen Feinden der Eier, als Algen, Insekten, Crustaceen, Fische, 
Wasservögel, Wassersäugethiere, z. B. Mäuse, Fischottern, ausgesetzt 
sind; nach dem Hinweise auf die mangelhafte Fischgesetzgebung und 
die geduldete Umgehung der Gesetze, auf die straflose Ausübung der 
Fischerei zu allen Zeiten des Jahres, auf die schändliche Gewohnheit 
der Fischer Tausende von den Fischen, die für den Verkauf noch zu 
klein sind, ans Ufer zu werfen und allda umkommen zu lassen, tonnen- 
weise den Laich an den Meeresküsten auf die Aecker zu fahren, oder 
die Schweine damit zu mästen; nach einem Rückblicke auf die frühere 
Fischgesetzgebung®), nach einer Besprechung der neuern franz. Fisch- 


*) Ethelred II., König der Angelsachsen, untersagte 966 den Verkauf junger Fische; 
Malcolm II. 1030, bestimmte die Jährlichen Perioden des Fischfanges; Robert I. befahl, 
dass die einzelnen Stäbe der Fischreusen 2 Zoll von einander abstehen müssten, damit 
die junge Brut entschlüpfen könne; Robert III. bestrafte den Lachsfang zur verbotenen 
Zeit mit dem Tode, Jacob zwar nicht mehr mit dem Tode, aber noch mit strengen 
Strafen. Die französischen Könige erliessen Gesetze über die Art der Netze und die 
Grösse der zum Verkauf gebrachten Fische; Colbert verbot 1669 das Fischen zur Nacht 
und Laichzeit mit Geldstrafen und Gefängniss, im 3, Wiederholungsfalle mit Pranger 

Allg. deutsche naturhist, Zeitung. 1. 10 


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gesetze, z. B. der Ordonnanz vom 15. April 1829 und 15. Novbr. 1830, 
nach denen die Präfecten im Vereine mit den Förstern die Zeit bestim- 
men sollen, in der wegen der Streichzeit die einzelnen Arten geschont 
werden sollen, wodurch denn in Folge von Unkenntniss in naturwis- 
senschaftlichen Dingen dergleichen Gesetze zu Tage kämen, wie das, 
welches den Forellenfang vom 1. Februar bis Mitte März, wo doch die 
meisten Forellen schon abgestrichen haben, untersagt, wonach ferner nur 
die und die Arten Netze verboten sind, was man alle Tage durch Um- 
‘änderung der Netze umgehen könne, wovon jedoch alle in Teichen ge- 
zogenen Fische ausgenommen sind und wonach endlich die Hindernisse 
der Passage der Fische nur oberflächlich bestimmt wurden); nach einer 
Wiedergabe der auf die Archive des Finanzministeriums gestützten Be- 
rechnung, dass von den 7,570 Kilometern fliessenden Wassers einige 
Wässer ganz oder fast ganz entvölkert sind und alle in Summa nur 
521,395 Frances d. i. auf 1 Kilometer nur 69 Francs Ertrag liefern, wäh- 
rend z. B. 1 Kilometer des heute noch fischreichen Doubs 159, der 
Mosel 182, der Loire in der Loire-inferieure 252, der Sarthe 297, des 
Loiret 309, der Mayenne 399, Leine 498, der Maine sogar 1,378 Frances 
Ertrag HER: endlich nach der Bemerkung, dass die Fischzucht oder 
die N ereuitre® durch die Bestrebungen der Natinkorsäher in ihrem gan- 
zen Werthe aufgedeckt und von der Regierung und aufgeklärten Priva- 
ten erkannt worden sei, dass sie einen wichtigen Zweig der Naturwissen- 
schaften, Agricultur und politischen Oeconomie darstelle, nach diesen 
einleitenden Bemerkungen macht sich der Verfasser selbst an eine resu- 
mirende Bearbeitung dessen, was Erfahrung und Wissenschaft in diesem 
Zweige bisher geleistet haben und führt dies, wie man bald sehen wird, 
mit ebenso grosser Sachkenntniss, als mit einer bei den Franzosen nicht 
immer zu findenden Gerechtigkeitsliebe durch. 


I. 

Man kann in der Geschichte der künstlichen Vermehrung und ab- 
sichtlichen Bereicherung der Gewässer mit Fischen drei grosse Perioden 
verfolgen. 1) Die Periode der Vermehrung der Fische durch Sammeln 
der schon von den Aeltern in der freien Natur natürlich und ohne Zu- 
thun der Kunst befruchteten Fischeier und der jüngsten schon ausge- 
N Brut; nebst einer frühern Fütterung in den frühern Zeiten. 


und Staubbesen, ferner das Versperren den Flüsse in ihrer ganzen Breite mit Netzen 
und gebot das Zurückwerfen der nicht ein gewisses Maass habenden Fische in das 
Wasser; z. B. die zu Markte gebrachten Forellen, Karpfen, Barben, Brassen und 
Meunier’s mussten vom Auge bis zum Schwanz wenigstens 6 Zoll, die Schleihen, Bar- 
sche und Plötzen wenigstens 5 Zoll bei einer Strafe von 100 Fr. messen. — 

Interessante Andeutungen über Fischgesetze fand Referent auch in den Reisewerken 
über Island, wo die Art der Netz- und Fischreusenlegung schon desshalb genau gere- 
gelt war, damit die tiefer im Lande, höher an den Flüssen hinauf, lebenden Bewohner 
auch ihre Ernte hätten. 


131 


2) Die Periode der Vermehrung der Fische durch Einleitung einer durch die 
Menschen bewirkten künstlichen Befruchtung. 3) Die industrielle Verwerth- 
ung dieser Thatsachen und die heutige künstliche Fütterung der Fische. 


Erste Periode. Vermehrung der Fische durch Sammeln der natürlich 
befruchteten Eier und Apparate zur Einleitung natürlicher Befruchtung 
der Fische. Chinesische, altrömische, neusicilianische, schwedische 
Methode, sowie die Methoden von Barrere, Coste und Miliet. 

Von vor Christi Geburt bis heute. 

Der jesuitische Pater Johann Baptista Duhaldu, ein chinesischer 
Missionär, erzählt im 1. Theile der Geschichte des Kaiserreichs China, 
I. pag. 35, 1735: „in dem grossen Flusse Yang-tse Kiang, Provinz 
Kiang-si, sammeln sich zu einer gewissen Zeit des Jahres eine enorme 
Anzahl Barken, um daselbst Fischsaamen zu kaufen. Gegen den Mai 
sperren die Bewohner den Fluss an verschiedenen Orten mit Flechten 
und Hürden in einer Ausdehnung von 9 oder 10 Meilen (lieues) und 
lassen nur so viel Raum, als nöthig ist für die Passage der Barken, 
An den Flechten hängt sich der Fischsaamen an. Die Leute vermögen 
mit den blossen Augen ihn im Wasser zu unterscheiden, wo Ungeübte 
nichts erkennen würden. Sie schöpfen von diesem mit Saamen gemisch- 
tem Wasser und füllen damit verschiedene Gefässe zum Verkaufe. Hier- 
von kaufen fremde, mit Barken ankommende Kaufleute, die den Saamen 
in die entfernten Provinzen führen, wobei sie ihn zur Zeit umrühren 
und helfen einander dabei gegenseitig. Nach einigen Tagen bemerkt man 
in dem Wasser Saamen, der kleinen Fischhaufen gleicht, ohne dass man 
noch die Arten unterscheiden könnte, was nur mit der Zeit möglich wird. 
Auch zeigt sich bei den Chinesen die erste Spur künstlicher Fütterung; 
denn andere Reisende versichern, dass der junge Fisch, sobald er zu 
fressen beginnt, mit Sumpflinsen und Eigelb genährt wird. 

Auch in sehr alten Zeiten schon hatten die Römer ähnliche Ge- 
wohnheiten. Columella sagt in dem 16. Capitel des VIII. Buches de re 
susticä: obgleich die ersten Römer Landbauer waren, so suchten sie 
sich doch städtische Annehmlichkeiten und Ueberfluss in verschiedenen 
derartigen Dingen zu verschaffen; sie suchten ihre Weiher und Teiche 
mit Fischen zu bevölkern, und warfen in die von der Natur selbst ge- 
bildeten Teiche den Saamen der Seefische. So machten sie im Lacus 
Velinus, Sabatinus, Vulsinensis und Ciminus die Goldfische, den Lachs- 
hummer (Lupus marinus) und eine grosse Anzahl anderer Fische gemein 
und verwandelten Salzwasser- in Süsswasserfische. 

In den späteren Jahren wurde die Fischvermehrung ein wahrer 
Modeartikel der reichen Römer, der Fisch, der grösste Leckerbissen ihrer 
Tafeln, besonders in der Zeit von der Zerstörung Carthagos bis zur. 
Zeit Vespasians. Hierin vergeudeten Senatoren und reiche Patrizier die 
in Asien und Afrika erpressten Schätze. Licinius, Murena, Quwintus 

107 


132 


Hortensius, Lucius Philippus construirten ungeheure Bassins, die sie 
mit den gesuchtesten Fischarten besetzten, Zucullus durchstach einen 
Berg, um Seewasser in seine Teiche zu leiten, Gajus Hinius*) bezog nach 
Varro de re rusticä lib. IIL., cap. 17, 12,000,000 Sesterzen (3,000,000 Frances = 
über 800,000 Thaler) an Revenuen aus zahlreichen Gebäuden und ver- 
wendete diese ganze Summe auf die Ernährung seiner Fische. Die 
reichen Patrizier theilten sogar ihre Fischteiche in besondere Abtheilun- 
gen ab, die nur besondere Arten von Fischen enthielten, und hielten 
sich eine grosse Anzahl von Fischer, um jedem Fische seine Nahrung 
zu besorgen. Eine besondere Expedition wurde ausgerüstet, um von 
der toscanischen Küste eine Art von Meerbrasse zu holen, die dem grie- 


chischen Meere eigenthümlich war. 
Dies Verfahren ruinirte die Familien und entvölkerte das Meer von 


Fischen, wie schon Juvenal klagt,**) dass man den Fischen des tyrr- 


*) wird derselbe Hinius sein, der dem Julius Cäsar bei seinem Triumphschmause 
6000 Muränen lieh, da er sie ihm um keinen Preis verkaufen wollte. K. 


**) „Mullus erit domino, quem recipit Corsica, vel quem Tauromenitanae rupes, 
quando omne peractum est jam defecit nostrum mare, dum gula saevit, Retibus adsi- 
duis penitus scrutante macello Proxima, nec patitur Tyrrhenum crescere piscem.“ 

Juvenal, Satir. v. vers. 92 — 9. 

„Rothbarth speiset der Herr, den Corsica oder die Klippen Tauromenium’s uns 
bersandten; denn lange ist unser Meer schon völlig erschöpft und geleert, da wüthet 
die Kehle, Sämmtliche Nähen erforscht mit beständigen Netzen der Marktplatz, Wir 
nicht dulden, dass gross im tyrrhenischen Meere der Fisch wird.“ 

Düntzer’sche Uebersetzung. 

Nach dem Satyriker Lucius, geb. 148 vor Christi Geburt, gelten am meisten der 
einst als Seltenheit durch bekränzte Selaven unter Flötenbegleitung auf die Tafel ge- 
brachte, zu Plinius II. Zeit nicht mehr geschätzte Stöhr, der Lupus marinus, der an der 
Tiber gefangen wurde (nach Düntzer ein Hecht, nach den französischen Auslegern ein 
Lachshummer), die später gemein gewordene Sarpeda (ein Umbeifisch — Sciaena 
umbra oder Sc. aquila und Corvina nigra) der am besten im Mäotischen See gedieh 
und aus dem Pontus nach Rom gebracht wurde und der aus Aegypten gekommene 
Wels. Letztere beiden kamen eingesalzen nach Rom und dienten als Stomachica. 
Heute schätzt man von Sciaena aquila das Fleisch, von Corvina nigra den Rogen 
cfr. Lueilius. IV. Buch. Scarus = Lippfisch, Horaz’s Satyr. 2. Buch. II., vers 22, war 
gemein im camathischen Meere und wurde erst bei Kaiser Claudius an die italienische 
Küste verpflanzt. Noch Marecial rühmt nur seine Eingeweide und Leber, alles Andere 
sei gemein. Er ist der kostbarste aller Fische schon nach Ennius. „Alles Gemeine ver- 
schmähet der Magen, der selten geleert ist,“ sagt Horaz, nachdem er gefragt: Wie 
schmeckst Du’s, ob der Lupus marinus im Meer gefangen worden, oder in der Tiber, 


oder an der Mündung des tuseischen Meeres, oder an den Brücken. Warum lobt man 


nur 3 pfündigen Rothbart? Warum hasst man den gewöhnlichen, langen, tüchtigen 
Hecht?“ Sat. 2. Buch. IV. 73 und VIII 9 beschreibt kloraz zwei Arten eingesalzener 
Fischspeisen, deren feinste das köstliche Garum, aus den eingesalzenen Eingeweiden 
des iberischen Scomber, einer Art Thunfische, deren weniger geschätzte Art Ulex heisst 
wozu such die Leber des Rothbarts, Austern, Meerigel und Meerkrebse genommen wurden- 


Die Eingeweide der Butte und Flundern wurden, wie es scheint, zur Fülle ge- 


133 


henischen Meeres keine Zeit gönne, sich zu vergrössern. Nutzen für 
die Fischzucht erblühte hieraus nicht, das Einzige ist die Einführung 
der Goldfische in die Süsswasserteiche, in denen ihnen Muscheln zur 
Nahrung geboten wurden. 

Von da bis zum 18. Jahrhundert geschah nichts, als dass man die 
Mittel des Fischfangs vervollkommnete und Teiche in grösserer Anzahl 
anlegte, um daraus Nutzen su ziehen. Könige, selbst Karl der Grosse, 
Fürsten und geistliche Brüderschaften legten zahlreiche Teiche an, und hat- 
ten fast ausschliesslich Privilegien auf das Teichehalten. Peter von Cres- 
centia, der Restaurator des Landbaues, giebt im 13. Jahrhundert Mittel 
an, um den grössten Nutzen aus Teichen ziehen, ohne jedoch vielmehr 
zu wissen, als was schon Florentinus in den von Cassinus Bassus ge- 
sammelten Fragmenten im 3. Jahrhundert nach Christi Geburt gegeben 
zu haben scheint. 

Auf die Fischvermehrung durch Schutz, den man der Brut ange- 
deihen lässt und durch deren Verbreitung und Verführung in die Ge- 
wässer zielen besonders noch folgende Methoden ab: 

1) Die bekannte Art der schon sehr alten Fischerei von Comachio 
am adriatischen Meere, auf die schon Bonaveri und Spallanzani auf- 
merksam machten. Die betreffende Bucht hat ungefähr 150 Meilen im 
Umfange und ist in 40 durch Dämme abgegrenzte Abtheilungen getheilt, 
die alle in Communication mit dem Meere sind. Während des Monats 
Februar, März und April öffnet man die Schleussen dieser Bucht und 
die kleinen Aale steigen in Masse hinauf zu der Bucht (monter). In 
den Bassins finden sie so reichliche Nahrung bis zur Zeit, wo sie aus- 
gewachsen sind (im 5. oder 6. Jahre), dass sie erst dann dieselben ver- 
lassen und im October bis December zurück ins Meer ziehen. Die 
Fischer bauen nun kleine Kanäle von Schilf, denen die Aale gern fol- 
gen, und die geschlossene enge Räume führen, wo sich die Aale an- 
häufen, ohne entwischen zu können. Dadurch erndten die Fischer 
Jährlich 1,000,000 Kilogrammes Fische und eirca 400,000 Frances oder 
100,000 Thaler Erlös. 

2) Die Abnahme der Fische in den schwedischen Seen liess seit 
der Mitte des vorigen Jahrhunderts an Gegenmittel denken. Zur Streich- 
zejt durfte man schon längere Zeit keine Netze mehr ausstellen. Carl 
Friedrich Lund zu Linkoeping aber ging schon 1761 weiter. Unter den 
dortigen Fischarten sind die geschätztesten die Brasse, der Barsch und 
der Pölz (Rothauge). Er bemerkte dass sie ihre Eier auf Felsen oder 
an Weidenwurzeln, oder an die Fischreusen von Weiden legen, mit 
denen man sie zu fangen sucht. So werden die Eier zerstört durch die 
braucht. Auch Horaz II. 8, vers 42 erwähnt die Muränen (Muraena Helena), die be- 
kanntlich auch Vedrius Pollia in eingeteichtem Seewasser hielt und mit dem Fleische 
wegen geringer Vergehen getödteter Fischer fütterte. 

efr. Noten von Düntzer zu den römischen Satyrikenr. K, 


134 
Fischer, oder durch Insecten, Vögel und Raubvögel, und es will von 
Glück sagen, wenn von 10 Eiern eines auskriecht. Das Verbot, um 
diese Zeit zu fischen, würde, das sah Zund ein, nur unvollkommen diese 
enorme Verwüstung aufhalten. Um ihre Vermehrung zu erzielen, liess 
er in Nachahmung der Natur grosse, hölzerne, durchlöcherte Küsten ohne 
Deckel und mit kleinen Röllchen, an denen sie leicht ins Wasser hinab- 
gelassen wurden, versehen machen. Innen brachte er nicht .allzu dicht 
neben einander Weidenäste an, und da hinein eine gewisse Anzahl 
Männchen und Weibchen zur Streichzeit. Dort liess er sie, jede Art 
in einem besonderen Kasten, 2— 3 Tage lang, etwa die Zeit hindurch, 
wie lange das Eierlegen dauerte, und dann nahm er alle Fische mit 
Hülfe eines Hamens hinweg. Nach 14 Tagen oder etwas später, je 
nach dem Wärmegrade, schlüpfen die jungen Fischehen aus. — Es 
unterliegt keinem Zweifel, dass diese Methode eine sehr vortheilhafte ist, 
in Betreff der Fische, welche ihre Eier anheften, wozu, wie Ref. unten 
weiter besprechen wird, auch der Karpfen gehört. Zund trug ferner 
auch in einem Gefäss mit Wasser einen solchen mit Eiern behangenen 
Ast in einen andern See und reüssirte damit. Er erzog in 3 Kasten aus 
50 Brassenweibchen und einer kleinen Anzahl Männchen 3,100,000 Brut, 
aus 100 Barschen 3,215,000 Barsche und aus 100 Plötzen 4 Millionen 
Junge, also in Summa 10 Millionen Fische, die er in den See am 
Roxen setzte. Dabei studirte er zugleich die Entwickelungsgeschichte 
dieser Fische, worin ihm 3) Bloch zu Berlin 1705 folgte. Letzterer 
nämlich liess sich in der Spree Wasserpflanzen sammeln, die mit den 
Eiern derselben Fischarten bedeckt waren, und brachte sie in ein Ge- 
fäss mit Süsswasser, das er täglich erneuerte. Am Ende einer Woche 
hatte er tausende von Jungen. Dabei bemerkte er, dass emige Eier 
unbefruchtet geblieben und von Tag zu Tag trüb und undurchsichtig 
worden waren. Bloch sagt nun, ohne es jedoch zu versuchen, dass 
man durch Uebertragung solcher mit Eiern besetzter Wasserpflanzen 
in andere Seen und Teiche, leicht andere Seen und Teiche damit be- 
völkern könne. 

4) Im Jahre 1840 überreichte der Baron Ziviere der Societe cen- 
trale d’Agriculture ein Memoire, das sehr treffliche Gedanken über die 
Vermehrung der Fische enthielt. Aber er befasste sich besonders nnr 
mit dem Nutzen, den es gewähren würde, wenn man im Frühjahr die 
kleine Aalbrut („les bouirons“) an den Mündungen der Flüsse sammelte, 
und in die Teiche, Sümpfe und sonst unbenutzten schlammigen Grä- 
ben des Landes brächte, wo sie ganz gut gedeihen. Er versicherte, 
dass man sie ganz gut lebend in kleinen Wassertonnen fortbringen 
könnte und noch besser in Fischhältern, längs der Flüsse und Canäle. 
Er ist zugleich der Schöpfer des Wortes „Pisciculture“. 

Der von Riviere gethane Vorschlag ist, wie man sieht, nichts, als 
eine Nachahmung der chinesischen Art, die Fischbrut zu transportiren, 


135 


und die Uebertragung dieser Methode auf den Aal, dessen Zucht man 
im See Comachio längst kannte. 


5) Seit 1849 und 1850 benutzte Coste das Verfahren, um aus der 
Mündung der Ome die Aalbrut in die Teiche des Jardin des Plantes 
zu transportiren. Die Brut war im Mittel 6—7 Millim. lang und ohn- 
gefähr 1 Centim. im Umfang bei ihrer Ankunft, nach 28 Monaten 
33 Centim. lang und 7 Centim. im Umfang. Coste nährt seine Fischbrut 
mit gehacktem Fleisch von nicht essbaren Thieren, besonders von sol- 
chem der Mollusken und Insecten. 


6) In Betreff der Forellen bedient sich der weiter unten genannte 
Millet auch noch folgender, der Lund’schen ähnlichen, (aber nicht für 
Karpfen passenden) nur vollkommneren Methode. Er nimmt eine Art 
Behälter mit doppeltem Boden, deren erster aus einem Rahmen von ge- 
gatterten Querbalken und deren zweiter in einem beweglichen Sieb von 
metallenem Gewebe besteht. Die Weibchen reiben sich auf den Barren 
und lassen ihre Eier gehen, die auf das Sieb fallen. Führt man um 
dieselbe Zeit die Männchen in den Apparat, so kommt oft die Befrucht- 
ung natürlich zu Stande. So verliert man gar keine Eier, was bei 
der andern Methode doch geschieht, wenn man die Weibchen in der 
unten nach Millet angegebenen Weise in der Gefangenschaft in den Ge- 
wässern hält. 


Hieran reiht der Referent noch folgende eigene Erfahrungen: 


7) Es war längt bekannt, dass der frühere Apotheker der k. Vete- 
rinäranstalt in Dresden sich durch die Ergiebigkeit seiner Goldfischzucht 
ausgezeichnet hatte. Genauere Erkundigungen haben mich gelehrt, 
dass er sich hauptsächlich damit beschäftigte, kurz nach der Laichzeit 
die Wurzeln des Schilfes und anderer Wasserpflanzen seines Bassins, 
an welche die Goldfische ihre Eier angehangen hatten, abzuschneiden 
und in besondere Brutkästen zu legen, die wohl unsern jetzigen Fisch- 
büchsen ähnlich waren. Der Handel, den jener Apotheker mit Gold- 
fischen trieb, beweist hinlänglich, dass er mit diesem Verfahren reüssirte. 


8) In einem Bassin, in dem zu Zittau in dem Garten des Herrn 
Kaufmann Stahmer Goldfische gehalten werden, kommen alljährlich, wenn 
auch sehr wenig, junge Fische von selbst auf. Dieses Bassin ist seines 
Wasser wegen, das eine enorme Zahl von Algen enthält, sehr wenig ge- 
eignet für das Ausschlüpfen der Jungen aus den Eiern. Im Mai des 
Jahres 1854 sammelte ich eine grosse Anzahl von mit Goldfischeierchen 
besetzten Wurzeln der Weiden, Nymphaeen und Irides, sowie verschie- 
dener Schilfarten des Bassins, und brachte sie in einen besonders dazu 
eingerichteten Brutkasten. Alle Eier verdarben durch Rost und Algen. 


136 


Periode der künstlichen Befruchtung absichtlich der Vermehrung der 


Fische; oder Methode von Jacobi und seinen Nachfolgern, 
(1760 — 1848.) 


Nach einem von Baron von Montgaudry, einem Nachkommen des 
berühmten Zufon, aufgefundenen, und bis jetzt unedirten Manusecripte 
hat der Pater Pinchon aus der Abtei von Reeme bei Montbard schon im 
Jahre 1420 den männlichen und weiblichen Forellen allmählig den 
Saamen in ein Gefäss mit Wasser abgedrückt, das er mit dem Finger 
umrührte. Dann brachte er die Eier in ein Holzgefäss mit feinem Sande 
ins Wasser. Der Apparat blieb bis zum Momente der Ausschlüpfung 
in einem mässig fliessenden Strome stehen. Da die Sache aber nicht 
veröffentlicht wurde, so ging sie verloren sowohl für die Wissenschaft, 
als für die Praxis. Sie hat mithin nur historische Rechte, und zwei- 
felsohne ist Pinchon der erste Erfinder der künstlichen Befruchtung. 
Zu derselben Zeit, wie Zund seine Versuche mit natürlich befruchteten 
Eiern anstellte, kam ein Lippe-Detmoldischer Lieutenant Jacobi auf den 
Gedanken, die künstliche Befruchtung zur Vermehrung der Fische an- 
zuwenden. Im Jahre 1763 stand ein Brief von ihm hierüber in dem 
Magazin von Hannover, den später Yarell 1841 und Coste 1843 wieder- 
gegeben haben, und schon 1758 hatte er über denselben Gegenstand 
schriftliche Bemerkungen an den berühmten Zufon gemacht, die Zace- 
pede in dem ersten Bande seiner Naturgeschichte der Fische erwähnt, 
und ebenso an den Graf von Golstein, Grosskanzler von Jülich und 
Berg, darüber berichtet. @Golstein übersetzte diese Noten ins Lateinische 
und sendete sie so an Fourcroy, Director der Befestigungen von Corsica. 
Diese Uebersetzung wurde 1773 in dem dritten Theile der „Histoire 
generale des Pöches“ von Duhamel- Dumonceau wiedergegeben, jedoch 
ohne dass Duhamel neben Golstein auch Jacobi genannt hätte. Weiter 
hatte 1764 Jacobi durch Gleditsch der Academie der Wissenschaften zu 
Berlin hiervan Anzeige gemacht. Jacobi beschäftigte sich nur mit Forel- 
len und Lachsen und sagt selbst, dass er 16 Jahre zugebracht habe, 
ehe er zum Ziele gekommen. Zuerst beobachtete er, dass in den Ge- 
wässern die Forellen von Ende November bis Anfang Februar sich ver- 
einigten, auf dem Sande festsetzten und allda ihren Bauch rieben, so 
dass man deutliche Spuren von dieser Reibung an ihnen erkennen könnte. 
Nun liess er zu der Streichzeit fischen und abwechselnd ein Weibchen 
und ein Männchen nehmen, drückte es leicht am Bauche über einem 
halbvollem Gefässe mit Wasser aus, und liess dahinein die reifen Pro- 
ducte beider Geschlechter fallen. Alsdann rührte er Alles mit der Hand 
um, damit alle Eier von dem Saamen berührt würden. Hierauf brachte 
er sie in einen Kasten in ein kleines, fliessendes Wasser. Es hatte 
dieser am Boden reich mit Sand bestreute Kasten massive, hölzerne 
Wände, an den schmalen Seitenwänden ein viereckiges, mit einem fei- 


137 
nen Metallsieb versehenes Gitter, so dass hierdurch der Strom fliessen 
konnte, und einen durchlöcherten Deckel. Nach drei Wochen sah er 
in den Eiern die Augenpunkte, nach vier Wochen die Bewegung des 
Thierchens in ihnen, und nach fünf Wochen die Eierchen ausschlüpfen. 
Vier Wochen lebten die Jungen von der Nabelblase, dann stiegen sie 
herauf zum Gitter, um fortzukommen, wurden in ein Bassin gebracht 
und hatten nach sechs Monaten eine hinlängliche Grösse, um in einen 
Teich gesetzt zu werden. Dies Experiment hat er lange wiederholt, 
wusste schon, dass man durch häufiges Umrühren mit einer Feder die 
Eier vor dem Zusammenkleben schützen und eben deshalb bei der Be- 
fruchtung umrühren, und den schlammigen Absatz des Wassers entfernen 
muss, wenn der Erfolg gelingen soll. England setzte ihm für diese 
Dienste einen Jahrgehalt aus. 


Die Physiologie machte sich die Jacob’sche Entdeckung zu Nutze, 
und seit ihm datiren die künstlichen Befruchtungen in den physiologj- 
schen Laboratorien, so zogen Nutzen davon Spallanzani, Prevost in Genf 
und Dumas, und später bei ihren embryologischen Studien, Rusconi und 
C. Vogt, zum Studien der Entwickelung der Schleihe u. s. w. Aber nur 
in Deutschland und Schottland zog man im Stillen praktischen Nutzen 
hiervon. In Deutschland setzte der Förster Franke in Steinberg (Lippe- 
Schaumburg); der Baron von Kass in Bückeburg, (1831); Schmittger in 
Lippe-Detmold; Anoche in Oelbergen (1840), der auch besondere Streck- 
teiche für Forellen einrichtete, dies Verfahren fort. Letzterer erhielt 
seit er dasselbe beobachtet, beiläufig 800 Junge auf 1000 — 1200 
Eier. Von diesen fand er im nächstem Jahre meist nur die Hälfte in 
den Teichen wieder. Nach 3—4 Jahren wogen die grössten Zöglinge 
3/a bis 1 Pfund. Schon im Jahre 1842 gab die Regierung in Neuchatel 
eine Instruction für die Fischer heraus, wie sie die Fischeier künstlich 
befruchten und so vermehren könnten. . 


In Schottland und England beschäftigte sich schon vor dem Jahre 
1840 John Shaw mit der Befruchtung der Forelleneier in besonderen 
von einer Quelle gespeisten Reservoirs, in die er die Eier im Befrucht- 
ungsmomente fallen liess und hatte einen ziemlichen Erfolg. Das Wachs- 
thum der Brut ist folgendes: Im Alter von 8 Monaten sind sie 2 eng- 
lische Zoll lang, nach einem Jahre 33/a, nach 16 Monaten 6”, und nach 
zwei Jahren 61/2”. Dann sind die Männchen reif. Aber auch davon 
gingen weniger allgemein nachgeahmte praktische Resultate aus, eben- 
sowenig als von den Versuchen von Andrew Young und Dr. Knox. 


Seit 1841 hatte ein Ingenieur, Gottlieb Boccius, zu Hammersmith 
in den Wässern des Herrn Drummond bei Uxbridge, dann auf den Län- 
dereien des Herzogs von Dervonshire zu Chatsworth und auf denen der 
Herren Gunrie in Carsaltow und Hibberts in Chalfort künstlich Forellen- 
eier befruchtet, und bis 1848 schon 200,000 junge Forellen gezogen. 


138 \ 
So war in Deutschland und England die Frage schon vor 1848 gelöst, 
bis wohin in Frankreich nichts hiervon zu bemerken war; aber sie 
fand immerhin keinen allgemeinen Eingang. 


Periode der allgemeinen Einführung der künstlichen Befruchtung der Fisch- 
eier und künstlichen Fütterung der Brut und älteren Fische, oder die Me- 
thoden von Remy und Gelim, sowie ihre Verbesserung durch Millet, Coste 
und de Quatrefages, oder die Periode der künstlichen Befruchtung zu 
Zwecken der Industrie (1848 bis heute). 

Wie es mit dem Alumin gegangen, so auch hier. Ein Deutscher 
erfand, dem Dentschen bleibt das grosse Verdienst der praktischen Ver- 
werthung der Erfindung. Ja, Referent kann es nicht unterlassen, hier 
daran zu erinnern, dass es den Deutschen wie schon vor Alters erging. 
Erst was die grosse Tour durchs Ausland gemacht hat, kommt in Gelt- 
ung. „Der Prophet gilt am wenigsten in seinem Vaterlande“, wie der 
biblische Sänger sagt. Kurz, das Hauptverdienst bleibt den Franzosen. 
Zuerst unter den Franzosen befasste sich 1848 de Ouatrefages zu Wwis- 
senschaftlichen Zwecken mit der künstlichen Vermehrung der Fische, 
nachdem ihm Rusconi und C. Vogt damit vorangegangen waren.‘ Sein 
Verdienst in dieser Frage ist jedenfalls kein selbstständiges, doch hat 
er das Verdienst, seine Landsleute auf die Wichtigkeit des Gegenstan- 
des und auf die Möglichkeit ihrer Ausbeutung aufmerksam gemacht zu 
haben, worin freilich Deutschland auf beschränktem Raum, Schottland 
und die Neufchateler Regierung ihm schon zuvorgekommen waren. Er 
rieth den Brutkasten von @o/stein, was vielmehr heissen muss von Ja- 
eobi, und die Streckteichzucht der Forellen, die Anoche in Oelbergen 
schon eingeführt hatte, freilich ohne diesen zu nennen, vielleicht auch 
ohne ihn zu kennen. So hat der gefeierte Franzose jedenfalls als der 
Wiedererwecker der deutschen Methode in Rücksicht auf die Praxis zu 
gelten und des Weiteren für die Gemüther zugänglich gemacht zu haben, 
für die um diese Zeit allgemeiner werdenden Versuche der Fischer 
Remy und Gelim, die schon seit dem Jahre 1844 ete. die Annalen dieser 
Gesellschaft vom Jahre 1844, wie Dr. Haxo bestätigt, eine Unterstütz- 
ung der Societe d’emulation des Vosges, für ihre Versuche und Erfolge 
in der Forellenzucht erhalten hatten. Herr Dr. Yaxo, der sich der 
Fischer sehr warm annimmt, lässt in seinen Schriften durchblicken, als 
habe de Ouatrefages im Stillen von den Erfolgen der Fischer gewusst 
und sie ignorirt. Es ist durchaus aber die Wahrheit dieser Insinuation 
nicht nachzuweisen, und de Ouatrefages hatte jedenfalls auf literarischem 
Wege Kenntniss des Gegenstandes sich erworben. Die Art und Weise, 
wie durch reine Selbstbeobachtung, ohne irgend ein literarisches Hilfs- 
mittel, Remy zur Kenntniss des V organges des Laichens der Forellen 
in der freien Natur gelangte, wie er sich seinem Collegen Gelim ver- 


139 

traute und die Sache praktisch ins Werk setzte sind jetzt allgemein 
bekannt und ebenso, dass Remy schon im Jahre 1843 deshalb einen 
Brief an den Präfeeten der Vogesen richtete. Das Verfahren weicht 
in Nichts von dem ab, was Jacobi hierüber bekannt gemacht hatte, und 
was in Pinchon’s Manuscripte sich aufgezeichnet findet; nur gingen die 
Fischer allmälig zu metallenen Brutkästen über. Ihr selbsttändiges 
Verdienst ist es, dass sie hierbei nicht stehen blieben, sondern den 
jungen Forellen, von der Zeit an, wo sich ihre Nabelblase resorbirt hat, 
eine passende Nahrung zu geben suchten. Hierzu bedienten sie sich 
des Froschlaiches und später befruchteten sie künstlich die Eier pflan- 
zenfressender Fische, von denen die Forellen leben, und setzten deren 
Brut in die Teiche. Auch gekochtes Eigelb, gehacktes gekochtes 
Fleisch, Leber, gehackte Eingeweide verschiedener Thiere wurden von 
Coste und anderen zur Fütterung benutzt. Miller räth, die Brut dahin 
zu bringen, wo sie Frösche, Lymnaeen und Planorben fänden. Es ver- 
steht sich dabei nur, dass die Forellenbassins vom fliessenden Wasser 
gespeisst werden. Zemy und .Gelim besetzten zuerst zwei Teiche bei 
la Bresse, später mehrere Teiche ihres Cantons, die fiiessenden Wässer 
der Commun Waldenstein und die Mosellotte, ein Nebenfluss der Mo- 
sel, mit Forellenbrut. 

Milne Edwards ward 1850 erwählt, um die Sache im Auftrage der 
Regierung zu prüfen. Er instruirte sich zuvor durch einen Besuch Eng- 
lands über die dort im Gange befindlichen Methoden und ging dann in 
die Vogesen nach la Bresse. Der sehr interessante und günstige Be- 
richt reservirt den Deutschen die frühere Kenntniss dieses Verfahrens, 
‚und den Fischern zu la Bresse das Verdienst, hieraus für Frankreich 
einen neuen Zweig der Industrie errichtet zu haben und schloss damit, 
zu erwähnen, wie Nutzen bringend es für den Staat sein müsse, wenn 
die sämmtlichen Flüsse Frankreichs in dieser Weise mit Bewohnern: 
versehen würden. Als die geeignetste Belehrung für die beiden Fischer 
schlug der Berichterstatter die vor, ihnen den Auftrag zu ertheilen, die 
Flüsse Frankreichs mit neuen Bewohnern zu füllen. Denselben Antrag, 
der auch von Seiten der Regierung acceptirt wurde, stellte durch Herrn 
de Quatrefages die Societe, philomatique. 

Seit dieser Zeit zeigte sich überall ein mächtiger Aufschwung der 
künstlichen Vermehrung der Fische, und Laien und Gelehrte beschäf- 
tigten sich seitdem mit dieser Frage. Von ausländischen Gelehrten 
sind hier besonders unter den Franzosen noch Valenciennes, Millet, Coste, 
der leider nicht immer ehrlich in Betreff der Angabe der Benutzungen 
seiner Quellen, besonders in Betreff Miles ist, Berthot und Dezem, Paul 
@ervais und Fournet zu nennen, von italienischen Defilippi in Turin; von 
holländischen Leistungen ist der, wie Referent hörte, auf Kosten eines 
naturwissenschaftlichen Vereins zu Darmstadt übersetzte Rapport einer 
vom König von Holland hierüber niedergesetzten Commission zu nen- 


nen, der unter dem Titel: „Handleiding tot de Kunstmatige Vermenig- 
vuldigen van Visschen 1853‘ erschien. In Deutschland hat selbststän- 
diges hierüber der Prof. Zraas in München geleistet. *) 

Valenciennes, Milne Edwards und Ouatrefages haben mehr und mehr 
Gutsbesitzer veranlasst, die Versuche zu wiederholen, doch mit Recht 
vor sofortigen übertriebenen Hoffnungen gewarnt- Coste dagegen ging 
lebhafter und mit vollen Hoffnungssegeln auf die Sache los, doch scheint 
er zu grosse Hofinungen rege gemacht zu haben. Cosite wurde beauftragt, 
ein grossartiges Etablissement für künstliche Fischzucht herzustellen, 
und begab sich deshalb nach Loechlebrunn bei Hüningen, wo die 
Herren Ingenieure Detzem und Berthot seit 1852 gyossartige Fischzucht 


*) In Sachsen hat sich auf meinen Vortrag und Antrag hin der naturwissenschaft- 
liche Verein zu Zittau zuerst im Herbste 1853 mit der künstlichen Vermehrung der 
Forellen beschäftigt. Es wurden von dem genannten Vereine Herr Stadtrath Lange, 
Vorstand unseres Forst- und Agriculturwesens, und der Unterzeichnete gewählt. Wir 
zogen im Frühjahr 1854 die erste Brut. Hierauf bewilligte auf Vortrag des Unterzeich- 
neten der landwirthschaftliche Verein der Lausitz 100 Thaler; damit hierfür kleinere 
Lehranstalten errichtet würden. Die Verwendung dieser Gelder werde ich am Ende 
dieses Jahres dem Kreisverein, wie sich versteht, berechnen und genaueren Bericht er- 
statten. Die Grundsätze, die mich leiteten und leiten, findet man auf den letzten Sei- 
ten. Die Resultate in Betreff der Forellen sind folgende: 


1) in einer Station blieben eigenthümlicher Verhältnisse wegen, die Versuche in 
zwei Brutbüchsen ohne Erfolg; zum Theil wohl auch deshalb, weil die Löchelehen, in 
den die Büchsen standen, zugefroren waren. Eine dritte Büchse ist gänzlich ver- 
schwunden. 

2) In Oderwitz waren schon im vorigen Jahre alle Versuche in den Brutkästen und 
Brutbüchsen erfolglos geblieben. Auch dies Jahr gingen die grosse Mehrzahl der Eier 
zu Grunde. (Diese Station habe ich in diesem Jahre selbst gar nicht inspieirt, da ich 
auf den Herrn Förster daselbst mich sicher verlassen konnte.) 

3) In Harthau liess ich einen Apparat ähnlich dem von Coste, aus drei Sandstein- 
trögen, aber mit der unten angegebenen Modification einrichten. Wir erzogen 17 Stück 
junger Forellen. Die in einem der Tröge eingesetzten zwei Stück Forellen -Weibehen 
und ein Männchen, die hier freiwillig nach Ansicht des Herrn Försters streichen soll- 
ten, wurden von Wasserratten geholt. Man fand ihre Spuren im Schnee, und im Troge 
die abgebissenen Köpfe der Forellen. Für ähnliche Uebelstände ist durch Auflegung 
von durchlöcherten Zinkblechen Abhilfe getroffen worden. 

4) In Oybin sind heute noch Hunderte von erst im Februar befruchteten Eiern 
ganz gut, und wir sehen täglich der Ausschlüpfung der Brut entgegen. 

5) In dem bei den Goldkarpfen genannten Bassin auf Herrn Stahmer’s Garten kamen 
Hunderte von Eiern durch Algen und Insekten um. Ich finde heute nur drei Eier mit 
Augenanlagen und Gefässentwickelung. Ausgeschlüpfte Brut noch gar nicht. 

6) Herr Lieutenant v. d. A. von Pohlentz auf Niedereunewalde bei Bautzen hatte 
sich im vorigen Jahre einen Coste’schen Apparat von Holz gemacht und mich im Spät- 
herbst 1854 eingeladen, ihm die Manipulationen zu zeigen. Dies habe ich gethan, und 
auch hier sind junge Forellen ausgeschlüpft, wie briefliche Mittheilungen mich benach- 
richtigten. : 

Von einer andern Station bei Bautzen sind mir keine Mittheilungen zugekommen. 
Ich für meinen Theil rathe zu einem Apparate, wie der in Harthau von mir benutzte. 


141 


angelegt hatten, die in Folge des Coste’schen Berichts von Staatswegen 
Unterstützung erhielt. Hier nun scheinen die Erfolge hinter den Ver- 
sprechungen zurückgeblieben zu sein. Die Verbindung Coste's mit die- 
sem Institute hat zur Lösung einer anderen interessanten Frage beige- 
tragen, der über die Transportfähigkeit befruchteter Eier. Lachs- und 
Forelleneier von Mühlhausen mit der Diligence nach Paris gesendet, 
sind in sehr grosser Zahl im College de France ausgeschlüpft. Andere 
künstlich befruchtete Eier, in einem Kasten von Weidenholz, zwischen 
abwechselnden Lagen von feuchtem Sande, innerhalb eines Zimmers 
aufbewahrt, wurden zwar anfangs etwas runzlicht, später aber im flies- 
senden Wasser glatt und die Brut schlüpfte aus. Die Eier transportirt 
man am besten in Lagen feuchten Sandes, befeuchteter Wasserpflanzen 
und Moose, nach Millet in dichtgelegter, befeuchteter Leinwand oder nach 
Marquis Vibraye in kleinen befeuchteten Wattekissen, die man in Büch- 
sen und Kübeln verwahrt. AMillet transportirte so Eier nach Florenz, 
die 20—25 Tage unterwegs waren, beim Transporte zarier Eier, zumal 
im Sommer gebe man etwas Eis darum. — Die beste Zeit des Trans- 
ports ist kurz nach der Befruchtung, oder wenn die Augen schon durch- 
schimmern. 

Der Apparat Cosze's ist bekannt. Eine Stenterröhre mit einem Ab- 
Hussrohre, dessen Strom ein Hahn regulirt, ergiesst in einen mit feinem 
Sande belegten Trog, in dem die Eier liegen, einen Wasserstrahl, der 
nach beiden Seiten hin das Wasser in den unteren Trog treten lässt. 
Von diesem Troge aus fliesst ebenfalls nach beiden Seiten hin das Was- 
ser in andere, darunter terassenförmig angebrachte Tröge. 

Ich für meinen Theil ziehe den hölzernen Trögen solche von Sand- 
stein vor und fange ausserdem das Wasser nicht in der Mitte des ober- 
sten Troges, sondern an der Seite. Von jedem Troge leitet wieder nur 
eine Oefinung das Wasser in den nächst unteren Trog und damit ein 
continuirlicher Strom unterhalten wird, ist, wie sich von selbst versteht, 
die Ableitungsöffnung des nächst unteren Troges stets an der der Oeffnung 
des oberen Troges gegenüberstehenden Seite angebracht. So erhalte 
ich einen einfachen in einem einfachen Schraubengange gewundenen 
Strom. Wer den Cosze'schen Apparat anwenden will, der muss meiner 
Ansicht nach, wie er in dem obersten Troge das Wasser in der Mitte 
fasst, es ebenso im dritten, fünften, siebenten Troge fassen, und wie 
er es im zweiten an beiden Seiten nach dem unteren ablaufen lässt, 
so auch wiederum im vierten, sechsten Troge und so fort es durch 
zwei seitliche Oefinungen ableiten. So bilden Trog ‘1 und 2, 3 und 4, 
5 und 6 je einen abgeschlossenen Raum für sich. Als Material rathe 
ich lieber Sandstein, als Holz, theils der Dauerhaftigkeit wegen, theils 
aber auch, weil Holztröge viel schneller faulen, und viel reichlicher 
Algen ansetzen. Das schlechteste Holz für Tröge sind die harzigen 
Weichhölzer. Wer durchaus Holztröge nehmen will, der nehme hierzu 


Weiden-, Linden- oder Buchenholz. Traurige Erfahrungen über die Un- 
gleichheit des Stromes ohne einen Hahn zur Regulation , lassen mich 
rathen, stets dieses schon von Coste angewendeten Mittels sich zu be- 
dienen. Ein Apparat von Sandstein aus drei Trögen, jeder zu 13/a Elle 
Länge und 7 Zoll etwa Breite, in der Lichtung haltend, kostet hier am 
Platze 11/s Thaler, die Aufstellung solch eines Apparates mit Rohr und 
Hahn etwa 6—8 Thlr. und genügt für den Bedarf eines Gutes recht 
gut. — Als Material zu Brutbüchsen, die man stets durch Steinvorbau 
vor einem zu starken Wasserstrome schützen möge, nehme man ebenso 
nie Holz, oder doch nicht die harzigen Hölzer. Weisses Eisenblech, 
immerhin noch das Beste, rostet sehr leicht. Ich habe aus zwei mal 
gebranntem Töpfertone in Muskau in der Niederlausitz viereckige Kis- 
ten von reichlich 1/2 Elle Länge, 5—6‘ Breite und 8—9 Tiefe bauen 
lassen. Hiervon kostet das Stück beiläufig 25 Ngr. und bin ich bereit, 
Freunden der Fischzucht davon noch einige abzulassen. Sie dienen zu 
Versuchen in Quellen und Bächen. K. 


Besondere Cautelen bei der Fischzucht. 

Eine Hauptsache bei der künstlichen Befruchtung ist es, den männ- 
lichen Saamen später in die Schaale, in der man die Befruchtung vornimmt, fal- 
len zu lassen, als die Eier. Gut ist es auch, Beides gleichzeitig vorzunehmen. 

Nach den von de Ouatrefages angestellten Versuchen, die auf die 
bekannte Erfahrung gegründet sind, dass die Spermatozoiden (Saamen- 
faden) nur so lange befruchten, als sie sich bewegen, (was um so we- 
niger auffallen wird, seitdem wir wissen, dass diese Saamenfäden hinein 
ins weibliche Ei dringen. Ref.*) ist die Zeit nur kurz, während welcher 


*) Die Ersten, die das Eindringen der Saamenfäden in das Ei beobachteten, waren 
Newport (Batrachierei), Barry (Kaninchenei), Keber (Najadenei) und Nelson (Ascaridenei). 
Nach L. Reichenbach wurden diese Beobachtungen noch früher von Prevostu. Dumas: am Tri- 
ton-Ei gemacht. Vor Allen Bischoff bekämpfte diese Ansicht ziemlich scharf im Vereine mit 
Funke in Leipzig und vv. Hesslingin München. Inzwischen fand Meissner — der wenn er auch 
durch Kebers Abbildungen nichtüberzeugt ist, dass wirklich dieser das Eindringen der Samen- 
fäden in die Najadeneier gesehen habe, des sehr hart mitgenommenen Kebers Benennung, 
der in der Entwickelung des Eies begründeten Oeffnung der Dotterhaut nach Analogie am 
Pflanzenei als Mikropyle vertheidigt, — dieses Eindringen der Spermatozoiden ins Ei bei 
Ascaris mystax, A. marginata, A. megalocephala, Strongylus armatus, Lumbrieus. Bei In- 
sekten, wie Musca vomitoria, M. domestica, Tipula, Lampyris splendidula, Elater (pectini- 
cornis), Telephorus bei einer Species von Adela, Pyralis, bei Tortrix, Euprepia lubricipeda, 
E. Caja, Liparis salicis, Pieris Brassicae, Tenthredo viridis, Spathius clavatus, Agrion Virgo 
Panorpa, bei einer Crustacee: Gammarus pulex hat Meissner weiter das Bestehen der Mikro- 
pyle mit Sicherheit nachgewiesen und man muss daher wohl auch an das Eindringen der 
Spermatozoiden im Eie glauben. Später widerrief Bischoff, und sah, wie auch Meissner, 
die Samenfäden insKaninchenei treten. Das Beste hat hierzu erst Meissner geleistet, doch 
ist es Unrecht, wenn man für ihn Prioritätsstreitigkeiten in Betreff der Entdeckung erheben 
wollte. Er und Bischoff bestätigten nur Gesehenes, und Keber hat mindestens das grosse 
Verdienst der Anregung. K. 


18 _ 


die Samenfäden ihre Befruchtungsfähigkeit behalten, und diese Zeit 
wiederum bei den einzelnen Arten verschieden. Die Samenfäden des 
Hechtes stehen nach 8 Minuten und 10 Secunden im Wasser still, die 
vom Plötz in 3 Minuten und 10 Seeunden; die vom Karpfen in 3 Minu- 
ten; die vom Barsch in 2 Min. 40 Sec.; die der Barbe in 2 Min. 40 
See. Dabei wechseln diese Bewegungen noch nach den Temperatur- 
einflüssen. Für im Winter streichende Fische ist eine Temperatur des 
Wassers von + 4—7° R., für die im Frühjahr eine solche von + 8 
— 100 R., für die im Spätfrühjahre (Karpfen und Barsch) eine Tem- 
peratur von -+ 14 — 16° R., und für die im Sommer streichenden eine 
Temperatur von + 20—25°R. die günstigste bei der Befruchtung, da 
hier die Fähigkeit der Bewegung der Saamenfäden ganz gut besteht. 
Kleine Temperaturunterschiede und zumal niedere Temperaturen wer- 
den von ihnen viel besser vertragen, als nur um ein Paar Grad höhere. 
Herr Millet schickte Forellenmilch (ganze Hoden) in einem Gefäss mit 
Eis an Ouatrefages und füllte auch die Büchse, in der der Samen 
lag, mit Eis an. Diese Milch behielt noch 64 Stunden ihre befruchtende 
Kraft. Die oberflächlichen Schichten verloren diese Fähigkeit früher, 
als die inneren, man braucht daher die Hoden gefrorener Fische nicht 
wegzuwerfen. Im Wasser verlieren die einzelnen Fäden eher ihre Be- 
weglichkeit, als die in Saamenhaufen zusammengeballten. 

Die Kürze der Dauer der Bewegung der Saamenfäden ist eine Haupt- 
ursache des zeitweiligen Nichterfolgs der künstlichen Befruchtung, und 
deshalb Eile bei der Manipulation nöthig. Sodann wird es oft versehen 
mit der Temperatur, die jede einzelne Fischart erfordert. 

Diese Arbeit von Ouatrefages hat zuerst feste, wissenschaftliche Re- 
geln der Befruchtung bei der Fischeultur präeisirt. 


Letzte Verbesserungen der Fischcultur durch den Wasser- und Forstinspecteur 

Millet, die zum grossen Theil von Coste nur adoptirt worden sind. 
/st der Laich dem Weibchen auf einmal oder in Zwischenräumen zu nehmen ? 

Die Fischeier sind nicht alle an einem und demselben Tage reif; 
das Weibchen streicht in Zwischenräumen und eine gewisse Anzahl von 
Tagen hindurch, während welcher Zeit das Männchen das Weibchen 
stätig verfolgt. (In der Fischersprache bei Karpfen „Hetzen“. Ref.) 
Und darnach hat man bisher immer gerathen, man solle den Laich auf 
einmal dem Weibchen abdrücken, was jedenfalls ebenso dem Thiere als 
dem Laiche und seiner Entwickelungsfähigkeit schadet. 

Millet versuchte nun den Fischen die Eier in Absätzen zu nehmen. 
Da aber die Gefangenschaft die geschlechtlichen Entwickelungen der 
Fische nachweislich nicht begünstigt, so nahm er sie nur in dem Moment 
der Befruchtung aus dem Wasser und brachte sie unmittelbar darauf 
wiederum ins Flusswasser, indem er sie an einer durch die Kiemen ge- 
zogenen Schnur befestigie, was sie ganz gut vertrugen. 


144 


Brutapparat nach Millet. /) Ausserhalb der Bäche und Seen. 

Wenn die Entwickelung des Eies ausserhalb des Wassers in dem 
die Aeltern leben, Statt haben soll (in einem Zimmer oder Schuppen), 
besorgt man sich ein Gefäss mit einer Capacität von 30 — 35 Pf., mit 
Mischung von Kohle, Kiesel und Sand, um eine Art Filter herzustellen. 
Durch ein mit einem Hahne versehenes Rohr leitet man das gereinigt 
abgelaufene Wasser in treppenweise aufgestellte Tröge, in denen man 
auf folgende Weise die Eier rein erhält. 

Jedes auch noch so reine Wasser setzt fremde Theilchen ab, die 
sich an die Eier anhängen, so dass sie sich endlich mit einer für die 
Entwickelung von Byssus oder Schimmel günstigen Substanz umgeben. 
(Besonders die Kohlentheilchen des obigen Apparates begünstigen, wie 
Referent aus eigner Erfahrung leider weiss, diesen Absatz.) Um diess 
zu verhüten, hält Herr Millet, und'nach ihm Coste, die Eier in einer 
kleinen Entfernung unter dem Wasserspiegel vermittelst kleiner Siebe, 
die aus verschiedenen Substanzen, z. B. Haare, Seide, Weide, am lieb- 
sten aber aus galvanisirtem Metall, das sich leicht mit einer Feder rei- 
nigen lässt, und nicht so leicht mit Algen, bes. Achlya prolifera, über- 
zieht, verfertigt sind. Diese Siebe werden an kleinen über die Ränder 
der Rinnen gleitenden Fäden in der gewünschten Höhe gehalten. Uebri- 
gens hat schon Foigt eine ähnliche Einrichtung angewendet, indem er 
die Lachseier in einem von allen Seiten durchgängigen Mousselinsack 
an einem Faden in den See warf, oder vermittelst eines grossen Steins 
am Platze hielt. 

Die Mühe, die man mit solch einem Apparat hat, ist gering. Man 
braucht nur täglich morgens und früh den Behälter zu füllen, das Sieb 
täglich einmal zu reinigen und die undurchsichtig gewordenen Eier zu 
entfernen. Seit Jahren bedient sich Millet dieses Apparates, um in Paris, 
in der Rio Castiglione die Eier von Forellen und Lachsen auskriechen 
zu machen. *) 

2) Innerhalb der Bäche und Seen. 


Kann man im Wasser eines Flusses, Sees oder eines Teiches selbst 
operiren, so wende man doppelte Siebe von metallischem Gewebe an, 
die man vermittelst eines Schwimmers (Flotteur) in einer passenden 
Höhe erhält und die somit dem Fallen und Steigen des Wassers folgen 


*) Referent, der örtlicher Verhältnisse halber seinen Apparat nicht zu Hause ha- 
ben konnte, hatte Unglück mit seinem derartigen Apparate, wird ihn aber von Neuem 
wieder vornehmen. Dieser Apparat war wie folgt eingerichtet. Eine gut ausgewässerte 
sogenannte Oleumflasche wurde 2 Zoll vom Boden seitlich in der Dicke eines kleinen 
Fingers durchbohrt und in diese Oefinung ein feines Abzugsrohr (am besten ‚mit einem 
Hahne) gebracht. Die Oleumflasche, die das Wasserreservoir darstellte, wurde auf die 
höchste Staffel einer gewöhnlichen, treppenförmigen Blumenstellage gestellt und täglich 
zweimal gefüllt. Von da tropfte das Wasseg in wiederum mit Abzugsgefässen versehene 
Gefässe, welche sich auf den untern Staffeln der Blumenstellage befanden, K, 


145 
‚können. Für Arten, die in stillem Wasser laichen, belegt Möllet das 
doppelte Sieb mit Wasserpflanzen, oder bringt ihre Eier in grossen 
Kübeln mit Wasserpflanzen ins Wasser. 


Ein Fluss des Salzwassers auf die Eier der Fische, welche um zu laichen, 
das Meer verlassen und in die Süsswässer hinaufsteigen, nach Millet, 


Für gewöhnlich ist Salzwasser der Entwickelung der Eier nach- 
theilig. Bekommen aber die Eier weisse Flecken, die sich von der 
Oberfläche nach dem Centrum zu ausdehnen, und, wenn man sie ver- 
grössern lässt, die Zerstörung der Eier herbeiführen, so bringt man 
dieselben durch einen schwachen Grad von Salzzusatz zum Schwinden 
und die Brut zum Ausschlüpfen. Je niedriger die Temperatur ist, um 
so weniger bekommen die Eier von Forellen und Lachsen weisse Flecke; 
um so mehr bei einer Temperatur von über 10 Grad*). 


Schlussbetrachtungen. Bei der Frage, welche Fische für einen Distriet 
am besten passen, prüfe man zuerst die Natur, gewöhnliche Temperatur, 
Tiefe und verschiedene Eigenschaften der fraglichen Gewässer und die 
Gewohnheiten, den Instinet und die Lebensweise der Fische, die sich 
daselbst entwickeln sollen. (Refer. räth dabei zugleich nachzusehen, 
was noch für Fischarten zur Zeit in diesen Gewässern vorkommen, und 
welche früher daselbst vorkamen. So waren seiner Zeit in der Nieder- 
lausitz die Lachse so gemein, dass ein Gesetz erlassen wurde, dem 
Dienstpersonale nicht mehr als zweimal wöchentlich Lachs zum Essen 
zu geben.) Hat man eine passende Wahl getroffen, so wähle man zur 
Befruchtung taugliche Individuen, vor Allem solche, die nicht zu lange 
in engen Behältern gefangen gehalten waren, was dem Laiche schadet. 
In kleinen von Bächen durchflossenen Weihern und Teichen kann man 
sie gern halten. 

Weiter beachte man genau die oben von Quatrefages angegebenen 
Cautelen in Betreff der Temperatur des Wassers im Befruchtungsgefäss, 
obgleich Vogt bei den den Lachsen verwandten Arten die Befruchtung 
bei in Eis gelegenen Eiern mit Erfolg vorgenommen haben will. 

Man muss die Befruchtung nicht auf einmal vornehmen, und womög- 
lich die Thiere nicht aus dem Wasser nehmen, sondern unmittelbar an der 

*) Es ist ein eigenthümlicher in allen Zweigen der Naturgeschichte sich wieder- 
holender Erfahrungssatz, dass man einzelnen Arten von Wesen nur in einem geographisch 
sehr beschränkten Raume begegnet. So findet sich eine der schönsten Lachsforellen 
nur an einer einzigen Stelle des Genfer Sees (eines Binnensees) und nur zu einer ge- 
wissen Zeit. Sollte das nicht mit der Streichzeit dieser Thiere zusammenfallen und 
daraus zu erklären sein, «dass an dieser Stelle ein besonders kalter Quell den See 
speise? Liesse sich das nicht so erklären, dass die Aeltern instinktmässig diese Stelle 
suchten, weil ihrer Brut hier ein möglichst kaltes Wasser zu ihrer Entwickelung, die 
sie bekanntlich bei + 10 R. nicht mehr durchzumachen im Stande ist, geboten wird? 
Am Ende kann der Geolog ferner von den Fischen noch Winke erhalten! — K. 

Allg. deutsche naturhist. Zeitung TI, 1 


145 
Öberlläche des Wassers ihres Saamens berauben. Ferner streiche man 
nur leicht, oder noch besser, man beuge die Thiere schwach nach oben, 
wobei der reife Saamen austritt. Nur wenn das nicht hilft, drücke man 
ganz leicht den Bauch mit dem Finger und streiche gleichzeitig oder 
fast gleichzeitig den Saamen ab, da die Forellensaamenfäden nur eine 
Minute sich bewegen und beim Karpfen die mucilaginöse Eihülle so 
schnell im Wasser sich auftreibt, dass die Befruchtung alsbald dadurch 
erschwert ist. (Dies sieht man ja schon au den Fröschen, bei denen 
das Männchen sofort das ins Wasser fallende Ei mit ’seinem Saamen 
befruchtet, Ref.) Man wasche ja nicht, wie einige riethen, die Eier 
vor der Befruchtung. Hat man die Eier einmal befruchtet, so bediene 
man sich der Apparate von Coste und Millet oder des Doppelsiebes oder 
des „incubateur flottant“ von Mille. Am besten befruchtet man alsdann 
unter Wasser, und wenn man mit Fischen zu thun hat, die ihre Eier 
anhängen, nach vorhergängigem Einbringen von Wasserpflanzen oder 
krummen Reisern in das Sieb. Mittels eines Flotteurs und Fadens 
kann man den Apparat leicht visitiren. (In stehenden oder langsam 
Hiessenden Wässern ist das Anbinden an einen Faden gefährlich. Ich 
erlebte es, dass Bindfaden von der Stärke der Uhrseile einer Schwarz- 
wälder Uhr nach Zeit von 3- bis Awöchentlichem Liegen im Wasser 
beim Herausnehmen der Büchsen zerrissen. Ref.) Die Fische setzt 
man aus, sobald sie ihre Nabelblase verloren haben und am liebsten 
an nicht zu tiefe Orte, da hier die grossen Fische gewöhnlich nicht 
sind. Die Brut versteckt sich übrigens leicht vor ihren Feinden. Als 
Nahrung kann man ihnen bald Ueberreste aus der Küche und Fleischbank 
reichen und alle dem Menschen unbrauchbare, thierische Substanzen. 
(Ref. fragt, ob nicht auch Quarch ihnen bekannt?) Manche Substanzen 
schaden den Fischen, z. B. nach Sivard de Beaulieu ist der Erdsalaman- 
der für Forellen verderblich. In gut fliessendem Wasser erzeugen übrig- 
bleibende Nahrungsreste keinerlei Beschwerde für die Brut und man 
kann sie selbst in kleine Bassins setzen. 

Persönliche Regsamkeit und Geschicklichkeit regeln, wie bei jeder 
Industrie, auch hier den Erfolg. Nöthig ist freilich von Seiten der Regier- 
ungen, die Revision der Fischgesetze durch Sachverständige, und eine 
vernünftige Fluss- und Küstenaufsicht, sowie Einführung der künstlichen 
Befruchtung an möglichst vielen Orten. Vorzüglich soll hierzu das vor- 
handene Personal der Verwaltung der Wässer und Forsten verwendet 
werden. 

Somit schliest Referent den Bericht und erlaubt sich, ausser den 
früher schon eingestreuten, noch einige selbstständige Bemerkungen 
über die Tendenzen, mit denen er daran ging, in seinem eignen Vater- 
lande zuerst Versuche der künstlichen Forellenzucht zu machen, und 
zuletzt seine Gedanken über die Karpfenzucht in Specie darzulegen. 

Oben schon wurde gesagt, dass es bei jeder Industrie, so auch hier auf 


147 

Fleiss und Geschicklichkeit des EinzInen ankomme, und dass dies auch 
von der Fischeultur, als Industrie, zu sagen sei. Nur schwer oder 
doch mit zu vieler Anstrengung, die oft gescheut wird, belehrt man 
sich aus Büchern. Die Beibringung 'eines einzigen praktischen Kunst- 
‚griffs ersetzt Stunden. Wer daher zu der Förderung der künstlichen 
Fischzucht mithelfen und mitbeitragen will, der muss sich nicht scheuen, 
nit eignen Opfern an Zeit und Geld die Sache in die Hand zu nehmen, 
vor Allem sollte der Staat selbst eingreifen. Für unsere Lausitz ist dem Pri- 
vatfleiss die Sache überlassen. Als Lehranstalt soll, wie ich höre, die 
öconomische und forstwirthschaftliche Academie zu Tharandt gelten; 
eine gewiss sehr fruchtbringende Einrichtung, wenn die Sache mit Lust 
und Liebe praktisch betrieben wird. Dann können von hier aus die 
jungen Eleven diese Kunst durch unser Land und weiter hinaus ver- 
breiten. Sehr vielwürde zweifelsohne weiter gewonnen, wenn man schon 
jetzt die Oberförstereien und Oberforstmeistereien des Landes dahin be- 
stimmte, dass sie in ihrer Nähe, wo es irgend möglich ist, ähnliche Apparate 
aufstellten, wie wir oben angegeben haben. In den meisten Gegenden 
wird das wenige dazu nöthige Steinmaterial für die Bruttröge zu haben 
sein und wo es fehlt, ist es für Weniges von fern her zu erhalten. 
Wenn diese kleinen Anstalten errichtet werden, haben die Revierförster 
die zweifelsohne in dem Sommer doch einmal die Oberförsterei besuchen, 
Gelegenheit, diese Anstalten zu sehen, dieselben ihrem Bedürfniss ge- 
mäss zu Hause einzurichten, um Alles bis zum Herbste fertig zu haben. 
Andere, wo solche Einrichtungen schwierig sind, können auch mit Brut- 
büchsen oder thönernen Brutkästen sich versehen. Nur dadurch aber, 
dass man möglichst viele Einzelindividuen für die Fischzucht interes- 
sirt, kann man auf Erfolg hoffen. Der Grund ist einfach: unter Vielen 
wird es selbstverständlich eine grössere Anzahl zu der fraglichen Industrie 
Geschickte geben und je mehr diese sich betheiligen, um- so weniger wird 
die durch Todesfälle eintretende Lücke bemerkt, um so eher wird über- 
haupt die ganze Zucht der Fische auf die Nachkommen vererbt werden. 

Serunt arbores, quae alteri seculo prosunt. 
(Man pflanzt die Bäume auch für's kommende Geschlecht.) 

Wer sich übrigens einbildet, dass die Forellenzucht für Private, 
die nicht zum Forstpersonal gehören, leicht ist, der irrt gewaltig. Es 
gehört eine ziemliche Lust und Liebe zu der Sache, um alle Hinder- 
nisse zu überwinden. Hat man auch endlich die Vorurtheile, die auch 
hier, wie gegen alle Neuerungen, auftauchen, überwunden, hat man die 
Spötteleien überstanden, wenn nicht gleich anfänglich, weil kein Meister 
vom Himmel fällt, grosse Resultate erzielt werden, hat man den Eigen- 
sinn Einzelner, die für die Sache gewonnen sind, sich aber &inbilden, 
die Sache besser zu verstehen, als man ihnen beibringen will, besiegt, 
hat man keine Mühe gescheut, zu instruiren, Stunden, ja-halbe Tage in 
den Wäldern sich herumgetrieben, um passende Stellen für die Brutbüchsen 


IE” 


148 
zu finden, Stellen, wo es hinlänglichen Strom giebt und man doch die 
Büchsen vor stürzenden Quellen durch Steinumbau schützen konnte,, 
hat man, was das Beste ist, ein kleines Bassin in der Nähe der Wohn- 
ung des Försters oder des Leiters einer Station erbaut, damit er öfters’ 
ohne zu grosse Beschwerde für sich nach den Eiern sehen kann, dann 
geht die eigentliche Noth erst an. Die Forellen sind in unsern Wäs- 
sern auf ein Minimum geschwunden und man ist froh, wenn man end- 
lich einige erlangt hat. Die mir. z. B. ins Haus zum Verkauf gebrach- 
ten Thiere waren meist matt, hatten zeitweilig schon einige Tage im 
Halter gestanden und froh Eier zu haben, wurden so viel ausgedrückt, 
als beim leichten Drucke Eier abgingen. Matte Fische lassen die Eier 
dann auch in grössererMenge gehen und man verunreinigt seine Kästen 
init unreifen Eiern von Hausaus. UnsereBäche sind meist zu klein, um 
das Milletsche Verfahren, die Fische an Bindfäden in den Bach zu hän- 
gen, nachzuahmen. Das Beste sind hier jedenfalls Teiche, die nur einen 
kleinern Umfang haben und leicht abgelassen werden können, was auch 
hier wiederum nur bis Anfang December gewöhnlich möglich ist, da es 
gewöhnlich dann noch keinen allzu harten Winterfrost giebt. Da nun 
aber bei uns die Streichzeit von November bis Februar dauert, so ist 
die Aufbewahrung in solchen Teichen fast noch das Einzige, was Eriolg 
verspricht. Wer soll zur spätern Streichzeit im Winter selbst die 
Forellen aus dem Bache fangen? Scheut sich nicht Jeder vor der Kälte 
der Gewässer in unserm kalten Klima? Es bleibt demnach nichts übrig, 
als zur Zeit, wo die Forellen streichen, sie in kleine Teiche zu sammeln 
und zeitweilig, wenn milde Witterung eintritt, sie dort heraus zu fan- 
gen und Versuche des Abstreichens in gewissen Zwischenräumen zu 
machen. RB 

Endlich bitte ich, dass man auf die Mahnung höre, den Schlamm 
und die fleckig werdenden oder die weiss gewordenen Eier sofort zu 
entfernen. Je mühsamer die Leiter der Station oder ihre Leute sind, 
um so bessere Erfolge wird sie haben. So zog der Herr Förster Hohl- 
feld in Solmsdorf aus einer einzigen Büchse mit circa 200 Eiern gegen 
80 Junge. Die grösste Thorheit ist es, die Eier, ohne diese Reinigung 
vorzunehmen, stehen zu lassen, weil man sich wohl auch einbildet, 
man müsse die Natur nachahmen und dürfe die Eier nicht stören. 

Der Strom des Flusses geht heute auch schneller, wie morgen, es giebt 
da auch Wechsel und Störung, und es steht Niemand am Bache, der 
mit einem Dynamometer die Stromkraft regulirt. Ausserdem zeigt es 
aber zugleich von wenig Kenntniss, wenn man, um die Natur nachzu- 
ahmen, die schlechten Eier liegen lässt. Schlechte Eier sind leichter, 
als gute. Diese sinken, aufgerührt, schnell zu Boden, jene schwimmen 
und tlottiren länger im Wasser herum, ohne sich wieder zu setzen, 
Dadurch erhält der freie Wasserstrom in der Natur die Kraft, die schlech- 
ten Eier abzusondern von den guten. In unsern Brutkästen und Brut- 


19 


büchsen ist diess unmöglich, deshalb müssen wir die schlechten aus- 
lesen. Sorgsam entferne man also alle Eier, die eben schlecht zu wer- 
den beginnen, und versuche hier zuerst den Ailletschen, Kochsalzzusatz 
in besondern Büchsen, aber im untersten Troge des Apparates, indem 
man eine kleine Menge Salz von Zeit zu Zeit einstreut. Sieht man im 
Kasten oder in der Büchse ein weisses oder rothes Ys” langes tausend- 
fuss ähnliches Insekt, so suche man seiner, eben sowie der jungen im 
Wasser herumschwimmenden Saugwürmer unter allen Verhältnissen hab- 
haft zu werden. Erstere sind oft schwer zu finden. Leere Eischaalen 
die in den Kästen herumschwimmen, lassen den Feind vermuthen, der 
oft innerhalb der Eier sich eingebohrt hat und leicht unsern Augen 
entgeht. Oft entfernt man ihn unbewusst, zum Glück für seine Anstalt, 
init den weissen Eiern, da er nur in solchen*lebt und auch deshalb ist 
die Reinigung von solchen Eiern anzuempfehlen. Die Brutbüchsen sind 
vor den grösseren Wasserraubthieren durch ihre Deckel geschützt. Aut 
die Bruttröge lege ich durchlöchertes Zinkblech, was allerdings den Ap- 
parat um i 'Thlr. etwa vertheuert. Man kann jedoch auch Haarsiebe 
nehmen, doch sind erstere sicherer. 

Was die Zachse anlangt, so dürfte die Gegend um Üolditz und vor 
Allem die Zschopau, in der Gegend von Mittweida und Triebstein, so- 
wie die Elbe das Material gewähren, das zur Befruchtung dienen soll. 
Man bediene sich zur Ausbrütung der Eier unserer Tröge. 

Ohne Einvernehmen mit den Müllern, die n der Mulde und Zscho- 
pau besonders die Fischer darstellen, und ohne Einvernehmen mit den 
Fischern lässt sich nichts thun. Je näher der Experimentator diesen 
Gegenden ist, je näher am Flusse er wohnt, um so zweckmässiger, eig- 
net sich seine Gegend für den Versuch. 


Betrachtungen über die Karpfenzucht. 

Die Karpfenzucht ist sicher eine der schwierigsten Aufgaben. Es 
giebt hier zwei Wege, die Vermehrung durch die natürliche Befrucht- 
uug der Fischeier und die durch künstliche. Ich für meinen Theil 
glaube, es wird hier das Wirksamste eine Nachahmung des Land’schen 
Apparates in der Weise sein, dass die Herren Fischzüchter einen gros- 
sen Kasten von beiläufig 8 Fuss Länge, 6 Fuss Breite und 2—3 Fuss 
Höhe machen, der an den Seiten durchbohrt ist, oben aber offen sein 
kann und durch einen Schwimmer etwa !/a Elle über Wasser gehalten 
wird, damit die Karpfen nicht über ihn wegschnellen können. In diese 
Kästen würden alsdann Weidenflechten in solchen Zwischenräumen zu- 
sammengesetzt, dass sie etwa 6 Zoll breite Schleussen frei liessen, aber 
auch so, dass sie etwa nur bis 6 Zoll (je nach der Grösse der Karpfen) 
an dem Boden herabreichten, und ebenso weit von den schmalen Sei- 
ten des Apparates entfernt bleiben. So gestattet man den Karpfen, an 
Weidenruthen vorbeistreichend, ihren Saamen anzuhängen. Sobald nun 


150 

das Streichen im Gange ist, würden mittlere etwa 2—4 Pfund schwere 
Weibchen und kleinere Männchen in diese Kästen und oben auf das 
Wasser in den Kästen Teichlinsen oder andere Wasserpflanzen gebracht, 
damit die Fische auch zu leben haben. Die nicht verzehrten Wasser- 
pflanzen würden zugleich als Anheftepunkte für die Karpfeneier die- 
nen*). Nach 2—4 Tagen würde man die Karpien aus ihren Behältern 
entlassen, was leicht durch an den Seiten angebrachte grössere Schie- 
ber möglich wäre, worauf man denselben Kasten oder dieselben Ruthen 
nochmals mit Streichkarpfen besetzen könnte, da sicher die Streichzeit 
8—10 Tage anhält. 

Da dies Verfahren das Einfachste, am wenigsten Zeitraubende und 
leicht von Jedem zu Bewerksteiligende ist, so glaube ich, würde es am 
meisten Eingang finden, und doch schon recht nette Erträge liefern 
können. Nach Entlassung der Karpfen aus dem Behälter schwämme der 
Kasten auf dem Strichteiche frei herum, und durch ein Paar Rollen und 
Seile in einer Entfernung gehalten, die das zeitweilige Nachsehen ge- 
stattet. Die Zeit der Ausschlüpfung füllt 2—4 Wochen nach dem 
Eierlegen, je nach der Temperatur des Wassers, in dem die Karpfen 
sich finden. 

Auch in Teichen, deren Zuflussgräben oder Grenzen mit freiwur- 
zelndem Rohr, gut mit Schilf oder mit ihren Wurzeln frei ins Wasser 
entsendenden Weiden besetzt sind, wird man bessere Resultate erzielen, 
als wo nicht hierauf Rücksicht genommen ist. Ein Strichteich bedarf 
frei im Wasser”drehender PHlanzentheile, damit die Eier an dieselben 
angeheftet werden können; er muss aber auch zur Zeit des Striches 
möglichst niedrig angespannt erhalten werden, da die Karpfen, wie man 
beim Hetzen sieht, gern an der Oberfläche der Wässer gehen und ihren 
Laich anhängen. Steht das Wasser zur Streichzeit hoch, und kommt 
es bei der Wärme des Juni (in welche Zeit die Brutzeit fällt) zum 
stärkeren Sinken des Niveaus der 'leiche, so würden die Eier gleichsam 
aufs Trockne gesetzt, und der Strich ist verloren, Wer die künstliche 
Befruchtung bei Karpfeneiern vornehmen will, der bringe Wasserpflan- 
zen in einen grösseren Kübel oder in ein Fass, und drücke nun die 
die Eier des Weibehens auf diese Pflanzen. Zu derselben Zeit aber 
muss ein anderer Gehilfe dem Männchen den Saamen auf die abgehen- 
den Eier drücken, so dass womöglich die Producte beider Geschlechter 
in einem und demselben Momente das Wasser berühren. Grössere nur 
wenig durchlöcherte Kästen werden hierauf mit diesen Wasserpflanzen 
erfüllt und in den Teichen an möglichst warmen Stellen gelassen. 


*) Man wird hieraus abnehmen, dass nicht bloss die Raubfische ete. die Feinde der Ver- 
mehrung der Fische durch Vernichtung der Fischeier sind, sondern die Pfianzenfressenden 
Fische, welche ihre Eier an Wasserpflanzen hängen, diese Pflanzen verschlingend auch 
ihre Brut verschlingen und Feinde gegen sich selbst werden, 


151 » 


u — pe 


Hat marı warmes Wasser, wie es aus Dampfmaschinen abläuft, zur 
Disposition, und kann man dadurch dem Wasser künstlicher Brutstel- 
len eine stätige Temperatur von 20—22° R. geben, so ist es jedenfalls 
“gut, sich dieser Einrichtung zu bedienen. Besonders gut eignen sich die aus 
den Tag und Nacht arbeitenden Maschinen ‘der Bergwerke zu Tage tre- 
tenden Dämpfe. Dass aber selbst die Dämpfe der nur bei Tage arbei- 
tenden Maschinen noch recht Erspriessliches leisten, sieht man aus dem 
Erfolge, der in einem Berliner Etablissement bei Goldfischen erzielt 
wird. Hier hält der Dampf das Wasser stätig auf einer Temperatur 
von der angegebenen Höhe. Ich verdanke diese Mittheilung einem 
hochgestellten Russen, der im April dieses Jahres meine kleine Anstalt 
besuchte, und mich auf die Benutzung des aus den Harthauer Dampf 
maschinen zu Tage tretenden Dampfes aufmerksam machte, dessen 
Namen aber ich hier zu nennen nicht autorisirt bin. 

Eine ähnliche Erfahrung hatte ich Gelegenheit im vorigen Jahre 
bei einem hiesigen Fabrikanten zu machen. In einem kleinen Bassin, 
das durch eine Röhre gespeist wird, die durch stärker erwärmten Fa- 
brikraum geleitet ist, wurde von Seiten der Besitzer ein Versuch mit 
kiinstlicher Goldfischzucht gemacht, und wirklich einige junge Fische er- 
halten. Einer dieser Fische machte mir, als ich die kleine Brut sah, 
uoch deshalb besondere Freude, dass es mir gelang, ihn am Leben zu 
erhalten, obgleich er sich stark bestossen hatte und auf dieser Stelle Al- 
gen hervorgewuchert waren, die einen anderen ähnlichen Fisch schon 
vernichtet hatten. Vorsichtiges Abreiben der Alge, Reinmachen der 
Wunde und Ueberstreichen mit einer Auf lösung von arabischen Gummi 
stellten das kleine Thierchen her. — 

Welche Fische man in einer Gegend besonders ziehen sollte, das 
haben wir schon einmal angegeben. Es gilt allen jenen nutzenbringen- 
den Arten, die vor Älters und heute noch in ihnen sich fanden und finden. 

Eine letzte Frage, die wir aufzuwerfen haben, ist die: Kann man hof- 
fen, auch im Binnenlande Seethiere zu ziehen, die es nicht gelingt, in Süss- 
wasserthiere umzuwandeln ? 

Diese Frage interessirt unser an Salzquellen armes Sachsen wenig; 
sie dürfte aber in Betracht zu ziehen sein, in Orten, wo, wie in der 
Provinz Sachsen, die Salzquellen häufig sind, und ein immer noch ziem- 
lich salziges Wasser in die freien Naturwässer abläuft. 

Man wird ran lächeln, ich glaube es und nehme es auch Nie- 
mandem übel, denn ich habe schon oft gesehen, ja selbst es erlebt, dass 
Sachen belächelt worden, die doch wahr sind und endlich Annahme 
fanden. So spreche ich es denn auf jene Gefahr hin aus: Zs verlohnte 
sich des Versuches, die unbenutzt abfüessenden Soolen zu Bassins zu sum- 
meln, und Austernbrut in sie überzutragen! In Sachsen kenne ich eine 
Quelle bei Zwickau, die der Analyse nach reich an Kochsalz, aber zu 
schwach zum Salzsieden ist. Vielleicht genügt sie aber, um in ein 


MEER 


.— 


Bassin zu dem angedeuteten Versuchen gefasst zu werden. Wenn es 
gewünscht wird, würde ich später einmal über diese Idee mich weiter 
verbreiten. Es handelt sich nur um die Wahl des Momentes des Ein- 
satzes der jungen Brut in die Bassins, um die Bestimmungen der Tiefe 
derselben, des Fütterungsmäterials und der Anbringung von Dingen, an 
denen sich die Brut befestigen kann. Kennern der Naturgeschichte der 
Austern ist hiermit schon genug gesagt. . Küchenmeister, 


Exeursion von New-Orleans nach dem Urwald am Rio 
Colorado in Texas. 
Von 


Dr. Benno Matthes, 


Den 1. August 1853 verliess ich Cincinnati, um einen Ausflug nach 
Texas zu unternehmen, einem Lande, das selbst in den übrigen Theilen 
der nordamerikanischen Freistaaten noch ziemlich unbekannt ist. ’ 

Nach einer elftägigen Fahrt auf den beiden grössten Flüssen Nord- 
amerikas, ich meine den Ohio- und Mississippi River, erreichte ich das 
allgemein bekannte New-Orleans, bekannt als die bedeutendste Handels- 
stadt des Südens, in der fast alle Nationen zu finden sind und alle 
Sprachen der Welt gesprochen werden. Hier vereinigen sich der Euro- 
päer, der Asiate und Amerikaner um, von dem hier in Sklaverei leben- 
den Afrikaner bedient, nach allen Theilen der Erde freien Handel zu 
treiben. New-Orleans ist aber auch bekannt durch die die Stadt von’ 
drei Seiten umgebenden Swamps oder Sümpfe, welche mit Hülfe des 
stets schlechten und schmutzigen Wasser führenden Mississippi Rivers, 
einen vollkommenen Ring um die dicht zusammengedrängte und von 
160,000 Einwohnern bevölkerte Stadt bilden. Die Stadt selbst liegt be- 
kanntlich tiefer als die Oberfläche des Mississippi bei gewöhnlichem 
Wasserstande, wodurch natürlich die Sümpfe niemals ausgetrocknet 
werden können. Diese Umstände sind wohl unstreitig die Hauptur- 
sachen, dass New-Orleans der ungesundeste Punkt in der gesammten 
Union ist. 

Drei Wochen vor meiner Ankunft in New-Orleans brach hier, wie 
auch in Mobile, Havanna, Vera CUruze und anderen an der Seeküste 
gelegenen Städten, das gelbe Fieber aus, welches wieder wie gewöhn- 
lich in erstgenannter Stadt am schnellsten um sich griff und die mei- 
sten Opfer verlangte. Gerade zur Zeit meiner Ankunft (den 12. Aug. 
1853) hatte die Epidemie ihren Kulminationspunkt erreicht. In der 


es 


verödeten Stadt waren die meisten Kaufhallen geschlossen, und auf allen 
Strassen erblickte man Transportmittel für Erkrankte oder Todte. Die 
Einwohner der Stadt, welchen es möglich geworden, zu fliehen, hatten 
die fernen Uferstädte des Ohio zum einstweiligen Aufenthaltsorte er- 
wählt. Aus Furcht war der grösste Theil meiner Reisegefährten mit 
dem Steamer Fanny Smith, auf dem wir nach New-Orleans gekommen 
waren, wieder abgereist, ohne den Fuss an das Land zu setzen. Ich hatte 
mich ohne Bedenken in die Stadt begeben, um vier Tage später mit 
dem Steamer Perseverance nach der Insel Galveston zu fahren. 

_ New-Orleans bot ein schreckliches Bild der Verwüstung und der 
Trauer. Angst und Verzweiflung waren auf jedem Gesicht deutlich 
ausgeprägt, und doch dabei die gewöhnliche Nachlässigkeit und der 
vorherschende Leichtsinn überall sichtbar. Niemand dachte auch nur 
entfernt an Vorsichtsmassregeln, selbst die nächstliegende, nämlich die 
Strassenreinigung, wurde gänzlich vernachlässigt. Die Strassen waren 
schmutzig, der Unrath aus den Zimmern und Küchen lag vor den 
Hausthüren und einige, besonders aber die meist von Irländern be- 
wohnten Stadttheile verbreiteten einen Geruch, der das Athmen kaum 
verstattete. 

Der ersehnte Tag der Abfahrt kam heran. Ein aussergewöhnliches 
Leben und Treiben war in der Nähe der Seedampfschiffe wahrzuneh- 
men. Hunderte von Arbeitern und Sklaven waren beschäftigt, die Reise- 
utensilien der sich Einschiffenden an Bord zu schaffen. Die Verwand- 
ten und Bekannten der Reisenden hatten sich am Werft versammelt, 
um ihren Angehörigen das Geleit zu geben. Besonders wurde der nach 
Galveston fahrende Steamer Perseverance mit Passagieren gefüllt, da 
die Berichte über den dortigen Gesundheitszustand bisher sehr günstig 
gelautet hatten, man daher dort noch ein schützendes Asyl suchte. 
Der dicht daneben liegende Steamer Mexico, nach Vera Cruce in Mexico 
bestimmt, zählte kaum den zehnten Theil der Passagiere. 

Schlag 8 Uhr wurden beide Schiffe von den sie an das Werft fes- 
selnden Tauen befreit, nach der Mitte des Mississippi gesteuert, strom- 
abwärts gerichtet, und beide Steamer feuerten fast zu gleicher Zeit drei- 
mal hintereinander ihre Kanonen ab. Auf den Gesichtern der Reisenden 
lagerten Frohsinn; das Bewusstsein die Gefahr im Rücken zu haben, 
war in der That auch ganz geeignet, freudige Gefühle zu wecken. 

Die Fahrt von New-Orleans bis zum Erguss des Stromes in den 
mexicanischen Golf ist schön und höchst angenehm. Die zahllosen 
Baumwollen- und Zuckerplantagen mit den herrlichen Palästen der Be- 
sitzer, die reizenden Gartenanlagen, die vielen kleinen Negerhäuser, 
welche wie kleine Städte sich ausnehmen, wechseln ab mit romantischen 
Waldgruppen und kleinen mit Blumen besäeten Prairien. Da jede 
Plantage sich von der andern unterscheidet, die eine immer reizender 
‚als die andere erscheint, so bieten die Ufer des Mississippi dem Auge 


ER... 


ein herrliches, ein grossartiges, sich alle Augenblicke veränderndes Pa- 
norama, ein Panorama, welches zeitlebens Eigenthum des Gedächtnisses 
bleibt, 

Ungefähr 3 Uhr Nachmittags begannen die Ufer des Festlandes 
zu schwinden. — Die Schiffe, welche bis jetzt mit gleicher Kraft und 
gleicher Geschwindigkeit fahrend, dicht bei einander geblieben, began- 
neu sich zu trennen. Noch einmal erschallte der Donner der Kanonen, 
ein donnerndes Hurrah von den Passagieren beider Schiffe als Ab- 
schiedsgruss und bald bezeichnete nur noch der Rauch am fernen 
Horizonte das Vorhandensein des andern Schiffes. 

Kein Lüftchen regte sich; die See war ruhig; das herrliche Blau 
des südlichen Himmels war ungewölkt; die Sonne spiegelte sich auf der 
glatten Wasserfläche; das Schiff fuhr 16 Meilen in der Stunde, kurz 
Alles liess eine vergnügte Fahrt, eine recht gemüthliche Wasserparthie 
erwarten. Schaaren von fliegenden Fischen, welche um ihren sie ver- 
folgenden Feinden zu entgehen, sich aus dem Wasser emporschnellten und 
vermöge ihrer langen Flossen sich einige Zeit vorwärts flatternd über 
der Oberfläche erhielten, treibende Riesenschildkröten und eine zahllose 
Menge grosser Wasserblasen, welche je nach der Richtung, in welcher 
sie sich befanden, roth, blau oder gelb schillerten, ergötzten das Auge. 

Ich liess eine dieser Blasen durch einen Matrosen vermittelst einer 
Stange an Bord bringen und fand nun, dass es eine sogenannte See- 
blase oder Blasenquelle, eine Physalia war. Da ich mit meiner Hand 
die über einen Fuss langen, dunkelblau gefärbten, ein wenig eontrae- 
tilen Fühlfäden berührte, so wurde mir augenblicklich die Wirkung der 
Nesselorgane jener Quallen durch ein etwas starkes Erythem auf der 
Oberfläche der Hand practisch erläutert und für wenigstens eine Stunde 


fühlbar gemacht. — Der Schmerz ist ein ganz eigenthümlicher und ganz 
ähnlich dem von Nesseln erzeugten. — Bald brach die Nacht ein und 


der grösste Theil der Passagiere suchte theils aus Müdigkeit, theils 
wegen der sich einstellenden Symptome der Seekrankheit, das Lager. 

Ein Creole, der sich mit mir auf dem Deck eingefunden. hatte, er- 
zählte mir als Merkwürdiskeit, das sein Sohn, welcher früher schon 
mit ihm über den atlantischen Ocean nach Frankreich und zurück ge- 
gereist und auf diesen Reisen niemals seekrank gewesen, schon seit 
Mittag an Kopfschmerz leide und deshalb dasBett hüten müsse. Die Ur- 
sache des diesmaligen Erkrankens, suchte er sich dadurch zu erklären, 
dass er die früheren Reisen vermittelst Segelschiff gemacht und dies 
die erste Reise mit dem Steamer sei. 5 

Am andern Morgen $S Uhr wurde die Dampfmaschine ungefähr 2 
Minuten lang angehalten, ein Zeichen, dass eine besondere Ceremonie 
stattfinde. Die Zeit wurde nämlich dazu benutzt, um die Leiche des 
Sohnes jenes Creolen als erstes Opfer der Seuche am Bord des Schiffs, 
den Fluthen zu übergeben. 


| 155 


Der Tod des jungen Creolen verbreitete Schrecken unter dem weib- 
lichen Theil der Passagiere, weniger unter den Männern, welche mei- 
stens Amerikaner, auch hier die diesem Volke eigene stoische Ruhe 
recht deutlich repräsentirten. Besonders zeichnete sich der Capitain 
durch ein ganz unbefangenes Benehmen, durch freundliches Zureden 
aus, er versicherte, dass jener Todte wahrscheinlich schon krank an 
Bord gekommen und schlug schliesslich vor, dass die Herren in der 
Cajüte rauchen möchten, indem der Tabaksrauch das beste Mittel gegen 
die Krankheit sei. 

Selten ist wohl von amerikanischen Damen ein derartiger Vorschlag 
so schnell und bereitwillig angenommen worden, als in diesem Augen- 
blicke. Was vor einer Viertelstunde noch für einen schweren und un- 
verzeihlichen Verstoss gegen den Anstand gegolten hätte, war jetzt zur 
höchsten Pflicht geworden. Die Damen promenirten im Salon, um sich 
so recht dem köstlichen Cigarrendampf auszusetzen. Jetzt würde der 
Dampf von mancher Dame vertragen, welche früher ihren Gemahl wohl 
zwang, das Haus zu verlassen, wenn er eine Cigarre rauchen wollte. 
Der kluge Einfall des Capitains hatte zur Folge, dass die Damen weni- 
ger furchtsam und die Herren sogar heiter und lustig wurden und 
schliesslich nur noch Wenige des gelben Fiebers gedachten. _ Glück- 
licher Weise blieb jener Todesfall isolirt. 

Am Morgen des nächsten Tages erblickten wir fern am Horizonte 
einen undeutlichen dunklen Streifen, der sich nach einiger Zeit deut- 
licher als Land herausstellte. Gegen 10 Uhr sahen wir das ganze Ei- 
land, nämlich die Insel Galveston vor uns, und bald erreichten wir die 
in der Bay befindlichen Sandbänke, auf denen Tausende von Pelikans 
ihren Wohnsitz aufgeschlagen und die schönen scharlachrothen Flamin- 
gos in Gesellschaft am Strande einherstolzierend den Fischen nachstell- 
ten. Bald erkannten wir deutlich die Häuser auf der Insel, dann die 
Magnolien und Bananen in den Gärten, und dachten uns schon im 
Geiste auf der Insel, als ein kleines Boot mit einer gelben Flagge ver- 
sehen, auf uns zusteuerte und der darin befindliche Hafenmeister uns 
im Namen des Gesetzes die Einfahrt in den Hafen verbot. 

Das gelbe Fieber war nämlich auch in Galveston ausgebrochen 
und da man natürlich allgemein glaubte, dass die Passagiere des vor 
5 Tagen von New-Orleans gekommenen Dampftschiffes die Krankheit 
importirt hätten, so versuchte man dureh Quarantaine der fernern Im- 
portation Schranken zu setzen, eine Massregel, welche sich hier jedoch 
als völlig nutzlos erwies, da in Galveston die Epidemie schon in hohem 
Grade vorhanden war und die Epidemie heftig und im Verhältniss zu 
(früheren Jahren in diesem Jahre 1853 die meisten Opfer forderte. Die 
Anker wurden geworfen und diejenigen Personen, welche für Galveston 
bestimmt waren, wurden auf kleinen Booten nach einer Sandbank Mus- 
quito Island genannt, gebracht und verproviantirt, d. h. erhielten ge- 


156 


väuchertes Fleisch und ein Fass ziemlich warmes Regenwasser. Dem- 
jenigen, der es wagen würde, vor 5 Tagen die Stadt zu betreten, war 
Gefängnissstrafe in Aussicht gestellt. 

Jetzt hatten die Pelikans und Flamingos auf einmal eine seltene 
Nachbarschaft, eine Nachbarschaft, welche nach dem Vorbilde der frü- 
heren Bewohner sich sehr bald damit beschäftigten, den Thieren nach- 
zustellen, wozu besonders die zahllosen Krabben Gelegenheit gaben. 

Ich übergehe jetzt emen Zeitraum von ungefähr 3 Wochen, nach 

welcher Zeit ich in Houston vom gelben Fieber geheilt,. so weit gekräf- 
tigt war, dass ich die Reise bis Round Top, eine Strecke von 120 Mei- 
len zu Wagen machen konnte. Der Reisende, der das erste Mal, und 
vielleicht allein zu Pferde, diese Strecke, meistens Prairie, dere hub 
muss, wird‘den Weg so leicht nicht verfehlen, denn Be, Spuren von 
Fahrgleisen, mehr Dash die zahlreichen Skelette von gefallenen Ochsen 
bezeichnen genau den Weg, den die Ochsencaravanen genommen. 
i Round Top ist eine kleine Stadt, in welcher zwei Kaufleute, ein 
Schmidt, ein Schuhmacher, ein Satilbr, ein Stellmacher, ein Pisehilke 
und ein Arzt mit ihren Familien die ganze Bevölkerung bilden, sich 
aber ohne Ausnahme in sehr guten Verhältnissen befinden. 

Eine Meile von Round Top erwartete mich bereits ein Freund, der 
die juristische Praxis in Deutschland mit dem Pfluge in Texas ver- 
tauschte und hier ein sehr gemüthliches, zufriedenes, wahrhaft idyli- 
sches Leben führte. Seine Farm wurde von mir zum einstweiligen 
Wohnsitz erkoren, hier machte ich meine ersten Schiessübungen, wozu 
mir, das dicht an das Haus herankommende Wild häufig Gelegenheit 
bot; und hier erläuterte mir ein wildes Pferd zum ersten Mal, dass es 
sich auf flacher Erde sicherer als auf seinem Rücken sitze; es verein- 
igte sich hier überhaupt Alles, um mich zu einem Texaner heranzu- 
bilden. 

Zehn Meilen von dieser Farm, im sogenannten Beaglssettlement, 
lebten einige Schlesier, welche ich schon auf vaterländischem Boden 
gekannt hatte, und welche wegen ihrer für Texas hohen Bildung von 
den weniger Gebildeten den Beinamen „die Lateiner“ erhielten. Diese 
wurden sehr bald von meiner Ankunft benachrichtigt und eines Morgens 
erschallte plötzlich ein Lärm in der Nähe unseres einsam stehenden 
Hauses, dass, wäre es 150 Meilen westlich gewesen, wir jedenfalls an 
einen Indianerüberfall gedacht haben würden. Ich eilte nach der Gal- 
lerie des Hauses, um mich nach der Ursache des Lärms umzusehen 
und bemerkte fünf oder sechs Reiter, welche so eben ihren Pferden 
den Weg über die das Haus in einiger Entfernung umgebende Fence 
gezeigt hatten. Die kühnen Voltigeurs in der halbspanischen Tracht 
waren meine Schlesier, meine Freunde, welche ich allerdings erst er- 
kannte, als ihr Dialect sie verrieth. Viel Vergnügen machte eine im 
Laufe des Gesprächs von mir gestellte Frage, nach einem Führer nach 


157 


dem Rio Colorado. Diese den Europäer charakterisirende Frage erhei- 
terte allgemein; schliesslich aber boten sich Alle an, mir zum Führer 
zu dienen, welches Anerbieten ich natürlich nicht ausschlug. 


Den andern Morgen frühzeitig war Alles bereit; die Pferde gesat- 
telt, die Hausthür nach texanischer Weise geschlössen, d. h. mit etwas 
Bindfaden zugebunden, unsere Büchsen an den Satteln befestigt, aufge- 
sessen und bald war die Farm im Rücken. Nach Verlauf von einer 
Viertelstunde hatten wir das Emde des nur aus Black Jack, Quercus 
nigra gebildeten Waldes erreicht. Vor uns lag eine herrliche mit Blu- 
men besäete, ungefähr $ Meilen lange Prairie; in der Mitte derselben 
befand sich ein majestätischer, ganz allein stehender Baum, auf welchen 
die Farmer mich aufmerksam machten, weil er fast das einzige Merk- 
mal auf der Tour bis zum früher erwähnten Beaglssettlement ist. — 
Wir hatten nämlich verabredet, erst gemeinschaftlich nach dem Settle- 
ment zu reiten, dort bis zum andern Morgen zu verweilen und dann 
erst nach dem Urwald am Rio Colorado unsere Reise fortzusetzen. Als 
wir den Baum erreichten, machten wir kurze Zeit Halt, weil er meine 
ganze Aufmerksamkeit auf sich zog. Es war nämlich die schöne, maje- 
stätische Lebenseiche, Quercus virens oder Liveoak, welche durch ihre 
Grösse, durch ihre schönen, ganzrandigen Blätter, aber mehr noch da- 
durch imponirt, dass sie nur vereinzelt in den Prairien des Südens 
vorkommt. Die Betrachtung der Eiche schien meinen Begleitern zu viel 
Zeit geraubt zu haben, denn sie machten mir den Vorschlag, durch 
schnelles Reiten das Versäumte wieder einzubringen. Ich hätte gern 
gegen diesen Vorschlag opponirt, denn mir war die frühere Schnelligkeit 
mehr als genügend, doch hielt ich jede Bemerkung zurück; vorwärts 
ging es in fliegender Eile. Die Pferde wurden ‚nicht angetrieben, son- 
dern suchten sich gegenseitig an Schnelligkeit selbst zu übertreffen. 


Da man hier der muthigen Pierde wegen nur mexicanische Sättel 
gebraucht, so gewährte mir der Sattelknopf einen Anhaltepunkt, mit 
Hülfe dessen ich damals im Stande war mich auf dem Pferde zu erhal- 
ten. Auf diese Weise erreichten wir sehr bald das Settlement, welches 
wie alle texanische Niederlassungen, so ziemlich im Walde versteckt 
war; eine Vorsichtsmassregel, welche überall getroffen wird, wo Indianer 
in der Nähe sind, und zwar um die Farm vor den Blicken derselben 
zu verbergen. Hier waren nun eigentlich keine Indianer mehr, sondern 
der erste Stamm, der Stamm der Lepans, war erst 160 Meilen westlich 
anzutreffen, dennoch wird diese Massregel beibehalten, weil gerade der 
Indianer ein besonderer Freund von grossen Exeursionen ist. 


Als Beispiel einer solchen Exeursion führe ich nur an, dass 1846 
der früher in hannöverschen Diensten stehende Hauptmann Wrede und 
Herr Claren aus Braunschweig von den Wako Indians in der Gegend 
bei Austin ermordet wurden. Diese Indianer hatten von ihrem Lager- 


158 


platz aus eine Streeke von ungefähr 300 Meilen zurückgelegt, um’einige 
Scalps zu erobern. 

Auf einer der Farm des Settlements blieb ich und diejenigen Farmer, 
welche nicht ganz in der Nähe wohnten, bis an den andern Morgen, 
wo auch die Uebrigen sich pünktlich einstellten. Jetzt wurden die Vor- 
bereitungen zur eigentlichen Excursion getroffen. Dicke wollene Dek- 
ken wurden zusammengerollt und auf die Pferde gebunden, die Kürbis- 
tlaschen mit Wasser gefüllt und nebenbei noch einige Flaschen Whisky, 
nämlich Branntwein, Bärenschinken, Speck und Brod in die geräumigen 
Satteltaschen geschoben. Die Büchsen wurden geladen, einige Beile 
mitgenommen, aufgesessen und die Pferde in leichten Trab gesetzt. 

Nach einer Viertelstunde waren wir aus dem Walde und unsere 
Pferde trabten wohlgemuth auf einer mit kurzem Grase bedeckten Prairie. 

Schon bezeichnete ein von den Gipfeln riesenhafter Bäume gebilde- 
tier Saum am Horizont den Lauf des Colorado, denn bekanntlich stehen 
die bedeutendesten Waldriesen in der Nähe des Flusses. 

Endlich erreichten wir den Rand des Waldes und trafen nach Be- 
rechnung meiner Begleiter richtig die Farm des hier wohnenden Bären- 
jägers, um hier unsere Thiere zur Verpflegung zu lassen. Der Master 
war nach Aussage der Sclaven bereits seit 14 Tagen abwesend, seiner 
Lieblingsbeschäftigung, der Bärenjagd, nachgehend. 

Wir übergaben nach Entfernung der Decken und des Proviantes 
die Pferde den Negern und setzten unsern Weg zu Fuss fort. 

Der Waldsaum war von unzähligen Sängern bewohnt, welche durch 
Mannigfaltigkeit ihres Gefieders und ihren fröhlichen Gesang unsere 
Herzen erfreuten. Besonders zeichnete sich die schöne scharlachrothe 
und schwarz gehäubte Fringilla cardinalis durch Häufigkeit aus. — Ein 
anderer ebenfalls von Baum zu Baum flatternder Bewohner des Waldes 
ist das hier sehr häufig anzutreffende Flughörnchen, Pteromys volucella, 
welches auf Eichen und Nussbäumen seine Nahrung sucht. 

Die Vegetation ist am Rande des Urwaldes übrigens nicht beson- 
ders üppig, sondern im Gegentheil finden sich eine Masse verkrüppel- 
ter Eichenarten, wie Quercus nigra, obtusiloba, coceinea, palustris u. 8. 
w. vor, welche der hier ganz gemeine Parasit, Tillandsia usneoides, so 
dicht bewohnt, dass auch nicht ein einziges Blatt zu sehen ist; sondern 
von allen Aesten und Zweigen genannter Parasit 3—5 Fuss lang herab- 
hängt und so dem Ganzen ein eigenthümliches geisterhaftes Ansehn 
verleiht. Nach dem Innern des Waldes zu wurde die Tillandsia seltener 
aber auch die Eichenarten, Quercus nigra und obtusiloba, verschwanden 
gänzlich, dagegen trat eine andere, grosse, schöne Art, Quercus macro- 
carpa Michx. an die Stelle, welche auch im dichtesten Wald vereinzelt 
vorkommt. Einzelne Juglandeen, wie Juglans nigra L. und Carya ol- 
vaeformis W., ferner ganze Gruppen von Magnolia grandifiora W., fin- 
den sich im dichteren Walde. 


N. A 


Jetzt wurde hie und da dem Vordringen manches Hinderniss ent- 
gegengestellt; die Schlingpflanzen, vorzüglich aber Smilaceen, von der 


Stärke eines Armes, sperrten den Weg und zwangen uns oft zum Beile 
zu greifen, um einen Durchgang möglich zu machen. 


Später reichte auch dieses Mittel nieht mehr und wir wurden oft 
genöthigt, einen Umweg von Viertelmeilen zu machen, um der einge- 
schlagenen Richtung folgen zu können. — Je näher wir dem Rio kamen, 
desto üppiger wurde die Vegetation; die vorher vereinzelten Cedern 
fanden sich häufiger vor und erreichten eine bedeutende Grösse; die 
Smilaceen, das Rhus und der wilde Wein erklommen die höchsten Bäume 
und auf den Gipfeln derselben sich ausbreitend, bedeckten sie oft ganze 
Baumgruppen, diesen ein schützendes Dach gewährend; oder sie fessel- 
ten schon vor Jahren abgestorbene Bäume an Lebende und bedeckten 
noch die Leiche mit prachtvollem Grün. 

Die Vegetation zeigte im Allgemeinen eine von mir nie geahnte 
Ueppigkeit, nur die Thierwelt war wie ausgestorben; kein lebendes Ge- 
schöpf war zu sehen, nur das eigenthümliche tempomässige Hämmern 
eines nach Insekten suchenden Spechtes verrieth die Anwesenheit eines 
Bewohners. 

Noch weiter vorgedrungen, stiessen wir auf eine ziemlich bedeutende 
Kluft, welche jedoch durch übereinanderliegende mit Schlamm bedeckte 
Baumstämme so ausgefüllt war, dass wir über diese kletternd die andere , 
Seite erreichten. Es war dies eine sogenannte Branche oder Flussarm 
der bei hohem Wasserstande des Rio selbst einen reissenden Strom bil- 
det, wodurch zugleich der weiche Boden an den Ufern immer mehr und 
mehr ausgespült und die am Rande stehenden Bäume entwurzelt werden. 
Ist das Wasser reissend genug, so werden selbst die grösten Bäume 
fortgeführt, im entgegengesetzten Falle aber, der natürlich stets zu Ende 
der Ueberschwemmung eintritt, bleiben diese Holzmassen zurück und 
bilden Brücken. 

Auf der andern Seite angekommen, sagten mir meine Gefährten, 
dass wir jetzt bald den Rio erreicht haben würden. Ich für meinen 
Theil war sehr ermattet, besonders durch das ungewöhnte Arbeiten mit 
dem Beile. Da nun das Ende der Excursion sich näherte, so nahmen, 
wie gewöhnlich, mit der Hoffnung die Kräfte wieder zu, ich vergass 
die Müdigkeit und war schliesslich noch der Erste, der den Rio Colo- 
vado erblickte. — Eben war ich im Begriff meinen mir folgenden Freun- 
den meine Entdeckung zu verkünden, als schon eine zweite mich daran 
verbinderte. Ein Aligator von ungefähr 12 Fuss Länge, der auf einem 
grossen, zur Hälfte in den Fluss gefallenen Baumstamm sitzend, ‘den 
mit Schlamm bedeckten Körper den Sonnenstrahlen ausetzte, war Ur- 
sache des unterbrochenen Freudenrufes. — Mir war ganz eigen zu Muthe 
ala ich in meinem Leben das erste Mal eines von diesen collossalen 


166 
Reptilien vor mir sah, ich wagte nicht zu sprechen, um die schlaiende 
Schönheit nicht zu wecken.‘ 

Mein nächster Nachbar, dem ich durch Pantomime die Gegenwart 
es Alligators angezeigt, war jedoch weniger galant, legte die Büchse 
an, ein Knall und die Wellen bezeichneten nur noch die Stelle, wo das 
Thier in die Tiefe stürzte. Einen Augenblick war Alles ruhig, dann er- 
schien dasselbe wieder auf der Oberfläche, peitschte das Wasser mit 
dem Schwanze, überschlug sich mehrere Male und bald trugen die Flu- 
then eine leblose Masse stromabwärts. 

Der Schuss war aber noch vielen andern derartigen Schläfern, 
welche vorher nicht gesehen worden waren, ein Signal zur Flucht, denn 
an allen Enden, am diesseitigen und jenseitigen Ufer stürzten grosse 
und kleine Alligatoren in das sie schützende, tiefe, schmutzige Wasser. 

Die Sonne stand hoch, wir suchten daher einen bequemen Platz, 
breiteten unsere Decken aus. und lagerten uns recht gemüthlich. Die 
Whisky-Flasche ging im Kreise herum und jeder benutzte den Inhalt 
derselben, denn Branntwein ist, so merkwürdig es klingen mag, grade 
im Süden ein nothwendiges Bedürfniss; er wird nämlich hier als bele- 
bendes Mittel benutzt. — Etwas Brod und etwas Bärenschinken bildeten 
das ganze Diner. | 

Wenige Augenblicke nach Beendigung desselben verfielen meine 
Gefährten ihrer Gewohnheit nach in festen Schlaf; ich zog es vor mir 
einige Notizen zu machen. Die dampfende Cigarre leistete mir ausser- 
ordentliche Dienste, denn eine Wolke Muskitos bemächtigte sich meiner 
armen Freunde dergestalt, dass Gesicht und Hände vollkommen davon be- 
deckt waren. Die Schläfer wurden bald wieder munter und suchten sich so 
schnell als möglich von den lästigen Gästen zu befreien, was auch mit Hülfe 
von Tüchern bald gelang. — Nach allgemeinem Beschluss wurde auf- 
gebrochen, da es aber schon zu spät geworden war, um noch nach 
Hause zu kommen, wurden wir einig, nach dem Cedar-Üreek zu gehen, 
um dort in der Nähe den andern Tag zu erwarten und dann zu jagen. 

Nach Verlauf von zwei Stunden erreichten wir eine lichtere Stelle 
im Walde, einzelne kleine Grasplätze, welche in Verbindung kleine 
Prairien bildeten, zeigten an, dass wir uns dem Ufer eines kleinen 
Flusses näherten. Meine Begleiter, welche hier genau bekannt waren, 
suchten einen schönen Rasenplatz zum Nachtlager aus, untersuchten die 
auf der Erde liegenden Baumstämme und die darunter sich verbergen- 
den schädlichen Thiere, wie Taranteln, Scorpione, Tausendfüsse oder 
giftige Schlangen unschädlich zu machen; ein ziemlich frischer Ceder- 
stamm qualifieirte sich sehr gut zum Kopfkissen, besonders da er von 
allen benutzt werden konnte. So waren denn die Vorbereitungen zum 
Nachtlager getroffen und wir konnten noch das scheidende Tageslicht 
als Beleuchtung zu unserer Tafel benutzen. Nach der Mahlzeit erzählte 
ich meinen Freunden von dem Leben und Treiben der grossen ameri- 


161 

> x 

kanischen Städte, von den grossen Flüssen u. s. w. bis ich die Bemerk- 
ung machte, dass ich nur den Bäumen erzählte, meine eigentlichen 
Zuhörer aber sich in Morpheus Armen wiegten. Auch ich schlief nun 
bald und mochte ungefähr drei bis vier Stunden geschlafen haben, als 
ganz eigenthümliche Töne in der Ferne mein Ohr erreichten, ich wachte auf 
und hörte das Geheul einer Heerde Wölfe, welche ungefähr 3 — 400 Schritt 
von unserm Lager entfernt waren. Ich kannte zwar die Feigheit der 
texanischen Wölfe, doch störte mich die Nähe dieser Gäste ungemein. 
Meine Gefährten erwachten endlich auch, eine Pistole wurde abgefeuert 
und dadurch die Serenade unterbrochen. — Ich für meinen Theil konnte 
lange nicht einschlafen, denn es war ja das erste Mal, dass ich im Revier 
dieser Bestien zubrachte. Vor Anbruch des Tages hörte ich noch in der 
Ferne das laute Gebrüll eines Kuguars, welcher vielleicht von seiner Jagd- 
parthie zurückkehrend noch einmal den Bewohnern des Waldes mit lauter 
Stimme seine Gegenwart verkündete. Endlich schlief ich in Folge der Stra- 
paze am vorigen Tage noch einmal ein und erwachte ziemlich spät. — Es 
war heller Tag und meine Gefährten verschwunden, die Decken und 
Provianttaschen lagen an der Erde, die Büchsen fehlten; sie waren also 
auf der Jagd. 

Ich stand auf, nahm die Büchse zur Hand und bewegte mich einige 
Hundert Schritt nach dem Creek zu. Einige Compositen zogen meine 
Aufmerksamkeit auf sich und unter ihnen fand ich zu meiner grossen 
Freude Engelmannia bipinnatifida. Einige bessere, schöner entwickelte 
Exemplare luden mich ein, näher nach dem Creek zu kommen und 
hier fand ich noch Salvia Iyrata, penstemoides, farinosa, Asclepias tube- 
rosa, verticillata, Argemone Mexicana, Indigofera leptosepala und Lind- 
heimeri, ferner Krameria lanceolata, Brazoria seutellarioides, Phlox Roe- 
mneriana, Lepachis columnaris, von der übrigens die herrliche Varietät 
pulcherrima viel häufiger als das Original vorhanden war; besonders 
häufig waren Centrosema virginica und Acacia hirta: Ixia coelestina 
und Cooperia Drummondii dagegen fanden sich sehr vereinzelt. 

Alle diese Pflänzchen wussten sich in kurzer Zeit so beliebt zu 
machen, dass ich ihnen in Gedanken versprach, "recht bald wieder zu 
kommen und eine andere Büchse als heute mitzubringen. 

Auf einmal hörte ich in der Ferne einen Schuss, dann einen zwei- 
ten u. s. w., dies waren meine Freunde; ich versteckte mich schnell 
hinter einen grossen Nussbaum; ein Rudel Hirsche raste in wilder Flucht 
an mir vorüber, sie waren ganz dicht und ich schoss nicht, weil ich 
mich so gänzlich in der Betrachtung verloren hatte. Jetzt fiel mir erst 
ein, dass ich auf der Jagd war, aber die Hirsche waren verschwunden ; 
doch eine Heerde wilder Truthühner, von einem grossen Hahn mit 
schwarzen Haarbüschel auf der Brust geführt, schlug dieselbe Richtung 
ein. Diese Thiere waren ebenfalls auf. der Flucht, doch schritten sie 
vorsichtiger vorwärts, den Kopf nach allen Seiten wendend, wobei der 

Allg. deutsche naturhist. Zeitung. 1 12 


162 
Führer durch zeitweilig ausgestossene Töne die Heerde zusammenzu- 
halten suchte. Ein neben dem Baum vorhandener Strauch deekte mich 
vollkommen, nur noch dreissig Schritte waren sie von mir entfernt, da 
knallte die Büchse und ein junger Hahn bezahlte mit seinem Leben die 
Unvorsichtigkeit des Führers. Ein der fliehenden Heerde nachgesendeter 
Schuss war vergeblich. Die übrigen Jäger kamen nun einzeln heran 
und die Jagd ergab 4 Hirsche und 2 Truthühner. Von den Hirschen 
wurden nur die Hinterkeulen abgelösst und diese nebst den Hühnern 
mitgenommen. Wir marschirten jetzt ziemlich schnell, um noch vor 
Beginn der Mittagshitze in die vor den Sonnenstrahlen schützende Farm 
des Bärenjägers zu kommen, woselbst wir auch gegen 10 Uhr eintrafen. 
Der Jäger war in letzter Nacht zurückgekehrt, seine Jagd war ergiebig 
gewesen, denn die ihn begleitenden 4 Neger hatten 34 Bärenschinken 
auf ihren Pferden nach Hause gebracht, deshalb war er auch sehr hei- 
ter und erzählte uns bei Tisch viele und unterhaltende Jagdgeschichten. 

Schliesslich führte er uns noch hinter das Haus und zeigte uns 
seinen Charles. Dies der Name eines jungen an der Kette liegenden 
Bären, der auf einer Parthie vor 5 Monaten in die Hände des Jägers ge- 
kommen war. — Meister Petz schien seinen Herrn vortrefflich zu ken- 
nen, er schlug mit der Tatze in die ihm dargebotene Rechte, er leckte 
die Hand, kurz jede Bewegung des Thieres bewies eine nicht zu ver- 
kennende Freude. Der Besitzer schloss die Kette los, führte den Bären 
über die Fence und entfernte hier auch das Halsband. Der Bär war 
frei, nahm aber noch einige Zeit Anstand diese Freiheit zu benutzen, 
dann wendete er das Gesicht dem dichten Walde zu; etwas schon längst 
Vergessenes schien sich in seinem Gedankenkreise wieder einzustellen, 
das schlummernde Bewustsein seiner frühern Freiheit erwachte plötzlich 
wie aus einem Traume und dahin trabte das junge Thier nach dem 
Wohnplatz seiner Genossen. 

Nachdem die heisse Zeit vorüber und wir den grössern Theil unserer 
Hirschkeulen gegen Bärenschinken vertauscht hatten, bestiegen wir 
unsere leichtfüssigen Renner, welche uns in kurzer Zeit nach dem Beag- 
settlement brachten. 


Cycadeen -Blatt im Rothliegenden. 
Von E. v. Otto auf Possendorf. 


Auf dem Segen -Gottes-Schacht in Wilmsdorf bei Dresden, welcher 
von den Herren Gebrüder Schmidt, Freudenberg und Reiche in Dresden 
auf Steinkohlen geteuft wird, fand sich in der Teufe von 7,» Lachter, in 


163 
einer 1 Lachter mächtigen Schicht eines lockern, sandigen, rothen, mit vielen 
Gneissbrocken gemengten Conglomerates, der Abdruck eines Palmen- 
zweig-ähnlichen Blattes, das wir, da es entschieden, weder einem Farrn, 
noch einer Palme angehören kann, für den Wedel oder das Blatt einer 
Cycadee erkannten. 

Die sichtbare Länge des Wedels ist 13“, doch glauben wir, dass er 
noch um mehrer Zoll länger gewesen sein müsse; seine grösste Breite 
mit Einschluss der Fiedern ist 74/2, welche sich aber nach der End- 
spitze zu bis auf 2” pyramidal verringert. 

Vegetabilische, kohlige Substanz ist nicht wahrzunehmen, das ganze 
Blatt ist auch nur reiner Abdruck. Spindel und Fiedern sind mit einem 
nicht zu beseitigenden rothen, fetten Letten ausgekleidet und mit stark 
hervortretender, grobkörniger Conglomeratmasse umgeben, wodurch 
sie stark vertieft erscheinen. Die nur an der grössern Hälfte des We- 
dels sichtbare Rhachis ist 3—4 mm. breit; die spitzauslaufenden, bogen- 
förmig aufwärtsgebogenen, linearischen Fiederchen nehmen von der 
Spitze des Blattes an nach dessen Basis immer mehr und mehr an 
Länge zu, und es beträgt ihre grösste Länge dort 31/2“; sie sitzen gegen- 
ständig mit ihrer grössten Breite, 3Yz mm., an der Spindel an und 
sind da offen, 4 mm. von einander entfernt. 

Die Form und Biegung der Fiederchen ähnelt, obschon die unsere 
bedeutend grösser sind, der der Cycadites Brongniarti Roem aus der 
Wealdenformation Deutschlands. 

Der Mittelnerv ist wenig sichtbar und scheint nicht stark gewesen 
zu sein, Seitennervchen erblickt man nur an dem zweiten, dritten, vier- 
ten Fiederchen rechts, und an dem dreizehnten links; ihre Stellung ist 
ziemlich analog der von Pterophyllum Jaegeri Brongn. aus dem Keuper 
und Schilfsandsteine Würtembergs und Badens. 

Die Abstammung unsers Wedels von Cycadeen, ist nicht zu bezwei- 
feln, und da uns weder aus dem Rothliegenden, noch aus der Steinkoh- 
lenformation selbst ein mit dem unsern identisches Cycadeen-Blatt be- 
kannt ist, nennen wir es zu Ehren des Direktors der Wilmsdorfer Koh- 
lenbaugesellschaft, Herrn Finanzprocurator Dr. Schmidt in Dresden, wel- 
cher uns dieses Exemplar verehrte, 

„Oyeadites Schmidti, E. v. 0.“ 


Psammomys obesus Rüppel. 
E (Die dicke Sandwüstenmaus.) 
Von Dr. A. Dehne, Hoflössnitz bei Dresden. i 
Ich nenne Psammomys obesus deshalb dicke Sandwüstenmans, 


weil der Name Sandmaus bereits an den Pallas’schen Cricetus arenarius 
12% 


RE w 


vergeben ist. Sie bewohnt nach Aüppel einsame, verödete, sandige 
Orte in und um Alexandrien und gräbt sich Höhlen. Im Winter sieht 
man keine; sie bringen wahrscheinlich einen Theil des Winters schla- 
fend zu. In der Gefangenschaft muss man sie sehr warm halten, da 
sie gegen die Kälte sehr empfindlich sind. Sie werden so zahm, dass 
man sie ohne Furcht angreifen kann und scheinen überhaupt von 
sanftmüthigem Naturell zu sein. — An mehreren Orten, wie z. B. im 
Berliner zoologischen Garten hat man diese Thiere zur Vermehrung 
gebracht; sie sind aber dennoch sehr selten in Menagerieen und Natura- 
lien-Sammlungen. Ich gebe von meinem Exemplare, einem Männchen, 
welches von Berlin stammt, hier die Beschreibung. Es hat die Grösse 
des Eichhörnchens, sieht oben rehfahl und unten weisslich aus, hat 
kurze, behaarte runde Ohren und einen langen cylindrischen, dicht 
aber kurz behaarten Schwanz mit schwarzer Endspitze. Seine Füsse 
sind beinahe, wie bei der Gattung Meriones, doch die hintern bei wei- 
tem nicht so lang, wie bei dieser eben genannten Gattung. Der Kör- 
per ist verhältnissmässig sehr dick, beinahe kugelig, daher der Name. 
— Der Pelz sieht aus, als wäre er nass; die an der Basis schwärzlichen 
(schiefergrauen), an der Spitze rehfahlen Haare ballen sich nämlich in 
Klumpen von verschiedener Stärke zusammen und geben dem Pelze 
den eben bemerkten Anschein. Der Feinheit wegen kann man den 
Pelz, welchem die Stachelhaare gänzlich fehlen, am Passendsten mit 
der südamerikanischen Chinchilla vergleichen; er fühlt sich an, wie 
rohe Seide. Die Länge der Wolle beträgt einen reichlichen halben 
Zoll, und die zwei Farben schneiden gerade in der Mitte ab. Die Unter- 
seite des Körpers ist einfarbig weiss, etwas ins Strohgelbe fallend; die 
Basis des Pelzes zeigt hier keine andere Nuance. — Die Schuppenringe 
des Schwanzes sind unter dem kurzen, aber sehr dichten, ziemlich gro- 
ben Haaren schwer und nur mit der Loupe zu erkennen; ich zähle 
derselben ohngefähr 170. — Die sehr kurzen Vorderfüsse haben vier 
Zehen und. einen Daumenstummel mit sehr deutlichem Nagel; 
die längeren Hinterfüsse fünf Zehen; alle mit sehr wenig 'ge- 
krümmten Krallen, welche mehr zum Graben im Sande als zum Klet- 
tern geeignet scheinen, versehen. — Vibrissen sehr lang und zahlreich 
über die Spitzen der Ohren hinausragend; über der Nase in drei Rei- 
hen und schwarz, unter der Nase ohne reihenweise Stellung und ganz 
weiss. — Sohlen der Vorderfüsse sehr schwielig und dünnbehaart, der 
Hinterfüsse aber sehr dicht behaart, um das Ausrutschen auf glattem 
Boden zu verhindern; die letztern mit eben solchen Schuppenreihen 
bis zur Zahl von zwanzig an den Zehen versehen, wie dies am Schwanze 
der Fall ist. Augen schwarz und gross, hervorragend, doch weniger, 
als bei der Gattung Myoxus. — Bewegung schnell, vorwärts schiessend, 
doch ohne zu springen. — Obere und untere Nagezähne gelb, von der 
Länge und Form, wie bei der Wanderrate, Mus decumanus L. Ich er- 


165 


hielt meinen Psammomys, ein Männchen ohne Angabe seines Alters aus 
dem Berliner zoologischen Garten durch Herrn Rentier Zjfeldt, am 14. 
October 1854; er starb am 27. Januar 1855; wahrscheinlich war er zu 
fett geworden. 3 

Eine eigentliche Stimme habe ich nie von ihm gehört, sondern nur 
manchmal einen oft in Zwischenräumen von einigen Secunden wieder- 
holten Ton, welcher wie unterdrücktes Husten klang; ich bin zweifel- 
haft, ob dies nicht ein Symptom krankhaften, durch das hiesige Klima 
veranlassten Zustandes war. — Er frass Pflaumen, Aepfel, Birnen, Kir- 
schen, Himbeeren, Erdbeeren, Mais, Hafer, Hanfsaamen, Brod, Milch- 
semmel, Zwieback u. s. w.; an gekochten Kartoffeln, Runkelrüben, Möh- 
ren nagte er nur dann und wann aus Langeweile; aber Pflaumenkerne 
wurden begierig von ihm geöffnet, um zu deren Inhalte zu gelangen, 
welcher ihm zur Arznei, vielleicht zur Beförderung der Verdauung zu 
dienen schien. — Er war sehr reinlich und hatte im Käfig ein beson- 
deres Fleckchen fitr seinen Unrath, welcher im Verhältnisse zu seiner 
Grösse sehr klein, kaum etwas grösser, wie der von der Hausmaus 
war. — Einen übeln Geruch verbreitete er gar nicht, urinirte überhaupt 
sehr wenig, dass die untergestreuten Sägespähne stets trocken blieben. 
An den Drähten des Käfigs nagte er Stunden lang, versuchte aber nie, 
durch das Holz eine Oeffnung zu machen. — Wenn er sich auf die 
Hinterfüsse setzte, erinnerte er sehr an die bekannten Stellungen der 
Springmäuse; die Vorderfüsse waren dann beinahe unter dem langen 
seidenartigen Pelze versteckt. 

Totallänge von der Nase bis zur Schwanzspitze 10 Zoll Paris. Mss. 
Von der Nase bis zur Schwanzwurzel 51/2 Zoll. Länge des Schwanzes 
41/2 Zoll. Kopf von der Nase bis an den ersten Halswirbel 2 Zoll. 
Von der Nase bis zu den Ohren 1 Zoll und 4 Linien. Länge der 
Ohren 7 Linien; Breite derselben 6 Linien. Schwanz von der Wur- 
zel bis zur Spitze ganz unmerklich verdünnt, beinahe vollkommen eylin- 
drisch, von der Stärke eines Gänsekiels. Umfang der Leibesmitte 6 
Zoll. Hinterer Fuss sammt Zehen 1 Zoll und 4 Linien. Mittlere Zehen 
4 Linien. Vorderer Fuss Yz» Zoll; mittlere Zehen 21/2 Linien. Farbe 
des Ober- und Unterkörpers an den Seiten scharfbegrenzt. Schwanz 
gleichfarbig rehfahl, am Ende einen reichlichen Zoll lang schwarz ge- 
spitz. Mund sehr klein. Backen dick. Oberlippe wenig gespalten. 
Die Augen liegen um ein Weniges den Ohren näher, als der Nase. — 
Das ganze Aussehen des Thieres hat etwas sehr elegantes, wie bei Me- 
riones, Dipus. Ob es wie diese Winterschlaf hält, ist unbestimmt; in 
der Gefangenschaft zeigt es keine Neigung dazu; nach der Analogie 
zu schliessen, muss dies aber wohl der Fall sein. 

Am 10. März d. J. bekam ich aus derselben Quelle ein junges 
halbausgewachsenes Weibchen mit dem Dampfwagen; es befand sich 
trotz der unterwegs ausgestandenen Kälte ganz wohl. Es ist weit leb- 


166 

hafter, als das erstere Männchen, läuft die ganze Nacht hindurch in 
seinem Käfig hin und her; den Tag verbringt es dagegen mit Schlafen 
und zeigt sich überhaupt als bloss nächtliches Thier, wie Dipus. Im 
Schlafe sitzt es auf den Hinterfüssen, den Kopf zwischen die Schenkel 
gesteckt und den Schwanz kreisförmig uhter den Kopf gelegt. 


Kleinere Mittheilungen. 


„Die Kritik Haidingers über Dana’s Mineralogie“ schreibt uns der 
Mineralog Herr E. Zschau, „ist nicht minder klassisch als das kritisirte 
Werk, die Aufnahme derselben in die Zeitschrift ist durchaus wünschens- 
werth und wird gewiss allen Lesern willkommen sein.“ Herr Director Hai- 
dinger theilt über dieses Werk: System of Mineralogy von Prof. Dana 
in Yale College New Haven, Connecticut in der Sitzung der K. K. geolo- 
gischen Reichsanstalt am 30. Jan. 1855 Folgendes mit: „„Es ist dies 
eigentlich die werte Auflage eines schon früher sehr geschätzten Lehr- 
buchs der Mineralogie, das aber nun durch die angestrengteste Thätig- 
keit des Verfassers in derZusammenstellung sowohl, als in den tiefsten Stu- 
dien der einzelnen Abtheilungen nicht nur als das beste in der englischen 
Sprache, sondern gegenwärtig als das beste systematisch-mineralogische 
Werk überhaupt angesehen werden kann. Europa hat in dieser Be- 
ziehung seine Superiorität an Amerika verloren. Achtzig Jahre sind 
es, — 1774 als der Altvater Werner seine „äusserlichen- Kennzeichen 
der Fossilien“ herausgab. Auf der Grundlage schwedischer Wissen- 


schaft — der Kronstadt Bergmann — fortbauend, war bald darauf 
Freiberg — Deutschland — das Hauptquartier für Mineralogie. Auch 


in unserem Wien war dies eine Zeit wissenschaftlichen Strebens, ange- 
regt vorzüglich durch Ignaz Edlen von Born, mit dem auch mem Vater 
Karl Haidinger arbeitete und Müller von Reichenstein , von Fichtel, 
Hacquet, Kramp und Bekkerhin, dazu die beiden Jacquin Vater und 
Sohn und Andere. Indessen errang sehr bald bei den tüchtigen Vor- 
arbeiten Rome de l’Isles durch die wahrhaft geometrische Auffassung 
der Krystallographie durch Hauy, Paris den ersten Platz. Wohl kämpf- 
ten Werners Schüler und Nachfolger, ein Karsten, Weiss, Mohs, Haus- 
mann, von Leonhard, G. Rose, Breithaupt, Naumann mit Erfolg für 
Hegemonie deutscher Wissenschaft, und man darf wohl die Periode, 
in welcher Mohs in Freiberg lehrte und seinen Grundriss herausgab, 
eine glänzende Epoche des Vorwaltens derselben nennen. , Aber wäh- 
rend der Zeit waren mit den Messungen vermittelst des Wollaston’schen 
(eniometers auch in England werthvolle Arbeiten geliefert worden. 
Mit Dufrenoy, Hausmann, Miller und Brooke besitzen neuester Zeit 
Frankreich, Deutschland, England die werthvollsten Werke. Das neu- 
este Werk Dana’s trägt aber nun im Ganzen die Palme davon. Hier 


167 
ist Alles mit dem wahren Manne der Wissenschaft eigenem Ausdrucke 
höchster, bereitwilligster Anerkennung, was frühere Forscher geben, 
sorgfältig gesammelt, aber nicht wie in jenem Handbuche Hartmann’s 
zu einer Zeit, wo ein gründliches grosses Werk über Mineralogie gerade 
erforderlich gewesen wäre, von der Hand eines Kompilators, sondern 
von der Hand eines erfahrenen Meisters, der noch zu der Masse des 
in gigantischen Massstabe anwachsenden Materials ausgedehnte und 
geistreiche eigene Arbeiten und Anschauungen zu einem grossen Gan- 
zen zu verbinden die Kenntniss, Kraft und Ausdauer besitzt. Es ist 
in der That, wie. der Verfasser sagt: neu geschrieben, neu geordnet 
und erweitert (rewritten, rearranged and enlarged. Aber man 
muss dazu setzen, auch die Anerkennung und Theilnahme hochge- 
bildeter Sprachverwandten namentlich der geldbesitzenden: Fünf Aut- 
lagen Phillips! Vier Auflagen Dana! während in den uns näheren 
Kreisen nur immer über die Druckkosten geklagt wird, und der, 
der Natur derSache nach ärmlich gestellte Autor doch nicht auch noch sein 
Letztes für Hervorbringung eines Werkes geben kann, das dann nur 
mühsam Käufer findet. Unseres Kenngott Uebersichten der mineralogi- 
schen Forschungen, deren Herausgabe für die Jahre 1844 bis 1851 stets 
der k. k. geologischen Reichsanstalt zur Ehre gereichen wird, fanden 
bei der Ungunst unserer Verhältnisse für die spätern Jahrgänge erst 
in Leipzig ein Asyl. 

Werke wie das vorliegende von Dana bilden einen Abschnitt in 
der Geschichte der Wissenschaft. Ein schöner Wetteifer sollte nun in 
Europa aufllammen, um es ihm gleich zu thun und in dem Fortschritt 
der Wissenschaft, die niemals stillsteht, sodann auch besser. Wird ein 
Mineralog bei uns einen Entschluss zu fassen vermögen mit der Aus- 
sicht auf Erfolg? So viel ist gewiss, dass ein deutsches Werk dieser 
Art für unsere Arbeiten von grösstem Nutzen wäre und daher auch mit 
der grössten Dankbarkeit aufgenommen werden müsste.““ 


Herrn Bischof J. C. Breutels in Herrnhut glückliche Rückkehr, brief- 
lich berichtet an Rehb. „Wir können Gott nicht genug danken für alle 
Bewahrung und Durchhülfe und für so vieles Gute, das wir genossen 
haben. Liebe und Freundschaft hat uns in Süd-Afrika empfangen und 
durch dasselbe begleitet. Wir landeten am 6. October 1853 an der 
Capstadt, besuchten unsere Stationen Gronekloof, Gnadenthal, Elim und 
von da machte ich mit unserem Missions-Superintendenten Aölbing zu Land 
die Reise durch die ganze Colonie bis Silo und noch ein Stück ins 
Kaffernland hinein. Diese Reise, mit Ochsen und Eseln dauerte 4 Mo- 
nate, wobei wir zwei Monate in einem Zelt campirten. Diese Zigeuner- 
Wirthschaft, wie ich es nannte, da man sich behilft wie man kann und 
oft das Wasser aus Pfützen trinken muss, in denen man hier die 


! 168 
Hände nicht waschen mochte, war mir recht gemüthlich und ich 
befand mich wohl dabei. Am Schluss meines Afrikanischen Aufenthal- 
tes wurde ich aber so ernstlich krank, dass meine Rückkehr zweifelhaft 
wurde. Es war dies Folge geistiger Anstrengung und nicht der Stra- 
patzen. Ich hatte Gott Lob! meinen Auftrag vollendet und konnte also 
ruhig sterben, wenn es Gott gewollt hätte. Meine Frau hat sich auch 
auf dieser Reise als treffliche Gattin gezeigt. Sie wollte mich auch auf 
der langen Landreise begleiten, ich bat sie aber davon abzusehen! — 
Wenn Sie nun nach den naturhistorischen Resultalten fragen, so muss 
ich ziemlich kleinlaut vor Ihnen erscheinen. Wir hätten Elephanten, 
Löwen u. s. w. sehen können, dies hätte mich aber vom Wege abge- 
lenkt, und ich hatte es mir zur strengen Aufgabe gemacht, einzig das 
Ziel meiner Sendung ins Auge zu fassen. Von Anderen etwas zu bekom- 
nen, ist mit grossen Ausgaben verbunden, da das Geld dort wenig Werth 
hat und alles ungemein theuer ist. In der Capstadt giebt es Händler, 
die alles aufkaufen; ein Löwenfell kostet circa 40 Thlr. Ich habe mir 
einige wenige kleine Felle, die ich Ihnen beifolgend als Zeichen meines 
guten Willens übersende, mitgebracht. Leider war auch auf der Reise 
der Platz so beschränkt, dass ich auch von Phanerogamen wenig einlegen 
konnte; doch hat meine gute Frau während meiner Abwesenheit hübsch 
eingelegt. Aber den Kryptogamen wendete ich meine ganze Aufmerksam- 
keit zu und die Ausbeute hat sich besser gezeigt, als ich erwartete. Schim- 
per untersucht bereits die Moose und Gottsche die Hepaticae. Für Moose 
u. s. w. ist das Land zu trocken, doch reisten wir gerade in der nassen 
Jahreszeit ab, die für sie am günstigsten ist. Afrika ist das Land der 
Blumen und die Phanerogamie so übermächtig, dass sie alles in ihren 
Bereich hineinzieht. Man glaubt nach einem stattlichen Equisetum zu 
greifen und es ist ein Restio, nach einem Lycopodium und es hat eine 
kleine Blume! — Ich habe also das ungünstigste Feld gewählt, aber 
ich that es aus Liebe zu diesen gewöhnlich vernachlässigten Kindern 
der Flora. Von Gefässpflanzen werde ich ungefähr 50—60 Arten mit- 
gebracht haben. Leider hat meine Zeit noch keine genauere Durchsicht 
gestattet‘, u. Ss. w. 

Wir können zu dem Vorstehenden noch hinzufügen, dass die Algen 
und Pilze Herr Dr. Rabenhorst in'Dresden zur Bestimmung erhalten hat. 
Sobald die Bestimmungen erfolgt sind, werden Sammlungen zum Ver- 
kaufe zusammengestellt, und es ergeht die vorläufige Anzeige an das 
betreffende Publikum und zumal an diejenigen, die besonders berück- 
sichtigt sein wollen, in Betreff der Zahl und Qualität der Exemplare 
ihre Bestellungen frühzeitig an den Herrn Dr. Z. Rabenhorst in Dresden 


gelangen zu lassen. 
Dr. A. Drechsler. 


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Im Verlage von Rudolf Kuntze in HAMBURG ist erschienen: 


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I. Leben im fernen Westen, von Ruxton. 1852. 8, geh. 221/2 Ngr. 


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VII. Die Mormonen im Thale des grossen Salzseees, 
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Dresden, Druck der Königl. Hofbuchdruckerei von C. C. Meinhold & Söhne. 


Preis eines Bandes von 12 Heften 3 Thlr. 


I. Band. | No. 5. 
Allgemeine deutsche 


 Naturhistorische Zeitung. 


Im Auftrage 


der 


Gesellschaft ISIS in Dresden 


in Verbindung 


mit auswärtigen und einheimischen Gelehrten 


herausgegeben 


von 


| Dr. Adolph Drechsler. 


. Neue Folge: erster Band. 


| 5. Heft. 


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Mus decumanus Pallas. Die Wanderratte und ihre Varietäten. — Mus Musculus L. Die Haus- 
maus und ihre Varietäten. — Hypudaeus: Arvicola subterraneus de Selys. Mitteleuropäische 
Wurzelmaus. — Myoxus speciosus Dehne. Prächtiger Haselschläfer. — Mus sylvaticus L. 
Die Waldmaus und ihre Varietäten. Von Dr. A. Dehne. 

Hypothetische Ansicht über Erhebung des Spitzenbergs bei Possendorf und über die Folgen 
derselben. Von E. v. Otto. 

Experimenteller Nachweis, dass Cysticercus cellulosae innerhalb des menschlichen Darmkanales 
sich in Taenia Solium umwandelt. — Ueber eine Abart der Taenia Coenurus, d. h. des Band- 

| wurmes, von der die Quese des Schaafes und des Rindes herstammen. Von Dr. Küchenmeister, 
pract. Arzt in Zittau. 

Das Schwärmen der Bienen, vom polizeilichen Standpunkt betrachtet von Dr. Z. Reichenbach, 
Direetor am K. naturhistorischen Museum in Dresden. 

Kleinere Mittheilungen. — Literatur-Blatt der Isis. 


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HAMBURG, 
Verlag von Rudolf Kuntze. 
"m 1855. 


| Haupt-Debit für Dresden durch die Hofbuchhandlung von Rud. Kuntze (Herm. Burdach.) 
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"= Siehe die Seiten des Umschlags. 


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169 


Mus deeumanus Pallas. 
Die Wanderratte und ihre Varietäten. 
Von Dr. A. Dehne. 


Diese jetzt so allgemein verbreitete Ratte hat sich in einem solchen 
Grade für den Menschen als schädlich erwiesen, dass man mit Recht 
allenthalben auf ihre Verminderung bedacht ist. Sie thut nicht allein 
an rohen und zubereiteten Esswaaren, sowohl aus der Pflanzen- als 
Thierwelt, bedeutenden Schaden, sondern unterwühlt auch die Gebäude 
namentlich Ställe, dermaassen, dass die Grundmauern derselben locker 
werden und allmählig einstürzen. 

Die Mittel, sie zu vermindern, sind unzählig und diejenigen, welche 
den sofortigen Tod nach sich ziehen, die empfehlenswerthesten. Hier- 
her gehören unter andern eiserne Bügelfallen mit starken Federn, wie 
auch eine Art zangenförmiger Maulwurfsfallen mit Federn und zwei 
am Ende eines jeden Schenkels angebrachten verwundenden Spitzen, 
wie solche von dem Schmied Palitzsch in Hohenstein bei Stolpen sehr 
schön und billig vertertigt werden. 

Die Tödtung‘ mit Arsenik, Strychnos nux vomica, Phosphor und 
dergleichen gehört in die Reihe der Thierquälereien; namentlich müssen 
die unglücklichen Thiere nach dem Genusse des letztern eines schmäh- 
lichen, qualvollen Todes sterben; sie schwellen bis zur Kugelform auf 
und geben erst nach mehreren Stunden unter vielen Schmerzen den 
Geist auf. Auch ist mit dem Setzen von Gift stets Gefahr für andere 
Thiere und auch für die Menschen verbunden, indem die vergifteten 
Ratten es oft wieder durch Erbrechen von sich geben und Getreide, 
Kartoffeln und andere Nahrungsmittel damit verunreinigen. 

Die Wanderratte stammt aus Indien und Persien; nach England 
und Frankreich wurde sie um das Jahr 1730 durch Handelsschiffe ge- 
bracht. Gleich nachher verbreitete sie sich über ganz Europa, zeigte 
sich erst in allen Hafenstädten, übersiedelte auf dieselbe Weise, wie 
wir sie aus dem Oriente erhalten hatten, nach Amerika und allen übri- 
gen Colonieen. Den Weg nach dem südlichen Russland über Astra- 
chan, wo sie 1727 zuerst bemerkt wurde, hat sie sich von ihrer Hei- 
math aus zu Lande gebahnt. In Paris sah man sie zuerst 1753; in den 
vereinigten Staaten von Nord-Amerika 1775. Nach Bechstein gab es 
1772 noch keine in Thüringen. 1778 und 79 waren sie in Quedlinburg 
schon so häufig, dass sie grossen Schaden anrichteten. Wolf bemerkte 
sie im Nürnberg’schen seit Anfang dieses Jahrhunderts. Ohngefähr 
um dieselbe Zeit kamen sie nach Italien. In Hamburg wo ich sie von 
1803 bis 1808 beobachtete, nahmen sie untern andern auf dem Speers- 
orte den untern Theil der Häuser, die Abzugskanäle, Souterrains u. s: w. 

Allg. deutsche naturhist, Zeitung. I. 13 


170 


ein, während 'die schwarze Hausratte: Mus Rattus L. die obern 
Etagen und Boden gleichzeitig in Menge bewohnte. Ich habe oft ge- 
sehen, wie sie unter Brücken friedlich mit Katzen und Hunden nach 
Futter suchten, welches sie unter dem Abfall aus den Küchen häufig. 
fanden. 


Von Varietäten habe ich seit 1851 eine Zucht von schneeweissen 
Albinos: Mus decumanus albus oculis rubris; sie sind in Wahrheit 
sehr schön und schon wegen des ihnen mangelnden höchst unangeneh- 
men:Geruchs den weissen Mäusen weit vorzuziehen. Bei guter Pflege 
und in geräumigen Käfigen vermehren sie sich stark. 


Am 1. März 1852 bekam ich von einer sieben Junge; sie hatte 
sich in ihrem Drathkäfig ein dichtes Nest von Stroh gemacht. Die 
Jungen hatten die Grösse der Maikäfer und sahen blutroth aus; bei 
jeder Bewegung der Mutter liessen sie ein feines durchdringendes Fie- 
pen (Quitschen) hören; am 8. waren sie schon ziemlich weiss; vom 13. 
bis 16. wurden sie sehend. Am 18. Abends kamen sie zum Ersten- 
male zum Vorschein; als aber die Mutter bemerkte, dass sie beobachtet 
wurden, nahm sie eine nach der andern ins Maul und schleppte sie wieder 
ins Nest; einzelne kamen jedoch bald wieder aus einem andern Loche 
hervor. Allerliebste Thierchen von der Grösse der Zwergmaus mit 
ohngetähr drei Zoll langen Schwänzen. Am 21. hatten sie schon die 
Grösse gewöhnlicher Hausmäuse, am 28. die der Waldmäuse: Mus syl- 
vaticus L. Sie saugten noch dann und wann (ich sah sie sogar noch 
am 2. April saugen), spielten mit einander, jagten und balgten sich auf 
die gewandteste und unterhaltendste Weise, setzten sich auch wohl zur 
Abwechselung auf den Rücken der Mutter und liessen sich von dersel- 
ben herumtragen. Sie übertrafen an Possirlichkeit bei weitem die 
weissen Hausmäuse. 

Am Tage und nach Mitternacht schlafen die Wanderratten; früh 
und Abends sieht man sie in grösster Thätigkeit. Sehr gern trinken 
sie Milch; Kürbiskerne, Hanf gehören zu ihren Leckerbissen. Für ge- 
wöhnlich bekommen sie mit Wasser oder Milch oberflächlich angefeuch- 
tetes Brod, dann und wann auch gekochte Kartoffeln, welche sie sehr gern 
fressen. Fleisch und Fett, Lieblingsgerichte für sie, entziehe ich ihnen, 
sowie allen andern Nagern, welche ich in der Gefangenschaft ernähre, 
gänzlich, da nach solchen ihr Urin und selbst ihre Ausdünstung stets 
einen widrigen und penetranten Geruch bekommen. 


Der eigenthümliche, so höchst unangenehme Geruch, welchen die 
gewöhnlichen Mäuse: Mus musculus L. und noch mehr deren Albinos 
verbreiten und allen Gegenständen, die damit in Berührung kommen, 
dauernd mittheilen, haben die weissen Wanderratten nicht im Mindesten; 
im Gegentheil riecht ihr Urin nicht einmal so stark, wie der vom Meer- 
schweinchen: Cavia Cobaya L. 


Am 9. April trennte ich obige Mutter von ihren Jungen und setzte 
sie wieder zum Männchen. Am 11. Mai warf sie abermals eine Anzahl 
Junge. 

Von den am 1. März zur Welt gekommenen hatte ich seit Anfang 
April ein Pärchen in einem achtzehn Berliner Kannen haltenden Glase 
mit achtzolliger Mündung abgesondert gehalten und schon am 11. Juni 
Nachmittags, also im.Alter von 103 Tagen, erhielt ich, nachdem ich 
einige Stunden vorher das Männchen abgetrennt hatte, sechs Junge von 
ihnen. Trotz der Weite des Glases schien der Mutter doch der Raum 
für ihre Jungen zu eng zu sein und sie bemühte sich vergebens, ein 
weiteres Nest zu machen, wobei sie öfter die armen Kleinen so verscharrte 
dass man nichts mehr von ihnen sah; doch fand sie dieselben bald 
wieder zusammen; sie säugte sie bis zum 23. ganz gut und sie wurden 
bereits etwas weiss; doch auf einmal waren sie alle verschwunden und, 
als ich nachsahe, hatte die Mutter ihre sämmtlichen Jungen gefressen 
so dass keine Spur mehr von ihnen zu finden war. 

Herr Hofrath Reichenbach, welchem ich das erste von Waldheim 
stammende Weibchen meiner weissen Ratten verdanke, die andern waren 
von Hessen- Cassel, theilte mir darüber unterm 31. October 1851 Fol- 
gendes mit: 

„Mit meinen weissen Ratten habe ich mancherlei Schicksale gehabt; 
sie haben schon viermal Junge geboren, vier bis sieben Stück und je- 
desmal haben die Alten sie wieder gefressen. Das Letztemal bemerkte 
ich, dass vorzüglich das Männchen die Jungen packte und herumzauselte, 
wobei sie jämmerlich quickten; ich sonderte also das Männchen ab, 
aber hierbei entkam es endlich, tobte drei Wochen lang in der Stube 
umher und liess sich in keiner Falle oder auf sonstige Weise fangen, 
weil ich die vielen Schränke nicht entfernen konnte. Endlich scheint 
das Thier in der Nacht durch das obere offene Fenster entkommen zu 
sein, denn es lief mit der grössten Behendigkeit perpendiculär. — Früher 
hatte dasselbe schon das zweite Weibchen getödtet. 

Nachdem ich nun das Männchen von dem Weibchen, welches ge- 
boren hatte, entfernt hatte, hoffte ich die Jungen erziehen zu können, 
aber vergebens! die Mutter frass sie von selbst auf.“ 

Rehb. 

Die Wanderratten verrathen viel List; da ihre Käfige inwendig von 
Holz und von aussen mit Blech beschlagen sind, so suchen sie das 
Holz durchzunagen und wenn sie eine Zeit lang genagt haben, greifen 
sie mit den Pfoten durch das Gitter um die Stärke des Holzes zu unter- 
suchen und zu sehen, ob sie bald durch sind. Beim Reinmachen der 
Käfige wühlen sie mit Rüssel und Pfoten den Unrath an die Oeffnung, 
um auf diese Weise sich desselben zu entledigen. 

Da sie sehr geil sind, so muss man die Männchen sogleich, wenn 
die Weibchen trächtig sind, absperren, denn sie lassen ihnen keine 


137 


172 


Ruhe und fressen auch die Jungen am ersten. Die Mutter hat übrigens 
viel Liebe zu ihren Jungen; sie bewacht dieselben sorgfältig; diese 
erwiedern aber auch die erwiesene Zärtlichkeit ihrerseits auf‘ alle mög- 
liche Weise. 

Die weisse Wanderratte hat, wenigstens die Race, welche ich be- 
sitze, einen längern Kopf und schlankeren Wuchs, als die gemeine graue 
ursprüngliche wilde Art. 

Am 25. Februar 1855 wollte ich eine ohngefähr ein Jahr alte Albino- 
Wanderratte durch Ersäufen tödten, um sie von ihren Leiden zu be- 
freien; sie hatte nämlich seit vier Monaten im Nacken ein erbsengrosses 
Loch im Felle, durch welches die Halsmuskeln deutlich sichtbar waren; 
auch bemerkte ich zu keiner Zeit eine Annäherung zur Heilung, im 
Gegentheil schien der wunde Fleck grösser zu werden; die Umgebung 
der Wunde war stark entzündet und im Umfang von einem Zoll gänz- 
lich von Haaren entblösst. 

Nachdem ich sie bereits ein halbes Dutzend Mal in eiskaltes Wasser 
mehre Minuten lang getaucht hatte, lebte sie noch und putzte sich mit 
ihrem Pfötchen, um das Wasser aus ihren Augen 'zu entfernen. Das 
arme Thier dauerte mich; es sprang, indem ich den Topf öffnete in 
den Schnee und suchte zu entfliehen. Nun setzte ich's in einen Käfig 
auf eine Unterlage von Stroh und Heu und brachte es in die warme 
Stube; es erholte sich bald so weit, dass man sah, das kalte Bad habe 
ihm nichts geschadet; der Appetit hatte eher zu- als abgenommen; be- 
gierig frass es in Wasser getauchtes Brod, gekochte Kartoffeln, Hafer 
u. s. w. — Nach einigen Tagen setzte ich’s wieder aus der warmen 
Stube in ein ungeheiztes Zimmer, gab ihm aber Heu, woraus es sich 
alsbald ein bequemes Lager bereitete. 

Zu meinem Erstaunen bemerkte ich nun, dass der offene Schaden 
im Nacken von Tage zu Tage kleiner wurde, die Entzündung schwand 
immer mehr und mehr und am 10. März war die Heilung vollständig 
erfolgt; auch war die ganze betreffende Stelle bereits wieder mit 
kurzen Haaren bewachsen; am 26. März hatten diese ihre vollkom- 
mene Länge erreicht und man bemerkte nur, dass die Stelle, wo 
die offene Wunde gewesen war, noch von Haaren entblösst blieb; am 
4. April sah man aber auch von dieser nichts mehr. 

Hier hatte also offenbar das eiskalte Bad die bedeutende Entzünd- 
ung gehoben und dadurch die Heilung bewerkstelligt. Kaum glaube 
ich, dass ein anderer Nager aus der Gattung Mus im Sinne der Neuern 
ein solches wiederholtes Bad ohne tödlichen Ausgang überstanden haben 
würde und nur aus der Lebensweise und Lebenszähigkeit der Wander- 
ratte, deren zweites Element das Wasser ist, läst sich ein so glück- 
licher Erfolg erklären. 

Noch muss ich aus früherer Zeit ein merkwürdiges Beispiel von 
dem Naturell und der Fruchtbarkeit der. Wanderratten erzählen: Am 


173 
93. Februar 1853 nämlich warf ein Albino-Weibchen sieben Junge; zwei 
davon blieben aber nur am Leben; die andern hatte wahrscheinlich 
das Männchen gefressen. Nachdem obige zwei drei und eine halbe 
Woche alt waren, nahm ich sie am 19. März von ihrer Mutter weg und 
gab ihnen Semmel in Milch getaucht. Leider hatte ich sie in der ersten 
Nacht an eine etwas zu kühle Stelle gesetzt und ich fand sie am an- 
dern Morgen beide erstarrt; eine war "eänsiieh ohne Leben, die andere 
bewegte sich noch etwas el ich erwärmte sie in der Hand und am 
Ofen, worauf sie sich nach einigen Stunden so weit erholte, dass sie 
etwas weiche Milchsemmel und Zucker leckte; sie starb aber dennoch 
an demselben Tage. Hier muss ich erwähnen, dass Nager überhaupt 
und insbesondere Junge sehr wenig Kälte vertragen, welches man sehr 
oft bei allen Arten von Mäusen bemerkt, die man in Fallen, worin sie 
lebendig bleiben, gefangen hat und die, obgleich man sie reichlich mit 
Futter versorgt hat, dennoch bei einigen Thermometergraden unter dem 
Gefrierpuncte, bald nachdem sie gefangen sind, todt gefunden werden. 


Kaum hatte ich am 19. März, also 25 Tage nach ihrer Geburt, 
die oben erwähnten zwei Jungen von der Mutter entfernt, so bemerkte 
ich, dass letztere ihr Nest von Neuem in Ordnung brachte und als sie 
hiermit zu Stande war, wieder eine Anzahl Junge gebar. Schon ein 
Paarmal hatte ich die Beobachtung gemacht, dass die Wanderratte so 
schnell, nachdem sie geworfen, wieder trächtig wird und wenn sie noch 
säugende Junge hat, schon wieder gebärt; doch konnte ich, weil ich 
die Tage nicht angemerkt hatte, die Zeiträume nicht genau angeben. 


Aus diesem Umstande ist es wohl zu erklären, dass man oft junge 
Ratten und Mäuse antrifft und hülflos umherirren sieht, welche der 
mütterlichen Pflege, der Wärme und Milch entbehrend, sich noch nicht 
selbständig ernähren können und demnach rettungslos umkommen und 
der Kälte und dem Hunger erliegen müssen, denn jedenfalls wird nach 
der letzten Geburt die ältere Hecke verstossen, da die Mutter nicht 
beide zugleich säugen kann. 


Die Wanderratten lieben die Gesellschaft ihres Gleichen sehr; sie 
machen sich dann ein gemeinschaftliches Nest und erwärmen sich auf 
diese Weise, indem sie dicht zusammenkriechen. Stirbt aber eine von 
ihnen, dann machen sich die Uebrigen gleich über sie her, beissen ihr 
erst den Hirnschädel auf, fressen den Inhalt und verzehren dann nach 
und nach das ganze Cadaver mit Zurücklassung der Knochen und 


des Fells. 


Die untern Nagezähne wachsen ihnen oft bis zu einer unglaublichen 
Länge und sind dann spiralförmig gewunden, so dass sie zwei vollkom- 
mene Windungen vorstellen; auch habe ich gesehen dass sie in ähn- 
lichen Fällen durch das Backenfell gewachsen waren und die Ratten 
am Fressen verhindert haben, so dass diese endlich verhungern mussten. 


174 


Da den Albinos die Stachelhaare fehlen‘, so ist ihr Pelz viel feiner 
als der der gewöhnlichen grauen Ratten. Man findet dies bei allen 
Albinos ohne Ausnahme, z. B. bei den Seidenhaasen, den weissen Mäu- 
sen u. a.; auch sind sie alle zärtlicher und gegen die Kälte empfind- 
licher, als ihre Stammracen. 


Die grau- und weissscheckige und die schwarz- und 
weissscheckige Wanderratte. 


Von jeder dieser Varietäten besitze ich ein lebendes Exemplar, 
welche ich der Freigebigkeit des Herrn Rentier Z/feldt in Berlin ver- 
danke. Die grau- und weissscheckige hat auf dem Oberkörper die Farbe 
der wilden gemeinen Wanderratte. Der Unterkörper ist rein weiss; 
dieses Weiss zieht sich an den Seiten sehr weit nach dem Rücken zu 
hinauf; auch sind Schenkel grösstentheils von dieser Farbe. Kehle und 
Unterhals grau. Schwanz graulich fleischfarben. Ohren ebenso. Augen 
wie bei den wilden grauen. 

Die schwarz- und weissscheckige ist glänzendtiefschwarz, wie man 
diese Farbe oft ebenso bei einigen Spielarten der Kaninchen antrifft; 
die zwei Farben sind ebenso vertheilt, wie bei der grau- und weiss- 
scheckigen. Schwanz und Ohren gleichfalls graulich Heischfarben. Die 
Köpfe bei diesen beiden Spielarten sind noch gestreckter, als bei den 
oben beschriebenen Albinos. Sie verbreiten wie diese nicht den gering- 
sten unangenehmen Geruch. Mit einem solchen Albino, welchen ich 
ihnen zugesellt habe, vertragen sie sich sehr gut und ich hoffe, sie bald 
zur Vermehrung zu bringen. 

Zimmetfarbene und andere Varietäten habe ich noch nicht bekom- 
men können. 

Die ganz schwarze Wanderratte kommt auch in Berlin vor; aber 
auch diese habe ich noch nicht gehabt. Man muss sich hüten, sie für 
die schwarze Hausratte: Mus Rattus zu nehmen, von welcher man sie 
jedoch sogleich durch die kleinern Ohren, den kürzern Schwanz und 
den glänzendschwarzen fest anliegenden Pelz unterscheiden kann, wel- 
cher bei Mus Rattus locker, langhaariger und ohne Glanz ist. 

Bastarde von Mus Rattus L. und Mus decumanus Pallas, wie Bech- 
stein sie beobachtet hat, sind mir auch noch nicht vorgekommen. 


Mus Museulus L. 


Die Hausmaus und ihre Varietäten. 


Von Dr. A. Dehne. 
Die Hausmaus ist ursprünglich in Europa einheimisch, da hingegen 
die drei Ratten Geschenke wärmerer Klimate sind; Mus Rattus L., die 


175 
schwarze Hausratte und Mus decumanus Pallas, die Wanderratte, stam- 
men aus Indien und Mus alexandrinus G@eofr.-St.-Hil., die Alexandrini- 
sche Ratte aus dem nördlichen Afrika. Wir finden die Hausmaus be- 
reits in den ältesten Zeiten erwähnt und sie hat merkwürdigerweise 
auch in den mehrsten Sprachen ziemlich denselben Namen; so in der 
griechischen, lateinischen, englichen, holländischen, deutschen, dänischen, 
schwedischen, russischen, polnischen, böhmischen, sowie in allen übri- 
gen slavischen Sprachen. M. s. hierüber Nemnichs Polyglottenlexicon 
der Naturgeschichte. Nach Amerika und Australien ist sie durch Schiffe 
gebracht worden; jetzt finden wir sie beinahe allenthalben, wo mensch- 
liche Wohnungen sind. Ihre gewöhnliche Farbe ist grau mit etwas 
hellerm Unterkörper. — 

Von Varietäten führe ich folgende an: 

a) Oberkörper von der Farbe der gewöhnlichen Hausmaus; Unter- 
körper gelblich. Hier in der Lössnitz nicht selten. 

b) Oberkörper gleichfalls wie bei der gewöhnlichen; Unterkörper 
rein weiss. leichfalls hier nicht selten. 

c) Hausmaus von den Abruzzen. Wurden von Herrn Doctor Ra- 
benhorst im Sommer 1847 gesammelt. Oberkörper grau, wie bei der 
gewöhnlichen Maus; Unterkörper graulich-weiss. Schwanz etwas kantig, 
oben graulich, unten weiss, ziemlich dicht behaart mit sehr engen, ohn- 
gefähr zweihundert Schuppenringen. Schwanzwirbel fünf und zwanzig. 
Nagezähne gelblich. Augen, Ohren, Krallen wie bei der gewöhnlichen 
Hausmaus. Obere Schnurrhaare: Vibrissen schwarz, untere weiss. Füsse 
und Zehen mit kurzen, weisslichen Haaren ziemlich dicht besetzt. 

Totallänge fünf und drei viertel Zoll; von der Nasenspitze bis zur 
Schwanzwurzel zwei und drei viertel Zoll; Schwanz drei Zoll. Länge 
des Hinterfusses sieben Linien. Länge der Ohren fünf Linien; Breite 
derselben vier Linien. 

d) Reinweiss mit rothen Augen; Albino. Ich habe sie zu hunder- 
ten gezogen, aber seit Jahren wegen ihres höchst unangenehmen, pene- 
tranten Geruchs abgeschafft. Sie sind sehr geil; zur Zeit der Brunst 
treten die Hoden stark hervor, ausserdem sieht man: nichts von ihnen. 

Früher wurden weisse Mäuse zu den Seltenheiten gerechnet, jetzt 
sind sie durch Zucht häufig geworden; hie und da durch Entkommen 
wieder verwildert, haben sie sich auch in Häusern, Casernen u. s. w. 
häufig fortgepflanzt. 

e) Erbsengelb, gleichfalls Albino mit rothen Augen. Sehr selten. 
Auch diese habe ich ein paar Jahre lebend gehabt. Ich setzte sie mit 
gewöhnlichen Mäusen in einem grossen Behältnisse zusammen, um Ver- 
mehrung zu bekommen, aber vergebens; die Jungen, welche ich erhielt, 
waren stets gewöhnliche Mäuse. 

Diese gelbe Maus hatte den penetranten Mäusegeruch noch in weit 
höherm Grade, wie die weissen, er war bei ihr beinahe unausstehlich. 


176 


ı  f) Grau- und weissscheckig. Eine solche bekam ich am 23. Juni 
1849; die weisse Farbe war bei ihr sehr vorherrschend; die Augen 
hatten wenig Pigment, waren jedoch nicht so roth, wie bei vollkommenen 
Kakerlaken. Sie war ein trächtiges Weibchen und warf schon am 28. 
Juni sieben Junge, welche, wie sich später erwies, sämmtlich die Färb- 
ung gewöhnlicher Hausmäuse hatten; doch hatten einige eine weisse 
Schwanzspitze, ein Paar weisse Zehen, eine Blässe, ein weisses Fleck- 
chen am Bauche u. s. w. Im Februar 1850 waren von dieser Genera- 
tion wieder Junge vorhanden, welche gleichfalls vor den gewöhnlichen 
Hausmäusen wenig voraus hatten. 

Am 9. November 1850 setzte ich zu jenem scheckigen Weibchen 
ein schönes isabellfarbiges Männchen; beide vertrugen sich sehr gut 
und bereiteten sich in ihrem Behältnisse aus Federn und Stroh ein be- 
quemes Nest. Die Jungen, welche ich später von diesen erhielt, waren 
wiederum ganz unbedeutend von gewöhnlichen Hausmäusen verschieden. 

Hieraus erkennt man das Bestreben der Natur die Nachkommen- 
schaft solcher Spielarten stets wieder zur ursprünglichen Stammrace 
zurückzuführen. Nach Sonnini ist es ausgemacht, dass weisse Albino- 
Negerinnen mit schwarzen Negern schwarze und nicht scheckige Kin- 
der zeugen. Nach Zufon kommt doch das Letztere gleichfalls vor. Es 
ist mir, wie auch Andern, jedoch nie gelungen, von weissen Mäusen, 
Ratten, Kaninchen, wenn man sie in reiner Zucht erhält, anders ge- 
färbte, scheckige oder gewöhnliche Junge zu erzielen; jedoch möchte 
ich kaum bezweifeln, dass dies stattfinden könnte. Auch höhere Thiere, 
welche nicht selten dem Albinismus unterworfen sind, z. B. isabellfar- 
bene Pferde, von denen man hie und da Zuchten hat, erhalten sich voll- 
kommen rein, wenn sie nicht mit anders gefärbten in Berührung kommen. 

g) Die Isländische Maus: Mus Musculus var. Islandicus, Mus Is- 
landicus Thienemann. Sie steht in jeder Beziehung in der Mitte zwi- 
schen der Hausmaus und der Waldmaus: Mus sylvaticus L. Dies gilt 
von der Grösse, der Farbe und den Verhältnissen der Gliedmaassen. 
Die Füsse sind länger, als bei der Hausmaus und kürzer, als bei der 
Waldmaus. Der Schwanz ist zweifarbig, unten weiss, jedoch nicht so 
entschieden, wie bei Mus sylvaticus, auch nicht so dünn und fadenför- 
mig, wie bei dieser, Augen und Ohren grösser, als bei Mus Museulus und 
kleiner, als bei Mus sylvaticus. Sehr wahrscheinlich ist sie daher Bastard 
von beiden genannten, welche Meinung dadurch noch mehr gewinnt, 
ich möchte sagen zur Gewissheit wird, dass man einige unter ihnen 
findet, die mehr der Hausmaus und wieder andere, die mehr der Wald- 
maus ähnlich sind, je nachdem die Mutter eine Hausmaus oder eine 
Waldmaus war. — Sie ist gleichfalls hier in der Lössnitz nicht sehr 
selten. 

h) Die im Freien, in Mauern, in Gebüschen, Felsen, Feldrainen 
lebende Hausmaus. Sie ist etwas grösser als die in Häusern lebende, 


In 


177 


gewöhnlich dunkler von Farbe, hat einen längern und dichter behaarten 
Schwanz mit sehr deutlichen Schuppenringen; auch die Augen sind 
etwas grösser; übrigens ist sie ihr in Allem gleich. 

i) Die schwanzlose Hausmaus. Ohne Spur von Schwanz. Man sieht 
deutlich, dass sie ohne Schwanz geboren ist und denselben nicht durch 
Zufall verloren hat. Sonst unterscheidet sie sich durch nichts von der 
gewöhnlichen. Ich fing sie am 26. December 1851 in der Falle. 


k) Die kleine zwergartige Hausmaus. Zwei solche, welche ausge- 
wachsen nur die Grösse der Zwergmaus: Micromys minutus Pallas hat- 
ten, bekam ich im Februar 1851 von dem Rittergutsbesitzer Herrn 
Herm. Schulze in Wachau bei Leipzig. Ausser der geringern Grösse 
sind sie den gewöhnlichen vollkommen gleich. Sie waren dort in den 
Zimmern des Ritterguts- Gebäudes ziemlich häufig. 


Eine eigenthümliche krebsartige Krankheit befällt häufig die Mäuse 
hiesiger Gegend. Sie bekommen dann an den Augen, Ohren, der Zunge, 
Nase, dem Munde, kurz an den sämmtlichen Organen des Kopfs pilz- 
artige parasitisch wuchernde Auswüchse, welche binnen kurzer Zeit so 
zerstörend auf die Sinnesorgane wirken, dass die mit diesen Exanthe- 
men befallenen Mäuse elend verhungern müssen. Jene pilzartigen Aus- 
wüchse sind weisslich; sie erscheinen zuweilen auch am übrigen Kör- 
per, z. B. an den Extremitäten. Ursache ist wohl der Schimmelpilz. 


Was die anatomischen und osteologischen Verhältnisse der Haus- 
maus anbetrifft, so findet man in Merrems Monographieen: Vermischte 
Abhandlungen aus der Thiergeschichte von Blasius Merrem, Göttingen 
1781, dieselben auf das Genaueste und ausführlichste mit dessen be- 
kannter Gründlichkeit auseinander gesetzt. Den in diesen Monogra- 
phieen angeführten und abgebildeten Sackegel: Fasciola saccata habe 
ich gleichfalls häufig bis zu fünf Stück in der Leber der Hausmaus 
gefunden. 


Höchst merkwürdig ist die Entdeckung Aüchenmeisters, welcher nach- 
gewiesen hat, dass sich Cysticercus fasciolaris Rudolphi, der Ratten und 
Mäuse in der Katze, welche diese gefressen hat, in Taenia crassicollis 
umwandelt. Ebenso beobachtete von Siebold, dass Oysticereus pisifor- 
mis in Hasen und Kaninchen der Jugendzustand von Taenia serrata der 
Hunde ist, dass Coenurus cerebralis Rud. der Drehwurm, die Quese im 
Gehirn der Schaafe und Echinococcus veterinorum Aud., der Blasen- 
wurm im Hunde zu Bandwürmern werden. 


178 


Hypudaeus: Arvicola subterraneus de Selys.”) 
Mitteleuropäische Wurzelmaus. 


Von Dr. A. Dehne. 


Diese wegen ihres Haushaltes sehr merkwürdige Maus nenne ich 
mitteleuropäische Wurzelmaus zum Unterschiede von der Pallas’schen 
sibirischen Wurzelmaus: Mus Hypudaeus, oeconomus Pallas, mit wel- 
cher sie sehr grosse Aehnlichkeit hat; ihre Lebensart ist eben so, wie 
Pallas dieselbe bei jener in seinen berühmten Reisen aus einander ge- 
setzt hat; sie gräbt sich dieselben Gänge und scharrt lange Wurzeln 
für ihre Vorrathskammern aus. 

In drei Kammern, welche zu einem Bau gehörten, fand ich am 
15. December 1841 achtzehn Unzen Wurzeln, jede Art ziemlich geson- 
dert und gereinigt. Sie bestanden in Löwenzahn: Leontodon Taraxa- 
cum L., Kümmel: Carum Carvi L., Quecke: Triticum repeus L., 
Hainanemone: Anemone nemorosa L., Sauerampfer: Rumex Acetosa L., 
Knöllchen der gemeinen Butterblume: Ficaria ranunculoides Mch., Ra- 
nunculus Ficaria L.; auch einige Zwiebeln der sehr häufig hier im 
Lössnitzgrunde wachsenden doldigen Vogelmilch: Omithogalum umbel- 
latum L. und wenige Möhren: Daucus Carotta L. lagen dabei. 

Die Magazine sind ohngefähr einen Fuss tief unter dem Rasen der 
niedrig liegenden Wiesen angebracht und haben sechs bis acht Zoll 
im Durchmesser. Die oben erwähnten drei waren ziemlich nahe bei- 
sammen und zu ihnen führten mehrere ziekzackförmige ganz flach 
unter dem Rasen fortlaufende Gänge oft von zwölf und mehreren Ellen. 

Einen solchen Hypudaeus, welchen ich ganz jung aufzog, hatte ich 
lebend vom 1. August 4841 bis zum 28. April 1842, an welchem Tage 
er starb. Er war sehr fett geworden und so zahm, dass ich ihn oft in 
die Hand nahm und eine kurze Zeit mit mir herumtrug; ein harmloses, 
possirliches Thierchen! doch durfte man ihm, wie allen Nagern, nicht 
ganz trauen, denn alle beissen zuweilen, ich möchte sagen, instinctmäs- 
sig. Später habe ich noch mehrere im Käfig gehalten. 

Sperrt man Hyp. subterraneus mit Hyp. amphibius zusammen, So 
entsteht ein wüthender Kampf und der schwächere subterraneus muss 
unterliegen, wenn man ihn nicht gleich wieder abtrennt. 


*) Diagnose: Taille un peu moins forte, que celle de P’arvalis. Oreilles un peu plus 
courtes, de la longueur du poil, presque nues. Yeux tr&s-petits. Queue de la longueur 
du tiers du corps, bicolore, noirätre en dessus, blanche en dessous. Pelage d’un gris noir- 
ätre en dessus, cendr& ou blanchätre sur ’abdomen seulement. Pieds cendr& fonce. 13 
paires de cötes, 

Selys. Etudes de Miccomammalogie. 


179 

Auch diese Maus vermehrt sich unter sonst günstigen Umständen 
ziemlich stark; doch findet man in ihren Nestern gewöhnlich nur vier 
bis fünf Junge. 

Da die Wiesen des Lössnitzgrundes zuweilen von dem austretenden 
Lössnitzbache, überschwemmt werden, so kommen in solchen Fällen 
unzählige dieser Mäuse um’s Leben; namentlich sind es die hülflosen 
Jungen, welche in den Nestern ersaufen müssen; die Alten retten sich 
oft durch Schwimmen. 

Von der dunkeln Varietät der gewöhnlichen Feldmaus: Zyp. arva- 
is Pal, kann man den subterraneus auf den ersten Blick durch die 
viel kleinern Augen, die beinahe ganz nackten Ohren, schwärzlichen 
Füsse, stumpfen Kopf und den sehr gedrungenen Körperbau unterschei- 
den, ohne der Abweichungen im Baue des Skeletts zu gedenken. 

Der Schwanz hat ohngefähr achtzig Schuppenringe. 

Bei Brod und Getreidekörnern, der Lieblingsnahrung des Ayp. ar- 
valis, verhungert er in wenigen Tagen. Mit Runkelrüben, Möhren, Pa- 
stinak, Sellerie, den Wurzeln der Nachtkerze: Oenothera biennis L., 
rohen Kartoffeln, Aepfeln, Kürbiskernen u. s. w. erhält man ihn in der 
Gefangenschaft am Leichtesten. 

Die Dimensionen nebst Beschreibung des Skeletts befinden sich in 
Edm. de Selys Longchamps Essai monographique sur les Campagnols 
des environs de Liege. 1836. — Eben so noch genauer in desselben 
Verfassers Etudes de Micromammalogie. Paris 1839. 

Höchst wahrscheinlich gehört hierher auch der Hypudaeus rufes- 
centifuscus Nager: die röthlich braune Feldmaus, welchen Tschudi in 
seinem Alpen-Thierleben S. 495 nach dem Naturforscher Nager folgen- 
dermassen beschreibt: 

Oben braun mit röthlichem Anflug, unten ziemlich scharf abgeschie- 
den aschgrau, mit rundlichen im Balge verborgenen Ohren, stumpfer 
Schnauze, schmalem Kopfe, dünnbehaartem, oben braunem, unten grauem, 
11” langem Schwanze, während das schlanke, gestreckte Skelett bis zur 
Schwanzwurzel 4“ 2 misst. Die Vorderzähne sind schwach, gelb, die 
Füsse klein. 

Diese Feldmaus bewohnt ausschliesslich die T’halwiesen von Ursern, 
wo sie sehr häufig ist, besucht keine Gebäude, nährt sich im Sommer 
von Merleiwurzeln und sammelt solche für den Winter in einem eigenen 
Magazine unter der Erde neben ihrer Wohnstube. 


Tschudi nach Nager. 


180 


Myoxus speciosus Dehne. 
Prächtiger Haselschläfer, 
Von Dr. A. Dehne, 


Myoxus supra fulvus, auriculis rotundatis subnudiuseulis, oculis 
magnis valde prominentibus,, cauda corporis longitudine, eylindrica, pi- 
losissima, annulis cireiter 160, palmis tetradactylis, plantis tetradacty- 
lis pollice brevi abrupto cum rudimento unguieuli, singulis callosissimis, 
unguiculis acutis falcatis, gula, pectore et abdomine cinereo-rufescenti- 
bus, brachiis supra fulvis, dentibus incisoriis badiis validis, vibrissis 
quinque seriebus horizontaliter dispositis. 


Dieses prächtigen Haselschläfers hat Herr Dr. Rabenhorst bereits 
in der Zeitschrift Flora 1849, Nr. 25. S. 41 Erwähnung gethan; er fing 
ihn zweimal in einerHöhle bei Tursi im Basilicate am Fusse der Ape- 
ninnen im Sommer 1847. Das eine Exemplar entwischte leider wieder 
aus der Falle. Er ist, wie die Dimensionen zeigen, um ein Beträcht- 
liches grösser, als Myoxus avellanarius L., diesem aber übrigens sehr 
ähnlich; die Haare namentlich die des Schwanzes sind viel länger und 
stehen lockerer, auch ist ihre Farbe lebhafter und vollkommen fuchsroth. 

Der weisse Fleck an der Kehle, welchen Myoxus avellanarius so 
deutlich zeigt, fehlt hier gänzlich. Die Füsse, der Schwanz, kurz Alles 
ist stärker, kräftiger; die Krallen sehr gebogen, sichelförmig, Sohlen 
ausnehmend schwielig, zum Klettern auf den Sträuchern und Bäumen 
ganz eingerichtet; Augen sehr gross, vorstehend; Ohren rund, wenig 
behaart; Lippen mit ziemlich starken, borstigen Wimpern dicht besetzt; 
Vibrissen in fünf horizontalen Reihen stehend, zolllang. 

Die sämmtlichen Zehen zeigen auf der obern Seite deutliche Sehup- 
penringe, ohngefähr zwanzig an der Zahl; diese Ringe erstrecken sich 
gleichfalls noch über die Hand hinaus bis an das Gelenk und sind un- 
ter der Behaarung noch deutlich zu erkennen. 

Die Vorderfüsse haben vier Zehen, die hintern gleichfalls, diese 
letzteren mit einem grossen abgestutzten Daumenstummel, welcher blos 
eine Spur von Nagel trägt. 

Die Schneidezähne sind dunkelgelb, breit, sehr stark. 

Der cylindrische Schwanz zeigt ohngefähr 160 Schuppenringe, 
welche wegen der starken Behaarung schwer zu zählen sind. Die läng- 
sten Haare des Schwanzes sind einen halben Zoll lang. 

Der Unterpelz fällt allenthalben etwas ins aschgraue. 

Totallänge von der Nasenspitze bis zur Schwanzspitze sechs Zoll, 
inclusive der langen Endhaare des Schwanzes, ohne diese fünf und 


181 


einen halben Zoll. Von der Nase bis zur Schwanzwurzel drei Zoll. 
Länge des Schwanzes drei Zoll, ohne die langen Endhaare zwei und 
einen halben Zoll. Länge des Kopfes von der Nasenspitze bis zum ersten 
Halswirbel einen Zoll. Von der Nasenspitze bis zum hintern Augen- 
winkel sechs Linien, Länge der Ohrmuscheln vier Linien, Breite der- 
selben ebenso. Die längsten Vibrissen einen Zoll. Hintere Fusswur- 
zeln sammt Nägeln sieben Linien, vordere vier Linien. Zehen der Hin- 
terfüsse drei Linien, der Vorderfüsse zwei. Umfang der Leibesmitte 
zwei und ein Drittheil Zoll. 


Mus sylvatieus L. 
Die Waldmaus und ihre Varietäten. 
Von Dr. A. Dehne. 


Sie ist über ganz Europa und das westliche Sibirien verbreitet. 
Im Sommer in Wäldern und Feldern, im Winter auch in den Häusern, 
in Mühlen, Kellern und Scheunen, wo sie sich durch Anlesung von 
Magazinen sehr schädlich macht. Häufig findet man in hohlen Bäumen, 
unter den Wurzeln derselben, in Felsenspalten u. s. w. Vorräthe von 
Kirsch- und Pflaumenkernen, Haselnüssen, Castanien, Kürbiskernen, den 
Kernen der Weinbeeren, Früchte von Vaccinium vitis idaea: Preissels- 
beeren u. s. w.; diese rühren grösstentheils von der Waldmaus her, 
welche sie sich zum Wintervorrathe eingetragen hat. 

Sowohl in ihrer Freiheit, als in der Gefangenschaft, gewährt es viel 
Vergnügen, sie zu beobachten; sie ist ungemein gewandt und erinnert 
durch ihre schönen grossen Augen und Ohren, ihre langen Füsse und 
ihr ganzes Betragen lebhaft an den Gartenschläfer: Myoxus Nitela Schre- 
ber, wie auch an die Springmäuse. Ich hatte sie zu Dutzenden lebend. 
Abends und in der Nacht sind sie am thätigsten; einzelne von ihnen 
zeichnen sich vorzüglich durch Munterkeit und ungemeine Beweglichkeit 
aus; während ihre Kameraden der Ruhe pflegen, vertreiben sie sich die 
Zeit durch Spielen und Klettern, wobei sie den Schwanz halbbogenför- 
mig aufgerichtet tragen. Ihr Geruch hat wenig Unangenehmes. 

Ihre gewöhnliche Farbe ist am Oberkörper braungelblich grau, 
nach dem Rücken hin etwas dunkler; am Bauche ist sie weiss, so dass 
beide Farben ohne Uebergänge scharf geschieden sind; die Grenze 
zwischen Ober- und Unterkörper ist jedoch mehr ins Gelbliche fallend. 
Am Halse hat sie oft ein gelbes Fleckchen. Schwanz oben grau, unten 
weiss, ein wenig kantig. Beine weiss. Ohren ziemlich nackt mit 
schwärzlichem Rande. Schwanz mit ohngefähr 150 Schuppenringen. 


182 
Stirn mehr bogenförmig, als bei Mus Musculus ‚„ und M. agrarius. 
Schnurrhaare: Vibrissen sehr lang. 

Von Varietäten führe ich vor allen Dingen an: 

a) Die grosse Waldmaus mit gelbem Halse und halbmal längerm . 
Schwanze, Mus sylvaticus var. favicollis, cauda dimidio longiori.: Sie 
ist in den Sandsteingebirgen der sächsischen Schweiz, z. B. in der Ge- 
send von Pirna nicht sehr selten. Ein wirklich schönes Thier! 

Das erste Exemplar von derselben erhielt ich durch den Conserva- 
tor Herrn Schneider, welcher dasselbe am 26. August 1848 bei Pirna 
in einer Falle, die er für Myoxus Nitela aufgestellt hatte, fing. Ihr 
entnehme ich folgende Dimensionen. 

Totallänge von der Nasenspitze bis zur Schwanzspitze 712 Zoll 
Paris. M. Von der Nasenspitze bis zur Schwanzwurzel 3 Zoll und 3 
‚Linien, Länge des Schwanzes 4 Zoll und 3 Linien. Länge des Hin- 
terfusses sammt Krallen 10 Linien. Länge der Zehen des Hinterfusses 
mit den Krallen 21/% Linien. Länge der Ohren 6 Linien. Breite der- 
selben ebenso. Entfernung der Nasenspitze von den Ohren 1 Zoll. 
Augen gerade in der Mitte zwischen Nase und Ohren, etwas grösser 
wie bei gewöhnlicher Waldmaus. Nagezähne wenig gelb, schmal und 
schwach. Vibrissen sehr lang und stark; die längsten angedrückt bei- 
nahe einen Zoll über die Ohren hinausstehend; ‚obere schwarz, untere 
weiss. Schwanz mit 200 Schuppenringen, oben graulich, unten weiss, 
etwas kantig. Oberlippe, Unterlippe, Kinn, Kehle gelblich weiss. 
Füsse genau, wie bei gewöhnlicher Waldmaus, doch nach Verhältniss 
länger. Unterkörper weiss mit schiefergrauer Basis des Pelzes, hinsicht- 
lich des Colorits vom Oberkörper scharf begrenzt. 

Bei diesem Exemplare ist der Hals nicht gelb; dahingegen besitze 
ich durch die Güte des Herrn Conservators Klocke in Dresden zwei 
lebende Exemplare gleichfalls aus der sächsischen Schweiz, deren eins 
jene Zeichnung in vorzüglichem Grade besitzt. Bei ihm ist die Farbe 
des Halses beinahe orangegelb; der Rücken schön braun, wie bei dem 
Gartenschläfer. Ein Paar prächtige Thiere! aber nicht so lebhaft, wie 
gewöhnliche Waldmäuse; ich bekomme sie selten, manchmal kaum im 
vierzehn Tagen zu sehen; mehrentheils verbergen sie sich in ihrem 
Neste und kommen nur zum Vorschein, wenn sie fressen wollen. 

Ich möchte sie beinahe für eine eigene Art halten; doch kommt 
sie wieder, die Grösse und lebhaftere Zeiehnung abgerechnet, mit der 
gewöhnlichen Waldmaus zu sehr überein. Sie ist also wahrscheinlich 
nur eine Local-Varietät, welche vielleicht durch reichliche und ihrem 
Wohlbehagen zusagende Nahrung eine aussergewöhnliche Grösse und 
Färbung erhält. Weitere Beobachtungen an Ort und Stelle müssen hier- 
über in Zukunft bestimmtere Aufschlüsse geben. 

Herr Sehys de Longchamps in Lüttich schreibt mir darüber unterm 
13. März d. J. wie folst: 


183 


„Je ne crois pas que ce soit une espece distinete. La Lon- 
gueur de la queue varie beaucoup dans le Mus sylvaticus.“ 
b) Die Mittelform zwischen der Wald- und Hausmaus, Mus islan- 
dieus Thienemann, ist bei Mus Musculus L. beschrieben. 
e) Die isabellfarbige Waldmaus. Ich habe sie nur einmal im 
Sommer 1833 in der Gegend von Penig bekommen. Sie ist sehr selten. 
Weisse und andere Spielarten habe ich nie bekommen können. 


Hypothetische Ansicht über Erhebung des Spitzenbergs 
bei Possendorf, und über die Folgen derselben. 
Von E. v. Otto. 


Versteinerungsleerer Thonschiefer: Urthonschiefer, bildet das Lie- 
sende der Steinkohlenflötze von Hähnichen und Rippien und zieht sich 
sogar unter den Flötzen des Windberges bei Potschappel hinweg; er 
hat demnach seine normale Lagerung als Schiefergestein, er ist so zu 
sagen geschichtet. 

Zu Tage finden wir ihn auf dem breiten Rücken des Spitzenberges 
und, aus dem Rothliegenden hier und da hervortretend, an dessen gen 
Süd, West und Nord gelegenen Seiten, während er an der östlichen 
Seite noch niemals, selbst tief nicht, bemerkt wurde. 

Der Spitzenberg, 1001 Pariser Fuss hoch, ist östlich und westlich 
sanft abgeflacht, fällt nördlich etwas steiler, am steilsten südlich ab, 
und zeigt uns auf seinem sehr breiten Rücken zwei hervorragende Kup- 
pen. An diesen letztern erscheint der 'Thonschiefer fast ganz entblösst, 
während er auf dem Plateau nur durch eine seichte Ackerkrume be- 
deckt ist. 

Betrachten wir nun den Thonschiefer, wo er auf und an diesem 
Berge zu Tage kommt, und mitunter zu Strassenmaterial gebrochen 
wird, so finden wir 

«) dass er oben auf dem Berge, besonders bei den Kuppen, sehr 
hart und spröde ist, ja, wird er geschlagen, klingt, dass er eine 
braunrothe oder dunkel blaugraue Farbe hat, oft auch griffel- 
artig abgesondert ist, 

ß) dass er an den Seiten und dem sehr umfangreichen Fusse des 
Berges weicher, thonreicher auftritt, mehr Glimmer führt, sich 
sogar fettig anfühlt, 

y) dass er auf diesem Berge überall nach allen Himmelsgegenden 
hin fallend, sogar im engen Raume kleiner Brüche, angetroffen 
wird, dass er selbst hier und da völlig aufgerichtet erscheint, 


184 


ö) dass ihn dann und wann durchsetzende Quarzadern ebenso ver- 

worfen, wie seine allgemeine Lagerung, sind. 

Diese Wahrnehmungen sind die Resultate vieljähriger Beobacht- 
ungen; durch momentane Besichtigungen können sie nicht erzielt wer- 
den, da die kleinen Brüche meist schnell, wie es der Ackerbau erheischt, 
wieder zugeschüttet und besät werden. 

Da nun, wie im Eingange schon erwähnt wurde, das Rothliegende 
nur auf dem Plateau dieses Berges fehlt, während es an seinen Seiten 
in seiner weiten Umgebung, selbst auf höhern Bergen überall angetrot- 
fen wird und aus den oben angeführten Beobachtungen können wir 
wohl füglich schliessen, dass der Thonschiefer des Spitzenberges sich 
nicht mehr in seiner ursprünglichen Lagerung befindet, sondern gewalt- 
sam emporgehoben und dadurch so verworfen und zerrissen wurde; ja, 
es drängt sich uns die Vermuthung auf, dass bei diesem Vorgange, wenig- 
stens gegen die Gesteine seines Plateau’s, starke Hitzegrade thätig ge- 
wesen sein müssen. 

Die klingende Härte, die dunkle, meist rothe Farbe, sowie die zu- 
weilen vorkommende griftelartige Absonderung des Thonschiefers auf 
seinem Scheitel machen diese Vermuthung wahrscheinlich. 

Suchen wir nun in der Umgegend dieses Berges nach eruptiven 
Gesteinen, welche seine Erhöhung bewirkt haben könnten, finden wir nur: 

nördlich, Y, Stunde von ihm entfernt, den jungen 'Thonporphyr 
von Hähnichen, und südlich, 3/ Stunden entfernt, den Basalt des 
Wilschberges. 
Andere Porphyre, Granite und überhaupt Massengesteine trifft man nur 
in viel grösserer Entfernung an. 

Bei näherer Betrachtung des Thonporphyrs bei Hähnichen ergiebt 
sich, dass derselbe westlich von diesem Orte sein Ende erreicht, dass 
er sich, was der Schacht von Rippien bestätigte, östlich senkt und von 
dorther, etwa bei Nickern, Lockwitz, emporgedrungen sein müsse. Ohn- 
streitig hat er die Verwerfung in der Kohle bei Rippien verursacht. 

Hierdurch erhellet, dass er gewiss keinen Antheil an der Erhebung 
des Spitzenberges gehabt haben könne. 

Es bleibt uns nur noch der Basalt und ihn halten wir für den 
Ruhestörer, der einst normal abgelagerten Schiefergesteine des Spitzen- 
berges, welche einst gewiss in gleicher Teufe, wie ihre Fortsetzung 
unter den Kohlenflötzen von Hähnichen, Windberg u. s. w. abgelagert 
waren. 

Diese unsre Vermuthung zu motiviren, wollen wir jetzt versuchen. 

Der Basalt ist anerkannt als feuerflüssige Masse aus der Tiefe her- 
vorgedrungen und hat dazu Spalten und Klüfte, sie mochten nun schon 
früher vorhanden, oder erst durch seine Eruption entstanden sein, benutzt. 

Fand die flüssige Masse nun mehrere einander nahe Spalten (die 
mitunter nach oben zu weit von einander divergirten), so erfüllte sie 


185 


diese zugleich und bestrebte sich in allen die feste Erdkruste zu durch- 
brechen. 
Da nun der Widerstand, welchen sie in den verschiedenen Klüften 
und Spalten zu besiegen hatte, ohnstreitig wohl auch ein verschiedener, 
ein ‚grösserer, ein minderer war, so drang sie in derjenigen Spalte oder 
Kluft, in welcher sie den wenigsten Widerstand fand, nicht nur am 
schnellsten, sondern auch am weitesten, ja bis zu Tage hervor. Durch 
den Ausfluss über die Erdkruste aus einer, oder aus einigen Spal- 
ten verminderte sich die Stärke des Nachdruckes von unten gegen die 
Masse, welche mit mehr Widerstand in den andern Spalten zu kämpfen 
hatte; dadurch wurde sie hier am schnellen Vordringen gehindert, ver- 
lor an Kraft, wurde kühler, bis sie endlich erstarrte, die einmal einge- 
nommenen Räume erfüllend. Was sie über sich bis dahin erhoben hatte, 
das blieb natürlich durch ihr Erstarren in der neu erhaltenen Lage stehen. 
Lehrt nun auch die bisherige Erfahrung, dass nur selten (z. B. in 
Böhmen in der Röhn) sich mehrere Basaltkuppen zu einer Hauptmasse 
vereinigt finden, so giebt sie doch zu, dass mehrere Basaltablagerungen 
aus einer und derselben Masse, durch eine und dieselbe Eruption entstan- 
den sein können. 
Es handelt sich bei diesen Erfahrungsresultaten aber auch nur um 
über der Erdoberfläche sichtbare Basaltablagerungen. Erblicken wir 
davon mehrere in geringer Entfernung von einander, so können wir 
annehmen, dass die eruptive Masse an dieser Stelle mehrfach Zeichtes 
Durchbrechen hatte, und dass, sind die verschiedenen nahen Kuppen 
sichtbar nicht in eine Hauptmasse vereinigt, die verschiedenen Spalten, 
aus welchen sie ausflossen, sich schon in bedeutender Tiefe von einan- 
der trennten. 
Walteten aber bei einer Basalteruption nicht so günstige Umstände 
ob, konnten ein oder mehrere Arme dieser emporstrebenden Masse, durch 
unbesiegbaren Widerstand gehindert, nicht bis zu Tage durchbrechen, 
dann erscheint es wohl nicht widersinnig, anzunehmen, dass ihr Empor- 
streben die ihr Widerstand leistenden Gesteine hob und ihre Lagerung 
zerrüttete, sie selbst aber unter diesen erstarrte und sich ablagerte. 
Diesen Fall präsumiren wir für die Erhebung des Spötzenberges. 
Ist nun auch der Spifzenberg von der nächsten bekannten Basaltabla- 
gerung fast eine Stunde entfernt, kann dies unsrer Vermuthung: doch 
nicht widerstreben, denn wir wissen ja, 
dass die Basalte von den übrigen Gebirgen unabhängige Züge bilden, 
dass in Deutschland sich eine förmliche basaltische Zone von den 
Sudeten bis an die Eifel vorfindet, 

woraus sich folgern lässt, 
dass alle diese Basalte in ihrem einst feuerflüssigen Zustande ge- 
wissermassen durch einen tiefliegenden Kanal mit einander ver- 
bunden waren, und 

Allg. deutsche naturhist. Zeitung. I, 14 


186 


dass sie aus diesem nur da eruptiv wurden, wo Spalten und Klüfte 
es ihnen ermöglichten, wenn auch nicht alle emporsteigenden Arme 
die obere Erdkruste zu durchbrechen im Stande waren. 

Durch diese unsere Annahme liesse sich auch das Hervortreten der 
beiden Kuppen des Spitzenberges leicht erklären. 

Die den ganzen Berg emportreibende Basaltmasse konnte an diesen 
zwei Punkten am weitesten empordringen, hob die Gesteine derselben 
natürlich auch am meisten in die Höhe. 

Die gewaltsame Erhebung der Schiefergesteine des Spitzenberges 
lässt nun nicht nur vermuthen, dass sie nothwendig Störungen und Ver- 
werfungen in der normalen Schichtenablagerung der in der Nähe be- 
findlichen Kohlenflötze und deren Decke, des Rothliegenden, hervorge- 
bracht haben müsse, sondern es bestätigt diese Vermuthung auch die 
arge, zu Tage sichtbare Verwerfung des grauen sandigen Conglomerats 
des Rothliegenden am Käferberge bei Possendorf, welcher nordwestlich 
vom Spitzenberge liegt, und eben so nur wenige Minuten von ersterem 
wie von den Hänicher Kohlenwerken entfernt ist. 

Wenn wir nun selbst unsere hier ausgesprochene Ansicht hypo- 
thetisch nannten, gaben wir schon zu, dass wir sie selbst nicht für 
unwiderlegbar halten; so lange aber nicht andere causae efficientes, 
denen die Erhebung und Zerrüttung des Thonschiefers des Spitzberges 
wahrscheinlicher zugeschrieben werden könnte, erwiesen sind, vermu- 
then wir, 

dass Basalt mittelbar durch die Erhebung des Spitzenberges auf 
die theilweise Verwerfung der nahen Kohlenflötze und deren Decke 
gewirkt habe. 

Wäre dem so, dann könnten Kohlenbau - Versuche auf dem östlich 
und südlich hinter dem Spitzenberge gelegenen Fluren auch noch durch 


gute Erfolge belohnt werden. 


Experimenteller Nachweis, dass Cysticereus cellulosae 
innerhalb des menschlichen Darmkanales sich in 
Taenia Solium umwandelt. 


Von Dr. Küchenmeister, pract. Arzt in Zittau. 


Vor einiger Zeit sollte in der Entfernung mehrerer Meilen von 
meinem Wohnorte ein Delinguent durch das Fallschwert vom Leben 
zum Tode befördert werden. Durch Vermittelung befreundeter Aerzte 
gelang es mir, das im Jahre 1853 nutzlos Versuchte in der That zur 
Ausführung zu bringen, wenn auch die Kürze der mir zu Gebote ste- 


187 


henden Zeit (6-8 Tage) wenig Hoffnung auf Erfolg gab. Ungefähr 
130 Stunden vor dem Tage der Hinrichtung des Delinquenten wurde 
ihm durch einen befreundeten Arzt in Ermangelung des Cysticercus 
cellulosae ein frischer Cysticereus tenuicollis aus dem Schweinmesente- 
rium und circa 10 Stunden vor jenem Tage 6 Stück Cysticerei pisi- 
. formes aus dem Kaninchen beigebracht. Da es Sitte ist, sobald die 
höchste Bestätigung des Todesurtheils erfolgt ist, dem Delinquenten in 
seiner Kost gewisse Begünstigungen noch zu gestatten, so gab der be- 
treffende Arzt dem Delinquenten zu dieser Zeit auf meinen Vorschlag 
gute Bouillonsuppen mit Faconnudeln (in Stern- und Gräubchenform) 
oder ähnlichen Amylaceen, und brachte in diesen Suppen, nachdem sie 
auf die Temperatur der Blutwärme abgekühlt waren, die 7 Stück Blasen- 
würmer, denen die Schwanzblase theils geöffnet, theils abgeschnitten 
war, so dass dieselben etwa die Grösse der betrefienden Faconnudeln 
hatten. So erhielt der Delinquent die Finnen, ohne dass er es wusste, 
in dem Suppengericht. 

Ungefähr 84 Stunden vor dem Tode des Delinquenten fand meine 
Frau in unserem Abendessen (das in warmem, aus einer meiner Wohn- 
ung in Zittau benachbarten Restauration entnommenem Schweinebraten 
bestand) Finnen. Wo diese Finnen herstammen, dachte ich, da gibts 
auch noch andere, und ich beeilte mich in jener Restauration selbst 
weitere Nachforschungen nach wungekochtem, frischem Schweinefleische an- 
zustellen. 

Nach längerem Bitten und nachdem ich den Leuten begreiflich ge- 
macht hatte, dass ich meiner Wurmuntersuchungen wegen nach solchem 
Fleisch lange schon, weil es verheimlicht wird, vergebens getrachtet 
hätte, erfuhr ich denn endlich, dass das Schweinelleisch einem Schweine 
entstamme, das in der betreffenden Restauration selbst beiläufig 60 Stun- 
den vorher geschlachtet worden war, und erhielt endlich 1 Pfund des 
am stärksten finnigen rohen Fleisches, dass bis dahin im Keller aufbe- 
wahrt worden war. Da der Abend schon zu weit vorgeschritten war, 
um an den Aufenthaltsort des Delinguenten mich noch an demselben 
Tage begeben zu können, bewahrte ich das Fleisch bei der milden Tem- 
peratur, die wir um diese Zeit hatten, über Nacht in einem ungeheiz- 
ten Zimmer, und fuhr am 4. Tage vor der Hinrichtung vor Tages- 
grauen nach dem Aufenthaltsorte des Delinquenten, in Gesellschaft eines 
befreundeten Gerichtsarztes. Genau 72 Stunden vor dem Tode des De- 
linquenten war ich in dem Orte, seiner Retention angekommen, und 
sofort wurde von dem erstgenannten Ärzte dem Delinquenten ein Früh- 
stück von den von mir mitgebrachten Finnen bereitet. Da eine Suppe 
um diese Zeit zu auffällig gewesen wäre, schlug ich einige Butterschnitten 
mit Cervelatwurst vor, wobei die Pfefferkörner der Wurst entfernt und 
herausgeschält und die dadurch entstandenen Lücken mit Finnen aus- 
gefüllt werden sollten. Der betrefiende Arzt, dem Üervelatwurst nicht 

14* 


188 


sogleich zur Hand war, nahm Blutwurst und schälte einige Fettwürfel 
der Wurst aus, an deren Stelle er die Finnen einlegte, und Alles gut 
von den Seiten her verstrichen werden konnte. So erhielt der Delin- 
quent 72 Stunden vor seinem Tode 12 Stück ÜUysticere. cellulos., 
60 Stunden vor dem Tode in einer Reisssuppe 18, 36 Stunden vor dem 
Tode in Nudelsuppe 15, 24 Stunden vor dem Tode in Wurst 12 und 
12 Stunden vor dem Tode in Suppe noch einmal 18 Stück Cysticerei 
cellulosae, also in Summe 75 Stück von letzteren, die beiläufig 72, 84, 
108, 120 und 132 Stunden nach dem Schlachten des Thieres an freier 
Luft sich befunden hatten. 

Die Hinrichtung erfolgte demnach etwa 120 Stunden nach der Bei- 
bringung von Cytsicereus tenuicollis und 72 Stunden nach der ersten, 
60 Stunden nach der zweiten Beibringung von Cysticerei  cellulosae. 
Dem Delinquenten selbst hatten Wurst und Suppen so gut gemundet, 
dass er noch am Abende vor seinem Tode dem betreffenden Arzte sei- 
nen warmen Dank dafür aussprechen zu müssen glaubte. 

Am Tage nach der Hinrichtung begab ich mich nach der 20 Stun- 
den von hier entfernten anatomischen Anstalt, an welche der Leichnam 
abgeliefert werden musste, konnte jedoch zu meinem Leidwesen erst 
48 Stunden nach der Hinrichtung zur Untersuchung des Darmkanals 
gelangen, die in Gegenwart mehrerer Professoren von den Herren Pro- 
sectoren Dr. D. und Dr. Z. und mir vorgenommen wurde. 

So gering bei der Kürze der Ernährungsfristen meine Hoffnung, 
die jungen Taenien zu finden, auch sein musste, so sehr ich auch darauf 
gefasst war, selbst im glücklichsten Falle die Haken der jungen Taenien 
nicht wieder aufzufinden, da sie leicht im Darmschleime, wenn er sich 
zu zersetzen beginnt, abfallen, so hatte ich doch das Glück, wie wir 
bald sehen werden, noch einige junge Taenien mit Haken zu finden. 
Obgleich nämlich bei dem Durchsuchen des in ziemlich dichter Schicht 
aufgelagerten Schleimes es mir nicht gelingen wollte, etwas zu finden, 
was eine junge Taenia darstellte, so gelang es mir doch in einem Stück 
Duodenum (wo ich überhaupt der Zeit nach die jungen Taenien erwartet 
hatte) das ich einige Minuten im Wasser aufgeweicht hatte, eine kleine 
Taenia zu finden, die mit ihrem vorgestreckten Rüssel an der Darm- 
schleimhaut festsass, wie auch die übrigen Herren Mitsecirenden sich 
überzeugten. Wie man sich leicht denken kann, war ich durch den 
Fund etwas freudig erregt und ersuchte daher Herrn Dr. Z. den kleinen 
Öestoden sammt der Schleimhautpartie, in der er sass, auf das Objekt- 
gläschen zu übertragen. 

Es gelang dies ziemlich gut, und wir sahen eine junge Taenie mit vor- 
gestülptem Rüsselchen, an dem ebenfalls nach vorwärts gerichtet 4 Haken 
sehr locker aufsassen, die deutlich durch Vergleichung mit andern Prä- 
paraten von Taenia Solium, Taenia serata vera und Taenia ex Cisticerco 
tenuicolli sich als Haken der Taenia Solium erwiesen. Inzwischen hatte 


189 


ich, während die Herren die Taenia genauer untersuchten, das Duode- 
num weiter durchlaufen und noch 3 Stück gefunden, von denen 2 je 1 oder 
2 Paar Haken darboten, die ebenfalls der Taenia Solium angehörten, 
und deren drittes, was Herr Dr. D. aus dem Darmschleime erhob, den 
bis auf 2 Haken "erster Reihe unverletzten Hakenkranz, in Summa 
:22 Haken der Taenia Solium enthielt. Dieses Präparat, sowie die andern 
befinden sich zur Zeit noch auf der betreffenden anatomischen Anstalt 
und es ist in Betreff des Letztern nur zu bedauern, dass ein grosser 
Theil der Haken erster Reihe beim Zusatze von flüssiger Gelatine in 
die Nachbarschaft des Taenienrüssels entrollte, während die Haken zwei- 
ter Reihe in vollkommener Zahl und Ordnung an ihrem Platze erhal- 
ten sind. 

Wer je die Haken von Taenia Solium gesehen, der wird zugestehen, 
dass es keinem Zweifel unterlag, dass die 4. mit mehr oder weniger 
Haken versehenen Taenien der Taenia Solium und der gefütterten Oy- 
sticereus cellulosae, nicht aber den andern Finnen angehörten. Ausser 
diesen 4 Taenien fanden wir im Abspülwasser des Darmschleimes noch 
6 Stück junger Taenien, aber ohne Haken. Sämmtliche 10 Taenien 
hatten mit Ausnahme einer einzigen, die beiläufig 6 — 8 Millimeter 
lang war und einen recht nett ausgebildeten, noch kaum genarbten An- 
hang hatte, eine Grösse von 3—4 Millimeter Länge. Alle zeigten am 
Hinterleibsende die kleine, S-förmig geschweifte, kerbige Einziehung, die 
Jeder kennen wird, der irgend Cestoden zweiter Stufe mit Schwanzblasen 
durch Fütterungsversuche in Taenien umzuwandeln versucht hat. 


Von den letzten Fütterungen fanden sich im ganzen Darmkanal 
keine Spuren und ich glaube, dass nur die ersten beiden Fütterungen 
mit Cysticerci cellulosae ein Resultat geliefert haben, da wahrscheinlich 
die meisten Cisticerei cellulosae zur Zeit der Ueberführung in denDarmkanal 
des Delinquenten schon gestorben waren. Bis jetzt nämlich ist es mir 
nicht gelungen, aus Blasenwürmern, die später als 3 — 4 Tage nach 
Tödtung ihres Wirthes zum Experimente benutzt wurden, Taenia zu 
erziehen. Ueberblicken wir noch einmal kurz die durch dieses Experi- 
ment gewonnenen Resultate, so steht hiernach fest: 


1. dass der ÜOysticercus cellulosae der Scolex der Taenia Solium 
hominis ist; 

2. dass die Ansteckungsweise mit Taenia Solium ganz dieselbe wie 
bei allen andern aus Blasenwürmern stammenden und wohl überhaupt 
wie die der meisten Taenien ist, 


3. dass wir uns also mit Taenia Solium anstecken, indem auf die- 
jenigen Speisen, welche wir roh geniesen, oder die wir, schon gekocht, 
kalt verspeisen und in Portionen aus Fleischläden und von anderwärts 
her beziehen, Cysticercus cellulosae übertragen werden, wofür ich schon 
in meinem Werkchen über Cestoden im Allg. ete. Belege beigebracht hatte; 


190 


4. dass die bisherige Medicinalpolizeigesetzgebung vieler Staaten 
in Betreff des finnnigen Schweinefleisches eine wenig gerechtfertigte ist, 
insofern sie den Schlächter, der solches Fleisch verkauft, den Schaden 
allein tragen lässt. Besser als derartige Massregeln wirkt eine offene 
Belehrung und Ermahnung zur Vorsicht mit dem finnigen Schweine- 
fleische. Ich füge endlich noch hinzu: 


5. dass, nach den Experimenten von Zenedeus, und nach den von 
Hrn. Prof. Zaubner in Dresden und mir, in Folge meines Antrages an 
das k. sächs. Staatsministerium des Innern, auf Regierungsbefehl ange- 
stellten Versuchen, es hinwiederum erwiesen ist, dass man Üysticercus 
cellulosae beim Schweine durch Fütterung mit reifen Gliedern von 
Taenia Solium erziehen kann, und zwar in solcher Menge, dass ich in 
4! Drachme des Fleisches eines zum Experiment verwendeten Schwei- 
nes 133 Cysticerei cellulosae zählte, was auf den Stein Schweinefleisch 
beiläufig S0,000 Stück dieser Finne ergiebt; 

6. dass es uns bisher weder beim Hunde noch beim Schaafe gelang, 
durch Verfütterung reifer Glieder von Taenia Solium Cysticerei cellu- 
losae zu erziehen, eben so wenig als es uns je gelungen ist: a) aus 
Taenia serrata vera (ex Cistic. pisiformi); b) aus Taenia ex Üysticerco 
tenuicolli; c) aus Taenia Coenurus (ex Üoenuro cerebrali); d) aus 
Taenia Echinococeus Cisticerei cellulosae zu erziehen, während es doch 
ganz leicht ist, aus a: Cysticereus pisiformis; aus b: Cysticercus tenuj- 
collis und aus c. Coenurus cerebralis sie heranzubilden, ja auch die leider 
zu früh unternommene Sektion für die Erziehung der Echinococeus 
aus T. Echinococeus zu sprechen scheint. 


Hiernach überlasse ich es Jedem selbst, wenn er auch nicht die 
Haken der einzelnen Taenienarten unterscheiden könnte, ein Urtheil 
über das unlängst bei Zngelmann in Leipzig erschienene Buch „über 
die Band- und Blasenwürmer etc. von X. Th. von Siebold“ auszusprechen. 


Indem ich zum Schlusse eile, habe ich nur noch zu bedauern, dass 
es mir nicht erlaubt ist, öffentlich denen zu danken, die mich freund- 
lichst bei obigem Experimente unterstützten, ferner: die Bitte an ein- 
flussreiche Mitglieder der Gesellschaft, ja an alle Freunde der phy- 
siologischen Heilkunde, denen diese Zeilen zu Gesichte kommen, zu 
richten, dass Jeder in seinem Kreise dahin zu wirken suche, dass das 
gewiss unschädliche Experiment der Finnenfütterung bei voraussichtlich 
dem Tode verfallenen Verbrechern zu wiederholen gestattet werde, damit 
wir die ganze Entwickelungssuite der Taenia Solium durch z. B. in 
Awöchentlichen Zwischenräumen gemachte Fütterungen ganz frischer Cy- 
sticerci cellulosae in jedesmal mässiger Zahl verfolgen und zusehen kön- 
nen, ob — was durch mein Experiment unentschieden geblieben ist — 
Cysticercus pisiformis und tenuicollis im Menschen ebenfalls sich 
weiter entwickeln: so wenig ich bis jetzt glaube dies annehmen zu 


191 


können. Im Falle stattfindender Begnadigung der Verbrecher kann 
man ja leicht die Bandwürmer wieder abtreiben, und auf diese Weise 
dem ängstlichsten Gemüthe genügen und der Wissenschaft zugleich 
nützen. [|W. med. W. Nr. 1. 1555]. Dass Tausende von nicht verur- 
theilten Personen aller Stände mit ihren Speisen Finnen geniessen, lehrt 


die Erfahrung. 


Ueber eine Abart der Taenia Coenurus, 


d. h. des Bandwurmes, von der die Quese des Schaafes 
und des Rindes herstammen. 


(Zugleich eine Bitte an die Herren Oeconomen des Markgrafthums Niederlausitz mich 
mit Zusendung von Köpfen von Schaafen, die an der ächten Dreh -Krankheit 
verendeten, zu erfreuen.) 


Von Dr. Küchenmeister in Zittau. 


Gerade ein Jahr ist es am heutigen Tage, dass bei dem ersten der von 
dem hohen Ministerio des Innern zum Experiment bestimmten Schaafen, 
die in Folge der Fütterung mit Eiern der Taenia Coenurus von der 
ächten Dreh-Krankheit befallen worden waren, die Section vorgenom- 
men und die jungen Quesen aufgefunden wurden. Seit jener Zeit ist 
es wiederholt und an verschiedenen Orten gelungen, diese Quesen aus 
den Eiern des genannten Bandwurmes zu erziehen. Dabei ist zugleich 
darauf aufmerksam gemacht worden, dass dieser Bandwurm eine eigene 
und leicht bei einiger Uebung zu unterscheidende Art sei, die, wie neuer- 
dings auch Prof. Röll in Wien gegen von Siebold hervorhebt, wesentlich 
von denjenigen Bandwürmern abweiche, welche man aus der Finne des 
Kaninchen, aus der Finne im Netze der Schweine und aus anderen 
Finnen oder Blasenwürmern im Darmkanale gewisser Thiere, besonders 
der Hunde, erziehen kann. Es ist ferner berichtet worden, dass der 
Bandwurm, aus dessen Eiern die Schaafquesen sich entwickeln, dadurch 
entsteht, dass von den Hunden die ihnen vorgeworfenen Köpfe dreh- 
kranker Schaafe verzehrt werden und weiter, dass der betreffende Band- 
wurm im reifen Zustande 4 Saugnäpfe und auf einem kurzen Mützchen 
vorn am Kopfe, das man in der Kunstsprache Rostellum oder Rüssel- 
chen nennt, 24 bis höchstens 28 in eine doppelte Reihe gestellte Haken 
von einer bestimmten Grösse trage. 

Der betreffende Bandwurm wurde als den andern Bandwürmern 
allen ähnlich geschildert, die einen platten gegliederten Körper mit 2 
seitlichen Rändern, einem rechts und einem links gelegenen, haben. Damals 
aber behielten wir uns vor, darauf aufmerksam zu machen, dass vielleicht 
noch andere Bandwürmer die Dreh-Krankheit erzeugen könnten. Einen 
solchen andern Bandwurm komme ich denn nun, hierdurch anzuzeigen. 


192 


Füttert man nämlich Hunde mit der Quese von Schaafen, so findet 

man zuweilen unter den gezogenen Bandwürmern ein Exemplar, 
welches nicht platt und zweikantig sondern dreikantig ist, dessen Kopf, 
statt 24 — 28, vielmehr 30 — 32, vielleicht auch noch einige Haken 
mehr trägt, und dessen Haken bei der mikroskopischen Messung die 
grössten Haken anderer Taenia Coenurus um Etwas ühertreffen. 

Man glaubt auf den ersten Anblick dieses Bandwurms gar keine 
Taenia Coenurus vor sich zu haben, kann sich nur schwer von der 
Abstammung solcher. Bandwürmer von der Schaafquese überzeugen ; 
und doch ist es nicht anders. Man braucht nämlich nur auf die Saug- 
näpfe am Kopfe eines solchen Bandwurms zu achten und das Räthsel 
ist gelöst. 

Es besitzt nämlich dieser Bandwurm nicht 4 Saugnäpfe, wie die 
andern derartigen Bandwürmer, sondern 6. Es entsteht aber dieser 
Bandwurm mit 6 Säugnäpfen in der That aus der Schaafquese, denn 
unter den Köpfen, welche in einer Quesenblase sich finden und die im 
Hundedarme zu reifen Bandwürmern werden, finden sich nach den An- 
gaben älterer Schriftsteller und Thierärzte auch solche, welche statt 4 
vielmehr 6 Saugnäpfe tragen. Dieselben müssen jedoch, wie schon von 
Anderen hervorgehoben wurde, sehr selten sein, dürften aber nicht so 
selten sein, als man bisher zu glauben geneigt war. Eben daraus aber 
geht auch weiter hervor, dass im Ganzen nur selten Bandwürmer mit 
6 Saugnäpfen gefunden werden können, eben weil die Quesenköpfe mit 
6 Saugnäpfen selten sind, (oder, was dasselbe heisst, wenn wir die dem 
Laien auffälligste Form ins Auge fassen) dass 3kantige Bandwürmer im 
Hundedarme, welche von der Schaafquese stammen, selten sind. Trotz 
dieser Seltenheit ihres Vorkommens werden die ÖOeconomen den- 
noch sich vor dieser 3kantigen Form der Taeniae Coenurus ebenso zu 
fürchten haben, wie vor ihrer gewöhnlichen 2Xkantigen Form. Ich selbst 
fand diese erstere Form nur zweimal unter beinahe 1000 untersuchten 
und einzeln bestimmten Taenia Coenurus. (Hoffentlich jist man überzeugt, 
dass ich mit dieser Zahl 1000 nicht übertrieben habe, und zum Belege 
erwähne ich nur, dass ich am 13. und 14. Januar allein 101 von Herrn 
Dr. Günther, k. Landgerichtsarzt in Eibenstock, mir freundlich gesen- 
dete Bandwürmer aus der Schaafquese durch miskroskopische Haken 
messung bestimmte.) 

Es würde genügen, auf diese 3kantige Form mit 6 Saugnäpfen, die 
man schon mit blossem Auge erkennt, wenn man den Bandwurmkopf 
zwischen zwei Glasplatten presst und so gegen das Licht gehalten be- 
trachtet, aufmerksam gemacht zu haben. Aber es knüpft sich an diese 
Betrachtungen noch eine Arbeit für die Zukunft von rein wissenschaft- 
lichem Interesse, eine Arbeit, die mir, dem Alleinstehenden, zu bewäl- 
tigen, schr schwierig ist, ja die ich überhaupt gar nicht werde unter- 
nehmen können, wenn nicht die Herren Oeconomen in meiner Nähe 


193 


die Gewogenheit haben, mir mit der jedesmaligen nächsten Post (im 
Winter in Stroh oder Heu oder noch besser in Häcksel mit Leinwand 
umnäht und verpackt, um den Frost abzuhalten) den Kopf des frisch 
geschlachteten Schaafes zu senden, das sie wegen der Dreh - Krankheit 
schlachten mussten. Was ich zu thun beabsichtige ist Folgendes: 

1. Ich werde jeden einzelnen Kopf einer Quesenblase, in der sich 
bisweilen 800 Köpfe finden, mit dem Mikroskope auf das Vorhandensein 
von 6 Saugnäpfen untersuchen und sodann sofort, wenn ich einen der- 
artigen Kopf finde, ihn allein an einen Hund verfüttern. 

2. Hierdurch würde zugleich der directeste Beweis, der möglich 
ist, dafür geliefert, dass wirklich die Finnenköpfe im Darme gewisser 
Raubthiere zu reifen Bandwürmern werden. Wir verfolgen alsdann die 
“mit besonderen bekannten Kennzeichen versehenen Finnen im Hunde- 
darme weiter. Ich werde dann zweifelsohne Bandwürmer aus jenen Quesen- 
köpfen im Hundedarme erziehen, welche 6 Säugnäpfe haben, und mög- 
lich ist es, dass man dann auch bei der Verfolgung ihrer Entwicklung 
die Gründe dafür erforschen kann, warum solche Bandwürmer drei- 
kantig werden. 

3. habe ich dabei in Absicht, eine Frage über Erblichkeitsverhält- 
nisse zu erörtern. Ich würde nämlich die Eier solcher dreikantigen 
Bandwürmer mit 6 Saugnäpfen an Schaafe verfüttern, um sie drehend 
zu machen und, wenn es geht, die Quesen bis zur Zeit, wo sie Köpfe 
in sich erzeugen, wachsen lassen, um zu sehen, ob solche Quesen 
etwa eine gewisse vorherrschende Neigung zeigen, mehr Köpfe mit 
6 Saugnäpfen, wie sie ihre Aeltern hatten, statt derer mit 4 Saug- 
näpfe zu erzeugen. 

Ich glaubte diese öffentliche Darlegung hier schuldig zu sein, damit 
die Herren Oeconomen die Gründe dafür einsehen, weshalb ich sie bitte, 
die Gewogenheit zu haben, mich in meinen Bestrebungen zu unter- 
stützen, da leider durch einen eigenthümlichen Zufall, einmal durch, 
einmal ohne meine Schuld, die Fütterung von Schaafen mit diesen 
Bandwürmern unterblieben ist. 

Den ersten Bandwurm fand ich unter 10 anderen Taeniis Coenuris 
von denen ich an die Herren Geheim-Rath Gurlt in Berlin und die Pro- 
fessoren Zeuckart und Röll in Giessen und Wien sendete. Im Versehen 
ergriff ich bei der Sendung an Herrn Gurlf den dreikantigen Bandwurm, 
den ich für mich behalten wollte, an dem ich aber nur die zahlreichen 
Haken gesehen hatte, weil ich nur das Rüsselchen der Hakenmessung 
wegen untersuchte. Herr Gurlf schrieb mir, er hätte einen eigenthüm- 
lichen dreikantigen Bandwurm erhalten, der wegen Verschiedenheit der 
Form und der Grösse der Haken keine Taenia Coenurus zu sein scheine. 
Auch er hatte bloss für die Haken sich interessirt und so wenig als ich 
die 6 Ventousen gefunden, den Wurm aber, wie er schrieb, seiner 
Form wegen reservirt. 


194 

Am 13. Januar 1855 erhielt ich, durch des Herrn Dr. Günther in 
Eibenstock Güte, 101 Stück Taeniae Coenurus, und unter ihnen befand 
sich ein ein Zoll langes Stück einer dreikantigen Taenia, zu der ich 
vergeblich den fehlenden Körper suchte, aber den Kopf besass. An ihm 
nun fand ich die 6 Saugnäpfe. Die andere Hälfte der in demselben 
Hunde erzogenen Bandwürmer hatte Herr Dr. Günther auf mein An- 
suchen an Herrn Professor May, an der K. bayerschen landwirthschaft- 
lichen Oentralanstalt zu Weyhenstephan bei Freisingen gesendet, der mich 
um etwa vorräthiges Futtermaterial gebeten hatte. Dorthin musste die 
zweite Hälfte, der eigentliche Körper meines dreikantigen Bandwurmes 
gekommen sein. Da fiel mir denn auch jener im Versehen an Herrn 
Gurlt gelangte, dreikantige Bandwurm ein; ich meldete Herrn &urlt, 
dass ich überzeugt sei, jener Bandwurm müsse 6 Saugnäpfe haben, er- 
suchte ihn, den Wurm darauf zu untersuchen, und siehe da, der Kopf 
hatte 6 Saugnäpfe, und Herr Gurlt erkennt ihn nun mit mir für eine 
Varietät der Taenia Coenurus an. 


Das Schwärmen der Bienen, 
vom polizeilichen Standpunkte betrachtet 
von 


Dr. Ludwig Reichenbach, 


Director am K. naturhistorischen Museum in Dresden. 


Besonders zwei Fälle von schweren Nachtheilen, welche durch Bie- 
nenschwärme herbeigeführt wurden, haben in neuerer Zeit Aufsehen 
erregt. Der eine Fall vom Ende Juni 1820 wird folgendermassen er- 
zählt: Unweit Schmögelsdorf hinter Wittenberg, neben der nach Berlin 
führenden Kunststrasse, wo die Einwohner des Dorfes, sowie die der be- 
nachbarten Dörfer, eine ungewöhnliche Anzahl von Bienenstöcken. theils 
für sich unterhalten, theils während des Sommers von anderen Orten aKorb 
1! bis 2 Ngr. zur Fütterung übernehmen, gerieth der Kaufmann E. 
auf der Rückreise nach Berlin im eignen Wagen mit zwei Pferden un- 
ter schwärmende Bienen. Statt schnell zuzufahren, fuhr der Kutscher 
langsam, ja er hieb auf das Geheiss seines Herrn, der Anfangs die Bie- 
nen für Wespen hielt, um sich her, um die Bienen zu verjagen oder 
zu tödten. Die Thiere wurden dadurch immer mehr aufgeregt und um- 
gaben den Wagen und die Pferde immer hartnäckiger. Der Kaufmann 
nahm mit seiner Frau die Flucht und rief nach Hülfe. Man fand bald 
darauf den Knecht auf der Erde liegend, das eine Pferd todt. Der 
Knecht genas unter den Händen der Aerzte. Das andere Pferd er- 
stickte am zweiten Tage durch die Geschwulst. — Der zweite Fall er- 


195 
eignete sich erst im vorigen Jahre und wird in folgender Weise berich- 
tet: Am 27. Mai hielt der Bauer Meier aus Casseburg im Lauenburgschen 
vor der Wohnung eines Bauers zu Wotersen auf der Landstrasse mit 
einem Viergespann, als plötzlich eine Bienenkönigin oder Weisel in der 
Mitte eines Bienenschwarmes aus dem nahen Garten hervorkam und 
sich auf ein Pferd setzte. Unglücklicher Weise verliessen in demselben 
Augenblicke die Bienen von etwa sechs Stöcken den Garten in dersel- 
ben Richtung des ersten Schwarmes, welchem sie sich anschlossen und 
warfen sich auf die übrigen Pferde, die gleich Anfangs durch Anwend- 
ung des Schweifes den Zorn der Bienen erregten. Das erste Pferd er- 
lag sogleich ihren Stichen, die Uebrigen starben theils an demselben, 
theils am folgenden Tage. Alle Versuche zur Vertreibung der Bienen, 
welche in die Nüstern und Ohren krochen, durch Abschiessen von Pul- 
ver und Uebergiessen mit kaltem Wasser blieben erfolglos. Menschen, 
welche zu Hilfe kamen, unter ihnen der Gutsherr Bernstor/ff-Gyldenseen, 
mussten mit geschwollnen Gesichtern das Feld räumen. Der Bauer, 
dessen Bienen schon früher zwei Pferde an derselben Stelle getödtet 
hatten, soll die vom Grafen angebotene reichliche Entschädigung für 
die Beseitigung des Bienengartens, oder Abtretung des Gehöftes hart- 
näckig von der Hand weisen. 


Solche Fälle haben hier und da Besorgniss erregt und folgende 
Anfrage veranlasst, deren Gegenstand wir Sachkundigen zu weiterer 
Erwägung freundlich empfehlen. 


„In wie weit ist das Halten von Bienen in städtischen Gärten mit 
Rücksicht auf die damit etwa verbundene Gefahr für die Umwoh- 
nenden zu gestatten?“ 


Der Umstand, dass gesetzliche Vorschriften schwerlich aufzufinden 
sein dürften, scheint wohl dafür zu sprechen, dass bereits mehrfache 
Ueberlegungen des Gegenstandes zu der Ansicht geführt haben mögen, 
gesetzliche Bestimmungen über diesen Punkt nicht eigentlich geben zu 
lassen. Betrachten wir indessen die Sache in folgender Weise: 


1) Die Bienenzucht ist ein Theil der Viehzucht und häuslichen 
Industrie und verdient, sowie die Zucht aller nützlichen Thiere, so 
z. B. auch die Zucht der Seidenraupen in geeigneter Lage, durch die 
Gemeinden und deren Obrigkeiten in aller Weise gefördert zu werden. 

2) Die mannichfaltigen Nachtheile, welche aus der Viehzucht ent- 
springen. z. B. durch das Ausschlagen der Pferde und Maulthiere, das 
Treten und Stossen der Rinder, das Eindringen wilder Bullen auf Men- 
schen und dergl. sind so zufällig, wie das Stechen der Bienen und so- 
wie in jenen Fällen meist Unvorsichtigkeit von Seiten der Menschen 
die Veranlassung des Unfalls wird, so ist diese auch bei dem gewöhn- 
lichen Stechen durch einzelne Bienen gar nicht zu läugnen, da Bienen 
und Hummeln oder Wespen niemals ungereizt stechen, folglich der- 


196 


jenige, welcher nicht gestochen sein will, nur die Pflicht hat, das Auf 
reizen dieser Thiere sorgfältig zu meiden. 

3) Ein anderer Umstand tritt ein, wo gewisse öfter wiederkehrende 
Phänomene im Leben der Thiere in ernster Weise dem Wohl und dem 
Leben des Menschen, ohne dessen Verschuldung nachtheilig zu werden 
vermögen, dann aber eine Möglichkeit vorliegt, den eventuellen Nach- 
theil gesetzlich hemmen zu können. Dahin gehören gewisse, selbst für 
den Menschen nachtheilig werdende Krankheiten der Thiere, insbeson- 
dere die Tollwuth der Hunde. 

4) In gewisser, entfernter Analogie zu diesem Falle steht auch 
das Schwärmen der Bienen. Die vollendete Entwickelung einer zweiten 
oder mehrerer Königinnen in einem Stocke veranlasst die Volksmasse 
in einem Staate der Bienen, sich in Partheiungen zu lösen und instinct- 
mässig schaaren sich diese Partheien einzeln um ihre einzelnen Weisel 
herum und folgen diesen von ihrem Stocke ausziehend, bei deren Aus- 
flug ins Freie. Der Zweck, eine neue Colonie zu bilden, wird meist 
in der Nähe erstrebt, an dem ersten besten Baumstamme oder an den 
Zweigspitzen eines Astes, auch auf einem Busche, seltner an Mauern 
und Planken und Stangen, fallen sie an und hängen sich daselbst klum- 
penförmig zusammen, ganz ergriffen von ihrem innern Berufe, ohne 
Aufregung nach aussen und ohne Neigung zu stechen. Und während 
so dieser Prozess in aller Ruhe geübt wird, so beendet der Besitzer 
ihn damit, dass er den Klumpen als wohlerworbenes Eigenthum mit 
einem Flederwisch einstreicht in einen neuen Korb oder in sonst einen 
Behälter. Nur zufällig und in höchst seltenen Fällen ist die Fläche, 
die sie im Fluge für ihre Niederlassung erfassen ein lebender Körper, 
noch am öftersten wie man berichtet ein Pferd, weil eben hier die grosse 
Fläche ihnen in geeigneter Höhe scheinbar einen sicheren Platz zum 
Niederlass bietet. Auch diese Niederlassung geschieht gewiss anfangs 
mit derselben Ruhe, wie an der Planke oder am Baume. Aber der 
Reiz der fremdartigen Berührung bringt den thätigen Gegenreiz im 
Pferde hervor, dieses fängt an mit den Hautmuskeln zu zucken oder 
mit dem Schweife zu schlagen, wohl gar, wenn die Niederlassung am 
Kopfe geschehen, diese Theile heftig zu wenden und kräftig zu schüt- 
teln und die Tödtung der Bienen durch Erdrückung erstrebend, wer- 
den diese in die äusserste Aufregung gebracht und bemühen sich gegen 
den sich bewegenden Boden, auf dem sie sitzen, Rache zu üben. In 
dieser Weise geschieht es dann, dass sogar Pferde und Menschen gänz 
lich erliegen, wie oben gesagt worden ist. 

5) Jeder aufmerksame Bienenwirth beobachtet aber schon um sei 
nes eigen Vortheils willen das Schwärmen seiner Bienen mit Sorgfalt 
und alle jene vorgekommenen Fälle von weiter verflogenen Schwärmen 
kommen gewöhnlich nur in sehr exponirten, offenen, oder nur mit nie- 


197 

deren Zäunen oder Brustwehrspalieren umgebenen, an Poststrassen ge- 
legenen reichbesetzten Bienenhaltungen vor, wo die Bienen von dem 
Stocke gerade ausfliegend auch wohl die niedere Umzäunung überflogen 
und wahrscheinlich eines nahen geeigneten Ruhepunktes, um sich nie- 
derlassen zu können, entbehrten, folglich zur Wahl der sich zunächst 
bietenden Fläche des Pferdes gewissermassen gezwungen, eine Ausnahme 
machten von ihrer sonst für lebendige Wesen ganz unschädlichen Sitte 
einen Baumstamm, Zweig, Busch oder Stange oder eine Planke zu 
ihrer Niederlassung zu wählen. 

6) Da man gewöhnlich bei uns überall die Bienen in Gärten, in 
der Nähe von Häusern und Mauern, von Planken, Stacketen und Bäu- 
men zu halten pflegt, ja sogar Fälle vorkommen, dass man sie auf 
Balkons und Corridors, oder auf Gängen in Häusern, ja bisweilen in 
Stuben und Kammern, s. Zenz IV. 344. selbst in höheren Etagen, also 
mitten in der Berührung mit den Menschen und selbst im Innern der 
Wohnungen derselben zu halten gewohnt ist, so erklärt sich daraus, 
dass in allen dergleichen Fällen das Vorhandensein von sehr nahegeleg- 
nen zur Niederlassung geeigneten Flächen, das so nachtheilige Verfol- 
gen lebendiger Wesen gar nicht aufkommen liess, so dass auch, soviel 
mir bekannt ist, die Tödung eines Pferdes oder Menschen durch Bie- 
nen, ja selbst das Befallen eines solchen durch einen Schwarm inner- 
halb Sachsen vielleicht niemals berichtet worden ist. 

7) Das Bedenken Einzelner, dass die Bienen an einem Orte, beson- 
ders in einem Garten an Nahrung Mangel leiden und deshalb in die 
benachbarten Gärten fliegen müssten, ist in den meisten Fällen sehr 
unbegründet, da alle Bienen ihre Nahrung einem grossen kreisrunden 
Reviere, dessen Durchmesser wenigstens eine Stunde beträgt, entneh- 
men und durch ihren Instinet immer wieder sich heim finden. 

8) Das Bedenken Anderer, dass sie von den Bienen des Nachbars 
„das Bekriechen jedes nur denkbaren Gegenstandes“ befürchten, ist 
gänzlich unbegründet und diese Sitte dem Naturell der Bienen vollkom- 
men entgegen. Es findet aber hierin offenbar eine Verwechselung 
statt mit den Wespen, welche dies thun, dem Gesetze aber unzugäng- 
licher sind, da sie nicht unter die Categorie der Hausthiere gehören. 

9) Das Entfernen frei herumfliegender Bienen aus irgend einem 
Garten wird dann zur Unmöglichkeit, wenn im Umkreise von einer 
Stunde dergleichen irgendwo colonisirt sind. Aber selbst in dem 
Falle, dass solche Colonisirung nicht statt fände, werden immer noch zahl- 
reiche Arten von wilden Bienen und Hummeln die Gärten besuchen, so 
wie auch diese den Honig sogar aus den Blumen vor den Fenstern und 
in den Zimmern sich holen. 

10) Könnte aber das Entfernen der Bienen aus den Gärten im Be- 
reiche der Möglichkeit liegen, so würde man dies über die weit nach- 


198 
theiligeren Wespen und Hornissen niemals vermögen, da auch diese ein 
ziemlich weites Revier haben. 

11) Eine Verordnung gegen das Bienenhalten, im Allgemeinen also 
ein Verbot für dasselbe würde erstens ein sehr inconsequentes Eingrei- 
fen in die Natur sein, weil der Nutzen der Bienen für die Befruchtung 
der meisten unserer Vegetabilien auch der Obstbäume ganz unberechen- 
bar ist, auch eine Verordnung gegen das Eindringen der noch schmerz- 
hafter stechenden Hummeln, Wespen und Hornissen in unsere Gärten 
und Zimmer unmöglich bleibt. Im Herbste 1828 geschah es sogar, dass 
kleine Kinder mit auf das Feld genommen und an Wald- und Wiesen- 
rändern sich selbst überlassen zur Ruhe gebracht, durch die kleinen 
Kriechmücken dergestalt zugerichtet wurden, dass sie an der allgemei- 
nen Entzündung verstarben. Diese den Folgen der Kolumbatschker Mücke 
im Banat so ähnlichen Fälle standen aber ebenfalls ausserhalb allen 
Gesetzes und nur die Erfahrung lehrte hier die nothwendig gewordene 
Vorsicht beachten. Ein Verbot gegen die Bienenzucht würde aber auch 
zweitens ein Eingriff sein in den Erwerb, dessen Quellen in der Gegen- 
wart nach allen Richtungen hin möglichst beachtet und, wo es thun- 
lich ist, noch vermehrt werden müssen. 

12) Ein „Verbot einer Aufstellung der Bienenstöcke in der Um- 
gebung von Blumengärten, welche zum Aufenthalt für Kinder und Er- 
wachsene bestimmt sind im Allgemeinen“ käme ziemlich gleich mit 
dem Verbote der Bienenzucht überhaupt. Die Bienenstöcke befinden 
sich meist überall in den Gärten oder in der Nähe der Gärten und 
Häuser und alle Blumengärten, sowie alle Gärten überhaupt, sind Auf- 
enthaltsorte für Erwachsene und Kinder, oder können solche Bestimm- 
ung, wo sie nicht statt fand, täglich erhalten und die Bienen und alle 
noch weit lästigeren Inseceten würden auch wie oben gezeigt, deshalb 
aus den Gärten noch nicht verschwinden. Dass man auch anderwärts nicht 
glaubt, dass in diesem Falle man gesetzlich einschreiten könne, scheint 
der Bericht aus Lauenburg klar zu beweisen, wo Schwärme aus dem 
reichbesetzten Bienengarten eines Bauers in Wotersen schon früher zwei 
Pferde und später das Viergespann des Bauers Meier getödtet, mehrere 
Menschen und den eignen Gutsherrn Grafen Bernsdorff-Gyldenseen furcht- 
bar zugerichtet hatten, dennoch aber gesagt wird: dass der Bauer die 
vom Grafen angebotene reichliche Entschädigung für die Beseitigung 
des Bienengartens von der Nähe der Landstrasse oder die Abtretung 
des Gehöftes hartnäckig verweigert. 

13) Da jedoch durch das Schwärmen allein eine Gefahr und in 
Fällen, wo diese auf Pferde auffallen, durch den leidenden Theil unver- 
schuldet herbeigeführt wird, so scheint dieser Vorgang in der Bienen- 
zucht der einzige zu sein, welcher für obrigkeitliche Beachtung sich 
eignet. Doch kann auch diese Beachtung vielleicht nur mehr in der 
Verwarnung, als in der einer Verordnung oder eines Gesetzes erschei- 


199 
nen, und nur in dieser Weise glaube ich, dass es möglich wird, Klä- 
gern Beruhigung gewähren zu können. 

Solche Verwarnung würde im Monat Mai durch die Obrigkeiten oder 
Gemeindevorstände vielleicht in folgender Weise gefasst werden können: 

„Bei dem nun wahrscheinlich baldigen Eintritt warmer und son- 
nenheller Witterung dürfte gegen Ende Mai und während der nächst- 
folgenden Monate das Schwärmen der Bienen erfolgen. Da jeder Bienen- 
züchter, welcher sich den Vortheil künstlicher Ableger nicht schon ver- 
schafft hat, durch Beobachtung seiner Stöcke die Anzahl der von ihnen 
zu erwartenden Schwärme nach der Zahl der Mutterzellen in den 
Stöcken ungefähr zu berechnen vermag, so ist die strengste Aufmerk- 
samkeit auf diese Schwärme, wo nöthig die Aufstellung von Wächtern 
und die genaueste Instruction derselben für das Einfangen der Schwärme 
auch da wo für den Anflug derselben passende Bäume und Sträucher 
nicht vorhanden sein sollten, die Aufstellung von Körben, nach Betin- 
den auf Stangen, mit dem nöthigen Köder von Melisse oder dergleichen 
geboten. 

Obgleich nachtheilige Folgen von Bienenschwärmen Demjenigen, 
welchen sie treffen, theilweise selbst zugeschrieben werden müssen, 
da man bei nöthiger Ruhe einen Bienenschwarm sogar auf der Hand 
halten kann, ohne gestochen zu werden, auch wo es möglich wird durch 
Eintreten in einen dunklen Raum mit lichter Oeffnung oder Einbringen 
des von einem Bienenschwarme befallenen Pferdes in einen dunklen 
Stall, den Schwarm sogleich zum Abfliegen durch die lichte Oeffnung 
nach dem Tageslichte veranlassen kann, so werden dennoch hierdurch 
alle Bienenzüchter für aus Mangel an Aufmerksamkeit auf ihre Stöcke 
etwa entstehende Folgen, als Veranlasser derselben verantwortlich ge- 


macht.“ — 


Kleinere Mittiheilungen. 


Das Trevelyan - Instrument (T'hermophon) wurde zuerst von Trevelyan 
(1829) construirt, und daher nach ihm benannt. Dieser bemerkte, dass 
ein heisser Eisenstab, welchen er zufällig auf einen Bleiblok legte, in 
zitternde Bewegung gerieth und einen Ton hervorbrachte. Die Con- 
struction des Instruments bezweckte die Erleichterung der Bewegung 
des heissen Wiegers (Wacklers) auf der kalten festen Unterlage. Der 
Wieger des Instruments ist ein prismatischer Metallstab (ungefähr 6 Zoll 
lang), dessen Querschnitt ein gleichseitiges Dreieck bildet (ungefähr 
!2 Zoll hoch). In der Verlängerung der Axe des Prismas wird ein 
dünner Stab (ungefähr 12 Zoll lang) angebracht. Die Unterlage bildet 
ein längs der Axe gehälfteter Blei- oder Zinkeylinder, welcher auf der 
Durchschnittsebene ruht und dessen Wölbung nach oben gerichtet ist, 


200 

Der Wieger wird mit einer Kante quer über die Unterlage gelegt, wobei 
das Ende des Stieles (etwa eine Kugel) auf dem Tische ruht. "Diese 
aufliegende Kante muss aber abgestumpft (ungefähr 1/ Zoll breit) sein 
und in der Mitte längs der Axe des Prismas eine Rinne erhalten. Der 
Wieger muss nun in ruhiger Lage auf einer der beiden Seiten neben 
der Rinne ruhen können. Bringt man den nicht erwärmten Wieger 
in schwankende Bewegung, so können die einzelnen Stösse auf beide 
Seiten mit dem Auge wahrgenommen werden und es tritt sehr bald die 
yuhige Lage wieder ein. Wird der Wieger erwärmt, so erfolgen die 
Stösse rascher aufeinander, die Schwankung wird dauernd und es ent- 
steht ein Ton. Nach Faraday (1831) ist der Vorgang hierbei folgender: 
der auf einer Seite ruhende erwärmte Wieger theilt seine Wärme der 
Unterlage mit, dehnt dieselbe an der Berührungsstelle aus, wird gehoben 
und fällt auf die andere Seite der Rinne. Die erste Berührungsstelle 
wird dadurch frei, erkaltet und nimmt ihren frühern Raum. wieder ein. 
Nun geschieht die Erwärmung und Hebung auf der zweiten Seite und 
der Wieger fällt wieder auf die erste Seite der Rinne u. s.f. Der hier- 
durch erzeugte Ton ist an sich sehr schwach; er wird aber durch die 
Resonanz des Bodens (des Tisches) verstärkt und deutlich wahrnehmbar. 
Nimmt man die Unterlage in die Hand, so dass das Mitklingen des 
"Tisches nicht stattfindet, so wird der Ton so schwach, dass er nicht 
mehr wahrnehmbar ist. Die Schwingungen selbst können durch einen 
Grashalm zur Anschauung gebracht werden, welchen man quer über 
das Prisma legt; dieser dreht sich allmählig bis ziemlich (aber nie ganz) 
in der Richtung der Axe des Prisma. — Die Bemerkung, dass eine 
heisse Silberstange auf einen kalten Ambos gelegt einen "Ton erzeuge, 
ist schon von Schwarz (1805) auf der Seigerhütte zu Hettstätt gemacht 
worden. — Forbes weicht in der Erklärung dieser Erscheinung wesent- 
lich von Faraday ab. Er schreibt die Bewegung einer abstossenden 
Kraft zu, welche beim Uebergange der Wärme von einem Körper zu 
einem anderen von geringerer Leitungsfähigkeit statthabe. Hierbei 
stellt er nun folgende allgemeine Gesetze auf: 1) die Schwingungen finden 
niemals zwischen Substanzen von gleicher Natur statt; 2) beide Substanzen 
müssen metallisch sein; 3) die Vibrationen geschehen mit einer dem 
Unterschiede des Wärmeleitungsvermögens der Metalle proportionalen 
Intensität, und das Metall vom schwächeren Leitungsvermögen muss noth- 
wendig das kältere sein. — Nach Seebeck, welcher den Wieger auch auf 
zugespitzte Drähte stellte, sind diese Schwingungen um so stärker, je 
grösseres Leitungsvermögen der heisse Wieger hat (wodurch ein schnel- 
leres Abgeben der im Berührungspunkte entstehenden Kälte an die 
übrigen Theile desselben bewirkt wird), je weniger sich dieser und je 
mehr sich das kalte Metall der Unterlage bei der Erwärmung ausdehnt. 
Uebrigens darf in der kalten Unterlage das Leitungsvermögen nicht 
vollkommen sein, weil sonst nicht allein der Ort, welcher den Wieger 


201 

heben, sondern auch der gegenüberstehende, auf welchen derselbe fallen 
soll, sich ausdehnen, dadurch dem fallenden Wieger entgegenkommen und- 
das Fallen verringern oder vielleicht verhindern würde. Es fusst diese An- 
sicht auf der Zaradayschen Erklärung, — Die obigen drei von Forbes aufge- 
stellten allgemeinen Gesetze widerlegt John Tyndall, Professor der Physik an 
der Royal Institution in London (Poggendorfs Annalen, XCIV. B., 613. 
bis 628. 8.) und giebt ausführlich die Experimente an, durch welche 
der Beweis für die Unhaltbarkeit jener Gesetze geliefert werde. Ad 1) 
Nach seiner Angabe gelingt der Versuch, wenn der Wieger von Eisen 
und die Unterlage eine Messerklinge (in einen Schraubstock eingeklemmt) 
oder Messingblech ist, oder der Wieger von Kupfer und die Unterlage 
dünnes Kupferblech oder Kupferfolie oder Kupferdrähte (bei den letzten 
Schwankungen ohne Ton), ferner Messing- Wieger und Messing -Unter- 
lage, Silber-Wieger und Silber-Unterlage, Zink-Wieger und Zink-Unter- 
lage und ebenfalls Zinn-Wieger und Zinn-Unterlage. Ad 2) Der Mes- 
sing-Wieger vibrirt und erzeugt Töne auf Bergkrystall, Flussspath, 
Festungs-Achat, Steinsalz (auf diesem gelingt der Versuch sehr leicht), 
Aventurin, Onyx, versteinertem Holz, Glas, Steingut, Flintglas u. s. w. 
Ad 3) Zur Widerlegung des als dritten von Forbes aufgestellten Ge- 
setzes wurden ein kupferner, ein messingener und ein eiserner Wieger 
auf den Rand einer dünnen Silberplatte gelegt, ferner ein messingener 
Wieger auf den Rand eimes Halb-Sovereign-Stückes und der Versuch 
gelang. Bekanntlich aber leitet Silber die Wärme besser als Kupfer, 
Messing und Eisen, und Gold besser als Messing. Die besondere Be- 
handlung des Wiegers oder der Unterlage, welche im einzelnen Falle erfor- 
derlich ist, damit das Experiment gut gelingt, ist am angeführten Orte 
angegeben. Der Wieger kann auch eine von der oben angeführten 
abweichende Form erhalten; er kann für grössere Leichtigkeit in der 
Bewegung auf den Rücken ausgehöhlt sein. Bei der Bewegung auf 
zugespitzten Drahtstiften wird die breite Seite des Wiegers auf dieselben 
gelegt. In der Regel hat der Wieger eine schiefe Stellung, bei feinen 
Versuchen ist die horizontale Lage desselben zweckmässig, welche da- 
durch hergestellt wird, dass man den Stiel durch eine geeignete Stütze 
erhöhet. 


Käfer aus der Familie der Curculiones im Mossambique gesammelt und 
von H. Dr. @erstäcker bearbeitet, enthielten nach der in der Sitzung der 
physikalisch-mathematischen Klasse der Ak. d. Wissenschaften zu Ber- 
lin (Monatsbericht, Februar 1855) gemachten Mittheilung des H. Deters 
unter 23 Arten 15 neue Arten, von welchen zwei zugleich neue Gat- 
tungen bilden. Die neuen Arten sind: 1) Apoderus nigripes, 2) Ceo- 
cephalus latirostris, 3) Brachycerus annulatus, A) Brachyecerus congestus, 
5) Brachycerus erosus, 6) Microcerus spiniger, 1) Mierocerus subcaudatus, 


Allg. deutsche naturhist. Zeitung. 1, 15 


202 


8) Mierocerus albiventer, 9) Spartecerus quadratus, 10) Spartecerus capu- 
cinus, 11) Siderodactylus flavescens. Mitophorus, nov. gen. (Tribus Bra- 
chyderides); generi EZusomo afıne; 12) Mitophorus pruinosus, 13) Aleides 
olivaceus. Tetragonops, nov. gen. (Tribus Cryptorhynchides); genus Zy- 
gopi et Sphadasmo affıne; 14) Tetragonops faseicularis, 15) Rhina ampli- 
collis. — Die von H. Peters gegebenen Diagnosen findet man in dem 
bereits genannten Bericht. Diejenigen der neuen Gattungen sind fol- 
gende: Mitophorus. Rostrum capitis fere longitudine. Scrobiceulus anten- 
nalis oculum versus admodum dilatatus. Antennae tenuissimae, valde 
elongatae, scapo thoracis basin fere attingente, -apice elavato: funiculi 
articulis ad sextum usque sensim brevioribus, septimo sexto paulo lon- 
giore, clava angusta, gracili, triarticulata. Frons sulco transverso a rostro 
distincta. Thorax subeylindricus, latitudine vix longior. Elytra in & 
oblongo-ovata, in @ ovata. Femora antica sat fortiter clavata: tibiae 
curvatae. Mas a femina differt femoribus posticis elongatis. — Tetra- 
gonops. Rostrum thoracis fere longitudine, deplanatum. Oeculi frontales, 
subquadrati, plani, prope basin rostri fere contigui. Antennae inter me- 
dium et basin rostri insertae scapo breviusculo, caput non attingente, 
funiceulo elongato, 7—articulato: articulis 5 primis oblongis (primo ceteris 
multo latiore), 6. et 7. brevibus, clava ovata, subacuminata. Thorax 
transversus, antrorsum attenuatus. Scutellum distinetum. Elytra sub- 
trigona. Pectus ad rostrum reeipiendum distincete canaliculatum. Tibiae 


basi subdentatae. — 


Die Priorität der Erfindung der Gasbeleuchtung beanspruchen be- 
kanntlich sowohl die Engländer, als auch die Franzosen. Die Revue 
des deux Mondes (1. M. 1855) enthält eine kurze Mittheilung, welche 
den Nachweis zu liefern beabsichtigt, dass diese Priorität den Franzosen 
zustehe. Der Erfinder der Gasbeleuchtung ist nach ihr der Franzose 
Philippe Le Bon, welcher seit 1785 den Gedanken fasste, das sich bei 
der Holzverbrennung bildende Gas zur Beleuchtung zu benutzen. Eine 
ziemlich lange Zeit beschäftigte er sich mit diesem neuen Gegenstand, 
bis er 1799 dem Institut seine Entdeckungen mittheilte. Bald darauf, 
1800, erhielt er für seine Erfindung das Privilegium, und im folgenden 
Jahre, 1801, veröffentlichte er eine Schrift, um das grössere Publicum 
mit den Resultaten seiner Forschungen bekannt zu machen. Das Buch 
ist betitelt: „Thermolampes, ou poeles qui chauffent, eclairent avec Eco- 
nomie, et offrent, avec plusieurs produits precieux , une force motrice ap- 
plicable a toute espece de machines.‘ — Le bon hatte bereits ‚aus Holz 
das Oel, den Theer, die Holzsäure und das Gas gewonnen, aber in seiner 
Schrift zeigte er an, dass es möglich sei, dieselben aus allen fetten Sub- 
stanzen zu bereiten. Von 1799 bis 1802 machte Ze Bon zahlreiche Ver- 
suche, Zu Havre brachte er zuerst seine Thermolampen in Anwendung; 


203 


aber das Gas, welches er erhielt, gebildet aus Kohlenwasserstoff und 
Kohlenoxyd, war nicht gereinigt, leuchtete nur dunkel und verbreitete 
einen sehr unangenehmen Geruch. Es wurde daher seine Erfindung 
nur wenig beachtet; und der Erfinder wendete sich nach Versailles, um 
nahe bei der Wasserleitung von Marly eine Essigsäure-Fabrik einzu- 
richten. Er endete in dürftigen Verhältnissen, da er auf die fortgesetzten 
Gas-Versuche sein Vermögen verwendet hatte. Die Engländer machten 
nach Angabe der Revue, bald darauf gelungene Anwendungen von den 
Ideen, welche Philipp Le Bon zuerst ausgesprochen. Im Jahe 1804 liess 
in England Windsor (ein Deutscher, Namens Winzer) sich das Patent 
dieser Erfindung ertheilen, und beanspruchte überhaupt das Verdienst 
die Gasbeleuchtung erfunden zu haben. Im Vereine mit Murdoch brachte 
er 1805 die Gasbeleuchtung in mehrere Ateliers zu Birmingham, unter 
andern in die Maschinenfabrik von James Watt. Die erste Gasanstalt 
zur Beleuchtung der Stadt wurde in London 1810 errichtet. Erst im 
Jahre 1818 veranstaltete in Frankreich der prefet de la Seine, 7. de 
Chabrol im Hospital Saint Louis die erste Einrichtung zur öffentlichen 
Gasbeleuchtung. — 

Nach den Angaben, welche aus England stammen, fällt die Erfind- 
ung der Gasbeleuchtung in das Jahr 1792, in welchem William Mur- 
doch sein Haus und seine Werkstätte zu Redruth in Cornwall mit dem 
aus Steinkohlen erhaltenen Gase beleuchtet habe. Schon 1822 hatte 
London ausser mehreren kleinen Gaswerken 4 grosse Gas-Compagnien, 
welche 47 Gasometer mit 917940 Kubikfuss Inhalt besassen, und jähr- 
lich 397 Millionen Kubikfuss Gas für ungfähr 68400 Brenner lieferten. 
Die gesammte damals in London gelieferte Gasmenge belief sich auf 
beiläufig 450 Millionen Cubikfuss in einem Jahre. Im Jahre 1837 waren 
in London 18 öffentliche Gaswerke mit 176 Gasometern, in denen 
1460 Millionen Kubikfuss Gas bereitet wurden. Der Verbrauch belief sich 
in den längsten Abenden auf 7120000 Kubikfuss und es leuchteten im 
Ganzen 169700 Brenner, theils in den öffentlichen Strassen, theils im 
Privatgebrauche. Im Jahre 1847 wurden in England 94 Städte, in 
Wales 2, in Schottland 7, in Irland 3 Städte mit Gas beleuchtet, wofür 
das Anlagecapital der verschiedenen Anstalten mehr als 6 Millionen 
Pf. Sterling betrug. 

Man findet häufig, dass Erfindungen von verschiedenen Personen 
zu fast gleicher Zeit gemacht werden und dies hat wohl einfach seinen 
Grund darin, dass die Wissenschaft im Allgemeinen oder in einem be- 
sonderen Zweige eben auf denjenigen Standpunkt gelangt war, auf 
welchem irgend eine Erfindung nicht nur ermöglicht,! sondern wohl 
schon gänzlich vorbereitet ist. Die Erfinder haben die Gedanken 
der Vorgänger in ihrer Wissenschaft vollständig in sich aufgenommen, 
und gelangen bei der inneren Verarbeitung derselben einen Schritt wei- 
ter vorwärts in der Gesammtrichtung ihrer Wissenschaft, wobei es leicht 


15* 


204 


erklärlich, dass zu ganz naheliegenden Zeiten in mehreren mit der Ver- 
gangenheit und Gegenwart der Wissenschaft vertrauten Personen ähn- 
lich fortschreitende Schlüsse oder ähnlich sich bildende Gedankenreihen 
entstehen. Die Ergebnisse der Wissenschaft bilden eine Kette, -in wel- 
cher ganz natürlich ein Gliedan das andere sich anreiht; warum sollten 
nicht zwei Personen zu gleicher Zeit sich veranlasst finden, das Glied 
welches eben der natürlichen Folge nach anzufügen ist, aufzuweisen 
und an seine Stelle zu bringen? — 


Aus den Erläuterungen, welche H. Ehrenberg in der Königl. Preuss. 
Akademie der Wissenschaften zu Berlin über den Grünsand in Zeuglodon- 
Kalke Alabama's in Nordamerika als besonders wohlerhaltene Polythalamien- 
Formen und über seine Wichtigkeit für deren weitere Strukturverhältnisse, 
(Monatsheft, Februar 1855) gegeben, entnehmen wir folgende Mittheilung: 
„Obgleich ich schon im Jahre 1838 sehr ausführliche Uebersichten der 
Strukturverhältnisse der Polythalamien-Thiere der Akademie mitgetheilt 
und durch Abbildungen, welche in den Abhandlungen publicirt sind, 
erläutert habe, so haben doch diese, sogar an todten, getrockneten Thieren 
leicht zu wiederholenden und fortzusetzenden Struktur-Erläuterungen, auf 
die allein eine Systematik sich gründen lässt, die gewünschte Frucht 
nicht getragen. Ja es ist sogar ein neues grosses Werk in Aussicht 
gestellt und in Probe vorgelegt, worin als erster Grundsatz auch vor 
dieser Akademie ausgesprochen worden ist, dass man die Struktur zu 
kennen weit entfernt sei, und dass auf ganz anderer Basis eine neue 
Systematik erst einzuleiten sei. Diese Basis ist der Probe zufolge, Ein- 
fachheit der Struktur, denn es ist weniger als zuvor angedeutet. So 
ist es denn erfreulich, dass die Natur immer selbst wieder zu Hülfe kommt, 
wenn Widerspruch in grossem Massstab gegenübertritt. — Es erscheint 
freilich wenig glaublich, dass es der Naturforschung gelingen könne, 
in unsichtbar kleinen Organismen die noch weit unsichtbareren organi- 
schen Canäle jemals zu fester Geltung zu bringen. Allein es hat sich 
doch gefunden, dass die Organismen selbst im Stande sind dergleichen 
anschaulich zu machen. Durch eine solche einfache Benutzung der 
inneren organischen Lebensthätigkeit gelang es 1830 und 1834 die Er- 
nährungscanäle der Infusorien und Medusen zu injieiren. Es war die 
Indigo - Fütterung, welche diese Anschauungen und Erläuterungen gab. 
Das Leben selbst injieirt freiwillig das Ernährungssystem der für seine 
strukturlose Ursubstanz gehaltenen grösseren und auch der unsichtbar 
kleinen Organismen unwiderleglich. Auf ähnliche, ja wie es scheint, 
noch mannichfachere Weise kommt nun die Grünsandbildung der Phy- 
siologie des kleinen Lebens zu Hülfe. Die Bildung des Grünsandes 
besteht nämlich in einer allmähligen Erfüllung der inneren Räume der 
kleinen Körper mit grünfarbiger Opalmasse, die sich darin als Stemkern 


V 


205 


sammelt. Es ist eine besondere Art natürlicher Injection und sie er- 
scheint, den neuesten Resultaten der Prüfung nach, so vollständig und 
so fein sich zugestalten, dass sich nicht bloss die grösseren und gröberen 
Zellen, sondern oft auch die allerfeinsten Canäle der Zellwände und 
all ihre Verbindungsröhren versteinert und isolirbar darstellen. Nimmer- 
mehr würde es gelingen, auf künstlichem Wege so feine Injectionen 
je zu machen, als sie die Natur durch diese Steinkernbildung selbst 
darstellt. Ich halte diesen neuen, den physiologischen, Gesichtspunkt 
der Grünsandbildung für einen sehr erfolgreichen und entwickeln- 
den.“ Dieser Zeuglodon-Kalkstein wird als geblich und unter der Loupe 
sehr fein und dicht grünlich punktirt bezeichnet. Diese feinen Pünkt- 
chen sind die als Chlorit- Körner erscheinenden Polythalamien. Durch 
Auflösen der Masse mit schwacher Salzsäure erhielt H. Zhrenberg eine 
doppelte Art von Rückstand. Am Grunde sammelten sich die Chlorit- 
Körner mit etwas quarzigem Sande und darüber schwebte eine lockere, 
feinflockige, einem thonigen Mulm ähnliche, gelbliche Masse. 


Ein 52,275 Grammes (254,33 Karat) wiegender Diamantkrystall wurde 
im Juli 1853 im Districte Bogagem in Brasilien von einer in den Gru- 
ben arbeitenden Negerin gefunden. Dieser Diamant, welcher der grösste 
von allen bis jetzt aus Brasilien nach Europa gekommenen ist, hat den 
Namen Etoile du Sud erhalten und obgleich sein Gewicht durch das Schleifen 
ungefähr auf die Hälfte reducirt werden wird, so dürfte er dennoch zu 
den kostbarsten bis jetzt aufgefundenen Diamanten zu zählen und unter 
ihnen besonders anzuführen sein. Herr Dufrenoy hat ihn der Akademie 
vorgelegt (©. R. XL. 3.) und dabei auf einige Eigenthümlichkeiten des- 
selben aufmerksam gemacht, welche auf Gänge oder Gruppen von 
Diamantkrystallen schliessen lassen dürften. Es findet sich auf einer 
Fläche desselben eine ziemlich tiefe Höhlung vor, welche als durch einen 
früher darin ruhenden octaedrischen Diamantkrystall entstanden aufge- 
fasst werden kann. Ebenso werden auf zwei anderen Flächen desselben 
ebenfalls Höhlungen, aber von geringerer Tiefe, erkannt, die durch 
ihre Streifen auch als durch aufsitzende Diamantkrystalle gebildet er- 
scheinen. Eine platte Stelle einer Seite lässt vermuthen, dass hier der 
Diamant mit der Masse des, Ganges in Verbindung gewesen und viel- 
leicht bei den Diluvial-Phänomenen losgetrennt wurde. Einige schwarze 
Lamellen an demselben scheinen zu dem in den Alpen und in Brasi- 
lien häufig mit Quarzkrystallen vorkommenden Titaneisen zu gehören. 
Es führt‘dies zu der Vermuthung, dass der Diamant als Auskleidung 
von Geoden in gewissen uns bis jetzt noch unbekannten (nach Mittheil- 
ungen von Herrn Zomonosoff zum metamorphischen Terrain von Brasi- 
lien gehörigen) Gesteinen lagere, und dass die Bildung der Diamant- 
krystalle vielleicht mit der Bildung der Quarzgeoden im Carrarischen 


206 
Marmor Aehnlichkeit habe. — Dieser Etoile du Sud kann seinem Preise 
nach nicht bestimmt werden, denn Diamanten von so bedeutender Grösse 
kommen nicht in den Handel und es existirt für dieselben kein zwi- 
schen der Zunahme der Grösse und der Zunahme des Werthes festge- 
stelltes Verhältniss. — Das specifische Gewicht dieses Diamanten hat H. 
Halphen bei 150 C. 3,52» gefunden, 


Die Dichtigkeit und Temperatur des Meerwassers haben die Drn. Schlag- 
intweit auf ihrer Reise von England nach Bombay untersucht und die 
Resultate durch H. v. Humboldt der K. Pr. Akademie der Wissenschaf- 
ten zu Berlin mitgetheilt. Nach dem Bericht vom Februar 1855 haben 
‚sich folgende Temperaturhöhen und Dichtigkeitsverhältnisse herausge- 
stellt: 

Ort. Temperatur, ©. Spec. Gewicht. 
Atlantische Ocean, Lissabon bis 

Cap St. Vincent. 


02002102 202er 
Mittelländisches Meer, Gibraltar 


bitMahauntait, about OHABOLE IR) nah 1)028 
Mittelländisches Meer, Malta bis 
Alexandrien . . 1320301239240. 02.0298 


Rothes Meer, Golf von Suez . TR PIE EN IS 
- 5 1270-—— 33% Nördl. Br.» 240-280 .. .. 1,0315 
- - 1 1220140. - - 300—3109 . . .. 1,0306 
- -: Golf von Aden . . 28,80 a (17375 
Arabisches Meer, Cap Guardafar 
bisl!Bombayii ins ned In 2104-289 u. 50278 


Die Erscheinung der Meermilch, einer milchähnlichen Färbung des 
Meerwassers, wird häufiger als das Phänomen der rothen Meere und 
zwar in den intertropischen Meeren, namentlich im Golf von Guinea 
und im arabischen Meere wahrgenommen. Da diese Erscheinung in 
der Regel zugleich mit der Phosphorescenz des Meeres beobachtet wird, 
so erklärt man diese weisse Färbung gewöhnlich als eine Wirkung von 
phosphoreseirenden Thierchen. Nach den von Ouatrefages zu Boulogne 
angestellten Beobachtungen geben die Noctiluken nicht immer einen 
glänzenden hellen Schein, sondern bisweilen werden dieselben auch 
mattweissschimmernd gesehen. Sind sie nun in grosser Menge beisanı- 
men, so dürfte wohl durch ihren auf weite Strecken in die weisse Farbe 
übergehenden Schimmer die milchähnliche Färbung des Meeres sich 
erklären lassen. Grafton Chapmann zählt diese 'Thierchen, welche 
den weissen Schein des Meeres verursachen zu den Salpen oder Pyro- 
somen. |C. R. XL. 316.] Schon die Alten haben mehr als ein Jahrhun- 


207 


dert vor unserer Zeitrechnung dieselbe Erscheinung im Arabischen 
Meere beobachtet. Der Geograph Agatharchides [|Geographi minores, 
Oxford 1698] erzählt, dass das Meer längs der Küste von Arabien ein 
weisses Ansehen, wie ein Fluss, habe; die Ursache dieser Erscheinung 
sei ein Gegenstand des Bonjanpens, 


Die chemische Harmonika, die bekanntlich aus einer über einen 
brennenden Strom Wasserstoffgases gehaltenen Glasröhre besteht und bei 
welcher der Ton durch die schnell auf einander folgenden Verpuffungen 
des Wasserstoffgases gebildet wird, kann nach R. Böttger |Poggendorfis 
Annalen, XCIV. B. S. 572] einfach auf folgende Art hergestellt werden: 
„Füllt man ein gewöhnliches, etwa 12 bis 18 Kubikzoll Wasser fassen- 
des Arzeneiglas mit nicht zu enger Mündung mit Wasser, leitet dann 
so lange gewöhnliches, aus käuflichem Zink und Salzsäure bereitetes 
Wasserstoffgas in das Glas, bis dieses zu 3/ damit gefüllt ist, und lässt 
hierauf das ım Glase befindliche Wasser vollends auslaufen, so dass 
folglich zu den drei Raumtheilen Wasserstoffgas im Glase noch ein 
Raumtheil athmosphärischer Luft hinzutreten Kann, nähert hierauf das 
offene Glas, schwach geneigt mit seiner Oeffnung nach unten, einer 
Weingeistflamme, so entzündet sich an der Mündung des Glases das 
Luftgemeng ganz ruhig, ohne Explosion, unter gleichzeitigem Auftreten 
eines ungemein reinen, lauten, einige Minuten anhaltenden Tones.“ 
Hierbei wird bemerkt, dass, (wie man in einem verfinsterten Zimmer 
wahrnehmen kann,) das Flämmchen seinen Sitz an der inneren Münd- 
ung des Glases hat und nach dem Innern des Glases gerichtet ist. — 
Denjenigen, welche im Experimentiren mit Gasarten nicht vollständig ge- 
übt sind, dürfte aber wohl bei der Anstellung dieses Versuches, wegen 
der möglichen Knallgasexplosion, eine sehr vorsichtige Behandlung der 
gefüllten Flasche anzurathen sein. 


Die Protuberanzen, welche bei totalen Sonnenfinsternissen als rothe 
Lichtbüschel am Rande der vom Monde bedeckten Sonne beobachtet 
worden sind und die helle Glorie um beide Himmelskörper haben zu 
der Vermuthung Veranlassung gegeben, dass die eigentliche Photosphäre 
der Sonne von zwei Hüllen umgeben ist, deren eine ihr zunächst lie- 
gende in rothem Lichte leuchtet, deren zweite, weit umfangreichere, 
weisses, Licht hat. Die rothen Lichtbüschel werden nun gewöhnlich 
als durch Emportreiben der rothen Hülle entstanden aufgefasst; über 
die Verursachung dieses Emportreibens konnte aber nichts Bestimmtes 
angegeben werden. Indess hatten doch die Beobachtungen der Sonnen- 
finsterniss im Jahre 1851 einen Zusammenhang zwischen den Protube- 
vanzen, Sonnenfackeln (hellstreifige Stellen der Sonne) und Sonnenflecken 


208 


wahrscheinlich gemacht, da mehrere Protuberanzen sich an denjenigen 
Stellen gezeigt hatten, wo kurz vor oder nach der Finsterniss Flecken 
und Fackeln gesehen worden waren. Gegen diese Auffassung hat sich 
Carlos Moesta, gestützt auf die von ihm zu Peru bei der Sonnenfinster- 
niss 1853 gemachten Beobachtungen, ausgesprochen. Er sagt am Schlusse 
seines dem Minister des öffentlichen Unterrichts, Dr. Silvester Ochagavia, 
vorgelegten Berichtes, dass während der grössten Verdunkelung die 
Protuberanzen sichtbar gewesen, aber weder vor noch nach der Son- 
nenfinsterniss, irgendwelche Fackeln oder Flecken wahrgenommen wor- 
den seien. Hieraus gehe nun hervor, dass ein Zusammenhang zwischen 
Protuberanzen, Fackeln und Flecken, wie man denselben bisher ange- 
nommen habe, nicht stattfinde. Wenn die Protuberanzen gasartige Aus- 
dünstungen seien, welche in der dritten Atmosphäre der Sonne sicht- 
bar werden, so müssen diese während der Sonnenfinsterniss von 1853 
durch sehr kleine Oeffnungen hindurchgegangen sein. Die kurze Dauer 
der Protuberanzen, in Verbindung mit dem Wechsel ihrer Farbe und 
anscheinenden Bewegung, seien Umstände, welche auf Stürme und Re- 
volutionen, die in ähnlicher Weise wie in der Erdatmosphäre ge- 
schehen, schliessen lassen. Im Jahresberichte der Münchener Stern- 
warte für 1854 spricht Prof. Zamont in München ebenfalls über die 
Protuberanzen, und findet die Ursache dieser Erscheinung nieht in der 
Sonne sondern in der Erdatmosphäre. Er erklärt, er habe bemerkt, 
dass bei partiellen Sonnenfinsternissen von Zeit zu Zeit bald da, bald . 
dort in der Atmosphäre kleine dünne Wolken entstehen, welche sich 
nach kurzer Zeit wieder auflösen. Dieser Vorgang sei in vollständiger 
Uebereinstimmung mit den bekannten Verhältnissen der Wolkenbildung ; 
durch die Bedeckung der Sonne entstehe eine Depression der Temperatur 
und hieraus eine Condensation der Dünste in der Luft. Diese Wolken- 
bildung werde vorzugsweise da entstehen, wo die Temperatur am tief- 
sten ist: im Schattenkegel des Mondes. Während nun der Schatten- 
kegel sich fortbewege, bilden sich darin Wolken und lösen sich bald 
wieder auf. Die Wolken im Schattenkegel werde man nicht wahrnehmen, 
auch dann nicht, wenn sie über den Kegel hinausreichen und die Sonne 
nicht vollständig bedeckt sei. Wenn aber die Sonne vollständig durch 
den Mond bedeckt ist, so tritt am Mondrande die Beugung des Sonnen- 
lichts ein, es gelangen vornehmlich die violetten Strahlen des Sonnen- 
lichts in den Schattenkegel, und man werde nun unter diesen Umständen 
am Mondrande die erwähnten dünnen Wolken in violetter Beleuchtung 
sehen. Diese Hypothese gewähre eine hinreichende Erklärung für die 
Form, die Farbe, die Grösse und für den Wechsel in der Erscheinung 


der Protuberanzen. 
Dr. A. Drechsler. 


Verlag von Rudolf Kuntze in Hamburg. 


Arzeneien - Taxe für die Königl. Sächs. Lande. 4. Aufl. 4. (VIu. 518.) 
1847. 15 Ser. 


Byam, G., Wildes Leben im Innern von Central-Amerika. Aus dem 
Engl. von M. B. Lindau, Mit einer lithogr. Ansicht. (VI u. 208 $.) 1852. 
geh. 1 Thlr. 


Byam, G., Wanderungen durch Chile und Peru. Aus dem Engl. von 
M. B. Lindau. Mit 3 lithogr. Abbildungen. (VI u.275S.) 1851. geh. 221/ Sgr. 


Grässe, Dr. Joh. G. Th., Beiträge zur Literatur und Sage des Mittel- 


alters. I. Die Mirabilia Romae nach einer Handschrift des Vatican. 
II. Zur Sage vom Zauberer Virgilius. III. Zur Naturgeschichte des 
Mittelalters. 4. (X u. 106 8.) 1850. geh. 24 Ser. 


Kingston, W., Peter der Wallfischfänger, sein Jugendleben und 
seine Abenteuer in den Nordpol-Regionen. ‘Ein Buch für Jung 
und Alt. Deutsch bearbeitet von M. B. Lindau. Mit 4 lithogr. Abbildungen. 
8. (Xu. 444 8.) 1852. In lithogr. Umschl. cart. 1 Thlr. 221/, Ser. 


Kohl, J. G., Skizzen aus Natur und  Völkerleben. 2 Bade. er. $. 
g 
(I. X u.40858. I. Xu. 816 S.) 1851. geh. 3 Thlr. 


Mittheilungen aus dem magnetischen Schlafleben der Somnambule 


Auguste K. in Dresden. Zweite Ausgabe der 1843 erschienenen ersten 
Auflage. Mit Titelkpfr. und Holzschnitten. gr. 8. (XXII-u. 414 S.) 1850. 
geh. 1 Thlr. 15 Sgr. 


Pharmacopoea Saxonica jussu Regio et auctoritate publica denuo 


edita recogn. et emend. Mit einer Tabelle. 4. (XVI u. 296 8.) 1836. 
2. Thlr..15 Sgr. 


Durch alle Buchhandlungen ist zu beziehen: 


in allgemein verständlicher Form 


I. Astronomische Vorträge gehalten zu Dresden im Winter 


1854/55 von Dr, Adolph Drechsler, Nebst lithogr. Sterntafeln. Dresden 1855. 

25 Ngr. 

In diesen Vorträgen ist das Wesentliche der populären Astronomie in gedrängter Kürze anschaulich und 

leichtfasslich dargestellt. Es können die Vorträge 1) der nördliche Fixsternenhimmel in astrognostischer und 

mythologiseher Beziehung, mit-Sterntafel (d Ngr.); 2) der Thierkreis und der südliche‘/Fixsternenhimmel in 

astrognostischer und mythologischer Beziehung, mit Sterntafel (5 Ngr.); 3) die Bewegungen der Erde: Dreh- 

ung, Wendung und Fortselweitung der Erdaxe (4 Ngr.); 4) die Planetensysteme, die Bewegung und physische 

Beschaffenheit der Planeten (4 Ngr.); 5) die Monde, mit besonderer Berücksichtigung des Mondes der Erde 
(4 Ngr.); 6) die Kometen. — Die Sonne (4 Ngr.) auch einzeln bezogen werden. 


u T z. zur Einführung in das Ver- 
Il. Astrologische Vorträ e » ständniss des Systems und der 
Geschichte der: Astrologie, gehalten zu Dresden im Winter 185455 


von Dr, Adolph: Drechsler, - Mit in den Text gedruckten Holzschnitten. 
Dresden 1855. 20 Ngr. 


Diese Vorträge zeigen ausführlich und deutlich das Verfahren, nach welchem von den wissenschaftlichen 
Astrologen die Nativität gestellt und ausgelegt wurde, und geben einen Abriss der in culturhistorischer Be- 
ziehung bedeutsamen -Geschichte der Astrologie. In dem Vorworte sagt der Verfasser: „Ueber die Pietät, 
welche wir gegen unsere in. den Wissenschaften.unermüdlich thätigen Vorfahren zu hegen und kund zu geben 
schuldig sind, habe ich meine Ansichten bereits in dem Vorworte zu „Scholien zu Christoph Rudolphs Coss‘* 
Ben, Rob. Schäfer, 1851] ausgesprochen; und die Veröffentlichung dieser Vorträge soll ebenfalls einen 
üinblick gewähren in die mühevolle Arbeit und den unermüdlichen Eifer einerseits, andrerseits in die Schärfe 
der Gedanken und Tiefe der Forschungen, welche unsere Vorfahren auch auf den Versuch einer wissenschaft- 
lichen Begründung und auf den Aufbau des Systems der Astrologie verwendet haben.“ 


Tg 


Die allgemeine deutsche 


Naturhistorische Zeitung 


hat bisher durch ihren Inhalt, insbesondere durch ihre unpartheiische 
Anerkennung der Leistungen "Anderer, die sie besprach, einen freund- 
lichen Kreis von Mitarbeitern und Lesern im In-und Auslande gewon- 
nen, wodurch ihr die Aussicht gestellt war, den Beifall, dessen sie sich 
erfreute ‚ gesichert zu schen. Das Hinscheiden ihres Verlegers ‚ des ehr- 
würdigen Chr. Arnold unterbrach ihre Erscheinung und erst jetzt konnte 
der durch neue Kräfte erweiterte Kreis ihrer Mitarbeiter unter einem 
der Wissenschaft geneigten und thätigen Verleger sich wieder vereinen, 
so dass hiermit der erste Band der neuen Folge erscheint. r 


Die früher als bewährt anerkannte, Weise wird in dieser ee 
unermüdet befolgt. Mittheilungen von Aufsätzen oder Notizen-aus allen 
Zweigen der Naturkunde, welche die Sachkenntniss oder die Anschauungs- 
weise derselben befördern, sind uns willkommen und unser dureh be- 
sondere Paginirung abzesondertes 


Literaturblatt der ISIS 


wird sich 'bestreben, wie bisher, in unpartheiischer Weise Kunde zu ge- 
ben von den Leistungen, welche, diese Kenntniss erläuternd, zu uns ge- 
langten,, so dass wir, im Mittelpunkte Deutschlands und Europa’s woh- 
nend, und durch eine der ausgezeichnetsten und vollständigsten Biblio- 
theken unterstützt, diese centrale Bedeutung unserer Zeitschrift mit 
Sorsfalt und Liebe wieder herstellen werden. Wir fassen "hierbei einzig 
und allein die Verbreitung der Wissenschaft und des Sinnes für diöselbe 
ins Auge und in Erwägung, dass die Wahrheit in jeder Richtung sich 
selbst herausstellen wir d, schliessen wir keine Parthei von unsern leiden- 
schaftslosen Besprechungen aus. Alle Mitarbeiter werden auf dem Titel 
des Jahrgangs, in dem sich ihre Beiträge befinden, genannt und mit 
Vergnügen erbieten wir uns, zu Beförderung des Verkehrs zwischen 
Sammlern, auch Addressen und Oataloge von Gegenständen für Tausch 
und Kauf, nach Befinden durch Beilagen oder durch billige Inserate von 
unserm Centrum aus zur gegenseitigen Kenntniss zu bringen. 

Alle Zusendungen an die Redaction erbitten wir. ferner durch I; Post 
unter’ der Addresse: 


„Für die allgemeine deutsche Naturhistorische Zeitung“ 


Drrspex: oder Hansure: 
Hofbuchhandlung von Rud. Kuntze Verlagsbuchhandlung von 
(Hermann Burdach). Rudolf Kuntze, 


Ais Verleger habe ich dem Vorstehenden hinzuzufügen: dass der 
Band der allgemeinen deutschen Naturhistorischen "Zeitung aus 
12 Heften bestehen wird, — der Preis des Bandes, zu dessen Sanzer 
Abnahme man sich verpflichtet, auf 3 Thaler festgestellt ist, — und dass 
ich bereit bin; wie auch die Hofbuchhandlung von Rud. Küuntze (Hermann 
Burdach) in Dresden, Zusendungen für die Zeitschrift mit Vergnügen zu 


empfangen. 
Rudolf Kuntze, 


Verlagsbuchhandlung in Hamburg. 


Dresden, Druck der Königl, HoMuchdruckerei von C. C.“Meinhold & Söhne, 


Preis eines Bandes von 12 Heften 3 Thlr. 


I. Band. | No. 6. | 
Allgemeine deutsche 


Naturhistorische Zeitung. 


Im Auftrage 


der 


Gesellschaft ISIS in Dresden 


in Verbindung 


| mit auswärtigen und einheimischen Gelehrten 
herausgegeben 


| von 


Dr. Adolph Drechsler. 


Neue Folge: erster Band. 


h 6. Heft 


ISNGERSAF TI TE 


Die tropischen Wälder und ihre Fauna. Aus Dr. A. E. Brehm’s handschriftlichen 
„Reiseskizzen aus Nord -Ost- Afrika.“ 

Zu Mieromys agilis. Von Dr. A. Dehne. 

Talpa europaea L., der gemeine europäische Maulwurf und seine Varietäten. Von 
Dr. 4. Dehne. 

Vespertilio Noetula Schrb. Von Dr. A. Dehne. 


Sorex ehrysothorax. Die gelbbrüstige Spitzmaus. Von Dr. A. Dehne. — Nachschrift 
von Dr. Zudwig Reichenbach, Director am K. naturhistorischen Museum in Dresden. 
Kleinere Mittheilungen. — Literaturblatt der Isis. 
HAMBURG, 
| Verlass vwon Rudolf Kuntze. 
den 
1855. 
Haupt-Debit für Dresden durch die Hofbuchhandlung von Rud. Kuntze (Herm. Burdach.) 
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W3> Siehe die Rückseite des Umschlags. 


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209 


Die tropischen Wälder und ihre Fauna. 


Aus Dr. A. E. Brehm’s handschriftlichen 
„Reiseskizzen aus Nord-Ost - Afrika.“ 


„Es prangt der Wald in bunter Schöne 
Wie eine neue, reiche Welt.“ 


Das Wasser ist in den Tropenländern die alleinige Bedingung zu 
einem höheren vegetabilischen und thierischen Leben. Nur der Mangel 
desselben ist die Ursache der Wüstenbildung. Wo es regnet, hört selbst 
die Wüste auf Wüste zu sein; sie verwandelt sich allgemach in die 
lebendigere Steppe, und diese geht nach und nach in die ungemessnen 
Wälder des Inneren über. In vielen-dieser Letzteren ist noch kein Axt- 
schlag gehört worden, viele hat noch kein Pulsschlag der Civilisation 
durchzittert, sie gehören noch ganz sich selbst und der Wildniss. Ne- 
ben der Hütte des Negers baut sich noch heute der Aar seinen Horst, 
neben dem Elephanten durchwandert jene Wälder das wüste Rhinozeros, 
mit dem König der Wildniss durchschleicht sie der „rosenfellige“ Pan- 
ther. Diese Wälder sind es, von den ich hier reden will. 

Wenn der dem Aequator zuwandernde Reisende den achtzehnten - 
Grad der nördlichen Hemisphäre überschritten hat, und in das Gebiet 
jener ‚Regen gekommen ist, welche die Flüsse des Innern schwellen, be- 
merkt er gar bald den mächtigen Einfluss des vom Himmel bescheer- 
ten Wassers. Die Sandmeere verschwinden, die staubigen Ebenen, auf 
denen er bis jetzt nur halbdürres Riedgras wuchern sah, bekleiden sich 
mit einem anfangs allerdings nur spärlichen Planzenteppich ; selbst zwi- 
schen den glühenden Felsmassen, deren starre Oede den Menschengeist 
niederdrückt, sprosst es und keimt es, und sehnt es sich, Zweige, Blätter 
und Blüthen in den reinen Aether hinauszutreiben. Mit jedem Breiten- 
grade, den man durchreist, begegnet man neuen Pflanzenformen; die 
Arien werden zahlreicher, zahlreicher auch die Individuen der Gewächse. 
Schon unter dem 16. Grade n. Br. vereinigen sich die früher nur ein- 
sam hier und da an den Ufern der Ströme stehenden Mimosen zu Wäl- 
dern, sie erstarken zu gewaltigen, blüthenduft- und schattenspendenden 
Bäumen. Je mehr man sich dem Gleicher nähert, je Sammender die 
Blitze, je rauschender, länger anhaltend die Regengüsse der tropischen 
Gewitter werden, um so reicher wird die Flora und mit ihr die Fauna 
des unenthüllten, märchenhaften Innern. Die undurchwanderten Ebenen 
deckt ein mannshoher, von einzelnen sich aus ihm erhebenden Bäumen 
und Gesträuchen überragter Graswald; in den Niederungen treten die 
Bäume näher zusammen und verzweigen ihre Kronen zu einem kühlen 
Laubdach, in dessen Schatten nun auch andere, wasserbedürftigere Pflan- 
zen gedeihen können; selbst auf den Bergen bemerkt man vegetabilisches 

Allg. deutsche naturhist. Zeitune. 1. 16 


210 


Leben. Nördlich des 13. Grades sind nur die Ströme die Herzadern und 
Träger des Lebens, und ihre Ufer bis zum 16. Grade hinab mit Wäldern, 
welche oft ganz das Bild der Urwälder des Innern geben, bedeckt, süd- 
lich desselben wird wegen der Menge der fallenden Regen, und der damit 
im Einklang stehenden Kürze der Alles ertödtenden Zeit der Dürre, 
der Pflanzenwuchs allgemein. Je bälder die Wiederkehr des Chariefs*) 
erfolgt, desto mehr ähnelt die Vegetation jener der Tropenländer des 
wasserreichen Amerikas. Während in den 4uadie*) mit dem Aufhören 
der Regenzeit auch das sich in ihnen ansammelnde Wasser, und damit 
der Lebensunterhalt der Bäume verschwindet, so dass diese kaum genug- 
sam gekräftigt sind, die zweite Jahreszeit zu überstehen, sind alle Ge- 
wächse südlich des 13. Grades so gesättigt worden, dass sie fasst das 
ganze Jahr hindurch in voller Ueppigkeit fortleben können. Desshalb 
endet erst dort die verhältnissmässig dürftige Vegetation der gleichsam 
noch immer durstigen Pflanzen der Steppe; und desshalb findet man 
erst dort ebensowohl auf den Bergen, als in den Thälern, auf Hoch- 
ebenen und in Niederungen jenes Pflanzenleben, welches wir sonst nur 
in der Nähe immer wasserreicher Ströme bemerken. Die Trockenheit 
der regenlosen Monate ist aber auch dort noch so gross, dass sie, wenn 
auch nur auf kurze Zeit, den Blätterschmuck der Bäume vernichten 
und sie auf einige Wochen in Todesschlummer versenken kann. Aber 
bald erweckt sie der wieder fallende Regen zu Frühlingslust und Früh- 
lingsleben. Und mit diesem freundlichen Bilde will ich beginnen, ob- 
gleich es schwer ist, seine Pracht würdig zu beschreiben. 

Wir betreten vom Ufer aus an einer etwas freien Stelle den Urwald, 
aus welchem uns ein ununterbrochenes, wirres Stimmengetön entge- 
genschallt, und Balsamduft anweht. Schon nach wenigen Schritten 
umgiebt uns von allen Seiten der grossartige Wald. Alles m ihm 
schwelgt in der üppigsten Fülle. Das Auge weiss nicht, wohin es sich 
wenden soll; das Ohr strebt vergeblich das nicht endende Tönechaos 
zu ergründen ; der Fuss zögert weiter zu schreiten. Pflanzen und Vögel 
entfalten eine ungeahnete Pracht. Die von goldnen Blüthenröschen schim- 
mernden Wipfel der Mimosen haben meist noch eine Decke von Schling- 
pflanzen erhalten; die blumenreiche Liane rankt von Baum zu Baum, 
bemächtigt sich eines grossen Theiles des Waldes, und verwebt Wipfel 
und Stämme, Baumkronen und niedere Gebüsche zu einem einzigen, 
undurchdringlichen, undurchsichtigen Ganzen, in’ welchem es lebt und 
webt, dass dem Naturfreunde das Herz aufgeht. Blumen, welche unsre 
schönsten Gärten zieren würden, wachsen hier wild. Wir zählen allein 
von Winden mehr als zehn Arten. An einigen Schlinggewächsen be- 
wundern wir die Blumen, an andern die Früchte. Eine von ihnen 


*) Charief bedeutet die Regenzeit. 
*) Plural von „Wahd“ oder „Wadi*, Niederung, 


en 

trägt eine carminrothe, gurkenähnliche Frucht, welche die Eingebornen 
„Tammr el aabihd‘“ nennen, d. h. die Frucht der Sklaven; andere bieten 
den Vögeln ihre grossen: herzförmigen, zinnoberfarbenen Beeren zur 
leckeren Speise. An einigen Stellen ranken sich Riesenbohnen an den 
Bäumen empor. Sie haben schöne Blüthen, und fusslange, fleischige 
Schoten mit schweren Saamenkernen. Die Sudahnesen benutzten sie 
nur als Viehfutter, obgleich ich gar nicht zweifle, dass sie ein gutes 
Gemüsse geben würden. Selbst auf die Blätter und Ranken erstreckt 
sich die bildnerische Schöpfungskraft. Erstere strahlen nicht nur in 
allen Schattirungen von dunkelgrün bis dunkelroth, sondern zeigen auch 
die mannigfaltigsten Formen; die Ranken sind glatt oder mit feinen 
Stacheln besetzt, und haben zu ihrem Querschnitt oft zusammengesetzte 
geometrische Figuren. Viele Bäume, Gesträuche und andere Pflanzen, 
vor allen aber die Mimosen verbreiten balsamische Wohlgerüche. Kurz, 
die Wälder würden ein Paradies sein, wenn sich die Produktionskraft 
nur auf die Wipfel der Bäume beschränkt hätte. Allein nicht bloss 
in der Höhe, sondern auch in der Tiefe ist der Pflanzenwuchs ausser- 
ordentlich. Das Gras bedeckt nicht selten den Boden bis auf 4 Fuss 
Höhe, und macht jede Bewegung schwierig, in Verbindung mit Schling- 
pflanzen und niederen Gebüschen oft geradezu unmöglich. Der Wald 
ist halbe Meilen weit vollkommen undurchdringlich. Jede Grasart, jeder 
Baum, fast jedes Rankengewächs besitzt Stacheln oder Dornen. Die 
Gräser sind unter allen die unangenehmsten. Eine Art heisst Askanit, 
und lässt ihre feinen Stacheln in den Kleidern und der Haut des Ein- 
dringlings sitzen; eine zweite nennen die Araber Zsseik und hassen sie 
fast noch mehr als die erste. Ihre Achre haftet am Linnenzeug so fest, 
dass sie weder im trocknen Zustande, noch durch Waschen daraus ent- 
fernt werden kann. Ein drittes Gras, die 7arbe (zu deutsch ungefähr 
„Wegerich“) der Araber, erzeugt Saamenkapseln von solcher Härte, dass 
sie das Schuhwerk zerschneiden und höchst lästig werden. Hierzu kom- 
men noch Gebüsche mit Dornen von allen Grössen und Gattungen, von 
den 3 bis 4 Zoll langen Mimosendornen an, bis zu den kleinen, gebo- 
genen des Nabakhstrauches, oder der während des Frühlings kahlen 
Harahsi herab. Nur mit grossen Wasserstiefeln kann man hier und da 
in das Innere des Waldes eindringen, allein diese sind bei der herr- 
schenden Hitze eine drückende Last, und werden auch da, wo die zu 
einem einzigen Dornengeflechte verwebten Gesträuche, Disteln und Grä- 
ser jedes weitere Vordringen hemmen, unbrauchbar. — 

Aber dennoch versuchen wir immer von Neuem in das Innere des 
Waldes zu gelangen. Dort eröffnet sich uns eine neue Welt; wir kön- 
nen nicht aufhören zu bewundern. Ruhelos schweift der Blick umher. 
Soll das Auge die mit den prächtigsten Farben geschmückten Vögel 
verfolgen, soll es an den duftigen Blüthen haften bleiben, oder soll es 
sich an einer zierlichen Gazelle, einem Erdeichhörnchen, einem goldigen 


16* 


212 

Käfer, einem buntfarbigen Schmetterling erfreuen? Es ist gar nicht 
fähig, all’ das Schöne, Herrliche, Erhabene, welchem es nach allen 
Seiten hin begegnet, mit einem Male dem Geiste vorzuführen. Mit Ent- 
zücken und Erstaunen betrachten wir die auffallenden Gestalten und 
die Pracht der Farben, mit welchen die Natur hier Alles austattete, 
Erst durch seine Bewohner gewinnt der Wald seinen vollen Reiz. Wer 
empfände nicht ein lebhaftes Vergnügen, wenn er die stahlblaue, in der 
Sonne in allen Farben schillernde Glanzdrossel: Lamprotornis, durch die 
Zweige schlüpfen sieht? Wer vermag es, dem Fluge einer Paradieswittwe: 
Videa paradisea, welche das für sie fast allzugrosse Gebäude ihres Trauer- 
schleiers mühsam durch die Lüfte dahinschleppt, gleichgültig zu folgen ? 

Die verschiedensten Stimmen und Töne sind hörbar. Von dem 
kühnen, starkklauigen Adler an, bis zu der smaragdgrün schillernden 
Biene schwirrt und summt, singt und lockt es in allen Zweigen. Schon 
von Weitem leuchtet die hochcarminrothe Brust eines Würgers, des 
Laniarius erythrogaster, aus den dichtesten Hecken hervor. Sein merk- 
würdiger Lockton fällt auf; es ist ein hell melodischer, dem unsers 
Pirols entfernt ähnlicher Pfiff, welchem ein höchst unmelodisches Knar- 
ren folgt. Wir schleichen dem Vogel nach und hören plötzlich den 
Pfiff von der einen, das Knarren von der andern Seite erschallen: Männ- 
chen und Weibchen haben sich vereinigt, den ununterbrochenen Lock- 
ruf hervorzubringen. Das Männchen beginnt seinen Flötenton und das 
wohl achtsame Weibchen endet das Duett mit seinem eigenthümlichen Knar- 
ren*). Hoch auf den Wipfeln grösserer Bäume sehen wir eine Art des 
Nashornvogels: Tokus erythrorynchus, der, weil seine Brutzeit herran- 
naht, da oben seinen Paarungsruf unter den lebhaftesten Gesten in alle 
Winde hinausschreit. Unter scheinbar höchst anstrengenden, ergötzlich an- 
zusehenden Bewegungen des Oberkörpers, beginnt er langsam seinen, 
aus einem einzigen Tone bestehenden Ruf, wird aber endlich so hitzig, 
dass er zuletzt seiner Stimme mit dem Kopfe nicht mehr folgen kann, 
denn bei jedem Ausrufe neigt er diesen tief herab. Ganz ähnlich klingt 
das Ruksen eines niedlichen Erdtäubchens, welches wahrscheinlich eben- 
falls nach einer Gefährtin seufzt. Man hört wenig Sänger, aber viel 
Schreier, welche wieder alle von dem Kreischen der in die Blätterfarbe 
gekleideten Papageien übertönt werden. Zuweilen erschallt auch ein 
eigenes Gegurgel dazwischen. Es rührt von einer der hier vorkommen- 
den Affenarten her. Der langgeschwänzte Affe: Cercopithecus griseovi- 
ridis, durcheilt mit kühnen Springen die höchsten Aeste der himmel- 


*) Wir können etwas Aehnliches bei unsern Hausgänsen bemerken. Das „Galık“ 


des Weibchens folgt so schnell auf das „Gihk‘“ des Männchens, dass man ebenfalls 
glauben könnte, Beides rühre nur von einem Vogel her. Dass sich die verschiedenen 
Geschlechter der Vogelpaare gegenseitig antworten, ist bekannt; bei unserm Wendehals: 
Jynx torguilla, kaun es jeder meiner Leser leicht selbst beobachten. 


213 


anstrebenden Bäume; ein altes Männchen, erfahren in allen Lagen des 
Affenlebens, ausgelernt und listig, ist es, welches mit jenen seltsamen 
weit hörbaren Tönen die komisch hinter ihm dreinspringende Heerde 
leitet. Und dazu hämmern die Spechte, summen und brummen Tausende 
von Insekten, rasseln die Schlangen und Eidechsen, knarren und rau- 
schen die Bäume! 

Jeder Schritt fast bringt ein neues Wunder vor unsre Augen. Es 
gibt in den Bäumen nur wenige Höhlungen, in welche die Vögel ihre 
Nester bauen könnten; deshalb hat die allgütige Natur diese gelehrt, 
sich selbst Wohnungen zu erbauen, welche fast gleiche Sicherheit als 
jene Baumhöhlen gewähren. Ein finkenartiger Vogel, der „Webervogel“ 
genannt wegen seiner Kunst, Gras, Wolle und andere Stoffe zu Nestern 
zu neben; befestigt an den Enden der schwächsten und biegsamsten 
Zweige mit langen Zahn Grashalmen sein künstliches Haus, versieht 
es mit einem KeeHenniden Dache, unter dem er einen röhrenförmigen 
Eingang anbringt, und lässt sich und seine Brut behaglich vom Winde 
schaukeln. Keine Schlange kann in seine Behausung eindringen, kein Affe 
kann ihm seine Eier rauben, kein anderer Räuber seine Brut bedrohen, 
er lebt sicher und sorglos und schlüpft, wenn seine Kinder flügge ge- 
worden, fröhlich mit ihnen aus seiner engen T'hüre heraus. Ein anderer, ihm 
entfernt verwandter Vogel von der Grösse unsers Staars, der schwarze 
ewig lärmende Textor Alecto trägt sich eine Menge von dornigten Aesten 
zusammen, verbindet sie, fast wie unsre Elstern, zu einem wirren Gan- 
zen, macht sich von einer Seite einen nur ihm zugänglichen Weg zu 
dem Innern des scheinbaren Dornenhaufens und glättet und wölbt sich 
dort seinen Sitz. Die HYonigsauger verstehen ihr kleines Nestchen, wel- 
ches sie ebenfalls an Zweigen aufhängen, aus Baumwolle so zusammen- 
zufilzen, dass es nicht leicht zerstört werden kann. Die kleinen Finken- 
arten tragen sich einen Haufen dürres Gras zusammen, welchen keiner 
ihrer Feinde als Nest erkennt, und legen da ihre Eier hinein. Die 
Ziegenmelker verlassen sich auf ihr, einem Stück Baumrinde ähnliches 
Gefieder und legen ihre zwei Eier platt auf den Boden, weil auch sie 
kaum von ihrer Umgebung zu unterscheiden sind. Andre graben sich 
tiefe Höhlen in steile Erdwände, und wieder andere kleben und leimen 
ihre Nester zwischen und an die breiten Blätter verschiedener Bäume. 
Um eine einzeln stehende Dumapalme sehen wir mit Verwunderung viele 
Paare eines kleinen Seglers schwärmen, und bemerken, dass die Vögel- 
chen immer zu den langgestielten, breiten und gebogenen Fächerblättern 
zurückkehren. Von oben schimmmert uns etwas Weisses entgegen, wir 
besteigen den Baum und finden, dass es das Nest dieses gewandtesten 
aller Flieger ist. Es besteht aus Baumwollenfasern und ist in ‘die Mitte 
der Blattriefe geklebt. Wir bemerken fast an allen Blättern dieselbe 
Erscheinung. In einigen Nestern liegen Eier, in anderen sehen wir 
Junge. Die Nestchen sind so flach, dass wir fürchten, die kleinen 


214 


unbeholfenen, kaum dem Ei entschlüpften, oder zum Theil noch in die 
Schaale desselben eingeschlossenen Geschöpfe möchten bei einem hefti- 
gen Sturme heraus- und herabgeschleudert werden. Aber die gütige 
Natur, die ewig sorgsame Mutter aller lebenden Wesen, hat einen be- 
wunderungswürdigen Instinkt in die Seele des kleinen Thierchens gelegt, 
um das seiner Brut Drohende zu verhüten: Junge und Eier sind von den 
Alten mit Speichel angeleimt worden! Wie viele verschiedene Wege geht 
die Natur, und dennoch führen alle glücklich zum Ziele! 

Unter den Säugethieren, welche den Wald bewohnen, gibt es wenig 
Höhlengräber. Die Erdeichhörnchen des Sudahn: Seiurus brachyotos, 
leben in Höhlen und schlüpfen beim Erscheinen eines Menschen rasch 
da hinein. Grössere Baue, welche wir hier und da bemerken, sollen 
nach Aussage der Eingebornen einem Stachelschwein angehören ; bis jetzt 
ist der Bewohner des Baues noch von keinem Europäer gesehen worden. 
Mäuse- und Rattenlöcher gibt es überall; es ist aber gefährlich diesen 
unvorsichtig nachzuspüren, weil die häufig vorkommenden Vipern gern 
von den Löchern Besitz nehmen. — 

Das ist ungefähr das Bild, welches uns das Innere des Waldes 
aufrollt während des Chariefs. Auch von Aussen betrachtet, machen 
die Wälder einen grossartigen Eindruck. Dunkelgrüne Baumkronen mit 
frischen, lebendigen Blättern wechseln in den mannigfaltigsten Schattir- 
ungen mit lichter gefärbten ab; die herrlichsten Baumformen heben 
sich stolz über das andere Holz empor. Ueberall ist Leben, nur die 
während der allgemeinen Blüthezeit blätterlose Yarahsi steht mitten in 
dem Blättermeer, und wartet, bis die Ströme fallen und das Laub vieler 
anderen Bäume vergilbt oder gar abfällt, um dann erst in ihren Früh- 
lingsschmuck sich wieder zu kleiden. 

Mit der zunehmenden Dürre wird einer der Bäume nach dem andern 
entlaubt. Die gluthheissen Chamasihne ertödten und entführen die 
Blätter, von dem ganzen Reichthum der Wälder bleibt nur das Unan- 
genehme derselben zurück; Blätter und Blüthen sind verdorrt, Disteln, 
Stacheln und Dornen sind geblieben. Die Geschöpfe ziehen sich nach 
Süden, oder kehren, wenn sie von Norden kamen, nach Norden zurück. 
Der Wald verödet und wird stiller. An Stellen, wo die Bäume nicht 
allzudick stehen, zünden die Eingebornen das von ihren Rinderheerden 
verschmähete oder nicht niedergetretene Gras an, vertilgen dadurch 
vieles Ungeziefer, vertreiben aber auch auf lange Zeit die interessanteren 
und harmloseren Bewohner desselben. Erst die wieder fallenden Regen 
bringen diese zurück. 


Betrachten wir nun die Fauna der Wälder etwas genauer. Von ihrer 
Flora kann ich nicht sprechen, weil ich sie nicht kenne, ich will bloss 
zwei Bäume zu beschreiben versuchen: den Affenbrodbaum und die 
Dulehbpalme. Beide kommen ungefähr unter denselben Graden der 


a 


Breite vor; sie beginnen zwischen dem 14. und 13. n. Br. und werden 
nach Süden zu immer häufiger, während wir sie nördlich des vierzehn- 
ten Grades niemals bemerkt haben. 

Der Affenbrodbaum oder die Adansonie: Adansonia digitata, arabisch 
Tabaldie, Boabahb und Khunkhlehs oder Gunglehs genannt, ist ohne Zwei- 
fel der merkwürdigste, die Dulehbpalme wahrscheinlich der schönste 
Baum Ost-Sudahns. Ersterer ist unter den Bäumen das, was die Dick- 
häuter unter den Thieren sind. Man kann sich nichts Riesenhafteres 
denken, als einen solchen Baum. Der Stamm ist fast immer hohl, aber 
von ungeheurem Umfange. Siebzehn Klaftern Umfang — in Mannes- 
höhe gemessen — ist keine seltene Stärke, zehn Klaftern die gewöhn- 
liche. Die in Dörfern stehenden Bäume sind oft zu Ställen eingerichtet, 
welche funfzehn bis zwanzig Ziegen beherbergen. Zu dem Umfange 
der Adansonien steht ihre Höhe in keinem Verhältniss; sie beträgt 
wohl nie mehr, als 120 Fuss. Der Stamm verjüngt sich stark, schon 
in geringer Höhe laufen wagrechte Aeste aus, welche ungefähr die Dicke 
unsrer grössten Eichen haben. Dreissig bis vierzig Fuss über der Erde 
hat der Stamm bereits kaum seine halbe Stärke mehr. Von Zweigen ist 
eigentlich an dem ganzen Baum nichts zu bemerken, er hat nur starke Aeste, 
und diese starren während der Zeit der Dürre so kahl, so sonderbar 
in die Luft hinaus, dass der Eindruck des dickhäutigen Riesen nur um 
so mächtiger wird und sich dem Geiste um so tiefer einprägt. Wäh- 
rend der Regenzeit überkleidet sich der ganze Astbau mit Blättern, 
welcher dem Baume ein majestätisches Ansehen geben; sie sind gross, 
langgestielt, und wie die Finger einer Hand fünfzählig — daher 
„digitata“; — ihre dicken Stiele vertreten die Stelle der Zweige. An 
der Adansonie ist alles kolossal, auch ihre Blüthen und Früchte sind es. 
Erstere sind prachtvolle, schneeweisse Malven, übertreffen aber alle 
Malven an Grösse. Sie sind zahlreich, leuchten schon von Weitem zwi- 
schen den dunkelgrünen Blättern hervor und sind ein wundervoller 
Schmuck des gigantischen Gewächses; ich kenne keinen herrlicheren 
Anblick, als den einer blühenden Tabaldie. Die eiförmigen, einem 
halb ausgewachsenen Kürbiss an Grösse gleichen Früchte hängen an 
langen Stielen, besitzen eine rauhe, harte, grünlichgraugefärbte Schale 
und enthalten ein säuerlich schmeckendes Mehl, in welchem die vielen 
bohnengrossen Samenkerne liegen. Wenn man das Mark in Wasser 
auflösst und mit Zucker und Citronensaft versetzt, erhält man eine er- 
“ frischende, wohlschmeckende Limonade. Der oft ausgesprochenen Mein- 
ung, dass der Boabahb ein sehr hohes Alter erreichen müsse, scheint 
die Beschaffenheit des Holzes zu widersprechen. Dieses ist eine leichte, 
korkartige Masse von sehr geringer Festigkeit und Härte, und schwer- 
lich das Erzeugniss eines langen Wachsthums. Unter der saftigen, glän- 
zenden, kohlschwarzen Rinde liegt ein feines, zähes Bast, welches von 


’ 


216 


den freien Negern zu festen Flechtereien und anderen zierlichen Arbei- 
ten verwendet wird. 

Der Dulehb ist wohl eine der edelsten Formen der Palmen. Sein 
Stamm steigt kerzengerade in die Höhe, verdünnt sich wenige Fuss 
oberhalb der Erde, wird dann allmählig bis zur Mitte seiner Höhe wie- 
der dicker und verjüngt sich von da an, einer korinthischen Säule 
ähnlich, bis zu seiner Krone, dem Kapital des vollendet schönen Bau- 
werks der Natur. Die Krone selbst ist eines solchen Trägers werth. 
Sie enthält breite, fächerartige Blätter, welche in ihrer Gestalt noch an 
die der Dumapalme erinnern, sich aber von diesen dadurch, dass ihre 
Stiele nicht von der Last der Blätter herabgebeugt werden , sondern in 
jeder Richtung gerade vom Stamme abstehen, vortheilhaft unterscheiden. 
Zwischen den untersten Blattstielen brechen die Fruchthalter hervor, 
in denen die in Trauben gereiheten, braunen, kopfgrossen und essbaren 
Früchte hängen. Erst wenn sie abgefallen sind, kann man sich ihrer 
bemächtigen, denn die Dulehbpalme ist, wie ich mich durch mehrere 
Versuche überzeugt habe, unersteiglich. 

Gern möchte ich meinen Lesern noch ähnliche Bilder zeichnen, 
wenn ich meine Schwäche nicht gar zu lebhaft fühlte. Der Laie vermag 
es nicht, einzudringen in die Geheimnisse einer so grossartigen Pflan- 
zenwelt. Ich muss es mir versagen; will aber noch einen Ueberblick 
über die interessantesten Klassen der Fauna jener Wälder hier fol- 
gen lassen. 

Wenden wir uns zunächst zu den Insekten. Es lässt sich erwarten, 
dass eine so reiche Vegetation das Gedeihen und die Ausbildung dieser 
so sehr an die Pflanzen gebundenen Thierklasse begünstigen muss. 
Wir finden desshalb auch fast alle Ordnungen dieser grossen Klasse in 
namhafter Arten- und Individuenzahl vertreten, von den Coleopteren an, 
bis zu den Heteropteren herab. Die am Meisten ins Auge fallenden Kä- 
fer scheinen mit am Reichsten repräsentirt zu sein. Die Prachtkäfer : 
Bupresten, umfliegen bei Tage die blühenden Mimosen, und spiegeln, 
wenn sie sitzen, ihre glänzenden Flügel in der Sonne, um deren Pur- 
purstrahlen, welche selbst durch den auf die Flügel gehauchten Gold- 
staub hindurchschimmern, zu zeigen; sie erscheinen in vielen Arten und 
so zahlreichen Individuen, dass man mehrere Dutzende von einem Bäum- 
chen ablesen kann. An allen sonnigen und feuchten, graslosen Stellen 
sieht man prachtvolle Sandkäfer: Cicindelen, sich fliegenartig in der Luft 
oder auf dem Sande herumtummeln, sie sind scheu und nur in der Frühe 
des Morgens leicht zu erlangen, wo sie dicht neben einander an den 
thaufeuchten Grashalmen der Flussufer hängen und ohne besondere 
Mühe massenweise „geschöpft“ werden können. Nach den Untersuch- 
ungen des Herrn Professor 4petz in Altenburg haben wir sechs 
Arten dieser ausgezeichneten Käfer aufgefunden. Von den Zaufkäfern: 
Carabicinen, hat derselbe bis jetzt aus unseren Sammlungen 33 Arten 


217 


bestimmt, von den Glanzkäfern: Cetonien, glaube ich ohngefähr sechs 
Arten beobachtet zu haben. In den Lachen wimmelt es von Wasser- 
käfern und Spielern: Hydrocantharen, letztere, die Gyriniden, von denen 
wir fünf Arten mitgebracht haben, tanzen zu Hunderten in jeder Uferbucht, 
hinter jedem, die Strömung mindernden Busche auf derOberfläche des Was- 
sers herum; erstere, die Dyticiden, kommen zwar in mehren Arten vor 
— Herr Prof. Apetz hat neun bestimmt — sind aber schwerer zu erbeu- 
ten. Die Dung- und Aaskäfer sind in der Nähe jeder Rinderheerde zahl- 
reich zu finden und zeichnen sich durch Reichhaltigskeit der Arten ans. 
Unter den ersteren nennen wir die bekannte Copris Isidis, welche 
man aus ihren 6 — 8 Fuss tiefen Erdhöhlen vermittelst eingeschütteten 
Wassers vertreibt, die durch ihre Grösse und Körpergestalt auffällt. 
Springkäfer: Elateriden, und ARüsselkäfer: Rhynchophören sind gemein. 
Die stechenden Insekten der Wälder sind nicht minder zahlreich. 
Um jedes gefallene Thier sammeln sich grosse, gefährliche Hornissen 
zu Hunderten, fressen gierig von dessen Fleisch und stechen heftig; 
unter den Wespen sind die Goldwespen: Chrysididen, vorzüglich ausge- 
prägt. Diese prachtvollen, intelligenten Thiere werden oft zu einer 
wahren Plage für den Reisenden, zumal weil sie wegen ihres schmucken 
und unschuldigen Aeussern oft verkannt und gern gefangen werden. 
Eine Art derselben kommt häufig in die Wohnungen; sie gleicht einem 
leuchtenden Smaragd an Farbe, und ist ein wahrer Teufel an Bösartig- 
keit, denn sie sticht sehr empfindlich. Aechte Honigbienen gibt es auch. 
Die freien Neger sammeln ihren Honig in grosse Zurahm oder Töpfe, 
betrachten ihn als Leckerbissen und halten ihn hoch im Preise. 
Auffallend ist es, dass man wenig Schmetterlinge bemerkt. Die Tag- 
falter, unter denen die Aitter am Meisten hervortreten, fallen eher ins 
Auge, als die Nachtschmetterlinge, sind aber weit weniger zahlreich, als 
diese, sowohl an Arten, als an Individuen. Dies hat vielleicht seinen 
Grund darin, weil die Puppen der Nachtschmetterlinge mehr Zeit zu 
ihrer Ausbildung brauchen und desshalb die trockene Jahreszeit leichter 
überstehen, als die Tagschmetterlinge. Diese erreichen, wie bemerkt, 
in den Papilioniden ihre höchste Ausbildung, und tragen oft eine erstau- 
nenswerthe Farbenpracht zur Schau. Mit Gelb und Schwarz in allen Misch- 
ungen scheinen sie mehr als den übrigen Farben bevorzugt zu sein. Alle 
grossen Tagfalter sind sehr scheu und verlieren sich, wenn sie sich ver- 
folgt sehen, bald in den höchsten Wipfeln der Bäume. Dabei gaukeln 
sie mit solcher Leichtigkeit über Dormenhecken, Graswälder, Büsche, 
Gräben und Lachen hinweg, welche der schwerbeschuhete, unter der 
Tropensonne keuchende Fänger durchkriechen,, durchwinden, umgehen 
oder durchwaden muss, dass er gewöhnlich nur das Nachsehen hat. 
Für die Dipteren sind die tropischen Waldgegenden ein Paradies. 
Die Biesfliegen sind ungemein zahlreich. Wahrscheinlich gehört der Tu- 
bahn der Araber hierher. , Es ist die „Fliege“, welche sie zwingt, sich 


218 
mit ihren Rinder- und Kamelheerden während der Regenzeit in die höch- 
sten und trockensten Stellen der Chala zu flüchten. Man hat behaup- 
tet, dass dieses Thier die Hauptursache von dem unfehlbaren Zugrunde-. 
gehen des Kamels südlich des 13° n. Br. ist. Ich selbst habe es nie 
gesehen, und auch nie eine genügende Beschreibung erhalten. Die mir 
von den Nomaden gegebenen Mittheilungen sind naiv genug. „Der Tu- 
bahn“ sagen sie „kommt in grosser Anzahl zu den Kamelen, und da 
sterben sie davon.“ „,„Nun, und was ist der Tubahn?““ „Kennst 
Du den Tubahn nicht? Es ist eben der Tubahn.“ So ungefähr beschreiben 
diese Leute ein Thier, welches keine Haare, keine Federn hat, nicht 
schreit, keine nachzuahmenden Bewegungen macht, und als „ein Ge- 
schenk des Teufels — „aus billahi aaleihn‘“‘ — (vor dem uns Gott schützen 
möge) angesehen wird. 

Unter die Ordnung der Dipteren — bei deren Erwähnung ich meine 
grosse Unkenntniss gern zugestehen will — gehören bekanntlich auch 
die Quälgeister der Tage und Nächte jener Gegenden, die gierigen, 
heisshungrigen Fliegen, zu deren Entwehrung, wenn sie von Nutzen 
sein sollte, der Mensch eine eigene Hand haben müsste; und die der 
Hölle, d. h. den auch ausserdem viel Böses und Schädliches bergenden 
Sümpfen, entstammten Musquitos. Jede Beschreibung der Art und Weise 
wie diese Dämonen in Mückengestalt auftreten, misslingt; jede Schil- 
derung der Pein und Unannehmlichkeit, welche sie verursachen, bis sie 
ihren glashellen Leib mit dem Blute so eines armen Menschenkindes 
gemästet haben, bleibt hinter der Wirklichkeit zurück. Ehe man noch 
die von den saugenden Rüsseln der Tagfliegen schmerzenden Augen- 
lider schliesst — denn die afrikanischen Fliegen sind im Vergleich mit 
ihren weit harmloseren europäischen Üollegen raffinirte Bösewichter; 
kriechen dutzendweis in die Ohren, die Nase, die Augen, soweit sie 
können, auch in den Mund, und lassen sich nicht so leicht vertreiben, 
wie eine gesittete norddeutsche Hausfliege —, verdunkelt sich die Luft 
von den Schwärmen der Musquitos. Jede im Schatten gewesene Blatt- 
seite, jeder Rohrstängel, jedes Schilfblatt, jeder Grashalm, speit diese 
Nichtswürdigen aus zur Qual der Menschen und Thiere; sie sind da, 
um ihr Marteramt zu verrichten, und sollten sie aus den Wolken her- 
unterkommen. Unter unheilkündendem Summen nähern sie sich ihrem 
ausersehenen Opfer; die Kreise, die sie im ihrem Fluge beschreiben, 
werden enger, die Furcht, — ich darf wohl diesen Ausdruck brauchen 
— wächst mit der Dunkelheit des Abends, denn ein unsichtbarer Feind 


ist furchtbarer, als ein sichtbarer. Der seinem Feinde mit Todesver- 
achtung im Kampfe gegenüberstehende Neger des weissen Flusses 
fürchtet sich vor den Musquitos und bettet sich in einen Aschenhaufen, 
der Europäer säubert sein Gagenetz, zieht es sich über den Kopf, bläst 
Tabaksdampf in alle Falten desselben, schläft ein und wacht von dem 
Jucken wieder auf, welches die Stiche von einigen Dutzend dieser Pei- 


219 


niger, die doch unter das Netz gekommen sind, ihm verursachen. Jede 
Nacht wiederholt sich diese Plage; jede Nacht beginnt und endet mit 
Verwünschungen gegen sie. Man muss das, jeder Bequemlichkeit baare 
Lager eines Reisenden im Innern Afrikas kennen, man muss monate- 
lang allnächtlich von den Musquitos zerstochen worden sein, um diese 
Plage wirklich begreifen zu können. Zur Zeit der Dürre ist es etwas 
besser, Musquitos giebt es aber das ganze Jahr. — 1 

Auch von den Nerzflüglern: Neuropteren; finden wir in den Tropen 
Afrikas viele Familien, Geschlechter und Arten. Die, Sparrwerk und 
Bäume zerstörenden Termiten, welche sich würdig an die Musquitos an- 
schliessen, gehören mehr der Steppe, als den Urwäldern an; sie sind 
die schädlichsten Gesellen dieser Ordnung. Von den harmlosen Flor- 
fliegen oder Perliden kennt man mehrere Geschlechter im Sudahn. Eine 
Art der dieser Familie nahe stehenden Sialiden fanden wir oft zu Hun- 
derten an den Mimosenstämmen schattiger, wasserreicher Urwälder 
hängen, wo sie von den Vögeln begierig aufgesucht werden. Die Fliege 
hatte einen köstlichen, rosenölartigen Geruch, und theilte diesen den 
Vögeln mit. 

Afrika ist das Land der Orthopteren. Während des Charief fressen 
grosse Vögel nichts als Heuschrecken. Man sieht den heiligen Ibis in 
langen Zügen nach der Steppe wandern und findet, wenn er von da 
zurückkommt, sechzig bis achtzig dieser Thiere in seinem Kropfe. Er 
füttert damit seine fressbegierige Brut gross. Selbst Störche und Kra- 
niche, sogar Falken verschmähen es nicht, auf Heuschrecken Jagd zu 
machen. Ihre Anzahl übersteigt alle Begriffe; ich glaube, schon die 
Artenzahl der in Afrika vorkommenden Mantiden, Phasmiden, Acrididen, 
Locustiden und anderer Familien dürfte vier bis fünfhundert überstei- 
gen. Einige Arten des sonst ziemlich seltenen „fliegenden Blattes“: 
Phyllium; sind in den Urwäldern häufig. 

Aus der Ordnung der Heteropteren nenne ich die Wasserwanzen: 
Hydrocoren; und Schildwanzen: Scutelleriden ; als häufige Erscheinungen 
der innerafrikanischen Thierwelt; die Aphanipteren verschwinden zum 
grössten Theile innerhalb des Wendekreises. Unser Pulex irritans, 
der in Egypten in den Kleidern der feinsten europäischen Löwen ein 
gar lustiges Leben führt, plagt die Sudahnesen nicht. Dafür haben 
sie aber um so mehr mit Parasiten zu kämpfen, und werden ihrer nie 
Herr. Die Thierchen haben die Farbe ihres Körpers, bei den Negern 
sind sie schwarz, also jedenfalls andere Arten, als die unsrigen. 

Während wir bei den niedern Thieren Afrikas noch fortwährend 
an europäische Formen erinnert werden; tritt die Eigenthümlichkeit 
und Selbstständigkeit der afrikanischen Fauna bei den Wirbelthieren so 
deutlich hervor, dass oft gar keine Vergleichung afrikanischer Typen 
mit europäischen zulässig ist. Ich brauche wohl nur an das urweltliche 


Kleeblatt, Elephant, Nilpferd und Nashorn, dem sich als passende Zugabe 
noch das Arokodil anschliesst, zu erinnern, um verstanden zu werden. 
Wenn wir die Repräsentanten einer, Europa und Afrika gemeinsam 
angehörenden Form mit einander vergleichen, finden wir, dass die afri- 
kanischen Thiere gewöhnlich kleiner, aber farbenprächtiger sind, als 
die europäischen. Bei der Klasse der Vögel kann diese Erscheinung 
als Gesetz aufgestellt werden, dessen Begründung sich bei den (im 
engeren Sinne genommenen) Familien der /anghälsigen Geier: Gyps, bei 
der der Seeadler: Haliaötos; der Adler: Aquila; Halken: Falco; Sperber: Ni- 
sus; Eulen: Bubo, Otus, ete.; schwalbenartiger Vögel: Chelidones; Kukuke: 
Oueulus, Chrysocopus ; Raben: Corvus; Spechte: Pieus, Dendrobates; Wür- 
ger: Lanius; Dickschnäbler: Loxiadae; Ammern: Emberica; Sänger: Syl- 
vidae; Tauben: Columba, Turtur, Peristera; Hühner: Gallinaceae; Trap- 
pen: Otis; Störche: Oiconia; Löffler: Platalea und anderen nachweisen 
lässt. Dass bei der Klasse der Amphibien mehr oder weniger das Um- 
gekehrte stattfindet, scheint seinen Grund in den, der Ausbildung för- 
derlichen Verhältnissen des Erdtheils zu haben. Bei den Süugethieren 
lässt sich das Gesetz aber ebenfalls auf viele Sippen: Gattungen, an- 
wenden, so z.B. auf die Zuchse: Lynx; Füchse: Vulpes; Hasen: Lepus 
und andere. 

Die Fische der Flüsse Ost-Sudahns oder der Gegend, deren Fauna 
ich aufzähle, sind bis jetzt gar nicht, oder nur in sehr wenigen Arten 
wissenschaftlich bestimmt worden. Ich kenne sie nicht. 

Ungleich- zahlreicher als die Fische sind die ebenfalls an die Flüsse 
gebundenen Amphibien, welche wiederum von den Reptilien an Familien, 
Arten und Individuen übertroffen werden. Von ersteren kennt man bis 
jetzt einige Schleichen und Schwanzlurche: Apoda und Caudata. Die 
/roschähnlichen Thiere: Ecaudata sind ziemlich häufig, und zwar die 
ächten Frösche mehr, als die Aröten, Laubfrösche und Unken. Während 
der Regenzeit hört man in jeder Lache die bekannten Concerte dieser 
Thiere. 

Die Klasse der Z#eptilien zeichnet sich durch einen ausserordent- 
lichen Reichthum an Sauriern und Serpenien, und eine ebenso grosse 
Armuth an Cheloniern aus. Die Saurier, von der Rieseneidechse, dem 
Krokodil, an bis zu den Chironten und Schleichen herab, rasseln durch 
das Gras und das dürre Laub der Wälder in übergrosser Zahl. Auf 
dem Geäst der Bäume jagen die bedächtigen, langsamen Chamaeleonen, 
an kühlen, dunklen Orten (z. B. in Häusern, zwischen Felsenritzen, in 
Höhlen ete.) die nächtlich nur erscheinenden Gekonen den Insecten nach. 
Wenn man die ächten Zidechsen wegen ihres Farbenglanzes bewundert, 
gewinnt man die unschuldigen Uhamäleonen und Gekonen wegen ihrer 
Gemüthlichkeit lieb. Erstere lassen sich bis zu einem gewissen Grade 
zähmen, nehmen ihrem Wärter Insecten aus der Hand, erfreuen ihn 
durch ihr ewig wechselndes Farbenspiel, und sind mit einem Worte 


FOR... ER i 

recht artige Stubengenossen; nur leben sie leider nicht lange in der 
Gefangenschaft. Die Schnelligkeit der übrigen Familien dieser Ordnung 
scheint bei ihnen nur auf die unsteten, nimmer müden und von einan- 


der unabhängigen Augen, von denen sich eins in die Höhe richtet, 


während das andre zu Boden blickt, das eine sich rückwärts und das 
andere vorwärts dreht, oder still steht, während das andere sich bewegt, 
und auf die blitzschnell 5 Zoll weit aus dem Rachen hervorschiessende 
Zunge reduzirt zu sein. Man hat geglaubt, dass das Chamäleon seine 
Hautfarbe wechsle, um sie den es umgebenden Gegenständen zu accom- 
modiren. Ich bezweifle diese Meinung, weil sie nicht mit meinen Be- 
obachtungen übereinstimmt. Dagegen glaube ich bemerkt zu haben, 
dass Gemüthsbewegungen und Aeusserungen des Gemeingefühls, als 
Hunger, Durst, Bedürfniss nach Schlaf, Sättigung, Kitzel*) ete. wesent- 
lichen Einfluss auf die Farbenveränderungen des Thieres haben. — 
Die Gekonen haben zwar ein weniger hübsches Aeussere, als die Vori- 
gen — sie werden wegen ihrer mächtigen Gestalt und Farbe sogar oft 
für giftig gehalten und deshalb verfolgt —, besitzen aber viele Eigen- 
schaften, welche diesen Mangel vergessen lassen, und sie mindestens 
interessant machen. Mit dem Einbruch der Nacht verlassen sie ihre 
Schlupfwinkel und rufen laut und fröhlich ihren Namen: Geck, Geck; 
langsam schleichen sie hervor und wandern nach Beute im Zimmer 
umher. Ihre Klebefinger setzen sie in den Stand, senkrechte und wag- 
rechte Flächen, letztere von beiden Seiten, d. h. auch mit dem Rücken 
nach unten gekehrt, zu begehen; daher laufen sie mit aller Gemäch- 
lichkeit an der Zimmerdecke umher. Hände und Augen sind bei ihnen 
vorzüglich ausgebildet. Erstere besitzen 4 oder 5 breite Zehen mit 
querlaufenden Hautfalten und mittelgrossen Nägeln; letztere haben das 
Unheimliche der Augen aller übrigen Reptilien verloren, und einen 
sanften, wirklich lieblichen Ausdruck. 

Von den Warneidechsen: Monitores, finden wir den in Egypten ge- 
wöhnlichen Waran: M. niloticus, auch in den Urwäldern wieder. Er 
wird an menschenarmen Orten oft bis 8 Fuss lang und liegt während 
der Nachmittagsstunden sich sonnend an den Ufern der Ströme, in deren 
Fluthen er beim Erscheinen eines Menschen sogleich verschwindet. 
Obgleich seine langen Zehen keine Schwimmhäute haben, ist er doch 
ein trefllicher Schwimmer und Taucher. Wahrscheinlich lebt er eben- 
falls fast nur von Insekten. Seine Hautfarbe ist grünlich grau, er ist 
äusserst behend und eben so harmlos, als die übrigen ächten Eidechsen. 

Diese letzteren, wenn sie auch in den Wäldern gemein sind, ge- 
hören eigentlich der Steppe an, und sollen bei der Beschreibung dieser 
ihre Stelle finden. Die /yuanier und Cyelosaurier kommen in mehreren 
Gattungen vor. 


———nn 


*) Observavimus colorem Chamaeleonis in actu eoitus lacteam Äieri. 


Leider fehlt es in den Wäldern auch nicht an den gefährlichsten 
aller;Reptilien, den Schlangen. Es gibt Schlangen, deren Giftzahn einen 
Menschen binnen einer halben Stunde rettungslos tödtet, und welche 
ungeachtet ihrer Furchtbarkeit nur anderthalb Fuss lang sind; ich 
kenne sie nur aus den Beschreibungen der Eingebornen. Andere, z.B. 
die gefürchtete Zrillenschlange, werden vier bis sechs Fuss lang, und 
geben den Älapperschlangen an Bösartigkeit und Gefährlichkeit Nichts 
nach. Man ist vor diesen Ungeheuern keinen Augenblick sicher, weder 
im Walde, noch im Hause; sie besuchen selbst die Wohnungen der 
Städte. Unter die giftlosen Schlangen, die wahrscheinlich viel zahl- 
veicher sind, als die giftigen, ist die Assala der Eingebornen (eine Boa?), 
deren ich schon Erwähnung gethan habe. Kleine unschädliche Nattern 
sind gemein. — 

Von diesen unheimlichen Geschöpfen gehen wir um so lieber zu 
den lieblichsten aller Waldbewohner, den Vögeln, über, als sich gerade 
unter ihnen die schönsten und interessantesten Erscheinungen der Fauna 
Central-Afrikas befinden. Die Ornis der tropischen Wälder ist unge- 
mein reich an Arten und Exemplaren, zu denen sich noch während un- 
sers Winters die aus Europa kommenden Wandergäste gesellen. Es 
gibt gewisse Sammelplätze, d. h. holz- und wasserreiche Stellen in den 
Wäldern, die nahe an hundert Arten und eine nicht zu berechnende 
Individuenzahl von Vögeln beherbergen. Ohne sie, die lebensfrohen, 
munteren und stimmbegabten Thiere würden die Wälder ungeachtet 
ihrer übrigen Fauna todt sein. Sie sind es, welche durch ihre heitere 
Lebenslust erst das Leben der Wälder erwecken. Während die grös- 
seren Vögel, die gewöhnlich stumm sind, sich erst durch ihr Erschei- 
nen bemerklich machen, verkündigen die kleineren ihr Dasein lange 
vorher, ehe sie sichtbar werden. Ich habe das Bild der Vogelwelt zu 
schildern versucht, wie es sich uns beim ersten Eintritt in den Urwald 
darstellt, dringen wir jetzt etwas tiefer in diesen ein. 

Man kommt bei einer Trennung der Steppe und des Waldes oft in 
Verlegenheit, einem Thiere seinen richtigen Platz anzuweisen. Gerade 
im Sudahn sieht man häufig Steppenvögel in den Wäldern, welche 
Wasser enthalten, um dort zu trinken, während wiederum ächte Wald- 
bewohner sich zuweilen weit hinaus in die Chala verirren. Ich ziehe 
derartige Vögel dann zu dem Bereiche, welcher der Brutort derselben 
ist. Deshalb gehören die überall vorkommenden grossen und kleinen, 
langhälsigen und diekköpfigen Geier: Neophron, Gyps, Otogyps, Vultur, 
den Urwäldern an, weil diese ihren Horst enthalten. Wir kennen in 
Nord-OÖst-Afrika sieben Arten dieser überaus nützlichen und gewaltigen 
Thiere, wobei eine früher unbekannte Art, welche von mir entdeckt und 
benannt wurde, mitgezählt ist. Als vermittelndes Bindeglied zwischen 
ihnen und den Edeladlern: Aquila, findet sich der vollstimmige Seeadler 
Levaillants: Haliaötos vocifer, der Abu-Tohk der Araber, Er ist ein 


223 


prachtvoller Vogel, der seine nordischen Gattungsverwandten an 
Schönheit des Gefieders weit übertrifft, ihnen aber an Körpergrösse nach- 
steht. Der Kopf, Hals, die Kehle, der Nacken und Schwanz sind 
schneeweiss; Brust, Bauch und ein Theil des Flügels zimmtbraun, das 
‚übrige Gefieder schwarz. Man muss sich den Seeadler auf dem Wipfel 
eines grünbelaubten, dicht am Ufer eines Stromes stehenden Baumes 
denken, um sich von seiner erst dann hervortretenden Schönheit einen 
Begriff zu machen. Während unser Vogel in der Nähe der Menschen 
sehr scheu ist, schaut er in den Urwäldern dem Schützen dreist ins 
Rohr, und ist dort leicht zu erlegen. Er verzehrt nur Fische oder auf 
dem Flusse schwimmendes Fleisch; Vögel und Säugethiere scheint er 
nicht zu fangen; wenigstens habe ich gesehen, dass ein Regenvogel kühn 
genug war, mit ihm zugleich von einem Fische zu fressen. Seinen 
weitschallenden Ruf vernimmt man, ehe man ihn sieht. 

Unter den Zdeladlern fehlen die grossen nördlichen Formen, wie 
Stein- und Kaiseradler, und nur die Schreiadler, Europas finden in allen 
ihren sehr subtilen Arten und Unterarten, in den Raubadlern, von wel- 
chen wir drei Arten mit Bestimmtheit anzunehmen berechtigt sind, ihre 
Vertreter. Während des Winters begegnen wir auch Ponelli’s und dem 
gestiefelten Adler: A. Bonelli und pennata, in den Wäldern. Nur den 
Wäldern eigenthümlich ist die von Baron Müller entdeckte und nach 
mir benannte Aguwila Brehmii. Ziemlich südlich tritt zu den Genannten 
der Haubenadler Levaillants: Spizaötos. oceipitalis, ein kleiner schwarzer 
Adler mit hohen Füssen und kurzen Flügeln. Er ist ein gewandter 
Flieger, aber ein ziemlich. träger Vogel, der sich, wenn er aufgebäumt 
hat, stundenlang damit beschäftigt, seine aus drei bis vier Zoll langen, 
schwarzen Federn bestehende Haube aufzurichten und niederzulegen. 
Seine Erscheinung erinnert an den Habicht; diesem gleicht er auch an 
Kühnheit, denn er nimmt selbst die bissigen Erdeichhörnchen vom 
Boden auf, obgleich er sich sonst nur von Ratten und Mäusen ernährt. 
Die Afien lässt er, wie alle übrigen Adler, ungeschoren, weil er den ver- 
einigten Angriff einer ganzen Gesellschaft mit Recht fürchtet. Biswei- 
len, aber äusserst selten, verirrt sich auch unser Füschadler: Pandion 
haliaötos, bis in die Wälder des Sudahn. 

Der Naumann’sche Adlerbussard: Buteatos rufinus, welcher Egypten 
angehört, gelangt streichend, denn er wandert nicht, einzeln in unser 
Terrain, und findet dort drei seiner Verwandten, den Zuteo Augur , exi- 
mius und senegalensis. Die in Egypten häufigen Milane und Gleitaare: 
Milvus parasiticus und Elanus melanopterus scheinen die Wälder nicht 
zu lieben. 

Dagegen treffen wir die Zdelfalken und unter ihnen vorzüglich die 
Wanderfalken als sehr zufriedene Bewohner der Wälder. Unser Faleo 
peregrinus sieht sich auch manchmal in ihnen um, fliegt am blauen Fluss 
bis Rosseeres hinauf, beneidet seine Sippschaft um ihr sorgenfreies Le- 


end 


u 


ben, kehrt aber, weil er sich würdig vertreten sieht, bald wieder in 
seine nordischen Fichten- und Föhrenwaldungen zurück. Seine Reprä- 
sentanten sind der südliche Wanderfalke, der mittelafrikanische, Feldeggs'- 
und der Nackenfalke: Falco tanypterus, biarmieus, Feldeggii und cervi- 
calis, welche die tropischen Wälder selten oder nie verlassen. Man 
begegnet ihnen oft. Hoch oben auf den letzten Aesten einer Tabaldie sitzen 
sie und spähen nach Beute umher, stürzen, wenn sie dieselbe gewahren, 
blitzschnell herab, ergreifen sie und kehren langsamer zu ihrer Warte 
zurück. Der schönste Vogel dieser Gruppe ist der rothhälsige Falke: 
Falco ruficollis. Er ist die Zierde der Wälder und zeigt den Wander- 
falken in höchster Pracht; ist aber kleiner, als unser Baumfalke. An 
Kühnheit gibt er seinen Verwandten Nichts nach, an Schnelligkeit über- 
trifft er alle mir bekannten Falken. Ich habe unter seinem Horste den 
schnellsten aller Flieger: Oypselus parvus, gefunden und später gesehen, 
wie ein Falkenpaar einem dieser Segler so lange nachjagte, bis dieser 
von einem seiner Verfolger ergriffen wurde. Der Lieblingsaufenthalt 
dieses überaus zierlichen Vogels sind die Dulehbpalmen, auf deren brei- 
ten Blättern er seinen Horst erbaut und friedlich neben einer grossen 
Taube: Columba guinea, nistet. Seine Nahrung sucht er sich spielend. 
Wie ein Pfeil vom Bogen stürzt er sich unter einen der zahlreichen 
Webervogelschwärme, und weiss sich stets einen dieser Vögel, welcher 
zu seiner Sättigung für einen Tag ausreicht, zu verschaffen. Auch liebt 
er die höchsten Spitzen der Adansonien. Der merkwürdige Falco con- 
color ist eine ungleich seltenere Erscheinung. 

Im Winter kommen die Thurm- und ARöthelfalken: Cerchneis, in 
unser Revier, und werden dort, weil sie einzig und allein Heuschrecken 
verzehren, zu wahren Wohlthätern für dasselbe. Unsere Habichte und 
Sperber sind durch die ziemlich plumpe Form der Sippe Melierax, 
zu welcher der Singfalke gehört, vertreten. Im Sudahn kommen zwei 
Arten M. polyzonus und M. gabar vor; der erstere ist gemein. Ein wirk- 
licher Sperber ist der gewandte Nisus minulus, der aber höchst einzeln 
beobachtet wird. Das alte System stellte in die Nähe der Sperber noch 
einen der sonderbarsten Raubvögel Afrikas, den naktwangigen „Sperber“: 
Nisus gymnogenys, der in neuerer Zeit zum Typus des neuen Geschlechts 
Polyporoides erhoben worden ist. Er ist ein höchst auffallender Vogel 
mit ziemlich einfarbigem, blaugrauen Gefieder, sehr hohen Beinen und 
Flugwerkzeugen, die einen Adler durch die Lüfte tragen könnten, und 
scheinbar in gar keinem Verhältniss stehen zu dem schmächtigen Kör- 
per des Vogels. Sein Habitus erinnert lebhaft an die stets auffallend 
gestalteten Reptilienfresser, und in der That lebt er nur von diesen 
Thieren. Im Sudahn gehört er nicht unter die häufigen Raubvögel. 
Man sieht ihn zuweilen mit langsamen, trägen Flügelschlägen von einem 
Baume des lichteren Waldes oder der Steppe zum andern fliegen. Ueber 
seine Lebensart ist Nichts bekannt. 


225 


Die Weihen, das Bindeglied zwischen Falken und Eulen, gehören, 
obgleich sie auch in den Wäldern erscheinen, derSteppe an. Der Heuglin’- 
sche Circus Mülleri ist kein Weihe, sondern ein zwischen ihnen und den 
Bussarden stehender Vogel, den ich Heuschreekenbussard nennen möchte. 
Sein wahrer systematischer Name ist Poliornis rufipennis. Während der 
Regenzeit ist er auf allen Waldblössen gemein, maussert und frisst Heu- 
schrecken; mit dem Dürrwerden des Grases verschwindet er; Niemand 
weiss, wohin er geht. i 

Von den Eulen haben wir drei Arten aufgefunden, welche drei Ge- 
schlechtern angehören. An der Stelle unseres Uhu finden wir den Bubo 
/acteus, anstatt unserer Ohreule den Orus afrikanus; Otus leucotis dürfte 
unser Ofus brachyotos, die allerliebste Passerina pusilla unseren Zwerg- 
kauz vertreten. Europäische Gäste sind.in den Urwäldern die in der 
halben Welt herumwandernde kurzohrige Eule und eine Zwergohreule-: 
Ephialtes, welche sich wegen ihrer geringen Grösse specifisch von Z. SCOpS 
unterscheidet. 

Das Geschlecht der Ziegenmelker besitzt in Afrika zahlreiche Arten, 
die aber meist der Steppe gehören. In den Urwäldern ist der stufen- 
schwänzige Ziegenmelker: Caprimulgus climacurus, und der „Vogel mit 
vier Flügeln“: C. longipennis, heimisch; unser €. europaeus erscheint jeden 
Winter als Gast. Der stufenschwänzige Ziegenmelker sitzt halbgeschlos- 
senen Auges, mit plattgedrücktem Körper unter den niederen Mimosen- 
büschen und lässt den Jäger nahe herankommen, weil er von diesem 
übersehen zu werden glaubt. Zur Paarungszeit schnurrt er ebenso ge- 
müthlich als unser europäischer Nachtschatten, und hat desshalb von 
den Arabern den Namen Ahurre erhalten. Im Fluge nimmt er sich 
prachtvoll aus; sein Stufenschwanz schwimmt wie die Schleppe eines 
Gewandes durch die Lüfte. Den Vogel mit vier Flügeln sah ich nie, 
weil er erst unter dem elften Grade vorkommt; aber Alle, die ihn sahen, 
stimmen darin überein, dass es keine phantastischere Erscheinung geben 
kann, als diesen Vogel, wenn er liegt. Er ist klein (nur 8% lang) be- 
sitzt aber an den Spitzen der F lügel eine sechzehn Zoll lange, nackte 
Feder an deren Ende sich breite Barten befinden. Diese Anhängsel 
müssen beim Fluge allerdings als zwei andere Flügel erscheinen. 

Als Repräsentant unseres Mauerseglers, welcher die Urwälder nur 
auf seinem Zuge berührt, sieht man den schon genannten Cypselus par- 
vus, zu dem südlich des 14.0 noch der C caffer hinzutritt. Letzterer 
nistet wie die Uferschwalben in selbst gegrabenen Höhlen, welche er an 
steilen Uferstellen anbringt. An der Stelle unserer Rauchschwalbe fin- 
det sich die rothstirnige Glanzschwalbe: Ceeropis rufifrons, anstatt unserer 
Uferschwalbe die kleinere Cotyle palustris. 

Die farbenprächtigen Bienenfresser zählen fünf einheimische Arten, - 
welche von den europäischen: Merops apiaster und M. Savignyi auf 
ihrem Zuge besucht werden. Unter den ersteren zeichnet sich U. super- 


Allg. deutsche naturhist, Zeitung. 1. 17 


226 


bus durch seine Grösse und Schönheit, M. Bulockiü durch sein lebhaft‘ 
gefärbtes Gefieder aus. Die Zienenfresser tragen wesentlich zur Beleb- 
ung der Wälder bei. Pärchenweise sitzen die Vögelchen auf hervorra- 
genden niederen Aesten und rufen von Zeit zu Zeit ihr, allen gemeinsa- 
mes Guep, Guep — welches ihnen ohne Zweifel ihren französischen 
Namen Guepier verschafft hat — bis sie ein fliegendes Insekt erspähen, auf 
das sie sich mit grosser Schnelligkeit stürzen. Ihre Gesichtsschärfe ist 
ausserordentlich, sie nehmen selbst kleine Insekten bis auf hundert Fuss 
Entfernung wahr. Während der eine Gatte seinem Raube nachfliegt, 
bleibt der andere ruhig sitzen; ich habe nie gesehen, dass zwei Bienen- 
fresser um die Beute gestritten hätten. Sie sind verträgliche, höchst ge- 
sellschaftliche und liebenswürdige Vögel, welche den Beschauer ebenso- 
sehr durch ihr schönes Federkleid, als durch ihr Betragen erfreuen. 

Unter den Eisvögeln treten in den Urwäldern jene merkwürdigen 
Formen auf, welche die Systematiker Dacelo und HYaleyon genannt haben. 
Die Ornis Centralafrikas zählt mehrere Arten derselben, welche sämmt- 
lich mehr dem Lande, als dem Wasser angehören und, anstatt der Fische, 
Insekten fangen. An unseren Eisvogel erinnert die wunderschöne Alcedo 
coeruleocephala, welche sich von ersterem durch viel geringere Grösse 
— sie ist nur halb so gross — und eine prachtvolle Federholle, welche 
sie ausbreiten und erheben kann, unterscheidet. Der gescheckte Eisvogel 
Egyptens: Ceryle rudis, ist hier seltener, als am Nil. 

Unser Kukuk ist wie der südeuropäische Strausskukuk nur Gast in 
den tropischen Wäldern. Von den einheimischen Arten dieser Familie 
haben wir vier aufgefunden, unter denen der Goldkukuk: Chal- 
cites auratus, der schönste ist. Er hat ungefähr die Grösse und Ge- 
stalt unseres Wendehalses; sein -Purpurgefieder wetteifert mit dem der 
Glanzdrosseln und Honigsauger an metallischem Glanz und an Farbe, 
Centropus senegalensis, ein unscheinbarer, selbst brütender Kukuk, der 
beständig nach Ameisen stinkt, weiss die dichtesten Gebüsche der Ur- 
wälder mit derselben Leichtigkeit, wie in Egypten die Rohrdickichte 
zu durchschlüpfen. Centropus caffer und €. supereiliosus lieben mehr die 
freieren Waldparthien. 

Zu den gemeinsten Waldvögeln Ost-Sudahns gehört die abyssinische 
Mantelkrähe: Coracias abyssinica, welche die unsrige mit kleinerem 
Körper, aber in höherer Ausbildung darstellt. Ihr Schwalbenschwanz, 
dessen äusserste Steuerfedern um 4 Zoll verlängert sind, und ihre inten- 
siveren Farben unterscheiden sie leicht von dieser. Die kordofanischen 
Wälder behergen eine ungleich seltenere Art der Mantelkrähe, die 
Ü. naevia. 

Hedenborgs Wüstenrabe: Corvus umbrinus, ist auch im Sudahn, die 
weissbrüstige Krähe: aber C. scapulatus, häufiger als er. Südlich des 
130 begegnet man zuweilen dem äusserst vorsichtigen Corvultur erassi- 
rostris, einem ziemlich grossen Raben mit geierartigem Schuabel, 


227 

Die Nashornvögel: Buceroditae treten in zwei Sippen auf; Bucorvus 
und Tockus. Von ersteren. kommt nur eine Art, der fast die Grösse 
eines Truthahns erreichende, höchst vorsichtige und ziemlich seltene 
B. abyssinicus vor; von letzteren sind zwei Arten, 7. erythrorhynchos und 
T. nasutus, gemein. Es sind phantastische Vögel mit komischen, ernst- 
haften Bewegungen und Manieren. Im Fluge strecken sie den Hals 
lang aus und stürzen sich, nachdem sie einige Fügelschläge gethan ha- 
ben, in einem tiefen Bogen nach unten, erheben sich aber bald wie- 
der zu der früheren Höhe. Ihr Flug ist der der Spechte, ihr Gang der 
der Raben. Sie fressen Früchte, Insekten und Sämereien, und sind 
höchst gutmüthige Thiere, 


Schon @loger bemerkt, dass die Wälder mit harten Holzarten arm 
an. Spechten sind. Im Sudahn finden wir nur drei Arten dieser Wald- 
trommler: Picus aethiopieus, P. poicephalus und P. Hemprichii, von denen 
keine unsern ?. major an Grösse übertrift. Während die südamerika- 
nischen Spechte zum Theil ein prachtvolles Gefieder haben, besitzen 
sie ein sehr unscheinbares Federkleid. Sie ähneln in ihrem Betragen 
unsern Buntspechten. 


Centralafrika ist wie an Papageien, so an Bartvögeln arm; die tro- 
pischen Wälder beherbergen von ersteren nur Palaeornis cubicularis 
und P. Mayeri ARüppels; von letzteren nur zwei Sippen, Trachyphonus 
und Zaimodon. T. margaritatus scheint die Steppe mehr zu lieben, als 
seine Verwandten; er ist in Kordofahn gemein, während er an den Ufern 
der Ströme zu den Seltenheiten gezählt werden muss. Von dem Ge- 
schlecht Laimodon haben wir drei Arten: L. senegalensis, brifenatus und 
haematops, aufgefunden. Die Bartvögel lieben die dichtesten Baum- 
wipfel, in denen sie kaum zu entdecken sind. Sie sitzen dort lange 
Zeit ruhig auf einem Aste und singen, wenn man das Ausstossen ein- 
zelner Töne Singen nennen will. 


In Egypten ist der Wiedehopf ein häufiger Vogel, im Sudahn ver- 
schwindet er fast gänzlich. Dort scheint ihn eine ihm entfernt ähnliche 
Form, Promerops, welche ich Baummwiedehopf nennen möchte, zu vertre- 
ten. Diese zählt drei Arten: ?. erythrorhynchos. cyanomelas und minor, 
von denen die erste die häufigste ist. Die Baumwiedehöpfe haben den 
bekannten, sprichwörtlich gewordenen Geruch unserer Upupa epops, 
sind ebenso lebhafte, aber weit lautere Vögel, als er. Man sieht sie in 
kleinen Gesellschaften baumläuferartig an den Stämmen der Mimosen 
herumklettern und hört von Weitem ihre ununterbrochene Unterhaltung. 
In den von Menschen fernen Wäldern sind sie dummdreist und wissen 
nicht, was Gefahr ist. Der Jäger kann einen nach dem andern herab- 
schiessen, ohne die Gesellschaft zu zersprengen. Die Lebenden umiflie- 
gen die Gefallenen mit lautem Beifallsgeschrei und setzen sich, ohne diese 
zu verlassen, dem Tode aus. Die letztgenannten Arten leben paarweise 

Wi 


228 


Amerikas Colibris finden ihnen ebenbürtige Vertreter in den Honig- 
saugern, von denen wir drei Arten kennen gelernt haben. Sie sind 
häufig und der Schmuck aller Wälder und blüthenreicher Gärten. Sie 
wissen ihre metallisch schimmernden Farben immer im günstigsten Lichte 
zu zeigen. Ihr Betragen ähnelt dem unserer Goldhähnchen. Sie kom- 
men mit leisem, immer wiederholtem Lockrufe zu den ":lüthen, hängen 
sich an die Zweige und tauchen ihre Spechtzunge tief in die Blumen- 
kelche, um von deren Nektar zu naschen. Dabei verschmähen sie aber 
auch kleine Insekten nicht. Sie sind ungemein muntere, intelligente 
Vögelchen. 

Neben wirklichen Fliegenfängern: Museicapa, zu denen mehrere 
europäische Arten als Wintergäste kommen, beherbergen die Urwälder 
zwei ihnen eigenthümliche Formen: Muscipeta und Dierurus. Erstere 
hat zwei prächtige Arten, bei denen die Schwanzfedern und Schwanz- 
deckfedern eine Länge von 6 — 8 Zoll erreichen. Es sind kleine Vögel 
mit seidenartigem Gefieder und stahlblauer Unterseite. Bei der W. me- 
lanogaster ist der hücken und der Schwanz zimmtbraun, der bebuschte Kopf 
dunkelblauschwarz; bei 7. superba schneeweiss. Beide ähneln unsern 
behenden Fliegenfängern nicht, sondern sind still und träge. 

Die würgerartigen Vögel: Laniadae, zeichnen sich durch einen Reich- 
thum von Sippen aus; fast jede Art der in den Urwäldern vorkommen- 
den Würger gehört einer besondern Untergattung an. Unsere europäi- 
schen Würger sind Wintergäste. Wir haben im Ganzen 14 Würgerarten, 
— von denen vier noch unbekannt waren, aufgefunden, und zweifeln nicht, 
dass die Wälder noch mehr Arten beherbergen. Von ihnen sind zwei 
Arten durch Farbe oder Gestalt ausgezeichnet: der Zaniarius erythrogaster 
durch die Pracht seines Gefieders und Prionops ceristatus wegen seines 
Kopfschmuckes. Er trägt einen helmartigen Federbusch auf dem Kopfe, 
welchen er kronenartig ausbreiten oder zu einem schmalen Kamm zu- 
sammenlegen kann und ist besonders desshalb merkwürdig, weil sich bei 
ihm die Bindehaut der Augenlider nach Aussen umstülpt und in Ver- 
bindung mit der äussern Haut einen freien in mehrere Lappen zerspal- 
tenen, lebhaft gelb gefärbten Kranz bildet, eine Erscheinung, für welche 
ich in der Vogelwelt kein zweites Beispiel kenne. 

Die Ordnung der Dickschnäbler: Loxiadae, zählt in unserm Gebiet 
verhältnissmässig wenige Familien. Grosse Finken fehlen; die eigent- 
lichen Fringilliden fallen vielmehr wegen ihrer geringen Grösse auf. 
Ein ächter Kernbeisser ist Coccothraustes fasciatus, ein niedliches Vögel- 
chen; das Männchen unterscheidet sich von dem Weibchen durch ein 
purpurrothes Halsband und dunklere Färbung des Gefieders. Er hat 
die Grösse des Zeisigs und besitzt glatte, kurze Federn. Sein Gesang 
ist einfach, aber ebenso gut, als der des C. cantans, eines noch kleineren 
Vogels, welcher sich selbst in den wüstesten Gegenden jener Länder 
gern aufhält. Sehr selten begegnet man einem kleinen, wahrscheinlich 


noch unbekannten Steinsperlinge — von Peironia petronella scheint er ab- 
zuweichen —; die plumpe Pyrgita Smwainsonü ist häufiger. Der Haus- 
sperling der sudahnesischen Walddörfer zeigt unsere P. domestica in hö- 
herer Färbung; wir haben sie ?. rufidorsalis genannt. Ein ganz ächter 
"Sperling ist die bisher der Gattung Serfinus zugezählte ?. Zutea: (Lichtnst.) 
welcher im Niederholz und in der Steppe in grossen Flügen vorkommt 
und ganz das Wesen und Geschrei unseres Feldsperlings hat, obgleich 
er einem gezähmten Kanarienvogel ähnlicher sieht, als diesem. Der 
Sippe 4strilda gehören mehrere äusserst niedliche Finken an, welche 
sich durch Farbenschmelz und herrliche Vertheilung der Farben hervor- 
thun. 4A. minima liebt die Dörfer, A. cinerea die Gärten, die 6 — 8 andern 
Arten dieser Untergattung sind Waldbewohner. Zu den finkenartigen 
Vögeln zählen wir auch die Wittwen: Vidua, kleine schöngefärbte Vögel- 
chen, bei denen vier Schwanzdeckfedern eine abnorme Grösse erreichen. 
Die Männchen tragen diesen Schmuck vor der Paarungszeit, verlieren 
ihn aber, noch ehe ihre unscheinbaren Jungen flügge geworden sind. 
Im Sudahn leben zwei Arten, die ziemlich gemeine V. paradisea und 
die seltenere V. erythrorhyncha sive serena. Der Flug der Wittwen 
hat etwas Schwerfälliges, zumal bei heftigem Winde; dann ist das Thier- 
chen nur fähig, diesem entgegen zu fliegen, .. weil sich der Wind bei 
jeder andern Richtung in dem Federgebäude verfängt. 


Neben den Finken beobachten wir zwei Ammerarten, von denen die 
eine Emberiza. caesia, auch in Europa vorkommt. Unsern Goldammer 
vertritt die prächtige Z. faviventris, ein kleines Vögelchen mit hochgel- 
bem Unterkörper und bräunlichem Rücken. Die erstere ist ziemlich 
häufig, letztere seltener. 


Auf den Waldblössen trifft man auch Lerchen an. Im Winter er- 
scheint eine, von der griechischen Melanocorypha Calandra abweichende, 
etwas kleinere Kalanderlerche, die 7. rufescens Ldg. Brehm, in Flügen in 
den Wäldern; 7. dDrachydactyla ist zu derselben Zeit oft in Schwärmen 
von Tausenden zu sehen. Alle übrigen Lerchenarten des Sudahns gehö- 
ren der Steppe an. 


An den Ufern der Ströme sieht man während unsrer Wintermonate 
die Schafstelzen: Budytes, in grosser Anzahl neben und unter den Vieh- 
heerden. Die erst in neuerer Zeit in mehrere Arten getrennten Thier- 
chen überwintern zwar auch schon in Egypten und warten dort den Akt 
der Mauser ab; jedoch scheinen die Meisten bis nach dem Sudahn zu 
wandern. Wir haben die von meinem Vater aufgestellten Arten ohne 
Ausnahme im Sudahn gefunden, neben. ihnen aber auch noch bisher 
unbekannte entdeckt. Im Ganzen kennen wir acht verschiedene Arten 
der Schafstelze, welche in Nord-Ost-Afrika ihren Winteraufenthalt neh- 
men. Zu derselben Zeit bemerkt man auch unsere weisse Bachstelze 
an den Strömen. Die dort einheimische Bachstelze heisst MWotacilla 


aD 


Lichtensteinii und findet sich überall, wo Felspartien das Bett der Flüsse 
begrenzen, oder in dasselbe hineintreten. Zn 
Von unsern Sängern erscheinen die bekanntesten fast ohne Aus- 
nahme zur Winterzeit im Sudahn, welcher so arm an ihnen ist, dass 
wir bis jetzt nur zwei Arten von ihnen, d. h. den eigentlichen Sylvien, 
kennen gelernt haben, die jahraus jahrein dort leben. ; 

Ein guter Sänger der Urwälder ist der überall vorkommende Dross- 
ling: Pyenonotos obscurus, der einzige Gartensänger jener Länder. Die 
ihm nahestehenden Drosseln fehlen; einige Arten erscheinen auf dem 
Zuge. Unsrer Amsel ähnelt der ebenfalls singende Cereotrichas erythrop- 
terus, ein fröhliches, munteres Vögelchen, welches die niederen Gebü- 
sche bewohnt. Diese werden auch von einem ganz merkwürdigen Vo- 
gel, dem mäusegrauen Crateropus leucocephalus, den höheren Bäumen 
vorgezogen und eifrig nach Insekten durchsucht. Lärmend durch- 
schlüpfen dieselben auch die dichtesten Dornengehege und begrüssen 
den Jäger mit nie enden wollendem Geschrei. Sie halten sich in Gesell- 
schaften zusammen und sind häufig. 

Unsre hübschen geschwätzigen Meisen haben in Nord-Ost-Afrika nur 
einen Vertreter, Parus leucomelas, ein ganz seinem Namen entsprechend ge- 
zeichnetes Vögelchen, an welchem man jene Behendigkeit und Leben- 
digkeit, welche unsere Pariden auszeichnet, vermisst. Wir haben ihn nur 
wenige Male beobachtet. 

Um so zahlreicher an Arten und Individuen sind die Tauben. In 
den Urwäldern verschwinden die in Egypten häufigen Felsen-, Turtel- 
und aegyptischen Tauben: Columba livia, turtur und aegyptiaca, aber viele 
neue Aten treten an ihre Stelle. Die schöne C. guinea ist die grösste 
Taube der Tropen, die C. chalcopsilos die kleinste. C. (Oena) capensis, 
die Papageitaube, erscheint oft in den Gärten der Städte und Dörfer; 
die Lachtaube: ©. risoria, ist gemein und schlägt sich zu gewissen Zei- 
ten in Flüge von Tausenden zusammen, welche dann die trockensten 
Stellen der Wälder aufsuchen; eine ihr sehr ähnliche, grössere Taube: 
C. semitorguata, liebt mehr die Ufer der Flüsse, die papageigrüne €. abys- 
sinica erwählt die dichtesten, ächt tropischen Waldpartieen. Letztere 
zeichnet sich durch ihr lebhaft gefärbtes Gefieder, die Papageitaube 
durch ihre auffallende Gestalt, die „erzgefleckte “ Erdtaube durch ihre 
Zierlichkeit vor der übrigen Sippschaft aus; alle drei sind ein wahrer 
Schmuck der Wälder. Man findet die abyssinische Taube südlich des 
13° n. Br. paarweise ziemlich häufig in den Waldungen; ihr grünes 
Federkleid erregt unsre volle Bewunderung, aber dennoch wissen wir 
nicht, ob wir nicht lieber der Papageitaube mit ihrer schönen schwar- 
zen Kehle auf dem lichten Grunde, mit den zimmtbraunen Unterflügeln 
und dem sehr langen, stufenförmigen Schwanze den Vorzug geben sol- 
len. Nur der Schnabel, die Füsse, Flügel und die Beschaffenheit der 
Federn erinnert noch an eine Taube; ihr Totalhabitus ist ein ganz 


231 


eigenthümlicher, uns Nordländern völlig fremder. Der kaum mehr äls 
lerchengrosse Körper trägt einen Schwanz, der mindestens ebenso lang 
ist, als jener. Noch kleiner und fast noch zierlicher ist die Erdtaube. 
Man hört kurz nach der Regenzeit ihr, zu einem nur wenig modülir- 
ten Rufe verkümmertes Rucksen in den dichtesten Gebüschen erschal- 
len, und gewahrt bei einem aufmerksamen Spähen die zierliche, auf 
einem niederen Zweige, im tiefsten Dunkel sitzende Taube in trauter 
Gemeinschaft ihres Weibchens, dem das Männchen seine Liebesseufzer 
spendet. Das sind gar freundliche Bilder aus der Vogelwelt, an die 
man sich nach Jahren noch gern erinnert. 

Perlhühner und Frankoline sind ächte Waldbewohner. Erstere sind 
südlich des 150 überall gemein. In einsamen Gegenden haben wir 
Kitts von 50 und 60 Individuen bemerkt. Sie sind wenig scheu und 
immer eine sichere Beute des Jägers, welcher den schmetternden Lock- 
ruf des Hahns schon vom Weiten vernimmt. Die Frankoline leben nur 
in kleinen Familien und sind seltner als jene. 

Wie die Hühner, lieben auch einige Sumpfvögel unser Gebiet. So 
begegnen wir zwei Arten von Dickfüssen: Oedienemus; einem Rennvogel: 
Cursorius; und einem Lappenkiebitz: Lobivanellus in den Waldungen, 
selbst auf den trockensten Stellen. Zu ihnen gesellt sich der die Hüh- 
ner mit den Kranichen verbindende Pfauenkranich: Balearica pavonina, 
welcher nur dann an den Fluss kommt, wenn er trinken will, während 
die zur Winterszeit häufigen numidischen und grauen Kraniche den Strom 
nur verlassen, um sich auf der Tafhera ihre Nahrung zu suchen. 

Die Familie der Reiher zeigt uns in den tropischen Wäldern alle 
europäischen Formen, einige europäische Reiher, z. B. der Nachtreiher 
und der Fischreiher erscheinen dort sogar in höchst eigner Person. Ich 
nenne von den 10 Reiherarten, die wir in unserm Revier bemerkt haben, 
nur zwei, den Riesenreiher : Ardea Goliath ; und die allerliebste A. Sturmii, 
weil diese mir die merkwürdigsten zu sein scheinen. Der erstere ist 
in der That ein Goliath; er ist doppelt so gross, als unser Fischreiher, 
besitzt einen mächtigen Schnabel und einen Schlund, in welchen man 
die geballte Faust einschieben kann. Seine Trägheit wird ihm nur 
wegen seiner grossen Vorsicht ungefährlich; noch scheuer als der Fisch- 
reiher, entfliegt er dem herannahenden Jäger schon aus grosser Ent- 
fernung und wird selten seine Beute. Bei all’ seiner Plumpheit ist er 
nicht schmucklos, sondern trägt ein ziemlich lebhaftes Federkleid; der 
Hals und Unterkörper sind zimmtbraun, der Rücken reihergraublau. 
Wir haben bei keinem andern Reiher ein so starkes Abfärben des wie 
Duft auf dem Gefieder liegenden Farbenstaubes bemerkt, als bei ihm. 
Ganz das Gegenstück zu dieser wirklich imposanten Erscheinung ist 
die kleine, unscheue A. Sturmii. Sie ist unstreitig einer der schönsten 
Vögel dieser Gruppe. Der Oberkopf und Rücken sind stahlgrün, letz- - 
terer ist mit langen, schmalen Federn bedeckt; Brust und Bauch sind 


grau, die Füsse gelb, der Vorderhals rostfarben, der Schnabel schwarz. 
An Grösse gleicht sie der südeuropäischen A. ralloide.. Man findet 
Sturms Reiherchen in den Gebüschen an den Ufern der Ströme und 
Chuahr, wo es geschickt zwischen den Aesten und Wurzeln durch- 
schlüpft, um kleine Fische, Insekten und Weichthiere zu erhaschen. 

Zu den reiherartigen Vögeln stellt das System die merkwürdige 
Form Scopus, von welcher wir eine einzige Art, Se. umbretta, in den 
Urwäldern aufgefunden haben. Es ist ein merkwürdiges, rabengrosses 

“Thier mit mittellangen Reiherbeinen und starkem, stumpfen Schnabel; 
‚ wie sein Name andeutet, von düsterer, brauner Färbung. An der Stelle 
unsers Löfflers tritt die Platalea tenuwirostris, Temm, ein kleinerer Vogel, 
als unsere Pl. leucorodia, auf, welcher sich auch durch seine nackte 
Stirn und die carminrothen Füsse hinlänglich von dieser unterscheidet. 
Unsere Störche kommen auf ihrem Zuge dort vor, neben ihnen aber 
auch noch zwei einheimische Arten, die Ciconia Abdimü und C. leucoce- 
phala. Der Klaffschnabel: Anastomus lamelligerus, ein mittelgrosser, 
storchartiger Vogel, ebenso auffallend wegen seines nur an den Spitzen 
sich berührenden Schnabels, als wegen der in hornähnlichen Plättchen 
endigenden Federn der Brust und des Rückens, ist nicht selten, und 
einigt sich oft in Schaaren von mehreren Hundert Individuen. Hierher 
sind auch die Marabu- und Sattelstörche: Leptoptilus Argalla und Mye- 
teria ephippiorhyncha; sowie die Nimmersatte: Tantalus Ibis zu zählen. 

Der heilige Ibis hat noch einen Gattungsverwandten in dem Harpi- 
prion Hagedasch, welcher sich durch seine metallisch schimmernden 
Flügeldeckfedern bei günstiger Beleuchtung schon aus grosser Entfern- 
ung kenntlich macht. Sein Geschrei ähnelt dem Wehklagen eines Kin- 
des: man hört es auf eine. Viertelstunde weit. Im Winter erscheint 
sehr einzeln auch der ungarische Fuleinellus iqneus an den Strömen der 
Wälder Central-Afrikas, doch ist er auch schon in Island geschossen 
worden. 

Esyptens @oldschnepfe: Khynchaea variegata sive capensis; die 
„Beccacina dorata“ der Italienischen Jäger Unteregyptens, kommt mit 
unsern /Jleerschnepfen einzeln, aber regelmässig während des Winters 
an den Regenteichen der tropischen Wälder vor. Dort haben wir auch 
die Parra afriecana beobachtet, ein’ schöngezeichnetes, rallenähnliches 
Thier, mit so langen Zehen, dass es über eine Teichlinsendecke laufen 
kann, ohne ins Wasser einzusinken. 

Die Flüsse des Sudahn beherbergen drei Arten von Gänsen, welche 3 
verschiedenen Sippen gehören. Die Sporengans: Plectropterus melano- 
notus; brütet mit der kleinen Sarcidiornis melanonotos an den Regen- 
teichen; eine Art der Nilgans: Chenalopex egyptiaca, nistet auf Bäumen, 
an den Ufern der Ströme oder in überschwemmten Waldpartien; sie ist 
viel kleiner als die in Egypten vorkommende Art und specifisch von 
ihr verschieden. Neben den auf dem Zuge vorkommenden europäischen 


233 
Enten haben wir nur eine einzige einheimische Entenart, die Anas (sehr 
mit Unrecht Dendrocygna genannt) viduata aufgefunden. Die Wittwen- 
oder Schleierente ist südlich des 140 gemein. 

Mehrere Arten von Seeschwalben verfolgen von Egypten aus den 
Lauf des Nils und vertheilen sich an den Strömen des Sudahn. Wäh- 
rend die fischraubende Sterna caspia dieselben nie verlässt, sondern mit 
abwärts gerichtetem Kopfe beständig über ihrem Wasserspiegel herum- 
fliegt, besuchen die englischen: St. anglica; weissbärtigen: St. leucopa- 
reia und weissflügeligen: St. leucoptera in Schaaren die Waldblössen und 
Steppen, um dort Heuschrecken zu fangen. Der den Seeschwalben nicht 
unähnliche Scheerenschnabel ist unter ersteren das, was die Eulen unter 
den Falken sind, ein nächtlicher Vogel. Mit Beginn der Dämmerung 
verlässt er die Sandbänke, auf denen er den Tag über regungslos mit 
plattgedrücktem Leibe lag, und fliegt unter schwermüthigem Rufe — 
welcher überhaupt allen nächtlichen Vögeln eigenthümlich zu sein scheint 
— dicht auf der Oberfläche des Wassers dahin. Dann und wann senkt 
er seinen Unterschnabel in die Wellen, als wolle er sie pflügen, wahr- 
scheinlich um Insekten zu finden. In der Zeit des niedrigsten Wasser- 
standes, April, Mai, Juni, gräbt er sich flache Löcher in den Sand und 
legt in diese seine 3 bis 4 graugrünlichen, mit braunen Puncten und 
Flecken besprengten Eier. Der Scheerenschnabel ist sehr gesellig und 
hält sich immer in Flügen von 20 bis 100 Individuen zusammen. Man 
findet ihn von dem 20° an an einzelnen Stellen. 

Grössere oder kleinere Schaaren von Pelekanen sind stetige Gäste 
der Urwälder; hier und da begegnet man wohl auch einer Scharbe. 
Von ersteren kommt Pelecanus minor von Egypten herauf; eine von uns 
nur einmal in einem grossen Fluge bemerkte Art scheint dort heimisch 
zu sein. Wir haben sie wegen ihrer aussergewöhnlichen Grösse P. gi- 
ganteus genannt. 

An die Scharben schliesst sich der zierliche Scehlangenhalsvogel: Plotus 
Levaillantii, an, mit dem ich meine Aufzählung der Vögel beendige. Sein 
Name, welcher ihn zuerst von den Hottentoten gegeben sein soll, ist 
einer der bezeichnendsten, welche ich kenne. Der Hals hat schon in 
seiner Färbung grosse Aehnlichkeit mit einer Schlange, aber erst wenn 
man den Vogel schwimmen sieht, tritt diese recht eigentlich hervor. 
Er ist einer der gewandtesten Schwimmer, welche es gibt. Schon wenn 
er ruhig dahin schwimmt, ragt nur der dünne Hals iiber die Oberfläche 
des Wassers hervor, der übrige Körper ist ganz vom Wasser bedeckt, 
unsichtbar und fast unverwundbar. Unser Vogel schwimmt aber nur selten 
so, dass er überhaupt sichtbar ist. Gewöhnlich schwimmt er „entre deux 
eaux“ d. h. zwischen dem Grunde und der Oberfläche des Wassers. 
Hierbei bewegt er seinen dünnen Hals wie eine Schlange nach allen 
Richtungen, um hier oder da etwas Geniessbares zu erspähen. Auf 
die Sandbänke setzt er sich gern mit ausgebreiteten Flügeln, als wolle 


er mit einer gewissen Gefallsucht seine ganze Pracht entfalten. Er ge- 
hört in der That zu den Prachtvögeln. Die ganze Vorderseite ist mit 
schwarzen, dichten, sammetweichen Federn bedeckt, die Flügel sind 
schwarz, werden aber durch schmale, lange, wie mit Silberstreifen be- 
säumte Federn gar sehr geziert. Der Rücken ist mit braunen, grau 
und schwarz gestreiften Federn, der Hals mit kurzen, wolligen, braun, 
grau und weiss gefärbten Federchen bekleidet. Da die Wasserjagd 
des. Schlangenhalsvogels zu schwierig ist, schiesst man ihn am Besten 
auf Bäumen, welche er zu seiner Nachtruhe erwählt hat, und mit Son- 
nenuntergang regelmässig besucht. 

Ungleich ärmer als die Klasse der wanderungsfähigen Vögel ist die 
der Säugethiere, sowohl an Arten, als einzelnen Individuen. Und den- 
noch sind die tropischen Wälder wiederum verhältnissmässig reich an 
Säugethieren, unendlich reich z. B. im Vergleich zu Deutschlands Wald- 
ungen, Der furchtbare afrikanische Büffel: Zos caffer, durchzieht unser 
Gebiet in grösseren und kleineren Trupps; er ist ebenso gefährlich als 
die Raubthiere jener Länder, ein Schrecken der Eingebornen. Sehr 
viele, zum geringsten Theile noch bekannte Antilopen kommen aus der 
Steppe fortwährend in die Wälder herein, mehrere Arten scheinen so- 
gar letztere der ersteren vorzuziehen. So ist die Antilope saltatrix am den 
Ufern des blauen Flusses eine ziemlich häufige Erscheinung; A. 0a- 
ama, der Tetal der Eingebornen, wird ebenfalls oft genug bemerkt. In 
den Gebirgen Tukheles lebt ein wildes, braunes Schaf mit löwenartiger 
Mähne; em solches erhielten wir von einem Türken und besassen es 
längere Zeit lebend; es ist meines Wissens noch gänzlich unbekannt. 
Hirsche fehlen. Gegen die Steppe hin zeigen sich noch andere Wieder- 
käuer; die langhälsige Giraffe ist keine Seltenheit. 

Alle Berichte der Eingebornen lauten übereinstimmend, dass in den 
inneren Steppenwaldungen eine Art wilder Esel vorkommt. Ich habe 
nie ermitteln können, ob dieses Thier der Zguus zebra oder E. Burchellü 
ist. E. quagga soll nur in Südafrika leben, weil ich nicht einmal ein 
Fell des fraglichen Einhufers gesehen habe. Man erzählt sich viel von 
der unbändigen Wildheit des Humahr el Chala, oder Steppenesel, wie 
ihn die Araber nennen, obgleich sie stets bemerken, dass er mehr ein 
Bewohner der Wälder, als der Steppe sei. Gewöhnlich wird das Land 
Tahka, genannt, wenn man nach dem Aufenthalte des wilden Esels fragt. 

Afrika zählt, bekanntlich die meisten Familien der Dickhäuter. Süd- 
lieh des 14° tritt der gewaltige Zlephant: Elephas africanus, als stetiger 
Waldbewohner auf. Er durchzieht grosse Strecken in zahlreichen Her- 
den, und er ist es, welcher die diehtesten Waldpartieen gangbar macht. 
Der Führer der Herde bricht sich durch das von Dornen und Schling- 
pflanzen verwachsene, für alle übrigen grossen Thiere undurchdringliche 
Dickicht Bahn, bricht mit seinem kräftigen Rüssel die starken Aeste 
und, schwachen Zweige ab, um erstere neben seinen Weg zu: werfen, 


235 


und letztere zu verspeisen; hinter ihm her traben die übrigen Glieder 
der Herde und vernichten mit ihren plumpen Füssen oder dem ge- 
schickten Rüssel alle übrigen Hindernisse; 10 bis 15 Elephanten hinter- 
lassen nach einem einmaligen Durchzuge eine Strasse. Diese wählt dann 
das zur Nachtzeit den Fluthen entsteigende Nilpferd: Hippopotamus 
amphibius, zu seinen Weidegängen, in ihnen bewegt sich das blind- 
wüthende Nashorn: Rhinoceros afrikanus, jenes furchtbare Thier, wel- 
ches keine Feinde hat, weil es keinen Gegner findet, der es bewältigen 
könnte. Nur der muthige Neger oder der listige Abyssinier wagt zu- 
weilen einen wohlvorbereiteten Kampf mit ihm; jener gräbt die dem 
unbehülflichen Koloss verderblichen Falllöcher, dieser greift es mit dem 
Schwerte, aber nun dann an, wenn er in Gesellschaft wohlerprobter 
Gefährten ist. Der arabische Name ist Fertint oder Anasa, es ist das- 
selbe Thier, in welchem der Baron Müller das fabelhafte Einhorn zu 
finden geglaubt, und über welches er, auf die mangelhafte Beschreibung 
eines Arabers hin, der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften weit- 
läufig berichtet hat. Die Anasa ist ungleich seltener, als die beiden 
Vorhergehenden und mir nie zu Gesicht gekommen; trotzdem zweifle 
ich mit vollem Rechte an der Existenz des Einhorn, weil ich gewiss 
weiss, dass Fertint, Anasa und Nashorn gleichbedeutend sind. In dem 
oberen Stromgebiet des blauen Flusses finden sich wilde.Schweine vor, 
welche der Beschreibung nach der Art Phacochoerus aethiopicus ange- 
hören. Ausserdem findet man dort unter den Dickhäutern noch die 
Klippschiefer, jene auffallend gestalteten, kaum hasengrossen, in Höhlen 
lebenden Gebirgsbewohner. Ayrax capensis soll in Abyssinien häu- 
fig sein. 

Die Ordnung der Nager ist durch mehrere Familien vertreten. Ich 
gestehe, dass dieselben mir nur wenig bekannt sind. Wir sind dem 
Steppenhasen auch in den Urwäldern oft begegnet, haben die Höhlen 
der Stachelschweine südlich des 13° in jedem Walde gesehen, und viele 
Mäuse beobachtet, aber nicht gesammelt und folglich nicht wissenschaft- 
lich bestimmt. Die im Egypten häufigen Springmäuse sind im Sudahn 
seltener und treten dort in andern Arten auf, wenigstens haben wir 
Dipus jerboa im Bereich der Tropen nicht aufgefunden. In den hoch- 
stämmigen Mimosenwaldungen haben wir eine kleine Haselmaus, welche 
vielleicht noch ganz unbekannt war, erlegt, aber leider später verloren. 
Kletternde Eichhörnchen gibt es nicht, der gemeine Sciurus brachyotos 
Ehrenbergs, klettert nicht, sondern gräbt sich Erdhöhlen unter dichten 
Gesträuchen, deren Umkreis er selten verlässt. Er ist ein munteres, 
fröhliches Thierchen und durch sein glattes, borstenartiges Haar beson- 
ders ausgezeichnet. Ungeachtet seiner grossen Gewandtheit wird er oft 
eine Beute der Raubvögel, gegen deren Fangwaffen seine scharfen 
Zähne Nichts ausrichten. — Die erstaunlich zahlreichen Mäuse der 
Steppe und Wälder bedürften einer sorgfältigen Beobachtung und Sich- 


tung; wir hatten zu dieser lohnenden Arbeit leider keine Zeit, weil 
wir unsre Sammlungen auf die Ornis beschränken mussten. 

Nächst den Wiederkäuern zählt die Ordnung der Raubthiere die 
meisten Familien und Arten. Die Unterordnung der Insektenfresser 
tritt gegen die der Fleischfresser zurück. Erstere besitzt viele Spitz- 
mäuse und einen kleinen /gel, letztere dagegen die gefährlichen Räuber 
der Wälder, unter denen der gewaltige Zöwe obenansteht. Bären und 
Marder fehlen; letztere finden jedoch ihren Vertreter in dem Iehneumon: 
Herpestes griseus, und der äusserst behenden Piverra: Viverra civetta, 
welche von den Eingebornen Ahut el djebahli: Bergkatze genannt und 
häufig gezähmt wird. Die Familie der Hunde ist durch den Schakal: 
Canis aureus und den Canis cerda vertreten, in der Steppe lebt der 
seltnere C. pietus. Von den Hyünen kennt man drei Arten, worunter 
die Hyaena crocuta, der „Marafihl“ der Eingebornen gefürchtet wird. 
Sie ist grösser und kühner, als die 7. striata, jenes über ganz Nord- 
Öst-Afrika verbreitete, überall gemeine Raubthier. Als Uebergangsform 
von den Hunden zu den Katzen finden wir den @epard: Felis jubata, 
der in Abyssinien durch die kaum von ihm zu unterscheidende, etwas 
lichtere und kleinere F. Sömmeringiä Rüppell, ersetzt wird. Dass 
der Gepard ohne Mühe zur Jagd abgerichtet werden kann, ist bekannt. 
Wer ihn in seiner Gefangenschaft beobachtet, erkennt bald, dass er 
auch in seinem Betragen ein Mittelding zwischen Katze und Hund ist. 

Von ersterer hat er bezüglich seiner Gestalt nur den Kopf, die 
Zeichnung des Fells und den langen Schwanz, bezüglich seines Betra- 
gens nur das Spinnen und Geschrei; von letzteren seine Körperform, 
seine Biederkeit und leichte Zähmbarkeit. Er verliert in der Gefan- 
genschaft bald alle Wildheit, und zeigt nie jene Tücke, die allen Katzen- 
arten gemein zu sein scheint. Ganz das Gegenstück zu ihm ist der 
Leopard: F. leopardus, der „Simmer“ der Eingebornen, welcher zu den 
gefürchtetsten Raubthieren der Wälder gezählt werden muss. Der Zöwe 
des Sudahn kommt in einer grossen Art vor und ist südlich des 149 
überall anzutreffen. F. caracal (?), der in unserm Gebiet auftretende 
Luchs gehört mehr der Steppe an: die Wälder beherbergen dagegen 
die kleine F. maniculata, von welcher unsere Hauskatze abstammen soll. 
Wir zweifeln an der Begründung dieser Ansicht. 

Ost-Sudahn beherbergt weit weniger Arten von Fledermäusen, als 
Egypten. Ich kenne sie nicht. 

Mit den Aeffern und Affen gelange ich zum Schluss meiner sehr 
unvollständigen Aufzählung. Von ersteren sind wir dem @Galago sene- 
galensis in den Uferwaldungen des weissen Flusses oft begegnet; er ist 
ein kleines Thierchen mit seidenweichem Fell, grossen Ohren, grossen 
Augen, und ähnelt unserm Eichhorn mehr, als den eigentlichen Affen. 
Von diesen unterscheidet ihn wesentlich sein Betragen , er ist sehr still 
und träge. Die Affen treten in drei Familien und vier Arten auf. Cer- 


237 
copithecus griseoviridis ist der gemeinste, Colobus Quereza, Rüppell ; der 
seltenste Affe unsers Gebiets. Cynocephalus Sphinz, der auf Egyptens 
Monumenten dargestellte Pavian, findet sich in allen Felspartien ; Cereo- 
pithecus pyrrhonotos Ehrenberg, nur in den einsamen, menschenleeren 
Wäldern. 

Somit hätte ich einen flüchtigen Ueberblick der Fauna der tropi- 
schen Wälder gegeben. So unvollständig er ist und bei der bis jetzt 
herrschenden grossen Unkenntniss der Thierwelt desInnern nur sein kann, 
zeigt er doch, wie aussergewöhnlich reich der Sudahn an lebenden 
Wesen ist. Die Menge der Thiere ist so gross, dass der Sammler und 
Forscher nur einen Zweig des Ganzen behandeln muss, wenn er etwas 
nur einigermassen Vollständiges leisten will. Meine Leser werden be- 
merkt haben, dass ich mich vorzugsweise der Klasse der Vögel gewid- 
met habe. Die Säugethiere sind bis jetzt nur von Aüppell beobachtet 
worden, von den Fischen des Sudahn hat Zeckel die durch ARussegger 
nach Europa gebrachten Exemplare beschrieben; alle übrigen Klassen 
des Thierreichs harren zur Zeit noch eines sie sichtenden, ordnenden 
und beschreibenden Naturforschers. Und deshalb möge man mit mei- 
ner dürftigen Uebersicht vorlieb nehmen, und mir es auch verzeihen, 
wenn ich an manchen Orten nicht ausführlicher, als es die Anlage 
meines Werkchens erlaubt, geworden bin. 


Zu Mieromys agilis. 
Von Dr. A. Dehne. 

Am 8. Juli 1847 fingen wir auf unserer Wiese im Lössnitzgrunde 
eine bereits trächtige Micromys agilis mit vier Jungen; sie wurden, 
da die letztere noch der mütterlichen Pilege und der Milch bedurften, 
sämmtlich in einem geräumigen Zuckerglase aufbewahrt und mit Zwie- 
back, saftigen Früchten, Hafer, Mais, Kürbiskernen, Möhren, Runkel- 
rüben und dergleichen gefüttert, wobei sie sich sehr wohl befanden. 
Am 15. mussten sie jedoch schon getrennt werden, da die Mutter wie- 
der sechs Junge (halb so gross wie von gewöhnlichen Mäusen) gewor- 
fen hatte; eine davon war todt. Nun wurde ihr das aus zerbissenem 
Grase bestehende Nest, welches wir von der Wiese mitgenommen 
hatten, gegeben; sie brachte dasselbe in einer halben Stunde in Ordnung 
und beim Nachsehen wurden die fünf Jungen ganz munter beisammen 
liegend gefunden. Diese waren in vierzehn Tagen alle sehend, mehrere 
schon einige Tage früher, auch mit Ausnahme des Bauches ziemlich 
behaart; nun nagten sie schon am Zwieback und dergleichen, putzten 
sich und machten die possirlichsten Stellungen. Einige Wochen später 
ınusste die Mutter von. den Jungen getrennt werden, weil sie eine todt 
gebissen und gefressen hatte. 

Unter allen kleinen Nagern, welche ich lebend zu beobachten Ge- 


238 
legenheit gehabt habe, stehen diese Mäuschen hinsichtlich ihrer Behen- 
digkeit im Klettern und Springen obenan; man kann ihnen stundenlang 
zusehen, ohne zu ermüden; dabei sind sie niedlich von Gestalt und An- 
sehen, höchst reinlich und riechen durchaus nicht, wie dies z. B. bei 
den weissen Mäusen (Albinos von Mus Musculus L.) in hohem Grade 
der Fall ist. 

Zur Begattung habe ich sie bis jetzt nicht bringen können. 

Man kann sie ohne Furcht mit den Händen fangen, da sie nie beis- 
sen; sie werden sehr zahm. Eines der Hauptzüge ihres Charakters ist 
Neugierde; so oft sie ein Geräusch vernehmen, kommen sie aus ihrem 
Neste hervor, um zu sehen, was vorgeht. 

Sie wollen wie alle Nager sehr reinlich gehalten sein und nur dann 
befinden sie sich wohl. Wenn sie frisches Heu bekommen, welches 
jede Woche einmal der Fall ist, fangen sie sogleich an, dasselbe zu 
zerbeissen und zum Bau ihres künstlichen Nestes zu benutzen. Dieses 
ist kugel- oder ballförmig, hat nur einen Eingang, ist innerlich mit 
den zartesten Grasfasern ausgefüttert und bietet ihnen gerade so viel 
Raum dar, um bequem darin liegen zu können. 


Ihre Stimme gleicht oft dem Zirpen einiger kleinen Grillenarten, 
oft hat sie Aehnlichkeit mit dem trillernden Tone der Meerschweinchen, 
welchen diese zur Zeit der Begattung hören lassen. Sie sind stets im 
Bewegung und nur einige Stunden gegen Morgen und nach Mittag 
scheinen sie zu ruhen. 


Beim Reinigen ihrer Behältnisse muss man sich sehr in Acht neh- 
men, dass man sie nicht drückt oder fallen lässt, denn sie sind weit 
zärtlicher, wie gewöhnliche Mäuse und die geringste Quetschung führt 
ihren Tod herbei. 

Um sie gesund zu erhalten, muss man ihnen Gelegenheit zum 
Springen und Klettern geben und dies geschieht am besten durch her- 
unterlangende Drähte, welche sie mit ihren kleinen Pfoten leicht um- 
fassen können; dann sieht man, mit welcher ungemeinen Sicherheit sie 
sich von einem Drahte zum andern schwingen, ohne einmal fehl zu 
greifen. Sie sind im Stande, mit grösster Leichtigkeit zwischen glatten 
Gegenständen wie Glas und verziertem Blech, sobald sie nur nahe ge- 
nug: zusammenstehen, hinauf und umher zu steigen; dabei breiten sie 
ihre Finger so weit, wie möglich aus, um mehr Anhaltepunkte zu ge- 
winnen. 

Sie sitzen sehr gern hoch und mögen sich wohl im Freien häufig 
dadurch den Blicken des Menschen und den Verfolgungen der Raub- 
tiere entziehen, dass sie sich zwischen den Aesten der Erlen-, Weiden-, 
Wachholder- und anderer Gesträuche verbergen. ’ 

Den Schwanz tragen sie oft hoch, wie Siebenschläfer und Hasel- 
mäuse und benutzen ihn sehr geschickt beim Klettern als Wickelschwanz. 


239 
Nach Herrn Professor Üzerwiakowski, welcher sie am 13. August 
v. J. hier sah, kommt M. agilis auch bei Krakau vor, woselbst sie von 
Herrn Conservator Schauer gefangen wurde, sowie nach einer Mittheil- 
ung des Herrn Dr. Rabenhorst auch bei Prag. — Im Uebrigen ver- 
weise ich auf meine kleine Monographie von diesem hübschen Thierchen. 


Talpa europaea L., der gemeine europäische Maulwurf 


und seine Varietäten. 
Von Dr. A, Dehne. 


Dieses allgemein bekannte, dabei aber auch durch Körperbau und 
Lebensart gleich merkwürdige Thier bewohnt ganz Europa und Sibirien. 

Von der wohlwollenden Natur zur Vertilgung von schädlichen In- 
sektenlarven, Regenwürmern, Schnecken, Maulwurfsgrillen u. s. w. be- 
stimmt und dazu mit dem schärfsten Geruchsorgane und ganz eigen- 
thümlich geformten, muskulösen, sehr breiten, händeartigen, schrägge- 
stellten Vorderfüssen versehen, wird er dennoch wegen des bei seiner 
nützlichen Beschäftigung unvermeidlichen Aufstossens des Erdbodens 
und Unterwühlens von Erbsen, Salat, Gurken und anderen Gartenfrüch- 
ten, schonungslos verfolgt.und es wird ihm mit allen möglichen Fallen, 
Drahtschlingen, mit Spaten und Hacken nach dem Leben getrachtet. 

Mich dauert jeder gefangene und getödtete Maulwurf und ich möchte 
jedem wegen unverdienten, gewaltsamen Todes einen versöhnenden 
Nachruf weihen; aber der Mensch ist nun einmal Egoist und wer ihm 
Schaden zufügt, meime er es gut oder böse, der ist sein Feind. Doch 
jetzt ist man wenigstens so weit gekommen, dass man den Maulwurf in 
den Wäldern möglichst schont und ihn für absolut nützlich anerkannt 
hat; ein Trost für seinen Defensor. 

Von Varietäten führe ich folgende an: 

a) Den hellchromgelblich weissen. Ein überaus schönes Thier; allent- 
halben von ebengenannter Farbe, doch unten etwas dunkler. Icherhielt die- 
sen sehr seltenen Maulwurf am 21. Juni 1849 aus einem nahen Weinberge. 

b) Den isabellfarbigen Maulwurf. Er wurde mir zweimal aus der 
Gegend von Penig gebracht. Allenthalben egal isabellfarbig. 

c) Den aschgrauen, starkseidenglänzenden Maulwurf mit safrangel- 
bem Unterkörper, Talpa einerea sericeosplendens. Diesen gleichfalls 
sehr schönen Maulwurf will der Baron von Hüpsch unter den Namen: 
Talpa eifliaca cinerea, grauer eifelischer Maulwurf, als eigene Art an- 
erkannt wissen. Man lese darüber nach: Naturforscher drittes Stück; 
Halle 1774. 5. 98 und flg.; er ist aber nur Spielart des gewöhnlichen. 
Am: sogenannten Bleiberge in der Eifel soll er nicht gar selten sein 
und sieh im der Färbung immer gleich bleiben. Mein Exemplar erhielt 
ich von dem benachbarten Wahnsdorf, am 18. Mai 1849. 


240 


d) Den scheckigen Maulwurf mit über hundert kleinen weissen 
Flecken, wie einer in den Berlinischen Sammlungen Bd. VI. Stück II. 
Berlin, 1774 beschrieben und abgebildet ist, habe ich nie gesehen. 

e) Den ganz weissen Maulwurf habe ich gleichfalls aus der Peniger 
Gegend Einmal bekommen. 


Vespertlilio Noctula Schrb. 
Von Dr. A. Dehne. 

Vom 17. November 1847 bis im Monat März 1848 besass ich ein 
schönes glänzend kaffeebraunes Exemplar von Vespertilio Noctula lebend. 
Sie war die erste Fledermaus, welche ich so lange erhielt; ich füt- 
terte sie mit lebendigen Fliegen, wovon sie oft ein Schock und mehr 
hintereinander verzehrte; wenn keine Fliegen zu bekommen waren, so 
gab ich ihr klein geschnittenes Rind-, Kalb Schöpsenfleisch oder auch 
kleine Vögel. Eines Tages frass sie über die Hälfte von einer Frin- 
gilla Linaria; die Knochen zerknirschte sie mit ihren scharfen Zähnen 
so, dass man es deutlich hörte; an Regenwürmer wollte sie aber 
durchaus nicht gehen, sie schienen ihr zuwider zu sein. Sie kaute mit 
einer solchen Schnelligkeit, wie ich es noch bei keinem Thiere gesehen 
habe; wenn eine Portion ganz klein zermalmt war, dann machte sie den 
Rachen weit auf, um sie zu verschlingen und so konnte man das herr- 
liche Gebiss genau sehen. 

In ihrer sehr ausgebildeten Physiognomie hatte sie etwas Hyänen-, 
Bären- oder auch Hindel (Doggen-) artiges. Die Augen waren klein 
und sehr hell. Ihre Stimme war ein oft wiederholter, durchdringender 
und ziemlich weit vernehmbarer Ton, wie wenn man mit einem Messer- 
rücken ganz leise und schnell hintereinander gegen eine Glasglocke 
schlüge. Sie roch auffallend fuchsartig;; ihr Flug war sehr leicht undschnell. 

Vespertilio discolor Natterer habe ich einmal acht Tage mit Fliegen 
erhalten, sowie Zhinolophus Hipposideros Bechstein gar nur drei Tage. 

Aus der so höchst merkwürdigen Familie der Fledermäuse haben 
wir hier ohngefähr ein Dutzend Arten; auf ihnen findet man auch hier 
wiewohl sehr selten, die so abweichend gestaltete Nyezeribia Vespertilio- 
nis Fabrie., sowie sehr häufig mehrere Arten kleiner Milben auf den 
Flughäuten und dem Pelze. — So unbeholfen die Fledermäuse auf den 
ersten Anblick, wenn sie sich nicht in ihrem Elemente der Luft be- 
wegen, zu sein scheinen und so ungeschickt sie auf horizontalen Gegen- 
ständen einherlaufen, so sind sie dennoch im Stande, ihre Gliedmaasen 
zu Allem, was ihnen nöthig ist, zu gebrauchen; sie können sich mit 
ihren Hinterfüssen am ganzen Körper putzen und kratzen, wobei sie 
die sonderbarsten Selen annehmen. Auch mit ihrer Inne und 
schmalen Zunge lecken sie sich überall, wo es die Reinlichkeit erfordert. 


>41 


Sorex chrysothorax. 
Die gelbbrüstige Spitzmaus. 
Von Dr. A. Dehne. 


Sorex supra fusco-rufus, auriculis magnis nudiusculis plicato-forni- 
catis, cauda dimidiam partem corporis superante sub quadrangulari, 
subpilosa, annulis densissimis circiter 150, palmis plantisque albis, cal- 
losis, pentadactylis unguiculis albis, acutis, subulatis, pectore aureo, 
mento albo, gula, brachiis abdomineque argenteo-cinereis, dentibus al- 
bidis, oculis minutissimis, rostro mediocri, vibrissis sparsis numerosis, 
rima analı maxima, 


Diese schöne Spitzmaus findet sich sehr selten in den Bergen am 
linken Elbufer der Dresdner Gegend; die meinige, ein Männchen, wurde 
bei Wilsdruf in einer Höhe von ohngefähr 700° über der Nordsee 
gefangen. Sie macht ein natürliches Bindeglied zwischen den Unter- 
gattungen Sorex und Crocidura, doch neigt sie sich nach ihrem Habi- 
tus entschieden mehr der erstern zu. 

Ihre Grösse übersteigt, wie die Dimensionen zeigen, um Etwas die 
der kantenschwänzigen Spitzmaus (Sorex tetragonurus Herm.) 

Der Oberkörper ist bräunlich rostfarben, das Kinn weiss, Kehle 
silbergrau, Brust schön goldgelb, Bauch silbergrau, so dass diese Far- 
ben gerade in der Mitte des Unterkörpers scharf begrenzt sind; Zehen 
weiss, Mitte der Beine silbergrau. Der braune Pelz des Oberkörpers 
und der gelbe der Brust sind an der Basis aschgrau; die silbergrauen 
Parthien allenthalben gleichfarbig. 

Die Haare des Unterkörpers sind prismatisch, sie irisiren bei dem 
in Alcohol aufbewahrten Exemplare, namentlich unter der Loupe und 
im hellen Sonnenlichte, wie die Stacheln der Aphrodite aculeata. 

Der Schwanz ist von der Stärke, wie bei Sorex tetragonurus und 
auch ebenso vierkantig, aber länger, mit sehr engen, ziemlich deutlichen 
Schuppenringen, ohngefähr 150 an der Zahl, versehen, dünn behaart, 
oben bräunlich, unten weisslich; hie und da stehen zwischen den kür- 
zeren einzelne Stachelhaare. 

Der Kopf trägt ganz den Charakter von Crocidura, auch sind die 
Zähne weiss, die Lippen wulstig; Schnurrhaare zahlreich, erreichen an- 
gedrückt die Ohren, stehen zerstreut, ohne dass deutliche Reihen wahr- 
nehmbar sind. Ohren vom Bau, wie bei Crocidura, gross, beinahe nackt, 
sehr zart und dünn. Augen in der Mitte zwischen Ohren und Nasen- 
spitze, sehr klein. Füsse und Krallen, wie gewöhnlich; Sohlen sehr 
schwielig. Afterritze gross, taschenartig. 

Totallänge von der Nase bis zur Schwanzspitze vier Zoll paris. M.; 
Schwanz ein und ein Dritttheil Zoll; von der Nasenspitze bis zur 


Schwanzwurzel zwei und zwei Dritttheil Zoll; Länge des Kopfes von 
Allg. deutsche naturhist. Zeitung. 1. EIS 


242 


der Nase bis zum ersten Halswirbel einen Zoll; Umfang der Leibes- 
mitte zwei Zoll; Länge der mittleren Zehen zwei Linien und eine halbe, 
der ganzen Fusswurzel fünf und eine halbe, von der Nase bis zu den 
Ohren zwei Dritttheile Zoll; Länge der Ohren ein Viertheil Z.; Breite 
derselben etwas weniger. 


Nachschrift 


von 
Dr. Ludwig Reichenbach, 


Director am K, naturhistorischen Museum in Dresden. 


Ich habe mit grossem Vergnügen diese sehr merkwürdige Ent- 
deckung meines geehrten Freundes, dem wir schon so manche in- 
teressante Bereicherung der Fauna der hiesigen Gegend verdanken, 
kennen gelernt. 

In Hinsicht auf die Art bin ich allerdings kaum in Zweifel geblie- 
ben, dass dieselbe mit der in meiner vollständigsten Naturgeschichte 
der Säugethiere: ARaubsäugethiere 8. 345 beschriebenen und unter No. 720 
abgebildeten braunbrüstigen Spitzmaus, Topino peltirosso : Urocidura tho- 
racica Bonaparte Fauna italica fasc. 29. F. 7. einerlei ist, folglich die- 
sen Namen behalten muss. Beschreibung und Maass stimmt ganz 
überein. 

Da aber Bonaparte nur ein einziges Exemplar in Toskana erhalten, 
folglich zweifelhaft blieb, ob dasselbe nicht Varietät einer andern Art 
sei, mir auch nicht bekannt ist, ob man ein zweites irgendwo auffand, 
so ist diese Entdeckung eines innerhalb Sachsen erlangten Exemplars 
von höchstem Interesse und ein neuer Beweis für die oft ungeahnte 
Verbreitung mancher noch wenig beobachteten Thiere. 

Hierbei kann ich nicht unterlassen, die Beobachtung, den Einfang 
und das Studium dieser kleinen Raubsäugethiere, sowie der Nager und 
Fledermäuse vecht angelegentlich zu empfehlen. Exemplare dieser Ge- 
schöpfe in Branntwein, würde ich von allen Orten her immer dankbar 
empfangen, da ich denselben für unser zoologisches Museum eine beson- 
dere Aufmerksamkeit widme. 


Kleinere Mittheilungen. 


Sir Henry Thomas de la Beche, der berühmte Geolog befindet sich 
nicht mehr unter den Lebenden. In London im J. 1796 geboren, er- 
wuchs er in Devonshires anmuthigen Thälern. Er wurde 1810 Cadet 
in Marlow an der T'hemse, von wo die Schule nach Sandhurst verlegt 
wurde. Als Officier verliess er den Militärdienst, um ganz dem Studium 


243 

der Geologie sich zu widmen, worauf er auch schon 1817 Mitglied der 
Geological Society, die damals seit 1807 bestanden, geworden. Im 
Jahre 1819 untersuchte er selbst geologisch die Schweiz und Italien, 
worauf seine Resultate durch die Wahl zum Mitglied der Royal Society 
of sciences anerkannt wurden. Zahlreiche Arbeiten von dieser Zeit an 
der Oeffentlichkeit übergeben, haben grossen Beifall gefunden; z. B.: 
„Ueber die Temperatur und Tiefe des Genfersees, über die Geologie 
der Schweiz und die der französischen Küste, auch über die verschie- 
denen Bezirke Brittanniens, z.B. Süd-Pembrokeshire, Lyme-Regis, Beer in 
Devonshire u. a.“. Mit Conybeare vereint, berichtete er an die Geological 
Society über die Entdeckung des merkwürdigen Plesiosaurus, des schlangen- 
halsigen Sauriers aus dem Lias von Bristol. Nachdem er seine Güter 
auf Jamaica besucht hatte, gab er, 1825 zurückgekehrt, einen umfassen- 
den Bericht über die Geologie dieser westindischen Insel, deren Ver- 
hältniss er in dieser Richtung zum ersten Male erschlossen. Im Jahre 
1830 erschienen seine „Geological Notes“ und sein „Sections and Views 
of Geological Phenomena“ und 1831 sein in mehrere Sprachen über- 
setztes „Geological Manual“. Alle Zeichnungen fertigte er mit eigener 
Hand. Mit Unterstützung aus der Staatskasse bearbeitete er mehrere 
Jahre lang mit aller möglichen Anstrengung die geologische und trigo- 
nometrische Darstellung von Cornwall, Devonshire und West-Sommer- 
set. Durch seine eignen reichen Sammlungen begründete er das Lon- 
don Museum of the practical Geology. Im Jahre 1848 wurde er selbst 
Director „of the Geological survey“ und of the Governments School of 
Mines.“ Sein ursprünglich kräftiger Körper erlitt endlich eine Glieder- 
lähmung, welche es dennoch nicht vermochte, ihn den wissenschaftlichen 
Arbeiten ganz zu entziehen. Noch zwei Tage vor seinem Tode brachte 
er in seinem Museum einige Stunden im Rollstuhle zu und verschied 
am 13. April d. J. Sein Andenken bleibt überall, wo die Wissenschaft 
lebt, seine Humanität bei allen die ihn kannten, in der dankbarsten 
Erinnerung. 


Kleine Proben vom Meeresgrund sind bereits früher bis 12000 Fuss 
Tiefe analysirt worden. Herr Zhrenberg hat unlängst vom Herrn Lieute- 
nant Maury ein Stückchen Meeresboden von der Grösse einer halben 
Linse in einer Papierhülle erhalten,„auf welcher bemerkt war: Specimen 
of Soundings in the Coral Sea. 2150 Fath. By Passed Midshipman 
Brooke. U. S. Navy. |Monatsbericht d. K. Pr. Acad. d. Wissenschaften 
März 1855.] 

Diese kleine Substanz ist demnach aus einer Tiefe von 12900 Fuss 
erhoben, und (wahrscheinlich) aus dem Süd-Ocean Australiens. Herr 
Ehrenberg sagt in dem Berichte: „Ich habe, um nicht durch Reinigen 
der kleinen Menge von Talg für die mikroskopische Prüfung einen 

18% 


, 244 

Substanzverlust zu erleiden, den grösseren Theil in einem Uhrglase 
unter Wasser erwärmt. Dabei setzten sich erdige Theilchen zu Boden 
und der Talg ging zur Oberfläche. Diese freigewordenen Erdtheilchen 
wurden sofort in Aber auch die Talgtheilehen enthielten noch 
eine nicht geringe Menge fremder Stoffe. Mit Schwefeläther und Terpen- 
tinöl habe ich das Fett auch von diesen allmälig entfernt und einen 
Rückstand erhalten. Diese erdige Theilchen habe ich dann auf zehn 
Glimmerblättchen sehr dünn ausgebreitet und mit Canada Balsam über- 
zogen. So ist es gelungen, eine scharfe Analyse der mechanischen Misch- 
ung der kleinen Bodensubstanz herbeizuführen. Was diese Mischung 
anlangt, so besteht sie hauptsächlich aus einem feinen thonigen Mulm 
in welchem Quarzsandtheilchen unterschieden werden, deren einige far- 
big, schwarz, röthlich und grün sind. Doppelte Lichtbrechung charak- 
terisirt dieselben bei polarisirtem Lichte wie Quarz. Mit diesen unor- 
ganischen Stoffen haben sich in der so kleinen Menge doch bisher 24 
verschiedene organische Stoffe und selbstständige Lebensformen fest- 
stellen lassen, und ausserdem 4 unorganische Formen. Es sind nem- 
lich aus sieben verschiedenen Klassen er beobachtet worden.“ 
Die beobachteten 28 Formen des Meeresbodens sind foldende: 

Polygastern 4 Formen: Coscinodiscus profundus? — Mesocena? 

septenaria. — Mesocena ? senaria. — Navicula cristata. 

Phytolitharien 7 Formen: Amphidiscus. — Lithosphäridium. -- 

Spongolithis acicularis, cenocephala, Fustis, robusta, Triceros. 

Polythalamien 2 Formen: Globigerina? Fragm. — Spiroplecta pro- 

fundissima. n. sp. | 

Polyeystinen 5 Formen: Cornutella clathrata profunda? — Euceyr- 

tidium? — Flustrella concentrica. — Haliomma? — Spongo- 
discus. 

Geolithien 2 Formen: Cephalolithis. — Dictyolithis micropora. 

Weiche Pflanzentheile A Formen: Bastfaser. — Epidermis. — Paren- 

chyma vasculosum. — Par. cellulosum. 

Anorganische Formen 4: Sternerystal, sechsstrahlig. — Grünsand. — 

Quarzsand. — Mulm. —“ 

„Wohlerhaltene Schaalen in überschwenglicher Menge, Erfülltsein 
der Schaalen mit weichen Körpern, Farblosigkeit der weichen Körper 
und Mangel häufiger, oft aller Erkenntniss der aus der Tiefe gehobenen 
Formen in den DREH hen Verhältnissen sind für jetzt die auch durch 
diese Probe befestigten Gründe für das Belebtsein der Tiefe.“ Auch 
in einer Tiefe von 12,900 Fuss ist eine Oberfläche, welche der Kreide- 
bildung sich anschliesst nicht erreicht worden; es wird vielmehr be- 
merkt, dass in der zunehmenden Tiefe eine Abnahme der Polythalamien 
und Zunahme der Polyeystinen und Spongolithen sich zeigten, welche 
einen Charakter bieten, der sich von der Kreidebildung weiter zu ent- 
fernen scheint. — : 


Käfer aus den Familien der Zongicornia, Paussidae und Ptiniores. 
Unter 23 von Herrn Zeters in Mossambique gesammelten und von Herrn 
Dr. Gerstücker bearbeiteten Arten aus der Familie der Zongicornia sind 
14 neu, und zwei derselben bilden neue Gattungen. |Monatsbericht der 
K. Pr. Academie der Wissenschaften zu Berlin. April 1855.] Die 
neuen Arten, deren Diagnosen in dem Berichte sich befinden, sind: 
I) Cerambyx (Hammaticherus) incultus, 2) Callichroma heterocnemis, 3) 
Callichroma leucorhaphis, 4) Callichroma ruficrus, 5) Compsomera specio- 
sissima, 6) Closteromerus insignis, T) Obrium murinum, 8) Ceroplesis mili- 
taris,; Cymatura, nov. gen. Corpus elongatum, eylindricum, tomentosum. 
Frons inter antennas profunde excisa, tuberculo antennifero admodum 
elevato. Palpi articulo ultimo subulato. Antennae (feminae?) corpore 
breviores, articulis 3. — 10. longitudine decrescentibus. Thorax an- 
gustus, basi apiceque evidenter constrietus, spina laterali post medium 
sita instructus. Elytra latitudine communi triplo fere longiora, lateribus 
subparallela, apice subtruncata, angulo externo producto, fimbriato. 
Mesosternum lineare. Pedes breviusculi, tibiae mediae extus profunde 
excisae. 9) Oymatura bifasciata, |,‚Eine zweite, ebenfalls neue Art dieser 
Gattung besitzt das Berliner Museum von Port Natal: Cymatura scopa- 
ria.“] Rhaphidopsis, nov. gen. Corpus parallelum, subeylindrieum , to- 
mento brevi dense vestitum. Caput magnum, thoracis latitudine, sutura 
media longitudinaliter divisum: fronte a vertice sutura transversa sepa- 
rata. Antennae distantes: maris corpore tertia fere parte, feminae vix 
longiora: articulo primo ceteris crassiore, 2. brevissimo, 3. dimidio fere 
longiore quam 1. sequentibus ad 10. usque sensim brevioribus, ultimo 
praecedente dimidio longiore, apice acutissimo. Thorax longitudine non 
latior, subeylindricus, basi sat late constrictus, lateribus pone medium 
in spinam brevissimam, tuberculi formen dilatatus. Elytra thorace paullo 
latiora, latitudine communi plus duplo longiora. Pedes breviusculi. 
Prosternum simplex, medio angustatum, mesosternum tuberculo parum 
elevato instructum. — 10) Rhaphidopsis melaleuca. |,Ausserdem ist 
dieser Gattung beizuzählen: Ceroplesis Klugü Dej. Cat. (CÖ. ornata 
Klugi. lit.), welche mit den übrigen Ceroplesis-Arten nichts als die 
scheinbar analoge Zeichnung der Flügeldecken gemein hat.“) 11) Tra- 
gocephala frenata, 12) Zographus hieroglyphicus, 13) Oberea scutellaris, 
14) Oberea pallidula. — Von der Familie der Paussidae wurden in Mos- 
sambique zwei Arten aufgefunden, nemlich: 1) Paussus Humboldtüi West- 
wood, und 2) Paussus inermis. Die letztere Art ist neu; sie gehört zu 
Westwoods: „Sectio B. Prolhorax subcontinuus“ und ist dem Paussus ver- 
ticalis, Reiche, zunächst verwandt. — Die neuen Arten von der Familie 
der Ptiniores aus Mossambique sind: 1) Zigniperda (Apate Fabr. Guer.) 
congener, 2) Ligniperda cylindrus, 3) Sinoxwylon conigerum. — 


246 


Ueber das Fortleben (Wiederaufleben), das sich Erhalten und Fortbe- 
stehen eines trägen und zähen Lebens in sehr lebensfeindlichen Verhält- 
nissen, sind von Herrn Zhrenberg neue Beobachtungen gemacht und 
der K. Pr. Akademie der Wissenschaften |Monatsbericht, April 1855) 
mitgetheilt worden. Die Herren DDr. Schlagintweit hatten im August 
1851 auf dem Monte Rosa Mooserde des Weisthorpasses gesammelt und 
in Papier gehüllt mitgebracht. Herr Zhrenberg hatte die Mooserde, 
welche er davon erhalten, in den Papierpäckchen, in welchen sie sich 
befand, in einem Schreibpult aufbewahrt. Im Mai 1853 wurden bereits 
von demselben mit dieser Mooserde Versuche angestellt, und er fand, 
[Monatsbericht 1853, S. 326 und 363] dass Räderthiere und Bärenthierchen, 
nicht nur nach jahrelangem Trockenliegen in gleichen athmospärischen 
Verhältnissen fortleben, sondern dass auch Formen aus über 11000 Fuss 
Alpenhöhe, dabei den Alpen ganz eigenthümliche Arten, die in ganz 
anderen atmosphärischen Verhältnissen entwickelt worden, sobald sie 
lin Berlin ce. 100 Fuss Erhebung über dem Meere) in Wasser kamen 
ein thätiges Leben erkennen liessen. Es waren also diese  Thierchen 
ungefähr zwei Jahre ohne sichtbare Feuchtigkeit in völlig trockner 
Mooserde in Papier aufbewahrt gewesen. Bei diesen 1853 angestellten 
Versuchen wurden 7 Arten lebend gesehen: Callidina scarlatina, Milne- 
sium alpigenum, Macrobiotus Hufelandü, Echiniscus Suillus, E. Arctomys, 
E. Victor, E. Testudo ; Eier des Milnesium aspigenum, weist frei, Maero- 
biotus Hufelandii, stets in Häuten. Die dazwischen liegenden Formen 
der Callidina alpium, ©. rediviva, Anguillula ecaudis, A. longicaudis wur- 
den nicht lebendig bewegt gesehen, obwohl sie sich passiv ausdehnten. 
Nachdem nun die Mooserde bereits 4 Jahre trocken gelegen, hat jetzt 
Herr Ehrenberg die Versuche wiederholt. Es wurde ein Theil der Moos- 
erde in einem Uhrglas unter reines Wasser gebracht, am folgenden 
Tage umgerührt und dann, nachdem sich Bodensatz gebildet, das Wasser 
bis zu diesem abgegossen. Der Bodensatz bestand aus einer leichteren 
und einer schwereren Schicht. Die erstere (obere) enthielt viele schon 
mit der Lupe erkennbare weissliche Theilchen; Räderthierchen und 
Bärenthierchen, mit abgelössten Moosblättchen. Die untere Schicht war 
Sand. Es fanden sich stets die 3 Arten von Callidina, 3 bis 4 Arten von 
Eehiniscus, Milnesium alpigenum, Macrobiotus Hufelandi und Anguillula 
ecaudis und longicaudis, mit vielen stachligen Ziern des Milmesium und 
glatten Kiern des Macrobiotus. An Individuenzahl waren die Callidina 
scarlatina und alpium weit überwiegend. Herr Khrenberg fand diesmal 
noch drei Formen lebend: Callidina scarlatina, Milmesium alpigenum und 
Macrobiotus Hufelandii. Vor zwei Jahren, also nach zweijährigem Trok- 
kenliegen, mochten ungefähr 20 von 100 und jetzt, nach vierjährigem 
Trockenliegen, etwa 2 von 100 in Wasser gebracht, das Leben sicht- 
bar fortsetzen. — Die betreffenden Formen sind 1854 in der Mikro- 


247 


geologie Taf. XXXV. B. abgebildet. — In dem Berichte heisst es am 
Schlusse: „Eben weil es nun zusammengezogene Thierchen giebt, die 
nie wieder aufleben (todte) und zusammengezogene, die sehr bald unter 
günstigen Bedingungen in volle Lebensthätigkeit übergehen (nicht 
todte), so verhalten sich diese Thiere den verdorbenen und den unver- 
dorbenen Eiern ähnlich, obwohl auch diesen nicht gleich. Ein unver- 
dorbenes Ei ist aber weder scheintodt noch hat es ein latentes Leben. 
Es hat vielmehr ein offenbar sich erhaltendes,. unter gewissen Beding- 
ungen sich auch entwickelndes Leben. Todte verdorbene Eier sind 
nicht entwickelungsfähig, indem sie die Bedingung dazu, die Selbst- 
erhaltung zuerst verloren haben. Entwickelungsfähige Eier, sind aber 
offenbar nie todt gewesen, noch haben sie ein latentes Leben gehabt 
im Sinne latenter Wärme oder latenter Electricität, vielmehr ist dieses 
physikalische Gleichniss unpassend. Es giebt physikalisch keinen Kör- 
per ohne Wärme und Electrieität, allein es gibt todte Kier, die nie wie- 
der entwickelungsfähig für das Leben sind. Eier und eingezogene, 
trocken lebende Räderthiere sind wiederum nicht im. gleichen Verhält- 
niss. Eier erhalten sich nur in einem sich gleichbleibenden Zustande 
ohne Entwickelung, wenn nicht besondere äussere Bedingungen ein- 
wirken, die trockenen, d. h. mit unbemerkbarer Feuchtigkeit lebenden 
zusammengezogenen Räderthiere, nähren sich ohne Zweifel oft noch 
selbstthätig in diesem Zustande, bilden und legen Eier. Die Bärenthier- 
chen häuten sich dabei. Beide letztere sind also nicht ohne eigene Ent- 
wickelung in ihrem eiartig zusammengezogenen Zustande. Weder die 
Eier noch diese Thiere kann man scheintodt nennen, da man von bei- 
den kein anderes Lebenszeichen zu erwarten berechtigt ist, als die 
oben vorhandenen, wenn auch kargen, doch offenbaren.“ Von den 
Rädertlieren wurden bei den zuletzt angestellten Versuchen nur die 
grössten Formen lebend gefunden; sie dehnten sich aus, zogen sich 
schnell ein, krochen und kauten, aber wirbelten nie. Fast jedes Exem- 
plar enthielt ein ziemlich reifes Ei im Körper. Von den Bärenthieren 
hatten nur die grössten und kleinsten Formen das Leben fortgesetzt; die 
mittleren Formen wurden todt gefunden. — Die Physiologie eröffnet 
auch hier ein Gebiet für interessante Forschungen. Es sind nemlich 
einerseits die Grenzen aufzusuchen, bei welchen in der That das Leben 
vollständig aufhört, so dass unter allen nur möglichen Bedingungen und 
Verhältnissen die Thätigkeit des selbstständigen Lebens nicht wieder 
sichtbar werden kann, und andererseits sind die Merkmale desjenigen 
Zustandes zu ergründen, in welchem die Lebensthätigkeit zwar auf ein 
Minimum reducirt, aber gleichwohl durch Anwendung bestimmter Mit- 
tel sich wieder vergrössert, und ihren normalen Zustand erreicht, wo- 
bei namentlich auch die Ursachen, welche das Leben in diesen gleich- 
sam ruhenden Zustand versetzen und die Bedingungen aufzusuchen sein 


248 


würden, unter welchen allein das Leben bei diesem niedrigen Grade 
von Thätigkeit für die Möglichkeit emer wieder eintretenden Vergrös- 
serung derselben fortbesteht. — 


Ein Apparat zur Regulirung von Gasflammen, auf Aufforderung des 
Herrn K. Ritter von Hauer für die K. K. geol. Reichsanstalt zu Wien 
von Herrn $S. Marcus (Mechaniker am K. K. physik. Institute) construirt, 
wurde von Herrn von Hauer in der Sitzung derselben (20. April) vor- 
gezeigt. „Die Anwendung des Leuchtgases in chemischen Laboratorien, 
welche, abgesehen von der Wohlfeilheit dieses Brennmaterials, so viele 
Vortheile bietet, erschien nur dann minder vortheilhaft, wenn es sich 
darum handelte, durch längere Zeit eine gleichförmige Temperatur 
mittelst einer Gaslampe zu erhalten; der Druck, welcher von den gros- 
sen Gasometern ausgeübt wird, und der die Zuströmung des Gases 
durch das ganze Röhrensystem bis zu den einzelnen Ausflussöffnungen 
bewirkt, ist nemlich ein so ungleicher, dass stets im Verlaufe von 24 
Stunden, eine Reihe bedeutender Schwankungen in der Menge des zu- 
strömenden Gases stattfinden. Der von Herrn Marcus construirte Ap- 
parat hat nun die Bestimmung, als Regulator zu dienen, um diese 
Schwankungen auszugleichen, und wird demnach zwischen der anzu- 
wendenden Lampe und der Röhre, welche das Gas zuleitet, eingeschal- 
tet. Er besteht aus zwei Glasgefässen, welche durch ein heberförmig 
gebogenes, gleichschenkliges Rohr verbunden sind. Beide sind zur 
Hälfte mit Wasser gefüllt, welches sich im Stande der Ruhe in glei- 
chem Niveau befindet. Wird in das erste dieser Gefässe, welches durch 
eine Ausflussröhre mit der Lampe communicirt, das Gas eingeleitet, so 
wird durch den auf die Oberfläche des Wassers stattfindenden Druck 
eine gewisse Menge desselben durch ‘das heberförmige Rohr in das 
zweite Gefäss gepresst. In diesem zweiten Gefässe befindet sich ein 
Schwimmer von Kork, welcher in dem Maasse als das Niveau des Was- 


sers steigt, sich hebt und einen Hahn, der die Zuströmung des Gases 
vermittelt, schliesst.“ — 


Ein Stück eines Eichenstammes, der vom Herbst 1851 bis zum Früh- 
jahr 1854 auf dem Eisenwerke zu Dereö im Gömörer Komitate als Ham- 
merstock den Schlägen eines Dampfhammers (bis 1853 eines von 90 Ctr., 
dann eines anderen von 60 Otr. Wucht) mit senkrechtem Hube ausge- 
setzt war, wurde vom Herrn Bergrath F. v. Hauer der K.K. geol. Reichs- 
anstalt zu Wien (20. März) vorgelegt. Das Eichenholz hatte eine schwarze 
Färbung erhalten, welche nach der Erklärung des Herrm Dr. Reissek 
von Impregnation mit einem fremden Körper herrührt, die Holztextur 
war vollkommen erhalten, sämmtliche Zellen aber befanden sich in einem 
vorgeschrittenen Stadium der Humification. 

Dr A. Drechsler. 


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Die allgemeine deutsche 


Naturhistorische Zeitung 


hat bisher durch ihren Inhalt, insbesondere durch ihre unpartheiische 
Anerkennung der Leistungen Anderer, die sie besprach, einen freund- 
lichen Kreis von Mitarbeitern und Lesern im In- und Auslande gewon- 
nen, wodurch ihr die Aussicht gestellt war, den Beifall, dessen sie sich 
erfreute, gesichert zu sehen. Das Hinscheiden ihres Verlegers, des ehr- 
würdigen Chr. Arnold unterbrach ihre Erscheinung und erst jetzt konnte 
der durch neue Kräfte erweiterte Kreis ihrer Mitarbeiter unter einem 
der Wissenschaft geneigten und thätigen Verleger sich wieder vereinen, 
so dass hiermit der erste Band der neuen Folge erscheint. 


Die früher als bewährt anerkannte Weise wird in dieser Fortsetzung 
unermüdet befolgt. Mittheilungen von Aufsätzen oder Notizen aus allen 
Zweigen der Naturkunde, welche die Sachkenntniss oder die Anschauungs- 
weise derselben befördern, sind uns willkommen und unser durch be- 
sondere Paginirung abgesondertes 


Literaturblatt der ISIS 


wird sich bestreben, wie bisher, in unpartheiischer Weise Kunde zu ge- 
ben von den Leistungen, welche, diese Kenntniss erläuternd, zu uns ge- 
langten, so dass wir, im Mittelpunkte Deutschlands und Europa’s woh- 
nend, und durch eine der ausgezeichnetsten und vollständigsten Biblio- 
theken unterstützt, diese centrale Bedeutung unserer Zeitschrift mit 
Sorgfalt und Liebe wieder herstellen werden. Wir fassen hierbei einzig 
und allein die Verbreitung der Wissenschaft und des Sinnes für dieselbe 
ins Auge und in Erwägung, dass die Wahrheit in jeder Richtung sich 
selbst herausstellen wird, schliessen wir keine Parthei von unsern leiden- 
schaftslosen Besprechungen aus. Alle Mitarbeiter werden auf dem Titel 
des Jahrgangs, in dem sich ihre Beiträge befinden, genannt und mit 
Vergnügen erbieten wir uns, zu Beförderung des Verkehrs zwischen 
Sammlern, auch Addressen und Oataloge von Gegenständen für Tausch 
und Kauf, nach Befinden durch Beilagen oder durch billige Inserate von 
unserm Centrum aus zur gegenseitigen Kenntniss zu bringen. 

Alle Zusendungen an die Redaction erbitten wir ferner durch die Post 
unter der Addresse: 


„Für die allgemeine deutsche Naturhistorische Zeitung“ 


Drespen: oder Hamsure: 
Hofbuchhandlung von Rud. Kuntze Verlagsbuchhandlung von 
(Hermann Burdach). Rudolf Kuntze, 


Als Verleger habe ich dem Vorstehenden hinzuzufügen: dass der 
Band der allgemeinen deutschen Naturhistorischen Zeitung aus 
12 Heften bestehen wird, — der Preis des Bandes, zu dessen ganzer 
Abnahme man sich verpflichtet, auf 3 Thaler festgestellt ist, — und dass 
ich bereit bin, wie auch die Hofbuchhandlung von Rud. Kuntze (Hermann 
Burdach) in Dresden, Zusendungen für die Zeitschrift mit Vergnügen zu 


empfangen. 
Rudolf Kuntze, 


Verlagsbuchhandlung in Hamburg. 


Dresden, Druck der Königl. Hofbuchdruckerei von C. €. Meinhold & Söhne. 


Preis eines Bandes von 12 Heften 3 Thlr. 


Tr nd. No.7. | 


Allgemeine deutsche 


Naturhistorische Zeitune. 


Im Auftrage 


der 


Gesellschaft ISIS in Dresden 


in Verbindung 


mit auswärtigen und einheimischen Gelehrten 
herausgegeben 


von 


Dr. Adolph Drechsler. 


Neue Folge: erster Band. 


T. Heft. | 


TENSIHZNSBET. 


Die Hemibatrachier im Allgemeinen und die Hemibatrachier von Nord- Amerika im 
Speciellen, von Dr. Denno Matthes. 

Beitrag zur Kryptogamen -Flora Süd-Afrika’s. Pilze und Algen. Bearbeitet von 
Dr. Z. Rabenhorst. 

Ueber die Varietäten der Helix nemoralis L. und Hel. hortensis Müll Von Theodor 
Reibisch, Privatlehrer in Dresden. 


Kleinere Mittheilungen. — Literaturblatt der Isis. 
al 
HAMBURG, 
Verlag von Rudolf Kuntze. 
1855. 


Haupt-Debit für Dresden durch die Hofbuchhandlung von Rud. Kuntze (Herm. Burdach.) 


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Die Hemibatrachier im Allgemeinen 


und 


die Hemibatrachier von Nord-Amerika im Speciellen 
von 


Dr. Benno Matthes. 


Einzelne Zweige der Naturwissenschaften wurden in frühern Zeiten 
so vernachlässigt, dass eine genauere Kenntniss derselben sich erst in 
neuerer Zeit zu verbreiten anfıng. 

Besonders betraf diese Vernachlässigung diejenigen Thiere, welche 
durch eine etwas abstossende Aeusserlichkeit dem Menschen Ekel, Ab- 
scheu oder Furcht einflössten. 

Diese Eigenschaften sind bei oberflächlicher Beobachtung vorzüglich 
den Reptilien eigen und daher wurden diese ganz besonders der Gegen- 
stand der allgemeinen Vernachlässigung. 

Die Schrifsteller und Naturforscher der frühern Zeiten unterliessen 
aus Furcht vor den Thieren jede genaue Untersuchung, aber fühlten, 
von ihrem Standpunkte gezwungen, wohl das Bedürfniss, Einiges über 
diese Thiere, über die Lebensweise derselben u. s. w. zu sagen. Sie 
griffen daher kühn in das Gebiet der Phantasie und erschöpften dieselbe 
auf alle erdenkliche Weise. So wurde durch Naturforscher früherer 
Zeiten der Aberglaube dem leichtgläubigen Volke eingeprägt und zwar 
so tief, dass trotz der verflossenen Jahrhunderte, trotz der jetzt beinahe 
allgemeinen Verbreitung der Naturwissenschaften es bis auf den heutigen 
Tag nicht gelungen ist, denselben gänzlich zu exstirpiren. 

Solinus, Albertus, Aelian, Scaliger, Jonston u. A. m. stempelten ein- 
zelne Reptilien zu wahren Unholden. So heisst es z. B. vom Basilisk: 
„Sein Blick tödtet auf der Stelle, streift das Fleisch von den Knochen, 
entblättert die Bäume, verdorrt die Felder und macht die Felsen mürbe.“ 
Dergleichen Fabeln wurden nicht allein von den Ungebildeten geglaubt 
und verbreitet, sondern auch wissenschaftlich gebildete Männer beschäftig- 
ten sich damit. Im Jahre 1662 machte es sich ein gewisser Zwinger, Professor 
der Theologie zu Basel, zur Aufgabe, die Nachwelt mit seiner Unter- 
suchung über die Entstehung der Basilisken zu beglücken. Er beobach- 
tete zehn Eier, welche sein Haushahn gelegt haben sollte und welche 
er als Basilisken-Eier ausgab. Dass aber aus allen diesen Eiern kein 
Basilisk auskroch erklärte dieser Gelehrte dadurch, dass eigentlich eine 
Kröte zum Ausbrüten benutzt werden müsse. 

Zehn Jahre später, also 1672, veröffentlichte Dr. Scheffers in Frank- 
furt seine Untersuchung über ein Basilisken-Ei, welches ein Haushahn 

Alle. deutsche naturhist. Zeitung. I. 19 


250 


im Jahre 1571 gelegt haben sollte und in welchem das Eiweiss durch Blut 
und das Dotter durch etwas wie Kröten-Saamen vertreten gewesen sei. 

Wie gefährlich es-aber ist, dergleichen Berichte nicht glauben zu 
wollen, ergiebt sich aus den höflichen Worten eines der erstgenannten 
Naturforscher, welcher sagt: „Wer solche Dinge für Fabeln und Lügen 
hält, beweist sein mittelmässiges, dummes und dünnes Gehirn und giebt 
zu erkennen, dass er nicht weit in der Welt gekommen und mit gelehr- 
ten und gereisten Personen nie Umgang gepflogen hat.“ 

Nach dergleichen höchst unzweideutigen Bemerkungen ist es jeden- 
falls gerathen, kein Wort mehr über dergleichen veraltete Ansichten 
fallen zu lassen, sondern endlich zu meinem eigentlichen Thema, den 
Hemibatrachiern, überzugehen. 

Es kann nicht meine Absicht sein, eine vollständige Abhandlung 
über die Hemibatrachier zu geben, sondern ich begnüge mich nur, das 
Allgemeine derselben zu berühren, und die Hemibatrachier von Nord- 
Amerika specieller zu bearbeiten. Da ich aber nicht alle bekannten 
Arten selbst besitze und es doch mein Wunsch war, den speciellen Theil 
so vollständig zu geben, dass er sich zur Bestimmung eignet, so war es 
nothwendig, die Beschreibung der mir fehlenden aus ‚Holbrook“ North 
American Herpetology zu entlehnen. 


Die Hemibatrachier im Allgemeinen. 


Unter Salamandrae Brogn., Laur., Latr., Cuv., Salamandrinen, Sala- 
mander oder Molche; Urodeles, Dumeril; Caudata, Oppel; Schwanz- 
Batrachier; Gradientia, Merrem,; Gang-Batrachier, verstand man früher 
alle diejenigen Batrachier, welche im Gegensatze zu den froschartigen, 
sich durch das Vorhandensein eines Schwanzes und durch ihre krie- 
chende Fortbewegung auszeichnen. 

Im weitesten Sinne also aufgefasst, zog man daher sämmtliche Ich- 
thyodeen oder Fischlinge, jene natürliche Uebergangsgruppe von den 
Batrachiern zu den Fischen, mit in diese Ordnung. Die Anatomie der 
Fischlinge aber ist so verschieden von der der Salamandrinen, dass eben 
eine eigene Ordnung für diese aufgestellt werden musste. 

Unter Salamandrinen im engern Sinne versteht man jetzt also nur 
diejenigen Reptilien, welche Zeopold Fitzinger unter der Ordnung: 

„Hemibatrachia“ 
zusammenstellt und deren Art-Charakter im Allgemeinen zu beschreiben 
ich mir zur Aufgabe gemacht habe. 

Der Körper der Hemibatrachier ist mehr oder weniger lang ge- 
streckt, eylinderfömig, abgerundet, ziemlich dick, zuweilen plump; Kopf 
ziemlich gross, abgeflacht oder gewölbt; Schnauze mehr oder weniger 
lang, abgerundet; Rachen meist tief gespalten; Nacken vom Kopf abge- 
setzt (enger als der Kopf), Kehle meist mit einer häutigen Querfalte; 


251 


Schwanz mehr oder weniger lang, rund oder von den Seiten zusammen- 
gedrückt; im vollkommen entwickelten Zustande mit vier ausgebildeten 
Beinen versehen, von denen die vordern stets vier, die hintern meist 
fünf, oder vier freie oder an ihrer Basis vereinigte Zehen besitzen. 
Die äussere Gestalt der Hemibatrachier ist mit einem Worte: „eidech- 

senartig“. Sie repräsentiren die Echsen unter den Batrachiern wie 
Ophiosaurus ventralis und Anguis fragilis die Schlangen unter den Echsen 
und Chelydra serpentina die Krokodile unter den Schildkröten. 

Die äussere Haut der Hemibatrachier ist meist zart und dünn, be- 
sonders bei den vorzugsweise im Wasser lebenden; bei den auf dem 
Lande lebenden ist bei einigen die Haut ebenfalls schr zart, z. B. bei 
Salamandra rubra, Sl. erythronota, Sl. longicauda, Sl. glutinosa ete.; 
bei andern dagegen ist die Haut uneben, mit grossen Warzen bedeckt 
und mit der irrthümlich sogenannten Ohrdrüsse versehen, wie bei Sala- 
mandra maculosa Zaur., welche aus dichten, zusammengedrängten, stark 
entwickelten, abgegrenzten Schleimdrüsen gebildet wird und am hinter- 
seitlichen Rande des Kopfes sich befindet. Bei Salamandra symmetrica 
ist die Haut sehr stark, über und über mit Tuberkeln besäet, daher 
ganz rauh anzufühlen. Die in der äussern Haut sich befindenden, 
stets nach Aussen sich öffnenden Schleimdrüsen secerniren einen eigen- 
thümlichen, wenig scharfen, klebrigen, eiweissartigen, milchweissen 
Schleim, welcher bei einigen, namentlich bei Salamandra glutinosa und 
Salam. maculosa, sehr reichhaltig vorhanden ist, besonders aber in der 
Angst, bei Schmerz u. s. w. austritt und sich auf der Oberfläche der 
Haut verbreitet. Daher findet man bei lebend in Alcohol geworfenen 
Salamandern diese sehr oft über und über mit einem feinen, aus ge- 
ronnenen Eiweiss bestehenden Häutchen bedeckt, welches abgeschält 
werden muss, um die natürliche Färbung des Thieres wahrnehmen zu 
können. 

Diese Secretion dieser Thiere gab Veranlassung zu der Fabel, dass 
die Salamander (Sal. maculosa Zaur., jetzt noch Feuersalamander genannt) 
sich im Feuer aufhalten können, ohne zu verbrennen. 

Man ging sogar so weit, die Salamander bei Feuersbrünsten zu be- 
nutzen, sie in das Feuer zu werfen, um dieses zu löschen, ein Umstand, 
der wohl mit zur Erfindung der Feuerspritzen beigetragen haben mag, 
weil sich das Experiment stets als nutzlos erwies. 

Zur Zeit Franz I. muss der Glaube an die Feuerbeständigkeit noch 
ziemlich fest gewesen sein, denn dieser wählte einen Salamander in 
Flammen, mit der Unterchrift: „nutrio et extinguo“ zu seiner Devise. 

Die Haut der Hemibatrachier wird, wie die der meisten Reptilien 
von Zeit zu Zeit abgestossen; nur geschieht dies nicht auf einmal, wie 
bei den Echsen und Schlangen, sondern die Häutung geschieht mehr 
partiell und ist daher weniger bemerkbar. In Gefässen, worin Tritonen 
oder Salamander gehalten werden, sieht man die abgestossenen Haut- 


19 


252 


stücken herumschwimmen und zwar so oft, dass man wohl zu der An- 
nahme berechtigt ist, dass die Häutung öfterer geschieht, als bei den 
beschuppten Reptilien. Bei Sal. symmetrica, welcher, wie schon gesagt, 
unter den Salamandern die härteste Haut besitzt, löst sich im Alcohol 
stets der Theil der Haut, welcher sich schon von der neu ersetzten Haut sepa- 
rirt hatte, wie wir dies ebenfalls bei den Schlangen im Alcohol gesehen. 

Am Auge der Salamander stülpt sich die Haut zwischen der Augen- 
höhlenwand und dem Augapfel ein und bildet eine Hautwulst, welche 
die Stelle von Augenliedern vollkommen vertritt. 

Das Auge selbst ist mit einer im Verhältniss zum Bulbus grossen 
Cornea versehen; die Iris ist meist goldig, kupferfarben, röthlich oder 
einfach geblich gefärbt, selten dunkel und einfarbig; die Pupille ist rund. 
Die Ohren sind von der äussern Haut bedeckt, haben keine Paucken- 
höhle und auf dem ovalen Fenster liegt ein in Fleisch befestigtes, um- 
gestülptes Knorpeldeckelchen. 

Die Nasenlöcher stehen meist vorn und seitlich, öffnen sich entweder 
nach vorn, nach oben oder ein wenig nach der Seite und münden in 
die Rachenhöhle. 

Zwischen Kehlkopf und Luftröhre ist ein Unterschied nicht wahr- 
zunehmen; die Stimmritze besteht aus einer sehr feinen, hinten nach 
dem Oesophagus gelegenen Längsspalte. Die Salamander sollen, wenn 
von aussen ein Druck auf die Lungen ausgeübt wird, einen quiecken- 
den Ton von sich geben können. Ich habe niemals einen Ton gehört, 
obgleich ich fast in allen Theilen Nord- Amerikas Salamander gefangen 
und stets hierauf achtete, zweifle aber, da eine Stimmritze vorhanden, 
an der Möglichkeit durchaus nicht. 

Der Uebergang von den Luftröhren zu den Lungen, oder besser 
gesagt Lungensäcken, wird durch feine häutige Branchien vermittelt, 
welche sich nach dem Lungensack zu erweitern und auf diese Weise, 
ohne Unterscheidung, allmählich in die Lungensäcke übergehen. 

Die Lungensäcke beiderseits sind gleich gross, länglich rund, auf 
der innern Fläche fast glatt und erscheinen beinahe als aus vielen Bläs- 
chen zusammengesetzte einfache Blasen. 

Die kleinen, meist etwas rückwärts stehenden Zähne der Hemiba- 
trachier dienen, wie dies überhaupt bei den meisten Wirbelthieren (mit 
Ausschluss der Mammalien) und den wirbellosen Thieren der Fall ist, 
nicht zur Verkleinerung der Nahrung, sondern zum Ergreifen und Fest- 
halten des Raubes. Ausser den Zähnen an beiden Maxillen, finden sich 
noch Querreihen Zähne, an den beiden Vomer, welche Querreihen von 
vorn und aussen, etwas nach hinten laufen und sich in einen Central- 
punkt vereinigen oder getrennt bleiben. Dieser Zahnbau findet sich 
bei Sal. fasciata, Sal. subviolacea, Sal. talpoidea. Bei andern finden sich 
ausser diesen Querreihen an den Vomer noch Längsgruppen oder Längs- 
reihen, welche sich mehr nach hinten bis zum Keilbeinkörper erstrecken, 


253 


Diese Längsgruppen stehen vorn entweder mit den beiden Quer- 
reihen direct in Verbindung oder sind durch einen kleinen zahnlosen 
Raum separirt. Der Zahnbau, wie er zuletzt beschrieben worden (näm- 
lich ausser den gewöhnlichen Zähnen in beiden Maxillen, zwei Reihen 
Zähne am Vomer und den bis zum Keilbeinkörper sich erstreckenden 
. Zahngruppen oder Zahnreihen), scheint der vorherrschende zu sein, 
denn er findet sich bei Sal. rubra, Sal. salmonea, Sal. gutta-lineata, 
Sal. erythronata, Sal. auriculata, Sal. quadrimaculata, Sal. glutinosa, 
Sal. eirrigera, Sal. Jeffesoniana, Sal. bilineata, Sal. symmetrica, Sal. lon- 
gicauda, Sal. granulata und Sal. quadridigita. 

Die Zunge ist bei verschiedenen Arten verschieden gestaltet, ent- 
weder breit und rund (bei Sal. rubra, Sal. maculata, Triton ingens), 
länglich und schmal (bei Sal. salmonea), herzfömig (bei Sal. glutinosa), 
oder länglich oval (bei Sal. cirrigera); entweder nur in der Mitte durch 
ein kleines Bändchen angeheftet und daher mit den vorderen und seit- 
lichen Rändern leicht beweglich (wie bei Sal. rubra, Sal. auriculata, 
Sal. cirrigera, Sal. bilineata, Sal. gutto-lineata) oder ist noch an der 
Spitze angeheftet und daher nur seitlich beweglich (wie hei Sal. gluti- 
nosa, Sal. fascieta, Sal. erythronata und Sal. subviolacea) oder der grösste 
Theil der untern Fläche ist angeheftet und daher sehr wenig beweglich 
(wie bei Triton dorsalis). 

Die Ansicht, dass die Zunge der Salamandrinen auf der ganzen 
Unterfläche angewachsen und unbeweglich sei, ist nicht richtig, denn ge- 
rade der Fall, wo die Zunge grösstentheils angewachsen und sehr wenig 
beweglich ist, ist der seltenste und der, wo die Zunge vorn und seitlich 
oder nur seitlich, mit Leichtigkeit bewegt werden kann, ist der häufigste. 

Bei Salamandra musculosa, welchen ich früher nicht untersucht 
hatte und von welchem ich daher vermuthete, dass vielleicht hier die 
Zunge auf der ganzen Unterfläche angewachsen sei, fand sich diese nur 
auf der grössern hintern Hälfte angeheftet, Vorder- und Seitenränder 
aber sind etwas frei und beweglich. 

Untersucht man in Alcohol gelegene Exemplare, so findet man die 
Spitze und Seiten der Zunge zusammengezogen, die Zunge hat im Gan- 
‚zen eine andere Gestalt bekommen und gewährt ein natürliches Bild durch- 
aus nicht. Betrachtet man bei einem derartigen Präparat die Zunge, 
so kann man wohl glauben, dass die Zunge gar nicht oder nur sehr 
schwer beweglich sei, ein Glaube, der aber ein irrthümlicher ist, denn 
bei der vor einiger Zeit in Gegenwart des Herrn Prosector Voigtlaender 
an Salamandra musculosa gemachten Section ergab sich, dass nach 
Enthauptung des Thieres, die Zunge verhältnissmässig weit aus dem 
Rachen herausgestreckt und wieder zurückgezogen wurde. 

Der Oesophagus der Hemibatrachier ist ziemlich lang; der Magen längs 
gestellt, ziemlich gross, ohne blinden Sack, anfänglich ‚weit, nach dem 
Duodenum zu sich verengend, geht er allmählig in den übrigen Darm- 


254 
kanal über, welcher, obgleich kurz, doch durch die verschiedene Weite 
eine Eintheilung möglich macht. 

An der Uebergangsstelle in das Rectum befindet sich eine Klappe 
oder einfache Darmeinstülpung, oder eine sackförmige Erweiterung, ' 
welche bei einigen, namentlich bei Sal. glutinosa und Sal. maculosa, so 
gross als der Magen ist und stets mit den unverdaulichen Speise-Ueber- 
resten, in der Regel den Skeletten von Insekten, ausgefüllt ist. Das 
Rectum ist sehr kurz und öffnet sich in die Kloake. 

Die Leber ist, wie bei allen Reptilien, bedeutend gross, bedeckt den 
grössten Theil des Magens, erstreckt sich zwischen und über die Lungen- 
säcke hinauf (eine Trennung zwischen Brust und Bauchhöhle ist nicht 
vorhanden, tritt bekanntlich erst bei den Krokodilen als Andeutung eines 
Zwergfells auf). 

Die mit blaugrün gefärbter Galle gefüllte, verhältnissmässig sehr 
grosse Gallenblase befindet sich an der concaven Fläche des untern 
Leberrandes und mündet dicht unter dem Magen in den Darm. 

Eine kleine, unregelmässig gelappte Bauchspeicheldrüse liegt dicht 
unter dem Magen und mündet dem Gallenausführungsgange gegenüber 
in den Darm. 

Die Nieren liegen zu den beiden Seiten der Wirbelsäule, sind schmal 
und aussergewöhnlich lang, nehmen fast die Hälfte der Länge der Bauch- 
höhle ein und reichen mit ihren untern ein wenig breitern Enden noch 
bis in das Becken hinein. Bei Salamandra maculosa ist der obere Theil 
sehr dünn, fast fadenförmig; bei Salamandra glutinosa dagegen mehr 
gleichmässig verlaufend. 


Die Harnleiter sind sehr kurz und münden, wie bei allen unbe- 
schuppten Reptilien in die Kloake, dicht vor dem Blasenhals. 


Die Harnblase ist sehr gross, sehr gefässreich, dünnwandig, fast 
durchsichtig und nimmt in gefülltem Zustande fast allein die Hälfte des 
Raumes der Unterleibshöhle ein. 


Ausser den Hemibatrachiern findet sich noch bei den Fröschen, 
Kröten, Schildkröten die Harnblase ebenfalls unverhältnissmässig gross. 

Der Inhalt der Urinblase ist stets hell gefärbt, geruch- und ge- 
schmacklos, ein Umstand, der Rob. Townson jedenfalls zuerst auf die 
Idee brachte, dass sie nicht allein Harnbehälter sei, sondern dass Flüs- 
sigkeit von aussen und zwar durch die Kloakenspalte resorbirt und in 
der Blase aufbewahrt werde. 

Um sich davon zu überzeugen, setzte Tomnson bekannntlich Testudo 
orbieularis in mit Lackmus gefärbtes Wasser und fand später die Flüs- 
sigkeit in der Blase ebenfalls gefärbt. 

In Amerika, wo ich stets über viele Schildkröten zu verfügen hatte, 
machte ich denselben Versuch an verschiedenen Arten von Emyden 
und erzielte dieselben Resultate. 


255 


Vor einigen Tagen erst machte ich den Versuch mitSalamandra macu- 


: losa, welcher 24 Stunden in mit Lackmus gefärbtem Wasser gesessen hatte. 


Bei der Sektion fand ich die Blase vollkommen mit Wasser gefüllt, aber 
gar nicht gefärbt. Ein Umstand, der mich aber noch nicht zu glauben 
veranlasst, dass eine Aufsaugung durch die Kloake bei den Salaman- 


: dern nicht statt finde; ich halte es noch für möglich, obgleich der Ver- 


such, dies nachzuweisen, jetzt missglückte. Obgleich diese Versuche 
sehr leicht sind und sehr wenig Zeit rauben, so mangelt es mir jetzt 
doch an lebenden Exemplaren und anderweitig an Zeit, dieselben län- 
gere Zeit fortzusetzen, weil ich im Begriff stehe meine Excursion nach 
dem Süden von Amerika in kurzer Zeit anzutreten, doch wäre es zu 
wünschen, dass dergleichen Experimente gemacht würden, um zu einem 
Schlusse zu kommen. 

Da es durchaus nicht in meiner Absicht liegt, speciell in die Ana- 
tomie der Hemibatrachier einzugehen und wir überhaupt schon durch 
H. Stannius im Lehrbuch der vergleichenden Anatomie von v. Siebold und 
Stannius, Berlin 1846, eine sehr gute Abhandlung über die Anatomie 
der Reptilien besitzen, so übergehe ich die Beschreibung des Skeletts, 
der Muskeln, der Gefässe, Nerven, der Kloake nnd der Fortpflanzungs- 
Organe gänzlich und erlaube mir nur noch schliesslich in Bezug auf 
die vorhin in Rede stehende Blase auf das Lehrbuch der Zootomie von 
€. G. Carus, 1818 $ 672 aufmerksam zu machen. 

In Bezug auf die Fortpflanzung der Hemibatrachier ist zu bemerken, 
dass eine wirkliche Begattung nicht stattfindet, sondern Männchen und 
Weibchen zur Paarungszeit sich im Wasser aufsuchen, das Weibchen 
den vom Männchen abgegangenen Saamen durch die Kloake resorbirt 
und so die Eier befruchtet werden. 

Die Salamander verlassen nach der Paarungsperiode das Wasser 
und nur die Weibchen kehren zur Zeit, wo die Jungen vom Mutter- 
körper abgestossen werden, zum Wasser zurück, weil sie im Leibe des 
Mutterthieres vollkommen bis zur Kiemenathmung entwickelt sind und 
daher im Wasser ihre Metamorphose beendigen. 

Die Tritonen dagegen gebären nicht lebende Junge, sondern legen 
Eier, welche nach der Befruchtung einzeln abgehen und sich von denen 
der Frösche nicht unterscheiden. Die Eier werden von der Sonne bin- 
nen 8 — 10 Tagen ausgebrütet; die kleinen Tritonen-Larven sind an- 
fänglich ohne Füsse, erhalten bei der Metamorphose zuerst die Vorder- 
dann die Hinterfüsse. 

Die jungen Salamander, welche vorzugsweise in langsam fliessen- 
dem Quellwasser zu finden sind, verlassen, wenn die Kiemenathmung 
beendigt ist und die Lungenathmung eintritt, ihren bisherigen Aufent- 
halt und halten sich dann meist auf dem Lande auf, während die Tri- 
tonen den Lieblingsplatz der alten Thiere, nämlich das Pfützenwasser, 
vorziehen. 


256 


Es kann nicht genau angegeben werden, wie lange die jungen Sala- 
mander durch Kiemen athmen, denn der Untersuchung stehen manche 
Hindernisse entgegen. Gefangen sterben sie sehr leicht und wie mir 
es scheint, durch den Temperaturwechsel, besonders wenn das alte Was- 
ser durch reines ersetzt wird. Auf diese Weise starben binnen 5 Wo- 
chen 14 junge Salamander, welche bei mir in einem Glase vom Mutter- 
thiere abgestossen wurden. In dieser Zeit hatte das Wachsthum der 
kleinen Thiere sehr wenig Fortschritte gemacht, sie waren Anfangs 
9 Linien lang, nach 5 Wochen erst einen Zoll. 

Durch die Güte des Herrn Dr. Dehne erhielt ich ein Exemplar, 
welches 21/4 Zoll lang ist und noch Kiemen trägt. Daher glaube ich, 
dass die Kiemenathmung jedenfalls lange Zeit besteht. 

Während des Larvenzustandes unterscheiden sich die Hemibatra- 
chier äusserlich von den zeitlebens kiementragenden Fischlingen oder 
Phanerobranchien gar nicht (nur durch die Grösse oder den langge- 
streckten Körperbau). Nach dem Larvenzustand verlieren die Hemiba- 
trachier die Kiemen und das Kiemenloch schliesst sich, die Lungen- 
athmung tritt vollständig ein. Die Phanerobranchiaten, wie z. B. Nectu- 
rus lateralis Harl., Siren lacertina L. und intermedia und Andere mehr, 
verlieren die Kiemen niemals. Die Derotrematen oder Ohnkiemenfisch- 
linge tragen im Larvenzustande Kiemen, verlieren dieselben im vollkommen 
entwickelten Zustande, wie die Salamander, aber das Kiemenloch schliesst 
sich niemals und ist besonders bei Salamandrops giganteus Wagl. sichtbar. 

Während des Gebäractes von Salamandra maculosa bemerkte ich 
eine auffallende Veränderung der Haut des alten Thieres, die schönen 
gelben Flecken schwanden grösstentheils vom Rande aus und wurden 
braun, das Centrum allein blieb gelb, die Flecken am Kopf und Schwanz 
waren weniger entfärbt, als die des Leibes. Nach einigen Tagen erst 
begann die Farbe sich wieder zu ersetzen, und nach Verlauf von 6 Wochen 
war dieselbe doch noch nicht vollständig ersetzt. Eine weitere Beob- 
achtung konnte ich nicht machen, weil das Exemplar ebenfalls zum 
Seciren benutzt werden musste, 

Was nun die Entfärbung des Thieres betrifft, so weiss ich nicht, 
ob dieselbe schon früher beobachtet worden oder nicht, kurz ich musste 
mir selbst die Frage stellen, tritt die Entfärbung aller Exemplare von 
Salamandra maculosa während des Gebäractes ein, oder ist es eine 
krankhafte Erscheinung? — Ich dachte dabei unwillkürlich an einige 
Beobachtungen, welche ich auf meinen Reisen im Innern von Texas an 
einigen beschuppten Reptilien machte. 

Den 10. Mai 1854 überraschte ich am rechten Ufer der Guadeloupe 
eine grünlich schwarze Eidechse, welche den halben Körper in der Erde 
verborgen hatte und damit beschäftigt war, ein Loch in die leichte 
Erde zu graben. Jch hielt mich sehr ruhig, um zu sehen, welchen 
Zweck das Thierchen, welches ich für Sceloporus torquatus Wiegn. hielt, 


257 


verfolgte. Nachdem das Loch eine gewisse Tiefe erreichte, drehte sich 
das Thier und brachte den hintern Körpertheil in die Oeffnung, wobei 
ich zuerst auf das Fehlen des gelben Halsbandes aufmerksam wurde, 
und daher eine, von mir noch nicht gekannte Eidechsenart vor mir zu 
haben glaubte. Ich wartete den Legeact nicht ganz ab, sondern brachte 


‘ das Thier und die schon gelegten Eier in Sicherheit und zu Hause an- 


gekommen machte ich die schöne Entdeckung, dass die seltene schwarze 
Eidechse sich plötzlich in Sceloporus undulatus Wig. verwandelt hatte, 
welche in Texas sehr gemein ist. 

Die graue Grundfarbe des Rückens, die dunklere Zeichnung, selbst 
die schönen blauen Streifen an den Bauchseiten hatten sich entfärbt, 
waren schwärzlich geworden. 

Phrynosoma orbiculare Wiegn., auf der grossen Houston Prairie in 
Texas gefangen, wurde von mir, weil es ein trächtiges Weibchen zu sein 
schien, in einem Drahtkäfig gefangen gehalten und während des Lege- 
actes färbte sich auch diese Agame dunkel. Von beiden Thieren ist 
ein Wechsel der Haut sonst nicht bekannt. 


Was die Färbung der jungen Salamander betrifft, so ist diese in 
der Regel von der der Alten sehr verschieden; bei Salamandra maculosa 
z. B. sind die jungen Thiere anfänglich hell graubraun und mit unbe- 
stimmt begrenzten, verschwommenen dunkleren Flecken versehen. Am 
Schwanze befinden sich einzelne kleine broncefarbene Punkte. Bei dem 
durch die Güte des Herrn Dr. Dehne mir zugegangen, 21/ Zoll langen 
Exemplare ist die Grundfarbe bestimmter braun, mit helleren unbestimmt 
farbigen, schärfer begrenzten Flecken versehen. 


Vollkommen entwickelt, erreicht dieses Thier bekanntlich eine Grösse 
von 6 — 7 Zoll und ist auf der glänzend schwarzen Grundfarbe mit 
grossen unregelmässigen Flecken versehen. 


Die Tritonen leben vorzugsweise im Wasser, verlassen dasselbe aber 
dann und wann, verkriechen sich unter in der Nähe des Wassers sich 
befindenden Steinen, um recht bald wieder in das ihnen mehr zusagende 
Wasser zurückzukehren, wo sie recht munter und behende herum- 
schwimmen, sich sonnen, dann und wann auf die Oberfläche kommen, 
um Luft zu schöpfen und von den zahllosen Wasser-Insekten und ins 
Wasser gefallenen fliegenden Insekten u. s. w. sich nähren. 


Im kalten und gemässigten Klima erstarren sie zur Winterzeit, 
wo sie dann im Schatten liegen, oder im Eise einfrieren, bis die Sonne 
auch sie aus ihrem zeitweiligen Grabe befreit. 


Die Salamander dagegen führen eine ganz andere Lebensweise; sie 
lieben die dunklen, düsteren, meist feuchten Gegenden, welche nicht 
von den Sonnenstrahlen erwärmt werden; daher findet man sie meist 
in engen Thälern und wenn auf Hügeln, in der Regel auf dicht bewal- 
deten Stellen; hier verkriechen sie sich unter Steine, faulende Baum- 


258 
stämme, Baumrinde und in Erdhöhlen, welche sie in der Regel nur ver- 
lassen, um ihre Nahrung aufzusuchen. 

Sie wählen hierzu in der Regel die Regenzeit, weil sie dann gerade 
die beste Gelegenheit haben, den Raub zu erhaschen. Die Nahrung be- 
steht aus Schnecken, Regenwürmern, Asseloten, kleinen Scorpionen, Kä- 
fern, Motten, Cicaden, Wanzen, Mücken, Fliegen, Spinnen und derglei- 
chen kleinen Thieren. 

In Kentucky fing ich während Regenwetters drei Exemplare von 
Salamandra glutinosa, der eine war eben im Begriff, einen unter die 
Gattung Rhysodes gehörenden Käfer zu verschlucken. In Alkohol auf- 
bewahrt, begleitete mich das Exemplar nach Louisiana, Texas und Ha- 
vanna, von da über New-York nach Europa und bei der vor einiger 
Zeit gemachten Section fand ich im Magen ausser einem in mehrere 
Stücke gebrochenen Scolopender und Käferresten, auch den in Rede 
stehenden Käfer wohl erhalten wieder. Derselbe befindet sich jetzt in 
der Sammlung des Entomologen Herrn C. Müller. 

Die Bewegung der Salamander bezeichnete man in der Regel mit 
dem einfachen Worte „träge”, dieses Prädikat verdient aber höchstens 
Sal. maculosa, Sal. fasciata und Sal. subviolacea; denn Sal. rubra, Sal. 
longicauda und Andere sind in ihrer Bewegung recht schnell, Sal. ery- 
thronota unstreitig der schnellste, man hält ihn seiner Schnelligkeit wegen 
auf den ersten Blick für eine Eidechse. 


Gottlieb Tobias Wilhelm, Diacon bei den Barfüssern, nennt in seinen 
1794 zu Ausburg erschienenen Unterhaltungen aus der Naturgeschichte, 
(die Amphibien), die Bewegung des Salamanders „träge und schwer- 
müthig”. Im Uebrigen ist dieses Werkchen ein äusserst schätzbares. 
Der Verfasser scheint es sich zur Aufgabe gemacht zu haben, dem Aber- 
glauben entgegen zu arbeiten. 

Die Salamander wurden früher für sehr giftig gehalten und beson- 
ders legte man ihnen nebst den Juden die Brunnenvergiftung zur Last; 
doch widerlegt schon Mautpertius durch seine Untersuchung diese Bes 
Er liess von einem Hunde einen in Stücken geschnittenen Salamander ver- 
zehren; er zwang Salamander in die Schleimhäute von Thieren zu beis- 
sen, er inoculirte Thiere mit dem Drüsenseceret und alles ohne irgend 
welche Folgen. Ein ähnliches Resultat erzielte im 17. Jahrhundert eine 
Frau, welche ihrem Gemahl mit einem in Ragout zubereiteten Salaman- 
der vergiften wollte. Der Salamander wurde ruhig verzehrt und der 
Mann fühlte sich nach der Mahlzeit nicht unwohl sondern satt. 

Die Hemibatrachier sind im allgemeinen alle sehr unschuldige, so- 
gar in geringem Maassstabe nützliche Thiere, denn sie verzehren eine 
Masse dem Menschen lästige und den Pflanzen schädliche Thiere, be- 


sonders Insekten. 
Sie selbst besitzen viele Feinde, welche ihnen nachstellen, sowohl 


259 


Säugethiere, Vögel, wie Reptilien, von letzteren namentlich die Schlan- 
gen, welche ganz besonders lüstern nach den Salamandrinen sind. 

Was den Fang der Salamandrinen betrifft, so ist derselbe ziemlich 
leicht, weil doch selten die Thiere entwischen können, aber doch müh- 
sam und unbequem. 

Tritonen kann man bei schönem, klaren Wetter mit Leichtigkeit, 
mit Hilfe eines gewöhnlichen Insekten-Netzes in ihren Pfützen fangen. 

Die Salamander muss man jedoch bei Regenwetter, wo sie ihre 
Schlupfwinkel verlassen, aufsuchen, doch geschieht dies manchmal ver- 
geblich; selten wird man andere Thiere fangen, als immer wieder die 
schon längst bekannten gemeinen Arten, wenn man nicht tiefer in die 
weniger bewohnten Gegenden eindringt. 

Desto mehr Freude aber macht es, wenn man nach langem Suchen 
endlich einmal ein schönes oder noch nicht gekanntes Thier findet. 
Noch heutigen Tages freue ich mich über die beiden Salamander, welche 
ich binnen 14 Monaten in den Urwäldern von Texas gefangen, weil 
erstens bis jetzt noch kein einziger aus diesem Lande bekannt und dies 
eine neue Spezies ist. Die Tausende, vergeblich umgewendeten und 
zerhackten faulen Baumstämme, alle die damit verbundenen Mühselig- 
keiten sind vergessen, wegen — zwei Salamandern. 


Hemibatrachier von Nord-Amerika im Speciellen. 
Salamandra Laur. 
Salamander, Erdsalamander, Erdmolch. 


Körper cylinderförmig, mehr oder weniger dick oder lang gestreckt; 
Schwanz an der Basis rund, im Uebrigen wenig oder gar nicht zusam- 
mengedrückt und ohne Hautkamm; die Vorderfüsse stets mit 4, die Hin- 
terfüsse mit 5 oder 4 an der Basis freien Zehen ; Rachen, ausser den Maxil- 
larzähnen nur mit in Querreihen stehenden Zähnen, oder mit Querrei- 
hen und Längsreihen zugleich, bewafinet; Zunge gestielt, mehr oder 
weniger angewachsen. 

Die Salamander leben vorzugsweise auf dem Lande, gehen zur 
Paarungszeit in das Wasser, gebären lebende Junge, welche bis zur 
vollkommenen Entwickelung sich im Wasser aufhalten und durch Kie- 
men athmen; später aber vorzugsweise auf dem Lande leben, wo der 
Respirationsprozess durch Lungensäcke vermittelt wird, bei welcher 
Umwandlung sich jedoch die Kiemenspalten vollkommen schliessen. 


A. SAramAnDER, deren Schwanz länger als der ganze übrige Körper. 
a) Körper mehr gedrungen. 
Salamandra glutinosa. Green. 
Sal. glutinosa, Green, Jour. Acad. Nat. Seien. Philad. vol. I. pag. 
357. Holbrook, North Amer. Herpetol. vol. V. pag. 39 plate X. Storer, 
Reptiles of Massachusetts pag. 252. Sal. variolata, Gilliams, Jour. Acad. 


260 


Scien. Philad. vol. I. pag. 460. Sal. eylindracea, Harl. Med. and Phys. 
Res. pag. 94. 

Kopf ziemlich gross, länglich oval, oben wenig abgeflacht, von den 
Augen nach der Schnauze etwas zugespitzt; Rachen tief gespalten; 
Zunge gestrecktherzförmig, dünn, der hintere breitere Theil ist durch 
einen kleinen, breiten, kurzen Stiel befestigt; Vomer mit zwei, von vorn 
und aussen nach innen und ein wenig nach hinten laufenden Querreihen 
Zähne, welche sich jedoch nicht vereinigen, dicht hinter diesen beginnt 
eine aus vielen kleinen Zähnen bestehende längsgestellte Zahngruppe, 
welche bis über den Keilbeinkörper sich erstreckt und nach hinten am 
breitesten wird*); Nasenlöcher stehen seitlich neben der Schnauze; 
Augen vorstehend mit schwarzer Pupille und dunkler Iris; Nacken ab- 
gesetzt; Kehle mit einer häutigen Querfalte; Körper länglich, ceylinder- 
förmig, aber noch gedrungen; Schwanz lang, an der Basis rund, nach 
hinten wenig von der Seite zusammengedrückt. Die vorderen Extremi- 
täten sind nur halb so stark, als die hintern. 

Die Grundfarbe der ganzen Oberfläche ist schwarzblau und mit 
vielen kleinen weissen Flecken übersäet, welche an den Seiten und am 
Schwanze zusammenfliessen. Bei einigen Exemplaren sind die weissen 
Flecke sehr sparsam oder auch nur an den Seiten vorhanden. Unter- 
fläche ist von derselben Grundfarbe, nur unter dem Schwanze etwas heller. 

Länge des Kopfes —" 64a‘ 
- :#Rumpfes»12% 4% 
- - Schwanzes 3° 10 
Totallänge 6 817%’ 

Sal. glutinosa ist ziemlich der am weitesten verbreitete Salamander, 
er kommt in Massachusetts, in Virginien und Carolina vor. Holbrook 
erhielt Exemplare aus Alabama und Louisiana, doch fand ich niemals 
so weit südlich Exemplare, jedenfalls ist er dort schon sehr selten. 

Die meisten Exemplare fand ich in. Kentucky auf einem in der 
Nähe des Ohio Rivers befindlichen Hügel unter alten faulen Baumstäm- 
men und hohlliegenden Steinen. Er scheint geselliger zu leben, als 
es sonst bei diesen Thieren der Fall ist, denn in der Regel fand ich 
zwei oder drei zusammen. 


Salamandra granulata. De Kay. 


Sal. granulata, de Kay, New-York Fauna, vol. I. Holbrook, North 
Amer. Herpetol. vol. V. pag. 63. plate XX. 

Kopf gross, abgeflacht, oberhalb glatt, vorn abgestützt, rundlich; 
Zunge gestielt; Augen vorstehend, obere Ränder der Orbita sehr her- 
vorragend; Nacken abgesetzt; Kehlfalte sehr deutlich. Der Körper ist 


*) Da bei allen Arten in beiden Mäxillen Zähne vorhanden, so ist dies bei den 
einzelnen Arten nicht besonders zu erwähnen. 


261 


länglich, eylinderförmig und mit einer körnigen Haut, welche unter 
dem Glase chagrinirt erscheint; Schwanz lang, dünn, wenig seitlich 
zusammengedrückt und in eine feine Spitze auslaufend. Hinterextre- 
mitäten kleiner als die vordern. Die Farbe des ganzen Thieres ist 
gleichmässig grünlich schieferfarben glänzend; Kinn und Kehle grau 
gesprenkelt, Kehlfalte schmutzig weiss; der Unterleib ist grau und 
braun gesprenkelt, Schwanz unten einfarbig grau; Unterfläche der Füsse 


weisslich. 
Länge des Kopfes —" 7 


- -shumpfes, ,.2.,.,9°% 
= -  Schwanzes 3° 6 


Totallänge 6” 6 
Dieser seltene Salamander wurde nur von Dr. Emmons im nörd- 
lichen Theile des Staates New-York gefangen, welcher dann ein Exem- 
plar in Alkohol zur Beschreibung an Zolbrook sendete, doch war nach 
Aussage des Entdeckers die natürliche Farbe schon etwas gewichen. 


b) Körper mehr lang gestreckt, schlank. 
Salamandra longicauda. Green. 


Sal. longicauda, Green. Jour. Acad. Nat. Scien. Philadelph. vol. I. 
pag. 351. Sal. longicaudata, Harlan. Med. and Phys. Res. pag. 96. 
Holbrook, North- Amer. Herpetol. vol. V. pag. 61. plate XIX. 

Kopf schmal und kurz; Schnauze gerundet; Rachen verhältniss- 
mässig gross; Zunge gestielt, etwas länglich, hinten seicht gekerbt, 
leicht beweglich. Die in Querreihen stehenden Zähne laufen nach in- 
nen und ein wenig rückwärts, zwei Längsreihen Zähne verlaufen An- 
fangs dieht neben einander, entfernen sich aber nach hinten allmählig. 
Die Nasenlöcher stehen seitlich nahe der Schnauze; die Augen sind 
verhältnissmässig klein, aber doch vorstehend, mit dunkler Pupille und 
golden gefärbter Iris. Die quere Hautfalte an der Kehle ist scharf ab- 
gegrenzt; der Körper ist cylinderförmig, gracil; Schwanz verhältniss- 
mässig sehr lang, von den Seiten zusammengedrängt, nach der Spitze 
zu allmählig ganz dünn und spitz verlaufend und so leicht zerbrechlich, 
dass der Schwanz noch in der Flasche mit Alkohol zerbricht, wenn 
man nicht ganz behutsam damit umgeht. Vorderextremitäten schwach, 
Zehen gleichmässig kurz, Hinterextremitäten doppelt so stark. Die 
Grundfarbe der ganzen Oberfläche ist beinahe citronengelb mit vielen 
kleinen, nach den Seiten etwas grösseren schwarzen Flecken, welche 
am Schwanze zusammenfliessen und Querbinden bilden; Unterfläche 
gelblich weiss. 

Länge des Kopfes —" 5 
- - Rumpfes 1” 10 
- - Schwanzes 3" 6 


Totallänge 5 9 


262 


Der Osten und Norden scheint allein von diesem schönen Salaman- 
der bewohnt zu sein, meine Exemplare waren im Staate Ohio in der 
Nähe einer sehr kleinen Quelle bei Pentelton gefangen, wo ich diese 
Thiere, welche auf diesem kleinen Terrain concentrirt waren, sehr oft 
beobachtete. 


Dr. Harlan hielt diesen Salamander für einen Wassersalamander 
und jedenfalls aus dem Grunde, weil er denselben im Wasser gefangen. 
Das Thier hat nämlich die Eigenschaft, bei drohender Gefahr sich zu 
verkriechen, und wenn kein Versteck in der Nähe sich befindet, in 
das Wasser zu retiriren. 


Der kleine Quell, der zwischen zwei Hügeln entsprang und der im 
Verlauf an ungefähr 2 Fuss breit wurde, mündete ungefähr 150 Schritte 
von der Quelle in den Ohio. Die Thiere waren, wenn auch im Ver- 
steck gefunden, niemals mehr als höchstens 3—4 Fuss vom Wasser ent- 
fernt und nie fand ich im Staate Ohio dieses Thier an andern Plätzen. 


Salamandra gutto-lineata. Holbrook. 
Sal. gutto-lineata, Yolbrook. North- Amer. Herpetol. pag. 29. plate VI. 


Kopf kurz, dick, mit stumpfer abgerundeter Schnauze; Rachen ver- 
hältnissmässig tief gespalten; Zunge rund und pilzförmig gestaltet, nur 
in der Mitte durch einen kleinen Stiel befestigt und daher sehr leicht 
beweglich; Zahnbau vollkommen wie bei Sal. glutinosa; Nasenlöcher 
vorn und etwas nach oben, nahe der Schnauze, öffnen sich nach auf- 
wärts; Augen gross und vorstehend, Pupille schwarz, Iris geflanmt, 
Nacken abgesetzt; Kehle mit deutlicher Querfalte; Körper ist ceylinder- 
förmig in die Länge gezogen, schlank; Vorderextremitäten wenig ent- 
wickelt, Hinterextremitäten stärker und länger, Schwanz rundlich, sehrlang. 

Kopf oberhalb gelb, sehr fein schwärzlich gesprenkelt, Oberlippe 
gelblich, Unterlippe weisslich, Nacken bis zum Schwanzende strohgelb. 
Hinter jedem Auge beginnt eine schwarze Linie, beide verbinden sich 
einen halben Zoll hinter dem Kopf und laufen als eine Linie über den 
Rücken und einen kleinen Theil des Schwanzes; von der Schnauze 
ausgehend erstreckt sich ein Anfangs schwaches, schwarzes Band durch 
den untern Theil der Iris, setzt sich über die Seiten fort, und erreicht 
beinahe das Ende des Schwanzes. Eine dicht darunter befindliche 
weisse Linie erstreckt sich von den Mundwinkeln bis zur Hälfte des 
Schwanzes. Die Oberfläche der Vorder- und Hinterextremitäten ist gelb- 
lich mit einer schwarzen Linie an der hintern Seite, die Unterfläche 
ist dunkelgrau. 

Länge des Kopfes —' 7“ 
- - Rumpfes 2 —" 

- - Schwanzes 4" 4 
Totallänge 6 11 


- 


m 


Dieser schöne Salamander lebt an dunklen, feuchten Orten, unter 
Baumstämmen in der Nähe von Quellwasser, er wurde vorzugsweise in 
Carolina beobachtet. 


Salamandra quadridigita. Holbrook. 


Sal. quadridigita, Holbrook. North Americ. Herpetoll. vol. V. pag. 65. 
plate XXI. 

Kopf verhältnissmässig sehr gross; Schnauze gerundet; Zunge rund, 
flach, auf einem kurzen Stiel sitzend; hinter und zwischen den innern 
Nasenöffnungen befinden sich einige sehr zerstreut stehende kleine Zähne. 
-Die Nasenlöcher stehen seitlich nach vorn, nahe dem äussern Ende der 
Schnauze. Die Augen sind gross und vorstehend, Pupille dunkel, Iris 
goldfarbig. Der Nacken ist abgesetzt; Kehle mit Querfalte. Der Kör- 
per ist cylinderförmig, mehr in die Länge gestreckt; Schwanz sehr 
lang, rundlich, an der Spitze etwas zusammengedrückt. Die Vorder- 
extremitäten sind klein, Hinterextremitäten stärker und mit 4 Zehen 
versehen. (Der einzige bekannte amerikanische Salamander mit 4 Zehen 
an den Hinterfüssen.) 

Grundfarbe der Oberfläche blass strohgelb, mit einigen kleinen 
dunkelbraunen Flecken auf der Vertebral-Linie.e Die Seiten sind mit 
einer unregelmässigen Reihe dunkelbrauner Flecken versehen, welche 
zuweilen zusammenfliessen und dann eine Seitenlinie bilden. Die Unter- 
fläche ist silberweiss mit einem bläulichen Anflug. 

Länge des Kopfes —' 11% 
- - Rumpfes 1% —‘" 

- - Schwanzes 2 — 
Totallänge 3” 11 

Dieser Salamander findet sich in den mittleren amerikanischen 
Staaten, unter gefallenen, faulenden Baumstämmen. 


B. SArLAmAnDer, deren Schwanz kürzer oder eben so lang als der 
ganze übrige Körper. 
a) Körper mehr gedrungen. 
Salamandra sub-violacea. Barton, 

Sal. venenosa, Barton. Daut. Hist. Nat. des Rept. tom. VII. pag. 
229. Sal. subviolacea, Barton, Trans. Amer. Phil. soc. vol. VI. pag. 112. 
plate IV. f. 6. Harlan, Med. and Phys. Res. pag. 93; Holbrook. North. 
Amer. Herpetol. vol. V. pag. 67. plate XXIL; Storer, Reptiles of Massa- 
chusetts pag. 247. 

Kopf sehr breit, gewölbt; Schnauze beinahe kreisrund; Rachen 
wenig gespalten; die Zunge ist gross, flach, vorn am breitesten, hinten 
auf einem kleinen Punkte angewachsen, an der Basis meist angewach- 
sen und schwer, nur seitlich beweglich. Die Zähne bestehen aus einer 


‘ \ 


264 


Querreihe, welche hinter den innern Nasenöffnungen von einer Seite zur 
andern sich erstreckt. Die Nasenlöcher stehen seitlich nach oben nahe der 
Schnauze; Augen klein, wenig vorstehend; Pupillen grau, Iris dunkel 
grünlich. Der Nacken ist abgesetzt; die Querfalte an der Kehle sehr 
deutlich. - Der Körper ist eylinderförmig, dick, plump, mit glatter Haut 
bedeckt. Der Schwanz sehr wenig, nur in der Nähe der stumpfen 
Spitze etwas stärker, seitlich zusammengedrückt. Die Hinterextremi- 
täten sind stärker, kräftiger, als die Vorderextremitäten; die Zehen viel 
länger, besonders die dritte und vierte. 

Die Färbung der Oberfläche ist gleichmässig dunkel, mit einem 
etwas starken Anflug von violett. Auf jeder Seite der Vertebrallinie 
befindet sich eine Reihe unregelmässig, grosser meist rundlicher oder 
blassgelber ovaler Flecken. Am Schwanze sind die Schleimdrüsen an 
beiden Seiten vorzugsweise ausgebildet, aber einzeln stehend, und jede 
ist am Ausführungsgange mit einem schmalen hellen Höfchen umgeben, 
welehe wie kleine in der Hauptreihe intercurrirende Punkte aussehen. 
An den Extremitäten sind, wenn Flecken vorhanden, dieselben ebenso 
gross, als am Rücken. Die Seiten- und die Unterfläche ist meergrün, 
mit einem mehr oder weniger starkem Anflug von violett. 

Länge des Kopfes —“ 10 
- - Körpers, 23 56H 

- - Schwanzes 3 —'' 
Totalläinge 6 4 

Sal. subviolacea scheint vorzugsweise den Norden und Osten von 
Nord-Amerika zu bewohnen; ich fand das grosse eben beschriebene 
Exemplar in einem Erdloche unter Steinen im Staate New-Jersey nahe 
am Hudson River. Scheint nicht sehr häufig zu sein. 


Salamandra fasciata. Green. 


Sal. fasciata, Green, Journ. Acad. Nat. Scien. Philad. vol. I. pag. 350. 
Harlan, Med. and Phys. Res. pag. 94. Holbrook, North-Amer. Herpetol. 
vol. V. pag. 71. plate XXUIL Storer, Rept. of Massachusetts pag. 247. 

Kopf verhältnissmässig gross, kurz, gewölbt, vorn rund; Zunge 
oval, an den Rändern verdünnt, hinten angewachsen, vordere Rand sehr 
wenig, Seitenrand etwas mehr beweglich. Zahnbau wie bei Sal. viola- 
cea, nur besteht die Querreihe aus drei Abtheilungen, weil an jeder 
Seite ein kleiner zahnloser Zwischenraum vorhanden und die Zahnreihe 
in zwei kleinere äussere, und eine grössere, mittlere Gruppe theilt. Die 
Nasenlöcher seitlich nach oben nahe der Schnauze; Augen vorstehend, 
Pupille schwarz; Iris dunkelgrau; Nacken wenig abgesetzt; Kehle mit 
deutlicher Querfalte. Körper eylinderförmig, erscheint etwas von der 
Seite zusammengedrückt. Schwanz ist dick, an der Wurzel rund, nach 
dem Ende zu an den Seiten zusammengedrückt. Die Haut ist glatt; 
die Hinterextremitäten noch einmal so stark, als die vordern, 


265 


Die Grundfarbe des ganzen Thieres ist schwarz oder blauschwarz, 
der Kopf mit unregelmässigen, kleinen grauweissen Flecken gezeichnet, 
Nacken, Rücken und Schwanz mit 10-12 grauweissen, zuweilen blau- 
weissen oder seltner ganz weissen Querbinden. An den Seiten befindet 
sich eine ähnlich gefärbte, mehr oder weniger unterbrochene bis zum 
Schwanz reichende Längsbinde, welche, mit den Querbinden vereinigt, 
die schwarze Grundfarbe als grosse Flecken erscheinen lässt. Bei man- 
chen Exemplaren fehlen die Seitenbänder gänzlich und nur die Quer- 
binden sind vorhanden, aber auch diese manchmal ziemlich schmal. 

Die Ausführungsgänge der Schleimdrüsen erscheinen in den hellen 
Querstreifen als kleine Punkte. Unterfläche dunkelblau, Kehle und 
Schwanz etwas heller. 

Länge des Kopfes —” 5% 
- 9 Du mpies TU 7eN 

- - "Schwanzes 1” 4 
Totallänge 3 4 

Dieser schön gezeichnete, nicht seltene Salamander, scheint sich 
nur in den östlichen und nördlichen Vereinigten Staaten aufzuhalten. 

Ich fand denselben in New-Jersey an einer sumpfigen vom Hud- 
son River bespülten Stelle, unter einem verfaulten Baumast. 


Salamandra talpoidea. Holbrook. 
. Sal. talpoidea, Holbrook. North-Amer. Herpetol. vol. V. pag. 73. 
plate XXIV. 

Kopf sehr gross und flach, mit abgerundeter kleiner Schnauze; 
Rachen tiefgespalten; Zunge subrhomboidal, hinten schmal und ange- 
wachsen, die übrigen Ränder der Zunge sind frei. Die Zähne stehen 
in einer Querreihe und sind in der Mitte etwas grösser und zahlreicher. 
Die Nasenlöcher befinden sich nahe der Schnauze nach oben und seit- 
lich und öffnen sich ein wenig nach aufwärts und rückwärts. Die 
Augen klein, aber vorstehend, Pupille schwarz, Iris dunkel. Der Nacken 
ist abgesetzt; Kehle mit deutlicher Hautfalte; Körper kurz, plump; 
mehr flach als eylinderförmig, mit glatter Haut bekleidet. Schwanz kurz, 
an der Wurzel sehr dick, von der Seite zusammengedrückt. Vorder- 
extremitäten sind kurz, dick und stark; Hinterextremitäten verhältniss- 
mässig sehr stark, Zehen an der Basis beinahe vereinigt. Körper, 
Schwanz und Extremitäten gleichmässig dunkel, fast schwarz; Kehle, 
Bauch und Unterfläche des Schwanzes ebenfalls dunkel, mit einem star- 
ken, violetten Anflug. 

Länge des Kopfes —” 5 
- -Rumpfes? „1a 54 
- - 'Schwanzes 1’ 3 
Totallänge 3 1 
Allg. deutsche naturh. Zeitung. 1. 20 


Dieser durch seine Lebensweise interessante Salamander wurde von 
Dr. Burden nur auf einer an der Küste von Süd-Carolina sich befinden- 
den Insel gefunden. Das Thier lebt daselbst ganz eigenthümlich, gräbt 
sich wie ein Maulwurf in die Erde ein und wenn es gestört wird, so 
verscharrt es sich binnen wenigen Secunden, so dass es nicht gesehen 
werden kann, dann entfernt es sich, kann aber leicht verfolgt werden, 
weil der Höhlengang sehr oberflächlich sich befindet und sich durch 
Erhöhungen und Vertiefungen auf der Oberfläche anzeigt, wie dies auch 
bei den Maulwürfen in den Feldern gesehen wird. 


Salamandra Texana. Matthes. 

Kopf verhältnissmässig gross, gewölbt; Schnauze rund; Rachen tief- 
gespalten; Zunge oval, an der untern Fläche angeheftet, dick, in der 
Mitte durch eine Längsspalte, welche bis an die Spitze geht, getheilt, 
so dass sie wie zwei nebeneinander liegende Wülste erscheint. Eine 
breite Querreihe Zähne läuft von der einen innern Nasenöffnung zur 
andern. Nasenlöcher stehen vorn und seitlich, nahe der Schnauze; 
Augen klein, wenig vorstehend; Nacken wenig abgesetzt; Körper eylin- 
derförmig, längsgestreckt, dick. Schwanz wenig von der Seite zusammenge- 
presst, nach dem Ende allmählig ablaufend; der Schwanz ist von der 
Basis an gerechnet in den ersten drei Viertheilen ganz gleich hoch und 
erst im letzten Viertheil wird er schmäler und endigt in eine kolbig 
stumpfe Spitze. Vorderextremitäten dünner und kürzer mit 4 Zehen; 
Hinterextremitäten stärker und länger, mit 5 feinen Zehen, von denen 
die vierte die längste ist. 

Die Haut des ganzen Körpers ist granulirt. Grundfarbe der Ober- 
fläche dunkelbraun; Kopf und Rücken sparsam, die Seiten und besonders 
der Schwanz mit unregelmässigen, grauweissen Flecken besäet; Extre- 
mitäten ebenso gefärbt und gezeichnet. Die Unterfläche etwas heller 


braun und ungeflleckt, nur das untere Ende des Schwanzes mit ein- 
zelnen Flecken versehen. 


Das erste Exemplar fand ich unter einem faulen Baumstamme im 
Urwalde am Rio Colorado, das zweite ebenfalls unter einem Baumstamme 
im Cummings Ureeck Bottom, Fayette County. 


Salamandra salmonea. Storer. h 

Sal. salmonea, Storer, Rept. of Massachusetts pag. 248. Holbrook. 
North Amer. Herpetol. vol. V. pag. 33. plate VII. 

Kopf gross, oben flach; Schnauze breit, fast viereckig; Rachen ziem- 
lich tief gespalten; Zunge ist klein, rundlich und mit einem dünnen 
ziemlich kurzem Stiel befestigt. Die Zähne laufen von jeder Seite zu 
dem äussern hintern Rande der innern Nasenöffnungen, welche sehr 
gross sind, erstrecken sich nach innen und vorwärts bis zu einer Linie 


267 
mit ihrem vordern Rande, wenden sieh dann plötzlich zurück und bil- 
den parallel mit einander verlaufend, zwei Längslinien. Die Zähne 
sind alle äusserst klein und sehr nach rückwärts gebogen. Die äussern 
Nasenöffnungen stehen vorn und seitlich am äussern Ende der Schnauze. 
Die Augen sind gross und sehr vorstehend, Pupille schwarz, Iris glän- 
zend kupferfarbig. Nacken abgesetzt; Kehle mit einer Querfalte; die 
Haut glatt; Körper ist cylinderförmig, in die Länge gezogen, ohne 
schlank zu sein. Der Schwanz ist kürzer als der Körper, dick, an der 
Wurzel rund, seitlich zusammengedrückt und in eine Spitze endigend. 
Vorderextremitäten sind kurz und schwach, die Hinterextremitäten fast 
noch einmal so stark als die vordern. 

Kopf oben gelblich braun, an den Seiten salmenfarben *), eine sehr 
breite salmenfarbene Linie erstreckt sich von den Nasenlöchern zu der 
obern Orbita; die Oberlippe ist hell salmenfarben mit einigen braunen 
Flecken, Unterlippe beinahe weiss oder hell fleischfarben ; Kinn und Kehle 
weiss; Oberfläche des Körpers und Schwanzes ist gelblich braun, grau ge- 
zeichnet. Die Seiten des Körpers und Schwanzes sind salmenfarben, mit 
einem gelblichen Anflug. Unterfläche des Bauches ist weiss, der untere 
Theil des Schwanzes hell salmenfarben. Die Vorderextremitäten sind ober- 
halb gelblich braun und unterhalb weiss; die Hinterextremitäten oben 
und unten gelblich braun. 

Länge des Kopfes —" 7 
- -ARurpres 2 ZIG? 

- - Schwanzes 2 6 
Totallänge 5” 7 

Dr. Storer beschrieb Salamandra Salmonea zuerst nach einem im 
Staate Massachusetts gefangenen Exemplare; doch ist derselbe noch im 
Staate New-York und Süd-Carolina gefunden worden. 


Salamandra rubra. Daud. 


Sal. rubra, Daud, Hist. Nat. des Reptil. tom. VIH. pag. 227. plate 
XCH. Latreille Hist. Nat. Rept. tom. IV. pag. 305. Holbrook, North. 
Amer. Herpetol. vol. V. pag. 35, plate IX. Sal. rubriventris, Green, 
Jour. Seien. Philad. vol. I. pag. 353. Harlan, Med. and Phys. Res. 
pag- 97. Sal. maculata, Green, Jour. Acad. Nat. Seien. Philad. vol. I. 
pag. 350. Harlan, Med. and Phys. Res. pag. 96. Sal. subfusca, Green, 
Jour. Acad. Nat. Scien. Philad. vol. I. pag. 351. Sal. fusca, Green, 
Jour. Acad. Nat. Scien. Philad. vol. I. pag. 357. Harlan, Med. and 
Phys. Res. pag. 96. 

Kopf ziemlich gross; Schnauze abgerundet; Rachen wenig gespal- 
ten; Zunge rund, auf einem kurzen Stiel sitzend, sehr leicht beweglich. 
Die Zähne erstrecken sich hinter den hier sehr kleinen innern Nasen- 
öffnungen, von der Seite nach innen und hinten, vereinigen sich aber 


*) blass rosa. 


20* 


268 


nicht zu einer gemeinschaftlichen Querreihe, sondern verbinden sich 
jederseits mit der entsprechenden Längsreihe, welche sich allmählig bis 
zum Keilbeinkörper von einander etwas mehr entfernen. Die äusseren 
Nasenöffnungen stehen nahe der Schnauze, seitlich oben. Die Augen 
sind ziemlich gross, vorstehend, Pupille schwarz, Iris goldig gefärbt. 
Der Nacken ist wenig abgesetzt; Kehle mit einer queren häutigen Falte. 
Der Körper cylinderförmig, gedrungen. Hinterextremitäten stärker als 
die Vorderextremitäten, an der Basis der Zehen leicht verbunden. Der 
Schwanz ist kürzer als der Körper, an der Basis rund und dick, flacht 
sich aber bald ab, ist von der Seite zusammengedrückt und endigt in 
eine Spitze. 

Die Grundfarbe der ganzen Oberfläche des Kopfes, Rückens, Schwan- 
zes und der Extremitäten ist schön roth, mit kleinen vereinzelten, 
schwarzen runden Flecken, bis beinahe zum Schwanzende. Die Seiten 


etwas heller roth und ungefleckt; Unterseite orangeroth und ohne 
Flecken. 
Länge des Kopfes —” 8" 
- > Rummpias 2. 082 
- - Schwanzes 2’ 6 
. Totallänge 5” 10 
Das von Holbrook beschriebene Exemplar ist viel kleiner, 4” 9 
lang und auf dem Rücken und Schwanze mit mehr aber kleinern Flek- 
ken gezeichnet. Das Thier bewohnt Nord-Amerika von Massachusetts 
bis Florida, lebt unter Steinen und Baumstämmen. 


Ich fand diesen nicht häufigen Salamander im Staate Kentucky, dicht 
neben einem ziemlich tiefen klaren Quell unter einem platten Stein. 
Nachdem ich den Stein entfernt, zog sich ein Thier, von dem ich übri- 
gens nur undeutlich die rothe Farbe eines Theiles sehen konnte, sehr 
schnell in ein senkrechtes Loch zurück. Da sich das Loch nach die- 
sem Manöver gänzlich mit Wasser füllte, also nicht tief gehen konnte 
und ich eine von den seltenen ganz rothen Crustaceen, wie ich sie 
später in den Sümpfen von New-Orleans gefunden, erwartete, so machte 
ich mich daran, den Flüchtling auszugraben, welches auch bald gelang 
und ich in Besitz dieses Salamanders kam. Von der schönen, prächti- 
gen Farbe, von dem glühenden Roth hingerissen, betrachtete ich das 
Thier einige Zeit, welche Gelegenheit es benutzend, mit einer ziem- 
lichen Schnelligkeit aus der Hand sich schnellte und, in das tiefe Quell- 
wasser gefallen, suchte es alsbald die Tiefe auf. Ein Mulatte, der meine 
Jagdutensilien trug, holte dann das Thier, nachdem ich ihm bestimmt 
versicherte, dass es nicht giftig, aus dem hellen, klaren Wasser. 

In verdünntem Alcohol gebracht, verlor das Thier binnen 24 Stun- 
den seine schöne rothe Farbe und wurde gelb, der Spiritus wurde roth 


gefärbt, 


269 
Salamandra quadrimaculata. Holbrook. 

Salam. quadrimaculata, Holbrook, North- Americ. Herpetol. vol. V. 
pag. 49 plate XIll. 

- Kopf ziemlich gross, mit runder Schnauze; die Zunge ist mit einem 
kurzen Stiel befestigt. Eine Querreihe von Zähnen beginnt an jeder 
Seite am innern hintern Rande der innern Nasenöffnungen, läuft nach 
innen und verbindet sich in der Mitte; eine halbe Linie hinter dieser 
Querreihe beginnen zwei Längsreihen, welche Anfangs dicht zusammen- 
stehen, dann aber mehr von einander sich entfernen. Die Nasenlöcher 
stehen seitlich und oben; die Augen sind gross und vorstehend; Pupille 
schwarz, Iris röthlich und golden gefärbt. Nacken abgesetzt; Kehle 
mit Querfalte. 

Der Körper ist länglich, aber ziemlich gedrungen; Vorderextremi- 
täten kleiner, mit kleinen Zehen, Hinterextremitäten doppelt so stark. 
Schwanz kürzer als der ganze Körper und länger als ‘der Rumpf, von 
der Seite zusammengedrückt, in eine Spitze auslaufend. Grundfarbe der 
Oberfläche ist dunkel mit einem violetten Anflug; Rücken mit zwei Reihen, 
von kleinen unregelmässigen, länglich viereckigen, röthlichen Flecken, 
welche auf der Dorsalläche der Schwanzwurzel zusammenlaufen und 
eine rothe Linie bilden. Bei jungen Exemplaren sind diese Flecken 
hell, bei älteren mehr dunkel. 

Die Farbe der Unterfläche ist gesprenkelt, besteht aus einem Ge- 
misch von dunkelgrau und weiss, mit einem starken violetten Anflug; 
die obere Fläche der Extremitäten ist dunkel, die untere mit einem 
violetten Anflug. 

Länge des Kopfes — 5 
- Rumpfest1'4r:6% 
- - Schwanzes 1’ 9! 


Totallänge 3 8% 
Das Thier findet sich in Georgia, Carolina, Pensylvanien und den 
dazwischen liegenden Staaten. 


'Salamandra Jeffersoniana. Green. 


Sal. Jeffersoniana, Green. Maclurian Lyceum pag. 4. Harlan, Med. 
and Phys. Res. pag. 98. Holbrook, North-Amer. Herpetol. vol. V. p. 51. 
plate XIV. 

Kopf sehr gross; Schnauze voll und rund; Rachen tief gespalten ; 
Zunge klein, rund, gestielt, vorn etwas angeheftet; Zähne bilden 
Querreihen, welche sich mit den Längsreihen verbinden. Die äussern 
Nasenöfinungen stehen nahe der Schnauze. Die Augen stehen über 
den obern Rändern der Orbita hervor; Pupille und Iris ganz schwarz. 
Der Nacken ist abgesetzt; Kehle mit einer starken Querfalte. Der Kör- 
per ist cylinderförmig, langgestreckt, gedrungen; Schwanz beinahe so 
lang als der ganze Körper, rund, am Ende flach werdend und in eine 


270 
Spitze verlaufend. Vorder- und Hinterextremitäten gut entwickelt, Zehen 
besonders gut ausgebildet. Oberfläche ist dunkelbraun und mit schönen 
azurblauen Punkten, welche unregelmässig über die ganze Oberfläche 
verbreitet, am Rücken aber am sparsamsten und kleinsten sind; an den 
Seiten des Rumpfes und des Schwanzes werden diese Punkte so stark, 
dass sie azurblaue Flecken bilden. Die Unterfläche ist blass violett. 
Länge des Kopfes —" 8 ; 
- - Bumpfes 214,6 
- - Schwanzes 2° 10° 


Totallänge 6 — 

Lebt vorzugsweise auf dem Lande, wo er sich, vermöge seiner sehr 
ausgebildeten Zehen, mit grosser Leichtigkeit bewegt. Der einzige bis 
jetzt bekannte Fundort dieses seltenen Thieres ist der westliche Theil 
von Pensylvanien, nahe am Charters Creek. 


Salamandra symmetrica. Harlan. 


Sal. stellio, Say, Amer. Journ. of Arts and Scien. vol. I. pag. 264. 
Sal. symmetrica, Harlan, Med. and Physik. Res. pag. 98. Holbrook, 
North-Amer. Herpetol. vol. V. pag. 57. plate XVH. Storer, Reptiles of 
Massachusetts pag. 246. 

Kopf ist verhältnissmässig gross ; Schnauze etwas zugespitzt; Zunge 
ist klein, auf einen sehr kurzen Stiel aufsitzend, an den Seiten wenigfrei 
und beweglich; eine Querreihe Zähne beginnt auf jeder Seite hinter 
den innern Nasenöffnungen, läuft nach innen und verbindet sich in der 
Mitte, die Längsreihe ist sehr schmal, aber erstreckt sich bis zum Keil- 
beinkörper. Die äussern Nasenöffnungen stehen nach vorn und Seitlich. 
Die Augen sind klein, wenig vorstehend, die Pupille ist schwarz, die 
Iris gelammt. Der Nacken ist nicht abgesetzt; Kehle ohne Hautfalte.*) 

Körper ist eylinderförmig, von den Seiten zusammengedrückt, bei- 
nahe schlank; Schwanz so lang als der übrige Körper, von der Seite 
stark zusammengedrückt und allmählig in eine Spitze verlaufend. Vor- 
derextremitäten sind sehr dünn, die Zehen aber gut entwickelt, die bei- 
den mittelsten die längsten; Hinterextremitäten mehr als noch einmal 
so stark, die Zehen an der Basis verwachsen. Die Haut ist über 
und über, an der Dorsalfläche mit stärker und der Abdominalfläche 
schwächer entwickelten Tuberkeln besetzt, so dass sich die Haut 
ganz rauh anfühlt. Die Grundfarbe der Dorsalfläche ist braunroth; 
an jeder Seite des Rückens befinden sich 4 bis 7 gelbe oder röthliche 


*) Holbrook erwähnt in seiner Beschreibung von Salamandra symmetrica einer Haut- 
falte an der Kehle, doch finde ich bei den von mir im Staate Kentuky und Indiana, 
ferner bei den von Herrn (€. Müller aus Dresden im Staate New-York und Pensylvanien 
gesammelten Exemplaren eine Hautfalte nicht, ebenso finde ich in der Besehreibuug 
von Storer, Reptiles of Massachuselts, keiner Hautfalte erwähnt. 


271 
Flecken, welche mit einem schwarzen Höfchen eingefasst sind.*) Die 
, oO 
Seiten und die Oberfläche oranzeeelb und mit vielen runden, scharfbe- 
OTTO ’ 
grenzten schwarzen Punkten besäet. Sind auf der Dorsalfläche schwarze 
Punkte vorhanden, so sind diese mehr vereinzelt und verschwommen. 
; , 
Die Extremitäten ebenfalls schwarz punktirt. 
Das grösste von mir gefangene Exemplar ist 4 Zoll lang. 
Länge des Kopfes —' 5 
- > Ramplesti lt 
2 - Schwanzes' 3 _ı# 
Totallänge 4 —“ 
Sal. symmetrica bewohnt sehattire, aber mehr trockene Gegenden 
se, 5 ’ 
ich fand denselben mehrmals unter der Rinde eines ganz trockenen 
Baumes, weit vom Wasser entfernt. Zur Zeit der Begattung und Ab- 
setzung der Jungen jedoch gehen sie in das Wasser. 
Eine Verwechslung mit Triton dorsalis ist, obgleich die Färbung 
sehr ähnlich ist, doch nicht möglich, da bei letzterem ein vollkommener 
? fo) ? 
Ruderschwanz vorhanden ist. 


b) Körper mehr lang gestreckt. 
Salamandra erythronota. Green. 


Sal. erythronota, Green, Journ. Acad. Nath. Scien. Philad. vol. 1. 
pag. 356. Sal. cinerea, Green, Coc. cit. vol. I. pag. 95. Sal. erythro- 
nots, Harlan, Med. and Phys. Res. pag. 95. Sal. cinerea, Harlan, Coc. 
eit. pag. 65. Storer, Reptiles of Massachusetts pag. 245. Holbrook, 
Noıth-Amer. Herpetol. vol. V. plate XI. 

Kopf ist kurz; Schnauze zugespitzt; Rachen tief gespalten; Zunge 
ova., ziemlich gross, sehr flach, in der Mittellinie angewachsen, daher 
nur seitlich beweglich. An beiden Seiten beginnt hinter den innern Nasen- 
öffnıngen eine Querreihe Zähne, welche jede nach innen und ein wenig 
nacı rückwärts läuft, die sich aber beiderseits nicht verbinden. Zwei Längs- 
reihen von Zähnen verlaufen zu einer Gruppe zusammengeflossen, bis zum 
Keibeinkörper und sind hinten am breitesten. Die Nasenlöcher stehen 
seitl|ch nahe der Schnauze. Augen klein, sehr vorstehend, Pupille 
schwarz, Iris kupferfarben. Nacken wenig abgesetzt; Kehle mit einer 
Haufalte; Körper eylinderförmig, lang gestreckt und schlank ; Schwanz 
im Canzen rundlich, in eine Spitze endigend. Die Vorderextremitäten 
sind klein und schwach; Hinterextremitäten länger und etwas stärker. 
Die Grundfarbe der Dorsalfläche ist dunkelbraun, längs dem hücken 


*) Die Beschreibung der Farbe weicht von der von Holbrook gegebenen darin ab, 
dass deselbe der mit einem schwarzen Höfehen umgebenen gelblichen Flecken an bei- 
den Seien des Rückens gar nicht erwähnt. In der beigefügten Abbildung vol. V, 
plate X\I, aber sind dieselben deutlich angegeben. 


272 
meist mit einem breiten hellbraunen bis beinahe zum Schwanzende rei- 
chenden Bande versehen; zuweilen ist dieses Band dunkelblau oder 
grau gefärbt, zuweilen kaum von der Grundfarbe zu unterscheiden, zu- 
weilen ist das braune Band aber der dunkelste Theil am ganzen Thiere. 
Ober- und Unterlippe sind gelblich. Die Seiten des Bauches und des 
Schwanzes sind gelblich und ganz dicht grau gesprenkelt. Extremitäten 
meist gelblich braun. Die Unterfläche ist weisslich und grau oder braun 
gesprenkelt. 
Länge des Kopfes —" 31) 
- — Kumpfes- = 
- - Schwanzes 1” 5 
Totallänge 2” 1112’ 

Salamandra erythronota ist sehr gemein in den ganzen Vereinigten 
Staaten von Massachusetts bis Louisiana. Im Norden ist derselbe so häufig, 
dass fast unter jedem flachen, hohl liegenden Steine, unter jedem faulen 
Stamm ein oder mehrere Thhiere sich befinden; nach dem Süden wird 
derselbe seltener; in Texas fand ich keinen. Es ist unstreitig der 
schnellste Salamander in Nord-Amerika, er ist so agil auf der Flucht, 
dass man auf den ersten Augenblick eine Eidechse zu sehen glaubt. 


Salamandra auriculata. Holbrook. 


Sal. auriculata, Holbrook, North-Amer. Herpetol. pag. 47. plate XL. 


Kopf ist klein, oben und vorn abgerundet; Zunge klein, rund, ge- 
stielt, sehr beweglich. Eine starke Gruppe von kleinen Zähnen beginnt 
auf jeder Seite hinter den innern Nasenöffnungen und vereinigt sich in 
der Mitte. Zwei Linien hinter dieser Querreihe beginnt eine Längsgrujpe, 
welche bald in zwei Reihen getheilt, sich nach hinten etwas mehr ron 
einander entfernt. Aeussere Nasenöffnungen sind klein, seitlich ınd 
von einander mehr entfernt, als es bei den Salamander gewöhnlich der 
Fall ist. Die Augen sind klein und vorstehend; Pupille schwarz, Iris 
rothbraun; Nack@n leicht abgesetzt; Kehle mit einer Querfalte. 


Körper lang und cylinderförmig; Schwanz ebenso lang als der ganze 
übrige Körper, rundlich, an der Spitze zusammengepresst. Die Voxler- 
extremitäten sind klein, die Hinterextremitäten nur etwas stärker. 

Farbe oben dunkelbraun ; etwas dunkler auf dem Kopfe. Hinter 
jedem Auge nach dem Nacken zu befindet sich ein länglich roth-brauner 
Fleck, welcher dem Thiere das Ansehen giebt, als sei es mit Chren 
versehen. An jeder Seite des Körpers ist eine Reihe kleiner rundlicher, 
roth-brauner Flecken, welche sich bis an das Ende des Schwanz:s er- 
strecken. An den Seiten des Rückens sind diese Flecke zuweiler dop- 
pelt vorhanden und stehen sich sehr nahe. Unterleib ist hellgraı, an 
der Kehle ebenso, nur noch mit einem leichten violetten Anflug. 


273 
Länge des Kopfes —-" 4 
- - »ABumnples" 7 242% 
- - Schwanzes 2” 6 
Totallänge 5" — 
Das Exemplar, von welchem Holbrook die Beschreibung gegeben, 
wurde von Dr. Harden bei Riceborough in Georgia gefangen. 


Salamandra Phoca*). Matthes. 


Kopf klein, oben und vorn rund; Rachen sehr wenig tief gespalten; 
Zunge oval, nach vorn zugespitzt, an der untern Fläche und der Spitze 
angeheftet, seitlich frei und leicht beweglich; Zähne bestehen aus einer 
vordern Querreihe und einer Längsgruppe. Aeussere Nasenöffnungen 
stehen seitlich oben, nahe der Schnauze. Nacken wenig abgesetzt, nach 
vorn und aufwärts gebogen; Kehle mit einer deutlichen Querfalte. Kör- 
per ceylinderförmig, langgestreckt, schlank, Schwanz beinahe so lang als 
der Körper, an der Wurzel rund, dann seitlich zusammengedrückt und 
in eine scharfe Spitze endigend. Vorderextremitäten mit vier, Hinter- 
extremitäten mit fünf Zehen. 

Grundfarbe der Dorsalfläche schiefergrau, mit unregelmässigen, 
dunkeln Flecken gezeichnet, welche Flecken zu beiden Seiten dicht 
neben der Dorsallinie stärker ausgeprägt sind und sich bis über die 
Hälfte des Schwanzes erstrecken. Eine zweite Reihe befindet sich an 
der äussern Fläche des Rückens, verschwindet aber am Schwanze. 
Oberfläche der Extremitäten wie der Rücken gefärbt und mit einzelnen 
dunkelen, mehr verschwommenen Flecken versehen. Die ganze Unter- 
fläche ist einfach blass, grünlich gelb. 

Länge des Kopfes —“' 4 
- -, Rumptesniot 1:0 
- - Schwanzes 2 2 


Totallänge 4 4 

Besondere Bemerkung. Eben beschriebener Salamander steht Sala- 
mandra auriculata hinsichtlich der Körperform am nächsten, doch unter- 
scheidet er sich anatomisch durch den nach aufwärts und vorn geboge- 
nen Nacken von diesem und allen übrigen bis jetzt bekannten Salamandern. 

Ich fand das eben beschriebene Exemplar unter einem kleinen flachen 
Stein dicht neben dem Taylors-Creeck in Kentucky unweit New - Port. 
Alle Versuche, mehr als ein Exemplar zu bekommen, waren vergeblich 
und ich glaube, dass an eine bedeutendere Vermehrung an dem angeführ- 
ten Fundorte wohl nicht Zu denken ist, da hier eine Masse Schlangen, 
namentlich Nerodia sipedon und Regina leberis vorhanden und fast 
unter jedem Steine anzutreffen waren. Ehe ich in Besitz des Thieres 


*) Ich nenne diesen Salamander deshalb „Salamandra Phoca“, weil der kleine 
runde, auf dem vor- und aufwärtsgebogenen Nacken sitzende Kopf täuschend die Form 
des Seehundes wiedergiebt. 


274 


kam, versuchte es zu fliehen, wobei es eine ziemliche Behendigkeit an 
den Tag legte. 


Salamandra bilineata. Green. 

Sal. bilineata, Green, Jour. Acad. Nat. Scien. Philad. vol. I. p- 325. 
Holbrook, North-Amer. Herpetol. pag. 55 plate XII. Sal. flavissima, 
Harlan, Med. and Phys. Res. pag. 97. 

Kopf klein; Schnauze mehr rund als zugespitzt; Zunge klein, läng- 
lich rund, dünn, auf einem Stiele sitzend, leicht beweglich. Eine Quer- 
reihe Zähne läuft von der einen Seite des innern Randes der innern 
Nasenöffnungen zur andern, hinter diesen befinden sich zwei Längsrei- 
hen von gewöhnlicher Ausdehnung. Nasenlöcher stehen seitlich, nahe 
der Schnauze. 

Die Augen sind vorstehend, Pupille schwarz, Iris goldig. Nacken 
wenig abgesetzt; Kehle mit einer queren Hautfalte. Der Körper ist 
cylinderförmig, der Schwanz an der Basis rund, verengt sich allmählig 
und nach der Spitze zu seitlich zusammengedrückt. Vorderextremitäten 
sind aussergewöhnlich klein, Hinterextremitäten zwei Mal so stark. 

Die Dorsalfläche des ganzen Thieres ist braungelb gefärbt, an jeder 
Seite mit einer schwarzen Linie, welche hinter dem Auge beginnt und 
ohne Unterbrechung sich über die Seiten oberhalb der Vorder- und 
Hinterextremitäten hinzieht und vor dem Ende des Schwanzes verliert. 
Die Unterfläche ist hellgelb und die Haut so fein, dass sie erlaubt, die 
Eingeweide durchzusehen, wodurch es erscheint, als sei die Haut in 
der Mittellinie dunkler. 

Länge des Kopfes —" 3 
- - YRumpfes: 1 mg 

- - Schwanzes 2° 2’ 
Totallänge 3” 10 

Lebt auf dem Lande nur an dunkeln Plätzen, ist lebhafter als die 
Salamander gewöhnlich, wohnt unter Steinen, unter faulem Holz, verlässt 
diese Orte nach dem Regen und im Abenddunkel, um sich seine Nahr- 
ung zu suchen. 

In den Staaten Massachusetts, Jersey, North- Carolina und Süd- 
Carolina ist dieser Salamander bis jetzt aufgefunden worden. 


Salamandra cirrigera. Green. 

Sal. eirrigera, Green, Journ. Acad. Nat. Scien. Philad. vol. IV. 
pag. 253. Sal. eirrigera, Harlan, Med. and Phys. Res. pag. 99. 8al. 
eirrigera, Holbrook, North-Amer. Herpetol. pag. 53. plate XV. 

Kopf kurz; Schnauze stumpf abgerundet; auf jeder Seite zwischen 
Nasenlöchern und Oberlippe befindet sich ein über die Unterlippe her- 
vorragender, beinahe \/a Zoll langer, nach unten zugespitzter Hautlappen; 
Rachen schr wenig gespalten; Zunge länglich oval, dünn und leicht be- 


275 
weglich. Eine Querreihe Zähne beginnt an dem innern hintern Rande 
der innern Nasenöffnungen einerseits bis auf die andere Seite, hinter 
diesen befindet sich eine aus sehr kleinen Zähnen bestehende Längs- 
gruppe, welche bis zum Keilbeinkörper sich erstreckt. Nasenlöcher 
vorn etwas zurückstehend; Augen gross, vorstehend, Pupille dunkel, 
Iris golden; der Nacken ist vom Kopfe abgesetzt; Kehle mit einer 
häutigen Querfalte versehen. , 

Körper langgestreckt, aber ein wenig gedrängt, robust; Schwanz 
beinahe so lang als der ganze Körper, von der Seite zusammengedrückt, 
nach den Enden allmählig verlaufend und in eine Spitze endigend. 
Vorderextremitäten zart, mit vier Zehen, Hinterextremitäten weit stär- 
ker, mit fünf Zehen. 

Die Farbe des Kopfes ist oberhalb rahmfarben, mit einem röthlichen 
Anflug, ebenso die Oberlippe; Unterlippe und Kehle beinahe weiss. 
Rücken und Schwanz sind oben etwas dunkler gefärbt, als der Kopf, 
mehr rothbräunlich, mit vielen dunkeln Punkten gesprenkelt; eine dunkle 
unterbrochene Längslinie beginnt hinter den Augen einer jeden Seite, 
läuft an der Seite, noch oberhalb der Extremitäten und endigt nahe vor 
der Schwanzspitze. Die Flanken unterhalb dieser Linie sind braun ge- 
sprenkelt und mit einer unregelmässigen Reihe kleiner weisser Flecke 
versehen. Unterseite ist gelblich weiss mit einem leichten Purpuranflug 
in der Mittellinie; die Extremitäten besitzen an der äussern Seite die 
Farbe des Rückens und an der innern Fläche die Farbe des Bauches. 

Länge des Kopfes —' 21% 
- =, aurapfes, ‚1 5% 
- - Schwanzes 1” 7 
Totallänge 3 21/2 

Nur in Louisiana und Mississippi ist Salamandra cirrigera bis jetzt 

beobachtet worden. 


Salamandra Haldemani. Holbrook. 


Sal. Haldemani, Holbrook, North- Amer. Herpetol. vol V. pag. 59 
plate XIII. 


Kopf von mittelmässiger Grösse, oben etwas abgeflacht; Schnauze 
rund; Rachen wenig gespalten; Zunge breit, rundlich und mit einem 
breiten kurzen Stiel befestigt. Auf jeder Seite hinter den innern Nasen- 
öffnungen beginnt eine Querreihe Zähne, welche nach innen und hinten 
läuft, sich aber in der Mittellinie nicht zu einer Linie verbindet, son- 
dern einen kleinen freien Raum lässt, hinter welchem eine nach dem 
Keilbeinkörper zulaufende Längsgruppe beginnt. 

Die Nasenlöcher stehen nahe der Schnauze, seitlich, doch etwas nach 
oben. Augen gross und vorstehend; Pupille dunkel, Iris hellgelb. 
Nacken abgesetzt; Kehle mit häutiger Querfalte. 


276 


Körper ist eylinderförmig und dünn; Vorderextremitäten schwach, 
mit 4 Zehen, Hinterextremitäten stärker, mit 5 Zehen. Der Schwanz 
ist beinahe so lang als der ganze Körper und allmählig sich verdün- 
nend, vor der Spitze ein wenig zusammengepresst. 


Kopf und Nacken oberhalb blassgelb, Lippen heller und die Kehle 
gelbweiss. Der Körper ist oben strohfarben, an den Flanken mit einem 
olivenfarbenen Anflug und mit vielen kleinen dunkeln oder braunen Flecken 
von verschiedener Grösse und unregelmässiger Stellung gesprenkelt, die 
grössten befinden sich an den Seiten. Die Kehle ist blassgelb, ebenso 
der Unterleib, nur in der Mitte mit einem etwas starken purpurfarbenen 
Anflug. Die Extremitäten ähnlich der Färbung des Rückens, die dunk- 
len Flecken aber sind seltner und kleiner; die innere Fläche ist gelb. 

Länge des Kopfes —' 5 

- - Rumpfes 1% 8% 

- -  Schwanzes 1° 11 
Totallänge 4 — | 

Lebt in Pensylvanien, Maryland, Virginien unter Steinen und Baum- 
stämmen. 


Salamandra maculata. Green. 


Sal. maculata, Green, Jour. Acad. Nat. Scien vol. I. pag. 350. 
Harlan, Med. and Phys. Res. pag. 96. 


Dr. Storer giebt einen Auszug aus Green’s Beschreibung von Sal. 
maculata wie folgt: „Länge 4 oder 5 Zoll, Schwanz ohngefähr so lang 
als der Körper, allmählig schwächer werdend, wenig zusammengepresst, 
zugespitzt; Schnauze rund; Rücken weisslich, mit unregelmässigen, 
rothbraunen Flecken besprenkelt; unten weiss, Vorderfüsse mit 4, Hin- 
terfüsse mit 5 Zehen. 

Dr. Storer giebt in Reports on the Reptiles of Massachusetts die 
Beschreibung einer Larve von Sal. maculata wie folgt: „This is a quite 
yong specimen, being only an inch and a half long, and having the 
branchiae still attached; and as its colors have somewhat changed in 
the Alcohol.“ *) 

Dr. Storer nimmt den Staat Massachusetts als das Vaterland von 
Sal. maculata an; Holbrook erwähnt in North-Amer. Herpetol. 1842 die- 
ses Thier jedenfalls wegen Mangel eines Exemplars oder einer guten‘ 
Beschreibung gar nicht. Vielleicht ist aber auch die Existenz dieses 
Thieres noch sehr fraglich. 


*) Diese Beschreibung passt unbestreitbar auf alle Salamander-Larven, und nicht 
gerade auf eine besondere Art, überhaupt ist das Bestimmen der Salamander-Larven mit 
Sicherheit gar nicht möglich. 


277 


Triton. Laur. 
Wasser - Salamander, Wasser - Molch. 

‚Körper mehr oder weniger schlank, cylinderförmig; Schwanz von 
der Seite stark zusammengedrückt, (Ruderschwanz) bei einigen mit einem 
Hautkamm versehen; Vorderfüsse stets 4, Hinterfüsse stets 5 Zehen, an 
der Basis mehr oder weniger verwachsen; Rachen, ausser den Maxillar- 
zähnen, noch mit Querreihen oder mit Quer- und Längsreihen zugleich 
besetzt; Zunge angeheftet, die Ränder frei. Der gewöhnliche Aufent- 
halt der Tritonen ist das stehende, selten das fliessende Wasser. Die Fort- 
pflanzung geschieht durch Eier, welche von der Sonne ausgebrütet wer- 
den. Die Larven tragen ebenfalls Kiemen, sind Anfangs ohne Beine, 
erhalten zuerst die Vorderfüsse und unterscheiden sich hierdurch von 
den Froschlarven, welche die Hinterfüsse zuerst erhalten. Nach Verlust 
der Kiemen und Schliessung der Kiemenspalte, tritt Lungenathmung 
ein und das Thier, obgleich vorzugsweise im Wasser lebend, muss von 
Zeit zu Zeit auf die Oberfläche um Luft zu schöpfen. 


Triton dorsalis. Harlan. 


Triton dorsalis, Holbrook, North-Amer. Herpetol. pag. 77. plate XXV. 
Salamandra dorsalis, Harlan, Jour. Acad. Nat. Scien. Philad. vol. VI. 
pag. 101. Sal. dorsalis, Storer, Reptiles of Massachusetts pag. 249. 

Kopf kurz, nach hinten breiter, die Schnauze beinahe zugespitzt; 
der Rachen ist weit gespalten; die Zunge breit, flach, meist angewachsen, 
Vorder- und Seitenränder aber frei; Quer- und Längsreihzähne vorhan- 
den; Nasenlöcher stehen vorn; Augen gross und vorstehend; Pupille 
schwarz, Iris geflammt; Nacken und Körper sind beinahe eben so breit 
als der Kopf und cylinderförmiger Gestalt; Kehle mit Querfalte. 

Vorderextremitäten weniger ausgebildet, mit 4 kleinen Zehen, Hin- 
terextremitäten dreimal so stark als die vordern, endigen in 5 kurze 
leicht bewegliche Zehen, welche an ihrer Wurzel vereinigt sind; Schwanz 
an der Wurzel dick, im übrigen bis an das Ende stark von der Seite 
zusammengedrückt, ruderförmig. Die Grundfarbe der Oberfläche ist 
olivenbraun mit einem grünlichen Anflug und mit vielen kleinen schwar- 
zen Punkten übersäet, welche am Schwanze stärker ausgeprägt sind. 
Vom Nacken läuft eine hellere Linieüber den Rücken nach dem Schwanze; 
auf jeder Seite dieser Linie befindet sich eine Reihe hellgelber, zuweilen 
röthlicher symmetrisch geordneter Flecken, welche jedoch bedeutend 
variiren, selbst fehlen können, wodurch dann das Thier dem europäl- 
schen Triton etwas ähnlich sieht. Die ganze Unterfläche ist orangegelb 
und mit vielen schwarzen, unregelmässig stehenden Punkten bedeckt. 

Länge des Kopfes —" 5 
= -  Rumpfes 1%, 41/4 
- -  Schwanzes 2 — 


Totallänge 3 91a 


278 


Triton dorsalis bewohnt die vereinigten Staaten von Massachusetts 
bis Georgia. 


Triton porphyriticus. Green. 


Salamandra porphyritica, Green, Maclurian Lyceum pag. 3. Harlan, 
Med. and Phys. Res. pag. 98. Holbrook, North-Amer. Herpetol. vol. V. 
pag. 83. plate XXVII. 

Kopf ziemlich gross; Schnauze stumpf und abgerundet; Rachen ver- 
hältnissmäsig gross; Zunge breit, länglich, dünn und vorn ein wenig 
befestigt, Seitenränder ein wenig beweglich; Zähne stehen in einer Quer- 
reihe, erstrecken sich von der einen Seite des äussern Randes der innern 
Nasenöffnungen zur andern; Nasenlöcher stehen oben und seitlich nahe 
der Schnauze nach aufwärts und wenig auswärts geöffnet, mit einer 
kleinen Wulst, welche sich von hier erstreckt und bis an den vordern 
Winkel des Auges läuft; Augen ziemlich klein, Pupille schwarz, Iris 
dunkel. 

Körper ist cylinderförmig und langgestreckt; Schwanz stark zusam- 
mengepresst, an dem untern und obern hande der hintern Hälfte gekielt. 
Die Extremitäten und Zehen unbedeutend entwickelt. Die Oberfläche 
des ganzen Thieres ist mehr oder weniger braun gefärbt, untermischt 
mit unregelmässigen, weisslichen Flecken, welche an den Seiten unre- 
gelmässige Längslinien bilden. Kehle und Abdomen weisslich, dunkel- 
braun schattirt. 

Länge des Kopfes —" 6 
- - Rumpfes 2” —"' 
- - Schwanzes 1” 11 


Totallänge 4" 5 


Nur im westlichen Pensylvanien bis jetzt aufgefunden. 


Triton niger. Green. 


Salamandra nigra, Green, Jour. Acad. Nat. Scien. Philad. vol. I. 
pag. 352. Harlan, Med. and Phys. Res. pag. 97. Salam. intermixta, 
Green, Maclurian Lyceum pag. 5. Sal. pieta, Harlan, Med. and Phys. 
Res. pag. 97. Storer, Rept. of Massachusetts, pag. 251. Holbrook, 
North-Amer. Herpetol. vol. V. pag. 81. plate XXVLH. 

Kopf klein, Schnauze beinahe zugespitzt; Rachen verhältnissmässig 
tief gespalten; Zunge oval, nach hinten am breitesten, vorn schmal und 
angeheftet, frei und beweglich am hintern Rande. Die Vomer sind mit 
einer Quergruppe kleiner Zähne bewaffnet und andere stehen in Längs- 
richtung in der Mittellinie; Nasenlöcher klein nach oben und seitlich; 
Augen vorstehend, Pupille schwarz und dunkelgraue Iris; Nacken we- 
nig abgesetzt; mit grosser Querfalte an der Kehle. 

Körper gedrungen, subeylinderförmig; Schwanz an der. Basis dick 
und rund, dann von der Seite zusammengedrückt, bis nahe zum Ende 


279 


welches eine Spitze bildet. Vorderextremitäten kurz mit 4 Zehen, Hin- 
terextremitäten viel länger mit 5, leicht an der Basis verbundenen Ze- 
hen. Oberfläche des ganzen Thieres ist schwarz mit einem hellblauen 
Anflug. Kehle und Unterleib violett. Junge Exemplare sind oft mehr 
braun als schwarz mit einigen dunkler gefärbten Flecken an den Seiten. 

Länge des Kopfes —" 4 

- - Rumpfes 2% — 

- - Schwanzes 2” — 


Totallänge 4 4 
Lebt nach Holbrook ausschliesslich im Wasser. Die geographische 
Verbreitung dieses Thieres scheint sich von Massachusetts bis Louisiana 
zu erstrecken. 


Triton tigrinus. Green. 


Salamandra tigrina, Green, Jour. Acad. Nat. Scien. Philad. vol. V. 
pag. 116. Harlan, Med. and Phys. Res. pag. 93. Triton tigrinus, Hol- 
brook, North-Amer. Herpetol. vol. V. pag. 79 plate XXVI_ 

Kopf gross, breit, oben abgeflacht, vorn abgerundet; Rachen gross ; 
Zunge breit, rundlich, ganz hinten angeheftet, vorn wenig angeheftet, 
nur an den Seitenrändern frei und beweglich. Die Zähne stehen in drei 
Querreihen; eine beginnt hinter dem äussern Rande der innern Nasen- 
öffnungen an jeder Seite und läuft zwei Linien nach innen und rück- 
wärts; zwischen den innern Enden dieser beiden Gruppen, auf einer 
etwas in Front stehenden Linie fängt die grösste Gruppe an, welche 
ebenfalls querläuft, aber in der Mitte etwas nach vorwärts gebogen ist. 

Augen sind gross und vorstehend, die Pupille ist schwarz, Iris 
golden, untermischt mit roth; Nacken ist abgesetzt, Kinn glatt, Kehle 
mit starker Querfalte. 

Körper ist stark und cylinderförmig, Schwanz länger als der Kör- 
per, von der Seite zusammengedrückt, oben und unten schmal gerandet; 
Vorderextremitäten kurz und dick mit 4 kurzen Zehen getrennt, die 
mittelste ist die längste, Hinterextremitäten sind grösser und mit 5, an 
der Wurzel verbundenen Zehen. 

Die Grundfarbe der Oberfläche ist bläulichschwarz, mit vielen un- 
regelmässigen eitrongelben Flecken; das Kinn ist dunkelgelb; Kehle 
und Unterleib grau mit dunkeln gelben Flecken; die Unterfläche des 
Schwanzes und der Extremitäten ist gelb gewölkt. 

Länge des Kopfes —” 10 
- U Rumpfes' 244,374 
- - Schwanzes 3% 6 
Totallänge 6” 7 
Lebt in den nördlichen Theilen der vereinigten Staaten, von Massa- 


chusetts bis New-Jersey, in den Wäldern unter Steinen, Holz und | 
Blättern. 


280 


Die Stellung des letztgenannten Thieres unter die Tritonen, ist 
wegen seines Aufenthaltes im Walde, unter Steinen, Holz und Blättern 
ziemlich fraglich. Green und Harlan ‚stellten das Thier unter die Sala- 
mander und Holbrook unter die Tritonen: inwiefern die Stellung unter 
die Tritonen gerechtfertigt erscheint, ist mir nicht erklärlich; ebenso 
fraglich ist die Stellung von Salamandra porphyritica, Green, unter die 
Tritonen. Der Umstand, dass Professor Green das Thier in French- 
Creek gefunden, kann doch nicht allein hierzu veranlassen und übrigens 
beweisst die Beschreibung und die Abbildung das Fehlen eines Ruder- 
schwanzes. 

Da ich diese Thiere jedoch nicht gesehen, so erlaubte ich mir nicht 
die Stellung, die ihnen Holbrook angewiesen, zu ändern. 


Beitrag zur Kryplogamen-Flora Süd -Alrikas. 
Pilze und Algen. 
Bearbeitet von Dr. L. Rabenhorst. 


Um so seltener es immer noch ist, dass botanische Reisende in 
aussereuropäischen Ländern auf Kryptogamen im Allgemeinen achten, 
am wenigsten sich geneigt zeigen, Pilze, Algen und Flechten zu sam- 
meln, um so dankbarer müssen wir jede kleine Gabe, die uns aus fer- 
nem Lande geboten wird, annehmen*). So haben wir denn auch die 
kleine Sammlung, welche Herr Bischof J. Chr. Breutel bei seinem Auf- 
enthalte 1833 in Süd-Afrika zusammengebracht hat, auf das Freudigste 
begrüsst und es ist um so dankbarer anzuerkennen, da diese Reise keine 
eigentlich wissenschaftliche war, sein schwerer Beruf ihm nur gestattete 
einzelne Augenblicke dazu zu verwenden. 

Wie es schon im 4. Hefte dieser Zeitschrift erwähnt worden ist, 
sind die Lebermoose an Herrn @ottsche in Hamburg, die Laubmoose an 
Herrn Schimper in Strassburg zur Bearbeitung abgegeben, die Pilze und 
Algen waren mir anvertraut worden. Meine Untersuchung ist beendet 
und ich lege somit das Resultat derselben in diesen Blättern nieder. 

Die Sammlung zerfällt in Pilze, Süsswasser- und Meeralgen. Die 
Zahl der letztern beschränkt sich vorläufig auf zwei Arten, eine grössere 
Zahl, wie Herr Zreutel versichert, wird nachfolgen, ist jedoch bis jetzt 
noch nicht in Hamburg angekommen. Diese beiden Arten sind: Clado- 


phora (Aegagropila) trichotoma (Ag. syst. Alg. p. 121) Ktz. Tabul. phy- 


*) Rühmend muss ich es hier noch erwähnen, dass der bekannte Reisende Zechler 
in Chile sich nun auch den Kryptogamen, zunächst den Süsswasseralgen, zugewandt 
hat. Es ist dieser Tage die erste Sendung von ihm bei mir glücklich eingetroffen. 

L. R, 


281 


col. IV. T. 64 und Phyeoseris Ulva Sonder Alg. Preiss. pag. 6 (Herb. 
Preiss. No. 2489). Beide sind ihrer Seltenheit und der geographischen 
Verbreitung wegen interessant; erstere ist nämlich von Herrn BZreutel 
bei St. Helena gesammelt und war bis jetzt nur an der französischen 
Küste und bei Helgoland beobachtet worden; letztere ist aus dem See 
„Saldanhabay“ und war bisher nur von den Küsten Neu-Hollands be- 
kannt. Die Zahl der Pilze ist ebenfalls gering, auch findet sich nichts 
Neues darunter; sie sind aber ihrer Verbreitung wegen interessant und 
zeigen wie ausserordentlich treu sie ihre Typen auch unter den ver- 
schiedensten klimatischen Einflüssen zu bewahren wissen: 

1) Schizophyllum flabellare Fr. epier. p. 403. Ein äusserst zierlicher 
und seltner Pilz. Er wurde vor etwa 30 Jahren von A/zelius in Guinea 
entdeckt und in seinen Icon. Guin. auf T. 25. abgebildet. Eine ausführ- 
liche Beschreibung giebt Fries in seinen „Novae Symbolae mycolog. 
1851“ pag. 25. 

2) Polyporus sanguineus (Linne sp. plant. I. p. 1646) Fr. epier. p. 444. 
ist unter den Tropen allgemein verbreitet, wurde von Herrn Zreutel nur 
einmal gesehen. 

3) Stereum hirsutum (Willd.) Fr. eine Kosmopolit! 

4) Phyllosticta cruenta (Desmaz) Fr. Summa Veg. p. 426. 

5) Sphaeria herbarum Pers. 

6) Cladosporium Fumago (Fumago vagans Pers.) 

7) Torula herbarum Lk. Corda Icon. I. T. U. F. 124. 


Süsswasser - Algen. 

Sie wurden am zahlreichsten gesammelt und bereichern unsere 
Kenntniss durch mehrere neue Arten. 

1) Batrachospermum afrikanum Rabenh. n. sp. in zwei Formen: a) mit 
genäherten, b) mit sehr entfernten Quirlen. Es ist ein wirkliches deter- 
sum, denn die Aeste treten hier gar nicht hervor, der Quirl ist factisch 
wie abgeschoren ; diese letztern sind kugelrund, von unten und oben 
gleichsam zusammengedrückt, auch stehen sie immer entfernter als an 
unserm deutschen detersum, sie nähern sich nur an den kleinen Seiten- 
und Endzweigen und fliessen nur an deren Spitze zusammen. Die 
Farbe ist braunschwarz, während das deutsche grün oder grünlich ist. 
Bei Gnadenthal. 

2) Batrachospermum Breutelüi Rabenh. n. sp. zeichnet sich schon ha- 
bituell durch die ausserordentliche Zartheit der Fäden aus, etwa wie 
filamentosum A. Br. Die Farbe ist schön spangrün, wie vagum; die 
Glieder oder einzelnen Zellen sind gestreckt, sehr schlank, fast so dick 
wie bei gujanense (cajennense Mtgn.), nach vorn und hinten aber lan- 
zettlich verdünnt und zugespitzt. Bei Gnadenthal. 

3) Oedogonium capillare (Ag.) stärker als unser deutsches. In den 
Watten finden sich eingemengt: 

Allg. deutsche naturh. Zeitung, I, 20 


282 

a) Navicula Velox Ktz (oblonga Ehbg.) Rabenh. Diat. T. V.F. 12. 

b) Amphirhynchus Ehbg. Rabenh. Diat. T. IV. F. 50. 

c) Pinnularia Dactylus Ehbg. Microgeol. T. 2. UI. F. 2. a. die- 
selbe kräftige Form! Die deutsche ist gewöhnlich schlanker. Conf. 
Rabenh. Diat. T. VI. F. 8. 

d) Epithemia Westermanni (Ehbg.) Rabenh. Diat. T. I. F. 19. 

e) Closterium moniliferum Ehbg. Inf. T. V. F. XVI 

4) Spirogyra quinina? Die Chlorophylibänder sind aufgelöst, daher 
nicht mehr sicher bestimmbar. Eingemengt finden sich einzelne Fäden 
von Dlothrix compacta Ktz. Tabul. phycol. U. T. 85. F. 2, ferner: 

a) Navicula Amphirhynchus Ehbg. 

b) Fragilaria rhabdosoma Ehbg. Rabenh. Diat. T. I. F. 6. 

c) Palmogloea macrococca Ktz. Al. Braun Verj. T. 1. 


5) Spiroyyra capensis Rabenh. n. sp. e saturate vividi fusco — 
nigrescens, „I, — 35“ crassa, articulis diametro 24 — 5 plo longioribus; 
spiris pluribus laxis, cellularum finibus nee replicatis. 

Steht der Sp. fusco-atra Zabenh. Alg. Dec. N. 98 sehr nahe, unter- 
scheidet sich aber durch grössere Stärke und meist längere Glieder. 
Bei der Capstadt. 

Eingemengt finden sich: 

a) Pinnularia major Rabenh. Diat. T. VI. F.5 und T. X. F. A. 

b) Closterium capense Rabenh. n. Sp. Js — 15 lang, leicht sichel- 
förmig gekrümmt, nicht bauchig, nach den Enden zu schwach, an den 
Enden plötzlich verdünnt und sehr scharf gespitzt, die Spitzen öfters 
nach Innen gekrümmt. Es ist dem Ul. acutum Ralfs Brith. Desm. 
T. XXX. F. 5. und dem Cl. parvulum Naeg. Einzell. T. VI. C.F. 2. ver- 
gleichbar, die Enden sind jedoch viel weniger, fast gar nicht ausgezogen, 
scharf gespitzt und gekrümmt. 

c) Himantidium capense Rabenh. n.sp. Dem gujanense kaum ver- 
wandt, schlanker, Rücken flach gewölbt, nicht niedergedrückt; die Enden 
ziemlich stark verdünnt, gestreckt, stumpf abgerundet, wenig zurückge- 
krümmt; Querstreifen äusserst zart; Länge 253 m. m. 

6) Nostoc laevigatum Ktz. spec. Alg. p. 299. Bei Enon. 

7) Sphaerozyga inaequalis Ktz. Tabul. phycol. I. T. 96 F. IH. War 
bisher nur in Deutschland und Frankreich beobachtet. Gnadenthal in 
einem Tümpel. Gemischt mit 

a) Pinnularia inaequalis Ehbg. Rabenh. Diat. T. VI. F. 12. 

b) Protococcus aureus Ktz. Tabul. phye. I. T. 2. 

c) Synedra lunaris Ehbg. Rabenh. Diat. T. V. F. 6. 

d) Melosira distans Ktz. Rabennh. ]. 1. T. I. F. 19. 

e) Cymbella fornicata Rabenh. \. \. T. X. suppl. F. 9. Dieselbe 
Form, aber „3, m. m. lang! 

N Fragilaria acuta Ehbg. Rabenh. Diat. T. I. F. 3, 


283 


9) Navieula gracilis Ehbg. Rabenh. 1. 1. T. VI. F. 64. 

h) —— amphisbaena Bory. Rabenh. ]. 1. F. 66. 

i) Cocconeis capitata Rabenh. nov. SP. 739 m. m. long., late ellip- 
tica, longitudinaliter granulato-lineata, utrinque capitato-constricta. 

k) Navieula mesogongyla (nee Pinnularia), an melius nov. sp.? 

l) Cyelotella (Discoplea) africana Rabenh. n. sp. disco plano, subor- 
bieulari, margine dentato, diametr.  — ”. 

m) Cosmarium integerrimum Ehbg. Inf. T. XH. F. IX. 

n) Cosmarium quadratum Ralfs Brith. Dism. T. XVL F. 9. 

8) Rhynchonema nigrescens Rabenh. n. sp. Trichomatibus „4 — 
cerassis, articulis 5— 6 plo, ad apicem 10 — 12 plo longioribus; cellulis 
utroque fine plicatis, non replicatis. Aus dem Klipplas bei Sila. 

9) Cladophora oligoclados Rabenh. n. sp. Trichomatibus pauce ramosis, 
5 — 215‘ erassis; articulis diametro brevioribus, aequalibus v. sublon- 
ihn, Klipplas bei Sila. 

Eingemengt: a) Synedra radians Ktz. Rabenh. Diat. T. V. F. 40. 
b) S. splendens Ktz. Rabenh. 1. \. T. A F. A. e. f. c) Navicula gracilis 
Ehbg. Rabenh. 1. 1. T. VI. F. 64. d) Gomphonema mihi dubium weil 
ich die Hauptseiten nicht erlangen konnte. 

10) Cladophora Breuteliana Rabenh. nov. sp. ramosissima, subdicho- 
toma, viridi-albescens, intricata, „5 — 74 erassis; artieulis diametro 
6 — 10 plo longioribus. Bei Sila. 


Ueber die Varietäten der Helix nemoralis L. und Hel. 
hortensis Müll. 


Von Theodor Reibisch, Privatlehrer in Dresden. 

Durch Rossmässiers Darstellung der Varietäten von Helix nemora. 
lis Z. und Hel. hortensis Müll. in dessen bekanntem iconographischen 
Werke angeregt, kam ich auf den Gedanken zu untersuchen, wie viele 
Bändervarietäten sich aufstellen liessen. Ich bezeichnete in einem da- 
zu angelegten Hefte jede Bändervarietät in der Weise, wie es J. D. W. 
Hartmann in seinen Gasteropoden der Schweiz gethan hat, also jedes 
vorhandene Band mit der seiner Stellung entsprechenden Ziffer und 
jedes fehlende mit 0. Nun sah ich alle mir zugänglichen Sammlungen 
durch und merkte jede Varietät unter ihrer entsprechenden Formel mit 
Fundort und Besitzer oder Beschreiber an. 

Die an Varietäten reichste Sammlung von Hel. nem. und Boat) 
die mir bekannt geworden, ist die vom Mechkanikus ZLiebisch in Sach: 
sen zusammengestellte und dem K. naturhistorischen Museum einver- 
leibte Sammlung, die mir Hofrath Dr. Reichenbach, als Director des- 
selben, mit der freundlichsten Bereitwilligkeit zur Durchsicht und zum 
Abbilden einiger Varietäten zugänglich machte. Sehr gefällig ging auch 

21” 


Dr. Thienemann seine durch Varietäten bedeutende Sammlung der ge- 
nannten Arten mit mir durch. Unter meinen übrigen conchyliologischen 
Freunden waren es besonders die Herren E. Fischer, Hennig, Münch, 
Nitze, Klocke und Schaufuss, die durch fleissiges Sammeln und freund- 
liche Mittheilungen mir öftere Gelegenheit gaben, viele als selten an- 
geführte oder ganz unbekannte Varietäten kennen zu lernen. 

Sowohl dadurch, als auch durch die Arbeiten @eorg v. Martens: 
Abhandlungen der Kaiserl. Leopold. Carolinisch. Academie, Bd. 8. 1832, 
S. 177. ff., Rossmässlers: lconographie der Land- und Süsswassermollus- 
ken ete., Dr. W. Asmanns: Zeitschrift für Malakozoologie von Menke und 
Pfeiffer 1852, S. 11 ff. und HYartmanns: Erd- und Süsswassergasteropoden 
der Schweiz, wurde ich in den Stand gesetzt, die Bändervarietäten der 
genannten Arten genauer untersuchen und bestimmen zu können. 

Dabei war es natürlich, dass ich auch auf die Varietäten der 
Farbe, Grösse und Form aufmerksamer wurde und Erfahrungen sam- 
melte, die hier nicht unerwähnt bleiben dürfen. 

Was die Farbe betrifft, so unterscheidet man bekanntlich zwei Va- 
rietäten, eine rothe und eine gelbe. Sie sind nicht immer deutlich zu 
bestimmen, da verschiedene Individuen bald heller, bald dunkler ge- 
färbt sind und Uebergänge zwischen Gelb und Roth und Weiss ver- 
mitteln. Sammlungen dieser Arten nach den Farben ordnen zu wollen, 
finde ich deshalb nicht nur höchst schwierig, sondern auch unpractisch, 
weil die Uebersicht anderer wichtigerer Varietäten, wie die der Form 
und Zeichnung dadurch erschwert wird. — In der rothen bänderlosen 
Varietät will man nur Hel. hort. erkennen, trotzdem, dass sie oft eine 
röthliche, ja mitunter bis ins Tiefbraune gehende Lippe hat, was ge- 
wöhnlich als specifisches Merkmal nur für Hel. nem. angenommen 
wird. Offenbar finden hier beide Species ihre Uebergänge, denn solche 
bänderlose, braungelippte Exemplare haben sich mir beim Präpariren 
der Liebespfeile und der Glandulae mucosae bald als Hel. nem., bald 
als Hel. hort. erwiesen, während sie den Gehäusen nach sowohl zu der 
einen als auch zu der andern Art gestellt werden konnten. Dies scheint 
auch Poiret bestimmt zu haben, sie Hel. hybrida zu nennen, aber nach 
meiner Meinung ist sie nur eine hybrida, denn Rossmässler und v. Voith, 
beobachteten ja auch die Begattung zwischen Hel. nem. und hort.; kei- 
neswegs kann aber eine hybrida als Species aufgeführt werden. 

Eben so wenig man Varietäten der Farbe nach streng unterschei- 
den kann, eben so wenig lassen sich streng geschiedene Varietäten der 
Grösse annehmen, da von den kleinsten bis zu den grössten Individuen 
keine schroffen und gewaltsamen Absonderungen stattfinden und statt- 
finden können, und die verschiedenen Climata eine bald grössere, bald 
geringere Entwickelung bedingen. — Hel. hort. erreicht wohl nirgends 
das grösste Mass von hel. nem., während diese nie in so kleinen Va- 
rietäten, wie Hel. hort, gefunden wird. Die kleinste Hel. nem. ist nur 


285 


wenig kleiner, als die grösste Hel. hort. Das Königl. naturhistorische 
Museum in Dresden enthält die verschiedensten Grössen von Hel. hort., 
die theils in den Niederungen um Dresden, theils bei Olbernhau im 
Gebirge gesammelt sind. Die kleinsten in Olbernhau gesammelten 
Exemplare sind kleiner, als sie Dr. 2. Pfeifer und Prof. Rossmässler 
angeben; sie verhalten sich ungefähr so zu der gewöhnlichen bei Dres- 
den vorkommenden Grösse, wie Hel. alpestris Z. zu der gewöhnlichen 
Hel. arbustorum Z. Zwischenformen habe ich bei Stollberg (4 Stunden 
südlich von Chemnitz) und in Wolkenstein gesammelt. — Wer nach 
Fundorten unterscheidet, was wohl jeder wissenschaftliche Sammler 
thut, gewinnt schon dadurch eine bequemere Uebersicht der Grössen- 
verhältnisse. 

Weit leichter als Varietäten der Farbe und Grösse, lassen sich 
Varietäten der Zeichnung oder Bändervarietäten unterscheiden. 

Wenn man nur das einfache Vorkommen, das gewöhnliche Ver- 
schmelzen und Verschwinden der Bänder berücksichtigt, kann man 
89 Varietäten berechnen, und davon haben sich, soweit mir bekannt, 
43 gefunden und zwar für Hel. nem, 

00000, 02000, 00300, 10300, 10005, 02300, 00340, 00305, 00045, 
00045, 10340, 10045, 02340, 02305, 02045, 00345, 00345, 00345, 12305, 
12045, 12045, 12045, 12045, 10345, 02345, 02345, 02345, 12345, 12345, 
12345, 12345, 12345, 12345, 12345, 12345, 12345, 12345, 12345, 12345, 
12345, 12345, für Hel. hort.: 00000, 00300, 10005, 10305, 02340, 00345, 
12045, 10345, 02345, 12345, 12345, 12345, 12345, 12345, 12345, 12345 
12345, 12345, 12345, 12345, 12345. 

Beide Arten haben demnach 19 Varietäten gemeinschaftlich, 22 
kommen ausschliesslich auf Hel. nem. und 2 auf Hel. hort. Ausser die- 
sen Varietäten sind mir noch 24 andere vorgekommen, bei denen ein 
oder mehre Bänder verdoppelt auftreten, oder eins oder alle durchschei- 
nend sind, die ich mit — bezeichnet habe, nämlich für Hel. nem. 


3 3 3 5 m 
00300, 00300, 00,300, 00340, 00340, 00305, 00305, 003—5, 00345, 00335, 


Fam nm en 


en 5 Sr 
er bi PR gg rs ek ‚12345, 12345, 12345, 19345, 12345, für Hel. 
' 2 2 3 3 5 


me un En 


3 
hortens. 10305, — 0 —— —, — — — — — a ee ; 


5 
12345, 12345. Davon haben beide Arten nur eine Varietät gemein- 
35 


schaftlich, während 17 ausschliesslich auf Hel. nem. und 6 auf Hel. hort. 
kommen. Hel. nem. kommt demnach in 59 und Hel. hort. in 28 Bän- 
dervarietäten vor. Hel. hort. variirt also weniger, als Hel. nem. Letz- 
tere kommt nur da vor, wo der Boden mehr bearbeitet und darum den 
verschiedensten Einflüssen unterworfen ist, während Hel. hort. weit 


286 


häufiger auf ganz vernachlässigtem Boden angetroffen wird, was auch 
durch den Ausspruch des Prof. Rossmässler in den Malakozoologischen 
Blättern von 1854, S. 160 bestätigt wird. Dies und die oben angeführ- 
ten Grössenverhältnisse können wohl zu folgendem Schlusse berechtigen. 
Wenn, nach der Annahme der meisten Forscher, die Natur ursprüng- 
lich weniger Arten hervorbrachte, als wir jetzt unterscheiden, so muss 
unter mehren nah verwandten Arten jedenfalls eine die Stammform der 
andern sein. Obschon nun der Artcharakter beider Species anatomisch 
hinlänglich nachgewiesen ist, kann man doch mit Sicherheit annehmen, 
dass eine von der andern abstammt. Wie bei vielen Pflanzen, als Astern, 
Georginen, Rosen, Ranunkeln ete., bei vielen Thieren, als Pferden, Hun- 
den, Schafen ete., die durch Cultur allmälig entwickelten Varietäten in 
Grösse, Form und Farbe üppiger erscheinen, so könnte, bringen wir 
Obiges auf beide Arten in Anwendung, auch Hel. hort. als die Stamm- 
form von Hel. nem. angesehen werden. 

Was die Zahl der Bänder betrifft, mit denen beide Arten gezeich- 
net sind, so steigt sie nie über fünf, was auch von Martens angenom- 
men hat, während Prof. Rossmässler, Dr. Assmann und Hartmann von 
sechs- und letzterer auch von sieben- und achtbändrigen Exemplaren 
berichten. Wer aber die von ihnen gegebenen Abbildungen solcher 
Exemplare betrachtet und sie mit denen unsers K. naturhistorischen 
Museums vergleicht, gewinnt die Ueberzeugung, dass ein sechstes, sie- 
bentes oder achtes Band nur Verdoppelungen eines oder mehrer der ’ 
fünf normalen Hauptbänder sind, da sie immer in nächster Nähe eines 
derselben liegen und sehr häufig mit ihm in der Nähe der Mündung 
sich wieder vereinigen, ohne dass eine Verbindung der normalen Bän- 
der unter sich zu sehen ist. 

Die Stellung der Bänder, die von oben nach unten gezählt werden, 
beschreiben von Martens und Dr. Assmann mit grosser Umständlichkeit. 
Auf oder etwas über der Peripherie jedes Umganges liegt das dritte 
Band. Unmittelbar daran oder auch ein wenig tiefer schliesst sich der 
Oberrand des folgenden Umganges, wodurch an dieser Stelle die Naht 
entsteht. Der Oberrand des letzten Umganges biegt sich bei der Vol- 
lendung des Gehäuses nach dem vierten Bande herunter, wodurch auch 
dieses bestimmt ist. Das erste ist natürlich das oberste, oder bei der 
Normalform das am weitesten nach rechts gelegene Band, und ungefähr 
1“ von der Naht entfernt. Nach Bestimmung der Lage dieser Bänder 
ist natürlich die des zweiten und fünften leicht zu finden. 

In Bezug auf die Breite dieser Bänder stimmen alle Beobachter dar- 
in überein, dass jedes Band, je näher es dem Nabel oder dem diesem 
entsprechenden Puncte liegt, breiter als das vorhergehende ist. 

Ueber die Wichtigkeit der einzelnen Bänder herrschen verschiedene 
Ansichten, denen ich nach meinen Erfahrungen nur zum Theil bei- 
pflichten kann. Martens sagt: „Es entspricht an diesem aufgerollten 


287 

(Schnecken) Kegel die bei den Carocollen durch eine Kante (Kiel), 
bei den Helix durch das dritte Band bezeichneten Linie, dem Rücken 
der höheren Thierformen, und die entgegengesetzte, den Nabel bildende 
von dem Lichte abgewendete Seite, dem Bauche derselben. Wenn hier- 
nach das dritte Band, wie dieses wirklich der Fall ist, das am dunkel- 
sten gefärbte und beständigste von allen ist, so entspricht dieses voll- 
kommen der Vertheilung der Farben durch alle Stufen der Thierwelt 
bei denen, einige seltene Ausnahmen (Hamster, Silberfasan etc.) abge- 
rechnet, immer der Rücken die dunkelsten und beständigsten Farben 
zeigt. Gleiche Uebereinstimmung bietet auch die Erscheinung dar, dass 
die dem Bauche entsprechende innere Seite der Röhre, das Säulchen 
oder der Nabel, stets blass und ohne Bänder ist. Nach derselben Ana- 
logie werden zu beiden Seiten die dem Bauche näher liegenden Bänder 
(das erste und fünfte) leichter verschwinden als die dem Rücken nähern 
(das zweite und vierte) und dieses findet wirklich bei der Mehrzahl 
statt.“ Was Martens hier von allen Schnecken im Allgemeinen behaup- 
tet, dem wiederspricht er aber an einer andern Stelle in Bezug auf 
unsere beiden Arten, indem er sagt, dass bei diesen eher die beiden 
obersten, als die-beiden untersten Bänder verschwinden. Die übrigen 
von Martens aufgestellten Behauptungen, bedingen eine Menge Ausnah- 
men und können daher nur wenig oder gar keinen Aufschluss über 
die Gesetze der Bändervertheilung geben. Dr. Assmann ist der Mein- 
ung, dass bei unsern beiden Arten nach dem Verschwinden des ersten 
Bandes das fünfte, dann das zweite, das vierte und endlich das dritte 
verschwindet. Dem widerspricht aber die Beobachtung auf das Ent- 
schiedenste, wie auch die oben angeführten Formeln zeigen. 

Die Resultate, die ich bei Untersuchung der verschiedenen Bänder- 
varietäten gewonnen habe, sind folgende. Das dritte Band verschwin- 
det vor den andern am seltensten, ist häufig einer Verdoppelung fähig 
und tritt am häufigsten allein auf; es muss also das wichtigste sein. 
Das fünfte Band kommt nach meiner Beobachtung häufiger, als das 
dritte vor, aber seltener verdoppelt, und soviel ich weiss, nie allein, 
was ich aber nicht für ganz unmöglich halte. Das vierte Band ver- 
schwindet häufiger, als das fünfte, kommt seltener verdoppelt vor und 
findet sich nie allein. Nicht nur dies, sondern auch, dass es dem fünf- 
ten näher liegt, als dem dritten, und die Varietät 00045 häufiger ist, 
als 00340, lässt es zunächst dem fünften untergeordnet erscheinen. 
Diese drei Bänder sind also die wichtigsten und kommen auch ziem- 
lich häufig ohne das erste und zweite vor, während die Varietät 12300 
mir nicht bekannt ist. Ein einziges Exemplar in der Sammlung des 
Herrn E. Fischer, das nur die Bänder 1, 2, 3 hat, kann hier nicht in 
Betracht kommen, da sich an dem Gehäuse leicht erkennen lässt, dass 
es an seiner Basis einmal zerbrochen ist und der Mantel eine Verletz- 
ung erhalten hat, wodurch die Farbendrüsen des vierten und fünften 


288 
Bandes zerstört worden sind. — Das zweite Band verhält sich zu dem 
ersten, wie das fünfte zum vierten. Herr EZ. Fischer besitzt ein Exem- 
plar, an welchem das zweite Band allein sichtbar ist. 


Wenn zwei Bänder zusammenfliessen, so geschieht dies am häufig- 
sten zwischen vier und fünf, weniger häufig zwischen eins und zwei, 
noch seltener zwischen zwei und drei und am seltensten zwischen drei 
und vier, wofür Dr. Assmann nur einen einzigen Fall aus dem Johan- 


nisthale bei Leipzig anführt. Daher findet sich die Varietät 12345 


öfter, als 12345. Für den ersten Fall hat fast jede Sammlung mehre 
Exemplare aufzuweisen, für den letzteren z. B. hier in Dresden nur 
das K. naturhistorische Museum und die Sammlung des Dr. Thienemann. 
Wenn aber das erste und zweite Band fehlen, so verbinden sich auch 
3, 4 und 5 öfter, wofür die meisten Sammlungen ebenfalls Belege geben 
können. 


Es fragt sich nun, welche Bedingungen wohl der bald grösseren, 
bald geringeren Breite der Bänder, sowie dem Verschwinden und Zu- 
sammenfliessen derselben zu Grunde liegen. Die meisten Schnecken- 
arten bilden Umgänge, entweder um einen Punkt, oder um eine senk- 
rechte Linie, die gerade oder geschwungen ist, oder um einen Hohlkegel, 
dessen Basis einen längeren oder kürzeren Durchmesser hat. Schnecken 
der beiden zuletzt erwähnten Formen legen den obern Rand jedes Um- 
ganges meist an die Peripherie des vorigen und den untern Rand ent- 
weder unmittelbar an die Achse oder den zu beschreibenden Hohlkegel, 
Daraus folgt, dass der obere Rand sich immermehr von der Achse ent- 
fernen muss, während der untere ein stets gleiches Verhalten zur Achse 
behauptet. Wenn nun auch rechte und linke Seite des Thieres ursprünglich 
quantitativ gleich sind, so müssen doch die Massen der oberen Seite, da sie 
eine grössere Spirale beschreiben, in der Länge zu- und in der Breite 
abnehmen und daher auch die untern Bänder an Breite wachsen. Des- 
halb verschwinden die obern leichter als die untern und deshalb ver- 
doppeln oder verbinden sich die untern öfter, als die obern. Daraus 
erklärt sich, wie es möglich ist, dass bei der Varietät 00345 öfter alle 
drei Bänder, also auch das dritte mit dem vierten, sich vereinigen. 
Dazu kommt, dass bei sehr weit genabelten Schnecken die Breitenun- 
terschiede der Bänder weit weniger bemerkbar sind, am allerwenigsten 
bei den Planorben, deren breitestes Band auf der Peripherie liegt. Bei 
solchen Schnecken verschwinden auch deshalb die beiden äussern Bän- 
der leichter, als die auf der Peripherie gelegenen. 


Hier muss ich noch der Kakerlaken oder Blendlinge unsrer beiden 
Arten gedenken. Wenn unter einem Kakerlaken ein Geschöpf verstan- 
den wird, dem von Geburt an die Farbestoffe der Haut fehlen, so darf 
ınan solche Schnecken, deren Bänder durchscheinend sind, nicht Blend.. 
linge nennen, wie so häufig geschieht. DasK. naturhistorische Museum 


289 


hat Exemplare von Hel. hort., deren durchscheinende Bänder nach der 
Mündung zu immer dunkler werden und endlich die gewöhnliche Färb- 
ung annehmen. Auch kommen zwischen diesen Bändern Verschmelz- 
ungen nach den gewöhnlichen Gesetzen vor. Endlich ist in der er- 
wähnten Sammlung auch ein Exemplar von Hel. nem., bei dem das 
vierte Band durchscheinend ist, während das erste und zweite fehlen, 
das dritte verdoppelt und das fünfte normal erscheint. Ich schliesse daraus, 
dass bei diesen Varietäten nur eine geringere Qualität der Farbsubstanz 
vorhanden ist, und dass man nur die vollständig weissen als Blendlinge 
bezeichnen darf. 

Bei Betrachtung der Form unterscheide ich zwei Hauptvarietäten, 
die Scalaride mit ihrer Verwandten, der Trochlearide und die links ge- 
mwundene Varietät. Die ersteren bestimmt Menke in der Zeitschrift für 
Malakozoologie 1845, S. 174 folgendermassen: „In jener sind die Wind- 
ungen ringsum frei, nicht mit einander in Berührung stehend, abstehend, 
in dieser ist, bei tiefer Naht das Gewinde überhaupt nur ungewöhnlich 
in die Höhe (Tiefe?) gezogen, während jedoch die Windungen mit Pr 
ander in Berührung stehen.“ 

Herr Ziebisch fand bei Dresden eine Trochlearide der Hel. nem. 
mit 00345, welche Herr Hofrath Reichenbach bei ihm noch mehrmals 
bis sie ausgewachsen war, lebendig gesehen, an der die Naht auf der 
vierten Binde hinläuft. Prof. Rossmässler bildet in seiner Iconographie, 
B. V., VI, No. 300 eine Trochlearide der gelben bänderlosen Hel. hort, 
aus Freiberg bei Schaffhausen ab. Nach meinem Dafürhalten verläuft 
bei ihr die Naht auf der Stelle, wo das fünfte Band sein müsste. Dr. 
H. Scholtz erwähnt am Ende des Supplementes seiner „Land- und Was- 
sermollusken Schlesiens“ eine „nicht ganz vollkommene Scalaride von 
Hel. nem. aus einem Garten bei Schmiedeberg“, die also nach der 
Menke'schen Unterscheidung auch nur eine Trochlearide ist. 

Dasselbe Gesetz, welches der Bildung der Bändervarietäten zu Grunde 
liegt, muss nach meinem Dafürhalten auch die verschiedenen Form- 
varietäten bedingen. Jemehr ein Organ in einer und derselben Thätig- 
‘ keit ausdauert, desto mehr wird es gekräftigt und vor den übrigen Or- 
ganen, deren Thätigkeit stets ein anderes Ziel zu verfolgen gezwungen 
ist, besonders ausgebildet. So wie die untern Bänder immer breiter 
werden und dunkler als die übrigen erscheinen, eben so nimmt auch 
die Dicke der Schale auf der untern Seite zu. 

Die Schnecke zieht, um ihr Gehäus zu vollenden, den obern Rand 
bis auf das vierte Band herab und bildet endlich die Lippe. Oft fliesst 
auch hier das Ende des dritten Bandes trotz des grossen Zwischenrau- 
mes tropfenförmig in das vierte über. Manche Arten beginnen ihren 
letzten Umgang schon herabzuziehen, wenn auch noch eine ganze Hälfte 
desselben fehlt, so dass dann jene Form entsteht, unter welcher Hart- 
mann die Hel. zonata Stud. auf Taf. 53 abbildet. In derselben Weise 


entartet findet man auch bisweilen Hel. lapieida L., die dann in der 
Nähe der Mündung zwei unter einander liegende Kiele zeigt. Fängt 
das Herabziehen des Oberrandes nach dem vierten Bande gleich im 
Embryo an, so entsteht zunächst die Trochlearide, die ich zuerst er- 
wähnte. Geschieht das Herabziehen bis auf das fünfte Band, so hat 
die Trochlearide schon weit tiefere Nähte, wie das von Prof. Rossmäss- 
ler, Fig. 300 abgebildete Exemplar. Ueberschreitet der Oberrand auch 
noch das fünfte Band, so dass die Umgänge frei schwebend erscheinen, . 
so entsteht die Scalaride. Von Hel. nem. ist mir eine solche Form 
noch nicht bekannt, wohl aber von Hel. pomatia L., welche Hartmann 
auf seiner Taf, 84 abgebildet hat. 


Bedenken wir nun, dass fast alle gewundenen Schnecken, die spitzigen 
Clausilien und Limnaeen nicht ausgenommen, den Bau ihres Gehäuses 
flach und scheibenförmig beginnen und kegelförmig vollenden, so müs- 
sen wir auch annehmen, dass in dieser Entwicklung ein Fortschreiten 
vom Unvollkommenen zum Vollkommenen stattfindet. Je weniger sich 
also eine Art oder ein Individuum von seiner ursprünglichen Form ent- 
fernt, um desto mehr sind wir geneigt, etwas Unentwickeltes und Un- 
vollkommenes in demselben zu erblicken. 


Dieser Trieb, sich kegelförmig weiter zu entwickeln, scheint mehr 
in der untern Seite des Thieres thätig zu sein, da das Gehäus an die- 
ser Stelle eine um so grössere Stärke hat, je länger die Achse dessel-, 
ben ist; auch bemerkt man fast immer, dass die Formvarietäten ver- 
schiedener Gehäuse den Kegel mehr verlängert, als verkürzt und flach, 
darstellen. Dadurch glaube ich, lassen sich die von mir angeführten 
Formvarietäten erklären. Bei der ersten Form sprechen auch die Ver- 
hältnisse der Bänder für diese Behauptung, da ihr die beiden obern 
fehlen und die beiden untern zusammengeflossen sind. 


Wäre aber diesem Triebe, sich kegelförmig zu entwickeln, keine andre 
Kraft entgegengesetzt, so würden wir nur ungewöhnliche Formen und fast 
gar keine tellerförmigen Gehäuse finden, sie würden alle als Scalariden er- 
scheinen, wenn sie ihre Röhren nicht ganz streckten und mehr oder weni- 
ger den Dentalien ähnlich ausbauten. Diese Kraft, welche den vorhin er- 
wähnten Trieb mehr oder weniger in Schranken hält und ihm, so zu 
sagen, entgegenstrebt, bedingt die Tellerform der Gehäuse, bedingt bei 
vielen den weiten Nabel und den Kiel, dem bei unsern beiden Arten 
das dritte Band entspricht. Oft ist die centralisirende Kraft der pro- 
movirenden, um mich dieser Ausdrücke zu bedienen, oder diese jener 
überlegen. Bei vielen Schnecken ist die centralisirende Kraft in der 
Jugend thätiger, als im Alter, in welchem sie von der promovirenden 
überwältigt wird. Hel. pisana Müll., nemoralis L., hortensis Müll., lac- 
tea Müll. sind nur in ihrer Jugend mehr oder weniger gekielt oder ge- 
nabelt und später verdeckt. Und so finden wir es ganz natürlich, wenn 


291 
in Systemen Kiel und Nabel als Merkmale, wenigstens in untergeord- 
neter Weise in Betracht gezogen werden. — 

Zur zweiten Gruppe der Formvarietäten rechne ich die links ge- 
wundenen oder, in Berücksichtigung der ursprünglich links gewundenen 
normalen Formen, die abnormen Gehäuse. Die über diese unregelmäs- 
sige Bildung versuchten Beschreibungen scheinen mir so wenig genü- 
gend, dass ich auch die meinige anzuführen, nicht unterlassen kann. 

Das mittelste Band oder der Kiel des Gehäuses entspricht dem 
Rücken des Thieres, und darnach sind rechte und linke Seite desselben 
leicht zu bestimmen. Macht der Embryo eine solche Schwenkung um 
die Achse des Gehäuses, das seine rechte Seite derselben am nächsten 
kommt, so formt er ein rechts gewundenes, oder im entgegengesetzten 
Falle ein links gewundenes Gehäuse. Das Königl. naturhistorische Mu- 
seum besitzt ein solches Exemplar der Hel. hort. von Olbernhau und 
meine Sammlung hat eins der Hel. nem. aufzuweisen, das der durch 
sein grosses Pilzwerk rühmlichst bekannte Harzer bei Dresden gefun- 
den hatt Beide Exemplare sind bänderlos. 

Im ersten Bande der „Neuen Annalen der Wetterauischen Gesell- 
schaft vom Jahre 1819 berichtet Dr. Aug. Carl Meyer, Prof. der Anato- 
mie zu Bern, über die Anatomie einer links gewundenen Hel. pomatia 
L. und erwähnt dabei, dass Prof. Studer die Entstehung der abnorm 
links gewundenen Gehäuse durch einen äussern Anstoss, der auf den 
‘Wirbel wirke, erklärt habe. Darnach müssten nun, wie Dr. Weyer wei- 
ter bemerkt, sämmtliche innere Organe ihre Lage beibehalten haben, 
was aber an dem von ihm präparirten Exemplare nicht der Fall war 
und er erklärt das Vorkommen solcher Formen nur durch Präformation. 

Die Windungen entstehen bekanntlich dadurch, dass der Anfang 
der Schale im Ei rotirt, und zwar geschieht dies je nach Gattung oder 
Art in einer bestimmten Richtung. Wie aber lässt es sich erklären, 
dass unter so vielen Eiern, die eine Schnecke auf einmal legt, ein Em- 
bryo nur sehr selten der seiner Gattung oder Art gewöhnlichen Kreis- 
bewegung entgegen rotirt? — Bei Vögeln hat bekanntlich ein Ei bis- 
weilen zwei Keime. Sollte dies bei andern Thieren nicht auch vor- 
kommen? Könnte es nicht auch Schneckeneier geben, die ausnahms- 
weise zwei Keime enthielten? Ich setze voraus, dass diese einander 
sehr nahe liegen, und sich wohl gar mit der Rücken- oder Bauchseite 
berühren. Fängt nun ein Embryo an zu rotiren, so muss natürlicher 
Weise der Zwilling dasselbe thun. Wollte aber der eine in der Richt- 
ung des andern kreisen, so würde einer den andern aufhalten und stö- 
ren. Die Rotationsweise des einen wird also die des andern bedingen 
und zwei in einander greifenden Kammrädern gleich, der eine links, 
der andere rechts rotiren. — 

Ob und wie weit meine hier aufgestellten Ansichten mit der Wahr- 
heit übereinstimmen, müssen natürlich erst noch sorgfältigere Beobach- 


292 


tungen darthun, die sich am besten an Eiern der Limnaeen, unter denen 
ja auch abnorm gewundene Kxemplare vorkommen, anstellen lassen. — 

Zu ganz besonderem Danke würde ich mich verpflichtet fühlen, 
wenn man mich durch Mittheilungen auf meine Ansichten betreffende Bei- 
spiele und Beobachtungen oder auf mir noch unbekannte Varietäten der 
Form und Zeichnung aufmerksam machen wollte. 


Kleinere Mittheilungen. 


Ueber die gegenseitige Compensation barometrischer Maxima und 
Minima zu derselben Zeit hat Herr Dove in der Sitzung der Preuss. 
Akademie der Wissenschaften (Monatsbericht, Mai 1855) nach Vergleich- 
ung der Angaben vieler Beobachtungsjournale auf der Basis der Erfahr- 
ung gestützte Mittheilungen gemacht. Er sagt selbst in dem Berichte: 
„dass die Witterungserscheinungen unserer Breiten im grossen Ganzen 
darin ihre Erklärung finden, dass über demselben Beobachtungsorte 
polare und äquatoriale Luftströme einander gegenseitig verdrängen und 
nach einander abwechselnd vorherrschen, habe ich seit dem Jahre 1827 
in einer Reihe von Arbeiten über das sogenannte Drehungsgesetz fest- 
zustellen gesucht. Es folgte unmittelbar daraus, dass die an demselben 
Orte nach einander herrschenden Ströme, zu derselben Zeit neben ein- 
ander liegen müssen.“ 

Das hier erwähnte Drehungsgesetz bezieht sich bekanntlich auf die 
Aufeinanderfolge der Windesrichtungen, und giebt für die gemässigte 
Zone an, dass der Wind im Mittel in einer bestimmten Folge innerhalb 
sehr verschiedener Zeiträume durch die ganze Windrose hindurch geht, 
und zwar auf der nördlichen Erdhälfte in der Richtung Süd, West, 
Nord, Ost, Süd, auf der südlichen in entgegengesetzter Reihenfolge. 
Ein Schwanken oder Zurückgehen der Windfahne »wird durch darauf- 
folgendes Vorwärtsgehen aufgehoben und übertroffen. Es gründet sich 
diese Erscheinung auf dem Wechsel zwischen ursprünglich Süd- und 
Nord-Windströmungen in Verbindung mit der Umdrehung der Erde. 
In wechselseitiger Einwirkung stehen nun Windrichtung, Wärme, Druck 
und Feuchtigkeitszustand der Luft. Die Windrose zeigt im Mittel zwei 
einander gegenüber liegende Punkte: den Pol des Luftdruckes und den 
Pol der Wärme, an dem einen ist im Mittel die grösste Kälte und der 
höchste Barometerstand, an dem andern die grösste Wärme und. der 
tiefste Barometerstand. Die Elastieität des Wasserdampfes schliesst 
sich in Beziehung auf ihre Vertheilung in der Windrose genau an die 
thermometrische, der Druck der trockenen Luft an die barometrische 
Windrose an. Es zeigen sich demnach die Veränderungen des Druckes 
der trockenen Luft und des Barometers umgekehrt wie die Veränder- 
ungen der Temperatur, der Luft und der Elasticität des in ihr enthal- 
tenen Wasserdampfes. 


293 


„Da mit steigender Wärme die Luft sich auflockert, während die 
Verdunstung zunimmt, so ist nur deswegen der Gang der barometrischen 
Veränderungen entgegengesetzter Art, wie der der thermischen, da in 
der Regel die erste Wirkung die zweite überwiegt. — Kann auch an 
eine directe Proportionalität des hohen Standes des einen Instrumentes 
mit dem niedrigen des andern nicht gedacht werden, so wird doch an- 
zunehmen sein, dass der kalte Polarstrom, wo er eintritt, das Barometer 
erhöht, ebenso wie der warme Aequatorialstrom es erniedrigt. Liegen 
nun warme und kalte Luftschichten bei grossen Abweichungen vom 
normalen Zustande neben einander, so muss dies auch für barometrische 
Extreme gelten.“ — ‚Am 22. Januar 1850 sank im Grossherzogthum 
Posen das Thermometer über 29° R. unter den Frostpunkt. Eine solche 
Kälte war auf dem Gebiete des preussischen Beobachtungssystems bis- 
her ohne Beispiel. Dabei erreichte das Barometer eine ungewöhnliche 
Höhe. Im Staate New-York stand das Barometer an diesem Tage 
am tiefsten. Der hohe Barometerstand veränderte sich schnell, während 
die Kälte einer hohen Temperatur wich. Das Barometer erreichte 
am 6 Febr. 1850 in Deutschland einen auffallend niedrigen Stand. An 
demselben Tage stand bei in Amerika herrschender strenger Kälte im 
Staate New-York das Barometer am höchsten. Auch in Nertchinsk *) 
war ein absolutes Maximum. Am 1. Januar 1855 stand an der preus- 
sisch-russischen Grenze das Barometer über einen Zoll niedriger, als 
an der preussisch-französischen. In Folge dieser Differenz brach vom 
Westen eine Kälte ein, deren Intensität lange in der Erinnerung blei- 
ben wird.“ 

Es werden nun diese drei Fälle: 1) Das barometrische europäische 
- Maximum am 22. Januar 1850; 2) das barometrische europäische Mini- 
mum am 6. Februar 1850, und 3) das barometrische Minimum am 
1. Januar 1855 einzeln mit Angabe von vielen Barometerständen bespro- 
chen. Die der Betrachtung des ersten Falles zu Grunde liegenden Be- 
obachtungen wurden in Nordasien und Osteuropa (20 Orte), in Preus- 
sen und Belgien (49 Orte), Paris, England (33 Orte), Oestreich, Schweiz, 
Italien (31 Orte) angestellt. „Betrachten wir die horizontale Ausbreit- 
ung dieser ungewöhnlichen Kälte, so finden wir von dem Maximum in 
Westpreussen, Posen, Schlesien und Böhmen nach allen Seiten hin 
eine Abnahme. Die Verminderung ist deutlich nach Russland hin, denn 
erst in der Nähe des Ural treffen wir eine grössere Kälte. Ebenso nimmt 
sie nach Norden zu ab und überall nach Westen.- Es ist dies ein schö- 
ner Beleg dafür, dass im grossen Ganzen bedeutende Abweichungen 
von der einem bestimmten Abschnitt des Jahres gesetzmässig zukom- 
menden Wärme als locale Erscheinungen anzusehen sind, die ihr Gegen- 


*) Kreisstadt in Russland, an der chinesischen Grenze, 51° 56’ nördl. Br., 1140 12' 
östl. L. 


294 


gewicht zu derselben Zeit an anderen Stellen der Erdfläche finden. 
Dies geht noch deutlicher aus der Vertheilung des Druckes der Luft 
auf dem betrachteten Gebiete hervor. Das Barometer erreicht an der 
Stelle der grössten Kälte seine grösste Höhe und dass dies einem wirk- 
lichen Zusammenströmen der Luft zuzuschreiben, folgt daraus, dass wir 
die Grenzen des Grebietes hierbei sogar überschreiten können und das 
Fehlende an anderen Stellen direet nachzuweisen vermögen.“ 

Nach dem 22. Januar, dem Tage des höchsten Luftdruckes in Eu- 
ropa, folgten Stürme, das Barometer fiel in 4 bis 5 Tagen über 20 Li- 
nien und erreichte am 6. Februar den niedrigsten Stand, der überhaupt 
beobachtet worden war. Zur Angabe des Gebietes des grössten Luft- 
druckes wurden an 82 Orten die Barometerstäinde am 22. Januar mit 
dem jeden dieser Orte zugehörigen mittleren Barometerstand verglichen; 
zur Abgrenzung des Bereiches des niedrigsten Barometerstandes dien- 
ten die Beobachtungen und Vergleichungen an 76 Orten. Neben dieser 
Erklärung der barometrischen Extreme aus dem Wärmeunterschied neben 
einander liegender Luftströme, giebt es auch noch eine andere eben- 
falls möglicher Weise zulässige Auffassung der Entstehung von unge- 
wöhnlicher Höhe der Barometerstände. Diese werden dadurch hervor- 
gerufen, dass zwei Winde einander gerade entgegenwehen, wobei an der 
Berührungsgrenze gewöhnlich dichter Nebel stattfindet. Es vergleicht 
Herr Dove das barometrische Minimum einem Längenthale, das barome- 
trische Maximum einem Bergrücken und sagt, man könne auf einem 
nicht weit sich erstreckenden Beobachtungsort sich auf einem Abhange 
des Berges in das Thal befinden: „Ein steilerer Absturz als der am 
Neujahrstage 1855 über dem mitteleuropäischen Beobachtungsgebiete 
mag selten gesehen werden (107 Orte). ‚Auf dem ganzen preussischen 
Beobachtungsgebiete begann das Jahr 1855 mit stürmischen West- und 
Nordwestwinden, begleitet von heftigen Regengüssen. Der Orkan er- 
reichte am 1. Januar Morgens 9 Uhr in Wien, Mittags in Berlin seine 
grösste Stärke. In Jaslo*) wurde am 2. Januar Morgens das Dach des 
Kreisamtgebäudes abgerissen. In Zava**) herrschte Windstille. „Das 
sind begleitende Erscheinungen eines Südstromes, der den ganzen Sep- 
tember hindurch mit solcher Beständigkeit geherrscht hatte, dass das 
barometrische Mittel in Arys 3,17, in Königsberg 4,36, in Stettin 3,33, 
in Berlin 3,48, in Gütersloh 2,36, in Cöln 2,00 Linien unter dem sieben- 
jährigen Mittel steht. Dies ist darum auffallend, weil bereits in den 
nördlichen Provinzen das barometrische Mittel des November 2 Linien 
zu tief war.“ Die in diesen tiefen Barometerständen sich zeigende Luft- 
verminderung verursachte das Herbeiströmen der Luftmassen aus den 
Gegenden des unverminderten Druckes, zuerst aus dem Westen, später 


— 


*) Stadt in Westen des östr. Galizien, 49° 44’ n. Br., 19° 5’ östl, L. 
**#) Stadt in östr, Dalmatien, 44° 7’ n. Br., 120 54° östl, L, 


295 


aus Russland und Schweden. Es wurde in Berlin die Temperatur da- 
durch so sehr erniedrigt, dass, so lange an T'hermometern beobachtet 
wird bis jetzt der Februar 1855 das Maximum der Februarkälte er- 
reicht hat. 


Die bevorstehende Acquisition eines vollständigen Skelettes des 
Irischen Riesenhirsches hatte Herr Sectionsrath Haidinger der K. K. 
geologischen Reichsanstalt zu Wien schon vor längerer Zeit angekün- 
digt. Es war das zu acquirirende Skelett bei Killowen in der Graf- 
schaft Wexfort gefunden worden. In dem Sitzungsbericht vom 20. März 
wird hierauf bezüglich mitgetheilt: „Herr Graf Aug. von Breuner, von 
jeher ein warmer Freund der Paläontologie, hat dieses höchst inter- 
essante Exemplar angekauft, und den vielen werthvollen Beiträgen, 
welche die öffentlichen Sammlungen Wiens ihm verdanken, einen neuen 
hinzugefügt, indem er gestattete, das dasselbe durch längere Zeit in der 
K. K. geologischen Reichsanstalt aufgestellt verbleibe. Wien ist dadurch 
um eine Seltenheit reicher geworden, welche keine andere Stadt des 
Continents aufzuweisen hat. Vollständige Skelette des Riesenhirsches 
besitzen bisher unsres Wissens nur die Museen in Dublin, Edinbourgh, 
York, das British Museum und das Royal College of Surgeons in Lon- 
don, das Woodwardian Museum in Cambridge. Bei dem allgemeinen 
Interesse, welches dieser Gegenstand erregen musste, fand sich Herr 
Dr. K.Peters veranlasst, in einem ausführlichen Vortrage das Wissens- 
werthe aus der Naturgeschichte des Irischen Riesenhirsches zusammen- 
zustellen. Der Riesenhirsch, cervus megaceros, Hart., Megaceros hiber- 
nicus, Owen, hat in der Gesellschaft des Mammuth, des Rhinocerus 
tichorhinus, des Höhlenbären, der Höhlenhyäne u. a. in grosser Menge 
und allem Anscheine nach rudelweise die Niederungen Irlands, eines 
Theiles von England und dem nordwestlichen Deutschland bewohnt. 
Auch an der untern Donau, an der Theiss, in Siebenbürgen und in 
der Bukowina scheint er nicht selten gewesen zu sein, während die 
oberen Donauländer nur wenige Spuren von ihm aufweisen. In älterer Zeit 
hielt man ihn für eine der Jetztzeit angehörige, doch früh ausgestorbene 
Species, deren Vertilgung man dem Menschen zuzuschreiben Veranlass- 
ung fand, für den „grimmen Scheich“ des Nibelungenliedes. Durch neuere 
kritische Untersuchungen hat sich herausgestellt, dass dieses Thier — wie 
schon seine vorgenannten Begleiter erweisen — der Diluvialzeit eigentlich 
angehöre, welche es möglicherweise überlebt hat, gleich dem Edelhirsche 
und dem Reh, wenn die im Alluvium vorkommenden Reste desselben 
sich darin auf ursprünglicher Lagerstätte befinden und nicht bloss aus 
den älteren Ablagerungen hineingelangt sind. Das Exemplar von 
Killowen kann sich an Vollkommenheit und gutem Erhaltungszustande 
mit den in Grossbritanien aufbewahrten Skeletten messen. Es übertrifft 


296 


um ein Beträchtliches die mittlere Grösse, welche das männliche Thier 
in seiner Kraftfülle erreichte. Die Höhe desselben bei ziemlich weit 
ausschreitenden Läufen, bis zum höchsten Punkte des mächtigen Ristes ge- 
messen, beträgt 5 Fuss 6 Zoll 5 Linien. Die Mittellinie des ganzen Thieres 
von der Spitze des Zwischenkiefers bis zum muthmaaslichen Ende der 
(leider fehlenden) Schwanzwirbelsäule misst 7 Fuss 8 Zoll 5 Linien, 
der ganze Geweihbogen über 11 Fuss 7 Zoll. Die entferntesten Schau- 
felenden haben eine Spannweite von 8 Fuss 2 Zoll, eine der Schaufeln 
erreicht die Breite von 17 Zoll.“ Zur Reduction dieser Massangabe 
nach Wiener Fuss auf Rheinländische Fuss oder Meter dienen folgende 
Verhältnisse: 1 Wiener Fuss beträgt 465 Meter oder 19973 Rhein- 
ländische Fuss. 


Die grössten photographischen Bilder, welche bis jetzt (25. Juni, C. 
Rend. XL. No. 26) die Akademie der Wissenschaften zu Paris zur An- 
sicht erhalten, sind auf Glas, durch Anwendung von Collodium, von 
den Herren Bisson gefertigt. Das eine derselben, den Pavillon de ’Hor- 
loge du Louvre darstellend, ist (nach Rheinl. M.) 3° 9 hoch, 2° 51/2" 
breit, das andere besteht aus zwei Stücken und enthält ein Panorama 
von Paris. 


Die zweiunddreissigste Versammlung deutscher Naturforscher und 
Aerzte in Wien im Jahre 1855 beginnt am 17. September und endigt 
am 22. September. ‘Die Versammlung besteht aus Mitgliedern und 
Theilnehmern. Zur Abhaltung der allgemeinen Sitzungen sind von Sei- 
ner K. K. Apostolischen Majestät die Redoutensäle in der K. K. Hof- 
burg allergnädigst zur Verfügung gestellt worden. Das Aufnahme- und 
Ankunftsbureau, sowie sämmtliche Localitäten für die Sectionssitzungen 
befinden sich im K. K. polytechnischen Institute (Vorstadt Wieden, zu- 
nächst dem Kärnthner Thor). Dieses Bureau ist am 14. und 15. Sep- 
tember von I1 bis 2 und von 4 bis 6 Uhr, vom 16. September an aber 
täglich von 10 bis 12 Uhr geöffnet. Die Versammlung theilt sich in 
folgende Sektionen: 1) Mineralogie, Geognosie, Paläontologie; 2) Botanik 
und Pflanzenphysiologie; 3) Zoologie und vergleichende Anatomie; 
4) Physik; 5) Chemie; 6) Erdkunde und Meteorologie; 7) Mathematik 
und Astronomie; 8) Anatomie und Physiologie; 9) Medicin; 10) Chirur- 
gie, Ophthalmiatrik und Geburtshilfe. — Das vorläufige Programm ist 
von den Geschäftsführern Herrn Prof. J. Hirt! und Herrn Prof. A. Schrö- 


ter veröffentlicht, 
Dr, A. Drechsler, 


Verlag von Rudolf Kuntze in Hamburg. 


Arzeneien-Taxe für die Königl. Sächs. Lande. 4. Aufl. 4. (VIu. 518.) 
5.4847. 15 Bpr. 


Byam, G., Wildes Leben im Innern von Central-Amerika. Aus dem 
Engl. von M. B. Lindau. Mit einer lithogr. Ansicht. - (VI u. 208 8.) 1852. 
geh. 1 Thlr. 


Byam, G., Wanderungen durch Chile und Peru. Aus dem Engl. von 
M. B. Lindau. Mit 3 lithogr. Abbildungen. (VI u.2758.) 1851. geh. 22 1/2 Sgr. 


Grässe, Dr. Joh. G. Th., Beiträge zur Literatur und Sage des Mittel- 


alters. I. Die Mirabilia Romae nach einer Handschrift des Vatican. 
II. Zur Sage vom Zauberer Virgilius. III. Zur Naturgeschichte des 
Mittelalters. 4. (X u. 106 8.) 1850. geh. 24 Sgr. 


Kingston, W., Peter der Wallfischfänger, sein Jugendleben und 
seine Abenteuer in den Nordpol-Regionen. 'Ein Buch für Jung 
und Alt. Deutsch bearbeitet von M. B, Lindau. Mit 4 lithogr. Abbildungen. 
8. (X u. 444 S.) 1852. In lithogr. Umschl. cart. 1 Thlr. 221), Sgr. 


Kohl, J. G., Skizzen aus Natur und Völkerleben. 2 Bae. gr. 8. 
d. Xu. 4088. IL Xu. 816 8.) 1851. geh. 3 Thlr. 


Mittheilungen aus dem magnetischen Schlafleben der Somnambule 


Auguste K. in Dresden. Zweite Ausgabe der 1843 erschienenen ersten 
Auflage. Mit Titelkpfr. und Holzschnitten. gr. 8. (XXII u. 414 S.) 1850. 
geh. 1 Thlr. 15 Sgr. 


Pharmacopoea Saxonica jJussu Regio et auctoritate publica denuo 


edita recogn. et emend. Mit einer Tabelle. 4. (XVI u. 296 S.) 1836. 
2 Thlr. 15 Sgr. 


Durch alle Buchhandlungen ist zu beziehen: 


in allgemein verständlicher Form 


. Astronomische Vorträge gehalten zu Dresden im Winter 


1854/55 von Dr, Adolph Drechsler. Nebst lithogr. Sterntafeln. Dresden 1855. 

25 Ngr. 

. In diesen Vorträgen ist das Wesentliche der populären Astronomie in gedrängter Kürze anschaulich und 

leichtfasslich dargestellt.. Es können die Vorträge 1) der nördliche Fixsternenhimmel: in asirognostischer und 

mythologischer Beziehung, mit Steintafel (5 Ngr.); 2) der Thierkreis und der südliche Fixsternenhimmel in 

astrognostischer und mythologischer Beziehung, mit Sterntafel (5 Ngr.); 3) die Bewegungen der Erde: Dreh- 

ung, Wendung und Fortschreitung der Erdaxe (4 Ngr.); 4) die Planetensysteme, die Bewegung und physische 

Beschaffenheit der Planeten (4 Ngr.); 5) die Monde, mit besonderer Berücksichtigung des Mondes der Erde 
(4 Ngr.); 6) die Kometen. — Die Sonne (4 Ngr.) auch einzeln bezogen werden. 


zur Einführung in das Ver- 


I. Astrologische Vorträge , ständniss des Systems und der 


Geschichte der Astrologie, gehalten zu Dresden im Winter 1854/s 
von Dr, Adolph Drechsler. Mit in den Text gedruckten Holzschnitten. 
Dresden 1855. 20 Ngr. 


Diese Vorträge zeigen ausführlich und deutlich das Verfahren, nach welchem von den wissenschäftlichen 
Astrologen die Nativilät gestellt und ausgelegt.wurde, und geben einen Abriss der in culturhistorischer Be- 
ziehung bedeutsamen Geschichte der Astrologie. In dem Vorworte sagt der Verfasser: „Ueber die Pietät, 
welche wir gegen unsere in den Wissenschaften unermüdlich thätigen Vorfahren zu hegen und kund zu geben 
schuldig sind, habe ich meine Ansichten bereits in dem Vorworte zu „Scholien zu Christoph Rudolphs Coss“ 
[Dresden, Rob. Schäfer, 1851] ausgesprochen; und die Veröffentlichung dieser Vorträge soll ebenfalls einen 
Einblick gewähren in die mühevolle Arbeit und den unermüdlichen Eifer einerseits, andrerseits in die Schärfe 
der Gedanken und Tiefe der Forschungen, welehe unsere Vorfahren auch auf den Versuch einer wissenschafl- 
lichen Begründung und auf den Aufbau des Systems der Astrologie verwendet haben.“ 


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Die allgemeine deutsche 


Naturhistorische Zeitung 


hat bisher durch ihren Inhalt, insbesondere durch ihre unpartheiische 
Anerkennung der Leistungen Anderer, die sie besprach, einen freund- 
lichen Kreis von Mitarbeitern und Lesern im In- und Auslande gewon- 
nen, wodurch ihr die Aussicht gestellt war, den Beifall, dessen sie sich 
erfreute, gesichert zu sehen. Das Hinscheiden ihres Verlegers, des ehr- 
würdigen Chr. Arnold unterbrach ihre Erscheinung und erst jetzt konnte 
der durch neue Kräfte erweiterte Kreis ihrer Mitarbeiter unter einem 
der Wissenschaft geneigten und thätigen Verleger sich wieder vereinen, 
so dass hiermit der erste Band der neuen Folge erscheint. 


Die früher als bewährt anerkannte Weise wird in dieser Fortsetzung 
unermüdet befolgt. Mittheilungen von Aufsätzen oder Notizen aus ‚allen 
Zweigen der Naturkunde, welche die Sachkenntniss oder die Anschauungs- 
weise derselben befördern, sind uns willkommen und unser durch be- 
sondere Paginirung abgesondertes 


Literaturblatt der ISIS 


wird sich bestreben, wie bisher, in unpartheiischer Weise Kunde zu ge- 
ben von den Leistungen, welche, diese Kenntniss erläuternd, zu uns ge- 
langten, so dass wir, im Mittelpunkte Deutschlands und Europa’s 'woh- 
nend, und durch eine der ausgezeichnetsten und vollständigsten Biblio- 
theken unterstützt, diese centrale Bedeutung unserer Zeitschrift mit 
Sorgfalt und Liebe wieder herstellen werden. Wir fassen hierbei einzig 
und allein die Verbreitung der Wissenschaft und des Sinnes für dieselbe 
ins Auge und in Erwägung, dass die Wahrheit in jeder Richtung sich 
selbst herausstellen wird, schliessen wir keine Parthei von unsern leiden- 
schaftslosen Besprechungen aus. Alle Mitarbeiter werden auf dem Titel 
des Jahrgangs, in dem sich ihre Beiträge befinden, genannt und mit 
Vergnügen erbieten wir uns, zu Beförderung des Verkehrs zwischen 
Sammlern, auch Addressen und Cataloge von Gegenständen für Tausch 
und Kauf, nach Befinden durch Beilagen oder durch billige Inserate von 
unserm Centrum aus zur gegenseitigen Kenntniss zu bringen. 

Alle Zusendungen an die Redaction erbitten wir ferner durch.die Post 
unter der Addresse: 


„Für die allgemeine deutsche Naturhistorische Zeitung“ 


Drespen: oder Hansure: 
Hofbuchhandlung von Rud. Kuntze Verlagsbuchhandlung von 
(Hermann Burdach). Rudolf Kuntze. 


Als Verleger habe ich dem Vorstehenden hinzuzufügen: dass der 
Band der allgemeinen deutschen Naturhistorischen Zeitung aus 
12 Heften bestehen wird, — der Preis des Bandes, zu dessen ganzer 
Abnahme man sich verpflichtet, auf 3 Thaler festgestellt ist, — und dass 
ich bereit bin, wie auch die Hofbuchhandlung von Rud. Kuntze (Hermann 
Burdach) in Dresden, Zusendungen für die Zeitschrift mit Vergnügen zu 


empfangen, 
Rudolf Kuntze, 


Verlagsbuchhandlung in Hamburg. 


Dresden, Druck der Königl, Hofbuchdruckerei von C. C. Meinhold & Söhne 


Preis eines Bandes von 12 Heften 3 Thlr. 


", Band. No, 8 


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Allgemeine deutsche 


Naturhistorische Zeitung. 


— — 1 


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Im Auftrage 


der 


Gesch dSIS in Dresden 


in Verbindung 


mit auswärtigen und einheimischen Gelehrten 
herausgegeben 


von If 


Dr. Adolph Drechsler. 


Neue Folge: erster Band. 


IENZEHFAZI IT: | 


Oestrus Equi LINNE. Die Magenhbremse. — Oestrus Ovis LINNE. Cephalemyia ovis LATR. | 
Die Schaafbremse. — Oestrus Cervi Capreoli. Von €. F. Hennig in Dresden. | 

Fossile Würmer im Quadersandstein. Von E.v. Otto. 

Naturhistorisches aus Mexico, von Bernhard Dehne, Hüttendirector auf dem Mineral del 
Cristo im Distriete von Sultepeec. 

Excursion nach der kleinen Insel Jorsand an der dänischen Westküste. Von Oskar Klocke. 

Kleinere Mittheilungen. — Literaturhlatt der Isis. | 


HAMBURG, 
Verlag von Rudolf Kuntze. 
"1855. 


Haupt-Debit für Dresden durch die Hofbuchhandlung von Rud. Kuntze (Herm. Burdach.) 
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=” Siehe die Rückseite des Umschlags. 


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297 


Oestrus Equi Zinne. Die Magenbremse, 


Oestrus gastrieus major Schwab. Die grosse Magenbremse, Gastrus Equi Meyer. 


Von €. F. Hennig in Dresden. 


Diese Bremse ist so gross wie eine Honigbiene, 8—10 Linien lang, 
der Kopf derselben ist gross und hat an der Stirn zwei rothbraune Füh- 
ler und ein hellgelbes Gesicht. Die Brust ist bräunlichgelb, behaart 
und hinten schwarzhaarig. Der Hinterleib braungelb und auf dem 
Rücken an jedem Einschnitt befindet sich ein schwärzlicher, dreieckiger 
Fleck. Die Flügel haben in der Mitte eine schwärzliche, wellenförmige 
Querbinde, an einigen Stellen finden sich auch schwärzliche Flecken 
vor, welche den anderen Oestrus-Species fehlen. Die Beine sind gelb; 
die Eier sind verlängert eiförmig, an den Enden abgerundet und weiss- 
gelb, auf der Schale sind zarte Ringe vorhanden. 


Die Larven davon leben im Magen des Pferdes, mehr an der linken 
als rechten Hälfte desselben. Die Bremse legt im Frühjahr ihre Eier 
an die Vorderbeine und Schultern der Pferde, die Larven schliefen nach 
4 Tagen aus und werden vom Pferde abgeleckt und auf diese Weise 
in den Magen gebracht, wo sie sich sofort festhaken und wann sie völ- 
lig ausgewachsen, welches binnen 10 Monaten geschehen ist, so gehen 
sie mit dem Miste durch den Darmkanal ab, bohren sich durch den 
Mist etwas in die Erde, verpuppen sich und das vollkommnere Insekt 
fliegt nach 4—6 Wochen (gewöhnlich im Juni, Juli) aus. 

An den Magenwänden inwendig findet man oft bis zu 60 Stück 
solcher Larven. 


Die Larve dieser Bremse ist gelblichbraun, kegelförmig, etwas platt 
gedrückt und mit einer feinen Haut überzogen, welche sich leicht ab- 
ziehen lässt; sie hat 9 Ringe, Schwanz und Kopf abgerechnet; auf jedem 
Ringe befindet sich eine doppelte Reihe von gelbbraunen Dornspitzen, 
Fig. 6. Diese streifen sich mit der Haut ab und bleiben auf derselben 
befestigt; im jüngsten Zustande der Larve sind diese Dornspitzen ganz, 
klein und werden zwischen den Falten der Ringe verborgen; doch sind 
dieselben schon deutlich zu erkennen. Nur aber erst, wenn die Larve 
ihre mittlere Grösse, Fig. 3, erlangt hat, treten diese Dornspitzen mehr 
hervor und man fühlt sie nun zwischen den Fingern. 

Im jungen Zustande ist diese Larve von Gestalt und Grösse, wie 
bei Fig. 1 zu ersehen ist, dieselbe vergrössert sich nach und nach, wie 
Fig. 2. 3. 4. zeigt. 

Bei Fig. 4. ist eine fast völlig ausgebildete Larve abgebildet, und 


Allg. deutsche naturh. Zeitung. I. 22 


298 


bei Fig. 4a. sieht man die vom Schwanz abgezogene Haut, etwas ver- 
grössert dargestellt. 

Am Kopfende — Fig. 5. und Fig. 14. — hat die Larve 2 nach 
auswärts gebogene und zurückgekrümmte schwarzbraune Hornsäckchen, 
zwischen denen sich zwei Kiefern und der Saugapparat, siehe Fig. 14. i5. 
befinden. Mit diesen Häkchen, Fig. 14., klammert sich die Larve so 
fest in die Magenhaut des Pferdes ein, dass man Gewalt brauchen muss, 
dieselbe herauszuziehen, es sitzen gewöhnlich 3 bis 4 beisammen; mit 
den Kiefern nagen sie in die Magenhaut Erbsengrosse Gruben und hängen 
darinnen neben einander. Diese Kiefern sind bei Fig. 7. vergrössert 
dargestellt. 

Die Haut, worein die Larve gehüllt ist, spaltet sich am Schwanz- 
ende in der Mitte durch eine Quetschfalte, Fig. 8; diese Spalte kann 
nach Belieben geschlossen und geöffnet werden. 

Von der Larve die Haut entfernt, erblickt man auf dem beutel- 
artigen Schwanzende eine Art Deckel, welcher aus einer weissen starken 
Haut besteht und auf einer braunen Einfassung, Fig. 12., angeheftet ist; 
auf dieser Haut befinden sich 6 doppelte, gebogene Röhren, Fig. 9e., 
und in der Mitte zwischen diesen zwei braune Blättchen, Fig. 9A. Die 
Haut in der Mitte lässt 10 faltige Löcher erkennen. Bei Fig. 9E. ist 
der Ausgang des Darmkanals zu finden, bei Fig. 9a. ist eine halbe 
solche doppelte Röhre und bei Fig. 9D. ein Stück davon vergrössert 
dargestellt. 

In die acht am Rande des häutigen Deckels befindlichen Löcher, 
Fig. 9D. und Fig. 12a., münden vom innern Körper der Larve acht eiför- 
mige röthlichweisse Körper Fig. 22a., und Fig. 22b. abgesondert, welche 
inwendig aus Zellgewebe und Luftröhrenästchen bestehen, wovon am 
untern Ende derselben sich ein Ast (Fig. 22b.) von jedem derselben im 
Körper weiter vertheilt. 

Diese Körper scheinen die Lungen der Larven zu sein. 

Zwischen diesen 8 Löchern befinden sich in der Mitte noch 2 Löcher, 
Fig. 10a. und Fig. 9Ae., in welche die zwei Hauptluftröhrenstämme ein- 
münden, welche sich im Innern der Larve ausbreiten, siehe Fig. 20aa., 
zwischen diesen befinden sich der Schlund, Magen und Darmkanal, siehe 
Fig. 20d., welcher letztere, wie schon oben bemerkt, bei Fig. 12c. aus- 
mündet. 

Jedes dieser 10 Löcher hat 16 zarte Bänder, welche in der Mitte 
eine Haut, in welcher sich eine erhöhte Oeffnung befindet, bedeckt, 
siehe Fig. 11a., und diese kleine Oeffnung mündet in die Löcher der 
Deckelhaut, Fig. 9A ed. 

Die in der Mitte der Larve befindlichen 2 Hauptluftröhrenstämme, 
sind spiralförmig aus feinen, runden, gelblichen Fäden (ähnlich den 
einer Violinseite) zu einer Röhre gewunden. Diese Fäden sind durch 
eine Haut miteinander verbunden, Fig. 1la. b., an den Seiten dieser 


299 


Röhrenstämme befinden sich Oeffnungen, woraus feine Haarröhrchen ins 
Zellgewebe der Larve sich verbreiten; bei Fig. 11e. sieht man eine 
solche Oefinung stark vergrössert. 

Die Speiseröhre, welche zwischen den beiden Luftröhrenstimmen 
sich befindet, wird ebenfalls aus feinen Fäden gebildet, zwischen denen 
aber keine Haut befestigt ist und wobei die Löcher an der Seite fehlen. 
Siehe Fig. 17. Die Fäden lassen sich abwickeln. 

Fig. 10. Ein Abschnitt vom ersten Ringe, unter dem Deckel, des 
Schwanzes der Larve vergrössert. 

Fig. 12. zeigt die Gestalt im zweiten Ringe vom Schwanze der 
Larve an im Durchschnitte; hier sieht man noch die 10 Röhren deut- 
lich, nebst der Darmmündung, Fig. 12c.; im dritten Ringe verschwinden 
aber die 8 am innern Rande der Larve befindlichen Luftröhrenstämm- 
chen in das Zellgewebe derselben, welche mit lauter feinen Röhrchen 
durchzogen zu sein scheinen und vermuthlich Fortsätze davon, als auch 
von den zwei in der Mitte der Larve befindlichen Hauptluftröhrenstämmen, 
Fig. 12b., sind. Die zwei mittleren Hauptluftröhrenstämme durchlaufen 
den ganzen Körper der Larve und endigen sich an den Seiten des soge- 
nannten Kopfes der Larve, siehe Fig. 5. und Fig. 14d. und Fig. 21. 
vergrössert, im 9. Ringe endigend. 

Fig. 13. zeigt den letzten Abschnitt hinter dem 9. Ringe der Larve, 
hier sieht man bei Fig. 13b. zwei dunkelgelbe Ringe, welche ebenfalls 
Luftröhrenstämme sind und bei Fig. 14a. sich endigen; Fig. 14a}. ein 
solches Ende vergrössert; woher diese Stämmchen entspringen, habe 
ich nicht auffinden können, da mir keine ganz ausgewachsenen Larven zur 
weitern Untersuchung zu Gebote standen. Bei Fig. 13a. sieht man die 
Anheftung der zwei Kiefern und der Hornspitzen. 

Fig. 14. Der Kopf der Larve von der untern Seite, woran sich 
die zwei schwarzbraunen Hornhäkchen Fig. 14., und dazwischen die bei- 
den Kiefern befinden. Die Kiefern sind wie man bei Fig. 7a. etwas 
vergrössert, und bei Fig. 7b. noch mehr vergrössert sieht, gestaltet und 
braungelb. Die beiden Häkchen, Fig. 14. sind mit einander verbunden 
und endigen im 2. Ringe, vom Kopfe der Larve an gerechnet, wie 
Fig. 13a. zeigt. 

Das Kopfglied ist mit einem ganz kleinen vierfachen Hakenkranz 
(Stacheln) umgeben, am ersten Ringe ist der Hakenkranz doppelt und 
etwas grösser als am Kopfe, am 2. Ringe sind die Stacheln gross und 
ebenfalls doppelt. 

Der Darm der Larve ist gelbbraun, mit graulicher körniger Masse 
angefüllt, wo sich der Darm theilt sind die Lebergänge angeheftet, 
welche gelblich aussehen. 

Die Mündungen der Zweige der Luftröhren, welche sich über den 
Fresswerkzeugen und Hornhäkchen befinden, sehen gelbbraun aus und 
haben oben zwei dunkle Punkte auf der Mitte, Fig. 14a. und 14a +. 

22* 


300 


Die Luftröhrenstämme sehen perlmutterweiss aus, sind sehr fest 
im frischen Zustande, im trockenen aber spröde. Die Aestchen derselben 
durchziehen den ganzen Körper der Larve und sind mit dem Darme 
verbunden. 


MO DAAD TE. 


Fig. 1. 2. 3. 4. Larven von Oestrus equi im jungen und älteren 
Zustande; natürliche Grösse. 

Fig. 4a. Die Haut vom Ende des Schwanzes abgezogen, mit dem 
lippenartigen Verschluss, womit der Deckel verschlossen werden kann; 
etwas vergrössert. 


Fig. 5. Eine Larve, stark vergrössert. 


Fig. 6. Zwei Stacheln der Larvenhaut stärker, und geringer ver- 
grössert Fig. 6a. 

Fig. 7a. Drei Stück Kiefern etwas vergrössert. Fig. 7b. eine davon 
stark vergrössert. 

Fig. 8. Ansicht des Schwanzes von oben, mit dem lippenartigen 
Verschluss; diese Lippen können nach Belieben ganz weit geöffnet wer- 
den, so dass man fast den ganzen Deckel, wie bei Fig. 5., siehet. 


Fig. 9A. Die Haut oder der Deckel mit den 6 gebogenen Röhren. 
b. Die Oefinung des Darmes. c. Die gebogenen Röhren. d. Die acht 
Löcher der Luftröhrenstämme, e. Die zwei Löcher, worein die Haupt- 
stämme der Luftröhre münden; etwas vergrössert. 

Fig. 9B. Ein Stückchen der innern Haut vom Schwanze, wo man 
die Anheftung des Deckels durch Bänder sieht, vergrössert dargestellt. 

Fig. 9E. Zwei halbe doppelte Röhren, wie sie auf dem Deckel 
befindlich, stark vergrössert. 

Fig. 9D. Ein Stückchen von einer solchen doppelten Röhre, woran 
man in der Mitte die Verbindung mit einander sieht; noch stärker ver- 
grössert. Die beiden Seitenkanäle sind gelb und durch eine feine weisse 
Haut getrennt, die Halbringe auf ihnen sind braun, erweitern sich in der 
Mitte der weissen Haut, sind hier lichter gefärbt und mit einander ver- 
bunden; springen sie davon ab, so sieht man die Oeffnung, wo sie ein- 
gefügt waren, deutlich. Stark vergrössert. 

Fig. 10. Der Durchschnitt des ersten Ringes der Larve gerade 


unter dem Deckel des Schwanzes; bei a. die zwei Hauptluftröhrenstämme, 


bei b. die acht Luftröhrenstämme, welche in die eiförmigen Körper 
führen; vergrössert dargestellt. 

Fig. 11a. Ein Stückchen von der Luftröhre, nebst der Bedeckung 
mit den Bändern und Oeffnung in der Mitte*) und den Seitenöffnungen, 


*) Diese Bänder heften die Luftröhren an den Deckel fest. 


30 
woraus feine Luftröhrchen ins Zellgewebe ausmünden und sich darin 
verlaufen. 


Fig. 11b. Ebenfalls ein Stück Luftröhrenstamm, aber oben often, 
mit einer Seitenöffnung; vergrössert. 


Fig. 11c. Eine solche Seitenöffnung; dieselbe wird von feinen Fä- 
den, woraus die Röhre besteht, gebildet. Stark vergrössert abgebildet. 


Fig. 13. zeigt den Durchschnitt des 9. Ringes der Larve vom Schwanz 
an gerechnet. Bei a. sieht man wo die Fresswerkzeuge und die Haken 
eingesetzt sind, bei b. die Durchgänge der beiden Luftröhrenstämme; 
vergrössert abgebildet. 


Fig. 14. Ein Stück der Larve nebst dem Kopfe, bei d. die Aus- 
gänge der Luftröhrenstämme, bei a. zwei erhabene Knötchen vorn am 
Kopfe, vermuthlich Luftröhrenzweige, bei a. ein solches Knötchen etwas 
mehr vergrössert, bei c. die zwei Kiefern, bei b. die zwei Häkchen, 
womit sich die Larve festhält. Alles vergrössert. 


Fig. 15. Ein Stück Larve nebst Kopf, wovon die Kiefern und Haken 
abgesondert sind, so dass man den vierfachen Hakenkranz und die bei- 
den Endigungen der Luftröhre sieht. Etwas vergrössert dargestellt. 


Fig. 16. Der Schlund mit den zwei Kiefern und den zwei Haken; 
stark vergrössert abgebildet. 


Fig. 17. Ein Stückchen der Speiseröhre, die aus einem feinen 
Faden, spiralförmig gewunden, besteht, und welcher sich abwickeln lässt ; 
vergrössert. 


Fig. 18. Schlund, Speiseröhre, Magen, Lebergänge und Darm, bei 
a. die Anhängsel besonders. — Lebergänge. — In Vergrösserung. 


Fig. 19. Schlund, Speiseröhre, Magen nebst Anhängseln und dem 
Darmkanal ausgestreckt, etwas mehr vergrössert als bei Fig. 18. 


Fig. 20aa. Ansicht der zwei Hauptluftröhrenstämme, zwischen ihnen 
liegen Darm, Magen, Speiseröhre und Schlund; ec. Endigung der zwei 
Hauptluftröhrenstäimme am äussern Körper der Larve im 9. Ringe; 
d. der Schlund. Alles in Vergrösserung. 


Fig. 21. Die zwei Endigungen der Hauptluftröhrenstämme; sehr 
stark vergrössert. Diese Luftröhrenstämme sind durch den ganzen Kör- 
per der Larve weiss und bestehen aus Röhren von Fäden gewunden, 
Fig. 21a. Im 9. Ringe der Larve bilden sie eine kurze,-derbe, braune 
Röhre, von einem dunkleren Ringe umgeben, Fig. 21b., und endigen in 
zwei eiförmigen Körpern, Fig. 21c., welche auf der äussern Seite des 
Körpers der Larve im 9. Ringe hervorkommen, Fig. cc.; sehr stark ver- 
grössert. 


ER; 

Fig. 224. Die acht am Rande im Körper der Larve befindlichen 
eiförmigen Körper vergrössert dargestellt. 

Fig. 22b. Drei von den eiförmigen Körpern, welche sich unter 
dem Deckel bei der Larve, siehe Fig. 22a., befinden; stark vergrössert. 

Fig. 23. Das Männchen der ee in tree Grösse. 

Fig. 24. Das Weibchen in natürlicher Grösse. 

Fig. 25. Das Weibchen in gewöhnlicher Stellung. 


Oestrus Ovis Zinne. Cephalemyia ovis Lair. 
Die Schaafbremse. 


Die Schaafbremse wird bis einen Zoll lang, der Kopf derselben 
ist schwarzbraun, gross, platt, halbkugelicht, die grossen Netzaugen 
sind schwarzglänzend. Brust und Rückenschild sind durch eine Quer- 
furche getheilt, hellbraun und mit vielen glänzendschwarzen Wärz- 
chen besäet, worauf sich ganz kleine Härchen befinden. Der Hinterleib 
besteht aus 5 Ringeln und ist gestreckt eiförmig, der Rücken licht- 
schwärzlichbraun mit unregelmässigen, weissen und lichtschwarz punk- 
tirten Flecken und mit ganz kleinen Härchen besetzt, wodurch die 
Bremse ein pelziges Ansehen erlangt; der Bauch ist ungefleckt, asch- 
grau. Die Flügel sind länger als der Hinterleib, offen haben sie ein 
gefälteltes Ansehen, sind glashell, sechsadrig und mit einem Querräder- 
chen am Ende versehen; an der Wurzel befinden sich vier dunkelbraune 
im Dreieck stehende Punkte. Die Beine sind bräunlichgelb und die 
Klauen schwarzbraun. 

Die Eier werden von der Bremse an die Nase der Schaafe gelegt, 
von wo aus die jungen ausgekrochenen Larven dann in die Nasenhöhle, 
an die Muscheln der Scheidewand und in die Stirn und Kieferhöhlen 
der Schaafe kriechen, sich an diesen Orten ausbilden und dann aus 
dem Schaafe abgehen, sich unter Gras in einem Erdgrübchen ver- 
puppen und nach kurzer Zeit als Bremse ausfliegen. Man findet diese 
Puppen von Mitte Mai bis Ende Juli. 

Im jungen Zustande sind die Larven der Schaafbremse weiss, wer- 
den aber späterhin ganz braun; ihre Grösse bei der Vollkommenheit 
beträgt ungefähr einen Zoll. 

Die Larve hat 9 Ringel, Kopf und Schwanz abgerechnet; auf dem 
Rücken eines jeden Ringels findet man in der Mitte einen gelblichen 
Streifen, welcher bei erwachsenen Larven dunkler ist, worauf 10 feine 
punktförmige Löcher sichtbar sind. Diese sondern Flüssigkeit ab, sind 
bei fast reifen Larven geschlossen und nicht mehr zu erkennen; unter 


308 


diesen Streifen befindet sich an jeder Abtheilung eines Ringels eine 
wulstartige Erhöhung. 

Auf der Bauchseite der Larve befindet sich in der Mitte eines jeden 
Ringes eine dreifache Reihe von kleinen dunkelbraunrothen Stacheln 
und darunter ein Wulst, worauf zwei länglichevale Erhöhungen, an 
deren Endseiten eine kleine Oefinung ist, bemerkbar sind. 

Auf dem abgeplatteten Schwanze befinden sich nierenförmige dun- 
kelrothbraune Deckelchen , welche mit feinen Adern durchzogen und 
fein punktirt sind; in der Mitte eines jeden Deckelchens sieht man eine 
durch eine feine Haut geschlossene Oefinung, worin die 2 Luftröhren- 
stämme münden. Unter diesen beiden Deckelchen in einer Quetschfalte 
welche eine Art Lippe bildet, und an deren Seite eine zapfenähnliche Fleisch- 
warze befindlich, ist der Ausgang des Darmes gelegen, siehe Fig. 7. 8. 

An beiden Seiten der Larve ist auf jedem Ringel eine kleine Er- 
höhung mit einem braunen Punkte (Loch) bemerkbar, siehe Fig. 14. 

Am Kopfe auf der Unterseite der Larve bemerkt man zwei doppelt 
schwarzbraune Hornhäkchen, zwischen welchen sich der Schlund befin- 
det und der in den Speisekanal einmündet; neben diesen beiden Horn- 
häkchen erhebt sich an jeder Seite derselben eine längliche Erhöhung 
mit einem braunen Punkte, worin eine Oeffnung bemerkbar, an den 
Seiten des Kopfes, wo er mit dem ersten Ringel des Körpers der Larve 
in Verbindung steht, befindet sich ebenfalls eine Erhöhung mit einer 
kleinen runden Oeffnung, wie auf den andern Ringeln der Larve. 

Der Speisekanal, Magen und Darm liegen zwischen den beiden Luft- 
röhrenstämmen und werden von den Zweigen derselben bedeckt. 

Die beiden Luftröhrenstämme theilen sich jeder in starke Aeste 
mit vielen Verzweigungen, Fig. 21., und sind mit einer zusammenhän- 
genden Zellenschicht, wo jede Zelle einen dunklen Punkt mit körnigem 
Inhalt besitzt, umgeben; diese Zellen theilen sich später in perlschnur- 
ähnliche Bänder. 


Tabula I. (oben). 

Fig. 1a. Eine ganz junge Larve von Oestrus Ovis in natürlicher 
Grösse von der Bauchseite. 

Fig. 2. Eine etwas erwachsenere, von der Rückenseite, der Schwanz 
etwas zurückgebogen, damit man die beiden Deckelchen sicht. 

Fig. 3. Eine Larve in noch nicht ganz erwachsenem Zustande von 
der Bauchseite, in natürlicher Grösse, mit ihren auf jedem Ringel be- 
findlichen braunen Stacheln, den braunen Erhöhungen und den Seiten- 
löchern. 

Fig.4. DieLarve im erwachsenen Zustande, vom Rücken aus gesehen, 
auf jedem Ringel des Körpers befindet sich ein brauner Streifen in der 
Mitte, worauf 10 feine punktähnliche Löcher sichtbar sind, welche man 
bei der völlig ausgewachsenen Larve nicht mehr sieht. Das Schwanz- 


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stück ist etwas nach dem Rücken gebogen, damit man die Abplattung 
sieht, worauf sich die beiden braunen Deckelchen befinden, bei a. sieht 
man am Kopf der Larve die beiden Häkchen durchleuchten. 


Fig. 5. Eine Larve, welche zum Auskriechen aus den Nasenhöhlen 
etc. des Schaafes reif und ausgewachsen ist; dieselbe ist nun ganz braun, 
die bräunlichen Streifen auf dem Rücken sind wie bei jüngern Larven, 
und auf dem Bauche, wo die Stacheln befindlich, ist die Larve schwärz- 
lichbraun. Die Larve ist in natürlicher Grösse von der Rückenseite 
dargestellt, die beiden Hornhäkchen am Kopfe scheinen durch die Haut- 
bedeckung hindurch. 

Fig. 6. Der Schwanz einer Larve, vergrössert gezeichnet, mit einem 
Ringel des Körpers; man sieht hier die zwei Deckelchen, die zwei 
lappenartigen Warzen an den Seiten des lippenähnlichen Wulstes, worauf 
sich Stacheln befinden, und in dessen Mitte der Darmkanal ausmündet. 


Fig. 7. Der Schwanz für sich allein, mit seinen zwei Deckelchen 
und den lappenartigen Warzen aa.; vergrössert gezeichnet. 

Fig. 8. Der Schwanz über dem letzten Ringe der Larve abge- 
schnitten und von innerlich etwas aufgerichtet gesehen. a. Der aus- 
mündende Darmkanal. bb. Die beiden Löcher, worin die Luftröhren- 
stämme befestigt und wovon die braunen Deckelchen entfernt worden 
sind. cc. Die beiden lappenähnlichen Warzen an den Seiten des lippen- 
ähnlichen Wulstes, zwischen welchen der Darm ausmündet. 


‚Fig. 9. Der Schwanz und zwei Ringel von der Larve vom Rücken 
aus gesehen; der Schwanz ist etwas nach dem Rücken gebogen, damit 
man die zwei lappenartigen Warzen aa. und die beiden braunen Deckel- 
chen ee. sehen kann, bei b. sieht man die in der Mitte auf jedem Ringel 
der Larve befindlichen braunen Streifen mit ihren 10 Löchern, bei d. 
die an jeder Seite der Larve befindlichen Löcher. In Vergrösserung 
gezeichnet. 

Fig. 10. Der Kopf der Larve, woran die zwei doppelten Häkchen 
aa. befindlich, die zum